Entstehung und Konsolidierung der Kunstblumenindustrie im 19. Jahrhundert in der Stadt Sebnitz im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet


Hausarbeit, 2013

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Take-off-Phase in Deutschland
2.1 Regionen als Entwicklungszentren
2.2 Unterschiedliche regionale Entwicklungspfade

3. Sebnitz in Sachsen - Standort eines neuen Industriezweiges
3.1 Historischer Abriss der Region Sebnitz vor der Kunstblumenindustrie
3.2 Voraussetzungen für die Industrialisierung in diesem Gebiet
3.3 Entwicklung eines neuen erfolgreichen Industriezweiges

4. Stadien des Wachstums
4.1 Wichtige Komponenten als Voraussetzung
4.2 Der Erfolg - Orientierung im internationalen Maßstab - Export
4.3. Spezialisierung durch Arbeitsteilung
4.4 Steigerung der Produktivität durch fachliches Wissen - Weiterbildung

5. Wandlung sozialer Strukturen - Aufstieg des Bürgertums
5.1 Wandlung von Arbeitskräften - Aufstieg von Bürgerlichen zu Fabrikanten
5.2 Die Schattenseiten des Erfolgs - soziale Situation der Heimarbeiter
5.3 Konkurrenzfähigkeit trotz Krisen und unterschiedlicher politischer Gesellschaftssysteme

6.Fazit

Literaturverzeichnis

Aufsätze und Zeitungsartikel

1. Einleitung

Regionen als Entwicklungszentren - was ist damit gemeint? Regionen entwickelten sich zu jeder Zeit in der Geschichte auf unterschiedliche Weise. Prägend für die ganze Welt war das Zeitalter der Industrialisierung. Das 19. Jahrhundert brachte durch die industrielle Revoluti- on umfassende Veränderungen für große Teile der Bevölkerung. Die relativ schnelle Um- wandlung der agrarischen zu einer industriellen Gesellschaft hatte Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Der Begriff Industrialisierung wirkte beschleunigend und fortschrittlich für viele Regionen, wenn auch die Entwicklung sehr unterschiedliche Formen annahm. Es exis- tierten bis zur Reichsgründung 1871 unterschiedliche territoriale Konstellationen mit ent- sprechend divergierenden politischen Einflüssen. Unter dem Begriff Industrialisierung ver- bindet man vor allem die großen Industriezentren im Ruhrgebiet oder der Schwermaschi- nenbau in Sachsen. Aber auch weniger bekannte Regionen wurden vom Sog des Wachs- tums und Fortschritts vereinnahmt. Vielfältige gesellschaftliche und politische Bedingungen schufen hierfür die Voraussetzungen.1

In dieser Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie es einer relativ rück- ständigen Region im östlichen Sachsen gelang, am ökonomischen Aufschwung teilzuhaben. Es handelt sich um das Gebiet Sebnitz im sächsisch-böhmischen Grenzraum. Die Grenz- festlegung von Sachsen und Böhmen erfolgte schon im Jahr 1459 mit dem Vertrag von Eger und ist bis heute die beständigste territoriale Grenze. Allerdings war es zu mittelalter- licher Zeit keine nationale, kulturelle oder sprachliche Grenze, sondern eine Gebietsfestle- gung zwischen den wettinischen und böhmischen Geschlechtern als Folge eines Friedens- vertrages. Die Stadt Sebnitz grenzt unmittelbar an Nordböhmen, was wirtschaftlich nicht unbedingt von Vorteil war. Dazu kommt, dass die von Bergen und Wäldern umgebene Stadt landwirtschaftlich nur bedingt erschlossen werden konnte. Sebnitz war bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine sogenannte Ackerbürgerstadt, worauf zu schließen ist, dass die Landwirt- schaft doch die Hauptgrundlage für den Lebensunterhalt bildete. Eine wichtige Erwerbs- quelle war die Leineweberei. Gewerbe und Handel etablierten sich schon in mittelalterli- cher Zeit, wobei auch außerhalb der peripheren Grenzen verkauft wurde.

