Die Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes auf die Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland

Deutsche finanz- und versicherungswirtschaftliche Studienreihe Nr. 2


Wissenschaftliche Studie, 2016
35 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Gang der Untersuchung

2. Adaptive Reaktionen der Lebensversicherungsunternehmen im Niedrigzinsumfeld
2.1 Veränderung der Anlagestrategie
2.2 Produktinnovationen

3. Szenarioanalysen
3.1 EIOPA Stresstest (2014)
3.2 Kablau und Weiß (2014)

4. Zwischenfazit und Hypothesen

5. Die empirische Untersuchung
5.1 Vorgehensweise und Reichweite der Untersuchung
5.2 Umfrageergebnisse
5.2.1 Einschätzungen zur Auswirkung des Niedrigzinsumfeldes
5.2.2 Einschätzungen zu Auswirkungen der regulatorischen Anforderungen
5.3 Analyse der Umfrageergebnisse
5.3.1 Aufteilung der Stichprobe
5.3.2 Antworttendenzen in Abhängigkeit der Größe der Lebensversicherer

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Das anhaltende Niedrigzinsumfeld führt bei den meisten deutschen Lebensversicherungs-unternehmen zu sinkenden Kapitalanlageerträgen. In Verbindung mit der vergleichsweise langsamen Reduktion der Garantieverpflichtungen in den Beständen der Lebensversicherer gerät deren Solvabilität zunehmend unter Druck. Zur Untersuchung der weiteren Auswirkungen der Niedrigzinspolitik auf die Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland wurden für die vorliegende Studie zahlreiche Lebensversicherungsunternehmen – die zusammen einen Anteil von circa 37% der gebuchten Bruttobeiträge der gesamten Lebensversicherungsbranche auf sich vereinen – befragt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass ein Großteil der Unternehmen das aktuelle Marktumfeld als schwierig einschätzt und eine moderate Erhöhung des Kapitalanlagerisikos in Erwägung zieht. Genannt werden insbesondere höhere Kreditrisiken sowie die aus Anleihen mit längeren Laufzeiten resultierenden Zinsrisiken. Mit dem niedrigen Zinsniveau gehen zudem verstärkte Anreize einher, die Investitionstätigkeit auf nicht-traditionelle Anlageformen auszuweiten. In diesem Zusammenhang spielen auch Liquiditätsrisiken, welche insbesondere im Anlagesegment der alternativen Investments lokalisiert werden, eine zunehmend bedeutsamere Rolle. Kontrahentenrisiken aus derivativen Finanzinstrumenten werden hingegen überwiegend als gering oder moderat eingestuft. Erkennbar sind ferner Auswirkungen auf die Produktpolitik der Lebensversicherer.

Danksagung

Wir danken der Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbank in Hessen für die finanzielle Unterstützung dieser Studie.

Außerdem danken wir den zahlreichen Studierenden der Wiesbaden Business School, die bei der Durchführung der empirischen Untersuchung mitgewirkt haben.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

1 Unterschiede der Duration und Effektivverzinsung (Vermögenswerte minus Verbindlichkeiten)

2 Kapitalanlageverzinsung vs. Garantieverpflichtungen

3 Renditen von Unternehmensanleihen mit unterschiedlichen Ratingklassen im Euroraum

4 Renditedifferenzen zwischen Bundesanleihen und ausgewählten Staatsanleihen

5 Ratingverteilung in den Rentenportfolios deutscher Lebensversicherer

6 Wachstumsraten der fondsgebundenen Versicherungen (großer Versicherungsgruppen) im europäischen Markt

7 Einschätzung des Marktumfeldes; Antwort auf die Frage: „Wie sehen Sie das aktuelle Marktumfeld für Lebensversicherungsunternehmen in Deutschland?“

8 Erhöhung der Risiken der Kapitalanlage; Antwort auf die Frage: „Würden Sie zustimmen, dass Lebensversicherungs-unternehmen aufgrund des Niedrigzinsumfeldes bereit sind, mit ihren Kapitalanlagen höhere Risiken einzugehen?“

9 Investition in nicht-traditionelle Anlagen; Antwort auf die Frage: „Würden Sie zustimmen, dass für Lebensver-sicherungsunternehmen im Niedrigzinsumfeld erhöhte Anreize bestehen, ihre Investitionstätigkeit auf nicht-traditionelle Anlagen auszuweiten?“

10 Produktanpassungen bei Lebensversicherern; Antwort auf die Frage: „Hat die Niedrigzinsphase dazu geführt, dass es in Ihrem Unternehmen Produktanpassungen gegeben hat oder geben wird?“

11 Probleme bei starkem Zinsanstieg; Antwort auf die Frage: „Innerhalb der nächsten drei Jahre kommt es unerwartet zu einem sprunghaften Anstieg der Zinsstruktur. Glauben Sie, dass dieses Szenario für Versicherungsunternehmen und deren betriebenes Lebensversicherungsgeschäft zu Problemen führen könnte?“

Tabellenverzeichnis

Tabelle Titel Seite

1 Zusammenfassung relevanter Studien zum Niedrigzins-umfeld und dessen Auswirkungen auf die deutsche Lebensversicherungswirtschaft

2 Unterschiede im Antwortverhalten – Themenbereich Niedrigzinsumfeld

3 Unterschiede im Antwortverhalten – Themenbereiche Regulierung und Kontrahentenrisiko

4 Unterschiede im Antwortverhalten – Themenbereich Zinsanstieg

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Das Niedrigzinsumfeld entstand im Euroraum insbesondere durch die anhaltende expansive Geldpolitik der EZB, die in Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009 die Leitzinsen zur Begrenzung des realwirtschaftlichen Schadens immer weiter absenkte. Die im Zuge der Krise offenbarten Instabilitäten im Finanzsystem führten zudem zu einer Zunahme der Risikoaversion der Akteure und folglich zu einer verstärkten Investition in Anlagen mit hoher Bonität (z. B. deutsche Staatsanleihen). Durch die Auflegung staatlicher Konjunkturprogramme sowie die notwendige Unterstützung des Bankensektors kam es zudem zu einer hohen Schuldenlast der Euro-Länder.

