Die Kindersegnung nach dem Markusevangelium. Exegese von Markus 10,13-16 (Lutherübersetzung)


Seminararbeit, 2016
34 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Annäherung an den Text

3 Textkritik
3.1 Übersetzungsvergleich anhand ausgewählter Bibelübersetzungen
3.2 Bezugnahme auf den Urtext

4 Textanalyse
4.1 Abgrenzung des Kinderevangeliums
4.2 Sprachliche Auffälligkeiten und Textkohärenz der Perikope
4.3 Gliederung von Markus 10, 13-16

5 Begriffserklärungen
5.1 Kinder
5.2 Segen
5.3 Reich Gottes

6 Entstehungsgeschichte der Perikope
6.1 Literarkritik
6.1.1 Synoptischer Vergleich
6.1.2 Parallele in der apokryphen Schrift des Thomasevangeliums
6.2 Formgeschichte
6.3 Redaktionsgeschichte
6.3.1 Exkurs zum Markusevangelium
6.3.2 Verortung der Perikope im Kontext des Evangeliums

7 Wirkungsgeschichte

8 Gesamtinterpretation

9 Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anlage 1: Bibeltext Markus 10,13-16 (Luther 1984)

Anlage 2: Aufbau des Markusevangelium (Broer und Weidemann 2011)

Anlage 3: tabellarische Gliederung der Bibelstelle

Anlage 4: Übersetzungsvergleich

Anlage 5: Synoptischer Vergleich (Luther 1984)

Anlage 6: Auszug aus dem Thomasevangelium (Logion 22)

Selbstständigkeitserklärung

1 Einleitung

„Kinder sind unsere Zukunft.“

Unabhängig des Fachgebietes, dieses Sprichwort kann wohl niemand wiederlegen. Auch für uns als Kirche stellt der Nachwuchs die Zukunft, um deren und dessen Wohl wir besorgt seien sollten, dar. Bereits in biblischer Zeit wurde sich um Kinder gesorgt und man vertraute sie Gott an, damit sie gesegnet durchs Leben gehen1. Auch Jesus widmete seine Aufmerksamkeit Kindern und segnete sie, was wir unter anderem in den synoptischen Evangelien belegt finden2.

In der Debatte über das Thema der Säuglingstaufe beziehen sich einige auf die Bibelstelle der Kindersegnung3 und bieten auf dieser Grundlage den Eltern die Kindersegnung als Überbrückung bis zur religiösen Mündigkeit des Kindes an. Somit haben die Eltern die Möglichkeit ihrem Kind die Entscheidung über ein Leben mit Jesus zu überlassen und geben ihm dennoch Gottes Gnade, Schutz und Güte mit auf den Weg. Hierbei ist ausdrücklich zu betonen, dass eine Kindersegnung kein Ersatz für eine Taufe darstellt.

Bei Säuglingstaufen im Allgemeinen wird wohl kein anderer Bibeltext so oft als Predigtgrundlage genommen wie das Kinderevangelium. Bei Taufgottesdiensten wird diese Perikope auf viele verschiedene Weisen ausgelegt. Beispielsweise dass die Kinder gerade wegen ihrer Schuldlosigkeit zum Reich Gottes gehören, über das eben ihre Naivität und Unkenntnis sie in Jesu Augen schutzbedürftig macht. Ebenso geläufig ist die Auslegung, dass unsere Gesellschaft zu verklemmt und förmlich ist und dass auch die „Großen“ kindlicher werden sollten.

Aufgrund dessen liegt dieser neutestamentlichen Exegese die Thematik der Kindersegnung zugrunde. Der Text des Markusevangeliums wurde gewählt, da dieser aus dem ältesten überlieferten Evangelium entstammt4 und somit aufgrund seiner zeitlichen Nähe zu den Begebenheiten vermutlich der authentischste ist. Des Weiteren wurde er auch auf Grund seiner allgemeinen Bekanntheit und Vieldeutigkeit gewählt.

2 Annäherung an den Text

Bei der ersten Betrachtung dieses Textes5 kommen dem Leser bereits mehrere Fragen, zu diesem doch sehr geläufigen Text. So ergeben sich bereits im Vers 13 die Fragen nach den Personen, welche die Kinder zu Jesus bringen und nicht näher vorgestellt werden, ebenso fragwürdig ist der Grund für die Abweisung durch die Jünger. Auch die darauffolgende Reaktion Jesus ist erstaunlich, da er die Jünger sofort zurückweist und ihnen im Vers 15 offenbart wie falsch ihr Handeln in Anbetracht des Reiches Gottes war.

