Das Privatsprachenargument (PU §§ 235-315) und das Problem invertierter Qualia


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die private Sprache

III. Das Problem des Wissens vom Fremdpsychischen

IV. Eine Theorie der Bedeutung

V. Ein Argument gegen die Kommunikationsskepsis

VI. Schlussbetrachtung

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Weit verbreitet ist die Annahme, psychische Eigenschaften seien einzig im Rah- men einer erste-Personen-Ontologie beschreibbar. Daraus würde folgen, dass Ge- fühle nur einer Person - nämlich dem Empfindenden - direkt zugänglich sind. Aus einer solchen Sichtweise leitet sich notwendigerweise eine starker Subjekti- vismus ab, der die Existenz anderer Ich-Individuen zwar nicht leugnet, aber be- zweifelt. Denn wenn ich nur von mir weiß, was z.B. Freude bedeutet, kann ich nicht wissen, ob es bei einem anderen dieselbe Bedeutung annimmt oder über- haupt vorhanden ist. Man kann von diesem Zweifel an der Existenz von Fremd- psychischem solange nicht lassen, wie ich nicht davon überzeugt bin, dass Bedeu- tungsmuster universal sind. Zumindest auf Begriffe, die ihr Korrelat an physi- schen Gegenständen haben, sind die Bedeutungen durchaus universal. Wenn es al- lerdings um psychische Gegenständen geht, ist die Auffassung verbreitet, diese würden ihre Bedeutung durch einen introspektiven Vorgang erhalten. Insofern sei nur jeweils einem gegeben, zu wissen, was ein Gefühlsausdruck (z.B. der des „Schmerzes“) bedeutet. Es wäre demzufolge aber völlig unklar, ob ein Empfin- dungsausdruck stets mit demselben phänomenalen Gehalt korrespondiert. Wollte man an der Annahme festhalten, die Bedeutung zumindest einiger Begriffe würde subjektiv bestimmt, so müsste man eingestehen, dass es völlig unmöglich ist, Ge- wissheit darüber zu erlangen, ob Farbeindrücke z.B. invertiert sind, d.h. ob nicht etwa bei zwei Personen dieselbe Farbtafel unterschiedlicher Qualität für die Be- trachter ist. Denn schließlich sei es unmöglich, fremde Empfindungen nachzuvoll- ziehen, weil diese eine individuell unterschiedliche Bedeutung erhalten könnten. In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, den oben dargestellten Standpunkt mithilfe des von Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen entwickelten Privatsprachenarguments zu entkräften. Der Autor geht davon aus, dass eine wesentliche Absicht Wittgensteins gewesen ist, zu zeigen, dass Erkennt- nis von Fremdpsychischen gegeben sei. Es sei demnach möglich zu wissen, dass die Empfindungen eines anderen Menschen nicht völlig anders geartet seien als die eigenen. In der Tat vermeint man schließlich, die Empfindungen anderer nach- vollziehen zu können. Wäre dies nicht möglich, könnte man durchaus berechtig- terweise den Standpunkt einnehmen, die Empfindungssprache sei eine private Sprache, d.h. nur ich sei in der Lage zu begreifen, was das Wort „Schmerz“ bedeu- tet. Aber die Erfahrungen in der Lebenswelt stehen dieser Ansicht entgegen. Denn immerhin glaubt man, dass ein Gefühl nicht etwas sei, von dem nur ich wisse, was es ist; ganz im Gegenteil seinen Gefühle nicht privater, sondern öffentlicher Natur. Ihre Bedeutung werde nicht individuell festgelegt, sondern durch den sozialen Gebrauch manifestiert.

Das Ziel der Arbeit besteht darin, den Argumentationsverlauf des als Privatspra- chen-Argument bekannten Abschnitts (PU §§235-315) aus den Philosophischen Untersuchungen nachzuzeichnen und aufzuweisen, dass Wittgenstein einen Lö- sungsvorschlag geliefert hat, welcher erlaubt, die mit der Vorstellung einer Privat- sprache einhergehende Kommunikationsskepsis zu überwinden. Diese Kommuni- kationskepsis bezeichnet den Umstand, im Ungewissen zu sein, ob die Phänome- nalität von Empfindungen ein unbegrenztes Spektrum beansprucht oder der Um- fang der Bedeutungen begrenzt ist. Wittgenstein befürwortet die zweite Alternati- ve, wonach es eine begrenzte Anzahl sozial implementierter Bedeutungen von Empfindungswörtern gibt. So will diese Arbeit zeigen, dass ein invertiertes Farb- spektrum nicht vorliegt, dass ferner Empfindungen aus der dritte-Personen-Per- spektive zugänglich sind.