Die europäische Staatsschuldenkrise schränkt den Zinserhöhungsspielraum der EZB stark ein, denn steigende Zinsen verringern die Schuldentragfähigkeit der überschuldeten Länder.[1] Als Reaktion auf deflationäre Tendenzen im Euro-Raum startete die EZB im März 2015 das Quantitative Easing Programm mit einem monatliche Ankaufvolumen von 60 Mrd. Euro. Es umfasst ab April 2016 ein monatliches Volumen von 80 Mrd. Euro[2] und soll die Teuerungsrate in der europä-ischen Union an das "Zwei-Prozent-Ziel" annähern. Vornehmlich werden im Zuge des QE-Programms Staatsanleihen sowie emittierte Anleihen anerkannter nationaler Institutionen (z. B. Kreditanstalt für Wiederaufbau)[3], internationaler Organisationen und Entwicklungsbanken mit Sitz in Europa aufgekauft.[4] Das Niedrigzinsumfeld wandelte sich mit dem Beschluss des EZB-Rates vom 10.3.2016 zur Absenkung des Leitzinses auf 0% in ein Nullzinsumfeld.[5]

An der Versicherungswirtschaft gingen die zuvor genannten Entscheidungen und Beschlüsse nicht spurlos vorüber. Einen ersten Anhaltspunkt für den Zustand der europäischen und deutschen Versicherungsunternehmen lieferte der EIOPA Stresstest 2014. Die Teilnehmer dieses Tests wurden im Jahre 2014 hinsichtlich der Erfüllung der sogenannten Solvency Capital Requirements (SCR) untersucht.[6] Es wurde die aktuelle Solvabilitätsquote von 167 europäischen Lebensversicherern angegeben:[7] 86% der Teilnehmer erfüllten die SCR-Bedingungen zu mindestens 100%. 25% der Teilnehmer bedeckten die SCR zu über 200%.[8] 14% der teilnehmenden Institute konnten die SCR nicht erfüllen. Letztere halten 3% der Vermögensgegenstände der am Stresstest teilnehmenden Versicherungsunternehmen.[9] Auffällig ist, dass 8% aller teilnehmenden Unternehmen neben den SCR auch nicht die Minimum Capital Requirements erfüllen konnten.[10]

Darüber hinaus wurde die Situation bezüglich eines Durationsunterschieds (engl. mismatch) bei Vermögenswerten und Verbindlichkeiten erfasst. Besonders in einem langanhaltenden Niedrigzinsumfeld kann eine hohe Diskrepanz weitreichende Auswirkungen haben.[11] Die EIOPA weist für Deutschland eine Differenz von 10,7 Jahren aus. Die Duration der Verbindlichkeiten übersteigt die Duration der Vermögenswerte deutlich. Der Durationsunterschied ist in Deutschland im europäischen Vergleich besonders stark ausgeprägt. Im europäischen Durchschnitt beträgt der Durationsunterschied zwischen Vermögenswerten und Verbindlichkeiten 4,21 Jahre. Die Untersuchung des internen Zinsfußes der Vermögensgegenstände und der Verbindlichkeiten ergab einen IRR-Mismatch[12] von -0,43% bei den deutschen Versicherern. Der interne Zinsfuß der Verbindlichkeiten ist somit höher als der interne Zinsfuß der Vermögenswerte. Das europäische Mittel liegt bei +0,28%.[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 – Unterschiede der Duration und Effektivverzinsung (Vermögenswerte minus Verbindlichkeiten) Quelle: EIOPA (2014b), S. 122.

Aufgrund dieser Befunde und einer Analyse der Cash Flows prognostiziert die EIOPA unter anderem dem deutschen Versicherungssektor einen Cash Outflow in acht bis elf Jahren.[14] Diese negative Differenz zwischen Einzahlungen und Auszahlungen auf Jahresbasis des Versicherungssektors erfordert eine unmittelbare regulatorische Antwort auf nationaler Ebene.[15] Die Ergebnisse der Untersuchung bezüglich der Unterschiede der Duration und Effektivverzinsung bei Verbindlichkeiten und Vermögenswerten in den übrigen europäischen Versicherungsmärkten sind divergent (siehe Abbildung 1).

Der deutsche Markt ist aufgrund der hohen Duration der Verbindlichkeiten im Vergleich zur Duration der Vermögenswerte besonders dem Wiederanlagerisiko bei einem anhaltenden Niedrigzinsumfeld ausgesetzt.[16]

Deutsche Lebensversicherungsunternehmen haben in Zeiten höherer Zinsen Policen mit garantierten Zinsen von bis zu vier Prozent (Höchstrechnungszins von 1995 bis 2000) vergeben. Diese damals garantierten Zinsen auf den Sparanteil der Policen sind im heutigen Zinsumfeld schwer zu erwirtschaften. Ersichtlich wird die Problematik bei einem Vergleich der durchschnittlich erforderlichen Garantieverzinsung des Bestandes deutscher Lebensversicherer und der Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 – Kapitalanlageverzinsung vs. Garantieverpflichtungen Quelle: Frank (2015); Daten: Statista und Dt. Bundesbank, 2015

Ein anhaltendes Niedrigzinsumfeld führt zu immer geringer ausfallenden Kapitalanlageerträgen bei sicheren Anlagen und kann zu einer Unterdeckung der Garantieverzinsung kapitalbildender Lebensversicherungen führen.[17]

Die Analyse der EIOPA kommt auf europäischer Ebene zu einem ähnlichen Ergebnis wie die nationale Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. Der Garantiezins des Bestandes ist im Niedrigzinsumfeld nicht mehr durch sichere Anlagen in Staatsanleihen zu erwirtschaften.[18]

In Abbildung 2 ist zu erkennen, dass die laufende Durchschnittsverzinsung der Kapitalanlagen (schwarze Linie) seit 2008 rückläufig ist. Sie gilt als guter Indikator der Zinssituation, da zur Errechnung nur die laufenden Erträge und Aufwendungen aus Kapitalanlagen berücksichtigt werden. Der fallende Trend ist die Konsequenz des Niedrigzinsumfeldes. Die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen weist seit 2008 einen steigenden Trend auf. Es ist jedoch anzunehmen, dass dieser Trend auf die Realisierung von Bewertungsreserven zur Deckung der gesetzlichen Zinszusatzreserve zurückzuführen ist. Aufgrund der deutlich gesunkenen durchschnittlichen Rendite öffentlicher Anleihen besteht eine Wiederanlageproblematik bei auslaufenden bzw. liquidierten Wertpapieren. Die momentan realisierbare Rendite beim Kauf öffentlicher Anleihen reicht nicht zur Deckung der garantierten Ansprüche aus. Im Laufe der Zeit führt diese geringe Verzinsung der Wiederanlagen zu einer noch stärker fallenden Durchschnittsverzinsung der Kapitalanlagen insgesamt. Die zu beobachtende Verringerung des durchschnittlichen Höchstrechnungszinses im Bestand fällt zu gering aus, um die fallende Durchschnittsverzinsung zu kompensieren. Der durchschnittliche Bestandsgarantiezins der deutschen Lebensversicherer lag im Jahre 2014 bei 3,05%.[19] Die Senkungen des Höchstrechnungszinses entfalten erst mit einer gewissen Zeitverzögerung eine entlastende Wirkung auf die Lebensversicherer.[20]

Der Zinsverfall ist auch deutlich am Markt für Unternehmensanleihen zu sehen. Unternehmensanleihen, die von Unternehmen aus der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion emittiert wurden, weisen ebenfalls eine sinkende Verzinsung auf. Bemerkenswert ist hierbei der immer geringer werdende Zins-Spread. In den letzten Jahren ist eine Konvergenz der Zinssätze unterschiedlicher Ratingklassen zu erkennen.

Dieser bezüglich des Zins-Spreads zu beobachtende Trend ist ebenfalls auf dem Staatsanleihenmarkt zu sehen. Ungeachtet der hohen Verschuldung der Länder der Eurozone bieten selbst risikoreichere Staatsanleihen eine immer geringere Verzinsung.[21] Politische Reformen und Konsolidierungsmaßnahmen wurden nicht flächendeckend durchgeführt. Die Marktindikatoren entsprechen daher nicht immer der momentanen realwirtschaftlichen Situation.[22] Vor der europäischen Schuldenkrise wiesen die Spreads der Staatsanleihen in den Jahren 2000-2007 eine ähnliche Konvergenz auf.[23]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 – Renditen von Unternehmensanleihen mit unterschiedlichen Ratingklassen im Euroraum Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Frank (2015); Daten: Bloomberg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 - Renditedifferenzen zwischen Bundesanleihen und ausgewählten Staatsanleihen Quelle: Deutsche Bundesbank (2014), S. 26.

Eine Erhöhung der Zinsspreads würde zu abnehmenden Marktwerten der Anleihen führen. Aufgrund des hohen Anteils von Staats- und Unternehmensanleihen in den Anlageportefeuilles der Versicherungsunternehmen hätte dies große Auswirkungen auf die Werthaltigkeit der Bilanzen deutscher Lebensversicherer.[24]

Im Rahmen des Niedrigzinsumfeldes entwickelten sich große temporäre Bewertungsreserven bei festverzinslichen Rentenpapieren im Kapitalanlagebestand der Lebensversicherungsunternehmen. Ausscheidende Kunden waren seit der Reform des VVG 2008 zur Hälfte an den entstandenen Bewertungsreserven zu beteiligen. Die Entwicklung der Bewertungsreserven verlief unerwartet steil. Im ersten Quartal 2011 betrugen die Bewertungsreserven noch 2,7 Mrd. EUR in der gesamten Lebensversicherungsbranche in Deutschland. Innerhalb von zwei Jahren stiegen die Bewertungsreserven aufgrund der Marktentwicklung auf 87,8 Mrd. EUR an.[25] Dies führte, um die Ansprüche der ausscheidenden Kunden zu befriedigen, zur Realisierung des Kursanstiegs der Wertpapiere auf Kosten der langfristigen finanziellen Substanz der Versicherungsunternehmen. Der vorgezogene Verkauf alter, hochverzinslicher Wertpapiere erhöhte naturgemäß die Wiederanlageproblematik.[26] Durch die Verabschiedung des LVRG im August 2014 wurde die Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven neu geregelt. Eine Beteiligung der Versicherungsnehmer an den Bewertungsreserven ist nur bei Überschreitung des Sicherungsbedarfs der bestehenden Versicherungsverträge mit Zinsgarantie zulässig.[27] Die Neuregelung der Beteiligung der Versicherten an den Bewertungsreserven im LVRG entlastet die Lebensversicherungsunternehmen bis 2017 schätzungsweise um 10,9 Mrd. EUR.[28]

Während die zuvor dargestellten Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes hauptsächlich auf Angaben der Aufsichtsbehörden basieren, wurden die Einschätzungen der Versicherungsunternehmen bisher nur selten in Untersuchungen zu diesem Thema berücksichtigt. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es deshalb, dem Leser – neben einer zusammenfassenden Darstellung aktueller Studien zum Niedrigzinsumfeld – weiterführende Informationen bezüglich der Auswirkungen der Niedrigzinssituation auf die deutschen Lebensversicherungsgesellschaften zu geben, die auf den Angaben und Auskünften der Lebensversicherer beruhen. Dazu sollen die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung präsentiert werden, welche von den Autoren im Jahr 2015 durchgeführt wurde.

1.2 Gang der Untersuchung

Nach der erfolgten Darstellung der Problemstellung und Zielsetzung der vorliegenden Studie beschreibt das zweite Kapitel die Reaktionen der Lebensversicherer auf das Niedrigzinsumfeld. Dabei werden insbesondere die Änderungen in der Kapitalanlage und im Produktangebot einer näheren Betrachtung unterzogen. Das dritte Kapitel präsentiert die zentralen Ergebnisse mehrerer Szenarioanalysen, welche in den letzten Jahren von der EIOPA (2014b) sowie zwei Mitarbeitern der Deutschen Bundesbank – Anke Kablau und Matthias Weiß (2014) – durchgeführt wurden, um die Auswirkungen des Zinsumfeldes auf Versicherungsunternehmen zu untersuchen. Im vierten Kapitel wird ein Zwischenfazit gezogen, sodass auf Basis der zuvor dargelegten Erkenntnisse die zentralen Hypothesen für die in Kapitel fünf folgende empirische Untersuchung aufgestellt werden können. Der erste Abschnitt des fünften Kapitels beschreibt sodann die Vorgehensweise und Reichweite der durchgeführten Untersuchung, bevor im zweiten Abschnitt die Ergebnisse einer Umfrage unter deutschen Lebensversicherern dargestellt werden. Es folgt eine Analyse des Antwortverhaltens in Abhängigkeit der Größe der teilnehmenden Lebensversicherungsunternehmen im dritten Abschnitt des fünften Kapitels. Die Studie endet mit einem Fazit in Kapitel sechs.

2. Adaptive Reaktionen der Lebensversicherungsunter-nehmen im Niedrigzinsumfeld

2.1 Veränderung der Anlagestrategie

Lebensversicherungsunternehmen haben aufgrund ihrer systemischen Relevanz und zum Schutz der Versicherungsnehmer besondere Kapitalanlagevorschriften zu beachten. Traditionell verfolgen sie eine risikoarme Anlagestrategie. Nichtsdestotrotz gibt es erkennbare Reaktionen der Lebensversicherungsunternehmen im Anlageverhalten. Der Anteil der direkt gehaltenen Unternehmensanleihen im Anlageportfolio wurde seit 2005 von 1,4% auf 2,9% in 2014 erhöht.[29] Unternehmensanleihen bieten im Vergleich zu hochklassigen Staatsanleihen eine bessere Verzinsung, obwohl diese auch in der Tendenz sinkend ist.[30]

Neben zunehmenden Investitionen im Unternehmensanleihenmarkt ist auch eine Veränderung der Ratingverteilung in den Rentenportfolios erkennbar. Wie aus Abbildung 5 ersichtlich wird, sank der Anteil der mit Bestnote bewerteten Wertpapiere im Zeitraum von 2011 bis 2013 um 9,2 Prozentpunkte von 44,8% auf 35,6%. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil, der mit BBB bewerteten Wertpapiere, um 5,7 Prozentpunkte von 7,1% auf 12,8% an.[31] Die Verschlechterung der durchschnittlichen Qualität der Wertpapiere im Anlage-portefeuille kann auf eine moderate Inkaufnahme höherer Risiken hindeuten. Die erkennbaren Veränderungen sind jedoch zum Teil auch auf die Verschlechterung des Ratings diverser Schuldner im Euro-Raum zurückzuführen.[32] Zudem ist eine Verbesserung der Ratingstruktur im Jahre 2014 festzustellen.[33]

Darüber hinaus verlängern Lebensversicherer sukzessive die Laufzeit ihrer Finanz-investitionen. Diese Erhöhung vermindert den Durationsunterschied zwischen den Aktiva und den lang laufenden Passiva der Lebensversicherer und verringert somit die Anfälligkeit gegenüber Zinsänderungsrisiken auf Gesamtbilanzebene. Gleichzeitig steigt jedoch auch die Verlustanfälligkeit der Vermögenswerte auf der Aktivseite bei einem abrupten Zinsanstieg.[34]

Die Anreize des Niedrigzinsumfeldes lassen auch andere nicht-traditionelle Anlageklassen, wie zum Beispiel Infrastrukturprojekte, in den Fokus von Lebensversicherungen treten. Diese Anlageklassen bieten unter anderem aufgrund ihrer höheren Illiquidität größere Renditechancen. Die Investitionen in derartige Projekte nehmen auf einem geringen Niveau stetig zu.[35]

Die europäische Kommission gab im Februar 2015 der EIOPA den Auftrag, geeignete Assetklassen für solche Projekte auszuarbeiten.[36] Die ausgearbeiteten Risikoklassen lagen in der Form eines Final Advice der europäischen Kommission seit September 2015 vor.[37] Die EIOPA schlug darin eine Anpassung der Eigenmittelunterlegung im Rahmen der Standardformel zur Berechnung der SCR für hochwertige Infrastrukturinvestments vor. Für Eigenkapitalbeteiligungen war eine Eigenmittelunterlegung für ausreichend diversifizierte Beteiligungsportefeuilles an hochwertigen Infrastrukturprojekten zwischen 30% und 39% seitens der EIOPA anvisiert.[38] Damit einhergehend forderte die EIOPA von den Versicherungsunternehmen ein beständiges, der Komplexität des Infrastrukturprojektes angemessenes Monitoring und interne Stresstests bezüglich der prognostizierten Cash Flows.[39] Die Vorschläge wurden von der Kommission am 2. April 2016 umgesetzt.[40]

2.2 Produktinnovationen

Eine weitere Folge des Niedrigzinsumfeldes ist eine verstärkte Entwicklung von neuartigen Produkten ohne feste Garantiezusagen. Lebensversicherungsunternehmen reduzieren durch fondsgebundene Produkte ihr eigenes Risiko, so dass weniger Risikokapital vorgehalten werden muss.[41] Die Verzinsung ist abhängig vom gewählten Anlageinstrument des Kunden und bietet ihm theoretisch höhere Renditechancen. Trotz Hausse an den Aktienmärkten im Jahr 2013 entwickelte sich aber keine durchgängig positive Nachfrage nach fondsgebundenen Versicherungs-verträgen. Der Transfer des Anlagerisikos auf den Kunden ist im Niedrigzinsumfeld anscheinend nicht attraktiv für den Käufer.[42] Im zweiten Quartal 2014 verzeichnete die EIOPA sogar ein Negativwachstum der gezeichneten Bruttoprämien für fondsgebundene Versicherungsverträge in Europa für das Medianunternehmen.[43] Der Trend seit dem vierten Quartal 2014 ist aber deutlich positiv.[44]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 - Wachstumsraten der fondsgebundenen Versicherungen (großer Versicherungsgruppen) im europäischen Markt (Medianunternehmen = dunkelblauer Kreis, Interquartilsabstand = hellblauer

Bereich, 10%- und 90%-Perzentil = schwarze Balken) Quelle: EIOPA (2015a), S. 19.

