Das anhaltende Niedrigzinsumfeld führt bei den meisten deutschen Lebensversicherungsunternehmen zu sinkenden Kapitalanlageerträgen. In Verbindung mit der vergleichsweise langsamen Reduktion der Garantieverpflichtungen in den Beständen der Lebensversicherer gerät deren Solvabilität zunehmend unter Druck.
Zur Untersuchung der weiteren Auswirkungen der Niedrigzinspolitik auf die Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland wurden für diese Studie zahlreiche Lebensversicherungsunternehmen – die zusammen einen Anteil von circa 37% der gebuchten Bruttobeiträge der gesamten Lebensversicherungsbranche auf sich vereinen – befragt.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass ein Großteil der Unternehmen das aktuelle Marktumfeld als schwierig einschätzt und eine moderate Erhöhung des Kapitalanlagerisikos in Erwägung zieht. Genannt werden insbesondere höhere Kreditrisiken sowie die aus Anleihen mit längeren Laufzeiten resultierenden Zinsrisiken. Mit dem niedrigen Zinsniveau gehen zudem verstärkte Anreize einher, die Investitionstätigkeit auf nicht-traditionelle Anlageformen auszuweiten. In diesem Zusammenhang spielen auch Liquiditätsrisiken, welche insbesondere im Anlagesegment der alternativen Investments lokalisiert werden, eine zunehmend bedeutsamere Rolle. Kontrahentenrisiken aus derivativen Finanzinstrumenten werden hingegen überwiegend als gering oder moderat eingestuft. Erkennbar sind ferner Auswirkungen auf die Produktpolitik der Lebensversicherer.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung
2. Adaptive Reaktionen der Lebensversicherungsunternehmen im Niedrigzinsumfeld
2.1 Veränderung der Anlagestrategie
2.2 Produktinnovationen
3. Szenarioanalysen
3.1 EIOPA Stresstest (2014)
3.2 Kablau und Weiß (2014)
4. Zwischenfazit und Hypothesen
5. Die empirische Untersuchung
5.1 Vorgehensweise und Reichweite der Untersuchung
5.2 Umfrageergebnisse
5.2.1 Einschätzungen zur Auswirkung des Niedrigzinsumfeldes
5.2.2 Einschätzungen zu Auswirkungen der regulatorischen Anforderungen
5.3 Analyse der Umfrageergebnisse
5.3.1 Aufteilung der Stichprobe
5.3.2 Antworttendenzen in Abhängigkeit der Größe der Lebensversicherer
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen des anhaltenden Niedrigzinsumfelds auf die deutsche Lebensversicherungswirtschaft. Ziel ist es, durch die Analyse aktueller Studien und eine eigene empirische Expertenbefragung aufzuzeigen, wie Versicherungsunternehmen auf den Druck sinkender Kapitalanlageerträge und Garantieverpflichtungen reagieren.
- Anpassungen in der Anlagestrategie der Versicherer
- Produktinnovationen als Reaktion auf das Zinsumfeld
- Stresstests und ihre Auswirkungen auf die Solvabilität
- Rolle regulatorischer Anforderungen und Derivatehandel
- Einfluss der Unternehmensgröße auf das Anpassungsverhalten
Auszug aus dem Buch
1.1 Problemstellung
Das Niedrigzinsumfeld entstand im Euroraum insbesondere durch die anhaltende expansive Geldpolitik der EZB, die in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009 die Leitzinsen zur Begrenzung des realwirtschaftlichen Schadens immer weiter absenkte. Im Zuge der Krise offenbarten Instabilitäten im Finanzsystem zudem eine Zunahme der Risikoaversion der Akteure und folglich zu einer verstärkten Investition in Anlagen mit hoher Bonität (z. B. deutsche Staatsanleihen). Durch die Auflegung staatlicher Konjunkturprogramme sowie die notwendige Unterstützung des Bankensektors kam es zudem zu einer hohen Schuldenlast der Euro-Länder.
Die europäische Staatsschuldenkrise schränkt den Zinserhöhungsspielraum der EZB stark ein, denn steigende Zinsen verringern die Schuldentragfähigkeit der überschuldeten Länder. Als Reaktion auf deflationäre Tendenzen im Euro-Raum startete die EZB im März 2015 das Quantitative Easing Programm mit einem monatliche Ankaufvolumen von 60 Mrd. Euro. Es umfasst ab April 2016 ein monatliches Volumen von 80 Mrd. Euro und soll die Teuerungsrate in der europäischen Union an das "Zwei-Prozent-Ziel" annähern. Vornehmlich werden im Zuge des QE-Programms Staatsanleihen sowie emittierte Anleihen anerkannter nationaler Institutionen (z. B. Kreditanstalt für Wiederaufbau), internationaler Organisationen und Entwicklungsbanken mit Sitz in Europa aufgekauft. Das Niedrigzinsumfeld wandelte sich mit dem Beschluss des EZB-Rates vom 10.3.2016 zur Absenkung des Leitzinses auf 0% in ein Nullzinsumfeld.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Erläutert die Entstehung des Niedrigzinsumfeldes durch expansive Geldpolitik und beschreibt das Ziel der Untersuchung.
2. Adaptive Reaktionen der Lebensversicherungsunternehmen im Niedrigzinsumfeld: Analysiert, wie Versicherer durch geänderte Anlagestrategien und Produktinnovationen auf den Zinsdruck reagieren.
3. Szenarioanalysen: Detailliert Stresstests der EIOPA sowie Analysen von Kablau und Weiß zur Widerstandsfähigkeit der Branche.
4. Zwischenfazit und Hypothesen: Leitet aus Studien und Experteninterviews Hypothesen über Risikobereitschaft, Anlagenwahl und Produktanpassungen ab.
5. Die empirische Untersuchung: Präsentiert und analysiert die Ergebnisse einer eigenen Umfrage unter deutschen Lebensversicherungsunternehmen.
6. Fazit: Fasst zusammen, dass das Niedrigzinsumfeld die Branche unter Druck setzt und Anpassungen in Kapitalanlage und Produktpolitik erzwingt.
Schlüsselwörter
Niedrigzinsumfeld, Lebensversicherung, Kapitalanlage, Garantieverpflichtungen, Solvabilität, Quantitative Easing, Risikobereitschaft, nicht-traditionelle Anlagen, Produktanpassungen, Zinsstruktur, Finanzkrise, Stresstest, regulatorische Anforderungen, Rentenportfolio, Versicherungsaufsicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den ökonomischen Herausforderungen, denen sich deutsche Lebensversicherungsunternehmen aufgrund des langanhaltenden Niedrigzinsumfeldes gegenübersehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Anpassung der Anlagestrategien, die Entwicklung neuer Versicherungsprodukte sowie die Auswirkungen auf die Solvabilität und die Reaktion auf regulatorische Vorgaben.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, empirisch zu belegen, inwieweit Lebensversicherer bereit sind, für höhere Renditen mehr Risiken einzugehen und wie sie ihre Produktpolitik an die geänderten Marktbedingungen anpassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse bestehender Studien sowie einer eigenen schriftlichen Befragung von Experten aus der deutschen Lebensversicherungswirtschaft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Analysen der Marktsituation, eine Untersuchung von Stressszenarien sowie die Auswertung der selbst durchgeführten empirischen Umfrage.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Niedrigzinsumfeld, Kapitalanlage, Solvabilität, Anlagestrategie und Produktanpassung.
Wie unterscheidet sich das Verhalten von großen und kleinen Unternehmen?
Die Untersuchung zeigt, dass Top-20-Unternehmen ihre Lage teilweise positiver einschätzen und andere Strategien bei der Wahl von Anlagevolumina für nicht-traditionelle Anlagen verfolgen als kleinere Versicherer.
Welche Gefahr sehen die Autoren in einem abrupten Zinsanstieg?
Die Befragung deutet darauf hin, dass ein sprunghafter Zinsanstieg von vielen Unternehmen als problematisch angesehen wird, insbesondere aufgrund negativer Auswirkungen auf die Bewertung festverzinslicher Wertpapiere.
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- Prof. Dr. Daniel D. H. Lange (Author), Kai A. Kellers (Author), 2016, Die Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes auf die Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334714