Dieser Text erscheint auf den ersten Blick recht schlicht aufgebaut und leicht verständlich, mit der einfachen Aussage in den Vers 14f in welchen Jesus zu den Anwesenden sagt, dass den Kindern das Reich Gottes gehört und sie es nur empfangen können wie Kinder6.

Im Reflektieren des Textes nach dem Lesen entstehen weitere Fragen, welche für die Bedeutung des Textes jedoch grundlegend erscheinen. Begründet durch die Entwicklung des Zeitgeistes wäre zunächst zu klären, was ein Kind damals darstellte, in Bezug auf das Lebensalter, die Lebensumstände und der gesellschaftlichen Stellung. Des Weiteren ist auch die Begrifflichkeit des Segens eine offene, da dieser als guter Wunsch eine ideelle, aber auch eine für den Gesegneten existenzielle Bedeutung7, wie in Verbindung mit dem Erstgeburtsrecht8 ausdrücken kann. Darüber hinaus besteht Klärungsbedarf der Adressatenschaft Jesus und Markus und welche Aussageabsicht sich hinter dem Text verbirgt.9

3 Textkritik

3.1 Übersetzungsvergleich anhand ausgewählter Bibelübersetzungen

Um einen Überblick über die Bedeutungsvielfalt des Textes zu erlangen, werden verschiedene Bibelübersetzungen miteinander verglichen. Dieser Vergleich wird auf der Grundlage der Bibelübersetzungen von Martin Luther (revidierte Fassung 1984) (LUT) sowie der aktuellen Elberfelder Übersetzung (ELB), außerdem der Neues Leben Übersetzung (NLB) und unter Bezugnahme auf die Volxbibel (VLX) durchgeführt. Der Luthertext soll aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades in der Bevölkerung in dieser Arbeit die Grundlage bilden. Als eine besonders exakte und urtextnahe Übersetzung10 gilt die ELB, aufgrund dessen ist sie für einen Übersetzungsvergleich unerlässlich. Um ein breiteres Spektrum an Eindrücken von der Bedeutung des Textes zu erhalten, wird auf die alltagsprachliche11 NLB und die freie kreative jugendgemäße Form12 der VLX eingegangen.

Im Vers 13 wird von den äußeren Umständen des Geschehens berichtet, welche darin bestehen, dass Kinder von irgendjemanden zu Jesus gebracht werden. Bereits hier zeigen sich Unterschiede in den Übersetzungen. Während LUT und ELB es offen lassen, wer die Kinder zu Jesus bringt, wird in diesem Zusammenhang in der NLB von den Eltern und in der VLX von den Müttern berichtet. Durch die Zuschreibung, wer Jesus die Kinder bringt, wird gleichzeitig eine Aussage über das Alter bzw. die Verfassung des Kindes getätigt, da ein kleines bzw. junges Kind in der Regel von seinen Eltern bzw. seiner Mutter geführt und angeleitet wird, so könnten ältere Kinder durch einen Lehrer oder andere Personen zu Jesus gebracht werden. Bemerkenswert ist, dass keine der Übersetzungen eine genauere Beschreibung der Kinder liefert. Einen weiteren Unterschied stellt die Absicht dar, mit welcher die Kinder zu Jesus gebracht werden. So ist bei der LUT und der ELB von „anrühren“ die Rede, was im Sinne des im Urtext stehenden Begriffes „hạptō“ bedeutet, dass etwas berührt wird, um einen verändernden Einfluss auf einen selbst oder etwas herbei zu führen13. Dagegen sprechen die NLB von „berühren und segnen“ und die VLX von „für sie beten und sie segnen“. Im Hinblick auf den Urtext ist diese Übersetzung konkreter als „sie anrühren“ und auch leserfreundlicher. Außerdem stellt die VLX mit ihrer Ergänzung des „für sie beten“ eine intensivere Beziehung zwischen den Müttern und den Kindern dar, da sie das an sich kräftige Anliegen der Kindersegnung nochmals verstärkt. Die NLB wiederum lässt die Frage offen, was mit dem zusätzlichen Berühren neben der Segenshandlung der Kinder bezweckt werden soll. Man könnte vermuten, dass damit ebenso eine Verstärkung erhofft wird. Interessant ist ebenso die Reaktion der Jünger, welche in den Übersetzungen unterschiedlich stark ausfällt. ELB und LUT schildern eine stark abweisende Handlung, während die NLB eine höfliche, jedoch eine abweisende Haltung und die VLX eine geradezu aggressive Handlung suggeriert. Durch diese unterschiedliche Darstellung der Reaktion der Jünger wird beim Leser jeweils eine andere Sicht auf sie aufgebaut und somit auch ein anderes Verständnis für das folgende Logion.

Das im Vers 14 beginnende Logion wird zunächst mit der Beschreibung Jesu Haltung gegenüber der vorangegangenen Handlung eingeleitet. Von einer zwar widerwilligen, aber ruhigen Reaktion wird in der ELB und LUT mit den Worten „unwillig und sprach“ berichtet.

Dagegen zeigt die NLB eine durchaus stärkere Gefühlsregung Jesu, welche durch die Wortwahl „sehr verärgert“ vermittelt wird. Die VLX arbeitet weiter in ihrem zu Hyperbeln neigenden Stil und beschreibt die Reaktion Jesu mit „ supersauer und brüllte sie an“, was beim Leser eine stärkere eigene Betroffenheit hinterlässt als die ELB, LUT und NLB. Eine weitere Auffälligkeit der VLX ist die Einfügung einer Wertigkeit der Kinder durch Jesu mit den Worten „Sie haben bei mir immer Vorzug“, ebenso ist bei LUT das Logion ein Satz, bei den anderen Übersetzung jedoch wird mit Ausrufezeichen und Kommas eine andere, nachdrücklichere Betonung hervorgerufen. Beim Leser entsteht durch diese unterschiedliche Stilistik ein näherer Bezug zum Text. Die Begrifflichkeit des „Reich Gottes“ wird im Folgenden noch erschlossen und vom Urtext her betrachtet. An dieser Stelle sei jedoch der Unterschied zwischen VLX und den anderen Übersetzungen vermerkt, da sie nicht vom „Reich Gottes“ sondern von einem „neuen Land, wo Gott das Sagen hat“ spricht. Aufgrund des historischen und innerbiblischen Prozesses, welchem die Vorstellung vom „Reich Gottes“ unterlag, kann man diesen nicht ohne weiteres die Beschreibung mit Gott als über Allen stehendem Herrscher als Definition zuteilwerden lassen.

Eine große Frage werfen die unterschiedlichen Übersetzungen von Vers 15 auf, da LUT und ELB von „[empfangen bzw. annehmen] wie ein Kind“ sprechen, während die NLB von „Glauben hat wie [ein Kind]“, so wie die VLX von „glaubensmäßig nicht so draufkommt wie so ein Kind“ spricht. Die lesernahen Übersetzungen vermitteln den Eindruck, dass sich der Glaube nicht entwickeln dürfe und man auf der Stufe des kindlichen Glaubens verbleiben sollte. Im Gegensatz dazu sprechen die textnahen Übersetzungen von der Herangehensweise, gewissermaßen der Entwicklungsstufe des Glauben, also einer Unvoreingenommenheit gegenüber Gottes Reichs, von welchem sich das Bild verändern, schärfen kann.

Den Abschluss der Perikope bildet die Segenshandlung in Vers16, welche in der LUT, ELB und NLB mit einer Umarmung der Kinder beginnt und durch das Handauflegen und die Segnung endet. In der VLX wird von einer intensiven Umarmung der Kinder und einem Gebet berichtet, jedoch die angestrebte Segenshandlung der Mütter in Vers 13 findet nicht statt.

Es bleibt festzuhalten, dass alle vier Übersetzungen die inhaltliche Grundlinie der Perikope besitzen und sie sich lediglich in Bezug auf die Wirkung auf den Leser unterscheiden. Aufgrund der zehn Regeln der Textkritik nach Stefan Schreiber14 lässt sich bereits festhalten, dass LUT und ELB dem Urtext am nächsten sind, da sie zum einen die kürzeren Versionen darstellen und zum anderen sich aus ihnen die Übersetzung der NLB und VLX ableiten lassen. Diese Unstimmigkeiten zwischen den Übersetzungen lassen sich aus ihrer Entstehung und ihrer Zielsetzung erklären. So entstand die VLX aus einem Projekt, welches vom Begründer der Jesus Freaks initiiert wurde und das darin bestand eine jugendfreundliche Übersetzung unter Mitwirkung von Jugendlichen über eine Internetplattform zu erstellen. Sie basiert bereits auf einem deutschen Text und ist keine Übersetzung aus dem Griechischen15. Ebenso entstand die NLB mit der Absicht im heutigen Deutsch geschrieben zu werden und dennoch so urtextnah wie möglich zu sein. Daher wurde sie aus diversen ursprachlichen Bibeln übersetzt (z.B.: „Biblia Hebraica Stuttgartensia“, „Novum Testamentum Gaece“ u. a.)16. Dem entgegen entstand die LUT im Zuge der Reformation, mit dem Ziel den Menschen die Heilige Schrift in ihrer Sprache zugänglich zu machen und ihnen die Emanzipation von Rom, quasi dem Papsttum und der katholischen Weltansicht zu ermöglichen17. Die ELB wiederrum entstand Mitte des 19 Jh. mit der Absicht so urtextnah wie möglich zu werden. Darin liegt auch der Unterschied zwischen LUT und ELB begründet, welcher sich lediglich in der Stilistik des Textes nicht aber in der Aussage des selbigen wiederfindet. Trotz der hohen Texttreue der Übersetzungen könnten Abweichungen vorhanden sein, welche die Aussageabsicht der Perikope unterschiedlich darstellen. Daher lohnt sich ein Blick in den Urtext zum besseren Textverständnis.

3.2 Bezugnahme auf den Urtext

Alle Übersetzungen stimmen im Vers 13 überein, dass Kinder zu Jesus gebracht werden, jedoch wird das Alter der Kinder offen gelassen, was für die Aussageabsicht essenziell sein kann. Im Urtext wird hier das Wort „paidịon“ verwendet, was so viel bedeutet wie Kindchen, Kleinkind oder Säugling und nicht Kind, was mit dem Wort „pạịs“ ausgedrückt wird18. Bereits im Urtext ist nicht beschrieben, wer die Kinder zu Jesus brachte. Dennoch liegt nahe, dass es die Eltern waren19, da in der Parallelstelle in Lukas 18,15 von kleinen Kindern die Rede ist, was uns auch der Urtext des Markusevangeliums bestätigt. In Bezug auf die Reaktion der Jünger gehen die Übersetzungen jedoch auseinander. Im Urtext findet hier das Wort „epitimạō“ Verwendung, welches eine wirkungslose Zurechtweisung beschreibt20. Dieses Wort wird ebenfalls in der Apostelgeschichte im Zusammenhang mit der damaligen Taufpraxis gebraucht21, was die Vermutung nahelegt, dass bereits damals eine Debatte über das Thema der Säuglings- bzw. Kindstaufe in den Gemeinden geführt wurde22.

Die Tatsache, dass Jesus über dieses Eingreifen der Jünger nicht sonderlich erbaut ist, sowie seine Aufforderung den Kindern das „zu ihm kommen“ nicht zu verwehren, sind wiederrum eindeutig aus dem Urtext übernommen. Jedoch der Begriff des Reiches Gottes in Vers 14 ist nicht eindeutig, da er verschiedene Bedeutungen besitzen kann, in der Übersetzung kann der Begriff „basilẹịa“ so viel bedeuten wie Königreich, wie Königsherrschaft oder Reich Gottes23. Des Weiteren unterlag diese Begrifflichkeit auch einem historischen Prozess, welcher das Verständnis prägte24. Auf diese wird an späterer Stelle noch einmal eingegangen. Mit der Einleitung des Verses 15 durch das Wort „amēn“ wird eine starke Wahrhaftigkeit der kommenden Worte ausgedrückt sowie die göttliche Vollmacht Jesus25.

4 Textanalyse

4.1 Abgrenzung des Kinderevangeliums

Das zehnte Kapitel des Evangeliums wird mit einer in sich geschlossenen Lehre vor einer großen Menge an Menschen über die Ehescheidung eröffnet, welche mit einer separaten Jüngerbelehrung in den Versen 10ff endet und mit dem Wiederaufgreifen des Motives der Kinder wird in Vers 13 ein neuer Text begonnen. Ebenso zeigt sich die Änderung der Situation auch an der Lokalität des Geschehens. Während die Handlung in Markus 10,10-12 in einem Haus stattfindet, ist anzunehmen, dass Vers 13 wiederum an den Beginn des Kapitels anknüpft, also an eine Situation in welcher Jesus vor vielen Menschen predigt. Diese Öffentlichkeit lässt erst die Möglichkeit des einfachen Herantretens an Jesus zu und würde auch das Ausbleiben einer genaueren Vorstellung der Personen erklären, welche die Kinder zu ihm bringen. Mit Vers 16 schließt den Text der Kindersegnung ab, dies ist anhand der Segenshandlung, welche bis heute auch die Funktion eines Abschiedes, beispielsweise im Gottesdienst, besitzt26 und des Ortswechsels in Vers 17 zu erkennen. Anschließend wird von der Begegnung mit dem reichen Jüngling und vom Lohn der Nachfolge berichtet. Daher ist aufgrund der in sich geschlossenen Lokalität und dem Motivwechsel die Perikope auf die Verse 13 bis 16 zu begrenzen, was auch in der sprachlichen Gestaltung des Textes zum Ausdruck kommt.

4.2 Sprachliche Auffälligkeiten und Textkohärenz der Perikope

Die Perikope wird eingerahmt durch das semantische Feld von „anrühren“ (Vers 13), „Hände auflegen“ (Vers 16) und „segnen (Vers 16)“ dadurch entsteht die in sich geschlossene Einheit des Textes. Durch dieses semantische Feld drückt sich außerdem eine enge Verbundenheit zwischen Jesus und den Kindern aus27.

Ein weiteres Wortfeld bildet die Reaktion der Jünger durch das Verb „anfahren“ (Vers 13) und Christi Reaktion durch die Adjektiv-Verb-Verbindung „unwillig sein“ (Vers 14), was eine Kohärenz zwischen den beiden Versen herstellt. Die Verwendung des Wortes „unwillig“ an dieser Stelle (Vers 14) ist bemerkenswert, da es nur an dieser Stelle im gesamten Markusevangelium Verwendung findet und mehr einen Zustand von Wut oder Grimm gegenüber Krankheiten oder verhärteten Menschen beschreibt28. Aufgrund der Alleinstellung des Wortes im gesamten Evangelium wird ein Schwerpunkt gesetzt, welcher die eschatologische Umkehr der Dinge29 in den Mittelpunkt rückt. Das geschieht ebenfalls durch die emotionale Beschreibung Jesu Reaktion auf die abweisende Haltung der Jünger.

Die Begriffe „gehören“ (Vers 14), „empfangen“ (Vers 15) und „hineinkommen“ (Vers 15) bilden ein weiteres semantisches Feld, durch welches die beiden Verse verbunden werden Durch die Wiederholung der Begrifflichkeit des Reiches Gottes in den Versen 14 und 15 wird eine inhaltliche Gewichtung vorgenommen, welche das Logion zum Schwerpunkt der Handlung macht. Mit der Einführung eines Konditionalsatzes am Ende des Verses 15, wird dem Logion noch einmal Nachdruck verliehen und dessen Aussage erhält einen Absolutheitsanspruch.

Ebenso ist der erzählende Teil kurz gefasst. Er dient am Anfang lediglich der Orientierung in der Handlung und am Ende als Abschluss des Textes. In der Perikope erfolgt die Erzählung aus einer neutralen Erzählperspektive, welche nur die äußeren Gegebenheiten schildert und nichts über den inneren Zustand der Akteure verrät. Da von dieser Begebenheit lange Zeit nach dem sie stattfand berichtet wird, nimmt der Evangelist eine passive Perspektive zu dem Geschehen ein. Das Logion wiederum ist als direkte Rede in den Text eingearbeitet und wird durch die beiden Imperative „lasset“ und „wehret ihnen nicht“ eingeleitet. Eine Frage wirft die zweite Aussage Jesus aus dem Urtext heraus betrachtet auf, da „hōs paidion“ (wie ein Kind) aus dem Nominativ heraus betrachtet bedeutet, es kindlich anzunehmen, also eine Aufforderung darstellt ein Kind zu werden. Die Formulierung kann aus dem Akkusativ heraus jedoch auch bedeuten, dass man die Herrschaft Gottes annehmen soll, so wie man ein Kind aufnehmen würde30.

Aufgrund der drei Wortfelder, der wiederholten Verwendung des Begriffes „Reich Gottes“ und des gleichbleibenden Tempus der Handlungsschilderung kann man feststellen, dass der Text in sich kohärent ist. In Bezug auf die Verortung im Markusevangelium bleibt festzuhalten, dass die Perikope vom Inhalt her logisch eingesetzt ist, da im Kontext Probleme in einer Gemeinde beschrieben werden. Die Kohärenz im Gesamtkontext wird außerdem dadurch hervorgerufen, dass das Motiv des Kindes bereits vorher im Evangelium verwendet wird und die Perikope an einen Text über die Ehe anschließt. Dennoch fällt sie aus dem Rahmen, durch das Ausbleiben einer Jüngerbelehrung und die Verwendung des Wortes unwillig.31

