Kein literarisches Werk der französischen Résistance-Bewegung ist so populär geworden wie Vercors’ „Le Silence de la Mer“. Aufgrund seiner Vieldeutigkeit und hohen Symbolkraft vereint es den Aufruf zum Widerstand gegen die dt. Besatzung mit literarischem Anspruch. Unabhängig davon spiegelt Vercors’ Werk das Lebensgefühl einer nicht traditionellen französischen Familie auf dem Land und ihren persönlichen Umgang mit der deutschen Besatzung wider. Durch eine authentische Darstellung der Protagonisten ermöglicht Vercors dem Leser eine Identifikation mit den Charakteren und erzielt daher einen hohen Grad an Authentizität.
Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht jedoch nicht allein die bereits vielfach durchgeführte, aber dennoch nicht vollständig abgeschlossene Analyse der Symbolkraft von Vercors’ Werk. Vielmehr wird der analytische Blick auf den Kulturkontakt, ein bisher in der Literaturwissenschaft selten untersuchtes Thema, gelenkt. Ausgangspunkt ist hierbei die Annahme, dass die in „Le Silence de la Mer“ vorkommenden Protagonisten, das heißt der französische Erzähler, seine mit ihm in einem Haus lebende Nichte und der bei ihnen einquartierte deutsche Offizier Werner von Ebrannac, ein fester Bestandteil ihrer jeweiligen Kulturen sind. Unter dieser Prämisse treten sie, im Rahmen der besonderen Besatzungssituation, in Kontakt mit Vertretern der jeweils anderen, während des Zweiten Weltkriegs sogar verfeindeten Kultur, wobei es zwangsläufig zu einem Kulturkontakt kommt.
Das Ziel des 2. Kapitels der vorliegenden Arbeit ist die Definition der für die folgende Analyse relevanten Fachbegriffe. Außerdem soll durch die Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Kulturkontakt‘ ein Beitrag zu dessen genauerer Definierbarkeit geleistet werden. Im 3. Kapitel der Arbeit wird der Kulturkontakt in „Le Silence de la Mer“ unter Zuhilfenahme relevanter Sekundärliteratur analysiert. Hier wird unterschieden zwischen der Untersuchung der Voraussetzungen, unter denen der Kulturkontakt abläuft und der Analyse des eigentlichen kulturellen Kontakts sowie seiner Auswirkungen auf die Beteiligten. Abgerundet wird die vorliegende Arbeit durch eine Zusammenfassung der Analyseergebnisse und einen Ausblick auf weitere interessante Analyseansätze, die in dieser Arbeit unberücksichtigt bleiben mussten. Des Weiteren wird im letzten Kapitel dieser Arbeit darauf eingegangen, ob es sich tatsächlich um einen Kulturkontakt handelt und welche Wirkungen dieser auf die Protagonisten hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1 Die Novelle
2.2 Kultur, Stereotype, kulturelle Identität und Kulturkontakt
2.2.1 Kultur
2.2.2 Stereotype
2.2.3 Kulturelle Identität
2.2.4 Kulturkontakt
3. Analyse des Kulturkontakts und seiner Darstellung in Le Silence de la Mer
3.1 Die Voraussetzungen des Kulturkontakts in der Novelle
3.2 Der Beginn des Kulturkontakts und die Sicht der Kulturen aufeinander
3.3 Der Verlauf des Kulturkontakts und die Veränderungen im Verhältnis der Protagonisten
4. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Kulturkontakts in Vercors’ Novelle „Le Silence de la Mer“ vor dem Hintergrund der deutschen Besatzungszeit in Frankreich. Ziel ist es, die spezifischen Dynamiken, die durch das Zusammentreffen der Protagonisten entstehen, unter Berücksichtigung von Stereotypen, Identitätskonzepten und der besonderen Raumsituation zu analysieren.
- Definition und theoretische Einordnung zentraler Begriffe wie Novelle, Kultur und Kulturkontakt.
- Analyse der Besatzungssituation als maßgebliche Voraussetzung für den unfreiwilligen Kulturkontakt.
- Untersuchung der räumlichen Inszenierung als „microcosme de la France“ und dessen Einfluss auf die Interaktion.
