"Der Hessische Landbote" von Georg Büchner und seine biblische Intertextualität


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Der Hessische Landbote“ und seine biblische Intertextualität
2.1 Die Zusammenarbeit Büchners mit Friedrich Ludwig Weidig
2.2 Büchners Bezug zum Christentum
2.3 Gründe für die biblischen Einflüsse in „Der hessische Landbote“
2.4 Biblische Intertextualität und ein Versuch einer Analyse
2.5 Direkte Zitate aus der Bibel

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Anfang des 19. Jahrhunderts herrschte in den deutschen Landen, vielleicht unter anderem wegen der Koalitionskriege, ein nicht allzu große Beachtung findender Analphabetismus. Die Klassengesellschaft machte es den Bauern und Handwerkern nahezu unmöglich sich das Lesen, geschweige denn das Schreiben anzueignen bzw. es in ihrem unverrückbaren Status überhaupt für nötig zu befinden. In Alt- bzw. Oberhessen waren es 38,7% der Bevölkerung, bei der weiblichen Unterschicht 31,4% und bei Niedriglöhnern wie Hirten und Schäfer 19,6 %.1 Der Luxus Geschriebenes, wie etwa politische Lyrik und Prosa, entziffern zu können wären also zu hohe und gleichsam unrealistische Erwartungen gewesen. Die Beflissenheit in solchen Dingen war demzufolge nahezu verschwindend gering.

Was jedoch zu jener Zeit noch der Fall war und heute unter anderem 'dank' der Säkularisation nicht mehr ist, war, dass die Bevölkerung verhältnismäßig noch sehr religiös war. Die Religion bestimmte nicht nur die Namensgebungen, sondern auch das tägliche Tun und Treiben der Menschen. Doch woher wusste die ungebildete Schicht - obwohl ein Großteil dieser des Lesens nicht mächtig war - was dem Glauben nach richtig oder falsch zu beurteilen war? Wie es sich heute auch nicht anders verhält, hatte nahezu jede Gemeinde eine Kirche, in denen Messen abgehalten wurden und Predigten zu hören waren. Zu ebenjenen Anlässen erschienen die Menschen damals noch zahlreich und regelmäßig und wussten deshalb viel über die heilige Schrift, die sie so sehr in ihrem Alltag beeinflusste und der sie versuchten zu gehorchen.

Georg Büchner, der den Geruch der französischen Revolution, wie viele andere Studenten seiner Zeit, noch in der Nase hatte und in seiner Heimat Hessen ähnliche Missstände wie im Nachbarland Frankreich mitansehen musste, war sich dessen bewusst. So setzte er mit dem „Hessischen Landboten“ genau dort an, wo die Bevölkerung am empfindlichsten war: An ihrem Glauben und der herrschenden Armutsnot. Die folgende Arbeit soll versuchen darzustellen inwieweit und in welcher Form diese biblische Intertextualität sich in jener Flugschrift wiederfindet. Hierbei wird auch kurz auf die Entstehung eingegangen, der Bezug Georg Büchners zur Religion mithilfe seiner Werke erörtert und anschließend „Der Hessische Landbote“ (HL) im Speziellen betrachtet. Hierbei werden die Arten der Bibelzitate bzw. -vergleiche untersucht und die Gründe hierfür analysiert.

Büchner, der seiner Zeit um einiges voraus gewesen ist, hat die Würdigung, die seinem Werk zusteht, erst spät erlangt, ist dafür aber glücklicherweise ein großer und aktueller Name für die heutige Forschung. Für diese Arbeit im Besonderen waren unter anderem Namen wie Ariane Martin, Roland Borgards sowie auch Gerhard Schaub von Belang.