Eine andere Produktvariante ist die Lebensversicherung mit zeitlich limitierter Garantiezusage. Eine Anpassung erfolgt nach einer definierten Zeitperiode unter Berücksichtigung der zu diesem Zeitpunkt herrschenden Marktbedingungen. Die Anlagepolitik des Versicherers kann somit flexibler gestaltet werden.[45]

3. Szenarioanalysen

3.1 EIOPA Stresstest (2014)

Die EIOPA führte im Jahre 2014 in enger Zusammenarbeit mit den nationalen Aufsichtsbehörden und dem ESRB einen Stresstest im europäischen Versicherungsmarkt durch. Der Test bestand aus einem "Core Module" und einem "Low Yield Module".

Das "Core Module" bestand wiederum aus drei Unterteilen. Im Szenario CA1 ist der europäische Aktienmarkt der Ursprung des Stresses, während im Szenario CA2 der Stress vom Markt für Unternehmensanleihen (exklusive Anleihen von Finanzunternehmen) ausgeht.[46] Unabhängig von der Simulation verschlechterter Marktbedingungen wurde im dritten Unterteil des Core Modules (Post Single-Factor Insurance Stresses) die Auswirkung versicherungstechnischen Stresses untersucht.[47] [48]

Das CA2-Szenario steht im Zusammenhang mit dem Zins- und Spreadrisiko der Lebensversicherer. Der Stress auf dem Markt für Unternehmensanleihen ist als Korrektur der Zinskonvergenz der letzten Zeit anzusehen.[49] In der Folge weiten sich die Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen mit Investment Grade aus. Der Stress auf dem Unternehmensanleihenmarkt löst auch Verwerfungen auf dem Bank- und Staatsanleihenmarkt (insbesondere bei einigen nord- und osteuropäischen Ländern) aus. Weitere Auswirkungen des Stresses sind Wertverluste bei gehaltenen Aktien in Höhe von 21%, bei Gewerbeimmobilien in Höhe von 18% und bei Wohnimmobilien in Höhe von 15%.[50]

Die Auswirkungen des CA2-Szenarios führen bei 27% der 167 teilnehmenden Versicherungsunternehmen zu einer Unterdeckung des SCR. Die Vermögensgegen-stände verlieren durchschnittlich 6,3% an Wert, während die Verbindlichkeiten durch-schnittlich um 5,1% zurückgehen.[51] Die Assetklasse mit dem größten Verlust sind Anleihen, während unter den Verbindlichkeiten die Deckungsrückstellungen den größten Wertverlust verzeichnen.[52] Die Widerstandskraft gegenüber dem Stressszenario steht in Abhängigkeit der Größe des Versicherungsunternehmens. Kleinere Unternehmen (außerhalb der Top-30) reagieren stärker auf den CA2 Stresstest als die Top-30 Unternehmen.[53]

Das Low Yield Module bestand aus der Simulation eines langfristigen Niedrigzinsumfeldes ("Japanese Scenario") im Szenario LYA und der Simulation einer inversen Zinsstrukturkurve im Szenario LYB (Anstieg der kurzfristigen Zinsen bei gleichzeitiger Reduktion der mittel- und langfristigen Zinsen). Besonders die Szenarien LYA und LYB geben Aufschluss über etwaige Risiken des momentanen Niedrigzinsumfeldes. Es beteiligten sich 225 Versicherungsunternehmen.

Das LYA Szenario bediente sich der japanischen Zinsstrukturkurve aus dem Dezember 2011, während im Rahmen der Simulation der inversen Zinsstrukturkurve die Zinsdaten des Euro-Raums aus dem Monat Juni des Jahres 2012 Verwendung fanden.[54]

Im Stresstest wurden beide Szenarien unabhängig voneinander betrachtet. Im Falle eines japanischen Niedrigzinsumfeldes steigt der Marktwert der gesamten Vermögensgegenstände der deutschen Versicherer um mehr als 8% an.[55] Der totale Wertzuwachs ergibt sich primär aus dem durchschnittlich über 12%igen Kursanstieg der Staatsanleihen und dem über 7,5%igen Kursanstieg der Unternehmensanleihen.[56] Ungeachtet des Anstiegs der Vermögensgegenstände um insgesamt circa 8% steigen die Marktwerte der Verbindlichkeiten der deutschen Versicherer um circa 10% an.[57] Im Japanszenario (LYA) verfehlen 24% aller europäischen Teilnehmer eine Bedeckung der SCR zu mindestens 100%; im LYB-Szenario hingegen erfüllten 20% der Teilnehmer die regulatorischen Auflagen nicht.[58] Gemäß den Ergebnissen des EIOPA Stresstests birgt ein anhaltendes Niedrigzinsumfeld daher für den europäischen Versicherungssektor ein höheres Gefährdungspotenzial als das Auftreten einer inversen Zinsstruktur.[59]

In beiden Szenarien ist die relative negative Veränderung der verfügbaren Eigenmittel im deutschen Versicherungssektor stärker als im europäischen Durchschnitt.[60] Dennoch ist im Durchschnitt in beiden Simulationen des Low Yield Modules keine Unterdeckung der SCR im deutschen Versicherungssektor zu erkennen.[61] Die Teilnahme am Low Yield Module fiel im deutschen Versicherungssektor eher gering aus. Gemessen an den technischen Rückstellungen nahmen nur knapp 50% aller deutschen Lebensversicherungsunternehmen an der Simulation teil.[62]

3.2 Kablau und Weiß (2014)

Der Untersuchungsgegenstand der Analyse ist die Widerstandsfähigkeit der deutschen Lebensversicherungsunternehmen in einem anhaltenden Niedrigzinsumfeld. Es werden drei Szenarien durchgespielt: Basisszenario (mit einer Nettoverzinsung der Kapitalanlagen der betrachteten Unternehmen zwischen 3,8% und 5%), mildes Stressszenario (lang anhaltendes Niedrigzinsumfeld (Japanszenario) mit einem Absinken der Nettoverzinsung auf nahezu 2%) und verschärftes Stressszenario (lang anhaltendes Niedrigzinsumfeld mit einem Absinken der Nettoverzinsung auf unter 2%.[63] In der Simulation wird auf regulatorische Einzeldaten von 85 Lebensversicherern zurückgegriffen. Ferner wird mittels einer Sensitivitätsanalyse die Auswirkung einer Veränderung der Ausschüttungsquote an Anteilseigner und der Überschussbeteiligung an die Versicherungsnehmer untersucht. Die Resilienz der Versicherer wird anhand der Bedeckungsquote der regulatorischen Eigenmittelanforderungen nach Solvency I gemessen.

Im Basisszenario unterschreitet lediglich ein Unternehmen die aufsichtsrechtlichen Eigenmittelanforderungen in der Untersuchungsperiode bis 2023. Eine Unterschreitung des Garantiefonds ist nicht festzustellen.[64] Die Auswirkungen des Basisszenarios sind für den Lebensversicherungssektor überschaubar.

Das milde Stressszenario simuliert ein japanisches Zinsumfeld. Hierfür wird die Rendite der sechsjährigen Bundesanleihe mit den historischen Renditen der japanischen Staatsanleihen aus dem Jahre 2003 fortgeschrieben. Der Teil der Kapitalanlagerendite der Lebensversicherer, welcher über die Verzinsung der Bundesanleihen hinausgeht (Überrendite), wird analog zum Basisszenario sukzessive reduziert. Die Nettorendite sinkt folglich nachhaltig auf ein geringes Niveau ab.[65]

Die Simulation des japanischen Zinsumfeldes führt bei zwölf Lebensversicherern zu einer Unterdeckung der Eigenmittelanforderungen. Die ausfallenden Unternehmen haben einen Marktanteil – gemessen an den Beitragseinnahmen – von 14%.[66] Anders als im Basisszenario erfüllen vier Unternehmen mit einem Marktanteil von 1,8% den Garantiefonds nicht mehr. Die Deckungslücke zur Erfüllung des Garantiefonds beläuft sich auf 200 Mio. Euro, während 2,4 Mrd. Euro zur Wiederherstellung der aufsichtsrechtlichen Eigenmittelanforderungen benötigt werden.[67]

Das verschärfte Szenario simuliert eine Ausdehnung des Niedrigzinsumfeldes auf den gesamten Kapitalmarkt. Daher reduziert sich die Überrendite stärker als in den vorherigen Szenarien und sinkt bis zum Minimum der unternehmensindividuellen historischen Überrendite ab.[68] Folglich sinkt die Nettoverzinsung stärker als in den beiden Szenarien zuvor.

Die Anzahl der Unternehmen mit einer zu geringen Eigenmittelquote steigt im verschärften Szenario auf 32 Unternehmen bis zum Jahr 2023 an. Der Marktanteil dieser Unternehmen beträgt circa 43%.[69] 16 Lebensversicherer mit einem Marktanteil von 21% unterschreiten den Garantiefonds bis 2023. Der Kapitalbedarf steigt im Vergleich zu den anderen Szenarien deutlich an. Es werden zur Wiederherstellung des Garantiefonds 2,7 Mrd. Euro benötigt und zur Wiederherstellung der Eigenmittelanforderungen 10,6 Mrd. Euro.[70]

In den vorherigen Szenarien führten die Versicherungsunternehmen annahmegemäß keine Ausschüttungen an ihre Anteilseigner durch. Im Falle einer Ausnutzung aller gesetzlichen Spielräume und somit einer maximalen Ausschüttungsquote steigt die Anzahl der ausfallenden Unternehmen im Basisszenario sowie im milden Szenario um den Faktor drei an. Im verschärften Szenario verfehlen 56 anstatt zuvor 36 Unternehmen die Eigenmittelanforderungen. Die Unternehmen haben folglich durch die Steuerung ihrer Ausschüttungspolitik einen erheblichen Einfluss auf ihre Solvabilität.[71]

Die Überschussbeteiligung sinkt in der Grundannahme des Modells gemäß der unternehmensindividuellen Wachstumsrate und wird ab einer Bedeckungsquote von 130% auf die Garantieverzinsung abgesenkt.[72] Die Auswirkungen einer Auszahlung der Garantieverzinsung ohne Überschussbeteiligung ab dem ersten Simulationsjahr sind gering. Die erhöhte Eigenmittelausstattung lässt im verschärften Szenario insgesamt vier Unternehmen weniger ausfallen und führt zu einer zeitlichen Verzögerung der Ausfälle in den anderen Szenarien.[73]

Der Versicherungsbestand eines überschuldeten Unternehmens wird zum Schutz der Versicherungsnehmer auf Anweisung der BaFin auf den Sicherungsfonds für Lebensversicherer (Protektor) übertragen. Im Basisszenario liegt bei keinem Unternehmen eine Überschuldung vor. Die Ausfälle im milden Stressszenario kann die Protektor Lebensversicherungs-AG noch über das Sicherungsvermögen auffangen.[74] Das verschärfte Szenario könnte nach den Berechnungen der Autoren zu einer Situation führen, in der sich die Fehlbeträge der überschuldeten Lebensversicherer durch den Sicherungsfonds nicht mehr ausgleichen lassen.[75] Etwaige Nachschusspflichten der nicht insolventen Unternehmen müssten in Anspruch genommen werden. Inwiefern diese Nachschüsse angesichts des Eigenmittelrückgangs bei den noch solventen Unternehmen zeitgerecht zur Verfügung gestellt werden können, ist fraglich.[76]

Es ist ersichtlich, dass ein lang anhaltendes Niedrigzinsumfeld eine Gefahr für den Lebensversicherungssektor darstellt. Die Betrachtung erfolgte unter dem Solvency I Regime; es ist von einer Verschlechterung der Ergebnisse unter Anwendung von Solvency II Maßstäben auszugehen.[77]

4. Zwischenfazit und Hypothesen

Aus den zuvor dargestellten Studien, deren zentrale Aussagen in Tabelle 1 zusammengefasst sind, lassen sich bereits verschiedene Schlussfolgerungen ziehen. In Ergänzung dieser Studien wurden von den Autoren und Studierenden der Wiesbaden Business School im Zeitraum von Januar bis Mai 2015 verschiedene Experteninterviews mit Branchenvertretern der deutschen Lebensversicherungswirtschaft geführt, um weitere Informationen bezüglich der Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes auf die deutschen Lebensversicherungen zu erhalten sowie die wesentlichen Problemfelder des Themas zu identifizieren und ein tiefergehendes Verständnis für die maßgeblichen Zusammenhänge im Objektbereich zu entwickeln.

Sowohl in den vorgestellten Studien als auch in den Experteninterviews deutete sich an, dass die Lebensversicherungsbranche aufgrund des Niedrigzinsumfeldes mit schwindenden Kapitalerträgen konfrontiert ist. Die zu erwirtschaftende Rendite aus Neuanlagen in sicheren Wertpapieren am Kapitalmarkt könnte folglich nicht mehr ausreichen, um die einst garantierte Verzinsung zu gewährleisten. Es ist daher anzunehmen, dass einige Lebensversicherungsunternehmen, ihre Risiken in der Kapitalanlage erhöhen, um somit auch höhere Renditen zu erzielen und die Garantieverpflichtungen zu erfüllen. Hypothese eins (H1) lautet deshalb wie folgt:

H1: Aufgrund des Niedrigzinsumfeldes sind die meisten Lebensversicherungs-unternehmen in Deutschland bereit, höhere Risiken in der Kapitalanlage einzugehen.

Ein langanhaltendes Niedrigzinsumfeld – ähnlich dem japanischen Zinsumfeld – könnte zu einer Unterschreitung der Eigenmittelanforderungen bei einzelnen Lebensversicherern führen. Ein Szenario mit einer langfristigen Nettoverzinsung von unter 2% kann ein Gefährdungspotential für die Lebensversicherungsbranche darstellen.[78]

Eine mögliche Alternative, dem Dilemma des Niedrigzinsumfeldes zu entkommen, bieten die sogenannten „nicht-traditionellen Investments“. Letztere erweitern das Anlagespektrum der Versicherungsunternehmen um Anlageformen, die bisher nicht – oder nur in sehr geringem Umfang – zum Anlage-Portefeuille der Lebensversicherer zählten. Neben Hedgefonds, Private Equity und den in der Versicherungswirtschaft nicht selten zu findenden Immobilieninvestments werden zum Segment der nicht-traditionellen Anlagen insbesondere die Kapitalanlagen in Infrastruktur gezählt, welche beispielsweise Investitionen in Verkehrswege, Kommunikationsnetze sowie die Energie- und Wasserversorgung umfassen. Aufgrund der geringen Korrelation der Infrastrukturinvestments und anderen alternativen Anlageformen mit traditionellen Kapitalanlagen, wie zum Beispiel Anleihen oder Aktien, erhoffen sich die Investoren eine bessere Diversifikation und Rendite-Risiko-Struktur ihres Anlageportefeuilles. Trotz geringerer Liquidität, einer in der Regel längeren Laufzeit und höheren Ausfallrisiken als bei traditionellen Investments sollen auf Ebene des Gesamtportfolios somit höhere Renditen bei nahezu unverändertem Risiko erreicht werden. Hypothese zwei (H2) lautet daher wie folgt:

H2: Im Niedrigzinsumfeld besteht für die meisten Lebensversicherungsunternehmen in Deutschland ein erhöhter Anreiz, in nicht-traditionelle Anlageformen zu investieren.

[...]


[1] Vgl. IW Köln (2014), S. 14.

[2] Vgl. ECB (2016), Monetary policy decisions, https://www.ecb.europa.eu, Abruf vom 22.03.2016.

[3] Vgl. ECB (2015), Implementation aspects of the public sector purchase programme (PSPP), https://www.ecb.europa.eu, Abruf vom 25.02.2016.

[4] Vgl. ECB (2016), Asset purchase programmes, https://www.ecb.europa.eu, Abruf vom 30.01.2016.

[5] Vgl. ECB (2016), Monetary policy decisions, https://www.ecb.europa.eu, Abruf vom 22.03.2016.

[6] Die Vorstellung der Stressszenarien und der Ergebnisse des EIOPA Stresstests erfolgt in Abschnitt 5.1 dieser Arbeit.

[7] Die Untersuchung der EIOPA kann als repräsentativ für den europäischen Versicherungsmarkt angesehen werden, da die europäischen Länder zu mindestens 50% der Bruttoprämien des nationalen Versicherungsmarktes durch die teilnehmenden Versicherungsunternehmen repräsentiert sind. (Vgl. EIOPA (2014b), S. 36, Nr. 127.)

[8] Vgl. EIOPA (2014b), S. 6, Nr. 16.

[9] Vgl. EIOPA (2014b), S. 6, Nr. 17.

[10] Vgl. EIOPA (2014b), S. 6, Nr. 17.

[11] Vgl. EIOPA (2014b), S. 17, Nr. 56.

[12] IRR Mismatch = Differenz der Effektivverzinsung (Vermögenswerte minus Verbindlichkeiten).

[13] Vgl. EIOPA (2014b), S. 17, Table 2.

[14] Vgl. EIOPA (2014b), S. 21, Nr. 75.

[15] Vgl. EIOPA (2014b), S. 23.

[16] Vgl. EIOPA (2014b), S. 102, Nr. 286.