Zunächst wird das Konzept einer Privatsprache als Kontrastfolie der nachfolgen- den Untersuchung dargestellt werden. Im dritten Kapitel wird Wittgensteins Ver- ständnis von „Bedeutung“ vorgestellt, anhand dessen schließlich dem Problem des Wissens von Fremdpsychischen und dessen Lösung sich zugewandt wird.

II. Die private Sprache

Wenn Wittgenstein von der privaten Sprache spricht, so meint er damit nicht eine Sprache, die eine Einzelperson kreiert hat und monologisierend gebraucht. In ei- nem solchen Fall würden die bereits existierenden grammatikalischen Strukturen lediglich in die eigene Sprache übernommen. Somit wäre es jedem möglich, diese Sprache zu erlernen, weil die zu erlernende Sprache die Bedeutungsmuster beibe- halten hat. Diese Muster orientieren sich an objektiven Standards, welche durch eine soziale Kommunikationspraxis sich etablieren. Insofern ist es möglich, den eigenen Sprachgebrauch anhand des allgemeinen Sprachgebrauch zu validieren. Diese Möglichkeit aber sei nicht gegeben, wenn die Verwendung eines Begriffes unter subjektiven Kriterien erfolgt. Solche Kriterien meint man anzuwenden, wenn die Ausdrücke, die man verwendet, sich auf mentale Zustände beziehen. Die dieser Praxis zugrunde liegende Annahme geht davon aus, dass Empfindungen grundsätzlich anders beschaffen seinen als Entitäten der äußeren Welt, ja dass geradezu ein Gegensatz zwischen diesen und psychischen Entitäten besteht. Dieser Standpunkt ist kein anderer als der Cartesische, welcher der res cogitans die res extensa gegenüberstellt.1 Die private Sprache ist also lediglich eine konsequente Weiterentwicklung des Cartesianismus. Wie dieser nehmen die Vertreter der Pri- vatsprache an, dass psychische Phänomene einer anderen Sphäre angehören als äußere Gegenstände. Denn anders als diese seien sie nur jeweils einem zugäng- lich, nämlich dem Empfindenden, Fühlenden. Nur dieser könne wissen, was eine Empfindungswort bedeutet. Er müsse lediglich seine Aufmerksamkeit auf das be- treffende Gefühl fokussieren, um zu erfahren, wie dieses beschaffen sei. Anderen hingegen wäre das Verständnis der fremden Empfindungen versagt, weil diese schließlich nicht wissen könnten, wie es sich anfühlt x zu erleben. Man könnte zwar versucht sein, anderen mitzuteilen, wie es mit dem betreffenden x beschaffen sei, aber letzten Endes sei der Urheber der Empfindung x die einzig legitime In- stanz, über die Bedeutung seines Gefühls zu urteilen. Ebenso verhält es sich auch mit Sinneseindrücken. Seltsamerweise kann man sich kohärent über die sinnlich wahrnehmbaren Qualitäten eines äußeren Gegenstandes austauschen, aber man könnte unglücklicherweise niemals in Erfahrung bringen, ob der Gesprächspartner denselben Farbeindruck gehabt hat wie ich. Denn wer könnte mich davon über- zeugen wollen, dass beide dasselbe empfunden haben, wenn schließlich nur man selber wisse, wie es sich anfühlt, einen blauen Himmel zu sehen, Freude zu emp- finden etc. Schließlich besagt eine weitere der Privatsprache zugrunde liegende Annahme, dass Empfindungen vor anderen verborgen seien. Wenngleich es mög- lich ist, einen Gesichtsausdruck dahingehend zu deuten, dass er ein Schmerzemp- finden artikuliert, könne man nichts über die Phänomenalität jener Empfindung wissen. So sei es möglich, dass Qualia vertauscht sind: „Das Wesentliche an priva- ten Erlebnissen ist eigentlich nicht, dass Jeder sein eigenes Exemplar besitzt, son- dern, dass Keiner weiß, ob der Andere auch dies hat, oder etwas anderes.“ (vgl. PU §272) Dies stellt das Problem des Fremdpsychischen dar: Es gibt eine Unge- wissheit darüber, wie die Gefühle bzw. Empfindungen eines Anderen beschaffen sind. Hält man Privatsprachen-Paradigma fest, gibt es für dieses Problem keine Lösung. Wenn man nämlich davon überzeugt ist, dass das Verständnis von Empfindungen subjektiv ist, dann wäre es vermessen, die eigenen Empfindungsqualitäten auf andere zu übertragen.

III. Das Problem des Wissens vom Fremdpsychischen

„Angenommen, es hätte Jeder eine Schachtel, darin wäre etwas, was wir Käfer nennen. Niemand kann je in die Schachtel des Anderen schauen; und jeder sagt, er wisse nur von Anblick seines eigenen Käfers, was ein Käfer ist. - Da könnte es ja sein, dass jeder ein anderes Ding in seiner Schachtel hätte.“ (PU §293)

Es ist etwas Anderes, wissen zu wollen, wie die Gedanken meines Gegenübers be- schaffen sind, als in Erfahrung zu bringen, ob dessen Gefühle anders geartet als die meinen sind. Die Gedanken anderer zu wissen würde nämlich keinerlei Aussa- ge darüber zulassen, wie die sie möglicherweise begleitenden Gefühle aussehen. Denn anders als Gedanken, welche lediglich innere Monologe darstellen, zeichnen Gefühle sich durch Phänomenalität aus: Man kann denselben Gedanken denken, niemals aber dieselbe Empfindung haben. Wenngleich es möglich ist, fremde Emotionen nachzuempfinden, indem man sich in eine fremde Person einfühlt, kann man keinerlei Vergleichsmaßstab anlegen, der es ermöglichen könnte, Ge- fühle als verschieden, gleich, ähnlich anzusprechen. Es ergibt sich daraus das Pro- blem, dass man keine Sicherheit darüber erlangen kann, ob die eigenen Empfin- dungsqualitäten einzigartig seien. Wäre dies aber der Fall, so ist es merkwürdig, wie trotzdem Äußerungen über psychische Zustände sinnhaft sein können. Viel- leicht ist dies deshalb möglich, weil aufgrund von Konventionen sich auf die Ver- wendung bestimmter Namen geeinigt worden ist. Sehen zwei Person z.B. dieselbe Lampe und sollen nun deren Beschaffenheit beschreiben: Wie kommt es dazu, dass beide konform mit den Aussagen des jeweils anderen gehen? Solange eine der beiden Personen nicht farbenblind ist, liegt eine Einigung immer vor: Der Lampenschirm ist schwarz, der Lampenständer metallisch. Nichtsdestoweniger kann man nicht mit Sicherheit angeben, ob der Andere, derweil er die Lampe be- trachtet, nicht etwa statt Schwarz Blau wahrnimmt, oder gar eine Farbe, welche vorzustellen unmöglich ist, weil sie jenseits dessen liegt, was in meinem eigenen Spektrum vorhanden ist.

[...]


1 Das Privatsprachenargument ist oftmals als anti-cartesianische Polemik aufgefasst worden. Entgegen dieser Ansicht aber bestreitet Wittgenstein etwa nicht, das Introspektion nicht möglich sei, weil es eines Objekts ermangele, sondern er wendet sich gegen die Auffassung, mentale Zustände seien nur von einer bestimmten Beschreibungsebene aus zugänglich. Die Absicht, die Wittgenstein verfolgt, ist zu zeigen, dass die Grammatik, die sich bei der Empfindungssprache aufzwingen will, falsch sei. Vgl. PU §304

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Privatsprachenargument (PU §§ 235-315) und das Problem invertierter Qualia
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Wittgenstein Philosophische Untersuchungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V335269
ISBN (eBook)
9783668251748
ISBN (Buch)
9783668251755
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wittgenstein, Privatsprachenargument, Qualia, Philosophische Untersuchungen
Arbeit zitieren
Tom Lippke (Autor), 2015, Das Privatsprachenargument (PU §§ 235-315) und das Problem invertierter Qualia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335269

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Privatsprachenargument (PU §§ 235-315) und das Problem invertierter Qualia



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden