Das Code-Switching bei bilingualen Sprechern. Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?


Hausarbeit, 2014
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bilinguale Sprachkompetenz
2.1 Definitionen des Begriffs Bilingualismus
2.2 Bilingual Bootstrapping

3. Das Konzept des Code-Switching

4. Code-Switching – Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?
4.1 Einstellungen zum Bilingualismus und zum Code-Switching in der Forschung
4.2 Gründe für das Code-Switching
4.3 Beispiel für den bewussten Einsatz des Code-Switching

5. Schlussfolgerung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan forderte in seiner Rede in Düsseldorf (2011), dass die türkischstämmigen Kinder in Deutschland zunächst die türkische Muttersprache, und anschließend die deutsche Sprache lernen sollten, da sie ansonsten, wenn sie beide Sprachen simultan erwerben, sich in einem Status des „Semilingualismus“ befinden und beide Sprachen vermischen (Sadigh 2011). Eine Aussage, die besonders schmerzhaft für eine trilinguale Per­son wie mich ist, die auch bilingual aufgewachsen ist.

Tayyip Erdogan steht jedoch mit seiner negativen Haltung nicht alleine und vertritt eine sehr gängige Meinung der Gesellschaft und der Forschung. Grund für diese negative Einstellung gegenüber bilingual aufwachsenden Kindern seitens der monolingualen Sprecher ist die Tat­sache, dass sie das natürliche Phänomen der Sprachmischung bei bilingualen Sprechern als ein Defizit empfinden: Keine der beiden Sprachen scheint richtig erworben zu sein, wenn bi­linguale Sprecher sich nicht ausdrücken können ohne auf sprachliche Elemente der jeweils anderen Sprache zurückzugreifen. Diese Ansicht, die uns Bilingualen alltäglich oder auch in der Wissenschaft (vgl z.B. Cummins 1979) begegnet, ist oft Grund zur Selbstzweifel: Bin ich nun, da ich die türkische und deutsche Sprache gleichzeitig gelernt habe und beim Sprechen mit anderen Bilingualen sprachliche Elemente vermische, als Semilingual zu bezeichnen? Habe ich deswegen wie weitere bilingual Aufgewachsene eine fehlende Sprachkompetenz?

Genau mit dieser Fragestellung beschäftigt sich diese Hausarbeit aus psycho- und soziolin­guistischer Sicht indem sie Bilingualismus und Code-Switching im Allgemeinen untersucht. Dabei bedient sie sich dem theoretischen Ansatz, welcher hauptsächlich auf die Forschung des Psycholinguisten Francois Grosjean (1982, 2008), früherer Lehrstuhlinhaber der linguisti­schen Fakultät der University of Neuchatel, sowie Dr. Ira Gawlitzek und Prof. Dr. Rosemarie Tracy (1996, 2010), beide Lehrbeauftragte an der Universität Mannheim, zurückzuführen ist. In diesem Sinne wird diese Hausarbeit zunächst alternative Definitionen des Begriffs Bilin­gualismus gegenüberstellen um anschließend durch die Metapher des Bilingual Bootstrapping den Prozess des Zweispracherwerbs zu erläutern. Danach gilt der Fokus dem Konzept des Code-Switching im Hinblick auf Begrifflichkeit, Gründe und wandelnder Einstellungen in der Wissenschaft. Schließlich belegen Beispiele, dass das Code-Switching einer Regelmäßigkeit unterliegt und nicht als ein Defizit des bilingualen Sprechers anzusehen ist.

In diesem Zusammenhang wäre es sicherlich äußerst hilfreich gewesen, mit eigenen empiri­schen Studien die Theorie zu belegen, jedoch hätten weitere Ausführungen den Rahmen die­ser Hausarbeit gesprengt.

2. Bilinguale Sprachkompetenz

2.1 Definitionen des Begriffs Bilingualismus

Die Bedeutung des Begriffs Bilingualismus (oder Zweisprachigkeit genannt) scheint zunächst trivial zu sein, denn in jedem Wörterbuch oder Lexikon wird eine ähnliche Begriffserklärung geliefert: Es ist die Fähigkeit des Sprechers zwei Sprachen zu sprechen (Paradis 2004: 234). Jedoch wird bei näherer Erforschung dieser und ähnlicher Erklärungen evident, dass diese im Grunde sehr unpräzis sind. Sie beantworten beispielsweise nicht die Frage, ob beide Sprachen in gleichem Maße gesprochen werden müssen, damit der Sprecher als bilingual gilt und ab welchem Grad eine Sprache so gut beherrscht wird, dass sie als Muttersprache gilt.

Dadurch, dass die meisten Erklärungsversuche diesen Fragen nicht gerecht werden, erschwert sich der Versuch dem Terminus eine bestimmte Definition zuzuordnen, die von der Allge­meinheit akzeptiert und keiner Kritik unterzogen wäre. Baetens Beardsmore (1986: 1) be­schreibt den Bilingualismus als „a concept [which] has open-ended semantics“ und unter­streicht somit die Komplexität dieses Phänomens. Tatsächlich gibt es in der linguistischen Forschung sehr viele mögliche Definitionen des Begriffs und es kommen kontinuierlich neue hinzu. Anstatt dass diese jedoch eine Klarheit und Übersicht verschaffen, betonen sie unter­schiedliche Eigenschaften oder widersprechen sich sogar. Selbst innerhalb einer möglichen Definition gibt es Widersprüche, wie in dem Versuch Bloomfields (1935) den Terminus de­skriptiv darzustellen:

In the cases where this perfect foreign-language learning is not accompanied by loss of the native lan­guage, it results in bilingualism, native-like control of two languages. After early childhood few people have enough muscular and nervous freedom or enough opportunity and leisure to reach per­fection in a foreign language; yet bilingualism of this kind is commoner than one might suppose, both in cases like those of our immigrants and as a result of travel, foreign study, or similar association. Of course one cannot define a degree of perfection at which a good foreign speaker becomes a bilingual: the distinction is relative. (Bloomfield 1935: 55f.)

Bloomfield (1935: 55) beschreibt den Bilingualismus zunächst als „native-like control of two languages“ und im nächsten Schritt widerspricht er seiner eigenen Aussage, indem er hinzu­fügt: „[O]ne cannot define a degree of perfection […] the distinction is relative“ (Bloomfield 1935: 56). Wenn also dieser Aussage nach der Perfektionslevel des Erwerbs einer Sprache, der den monolingualen Sprecher zu einem bilingualen Sprecher macht, nicht beurteilt werden kann, wie soll dann festgestellt werden, ob zwei Sprachen in solch einem Grad beherrscht werden, dass sie als „native-like“ - also genauso gut wie ein Muttersprachler – bezeichnet werden können? Darauf gibt Bloomfield (1935) keine Antwort, jedoch wird durch seine Definition eindeutig, dass Sprachen, die auch nach der frühen Kindheit erworben werden – beispielsweise durch Immigration oder Reisen in fremdsprachige Länder – den Sprecher zu einem bilingualen Sprecher machen.

Ein weiterer wichtiger Vertreter der Soziolinguistik, William Mackey (1970), liefert eine wei­tere Definition des Bilingualismus, indem er das Konzept als „the alternate use of two or more languages by the same individual“ (1970: 292) beschreibt. Folgend definiert er zwar ebenso wie Bloomfield (1935) nicht, inwiefern die Kompetenz und Performanz der Sprachen ausge­prägt sein müssen, damit sie den Sprecher zu einem bilingualen Sprecher machen, jedoch gibt er vier distinktive Bereiche an, mithilfe derer man den Bilingualismus beschreiben könnte:

Bilingualism is a behavioral pattern of mutually modifying linguistic practices varying in degree, function, alternation and interference. It is in terms of these four inherent characteristics that bilin­gualism may be described. (Mackey 1970: 292)

Somit geht Mackey (1970) von der Annahme aus, dass der Sprecher nicht alle Sprachen in gleichem Maße beherrschen kann und dass diese in sich in Grad, Funktion, Häufigkeit des Gebrauchs und in der Sprachinterferenz unterscheiden. Er gibt für jeden einzelnen dieser Be­reiche bestimmte Muster, anhand derer man messen kann, welche Sprache ausgeprägter be­herrscht wird (1970: 292). So schlägt er beispielsweise vor, dass man den Sprecher einem Sprachtest unterziehen sollte, um den Grad der Beherrschung der unterschiedlichen Sprachen zu messen:

[To determine how bilingual the speaker is] includes separate tests for comprehension and expression in both the oral and written forms of each language, for the bilingual may not have an equal mastery of all four basic skills in both languages. (Mackey 1970: 293)

Die verschiedenen Ansätze den Begriff „Bilingualismus“ zu definieren zeigen, dass es zwar eine Vorstellung der Bedeutung des Terminus gibt, die Interpretation dieser jedoch subjektiv sein kann (Baetens Beardsmore 1986: 3f.). Baetens Beardsmore (1986: 3f.) resultiert daraus, dass der Anspruch auf eine eindeutige Definition des Begriffs nicht notwendig ist, da dieser nicht im Sinne einer allgemeinen Zufriedenheit wäre.

Somit soll in dieser Hausarbeit, ohne Anspruch auf eine allgemeine Zufriedenheit und Voll­ständigkeit, die Begriffserläuterung von Gawlitzek-Maiwald & Tracy (2000) einem besseren Verständnis dienen um ihre darauf folgende Theorie zu Bilingual Bootstrapping (1996) besser zu verstehen:

Ein bilinguales Individuum beherrscht zwei sprachliche Kenntnissysteme in einem Ausmaß, das es ihm gestattet mit monolingualen Sprechern der einen oder anderen Sprache in einem ‚monolingualen Modus’, d.h. in der Sprache des Gesprächspartners zu kommunizieren. Bei Bedarf, d.h. im Umgang mit mehrsprachigen Kommunikationspartnern, kann sich ein bilinguales Individuum der Ressourcen des ‚bilingualen’ Modus bedienen, d.h. ein beide Sprachen umfassendes Repertoire ausschöpfen, wo­bei es zu intensiven Formen des Mischens oder Code-switching kommen kann. (Gawlitzek-Mai­wald & Tracy 2000: 497)

Resultierend lässt sich sagen, dass nach Gawlitzek-Maiwald & Tracy (2000) der Begriff des Bilingualismus die Anforderung beinhaltet, dass der Sprecher je nach seinem Gesprächspart­ner zwischen einem „monolingualen“ und „bilingualen“ Modus alternierend kommunizieren kann, wobei es dabei auch zu einer Sprachmischung zwischen beiden Sprachen kommen kann.

2.2 Bilingual Bootstrapping

Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996: 903) beschreiben den frühkindlichen bilingualen Sprach­erwerb mit der Metapher des Bilingual Bootstrapping. Sie sind der Meinung, dass die in Spra­che A erworbene Kompetenz „booster function“ für Sprache B hat, d.h. Kompetenzen aus der Semantik, Phonologie/Prosodie und Syntax der Sprache A werden beim Erwerb der Sprache B übertragen und helfen dem Erwerb der zweiten Sprache (Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996: 903):

We subscribe to the view that the child’s hypothesis space is a priori restricted by the psychological equivalent of universal grammar (UG). […] [C]hildren must construct a level of representation that is sufficiently abstract. If they do not succeed in segmenting the continuous stream of speech into units or cannot identify candidates for categories […], UG is not help to them. […] [W]hat the learner needs to accomplish is some kind of initial bootstrapping, a metaphor borrowed from software tech­nology, where ‘a partially written compiler could be used to compile extensions of itself’ […] We would like to use [this metaphor] in the following sense: something that has been acquired in lan­guage A fulfils a booster function for language B […] [W]e would at least expect a temporary pool­ing of resources. (Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996: 903)

Wie dieser Prozess des simultanen Erwerbs geschieht, unterliegt in der soziolinguistischen Forschung widersprüchlichen Meinungen. Die erste Ansicht ist die One-System Hypothesis, die auf Schaubild 1 nach Gawlitzek-Maiwald & Tracy (1996) dargestellt wird. Diese besagt, dass Kinder beide Sprachen als ein gemischtes System erwerben. Das Kind übersetzt also zu­nächst noch nicht auf der lexikalischen Ebene und besitzt nur ein Konzept für die Regeln der Syntax beider Sprachen („Time A“, Schaubild 1). In einer zweiten Phase („Time B“, Schaubild 1) erwerben sie lexikalische Äquivalente, aber unterscheiden weiterhin keine syntaktischen Regeln. Die Separation in zwei unterschiedliche syntaktische und lexikalische Systeme erfolgt dann zu einem späteren Zeitpunkt („Time C“, Schaubild 1) (Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996: 906).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Schaubild 1: Graduelle Seperation von zwei Sprachen (aus Gawlitzek-Maiwald&Tracy 1996: 907)

Die opponierende Ansicht der Two-System Hypothesis hingegen besagt, dass Konzepte beider Sprachen von Anfang an als zwei unterschiedliche Systeme erworben werden und dass es kei­ne Beweise dafür gibt, dass es sich auf der Ebene der Sprachkompetenz zunächst um ein ge­mischtes System handelt (Gawlitzek-Maiwald & Tracy 1996: 906).

3. Das Konzept des Code-Switching

Beim bilingualen Sprachgebrauch kann es zu einer Dominanz einer Sprache gegenüber der anderen Sprache kommen, da die Sprachen „personenspezifisch“ oder „aufgabenspezifisch“ benutzt werden (Klein 1987: 25). Wolfgang Klein (1987: 25) zufolge kann „[d]ieses Überge­wicht […] sich auf alle Bereiche der Kommunikation erstrecken, so da[ss] die andere Sprache weithin verloren geht, oder letztere […] für bestimmte Zwecke reserviert“ wird. Die folgende Tabelle nach Stefan Jeuk (2010) stellt die unterschiedlichen Faktoren dar, die solch eine Do­minanz bewirken können:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Titel
Das Code-Switching bei bilingualen Sprechern. Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Proseminar Linguistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
15
Katalognummer
V335565
ISBN (eBook)
9783668254008
ISBN (Buch)
9783668254015
Dateigröße
684 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprache, bilingual, Sprachkompetenz, Zweisprachenerwerb, Code-Switching, Bilingualismus
Arbeit zitieren
Sitem Kolburan (Autor), 2014, Das Code-Switching bei bilingualen Sprechern. Ein Resultat fehlender Sprachkompetenz?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335565

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