[17] Die Kapitallebensversicherung hatte in Zeiten hoher Zinsen einen großen Anteil im Produktportefeuille der Lebensversicherer. Im Jahre 2000 wurden 55,6% aller Beiträge für Lebensversicherungen in Kapitalversicherungen investiert. Das angesparte Kapital wird bei dieser Form zum Vertragsende in einem Betrag ausgezahlt. Im Jahre 2013 lag der Anteil dieser klassischen Form der Lebensversicherung nur noch bei 28%. Im selben Zeitraum erhöhte sich der Anteil der fondsgebundenen Kapital- und Rentenversicherungen von 5,7% auf 14,9% und der Renten- und Pensionsversicherungen von 22,4% auf 34,1%. (Vgl. GDV (2014), Nr. 36.)

[18] Vgl. EIOPA (2015c), S. 47.

[19] Vgl. Deutsche Bundesbank (2015), S. 42.

[20] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 55.

[21] Vgl. EIOPA (2015c), S. 11, Figure 1.2.

[22] Vgl. EIOPA (2014a), S. 11 und EIOPA (2015c), S. 16.

[23] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 26, Schaubild 1.6.

[24] Vgl. ECB (2015), S. 81.

[25] Vgl. Deutsche Bundesbank (2013), S. 18.

[26] Vgl. IW Köln (2014), S. 45.

[27] Vgl. VAG (alt) § 56a (3) und (4) und VAG (neu) § 139 (3) und (4).

[28] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 54.

[29] Vgl. GDV (2015), Tabelle 44.

[30] Vgl. Abbildung 3.

[31] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 31.

[32] Vgl. Deutsche Bundesbank (2014), S. 32.

[33] Vgl. Deutsche Bundesbank (2015), S. 53.

[34] Vgl. Deutsche Bundesbank (2015), S. 41.

[35] Vgl. EIOPA (2015a), S. 23.

[36] Vgl. EIOPA (2015b), S. 3.

[37] Vgl. EIOPA (2015b), S. 4.

[38] Vgl. EIOPA (2015b), S. 24.

[39] Vgl. EIOPA (2015b), S. 30.

[40] Vgl. European Commission (2016), Capital Markets Union: Making it easier for insurers to invest in infrastructure, http://europa.eu, Abruf vom 16.05.2016.

[41] Vgl. EIOPA (2014a), S. 14.

[42] Vgl. EIOPA (2015c), S. 20.

[43] Vgl. EIOPA (2014a), S. 15.

[44] Vgl. EIOPA (2015a), S. 19.

[45] Vgl. EIOPA (2015c), S. 12.

[46] Vgl. EIOPA (2014b), S. 8 Nr. 21 und S. 10, Nr. 28.

[47] Vgl. EIOPA (2014b), S. 13, Nr. 45.

[48] Betrachtet wurden insgesamt 15 versicherungsspezifische Stressszenarien. Sie bestanden aus insgesamt sieben Naturkatastrophen-Szenarien (davon waren fünf von der EIOPA definiert (diese vordefinierten Stressszenarien simulieren einen Windsturm in Nordeuropa, einen US-Hurrikan, ein Erdbeben in der Türkei, eine Flut in Mittel- & Osteuropa und ein Flughafenunglück) und zwei selbstwählbare Szenarien mit der Vorgabe eines 1-in-100 und 1-in-200 Jahren Ereignisses), zwei Szenarien einer mangelhaften Risikovorsorge im Nicht-Leben-Bereich, vier Szenarien im Lebensversicherungsbereich (davon zwei Langlebigkeits-Stress-Szenarien und zwei Sterblichkeits-Stress-Szenarien) und zwei Massen-Storno-Ereignisse. [Vgl. EIOPA (2014b), S. 13 Nr. 46]

[49] Vgl. EIOPA (2014b), S. 10, Nr. 28.

[50] Vgl. EIOPA (2014b), S. 10, Nr. 28.

[51] Vgl. EIOPA (2014b), S. 61, Figure 40.

[52] Vgl. EIOPA (2014b), S. 63, Figure 42 und Figure 43.

[53] Vgl. EIOPA (2014b), S. 62, Nr. 182.

[54] Zur japanischen Zinsstrukturkurve vgl. EIOPA (2014b), S. 110, Figure 87; zur inversen Zinsstrukturkurve vgl. EIOPA (2014b), S. 124, Figure 107.

[55] Vgl. EIOPA (2014b), S. 111, Figure 88.

[56] Vgl. EIOPA (2014b), S. 111, Figure 89.

[57] Vgl. EIOPA (2014b), S. 113, Figure 91.

[58] Vgl. EIOPA (2014b), S. 19, Nr. 67.

[59] Vgl. EIOPA (2014b), S. 19, Nr. 68 und S. 20, Nr. 70.

[60] Vgl. EIOPA (2014b), S. 21, Figure 8.

[61] Vgl. EIOPA (2014b), S. 20, Figure 7.

[62] Vgl. EIOPA (2014b), S. 83, Figure 54.

[63] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 13, Abbildung 7.

[64] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 15, Abbildung 8.

[65] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 12.

[66] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 15.

[67] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 16.

[68] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 12.

[69] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 15.

[70] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 16.

[71] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 17.

[72] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 17.

[73] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 17.

[74] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 19.

[75] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 19-20.

[76] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 20.

[77] Vgl. Kablau und Weiß (2014), S. 20.

[78] Siehe dazu auch Lange und Radewaldt (2016).

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes auf die Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland
Untertitel
Deutsche finanz- und versicherungswirtschaftliche Studienreihe Nr. 2
Hochschule
Hochschule RheinMain  (Wiesbaden Business School)
Autoren
Jahr
2016
Seiten
35
Katalognummer
V334714
ISBN (eBook)
9783668249066
ISBN (Buch)
9783668249073
Dateigröße
965 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebensversicherung, Auswirkung, Niedrigzins
Arbeit zitieren
Prof. Dr. Daniel D. H. Lange (Autor)Kai A. Kellers (Autor), 2016, Die Auswirkungen des Niedrigzinsumfeldes auf die Lebensversicherungswirtschaft in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334714

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