2. „Der Hessische Landbote“ und seine biblische Intertextualität

Die weit bekannte Flugschrift HL entstammt in ihrer Schlussfassung nicht nur Georg Büchners Feder, auch wenn dieser heute mit seinen Werken, national sowie international, einen weitaus höheren Bekanntheitsgrad als sein Kollege Friedrich Ludwig Weidig erlangt hat. Weidigs Anteile von Büchners abzugrenzen war jedoch eine Aufgabe, mit der sich die Forschung sehr lange beschäftigt hat. Aufgrund des genrespezifischen Eigenschaftes von Flugschriften bezüglich der Anonymität der Autorschaft mussten Zeugenaussagen und verschiedene Exemplare jener Flugschrift hinzugezogen werden.2 Darüber hinaus stellt sich die Frage, was der Grund für die starke Ausprägung des Textstückes mit biblischer Intertextualität sein könnte.

2.1 Die Zusammenarbeit Büchners mit Friedrich Ludwig Weidig

Dass eine Zusammenarbeit mit Weidig stattgefunden hat, ist der heutigen Forschung zwar bekannt; doch weiß man trotzdem die Textanteile an die Autoren nicht genau zuzuschreiben, da leider keinerlei Handschriften überlebt haben.3 Glücklicherweise gibt es aber Zeugenaussagen, so zum Beispiel unter anderem die des August Becker, einem Journalisten und Freund Georg Büchners. Diese Tatsache und die philologischen Analysen erlauben mancherlei Schlüsse: Nach Becker stamme der Titel von Weidig, sowie auch der dem eigentlichen Text vorangestellte „Vorbericht“, von dem allerdings auch angenommen wird, dass er möglicherweise Büchners Unterschrift trägt.4 Darüber hinaus soll nach Becker Büchner sich gegen alle Reichen ausgesprochen haben, während Weidig diese Auffassung mit seiner nachträglichen Änderung lediglich auf die Vornehmen begrenzt haben soll. Das heißt gegen jene, die ihr Reichtum ihrer Herkunft bzw. ihrem Stand zu verdanken hatten - doch ohne den wohlhabenden Bürgertum.5 Weiterhin sollen nach Becker auch die Bibelzitate ausschließlich von Weidig stammen.6 Zwar spricht seine kurzzeitige Beschäftigung als protestantischer Pfarrer in Ober-Gleen für diese Behauptung; doch ist sie bis heute nicht mit Beweisen belegt.7 Entgegen Beckers Behauptung vor Gericht haben sich einige Philologen mit der Möglichkeit, dass Büchner für die biblische Intertextualität verantwortlich sein könnte, ebenfalls auseinandergesetzt. Gegen Becker spräche beispielsweise die Aussage Kochs, die da besagt, dass Büchner für die Überzeugung „der niederen Volksklassen“8 von der Revolution die Religion als ein geeignetes Mittel empfand.9 Gegen die alleinige Verantwortung Weidigs spricht sich auch Martin aus. Ihrer Ansicht nach seien die Bibelstellen aus der ersten Hälfte des Textes überwiegend Büchner, die aus der zweiten Weidig zuzuordnen.10 Nicht zu vergessen ist außerdem, dass Büchner, aufgrund seines sechs Jahre währenden Besuches eines protestantischen Gymnasiums in Darmstadt, sich sehr wohl in der Bibel auskannte und auch wie in seinen zukünftigen Werken dieses Wissen als für ihn typische Quellenarbeit zu Nutze machen konnte.11

Alles in allem wird davon ausgegangen, dass Büchner die Urfassung geschrieben und Weidig sie dann überarbeitet hat. Auch wenn Büchner im großen Maße über die Veränderung aufgebracht gewesen sein mag, hat er es im Endeffekt dabei belassen und das Vorhaben im Sinne der Sache nicht boykottiert.12

2.2 Büchners Bezug zum Christentum

Das Wissen um Georg Büchners Religiosität ist sehr schlecht bestellt. Zwar weiß man, dass er lutherisch getauft wurde und natürlich auch eine entsprechende Erziehung genoss; jedoch gibt es weder ein Zeugnis dafür, dass er je etwas über seine Religiosität sagte, noch explizit in seinen Briefen schrieb.13 Gleichwohl hat sich Büchner nie zum Atheistischen Weltbild bekannt.14 Nichtsdestotrotz sind biblische Elemente, die ab und zu in den Briefen in Erscheinung treten, sehr rar gesät und haben eher den Charakter von rhetorischen Faktoren, als dass sie irgendeine religiöse Überzeugung vertreten. Daher gibt es wohl oder übel nicht viele Möglichkeiten, außer seine hinterlassenen Werke auf ihren biblischen Gehalt zu überprüfen und ihre Verwendung versuchen auf den Verfasser zu projizieren, um seiner Haltung zur Religion eine etwaige Form verleihen zu können.

Was positiv zu beurteilende Veränderungen bzw. Neuerungen in der Kirchengeschichte im 18. und 19. Jahrhundert anbelangt, lässt Büchner in seiner Arbeit nicht viel durchschimmern. Er macht zeitgeschichtliche Aspekte der Kirche seiner Zeit nicht zum Thema. So zum Beispiel die zur damaligen Zeit aufkommende Erfahrungstheologie (Schleiermacher), die Religion als „Medium der Befreiung“15 oder auch die Entwicklung einer „Theologie der irdischen Glückseligkeit“16. Ebenso soziale Bestrebungen der Christenheit, wie beispielsweise das Versorgen von Mittellosen, Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten und das Betreiben von Erziehungshäusern, bleiben in seiner Arbeit unbeachtet.17

Dass er die zu seiner Zeit moderne Kirche thematisch nicht berührt, heißt aber nicht, dass er das Christentum außer Acht ließe; im Gegensatz - die Religion ist allzeit präsent. Dabei hält er sich jedoch an die altbekannte Schrift, anstatt wie oben bereits angesprochen zeitgeschichtliche Thematiken mit einfließen zu lassen. Der vorherrschende Duktus sowie die Wahl der Szenen haben einen dunklen, morbiden und ja sogar depressiven, aber auch gelegentlich einen spöttischen Anklang. Doch wird die Schrift auch in anderen Facetten gebraucht; so dient sie beispielsweise als Verstärkung für aggressiv-appellative beziehungsweise hetzerische Absichten.

Als ein Exempel für die trübsinnige Nutzung biblischen Wortes steht beispielsweise die siebte Szene aus der kombinierten Werkfassung des unvollendeten Dramas „Woyzeck“. Hier wird in der Vorahnung zum künftigen Geschehen, allerdings im Subtext, das Bild des König Davids mit seiner Bathseba genutzt.18 In Analogie zu jener Begebenheit nimmt der Tambourmajor dem ihm sozial untergestellten Woyzeck seine Marie weg.19 Simultan dazu ist die Stelle an der Oberfläche eine verspottende, da der Professor seinen Unmut über die aussetzende Schönheit der Bathseba äußert, weil aus seiner Position auf dem Dach heraus statt schöne Frauen lediglich die „culs de Paris“ zu sehen sind. Die depressive Färbung mithilfe der heiligen Schrift wird auch in der siebenundzwanzigsten Szene deutlich: Kurz bevor Woyzeck den Mord an Marie begeht, werden von Büchner ihm und seiner Liebsten Worte aus der Offenbarung des Johannes in den Mund gelegt.20 Diese apokalyptischen Bilder aus der Bibel unterstreichen die düstere Atmosphäre sehr gekonnt. Sucht man nach dem spöttischen Beiklang wird man auch in „Danton's Tod“ fündig. Hier spricht Lacroix von den „Nönnlein von der Offenbarung durch das Fleisch“21 und zieht den Ausdruck doppeldeutig in den Bereich des sexuell Anstößigen. In ebenjenem Stück wird die hetzerische Nutzung der Bibelworte auch gewahr. Robespierre deutet auf die göttliche Macht des Volkes hin, indem er ihn mit niemandem geringeren als Gott selbst vergleicht: Er offenbare sich unter Blitzstrahlen und Donnerschlägen.22

Nach den gebrachten Beispielen aus den Werken Büchners lässt sich sagen, dass wie oben bereits erwähnt, er aktuelle Begebenheiten außer Acht lässt. Zudem treten keine eindeutigen Haltungen der Figuren dem Christentum gegenüber auf, das heißt in Bezug auf seine Legitimität oder Richtigkeit.23 Doch auch wenn die Intertextualität seltenst positiv konnotiert ist, soll das nicht heißen, dass Büchner sich von der Religion abweisend distanziert. Vielmehr ist ihm hier der rhetorische Nutzen im Generellen von Belang.24 Soboth zufolge soll die Religion sogar „nicht so sehr als symbolisches Welt- und Selbstwahrnehmungs- und -deutungssystem, ja nicht einmal als Form persönlicher Frömmigkeit oder eines praktizierten Glaubens interessant gewesen“25 sein, „sondern vor allem als ein ideologisches Moment in der politischen Auseinandersetzung.“26

[...]


1 Vgl. Bödeker, Hans Erich und Hinrichs, Ernst (Hrsg.): Alphabetisierung und Literalisierung in Deutschland in der Frühen Neuzeit, Tübingen 1999, S.46-49.

2 Vgl. Martin, Ariane: Georg Büchner, Stuttgart 2007, S. 131.

3 Ebd., sowie

4 Ebd., S. 133

5 Vgl. Wittkowski, Wolfgang: Georg Büchner: Persönlichkeit, Weltbild, Werk, Heidelberg 1978, S. 87.

6 Vgl. Noellner, Friedrich: Actenmäßige Darlegung des wegen Hochverraths eingeleiteten gerichtlichen Verfahrens gegen Pfarrer D. Friedrich Ludwig Weidig […], Darmstadt 1844, S. 423.

7 Vgl. Schaub, Gerhard: Georg Büchner, Friedrich Ludwig, Der Hessische Landbote, in: Wolfgang Frühwald (Hrsg.): Literatur-Kommentare, München 1976, S. 49 ff.

8 Ebd., S. 51.

9 Vgl. Ebd., siehe dazu auch: Brief an Karl Gutzkow von Juni 1836, in: Ariane Martin: Georg Büchner, Sämtliche Werke und Briefe, Stuttgart 2012, S. 364.

10 Vgl. Martin: Georg Büchner, S. 134.

11 Vgl. Schaub: Der Hessische Landbote, S. 51 ff.

12 Vgl. Knapp, Gerhard P.: Georg Büchner, Stuttgart 2000, S. 72.

13 Vgl. Soboth, Christian: Kultur und Wissenschaft: Religion, in: Roland Borgards (Hrsg.): Büchner Handbuch: Leben, Werk, Wirkung, Stuttgart 2009, S. 157.

14 Vgl. Ebd., S. 156.

15 Ebd., S. 157.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Büchner, Georg: Woyzeck, in: Henri Poschmann (Hrsg.): Georg Büchner: Woyzeck, Text und Kommentar, S. 14.

19 Ebd., S. 63.

20 Ebd.; S. 33.

21 Büchner, Georg: Danton's Tod, in: Martin Ariane (Hrsg.): Sämtliche Werke und Briefe, Stuttgart 2012, S. 82.

22 Ebd., S. 72.

23 Vgl. Soboth: Religion, S. 156.

24 Vgl. Ebd., S. 157.

25 Ebd., S. 156.

26 Ebd., S. 156.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Der Hessische Landbote" von Georg Büchner und seine biblische Intertextualität
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Georg Büchner
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V335755
ISBN (eBook)
9783668257474
ISBN (Buch)
9783668257481
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
der hessische landbote, georg büchner, büchner, neuere deutsche literatur, intertextualität, bibel, katholizismus
Arbeit zitieren
Osman Taskiran (Autor), 2013, "Der Hessische Landbote" von Georg Büchner und seine biblische Intertextualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335755

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