Totalitarismus - Mittel zur Verherrlichung der liberalen Demokratie als letzte Antwort der Geschichte?


Seminararbeit, 2004

18 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Totalitarismus
2.1 Entstehung und Verwendung des Begriffs
2.2 Historikerstreit
2.3 Definitionsversuche

3. Kommunismus und Nationalsozialismus im historisch politischen Vergleich
3.1 Imanuel Geiss – Kurzbiographie
3.2 Versuch eines Vergleiches nach Geiss
3.2.1 Gemeinsamkeiten
3.2.2 Unterschiede
3.2.3 Historische Nachwirkungen
3.3 Auseinandersetzung mit Geiss Vergleich

4. Totalitarismus als politisches Mittel
4.1 Kritik an den Totalitarismusauffassungen
4.2 Demokratie als einzige Alternative?

5. Schlussfolgerung
5.1 Zusammenfassung
5.2 Ausblick

6. Literatur

1. Einleitung

„Alle unsere Streitigkeiten entstehen daraus, dass einer dem anderen seine Ansichten aufzwingen will.“ Mahatma Ghandi

Seit Jahrzehnten streiten sich Wissenschaftler in kontroversen Debatten zum Totalitarismus. Zum besonderen Diskussionspunkt, an dem sich die Geister scheiden, wurde der Vergleich zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus als totalitäre Systeme.

Von Auffassungen der Legitimation des Vergleichs bis zur scharfen Ablehnung ergab sich das breite Spektrum der Ansichten. Aufgrund der noch nicht gefundenen allgemeingültigen Totalitarismusdefinition - trotz langjähriger Diskurse – gestaltet sich ein Konsens sehr schwierig.

Im Kontext meiner Darstellung verfolge ich die Fragen: Welche verschiedenen Totalitarismusauffassungen finde ich? Was stellt Imanuel Geiss in seinem Vergleich von Kommunismus und Nationalsozialismus dar? Zu welchem Zweck wird ein solcher Vergleich sinnvoll? Welche weiteren Meinungen existieren zur Thematik?

Zur Beantwortung der Fragen betrachte ich zunächst den Begriff des Totalitarismus in seiner Entstehung, Verwendung und den Erklärungsversuchen, die in der heftigen Kontroverse des Historikerstreites gipfelten. Im Mittelpunkt meiner Darstellung wird die Auseinandersetzung mit den Anschauungen Imanuel Geiss zum Vergleich zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus stehen. Dabei drängen sich Kritikpunkte an den Totalitarismustheorien auf. Die Totalitarismustheorien scheinen heute zum politischen Mittel zur Verherrlichung der liberalen Demokratie zu werden und es muss die Frage gestattet sein, ob die liberale Demokratie als die einzig wahre Alternative für immer und ewig gelten kann.

Zur Thematik des Totalitarismus äußerten sich eine große Anzahl von Historikern und Politologen in Wochenzeitungen, Fachzeitschriften, Sammelbänden und Monographien. Die Kontroversen zum Thema haben bis heute nichts an ihrer Brisanz verloren und stellen für die Wissenschaftler nach wie vor eine Herausforderung dar. Eckhard Jesse versuchte diese in seinem Sammelband „Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ und zieht damit eine Bilanz der bisherigen internationalen Forschungen. Genannt sei auch Hannah Arendt mit ihrer frühen Analyse von totaler Herrschaft in ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, in dem sie „in einer philosophisch geschulten Geschichtsschau nach Gemeinsamkeiten der totalen Herrschaft suchte.“[1] Aber auch Carl Joachim Friedrich und Zwigniew Brzezinski leisteten einen großen Beitrag zur Totalitarismustheorie mit ihrem Aufsatz „Die allgemeinen Merkmale der Diktatur“.

Weitere Publikationen sind von Günther Heydemann und Eckhard Jesse „Diktaturvergleich als Herausforderung“ und von Bernhard Marquardt „Der Totalitarismus – ein gescheitertes Herrschaftssystem“.

2. Totalitarismus

2.1 Entstehung und Verwendung des Begriffs

Der Begriff Totalitarismus wurde erstmals 1923 von Giovanni Amendola aufgegriffen, der den Faschismus als totalitäres System, als „absolute und unkontrollierbare Herrschaft“[2] bezeichnete. „Ausgangspunkt für die Bildung des ursprünglichen Begriffs der totalitären Diktatur war die empirische Erkenntnis, dass sich politische Systeme bzw. Staatsformen herausgebildet hatten, die man zwar geneigt war, als Autokratien zu kennzeichnen, die sich aber gleichwohl in wesentlicher Hinsicht von Autokratien der Vergangenheit, der Tyrannis und der Despotie unterscheiden“[3]

Der damalige italienische Diktator Benito Mussolini verwendete den Begriff des Totalitarismus zur Beschreibung des von ihm geschaffenen Herrschaftssystems des Faschismus, „stato totalitario“[4], der durchaus positiv verstanden wurde.

Der deutsche Jurist Carl Schmitt führte den Begriff in Deutschland ein. Aber schon zwischen den beiden Weltkriegen kristallisierten sich Kritiker des Begriffs heraus, und sie begannen, ihn in seiner heute üblichen negativen Bedeutung zu gebrauchen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden zunehmend kritische Stimmen gegen den Begriff Totalitarismus laut. Aufgrund der Wesensähnlichkeiten der Regierungssysteme des gerade besiegten Nationalsozialismus und des Kommunismus, besonders stalinistischer Prägung, wurde vom Totalitarismus nur noch in negativer Konnation gesprochen.

Franz Borkenau war einer der ersten, der eine Totalitarismusanlayse in seinem 1939 erschienenen Hauptwerk „The Totalitarian Enemy“ mittels des Vergleiches von Nationalsozialismus und Bolschewismus darstellte. Weitere Totalitarismuskonzepte folgten.

Hannah Arendt, die wohl bekannteste Theoretikerin des Totalitarismus, lieferte 1952 ihr Konzept vom Totalitarismus mit ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.“ Zur damaligen Zeit wurde ihr Konzept aber schnell von ihren Kritikern verworfen. „ Eine Reihe von makropolitischen Merkmalen wie z. B. Einheitspartei, monolithischer Machtapparat, Kommunikationsmonopol, Führerkult etc. reichten in wissenschaftlicher Hinsicht nicht aus, um zu klären was eine Gesellschaft sei.“[5]

Es folgten weitere Konzepte von Carl Joachim Friedrich und Zwigniew Brzezinski, deren Definitionen aber auch keine Allgemeingültigkeit erlangten.

In den 50iger und frühen 60iger Jahren, das heißt auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, wurde der Totalitarismusbegriff als politisches Instrument missbraucht. Alle politischen Kräfte in der BRD wurden mobilisiert im Kampf gegen den Kommunismus. Der Totalitarismus diente als Oberbegriff, um den Kommunismus mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen und diesen zu verteufeln. Butterwegge meinte sogar: „Es gab keine geeignetere Konzeption, um das Scheitern der Weimarer Republik als das Resultat einer doppelten Frontstellung (gegenüber Rechts- und Linksextremisten) zu entschuldigen, die geistigen Berührungspunkte des Bürgertums mit dem Nationalsozialismus zu verschleiern und die notwendige Aufarbeitung der NS-Zeit durch Neukonturierung des alten Feindbildes (Kommunisten, Sozialisten) überflüssig zu machen.“[6]

Mit dem Tauwetter des Kalten Krieges wurde die Totalitarismustheorie als gescheitert erklärt und verschwand vorerst wieder in den Schreibtischschubladen der Politologen und Historiker. In der Forschung beschränkte man sich wieder zunehmend auf die vergleichende Analyse der Faschismen.

2.2 Der Historikerstreit

Auf der Suche nach einem neuen deutschen Nationalbewusstsein entfachte sich Mitte der 80iger Jahre eine Kontroverse unter den deutschen Historikern. Ausgelöst durch den Aufsatz von Martin Broszat „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ und von Ernst Nolte „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, entbrannte der Historikerstreit.

Kernthese war, die Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus zu normalisieren. Ernst Nolte beklagte sich, dass die nationalsozialistische Vergangenheit „immer noch lebendiger und kraftvoller zu werden“[7] scheine, anders als andere „normale Vergehen der Vergangenheit.“[8]

[...]


[1] Vetter, Matthias: Terroristische Diktaturen im 20.Jahrhundert, in: Vetter, Matthias(Hrsg.): Terroristische Diktaturen im 20. Jahrhundert. Strukturelemente der nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaft, Opladen 1996, S. 11.

[2] Totalitarismus, in: http://www.definition-info.de (4.06.2004).

[3] Fritze, Lothar: Unschärfen des Totalitarismusbegriff. Methodologische Bemerkungen zu C.J. Friedrichs Begriff der totalitären Diktatur, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1999, S. 306.

[4] Totalitarismus, in: http://www.definition-info.de (4.06.2004).

[5] Totalitarismus, in: http://www.definition-info.de (4.06.2004).

[6] Butterwegge, Christoph: Erklärungsmodelle für Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt, in: http://www.rosa-luxemburg-club.de (4.06.2004).

[7] Nolte, Ernst: Vergangenheit, die nicht vergehen will, in: F.A.Z. vom 6.06.1986.

[8] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Totalitarismus - Mittel zur Verherrlichung der liberalen Demokratie als letzte Antwort der Geschichte?
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,8
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V33570
ISBN (eBook)
9783638340168
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Totalitarismus, Mittel, Verherrlichung, Demokratie, Antwort, Geschichte
Arbeit zitieren
Anne Piegert (Autor), 2004, Totalitarismus - Mittel zur Verherrlichung der liberalen Demokratie als letzte Antwort der Geschichte?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33570

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