Im Folgenden soll erläutert werden, inwiefern der Minnedienst Ulrich von Liechtensteins an seine Dame mit den gängigen Minnediensten jener Zeit einhergeht und was für eine Rolle die Ehefrau dabei spielt.
Dieser Frauendienst wird von ihr nicht erwidert, egal wie sehr Ulrich sich bemüht. Er unterstellt sich der Dame bis zur gänzlichen Selbstaufgabe und macht sich dadurch fast lächerlich. Sein einziges Ziel scheint die Liebe der Herrin zu sein und dafür tut er alles. Diese Handlung passt perfekt in die damalige Form des Minnedienstes; ein Mann versucht, eine ihm höher gestellte Dame für sich zu gewinnen und stellt sich in ihren Dienst. Im Frauendienst gibt es in Bezug auf dieses höfische Ideal aber einen Makel: Ulrich ist, scheinbar glücklich, verheiratet. Diese Ehefrau steht aber seiner Liebe zur Dame nicht im Weg, sie ist nur eine Randfigur. Wie passt sie dann in die Handlung? Ein weiterer Dorn im Auge ist, dass die Herrin ebenfalls verheiratet ist. Nun kommt noch das Motiv des vermeidlichen Ehebruchs in die Geschichte. Dieser wird jedoch nie ausgeführt, da die Dame nicht auf Ulrichs Avancen eingeht. Ulrich hingegen scheint kein Problem mit dem Ehebruch zu haben, er will ja sogar Geschlechtsverkehr mit der Herrin haben.
Zuerst wird das daher das Prinzip des Minnedienstes und dann das der Ehe erläutert. Danach wird anhand des Frauendienst analysiert, wie diese beiden historischen Konzepte im Buch angewendet werden. Es soll argumentiert werden, dass der Frauendienst nur eine Rolle ist, die Ulrich annimmt. Für ihn ist es nicht unüblich, jemand anderen darzustellen. In der Venusfahrt verkleidet er sich komplett als Frau. Somit hat er eine Tendenz zu Rollenspielen. Der Minnedienst ist nur eine weitere öffentliche Darstellung, ein öffentliches Schauspiel. Die Dame steigt in dieses Spiel mit ein, indem sie ihn hinhält und immer wieder Hoffnungen macht, ihn aber nie an sich ranlässt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Minne als Dienstleistung
3. Die Rolle der Ehefrau
4. Minne und Ehe im Frauendienst
4.1. Theoretische Aspekte
4.2. Textanalyse Frauendienst
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, dass der Minnedienst in Ulrich von Liechtensteins Werk Frauendienst als Rollenspiel zu verstehen ist, und analysiert dabei das Spannungsverhältnis zwischen öffentlicher Minne-Darstellung und privater Ehe-Wirklichkeit.
- Das Konzept des höfischen Minnedienstes als performativer Akt.
- Die gesellschaftliche Rolle der Ehefrau im 13. Jahrhundert.
- Die Inszenierung von Männlichkeit durch Verkleidung und Rollenspiel (Venusfahrt).
- Die Bedeutung von Äußerlichkeiten und Körperlichkeit in der Minnedichtung.
- Das Spannungsfeld zwischen öffentlicher Rolle und privater Identität bei Ulrich von Liechtenstein.
Auszug aus dem Buch
4.1. Theoretische Aspekte
Im Frauendienst finden wir sowohl eine Ehefrau als auch eine Minnedame. Im Vordergrund steht aber die Dame, in deren Dienst sich Ulrich stellt. Sie allein bestimmt sein Denken und sein Handeln. Die Ehefrau wird nur beiläufig erwähnt und scheint keine große Rolle zu spielen. Liebertz-Grün bezeichnet das Leben mit der Ehefrau als bequem und Ulrich selbst sagt im Frauendienst, dass das bequeme Leben Zeitverschwendung sei34: „[…] wie swendet er die zit, der durch gemach als ein swin lit!“35 Eming wiederum sieht Minne und Liebe in Ulrich eher „ausgeklammert“36, was bedeutet, dass sie für sie nicht das zentrale Thema der Geschichte sind. Ihrer Meinung nach liegt der Fokus eher auf dem Minnedienst und der Unterlegenheit Ulrichs.37 Sie geht sogar soweit, es „Minnemartyrium“38 zu nennen. Als Beispiel gibt sie die Szene an, in der auf Ulrich uriniert wird. Hier kann man gut erkennen, wie tief Ulrich in seinem Dienst an der Dame steckt und was er bereit ist, dafür auszuhalten.
Münkler definiert den Minnesang eher als Rollenlyrik. Sie meint damit, dass in einem Minnedialog zwei Rollen gespielt werden. Ulrich übernimmt eine Rolle und die Dame übernimmt eine Rolle. Der Rollencharakter tritt besonders in den Liedern hervor. Hier wird deutlich, dass Ulrich eine Rolle annimmt, während er singt. Münkler behauptet weiterhin, dass der Sänger, in dem Falle Ulrich, und die Rolle in dem Lied nicht die gleiche Person sind. Also würde Ulrich nur so tun, als wäre er ein Ritter, der ein Lied für seine Dame schreibt. Mit Gesang kann man Dinge ausdrücken, die man nie sagen würde. Oder andersrum gesagt, mit Singen kann man Dinge ausdrücken, die nicht real sind. Die Geschichte wäre insofern fiktional und das Gesungene wäre von der Realität zu unterscheiden. Weiterführend lässt sich feststellen, dass man Minne und Liebe somit auch trennen muss. Minne ist fiktional, ein Rollenspiel, und Liebe ist etwas, das im wahren Leben passiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Minnedienstes und die Randstellung der Ehefrau im Werk ein, wobei die zentrale These des Minnedienstes als Rollenspiel aufgestellt wird.
2. Die Minne als Dienstleistung: Dieses Kapitel definiert die höfische Liebe als einen Dienst, der dem Mann dient, gesellschaftlichen Ruhm und Tugendhaftigkeit zu erlangen.
3. Die Rolle der Ehefrau: Hier werden die religiösen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Ehe im Mittelalter beleuchtet, die primär auf Standeserhalt und Fortpflanzung abzielten.
4. Minne und Ehe im Frauendienst: Das Hauptkapitel analysiert theoretisch und durch Textstellen die Rollenmodelle Ulrichs und prüft die These des Minnedienstes als inszeniertes Rollenspiel.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen, wonach der Minnedienst im Werk als Rollenspiel verstanden werden kann, während die Ehefrau eine eher untergeordnete, aber reale Rolle einnimmt.
Schlüsselwörter
Ulrich von Liechtenstein, Frauendienst, Minnedienst, Rollenspiel, höfische Liebe, Mittelalter, Venusfahrt, Ehefrau, Performanz, Rollenlyrik, Fiktionalität, Körperlichkeit, Gesellschaftskritik, Männlichkeit, höfische Dichtung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Werk "Frauendienst" von Ulrich von Liechtenstein und analysiert die Inszenierung des Minnedienstes als ein bewusst gewähltes Rollenspiel des Protagonisten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind das höfische Ideal der Minne, die strukturelle Unterscheidung von Liebe und Ehe im Mittelalter sowie die performative Identitätsbildung des Erzählsubjekts.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Arbeit?
Ziel ist es zu belegen, dass die Handlungen Ulrichs im Kontext des Minnedienstes keine rein authentischen Gefühlsäußerungen sind, sondern als eine öffentliche Darstellung bzw. ein Schauspiel zu begreifen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch den Einbezug historisch-gesellschaftlicher Kontextfaktoren (z.B. Bumke, Peters, Münkler) gestützt wird.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Minnedienst- und Ehebegriffs sowie eine detaillierte Analyse spezifischer Textpassagen, wie die Venusfahrt und die Fingerepisode.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit den Schlagworten Rollenspiel, Minnedienst, Performanz, Fiktionalität und höfische Rollenbilder beschreiben.
Warum ist die "Venusfahrt" für die Argumentation der Autorin so bedeutend?
Die Venusfahrt ist zentral, da sich der Protagonist hier physisch als Frau verkleidet, was die Konstruktion einer Rolle für die Autorin offensichtlich macht.
Welche Rolle nimmt die Ehefrau im Vergleich zur Minnedame ein?
Während die Minnedame als höfisches Ideal das Handeln Ulrichs im öffentlichen Raum bestimmt, fungiert die Ehefrau als privater Rückzugsort, an dem Ulrich seine Kleider und damit seine Rolle ablegen kann.
- Citation du texte
- Larissa Pöltl (Auteur), 2014, Der Minnedienst als Rollenspiel in Ulrich von Liechtensteins "Frauendienst", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335850