4.3 Gliederung von Markus 10, 13-16

Aufgrund der Verbindung durch semantische Felder und der Wiederholung von Worten innerhalb des Textes leitet sich folgende Gliederung für denselben ab. Die vier Verse der Perikope enthalten lediglich einen Spannungsbogen, in welchem das Logion der Verse 14 und 15 eine zentrale Stellung einnimmt. Der Spannungsbogen wird durch eine Beschreibung der äußeren Umstände der Begebenheit im Vers 13 eingeleitet. Anschließend folgt die verbale Reaktion Christi in Vers 14f. auf seine Jünger und einem darauf erfolgenden Verweis auf die Ewigkeit. Durch Jesus Aussage über die Zugänglichkeit des Reichs Gottes für Kinder wird das Heranbringen der Kinder aus Vers 13 und Jesu Unwillen aus Vers 14 legitimiert. Als Abschluss der Perikope folgt nun die Segenshandlung im Vers 1632.

5 Begriffserklärungen

Mehrere in der Perikope verwendete Begriffe haben aufgrund von gesellschaftlichen, historischen und oder wissenschaftlichen Entwicklungen heutzutage eine veränderte Bedeutung als zu der Zeit, in welcher die geschilderte Begebenheit spielt. Im Folgenden wird auf den Begriff der „Kinder“ bzw. deren Unterschied zu Erwachsenen eingegangen, da Kinder von jeder Gesellschaftsepoche anders gesehen wurden. Die Begrifflichkeit vom „Reich Gottes“ unterlag ebenfalls vielen Veränderungen, was deren Bedeutung und Vorstellung angeht.

[...]


1 Beispiele für die Segnung bzw. das „Anbefehlen“ von Kindern: 1.Sam 1,20-28; Ps 127,3-5

2 Mt 19,13-15; Mk 10,13-16; Lk 18,15-17

3 Lührmann u. a. 1987, 172

4 Schreiber. 2014, 43

5 siehe Anlage 1: Bibeltext Markus 10,13-16 (Luther 1984)

6 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart (Hrsg.). 2007, Mk 10,14f.

7 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart (Hrsg.). 2007, 1927f.

8 vgl. Jakob und Esau; Gen 27,1-40

9 siehe Anlage 4: Übersetzungsvergleich

10 Wendel (Hrsg.). 2015, 30

11 Wendel (Hrsg.). 2015, 31

12 Wendel (Hrsg.). 2015, 31

13 Klement/Maier, Philippus (Hrsg.). 2015, Sprachschlüssel NT 672

14 Schreiber. 2014, 324f.

15 Dreyer. 2008, III

16 Hänssler Verlag (Hrsg.). 2007, 7

17 Jenssen/Trebs. 1981, 425ff.

18 Klement/Maier, Philippus (Hrsg.). 2015, Sprachschlüssel NT 3664

19 Gnilka u.a. (Hrsg.). 1979, 80

20 Klement/Maier, Philippus (Hrsg.). 2015, Sprachschlüssel NT 1993

21 Gnilka u.a. (Hrsg.). 1979,80f.

22 Gnilka u.a. (Hrsg.). 1979,80f.

23 Klement/Maier, Philippus (Hrsg.). 2015, Sprachschlüssel NT 924

24 Horn/Nüssel, Friederike (Hrsg.). 2008, 996ff.

25 Klement/Maier, Philippus (Hrsg.). 2015, Sprachschlüssel NT 279

26 Baer/Gaede, Peter-Matthias (Hrsg.). 2007, 723f.

27 Dschulnigg/Stegemann. 2007, 273

28 Schweizer. 1981, 111

29 Grundmann. 1980,274

30 Dschulnigg/Stegemann. 2007, 272

31 siehe Anlage 3: tabellarische Gliederung der Bibelstelle

32 Lührmann u. a. 1987, 172

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Die Kindersegnung nach dem Markusevangelium. Exegese von Markus 10,13-16 (Lutherübersetzung)
Autor
Jahr
2016
Seiten
34
Katalognummer
V335056
ISBN (eBook)
9783668249769
ISBN (Buch)
9783668249776
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindersegnung, markusevangelium, exegese, markus, lutherübersetzung
Arbeit zitieren
Alexander Przyborowski (Autor), 2016, Die Kindersegnung nach dem Markusevangelium. Exegese von Markus 10,13-16 (Lutherübersetzung), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335056

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kindersegnung nach dem Markusevangelium. Exegese von Markus 10,13-16 (Lutherübersetzung)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden