Der Letzte macht das Licht aus. Ein Gedankenexperiment zur Narration nach dem Weltuntergang


Seminararbeit, 2011

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Handlung
2.1 Die Flucht ins Weltall
2.2 Kein Ausweg für die Menschheit
2.3 Die Natur kennt keine Katastrophen
2.4 Die Rache der Erde

3. Der Erzähler
3.1 Drei Sichtweisen
3.2 Zwei Distanzen
3.3 Vier Stimmen
3.4 Exkurs: Zum Problem der Anthropomorphisierung

4. Der Sinn

5. Der Letzte Macht das Licht aus?

6. Literaturverzeichnis

7. Verpflichtungserklärung

1. Einleitung

It’s the end of the world as we know it

It’s the end of the world as we know it

It’s the end of the world as we know it

And I feel fine.

- R.E.M.

Auf T-Shirts, Aufklebern und ähnlichen Merchandise-Artikeln findet sich, oft in der Rubrik ‚Fun‘, ein recht beliebter Aufdruck, der einen Menschen mit Atemschutzmaske vor einer nuklearen Wüste zeigt, überschrieben mit dem Kommentar Der Letzte macht das Licht aus. Dieser Satz, der, ohne verlässliche Quellen nennen zu können, wohl zunächst aus einem politisch-satirischen Kontext stammte, scheint treffend und nicht wenig zynisch die Zustände abzubilden, die der Menschheit im Falle eines nuklearen Krieges oder einer ähnlich weitreichenden, selbst herbeigeführten globalen Katastrophe bevorsteht.

Tatsächlich kommt es aber in einer Vielzahl der aktuellen und vergangenen Katastrophenliteratur selten so weit, dass nur ein einziger Mensch den Weltuntergang überlebt. Ein grober Überblick zeigt, dass Endzeitfilme und -literatur momentan die Kernfamilie als Protagonist für sich in Anspruch nehmen (z. B. in Roland Emmerichs Filmen The Day After Tomorrow und 2012) oder aber einander eigentlich fremde Menschen, die durch den Weltuntergang zu einem familienähnlichen Verband zusammengeschweißt werden (z. B. in Frank Schätzings Der Schwarm). Eine Sichtung von Weltuntergangsszenarien aus Film, Literatur sowie Sekundärliteratur zum Thema hat gezeigt, dass es in der Erzählung[1], wenn schon nicht eine durch spezielle Merkmale gekennzeichnete Gruppe, immer doch wenigstens einen Menschen in der Welt nach dem Untergang gibt, der überlebt, der die Geschichte erzählt. Dieser Mensch ist eben der Letzte, der das Licht ausmacht – der ewige einsame Überlebende wirkt wie ein Indiz dafür, dass mit ihm auf die Erzählung ‚sterben‘ würde.

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, warum es, trotz der Gewalt der wie auch immer gearteten Zerstörung, in modernen Katastrophenerzählungen scheinbar immer mindestens diesen einen Überlebenden geben muss, um die Welt nach dem Untergang erzählen zu können. Da es für den entgegengesetzten Fall, d. h. eine Katastrophe ohne Überlebende, kein Beispiel gibt oder sich zumindest kein Verweis auf eines finden ließ[2], nähert sich die Arbeit der Frage gewissermaßen ex negativo in einem Gedankenexperiment, das sich mit Möglichkeiten der Erzählung beschäftigt, ohne auf deren konkrete Umsetzung näher einzugehen. Anhand dreier Aspekte wird im Folgenden dargelegt werden, welche Gesetzmäßigkeiten verhindern, dass die Zerstörung der Menschheit auch wirklich die ganze Menschheit trifft.

Dabei wird ein fiktives, sehr einfaches Szenario zugrunde gelegt, anhand dessen beispielhaft die Problematik eines solchen Weltuntergangs aufgezeigt werden kann. Für die Fragestellung ist die Fiktionalität unerheblich, da „die globale Katastrophe zwar denkmöglich, aber notwendigerweise (noch) nicht realisiert“[3] und damit „der Gegenstandsbereich einer [ist], der nicht authentisch und nicht realitätsabbildend sein kann“[4]. Das hier angelegte Szenario besteht im Wesentlichen aus drei chronologisch aufeinanderfolgenden Schritten:

1. eine Welt mit Menschen, gar nicht unähnlich der Unsrigen,
2. eine Katastrophe, die das intelligente Leben auslöscht, i. e. die Menschheit,
3. eine Welt nach der Katastrophe, in welcher niemand (!) überlebt hat.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frage der Handlung unter den gegebenen Voraussetzungen. Dafür wird auf Grundlage von Jurij Lotmanns Grenzüberschreitungstheorie[5] die Frage gestellt, welche Auswirkung die Abwesenheit jeder Figur auf die Erzählung nach dem Weltuntergang hat und ob sich fehlende Elemente ersetzen lassen. Aus der Menge der möglichen Besetzungen der einzelnen Funktionen bei Lotmann werden vier Varianten dargelegt, die verschiedene Probleme der Rollenbesetzung aufzeigen. Diese vier Varianten werden danach auch als Beispiele in den folgenden Kapiteln herangezogen werden.

Im zweiten Teil der Arbeit geht es anhand der erzähltheoretischen Überlegungen Gérard Genettes um das Erzählen bzw. die abstrakte Instanz des Erzählers, genauer gesagt um die Verortung des Erzählers als Instanz der Vermittlung zwischen erzählter Welt und impliziertem Leser. Dabei wird die Frage bearbeitet, welche die Problematik intuitiv als erstes aufwirft: Wenn niemand überlebt, wer erzählt dann die Geschichte? Anders ausgedrückt: Was bedeutet es für die Erzählinstanz und ihre Positionierung, wenn sie nicht mehr in Relation zu den Figuren der erzählten Welt und dem implizierten Leser verortet werden kann?

Der dritte Teil der Arbeit schließlich befasst sich mit dem Aspekt der Untersuchung, der im Angesicht der aktuellen Popularität der Problematik vielleicht der Interessanteste ist, nämlich der Sinnstiftung. Auf Basis verschiedener Überlegungen bei Horn, Sorg et al. wird die Frage des Sinns in einem Untergang ohne Erneuerung diskutiert. Die Leitfragen hier beschäftigen sich zum einen mit der Nachvollziehbarkeit und Fassbarkeit einer Welt ohne Figuren, zum anderen mit der Sinnhaftigkeit einer Narration vom Ende und nach dem Ende, die keine Möglichkeit zur Umkehr bietet.

Ziel dieser drei Analysekapitel ist es, anhand der vier eingangs erwähnten Varianten gewisse Zusammenhänge und das wechselseitige Zusammenspiel zwischen den drei Aspekten der Analysekapitel aufzuzeigen. Die Besetzung einzelner Elemente und erzählerischer Annahmen erfolgt dabei möglichst prototypisch; dass in dieser Arbeit nicht jede mögliche Variante dargestellt werden kann, versteht sich ebenso wie die Tatsache, dass ein Beweis ex negativo nicht bedeutet, dass es nicht doch eine erzählte Welt ohne Figuren in einer hier ausgeschlossenen Konstellation geben kann. Der Abschluss soll ein stimmiges Bild dessen sein, was erzählt werden kann und was nicht, um die Grenzen und Möglichkeiten der Narration des Endes aufzuzeigen.

2. Die Handlung

Die Handlung als „die Gesamtheit dessen, was erzählt wird“[6] umfasst in der Erzähltheorie das so genannte Sujet mit dem Ereignis als dessen kleinster Einheit. Speziell bei Jurij M. Lotmann ist die Sujethaftigkeit ein zentrales Merkmal narrativer Texte und soll auch hier als ihr Wichtigstes gelten, denn: ohne Ereignisse keine Handlung, ohne Handlung keine Erzählung, wenn die Erzählung als die Darstellung einer Handlung durch den kommunikativen Akt des Erzählens aufgefasst wird.[7] Zur Organisation der Handlung in einer Erzählung gibt es verschiedene Ansätze; im folgenden Kapitel wird mit der Grenzüberschreitungstheorie eine räumliche Organisation der Erzählung angenommen. Ein räumliches Modell bietet sich für die Untersuchung an, weil „[d]er dem Menschen eigene besondere Charakter der visuellen Wahrnehmung der Welt […] zur Folge [hat], daß für den Menschen in der Mehrzahl der Fälle die Denotate verbaler Zeichen irgendwelche räumlichen, sichtbaren Objekte sind“[8] und weil die Thematik vorgibt, dass ihr zentrales Problem in einer räumlichen Dimension zu finden ist.

Zunächst aber zur Sujethaftigkeit. Das Sujet ist eine Kette von Ereignissen, wenn ein Ereignis als die kleinste unzerlegbare Einheit des Sujets definiert ist.[9] Was als Ereignis definiert wird und was nicht, ist in hohem Maße abhängig vom jeweiligen Kulturraum. Die Sujethaftigkeit eines Ereignisses misst sich an der Schwere der Verletzung eines Verbotes, sei es ein moralisches, religiöses oder das Prinzip einer Weltordnung. Das Ereignis wird weiter ausdifferenziert als etwas, das geschehen ist, obwohl es auch nicht hätte geschehen können, d. h. es ist die Alternative, die Wahlmöglichkeit, die das Ereignis hervorbringt, und je wahrscheinlicher das Ereignis, desto geringer ist seine Sujethaftigkeit.[10] Es versteht sich, dass der Weltuntergang unwahrscheinlich ist und einer Erzählung damit die höchstmögliche Sujethaftigkeit verleiht. Die Kette von Ereignissen, die Sujethaftigkeit des Szenarios besteht in einer grundlegenden Verletzung der Weltordnung, möglicherweise zentraler physikalischer Gesetze (z. B. bei Supervulkanismus und ähnlichen Katastrophen). Diese Ereignisse hätten auch nicht geschehen können, die Welt hätte Bestand wie zuvor, sie sind jedoch eingetreten.

Definiert wird ‚Ereignis‘ weiterhin als „die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes.“[11]. Lotmann geht davon aus, dass sich ein semantischer Raum, der durch die Sprache denotiert wird, in zwei disjunktive Teilmengen untergliedern lässt, deren innere Struktur sich deutlich unterscheidet und die durch eine Grenze getrennt sind. Die Grenze zeichnet sich dadurch aus, dass sie unüberschreitbar ist[12] für alle Figuren der erzählten Welt bis auf eine, den Handlungsträger. Für diese Figur erscheint die Grenze nicht als ‚Ende des Raumes‘, sondern nur als Hindernis auf dem Weg, was zur Folge hat, dass weitere Hindernisse in der Erzählung meist entlang dieser Grenze angeordnet sind und mit ihr zusammenhängen.[13] Das Potential einer Figur, die Grenze zu überschreiten, unterscheidet sujethaltige Texte von sujetlosen[14] und schließt eine Reversibilität mit ein, d. h. die Überschreitung der Grenze kann rückgängig gemacht werden.[15]

Handlung nach Lotmann ist also der Versuch, die semantische Struktur des Textes zu überwinden und wird konkret generiert durch die Bewegung des Handlungsträgers über die Grenze von einer semantischen Teilmenge in die andere. In den folgenden Teilkapiteln werden nun vier Varianten (von einer potentiell sehr viel größeren Menge) illustrieren, wie sich die drei Funktionen (Raum, Grenze, Handlungsträger) besetzen lassen und ob sie unter Annahme des Weltuntergangsszenarios ein Erzählen nach dem Ende der Welt ermöglichen.

2.1 Die Flucht ins Weltall

Der genutzte semantische Raum einer globalen Katastrophe oder eines Weltuntergangs ist per definitionem der gesamte Planet, die ‚Welt’[16]. Damit tut sich bei der Frage nach den Teilmengen des semantischen Raumes ein Problem sehr grundsätzlicher Natur auf: In einem Raummodell ist kein Platz für zwei Teilmengen, wenn die eine bereits durch den gesamten überhaupt zur Verfügung stehenden semantischen Raum (hier eben der Planet) eingenommen wird. Konventionelle Teilräume greifen hier offenbar nicht. Unter der Bedingung, dass die Teilmengen sich in ihrer inneren Struktur deutlich unterscheiden, stehen zwei mögliche Lösungen für die Zuordnung des zweiten Teilraumes zur Verfügung, von denen die eine hier, die andere in den Varianten 2.2 bis 2.4 ausgeführt wird.

Streng im Sinne des Raummodells kann das Problem mit einer Ausweitung des zur Verfügung stehenden semantischen Raumes gelöst werden. In diesem Fall bedeutet das eine Einbeziehung eines Raumes, der ‚nicht-Planet’ ist, also in irgendeiner Form im Weltraum verortet ist. Im vorliegenden Fall wird die Grenze zwischen den Teilmengen durch die Erdatmosphäre gebildet, die überwunden werden muss, um von einem Teilraum in den anderen zu gelangen. Die Überwindung der Grenze ist, wie definiert, nur dem Handlungsträger möglich, und zwar im vorliegenden Fall über ein Hilfsmittel. Die notwendige Technik zur Grenzüberschreitung bzw. der Mangel an selbiger sowie die Auswirkungen eines eintretenden Weltuntergangs können als Hindernisse auf dem Weg des Handlungsträgers über die Grenze klassifiziert werden. Daneben erlaubt das Szenario auch ethische Fragen als Hindernis. In der Variante ‚Planet – Weltraum’ ist der Menschheit beim Eintritt einer alles vernichtenden Katastrophe ein Ausweg gegeben, ein zweiter Teilraum jenseits der Grenze, doch die Überschreitung selbiger schließt hier einen Auswahlprozess mit ein, was die Frage aufwirft, wer überleben darf (mehr dazu in Kapitel 4). Der Handlungsträger in der vorliegenden Variante ist der Mensch, genauer gesagt ein Mensch, der (durch wissenschaftlichen, technischen oder anderweitigen Genius) dazu befähigt ist, die Grenze zwischen den Teilräumen zu überschreiten, also den Übertritt einer Gruppe von Menschen in den Weltraum möglich zu machen.

In Bezug auf die Besetzung funktioniert das vorliegende Szenario im Sinne der Grenzüberschreitungstheorie bis hierher. Gemäß dem Szenario (wir erinnern uns: Niemand soll überleben!) muss das Überschreiten der Grenze zwangsläufig fehlschlagen und die grundsätzliche Teilung der beiden Räume bestätigen.[17] Damit ist die Menschheit ausgelöscht. Warum nun kann danach nicht weiter erzählt werden? Die Antwort ist, im Sinne des Modells, sehr einfach: Im Falle des Weltuntergangsszenarios bedeutet das Scheitern an der Grenze, dass mit der Menschheit der Handlungsträger (und zwar jeder potentielle Handlungsträger) ausgelöscht wird, und der Text somit in dem Moment handlungslos wird, in dem die Möglichkeit der Bewegung über die Grenze hinweg verschwindet. Die Welt nach dem Untergang wird damit ähnlich sujetlos wie, so Lotmanns Beispiel, ein Telefonbuch, und ist damit nicht mehr die Welt eines Erzähl textes.[18]

2.2 Kein Ausweg für die Menschheit

Eine zweite Variante des Weltuntergangs ohne Überlebende setzt, wie angekündigt, eine andere Möglichkeit der Aufteilung des Raumes voraus, die einen abstrakteren Zugang zum Modell fordert. Der semantische Raum (der Planet) wird in zwei Teilmengen gegliedert, die je aus einem Planeten gebildet werden, mit dem Unterschied, dass die erste Teilmenge vor der Katastrophe angesiedelt ist, die zweite danach. Die Begriffe ‚Vorher – Nachher’ können hierfür als chronologisch leere Bezeichnungen angesehen werden; im Sinne des Raummodells existieren beide Welten gleichzeitig. In der Struktur unterscheidet sich ‚Vorher’ von ‚Nachher’ nun nicht mehr in Bezug auf den Raum selbst, sondern in Hinsicht auf die Füllung desselben: Nach dem Szenario ist ‚Vorher’ eine Welt mit, ‚Nachher’ eine ohne Menschen. Bewegung ist nur zwischen ‚Vorher – Nachher’ möglich.

In diesem Fall ist das Ereignis die Katastrophe, die den Handlungsträger vom semantischen Raum ‚Vorher’ in den semantischen Raum ‚Nachher’ übertreten lässt. Im klassischen Fall der Katastrophenliteratur ist der Handlungsträger, so er denn ein Mensch ist, dadurch zum Überschreiten der eigentlich unüberwindbaren Grenze (nämlich der Katastrophe mit ihren möglichen Erscheinungsformen[19] ) qualifiziert, dass er schlichtweg überlebt.[20] Schwierig wird es nun, wenn das Szenario besagt, dass niemand überlebt, d. h. dass kein Mensch dazu befähigt ist, von ‚Vorher’ zu ‚Nachher’ zu gelangen. In diesem Fall nämlich scheitert die Variante am gleichen Problem wie 2.1: Scheitern der Grenzüberschreitung ist gleichbedeutend mit dem Verschwinden jedes möglichen Handlungsträgers. Ausgeführt im Rahmen des modifizierten Raummodells, das auf der abstrakten Annahme beruht, dass zwei Alternativen des gleichen semantischen Raums gleichzeitig existieren, bedeutet dies: Die Menschheit, repräsentiert durch den Handlungsträger, bewegt sich über die Grenze hinweg vom ‚Vorher’ ins ‚Nachher’ und verändert dabei ihren Zustand von ‚existent’ zu ‚nicht-existent’. Das Ergebnis ist ähnlich: Auch wenn angenommen wird, dass der Handlungsträger die Grenze überschritten hat, wird der Text in diesem Moment sujetlos; jenseits der Grenze ist keine Bewegung mehr möglich, keine Umkehr über die Grenze zurück in den ursprünglichen Zustand.

2.3 Die Natur kennt keine Katastrophen

Die Varianten 2.1 und 2.2 haben als Handlungsträger einen Menschen angenommen, mit der Folge, dass ein Erzählen nach dem Weltuntergang unmöglich wurde, weil im Sinne des Szenarios jeder mögliche Handlungsträger scheitern musste und ein Scheitern sein Verschwinden nach sich zog.

Nun bietet Lotmanns Theorie die Möglichkeit, einen nicht-menschlichen Handlungsträger anzunehmen[21], was in Bezug auf das Szenario den Vorteil hat, dass der Erfolg der Grenzüberschreitung möglich ist, ohne die Bedingung vom Ende der Menschheit zu verletzen. In diesem Sinne wird den folgenden Varianten 2.3 und 2.4 der Planet Erde selbst als Handlungsträger angenommen. Dies macht die Zuweisung der semantischen Teilräume nicht einfacher, da nun der gesamte zur Verfügung stehende Raum mit dem Handlungsträger identisch ist. Für Variante 2.3 wird angenommen, dass der Planet als Handlungsträger, im Gegensatz zu den anderen potentiellen Handlungsträgern (der Menschheit), zur Überwindung der Grenze fähig ist, also vom ‚Vorher’ ins ‚Nachher’ gelangen kann, wobei die Teilräume sich zusätzlich durch die Spezifizierung ‚Welt mit Menschen’ vs. ‚Welt ohne Menschen’ unterscheiden. Die Teilräume sind hier eigentlich keine (abstrakten) Räume mehr, sondern eher ‚Aggregatszustände‘ desselben Raumes, mit der Katastrophe als Grenze zwischen ihnen.[22] Der Handlungsträger kann problemlos von einem Zustand in den anderen, ins ‚Nachher’ gelangen, ein Weitererzählen ist also von Seiten der zu besetzenden Funktionen möglich.

Bei näherer Betrachtung jedoch scheitert diese Variante bereits im Ansatz, weil sie voraussetzt, dass der Untergang der Menschheit bzw. die globale Katastrophe für den Handlungsträger Planet ein Ereignis darstellt. ‚Welt‘ und ‚Weltuntergang‘ aber sind subjektive Konzepte, die an einen an sich leblosen Himmelskörper und die geologischen, meteorologischen u. ä. Geschehnisse auf ihm herangetragen werden.

Wenn man, wie z. B. bei Max Frisch, annimmt, dass die Natur keine Katastrophen kennt[23] und sie nur aus Sicht des Menschen überhaupt ein Ereignis sind, stellt dies für das Raummodell ein unüberwindbares Problem dar: Vor der Katastrophe und nach der Katastrophe sind durch eine Grenze getrennt, deren Überschreiten kein Ereignis darstellt – keine Verletzung irgendeines Gebots, einer Weltvorstellung etc. Das Szenario ist von Anfang an sujetlos.

2.4 Die Rache der Erde

Im Anschluss an die Variante 2.3 stellt sich nun die Frage, wie eine Variante aussehen muss, in der zum einen der Handlungsträger trotz des gewünschten Szenarios in den zweiten Teilraum gelangen kann, und in dem zum anderen dieses Überschreiten ein Ereignis und damit sujethaft ist. Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefert Lotmann, wenn er die Tendenz darlegt, die Handlungsträger im Modell, u. U. auch andere Elemente, anthropomorph zu besetzen.[24] Wenn der Handlungsträger Planet mit menschlichen Attributen versehen wird, kann die Katastrophe auch als Ereignis definiert werden. Die Zuweisung anthropomorpher Eigenschaften ist in jüngerer Literatur und Film ein beliebtes Muster: Man spricht von der ‚Rache der Erde‘ am Menschen, von verletzten Moralvorstellungen und einem gerechtfertigten Untergang. Ob die Erde nun aktiv die Menschheit vernichtet oder nicht, spielt im Sinne des Modells keine Rolle: Es genügt anzunehmen, dass die Katastrophe für den Planeten in irgendeiner Form (beim Rachemotiv nicht notwendigerweise negativ!) ein Ereignis darstellt.

Angenommen, der Planet hat die Grenze überschritten, ist im ‚Nachher’ (im Gegensatz zur Menschheit, die nicht befähigt war, diesen Schritt zu tun) – kann jetzt noch weiter erzählt werden? Das Modell ist hier am gleichen Punkt wie in den Varianten 2.1 und 2.2, mit dem Unterschied, dass die Überschreitung nicht gescheitert ist. Aber der Text verliert intuitiv dennoch seine Sujethaftigkeit, denn obgleich der Planet die Grenze überschritten hat, scheint sein wichtigstes Attribut – der Anthropomorphismus – mit den anthropoi diesseits der Grenze geblieben zu sein: Die menschlichen Eigenschaften, die die Katastrophe zum Ereignis machen, können nur zugewiesen werden, solange es Menschen gibt. Variante 2.4 endet somit in einer Sackgasse. Ihr grundlegendes Problem – kann ein Planet anthropomorph dargestellt werden, wenn es keine Menschen gibt? – wird im Kapitel 3.5 als Exkurs deutlicher illustriert; für die vorliegende Arbeit wird, aus dort erläuterten Gründen, angenommen, dass eine solche Darstellung im Rahmen des Szenarios nicht möglich ist.

3. Der Erzähler

Nachdem das vorangehende Kapitel sich ausführlich mit der Handlung, i. e. dem Element der Erzählung beschäftigt hat, welches die Narrativität ausmacht, widmet sich das folgende Kapitel der Frage, wer die Erzählung nach dem Weltuntergang erzählen kann, wenn es keine Überlebenden gibt.

‚Erzählen‘ ist definiert als der Vorgang, der die Erzählung hervorbringt.[25] Erzählt wird dabei in fiktiven Texten durch einen so genannten Erzähler, eine narrative Instanz, die vom Autor zu unterscheiden ist.[26] Die Bezeichnung ‚Erzähler’ deutet dabei bereits an, dass diesem Abstraktum die Tendenz zur Personifikation zuzuschreiben ist – eine Tendenz, die für die Untersuchung wichtig wird, da sie die Frage aufwirft, inwieweit ein Erzähler in einer Welt ohne Menschen personifiziert dargestellt bzw. über das Hilfsmittel der ihm zugeschriebenen menschlichen Attribute identifiziert werden kann. Die Problematik liegt dabei in der Rolle, die der Erzähler über den reinen Akt des Erzählens hinaus vertreten muss: Nach gängiger Vorstellung ist das Erzählen innerhalb der Fiktion immer auch ein Akt der Kommunikation, d.h. erzählt wird immer, damit ein Sender eine bestimmte Botschaft an einen Empfänger senden kann.[27] In ein narratives Kommunikationsmodell gefasst kann dies folgendermaßen aussehen:[28]

[...]


[1] Während ‚Erzählung‘ hier noch auf Literatur und Film bezogen wird, werden sich die Analysekapitel nur mit der literarischen Erzählung beschäftigen. Inwieweit diese Analyse auf die Filmwissenschaft übertragbar ist, kann hier nicht behandelt werden.

[2] Dazu soll angemerkt sein, dass es möglicherweise Texte ohne Überlebende geben kann – Hinweise darauf sind jedoch schwer zu finden, und die Schwierigkeit, diese potentiellen Texte ausfindig zu machen, beinhaltet selbst bereits eine Aussage zu der Eingangsfrage.

[3] Hans Krah: Weltuntergangsszenarien & Zukunftsentwürfe. Narrationen vom ‚Ende‘ in Literatur und Film 1945-1990. Kiel 2004, S. 7.

[4] Ebd.

[5] Jurij M. Lotmann: Die Struktur literarischer Texte. Übersetzt von Rolf-Dietrich Keil, München 31989, S. 300ff.

[6] Matias Martinez & Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München 62005, S. 189.

[7] Ebd., S. 187f.

[8] Lotmann 31989, S. 312; für eine genauere Definition des Raumbegriffs und dessen Bedeutung für die Wirklichkeit sowie die Belegung derselben mit kulturellen Modellen vgl. S. 312ff.

[9] Ebd., S. 330.

[10] Ebd., S. 336.

[11] Ebd., S. 332.

[12] Ebd., S. 327.

[13] Ebd., S. 342.

[14] Ebd., S. 338.

[15] Ebd., S. 339.

[16] Die Bedeutung des Begriffs ‚Welt‘ in Abgrenzung zu ‚Planet‘ soll hier nicht näher erläutert werden; es genügt, sich vor Augen zu führen, dass bei dem Begriff ‚Weltuntergang‘ die wenigsten damit die tatsächliche Zerstörung des Himmelskörpers verbinden.

[17] Lotmann 31989, S. 338f.

[18] Ebd., S. 336f.

[19] Die Grenze zwischen ‚Vorher – Nachher’ lässt sich auch, sehr abstrakt, als der Punkt betrachten, an dem ‚Vorher’ zu ‚Nachher’ wird. Im diesem Fall wäre die Katastrophe nicht die Grenze, sondern ein Hindernis auf dem Weg über die Grenze ins ‚Nachher’. Der Anschaulichkeit halber wird hier auf diese Möglichkeit verzichtet – nicht, dass es am eigentlichen Szenario viel ändern würde.

[20] Eva Horn: Enden der Menschen. Globale Katastrophen als biopolitische Fantasie. In: Sorg, Reto & Stefan Bodo Würffel: Utopie & Apokalypse. Paderborn 2010, S. 102; vgl. auch Kapitel 4.

[21] Lotmann 31989, S. 343f.

[22] Alternativ wäre eine ähnliche Variante wie 2.1 und 2.2 möglich, wenn man davon ausgeht, dass die Besetzung folgendermaßen vor sich geht: Teilraum 1: ‚Vorher’ – Katastrophe – Teilraum 2: ‚Nachher’, mit Scheitern des Handlungsträgers Planet. In diesem Fall wäre das Scheitern der Grenzüberschreitung nicht nur die Auslöschung der Menschheit, sondern die Zerstörung des gesamten Planeten (vgl. Anmerkung 16). In diesem Fall ist ebenfalls keine Handlung und damit kein Erzählen nach der Katastrophe möglich.

[23] Vgl. Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän. Frankfurt am Main 1981, für eine literarische Ausarbeitung des Unterschiedes zwischen ‚Naturkatastrophe‘ und ‚Kulturkatastrophe‘.

[24] Lotmann 31989, S. 344.

[25] Martinez 52006, S. 30.

[26] Gérard Genette: Die Erzählung. Aus dem Französischen von Andreas Knop, mit einem Vorwort herausgegeben von Jürgen Vogt. München 1994, S. 152.

[27] Vgl. z. B. ebd., S. 186.

[28] Modell adaptiert nach Manfred Pfister: Das Drama. Theorie und Analyse. München 112001, S. 19.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Letzte macht das Licht aus. Ein Gedankenexperiment zur Narration nach dem Weltuntergang
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Naturkatastrophe und Umweltwandel in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V335876
ISBN (eBook)
9783668255951
ISBN (Buch)
9783668255968
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fortgesetzt in "'Es war die Apokalypse'. Fortgesetzte Überlegungen zur Narration nach dem Weltuntergang" (v335878) und "Hin und wieder zurück. Überlegungen zur Raumdeixis des erzählten Weltuntergangs" (v335879).
Schlagworte
Naturkatastrophe, Weltuntergang, Apokalypse, Gedankenexperiment, Narratologie, Erzählen, Katastrophe, Erzähler, Erzählinstanz
Arbeit zitieren
Nathalie Exo (Autor), 2011, Der Letzte macht das Licht aus. Ein Gedankenexperiment zur Narration nach dem Weltuntergang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335876

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