Mit Einzug des industriellen Zeitalters veränderten sich die wirtschaftlichen Verhält- nisse entscheidend. Schon im ersten Drittel des 19. Jahrhundert begründete sich in Sebnitz eine englische Papierfabrik der Gebrüder Just. Warum die Grundsteinlegung gerade in die- ser Gegend stattfand, ist aus den Quellen nicht ersichtlich.2 Jedenfalls war es der Auftakt zu einer bahnbrechenden Entwicklung in diesem Raum. Die Konstituierung der Kunstblumen- industrie erfolgte ein wenig später und ergab sich im Zusammenhang des Beitritts Sachsens 1834 zum Deutschen Zollverein. Auf böhmischen Gebiet gab es dieses Handwerk schon seit mehreren Jahrzehnten. Insgesamt ist die Herstellung von Kunstblumen kein neues Ge- werbe, schon seit dem 17. Jahrhundert wird es als Kunsthandwerk betrieben. Neu ist die fa- brikmäßige quantitativ und qualitativ hochwertige Fertigung dieser Produkte. Nach anfäng- lich wirtschaftlich und politisch ungünstigen Verhältnissen um 1850 nahm die Entwicklung eine rasante Form an. Neue Eisenbahnverbindungen zwischen Sachsen und Böhmen trugen zur Beschleunigung von Handel und Gewerbe bei. Schon in den 60er Jahren des 19. Jahr- hunderts hatte sich die Blumenindustrie sehr ausgeweitet. Viele Teile der Bevölkerung fan- den hier ihre Existenzgrundlage. Sebnitz entwickelte sich zum Zentrum der deutschen Kunstblumenherstellung. Man erkannte die Chance, diesen Industriezweig zu intensivieren, um neue Absatzmärkte zu erschließen. Vielfältige Ideen hielten Einzug, um auf die ständig wechselnden Modeerscheinungen flexibel zu reagieren. Dieser Industriezweig startete eine erfolgreiche Karriere, trotz verschiedener gesellschaftspolitischer Verhältnisse. In Spitzen- zeiten waren etwa 10.000 Menschen und mehr in dieser Branche beschäftigt. Ganze Land- schaftsregionen um Sebnitz bis ins Erzgebirge hinein bestritten ihren Lebensunterhalt auf diese Weise. Zu erwähnen ist aber auch, dass ca. 90 Prozent der Kunstblumenproduktion in Heimarbeit gefertigt wurde. Für diese Menschen waren die Bedingungen nicht immer vor- teilhaft, da sie schlechter als die Fabrikarbeiter bezahlt wurden. Dieses Thema bearbeitete ich bereits in einer Hausarbeit des B.A.-Studiengangs Kulturwissenschaften, Modul G6.

Bezugnehmend auf das Thema Industrialisierung und bürgerliche Gesellschaft kann gesagt werden, dass die Kunstblumenindustrie prägende Auswirkungen auf die Entwick- lung der Bevölkerungsschichten hatte. Vor der Industrialisierung existierten sowohl Bürger als auch Bauern und Gutsbesitzer. Vermögendere Sebnitzer Bürger waren durchaus auch Leineweber, welche zu Verlegern aufgestiegen. Entscheidend in der industriellen Phase war das Kapital. Einfache bürgerliche Familien konnten mit finanzieller Grundlage und Fleiß zu Blumenfabrikanten aufsteigen. Fabrikanten nannten sich allerdings auch Leute, welche nur eine kleine Fabrik mit mindestens 10 Angestellten betrieben. Wenigen Sebnitzer Bürgern brachte die Kunstblumenproduktion sogar finanziell soviel ein, dass sie zu Millionären wurden. Sowohl in Kriegszeiten als auch der schwierigen Inflationszeit der Weimarer Re- publik konnte sich dieser Industriezweig behaupten. Insgesamt war die Kunstblume über 150 Jahre eine erfolgreiche Branche, welche seit 1990 in Sebnitz nur noch als Schauwerk- statt mit einer geringen Auftragslage und mit wenigen Mitarbeitern existiert.

2. Take-off-Phase in Deutschland

2.1 Regionen als Entwicklungszentren

Take-off nennt man im wirtschaftlichen Bereich die Phase des wirtschaftlichen Aufstiegs einer Industriegesellschaft, wo bereits ein dauerhafter Wachstumsfaktor zu verzeichnen ist. Industrialisierung vollzieht sich in mehreren Phasen, wobei das Modell der fünf Wachs- tumsstadien einer Gesellschaft des Wirtschaftshistorikers Walt W. Rostow eine neutrale Aufstellung von bestimmten Kriterien darstellt, welche auf die verschiedenen Gesell- schaftsformen übertragen werden kann. Rostow orientiert sich an der traditionellen Gesell- schaft und ihren Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufstieg sowie die Phase des wirtschaftlichen Fortschritts, wo Wachstum zur normalen Bedingung wird - eben Take-off- Phase. Schließlich folgt in der Regel die Entwicklung zur Reife, wo es gilt, die erfolgreiche Wachstumsstrategie auf breiter Basis des ökonomischen Bereichs auszudehnen, wobei die Phase des Massenkonsums in einer Industriegesellschaft angestrebt wird. Nach Rostow be- trifft die Take-off-Phase in Deutschland das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts.3

„In einem oder zwei Jahrzehnten werden sowohl die Grundstruktur der Wirtschaft als auch die soziale und politische Struktur der Gesellschaft so verändert, daßeine stetige Wachstumsrateaufrecht erhalten werden kann.“ 4

Die Take-off-Phase ist die wichtigste Voraussetzung für dauerhaftes Wachstum für die In- dustrialisierung einer Region. Das ist an dieser Stelle nur allgemein erklärbar, weil in den unterschiedlichen regionalen Gebieten des deutschen Reiches sich sehr unterschiedliche Entwicklungen ereigneten. Selbst innerhalb des Landes Sachsen, seit 1806 Königreich, gab es gravierende Unterschiede. Nach Kiesewetter5 hat sich die sächsische Industrie schon in den 1840er Jahren als selbsttragende Wachstumsphase bewährt. In Bezug zum Hausarbeits- thema - der Analyse des Entstehens der Kunstblumenindustrie in der Region Sebnitz/Sach- sen - kann festgestellt werden, dass im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Kunstblu- menherstellung den Hauptnahrungszweig für die Bevölkerung in dieser Region bildete. Dieser Industriezweig fand eine schnelle Ausbreitung, weil entsprechende Absatzmärkte er- schlossen werden konnten. Dieser Umstand erklärte Firmenneugründungen sowie Investi- tionen in Fabrikerweiterungen, welches wiederum eine erhöhte Nachfrage nach Arbeits- kräften zur Folge hatte. Menschen, welche vor dem Industriezeitalter sich überwiegend von landwirtschaftlichen Erträgen ihren Lebensunterhalt bestritten, konnten oder mussten nun ihre Arbeitskraft für die industrielle Produktion zur Verfügung stellen und wurden zum ab- hängigen Lohnarbeiter. Im Kapitel 3 wird dieser Fragestellung vertieft nachgegangen. Regionen entwickelten sich aus verschiedenen Gründen, welche im nächsten Kapitel erläutert werden, sehr unterschiedlich.

2.2 Unterschiedliche regionale Entwicklungspfade

Der Prozess der industriellen Revolution, allerdings als Begriff umstritten, weil es ein Pro- zess war und keine plötzliche Veränderung. Dieser Prozess war einerseits eine zeitlich be- grenzte Periode des beschleunigten Wachstums und andererseits ein langfristiger Wand- lungsprozess der traditionellen Agrargesellschaft zur fortschrittlichen Industriegesellschaft. Für Deutschland gab es regional große Unterschiede. Aussagen über die industrielle Ent- wicklung in Deutschland können nur anhand konkreter Regionen gemacht werden. Die Un- terschiede im Deutschen Reich waren sehr gravierend. Ein Kriterium ist die Größe einer Region, weil flächenmäßig relativ große Gebiete nicht unbedingt vom wirtschaftlichen Auf- schwung erfasst wurden. In einigen Regionen wie Pommern und Ostpreußen, welche über Jahrhunderte agrarisch geprägt waren, fand bis zum Ersten Weltkrieg überhaupt keine in- dustrielle Revolution statt.6

Es bedarf immer ein Vorhandensein von wirtschaftlichen Kräften sowie politischen und intellektuellen Voraussetzungen für eine Wandlung und Revolutionierung aller Bereiche einer Gesellschaft. Auch über den Beginn der industriellen Prozesse gibt es keinen eindeutigen Anfang. Fazit war für Hubert Kiesewetter, einem Historiker, welcher sich mit dieser Thematik beschäftigte, es sei unumgänglich, Faktoren und Bedingungen heraus zu kristallisieren, warum Regionen sich unterschiedlich entwickelten.7

„Die unterschiedlichen Verläufe der regionalen Industrialisierung Deutschlands sind gar nicht zu verstehen und zu erklären, wenn wir nicht neben der Ausstattung mit bestimmten unabding- baren Faktoren die fördernden bzw. hemmenden Einflüsse des jeweiligen Staates ins Kalkül zie- hen.“8

Im Rahmen dieser Hausarbeit kann nur darauf hingewiesen werden, dass es seitens der Re- gierungen Preußens, Sachsen, Bayerns und Württembergs industrialisierungsfördernde Maßnahmen in Kraft traten, in Form von agrarischen und gewerblichen Reformen.9 Das Kurfürstentum Sachsen gehörte zu den ersten hochindustrialisierten Ländern. Das markt- wirtschaftliche Prinzip setzte sich frühzeitig durch, da auf dem Territorium von Sachsen schon Ende des 18. Jahrhunderts verdichtete gewerbliche Regionen vorhanden waren. Be- sonders ist die Bedeutung des Erzbergbaus um Freiberg zu nennen, welcher schon im Hochmittelalter mit dem Silberabbau begründet wurde. Es hatte für die Gewerbeentwick- lung großen Einfluss, da es für die Verarbeitung der Rohstoffe weitere Werkstätten und Ma- nufakturen benötigte. Auch beim plötzlichen Niedergang Mitte des 16. Jahrhunderts reagie- ren die frei gesetzten Arbeitskräfte, man kann sagen kreativ, denn sie widmeten sich, be- dingt durch den reichen Holzbestand des Erzgebirges, der Herstellung hölzerner Ge- brauchsgegenstände. Später im 18. Jahrhundert kam die Spielwarenfertigung hinzu.10 Wich- tige Impulse in anderen Regionen Sachsens gingen vom Maschinenbau, der Textilindustrie und des Eisenbahnbaus aus. Aber es soll auch ein Blick auf eine ganz andere Region ge- worfen werden. Es handelt sich um die Industrialisierung der Saarregion, wobei hier auch die Grenzlage zu Frankreich eine entscheidende Rolle spielte. Allerdings ereignete sich im Saargebiet im Gegensatz zur Grenzregion Sebnitz, welche durch den Beitritt des Königrei- ches Sachsen zum Deutschen Zollverein 1834 in eine ungünstige wirtschaftliche Randlage geriet, eine gegensätzliche Entwicklung. Im Vergleich zur sächsischen Grenzregion entwi- ckelte sich diese Region wirtschaftlich vorteilhafter. Durch die Reichsgründung 1871 und auf Grund der Annexion von Elsaß-Lothringen veränderte sich die Grenzsituation. Inner- halb der Region entfielen die Staats- und Zollgrenzen und die beiden Teile des Saargebietes kamen aus der Grenzlage heraus.11 Die Folge dieser politischen Entscheidung war

„.. .vor allem eine Intensivierung der wirtschaftlichen Verflechtungen innerhalb des Reviers, was die staatliche Einheit, insbesondere die wegfallenden Zollgrenzen, erleichterte bzw.überhaupterst ermöglichte.“ 12

In dieser Hausarbeit können die unterschiedlichen Industriezweige der Saarregion nicht spezifischer dargestellt werden. Es sollte lediglich aufgezeigt werden, dass bestimmte Vor- aussetzungen vorhanden sein mussten, um sich effektiv zu entwickeln und zu wachsen.

3. Sebnitz in Sachsen - Standort eines neuen Industriezweiges

3.1 Historischer Abriss der Region Sebnitz vor Einzug der Kunstblumenindustrie

Sebnitz nach dem gleichnamigen Flüsschen „zebnica“ = Finkenbach, benannt, ist aus einer Dorfsiedlung im Zuge der Ostkolonisation im 12. Jahrhundert hervor gegangen. Die Stadt liegt in einer von vielen Höhenzügen durchbrochenen Landschaft zwischen Lausitz und Elbsandsteingebirge nahe der sächsisch-böhmischen Grenze. Der Marktplatz bildet als zentraler Teil das Zentrum der Stadt, wobei die umliegenden Stadtteile eine Höhendifferenz von etwa 120 m ergeben. Die Gestaltung des Marktplatzes als zentralen Ort zeugt von einer planmäßigen Gründung. Schon auf Grund der Gebirgslage ist ersichtlich, dass der Anbau von landwirtschaftlichen Getreidesorten erschwerend wirkte. Schon frühzeitig produzierten Handwerker in den verschiedensten Sparten Waren für den eigenen Bedarf und für Konsu- menten der Stadt- und Dorfbevölkerung. Die Einwohner von Sebnitz unterhielten etliche Handwerke, wobei einige Branchen sich in Innungen zusammenschlossen. Im Jahr 1699 existierten 12 Fleischer bei einer Einwohnerzahl von nur 1000 Personen. Jedoch bestand die größte Gruppe der Handwerker aus Leinewebern, welche auch überregionale Konsu- mentenkreise erschließen konnten und relativ große Bedeutung erlangten.13

Natürliche Veranlassung für die Garnherstellung war der hier betriebene Flachsan- bau. Günstige klimatische Voraussetzungen trugen zur Ausdehnung des Flachsanbaus bei. Vor allem im Erzgebirge und der Oberlausitz entwickelte sich diesbezüglich das Textilge- werbe in besonderer Weise. Ab wann die Leineweber mit ihrer Tätigkeit begannen, ist nicht bekannt, aber über mehrere Jahrhunderte blühte in Sebnitz die Leineweberei. Der größte Teil der Bevölkerung war in diesem Handwerk beschäftigt. Registriert wurde, dass „ im Jahre 1509 die Gebrüder von Schleinitz zu Sebnitz dem Weberhandwerk die Innungsartikel bestätigt hatte.“ 14 Im Jahr 1790 umfasste sie etwa 300 Meister, 120 Gesellen und 30 Lehr- linge auf ungefähr 1000 Webstühlen. Die mithelfenden Familienmitglieder sind hier nicht mit gerechnet. Ende des 18. Jahrhunderts lebten etwa 2000 Einwohner in Sebnitz, so dass aus den genannten Zahlen eindeutig hervor geht, dass die Leineweberei einen beträchtli- chen Teil des Handwerks ausmachte. Trotz der nachteiligen Randlage von Sebnitz gelang es Sebnitzer Leineweber schon im Laufe des 16. Jahrhunderts ihre Waren in bedeutenden Handelsstädten wie Nürnberg oder Augsburg zu verkaufen. Meist besuchten sie diese Märkte nicht selbst. Auf Grundlage des Verlagssystems, indem auswärtige kapitalkräftige Handelsherren als Verleger fungierten, veräußerten diese Vermittler ihre Waren auf regiona- len Märkten. Auch wohlhabende Webermeister aus der Region arbeiteten sich als Verleger empor und verkauften Leinen der Sebnitzer Leineweber. Auf der Leipziger Messe orderte man schon Ende des 16. Jahrhunderts Bestellungen und schloss Lieferverträge ab. Der Han- del mit sächsischer Leinewand warf hohe Gewinne ab, so dass die meisten Innungsmitglie- der ein gutes Einkommen hatten. Reglementierung seitens der Weberinnung führte zu einer vertretbaren Anzahl von Meistern. Es gab Bestimmungen, wie viele Lehrlinge pro Jahr aus- gebildet werden konnten und es wurden die Anzahl der Webstühle in einer Meisterwerkstatt vorgeschrieben.15 Bis zum Niedergang der Handweberei arrangierte man sich nicht nur in räumlicher Nähe, sondern orientierte sich ebenfalls auf überregionalen Märkten bekannter Handelsstädte. Dieser Erfahrungshorizont sollte in zukünftiger Zeit sehr hilfreich sein, denn auch in Sebnitz begann der technische Wandel. Im nächsten Kapitel wird der Übergang von der vorindustriellen traditionellen Arbeit zur modernen Industriegesellschaft thematisiert.

3.2 Voraussetzungen für die Industrialisierung in diesem Gebiet

Das industrielle Zeitalter, welches in Sebnitz schon im Jahr 1826 mit der Konzessionsertei- lung und Anlegung einer „englischen Patent-Papierfabrik“ einherging, war der Start einer raschen Entwicklung in dieser Region. Papiermühlen gab es bereits im Mittelalter, aber jetzt hielt die erste maschinelle Papierfabrik im Königreich Sachsen Einzug. Die Gründer, Kaufleute aus der hiesigen Gegend, handelten schon erfolgreich mit handgewebter Leine- wand und suchten nun auf Grund der großen Konkurrenz eine neue Erwerbsquelle.

Es zeichneten sich mehrere ökonomische Aspekte ab, die einen grundlegenden Wan- del in Wirtschaft und Gesellschaft hervor riefen. Ende des 18. Jahrhunderts erlebte der bis- her erfolgreiche Warenabsatz eine Zäsur. Zum einen war der Umsatz mit Leinen stark von der Mode abhängig, so dass ein großer Teil der Weber in ihrer gewohnten Arbeitsweise nicht flexibel genug reagieren konnten und sich die Auftragslage verschlechterte. Politische Ereignisse wirkten sich auch hier im entferntesten Winkel von Sachsen aus. Die durch den französischen Kaiser Napoleon 1806 verhängte Ausfuhrsperre verhinderte den Handel mit England. Die sozialen Folgen der lohnabhängigen Weber steigerten sich zunehmend in Ar- beitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit. Auch Kredithilfe des sächsischen Königs für die Faktoristen änderte nur wenig an deren wirtschaftlich schlechten Situation. Die Auswir- kungen politischer Fehlentscheidungen bekam Sachsen besonders zu spüren, denn Napole- ons Russlandzug war gescheitert und das zurück kehrende Heer überflutete Sachsen. Das Königreich Sachsen hatte sich auf die Seite Napoleons gestellt und ein Großteil der Solda- ten aus der hiesigen Region rekrutiert.16

„Die Tilgung der durch die napoleonischen Kriege verursachten Schulden der Kommune Seb- nitz zog sich über Jahrzehnte hin. […] Bis Ende 1839 waren die Schulden auf reichlich 700 Ta- ler reduziert.“ 17

[...]


1 Vgl. Literatur: Hahn, Hans-Werner: Die industrielle Revolution in Deutschland, ; Kiesewetter, Hubert: Industrielle Revolution in Deutschland, Regionen als Wachstumsmotoren,Stuttgart 2004

2 Schober, Manfred (2003): Sebnitz, S. 43

3 Rostow, W. Walt (1967): Stadien des wirtschaftlichen Wachstums, S. 18ff.

4 Ebd. S. 24

5 Kiesewetter, Hubert (1982): Bevölkerungswachstum während der Industrialisierung im Königreich Sachsen 1815-1871 in: Scripta Mercaturae, 16. Jahrg., Heft 1, 1982, S. 79-108, hier S. 85

6 Kiesewetter, Hubert (2004): Industrielle Revolution in Deutschland, S. 22

7 Ebd. S. 21 f.

8 Ebd. S. 23

9 Kiesewetter, Hubert (2004): Industrielle Revolution in Deutschland, S. 23 u. Haase, Ralf (2009): Wirtschaft und Verkehr in Sachsen im 19. Jahrhundert, S. 64

10 Karlsch/Schäfer (2006): Wirtschaftsgeschichte Sachsens im Industriezeitalter, S. 14 ff.

11 Banken, Ralf (2003): Die Industrialisierung der Saarregion 1815-1914, S. 13

12 Ebd.

13 Zwischen Sebnitz, Hinterhermsdorf und den Zschirnsteinen, S. 16 ff.

14 Schober, Manfred (1991): Sebnitz in alten Ansichten, o.S.

15 Schober, Manfred (2003): Sebnitz, S. 14 f.

16 Rat der Stadt Sebnitz (1990): 750 Jahre Sebnitz - aus der Geschichte der Kunstblumenstadt, S. 13 f. und Haase, Ralf (2009): Wirtschaft und Verkehr in Sachsen im 19. Jahrhundert, 53

17 Rat der Stadt Sebnitz (1990): 750 Jahr Sebnitz - aus der Geschichte der Kunstblumenstadt S. 15

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Entstehung und Konsolidierung der Kunstblumenindustrie im 19. Jahrhundert in der Stadt Sebnitz im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Lehrgebiet Neuere Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
27
Katalognummer
V334848
ISBN (eBook)
9783668246447
ISBN (Buch)
9783668246454
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, konsolidierung, kunstblumenindustrie, jahrhundert, stadt, sebnitz, grenzgebiet
Arbeit zitieren
Claudia Christine Stosik (Autor), 2013, Entstehung und Konsolidierung der Kunstblumenindustrie im 19. Jahrhundert in der Stadt Sebnitz im sächsisch-böhmischen Grenzgebiet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/334848

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