- Reflektion der Machtverhältnisse und der psychologischen Entwicklung der Protagonisten durch Werners Monologe.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Voraussetzungen des Kulturkontakts in der Novelle
Bevor der Ablauf des Kulturkontakts in Le Silence de la Mer und die durch ihn hervorgerufenen Veränderungen analysiert werden, sollen in diesem Kapitel zunächst die Bedingungen, unter denen der Kulturkontakt stattfindet, untersucht werden. Die wichtigste Voraussetzung für das Zustandekommen des Kulturkontakts zwischen dem französischen Mann, seiner Nichte und dem deutschen Offizier ist der ablaufende Zweite Weltkrieg und die sich daraus ergebende Besatzungssituation in Frankreich.
Das Haus der Franzosen in Le Silence de la Mer liegt vermutlich in dem besetzen Teil von Frankreich. Bereits am Anfang des Werkes wird deutlich, dass die Präsenz des deutschen Militärs in dem Gebiet, in dem die Franzosen leben, üblich zu sein scheint, beispielsweise durch die Einquartierung deutscher Soldaten in französische Haushalte, so wie es mit dem deutschen Offizier Werner von Ebrannac in dieser Novelle geschieht. Aus dieser Situation ergibt sich ein unfreiwilliger Kulturkontakt. Dass der Erzähler und seine Nichte den Deutschen nur unfreiwillig bei sich aufnehmen, äußert sich beispielsweise in ihrer stillschweigenden Übereinkunft „nichts – und wäre es die geringste Einzelheit – an [ihrer] Lebensart zu ändern: als gäbe es den Offizier gar nicht, als wäre er ein Gespenst“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk Vercors’ ein und begründet den Fokus auf das bisher wenig untersuchte Thema des Kulturkontakts innerhalb der Erzählung.
2. Begriffsdefinitionen: Dieses Kapitel definiert die für die Analyse grundlegenden Begriffe: die Gattung der Novelle, Kultur, Stereotype, kulturelle Identität und Kulturkontakt.
3. Analyse des Kulturkontakts und seiner Darstellung in Le Silence de la Mer: Der Hauptteil analysiert die historischen Voraussetzungen, den Beginn der Interaktion sowie den Verlauf des Kontakts unter dem Aspekt der Machtausübung und psychologischen Beeinflussung.
4. Zusammenfassung und Ausblick: Hier werden die Ergebnisse der Analyse synthetisiert und das Fehlen eines tatsächlichen interkulturellen Austausches konstatiert, während Ansätze für weitere Forschungen aufgezeigt werden.
Schlüsselwörter
Kulturkontakt, Vercors, Le Silence de la Mer, Besatzungszeit, französische Literatur, deutsche Besatzung, Stereotype, kulturelle Identität, Machtverhältnisse, Widerstand, Novelle, interkulturelle Begegnung, deutsche Wehrmacht, Identitätsbildung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des Kulturkontakts in Vercors’ berühmter Novelle „Le Silence de la Mer“ und wie dieser durch die spezifische Besatzungssituation geprägt ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Theorie des Kulturkontakts, die Rolle von Stereotypen in interkulturellen Begegnungen, die Bedeutung der räumlichen Umgebung sowie die Machtdynamik zwischen den Akteuren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Kulturkontakt zwischen dem französischen Erzähler, seiner Nichte und dem deutschen Offizier Werner von Ebrannac wissenschaftlich zu durchdringen und die Veränderungen im Verhalten der Protagonisten zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse unter Einbeziehung relevanter sozialpsychologischer Fachbegriffe und kulturwissenschaftlicher Theorien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Voraussetzungen des Kontakts durch die Besatzungssituation erläutert, gefolgt von einer Untersuchung des Beginns der Begegnung und einer tiefgehenden Analyse der Interaktionsverläufe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Kulturkontakt, Besatzungszeit, Stereotype, kulturelle Identität und Widerstand.
Warum spielt der Ort des Geschehens eine so wichtige Rolle für den Kulturkontakt?
Das Haus, insbesondere das „pièce témoin“, fungiert als ein Mikrokosmos Frankreichs. Die dort vorhandenen Gegenstände dienen als Stimulus für Werners Monologe und ermöglichen so überhaupt erst den Kontakt zur französischen Kultur.
Welche Bedeutung hat das Schweigen der französischen Protagonisten?
Das Schweigen ist einerseits ein Akt des Widerstands gegen den Besatzer, wird aber im Verlauf der Erzählung zunehmend vom Offizier kontrolliert und als Instrument zur Unterdrückung umgedeutet.
- Quote paper
- Isabel Mund (Author), 2013, Vercors’ "Le Silence de la Mer". Eine Novelle des Kulturkontakts zwischen Frankreich und Deutschland während der Besatzungszeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335226