Frühneuhochdeutsche Partizipialkonstruktionen. Untersuchungen zu Verwendungsweisen, Stilistik und humanistischem Einfluss


Masterarbeit, 2012
82 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1 Sprachgeschichte
2.1.1 Frühneuhochdeutsch
2.1.2 Der Humanismus
2.2 Grammatik
2.2.1 Das Partizip im Lateinischen
2.2.2 Das Partizip im Frühneuhochdeutschen
2.3 Korpus

3. Korpusuntersuchung
3.1 Attributive Verwendung
3.1.1 Bestand
3.1.2 Diskussion
3.1.3 Exkurs I: Nachfeldbesetzung
3.2 Prädikative Verwendung
3.2.1 Periphrastische Verwendung
3.2.1.1 Bestand
3.2.1.2 Diskussion
3.2.1.3 Exkurs II: Der frühneuhochdeutsche Auxiliary Drop
3.2.2 Prädikative Verwendung im engeren Sinn
3.2.2.1 Bestand
3.2.2.2 Diskussion
3.3 Adverbiale Verwendung
3.3.1 Bestand
3.3.2 Diskussion
3.4 Absolute Verwendung
3.4.1 Bestand
3.4.2 Diskussion

4. Vergleichende Überlegungen

5. Fazit
5.1 Schlussfolgerungen
5.2 Reflexion

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Mittelwort (Participium) ist/ welches vom Zeitworte entspringet/ bedeutet zwar eine Zeit/ dennoch aber beh(lt es die Eigenschaft und Abwandelung des Nennwortes; und darum heisset es ein Mittelwort/ weil es etwas vom Zeitworte/ und etwas vom Ne]worte in sich hat. Als we] man sagt/ ruffend/ liebend/ alhie vernimt man einen Nahmen/ nemlich einen der rufft oder liebet/ aber der annoch in gegenwertiger Zeit ruffet oder liebet: also gerufft/ geliebt/ daselbst vernimt man es in seiner vergangenen Zeit.

Justus Georg SCHOTTEL

Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache, 606

Justus Georg Schottel, ein wichtiger Sprachforscher des 17. Jahrhunderts, widmet in seinem einflussreichen Hauptwerk dem bei ihm so genannten ‚Mittelwort‘, dem Partizip, eine ausführliche Betrachtung in zehn Unterkapiteln, die freilich im Angesicht des gewaltigen Umfangs der Arbeit immer noch recht kurz erscheinen. Prinzipiell wird in diesem Kapitel jedoch alles angesprochen, was über das Partizip zu wissen ist: Entstehung, Bildung aktivischer und passivischer Formen, Paradigmen, indeklinable Formen, Wortbildung (besonders un -Präfigierung), Beobachtungen zur Verwendung. Abgesehen von seiner Bedeutung für die Grammatikographie des Deutschen scheint dieses Kapitel jedoch nicht außergewöhnlich zu sein, wenn auch die Ausführlichkeit der Darstellung und der normativ-präskriptive Charakter zu überraschen vermag – das Werk richtet sich nicht an ein hochgebildetes Publikum – und die deutschen Fachtermini heute, nach Etablierung lateinischer Fachbegriffe, etwas unbeholfen wirken. Stutzig mag man als Leser dieses Werkes erst werden, wenn Schottel im neunten Abschnitt plötzlich auf ein Partizip der zukünftigen Zeit zu sprechen kommt – falls einem nicht schon vorher in den Paradigmen die Aufzählung von sechs Kasus aufgefallen ist.

Unter diesen Gesichtspunkten wird plötzlich auch wichtig, was zuvor vielleicht unter Vorannahme der Wissenschaftskonventionen der frühen Neuzeit ignoriert wurde, nämlich die (verkürzte) lateinische Übersetzung der deutschen Erläuterungen, angefangen beim lateinischen Titel De Participio. Sechs Kasus und ein Futurpartizip jedoch lassen durchscheinen, dass der Einfluss des Lateinischen sich womöglich nicht nur auf die Sprache der Abfassung bzw. der wissenschaftlichen Diskussion beschränkt: Aufgeführt wird in den Paradigmen der Vokativ, vor allem aber auch ein ‚nehmender Fall‘, der an einen lateinischen (separativen) Ablativ angelehnt zu sein scheint: „Von dem/ von der/ von dem Liebenden“ (ebd.:607) findet sich dort beim Paradigma Participii Activi, dem ‚wirkenden Mittelwort‘, und ganz ähnliches auch beim passivischen Partizip. Daneben spricht Schottel dem Deutschen ein passivisches Futurpartizip zu (participium passivum temporis futuri), dessen Form er durch den Einschub eines zu beschreibt, was freilich nur bei Partikelverben funktioniert: „Eine grosse Mannschaft des wegzujagenden Feindes“ (ebd.:612) sei ein Beispiel für dieses Partizip, für welches er eine lateinische Version valida manus profligendi hostis angibt, die kein Futurpartizip, sondern eine Gerundivform enthält. Des Weiteren spricht er im zehnten Abschnitt von regelmäßiger Ersetzung des Futurpartizips durch präsentische Partizipien. All dies kann, blickt man durch die ‚Brille‘ der lateinischen Grammatik auf die Ausführliche Arbeit, darauf deuten, dass hier eine Anlehnung an eben selbige versucht wurde – während der Verlaufsform der Zukunftsbezug nicht abgesprochen werden kann, wirkt die Einordnung der genannten Formen als „leidendes Mittelwort der zukGnftigen Zeit“ (ebd.:612) wie ein Versuch, den Formenbestand des Deutschen in ähnlicher Weise wie die lateinische Grammatik zu strukturieren.

Dass ein Einfluss des Lateinischen auf die deutsche Grammatikschreibung vorhanden ist, zeigt sich also an mehr als nur der heute gebräuchlichen Terminologie; was nun interessiert, ist die Frage, wie weit ein solcher Einfluss in der Zeit Schottels und den Jahrhunderten davor tatsächlich gegangen ist. Humanistische Autoren haben Sprache und Literatur der Antike in diesen Jahren zum anzustrebenden Standard erhoben, den es zu erreichen galt und der mit den oft als spärlich und unzureichend empfundenen Mitteln der deutschen Sprache nachgeahmt werden wollte. Vor diesem Hintergrund scheint es nicht abwegig zu fragen, ob lateinischer Einfluss nicht nur in der Beschreibung von deutschen Partizipien angenommen werden kann, sondern auch in der konkreten Verwendung partizipialer Konstruktionen in den Texten dieser Zeit.

Die folgende Arbeit beschäftigt sich demnach mit einem kleinen Ausschnitt dieses Einflusses, den das Lateinische (vielleicht, oder auch nicht) auf die Syntax des Frühneuhochdeutschen gehabt hat. Bislang wurde kaum untersucht, wie es sich mit den Partizipialkonstruktionen der Zeit verhält – Konstruktionen, deren lateinische Entsprechungen teilweise im Deutschen eben nicht ohne Weiteres nachzuahmen sind. Untersuchungen gab es bereits zum Einfluss auf erweiterte Partizipialattribute (vgl. Lötscher 1990), doch wurde bislang wenig zu prädikativen oder adverbialen Partizipien im Frühneuhochdeutschen gesagt. Da der Einfluss des Lateinischen andererseits lange Zeit überschätzt wurde (Polenz 2000:219), soll eine Korpusuntersuchung zeigen, ob dieser sich bei den Partizipien konkret an Textbeispielen (qualitativ wie quantitativ) festmachen lässt. Falls es einen Einfluss gibt, so ist auch zu überlegen, ob dieser nachhaltig ist oder sich zunehmend wieder abbaut, denn Syntax ist ein Teilsystem der Sprache, das gegen äußere Einflüsse in der Regel außerordentlich stabil ist (Demske 2007:332). Die zentralen Fragen dieser Arbeit sind demnach: Hat das Lateinische die Partizipialkonstruktionen des Humanismus beeinflusst? Wenn ja, nur die Konstruktionen an sich, oder aber eher auch Stilistik und Verwendungsweisen? Hat sich der Einfluss langfristig durchgesetzt? Mit Hilfe dieser Frage wird die zentrale These („Die lateinische Sprache hat, über humanistisch gebildete Autoren, einen Einfluss auf Verwendungsweisen und Stilistik frühneuhochdeutscher Partizipialkonstruktionen gehabt“) auf ihre Anwendbarkeit überprüft.

Dazu sollen im folgenden Grundlagenkapitel (Kapitel 2) zunächst die theoretischen Hintergründe für die Untersuchung geklärt werden: Das Frühneuhochdeutsche als Sprachperiode und seine Unterschiede zum Mittelhochdeutschen, der Humanismus als die Strömung, die hinter der Übersetzungskultur steht, sowie die grammatischen Grundlagen der Partizipialkonstruktionen im Lateinischen und Frühneuhochdeutschen. Hier ist sofort darauf hinzuweisen, dass, da es um einen Einfluss des Lateinischen geht, bei fragwürdigen Konstruktionen zunächst selbige Grammatik als Folie herangezogen wird. Besonders bei adverbialen und absoluten Konstruktionen wird dies wichtig werden. Die anschließende Korpusuntersuchung basiert auf dem online verfügbaren Bonner Frühneuhochdeutschkorpus (im Folgenden BFK), das 30 annotierte Texte aus vier verschiedenen Zeiträumen und mehreren Regionen sowie verschiedenen Gattungen enthält. Aus dem BFK wurde für die Arbeit ein Korpus von zehn Texten zusammengestellt, das wiederum nach dem Bildungshintergrund der jeweiligen Autoren in zwei Gruppen unterteilt wurde: Einmal Texte von Autoren mit (tendenziell) humanistischem Bildungshintergrund, einmal solche von Autoren, die kein oder nur Gebrauchslatein beherrschten. Aus diesen zehn Texten wurden mithilfe der Suchfunktion des BFK die jeweils zweihundert ersten Partizipien herausgesucht und nach Zeitform, Verwendungsweise, Verwendung als Periphrase sowie weiteren Besonderheiten analysiert. Die Ergebnisse werden in Kapitel 3 präsentiert, jeweils kombiniert mit einer Diskussion der qualitativen Dimension der einzelnen Verwendungsweisen. Dazu werden einzelne Belege oder Beleggruppen diskutiert sowie zwei Exkurse in weitere grammatische Besonderheiten der Zeit unternommen. Darauf folgen vergleichende Überlegungen zu den Befunden der zwei Gruppen, ehe das Fazit die Ergebnisse der Arbeit präsentiert, reflektiert und Ausblick auf offene Fragen gibt.

2. Grundlagen

2.1 Sprachgeschichte

2.1.1 Frühneuhochdeutsch

Wie alle Sprachperioden lässt sich auch das Frühneuhochdeutsche naturgemäß nicht punktgenau datieren, und je nachdem, nach welchen Kriterien die einzelnen Sprachstufen des Deutschen bewertet werden, können unterschiedliche Anfangs- und Endpunkte als Grenzen gesetzt werden. Bei einer Periodisierung nach innersprachlichen Kriterien wie bei Damaris Nübling (2010) wird das Frühneuhochdeutsche auf einen Zeitraum von ca. 1350 bis 1650 datiert; im syntaktischen Bereich sind als Kriterien hier z. B. der Ausbau der Satzklammer und der Präteritumschwund zu nennen (ebd.:6). Im Folgenden sollen von den zahlreichen syntaktischen Veränderungen, die besonders im Übergang vom Mittel- zum Frühneuhochdeutschen hervortreten, diejenigen kurz beleuchtet werden, die im weiteren Verlauf interessant sein werden. Dazu gehören die fortgeführte Herausbildung des Tempussystems sowie einzelner Periphrasen ebenso wie die Adjektivstellung und zugehörige Entwicklungen:

(1) der gelehrte Mann
(2) Eine heilige geweichte aus paumöl salben (Rössing-Hager1990:415)

Die Stellung von attributiven Adjektiven und von Partizipien, die ebenso gebraucht werden, war in älteren Sprachstufen noch relativ frei um das Bezugssubstantiv herum angeordnet. Erst im Mittelhochdeutschen wurde die Voranstellung des Attributs vor das Bezugsworts die Regel, und erst im Frühneuhochdeutschen setzte sich diese Regel tatsächlich durch (Nübling 2010:100). Zusammen mit dem bestimmten Artikel, der zu ähnlicher Zeit den Grammatikalisierungsprozess durchläuft, und dem zugehörigen Substantiv bildet sich so die Nominalklammer, vgl. (1), die nun im Mittelfeld großzügig erweitert werden kann (ebd.:100), wobei anfangs auch noch eine Teilung der Erweiterungen durch das Partizip selbst möglich war (2). Die Verwendung von Partizipien als Adjektive scheint im Spätmittelalter im Übrigen die Hauptverwendung des Partizips zu sein (abgesehen von der Periphrase) und diejenige, die am wenigsten lateinischem Einfluss unterliegt, im Gegensatz zu anderen Konstruktionen besonders bei Übersetzungstexten (Bärnthaler 1983:136). Soviel soll an diesem Ort zur Stellung der Adjektive genügen.

Die Herausbildung von Tempussystem und einzelnen Periphrasen ging in vielen kleinen Schritten vonstatten, von denen hier nur die wichtigsten erwähnt werden sollen, nämlich Aspekte von Perfektgrammatikalisierung und -anwendung sowie Futur- und Passivperiphrasen.

Der Perfektgrammatikalisierung ging, wie üblich für Grammatikalisierungsvorgänge dieser Art, eine syntaktische Reanalyse im Althochdeutschen voraus: Prädikative Konstruktionen mit dem Hilfsverb sein und dem langsam zum Hilfsverb werdenden Vollverb haben bzw. ihren althochdeutschen Äquivalenten, bei denen das Partizip als Prädikatsnomen auf das Subjekt bezogen wurde, konnten nach der Reanalyse auch auf den Vorgang der Verbalhandlung bezogen werden. Bekanntestes Beispiel ist (3) aus dem Tatian: Hier kongruiert das eigentlich prädikative giflanz @tan mit ph 0gboum (‚Er hatte einen Feigenbaum als einen gepflanzten in seinem Weingarten‘), es ist aber auch eine Analyse möglich, die giflanz @tan als Teil einer Verbalphrase mit hab )ta auffasst (‚Er hatte einen Feigenbaum in seinem Weingarten gepflanzt‘). Diese zweite Analyse war zunächst auf resultative bzw. perfektive Aspekte beschränkt, nahm also den Endpunkt einer Verbalhandlung in den Blick (Nübling 2010:252).

(3) ph0gboum hab)ta sum giflanz@tan in s0nemo w0ngarten (Tatian 102,2)

Zum Frühneuhochdeutschen hin weitet sich der Anwendungsbereich des Perfekts nun aus: Aus einer perfektiven prädikativen Konstruktion heraus entstanden, hatte es auch nach einsetzendem Verlust des Aspektcharakters als Vergangenheitstempus ein eingeschränktes Anwendungsgebiet: Wie im heutigen Englischen und Schwedischen musste der bezeichnete Vorgang der Vergangenheit für die Gegenwart von Relevanz sein, damit es verwendet werden konnte. Des Weiteren fand es sich bei subjektiven Kommentaren ebensolcher gegenwartsrelevanten Bezüge sowie bei in der Gegenwart fortgesetzten Handlungen der Vergangenheit. Früh dagegen findet sich schon die Verwendung als Vergangenheitstempus in direkter Rede, Kommentaren und abhängigen Nebensätzen (Ebert 1993:387). Gleichzeitig weist das häufige Fehlen des ge -Präfixes, welches im Althochdeutschen Perfektivität markierte und erst später eine Markierung für das Partizip II wurde, besonders bei inhärent perfektiven Verben darauf hin, dass die Grammatikalisierung der Perfektperiphrase auch im Frühneuhochdeutschen noch nicht vollständig abgeschlossen ist (Nübling 2010:253).

Mit Ausdehnung dieses Anwendungsgebiets auf Bereiche, die ursprünglich dem Präteritum vorbehalten waren (ein Vorgang, der im Mittelhochdeutschen langsam beginnt und im Frühneuhochdeutschen eine rapide Ausbreitung erfährt), ging ein zunehmender Verlust des einfachen synthetischen Präteritums einher (Fleischer 2011:133). Während die Periphrase mit sein und haben bereits im Althochdeutschen zu finden ist, nimmt ihre Bedeutung als Vergangenheitstempus im Frühneuhochdeutschen stark zu, wodurch zu dieser Zeit der so genannte Präteritumschwund vorangetrieben wird; Untersuchungen am BFK zeigen einen Schwund der Präteritalformen bei gleichzeitiger Zunahme der Verwendung des Partizip II in entsprechender Funktion in den Jahren 1350 bis 1700. Dabei ist jedoch zu beachten, dass das Fortschreiten des Präteritumschwunds stark regional schwankt und bei hochfrequenten Verben später bis gar nicht einsetzt. Eine qualitative Komponente ist hier also nicht zu vernachlässigen (ebd.:129f.).

Eine weitere grammatisch-syntaktische Entwicklung vom Mittelhochdeutschen zum Frühneuhochdeutschen hin betrifft die Futurperiphrase mit werden. Im Mittelhochdeutschen wurde das Futur oft noch mit Modalverben gebildet, wobei bereits vereinzelte Belege mit werden zu finden sind, deren Zahl im Frühneuhochdeutschen jedoch langsam zunimmt, dort auch mit rein temporaler Bedeutung im Gegensatz zu einem früheren inchoativen Aspekt (ebd.:137). Überlegungen zum Ursprung dieser Konstruktion tendieren zu der Annahme, dass sie mit einer ähnlichen Konstruktion des Mittelhochdeutschen verwandt ist, nämlich dem Partizip I bei werden und sein, das ebenfalls inchoativen Charakter hat (wobei nicht hinreichend geklärt ist, aus welchen Gründen aus dem Partizip I ein Infinitiv wurde) (ebd.:139f.). Die Korpusuntersuchung wird zeigen, dass sich zumindest in einem der beiden früheren Texte, die sich auf der Grenze zum Mittelhochdeutschen befinden, nämlich Mannen von Rulman Merswin von 1352, noch zahlreiche dieser Konstruktionen finden lassen, während sich bei dem humanistischen Pendant, Troja von Hans Mair (1392), trotz der nur vierzig Jahre Unterschied nur ein Beleg dafür zeigt.

Synthetische Passivformen finden sich bereits im Althochdeutschen keine mehr. Sowohl das analytische Vorgangs- als auch das Zustandspassiv sind aus prädikativen Strukturen entstanden, die im Falle des Vorgangspassiv zunehmender Grammatikalisierung unterworfen worden sind, während das Zustandspassiv davon nicht betroffen wurde (Ausnahme sind Verben, die ihr Passivparadigma ausschließlich mit sein bilden) und zunehmend zu Gunsten des Passivs mit werden quantitativ abnahm (ebd.:133f.).

Soviel soll an dieser Stelle zur Entwicklung von Tempussystem und Periphrasen genügen; zum Abschluss des Kapitels folgen nun noch einige wenige Hinweise auf das Partizip im Mittelhochdeutschen: Außerhalb der periphrastischen Konstruktionen findet sich die Verwendung der Partizipien I und II als Attribute, beim ersten in aktivischer, beim zweiten in passivischer Bedeutung, wenn es sich um Transitiva handelt; als Adjektive finden sich auch häufig negierte Partizipien (vgl. Kapitel 3.1). Daneben gibt es auch die adverbiale Verwendung (vgl. Kapitel 3.3) von Bewegungsverben bei komen sowie prädikative Konstruktionen bei tuon, lâzen und Modalverben (Kapitel 3.2). Absolute Konstruktionen sind dagegen kaum anzutreffen (Paul 1998:313). Dieser kurze Überblick soll genügen, um später in Kapitel 3 deutlich zu machen, wie stark die Partizipialkonstruktionen im Frühneuhochdeutschen ausgebaut sind, und auch, um später in der Korpusarbeit einige Phänomene in den beiden frühen Texten (von 1352 bzw. 1392) zu erklären, die vornehmlich mittelhochdeutscher Natur zu sein scheinen.

2.1.2 Der Humanismus

Das folgende Kapitel soll, nach den sprachgeschichtlichen Grundlagen des vorhergehenden, nun die geistesgeschichtlichen Hintergründe der Zeit in Augenschein nehmen, in der sich diese syntaktischen Wandelphänomene abspielten. Genauer gesagt soll es um einen bestimmten Bildungshintergrund gehen, der einen Teil der Autoren im Korpus als Humanisten auszeichnet.

Der Humanismus ist nach kurzer Definition eine bildungs- und geisteswissenschaftliche Strömung, die im späten 14. Jahrhundert nach Deutschland gelangte, nachdem sie ihren Ursprung in Italien genommen hatte (Knape 2000:1673). Ihr Aufkommen überschneidet sich zeitlich teilweise mit der Sprachstufe des Frühneuhochdeutschen (1350-1650) und nimmt besonderen Einfluss auf die Entwicklung der frühneuhochdeutschen Schriftsprache (Polenz 2000:210ff.).

Neben ‚Humanismus‘ als Begriff findet sich auch die Bezeichnung ‚Renaissance-Humanismus‘, der nahelegt, dass es sich beim Humanismus eher um eine bildungsorientierte Strömung innerhalb der (geistes-)geschichtlichen Renaissance handelt. Die italienische Renaissance als geschichtliche Epoche verstand sich selbst als die Wiedererstehung von Schriftsprache und Lernen (Worstbrock 2005:9), ein Selbstverständnis, das nur langsam in Deutschland Fuß fasste und damit das späte Ankommen des Humanismus in Deutschland erklärt. Insgesamt ist der Begriff ‚Renaissance-Humanismus‘ nicht unproblematisch, da sich die italienische Renaissanceidee nicht unverändert von den Deutschen übernehmen ließ (ebd.:21) und bei diesen überhaupt erst einen Sinn für das eigene Kulturbewusstsein hervorgerufen hat (ebd.:28). Um den Problemen, die epochalen Bezeichnungen inhärent eigen sind, aufgrund der weniger kultur- als sprachwissenschaftlichen Orientierung dieser Arbeit zu entgehen, wird im Folgenden schlicht der Begriff ‚Humanismus‘ für die Epoche und die ihr zugehörigen Ideen sowie Ausprägungen selbiger gebraucht.

Das wichtigste Merkmal des Humanismus war sein Augenmerk auf die Antike: Die Wiederentdeckung antiker Sprachen und Literatur sowie Weltanschauungen legten den Grundstein für die Herausbildung einer sprachlichen Norm, die auf eben jenen antiken Vorstellungen beruhte (Polenz 2000:210ff.). Dabei wird von der Überlegenheit des älteren Textes ausgegangen, der als Muster in den jüngeren Texten wieder aufgegriffen wird und dem nachzueifern ist (Müller 1994:68). Eine starke Rezeption besonders der lateinischen Sprache bewirkte, dass Latein eine einflussreiche Gebersprache im Bereich von Lehnphänomenen wurde: Dieser Einfluss nahm nach 1480 jedoch stark ab, erlebte zur Zeit der Reformation (1520-1540) einen erneuten Aufschwung und sank prozentual nach 1600 auf unter 50 % (Polenz 2000:210ff.). Das Latein der Humanisten war jedoch nicht das zu jener Zeit auch alltagssprachlich noch vertretene Latein, sondern das der Klassiker: Das Vorbild Cicero war der Standard, den es anzustreben galt, und bis heute imitiert, wer klassische lateinische Stilübungen betreibt, hauptsächlich eben dieses Latein Ciceros, höchstens noch Caesars (Drücke 2001:146).

Den Weg von Alltags- zu Gebrauchslatein ebnete dabei eine Reform der Lateinschulen und Universitäten der Zeit, die ursprünglich die lateinische Sprache durch Expositionen bzw. Disputationen über Texte und Stoffe lehrten, wobei nur unzureichend die reine Grammatik nahegebracht wurde. Erst unter frühhumanistischem Einfluss gelang eine Reform des Grammatikunterrichts, dem nun z. B. die Ars Maior und die Ars Minor des spätantiken Grammatikers Aelius Donatus zugrunde lagen, der zwar um 350 n. Chr. lebte und somit nicht direkt ‚klassisches‘ Latein niederschrieb, aber weitaus näher am gewünschten Ziel des ciceronischen Stils gelegen haben dürfte als die zuvor verwendeten Lehrbücher, z. B. das Doctrinale von Alexander von Villa-Dei (Ising 1970:32f.). Letzterer wurde vor allem von den italienischen Humanisten abgelehnt, die ihn als einen „Teutonen und Barbaren [verurteilten], der die Römer [d. h. die italienischen Humanisten, N.E.] mit stammelnder Zunge ihre eigene Muttersprache lehren wolle“ (ebd.:53). Tatsächlich wurde Donatus von den italienischen Humanisten mit Grammatikern des klassischen Lateins auf eine Stufe gestellt, z. B. Varro und Caesar (ebd.).

Die Rezeption des Lateinischen im Humanismus erschöpft sich in einer umfassenden Übersetzungskultur, die der Renaissanceidee geschuldet ist: Die Wiedererweckung von Sprache und Schrift war auch eine Wiedererweckung von Literatur und Überlieferung (Worstbrock 2005:17) sowie die Entdeckung fremder Kulturen und Literaturbereiche (Drücke 2001:139). In Deutschland fasste die Übersetzung lateinischer Texte ins Deutsche erst im späteren 15. Jahrhundert Fuß, und in einigen frühhumanistischen Schulen standen antike Autoren zunächst am Rande (Worstbrock 2005:53f.). Mit zunehmender Profilierung der Übersetzungskultur kristallisierten sich bald zwei Positionen heraus, die sich mit dem Verhältnis von ‚wörtlich vs. sinngemäß‘ sowie dem Schlagwort ‚ imitatio vs. aemulatio ‘ zusammenfassen lassen (Müller 1994:68):

Ein Vertreter ersterer Position, die auf Forderungen der italienischen Humanisten nach Erfüllung der Anforderung des klassischen Stils beruht (Drücke 2001:141), ist zum Beispiel Niclas von Wyle, der sich in seinen Übersetzungen streng an das Vorbild hält. Mit der Imitation sprachlicher und stilistischer Eigenschaften des Originals geht dabei auch eine gewisse innere Haltung einher: Der Respekt vor dem Werk, das nicht der freien Willkür eines Übersetzers ausgeliefert sein sollte. Das Problem einer solchen Übersetzungsweise ist offenkundig: Das Deutsche kann (zu jener Zeit noch weniger als heutzutage) nicht die notwendigen sprachlichen und stilistischen Mittel vorweisen, um eine adäquate Abbildung des Originals in einer fremden Sprache zu gewährleisten (Worstbrock 2005:55f.). Es fehlen Lexeme sowie syntaktische Konstruktionen, mit denen typisch lateinische Phänomene wiedergegeben werden könnten. Ein möglicher Ausgleich besteht in der Erweiterung des deutschen Wortschatzes durch Lehnwörter, aber auch in der starren Integrierung lateinischer Strukturen ins Deutsche. Besonders letztere Vorgehensweise bringt wiederum Probleme mit sich: So können Kasusbezüge im Deutschen nur bedingt durch Flexionsendungen eindeutig gemacht werden, ein Umstand, der bei Nichtbeachtung Sätze mit unklaren Bezügen ihrer einzelnen Konstituenten hervorbringt (Stammler 1954:22, Anm. 1).

Wie Wyle standen jedoch nicht alle humanistischen Autoren der Volkssprache abgeneigt gegenüber: Eine Art Zwischenposition nimmt z. B. Agricola ein. Dieser schätzte, im Gegensatz zu Vertretern der ersten Gruppe, die deutsche Volkssprache als eine Sprache, die es mit sorgfältiger Übung zu beherrschen galt, und sah das Lesen und Übersetzen lateinischer Autoren als ein Mittel an, besseren Umgang mit der Muttersprache zu erlernen, eben weil das Übersetzen aus dem Lateinischen dem Übersetzer spezifische Ausdrucksformen abforderte (Worstbrock 2005:65, Anm.) und so die Muttersprache ‚veredelte‘ (Drücke 2001:141).

Die zweite Position vertritt einen leserorientierten Standpunkt. Einer möglichst originalgetreuen Übersetzung gegenüber stand eine eher rezipientenorientierte Übersetzungstradition, die auf Verständlichkeit ausgerichtet war. Sinngemäß in Form und Inhalt sollte einem weitestgehend illiteraten Publikum der Text verständlich gemacht werden (Worstbrock 2005:56). Steinhöwel war ein Vertreter dieser Position, der sich, u. a. durch den antiken Autor Horaz legitimiert[1], dazu berechtigt sah, verständliche und angemessene Adaptionen vorzunehmen – dazu gehören für das Verständnis Kürzungen irrelevanter Stellen genauso wie erklärende Zusätze, Kommentare u. ä., aber weniger bis gar nicht die formalen Eigenschaften der Vorlage (Drücke 2001:143f.). Das heißt jedoch nicht, dass nicht eine möglichst genaue Übersetzung angestrebt wurde, wenn diese mit den Mitteln der deutschen Sprache verständlich formuliert werden konnte (ebd.:150).

Ein ähnliches Verhältnis bildet das Begriffspaar imitatio und aemulatio ab, wobei es sich weniger auf die sprachliche Ausformung als auf die intertextuellen Bezüge zwischen Original und ‚Nachahmung‘ bezieht (Müller 1994:69). Imitatio bezeichnet in diesem Zusammenhang die Nachschrift eines älteren Textes und die Vervollkommnung der eigenen Fähigkeiten am Vorbild, während aemulatio implizit auf antike Texte referiert und den Bezug zu selbigen über gemeinsame poetologische Regeln eher als über konkrete literarische Elemente herstellt. Aemulatio ist auch der Wettkampf zum Vorbild, der eintritt, wenn die Bildung über imitatio abgeschlossen ist (ebd.:71).

Die humanistische Übersetzung antiker Klassiker durch Verfasser ersterer Position verstand sich selbst in erster Linie als Dienst an den antiken Autoren und selbige als historisch losgelöste Vorbilder einer Norm, der zu folgen war; demzufolge war die möglichst große Ähnlichkeit (bis hin zur Wortstellung) der Übersetzung mit dem Original anzustreben, elegantia das Ziel. Verständlichkeit nahm in dieser auf die Vorbildfunktion lateinischer Autoren gerichteten Übersetzungsweise eine nachrangige Position ein, so dass weit ausschweifende Konstruktionen und unreflektierte Wörtlichkeit dafür sorgten, dass das Deutsch dieser Texte alles andere als „mundgerecht“ war und die Leserschaft sich auf diejenigen beschränkte, die den angemessenen Bildungshintergrund mitbringen konnten (ebd.:58). Neben dem Dienst an der Sache kam der Übersetzungstätigkeit (oder der Ermöglichung einer solchen Tätigkeit) auch ein gewisser Status bei, der dazu führte, dass die erste großangelegte Übersetzung antiker Autoren auf einen Adeligen, nämlich Eberhard I. im Barte, als Förderer derselben zurückgeht, der dadurch den Status eines princeps litteratus erlangte (ebd.:59).

Über Übersetzungen und Kanzleisprache nahmen lateinisch beeinflusste syntaktische Strukturen Einfluss auf die Prosaliteratur (Knape 2000:1678), und auch antike Text-anordnungen sorgten für erhöhte Übersichtlichkeit der frühneuhochdeutschen Texte, so diese nicht in hypotaktischen Überfluss ausartet; insgesamt jedoch gehört „[d]ie humanistische ‚wörtliche‘ Übersetzung […] zur Frühgeschichte der nhd. Satzperiode“ (Worstbrock 2005:80), ist der hypotaktische Stil doch ein markantes Merkmal der frühneuhochdeutschen Kanzleisprache (vgl. Breitbarth 2005:109).

2.2 Grammatik

Participium est pars orationis, dicta, quod partem capit nominis, partem verbi. Recipit enim a nomine genera et casus, a verbo tempora et significationes, ab utroque numerum et figuram.

Aelius

Ars minor 5,1

Im Lateinischen wie auch im Deutschen und anderen Sprachen zeichnet sich das Partizip dadurch aus, dass es sowohl nominale als auch verbale Eigenschaften innehat. Dies illustriert auch der ursprünglich lateinische Terminus: lat. particeps, aus pars und capere, bedeutet „Anteil habend od. nehmend an usw., beteiligt bei usw., teilnehmend an usw., teilhaftig“, substantiviert auch „der Teilnehmer, Genosse, Kamerad“ (Georges 2003:1488f.). Tatsächlich vereint das Partizip einen kuriosen Mix verschiedener Eigenschaften in sich, die eigentlich definierend für Nomen und Verben sind: Wie Substantive können Partizipien dekliniert werden, zeigen Kongruenz und können sogar als Substantive verwendet werden; wie Adjektive können sie als Attribute oder Prädikatsnomen genutzt und gesteigert werden; wie Verben tragen sie Tempusinformation und Valenzeigenschaften, um die wichtigsten Merkmale zu nennen (vgl. z. B. Sommer 1921:101). Das bedeutet für ihre Position im Satz auch, dass sie auf wenig Raum ausdrücken können, was sonst in Nebensätzen untergebracht werden müsste: begleitende Umstände, parallel laufende Handlungen, vorangegangene Geschehnisse u. ä. (ebd.:103).

Aus diesen unterschiedlichen Eigenschaften ergeben sich verschiedene distinkte Verwendungsweisen, die für das Partizip in Frage kommen und die in den folgenden beiden Teilkapiteln für das Lateinische und das Frühneuhochdeutsche näher dargelegt werden sollen. Auch hierbei ist bemerkenswert, dass sich (mit Ausnahme der adverbialen) die Verwendungsweisen sehr gut entsprechen und sich (wiederum mit Ausnahme der adverbialen) auch u. U. recht wörtlich übersetzen lassen; dies ist auch bei weiteren Sprachen zu beobachten (ebd.).

2.2.1 Das Partizip im Lateinischen

Im Lateinischen finden sich drei Partizipialformen von unterschiedlichem Tempus und Genus verbi, was eine Form mehr ist, als das Deutsche sie hat – das Partizip Futur Aktiv (PFA) soll demnach hier nur am Rande und nur wenn zwingend nötig angeführt werden. Die Formen des Partizip Präsens Aktiv (PPA) sowie des Partizip Perfekt Passiv (PPP) dagegen haben deutsche Entsprechungen (vgl. Kapitel 2.2.2, dort zur Unterscheidung Partizip I und II genannt). Die Tempora ‚Präsens‘ und ‚Perfekt‘ in den Namen der Formen sollen dabei nicht irreführend sein: Partizipien tragen zwar Tempusinformation, jedoch beziehen sie sich nicht direkt auf eine Zeitstufe, sondern bilden nur Zeitverhältnisse ab, obgleich das PPP z. B. auch ein Teil der regulären Perfektperiphrase des Passivs ist. Dabei steht das PPA für Gleichzeitigkeit (und andauernde Vorgänge), das PPP für Vorzeitigkeit (und vollendete Vorgänge) im Verhältnis zur Handlung des Satzes, vgl. Beispiel (4a) und (4b). Im Gegensatz zum Deutschen ist diese Funktion der Bezeichnung von Zeitverhältnissen stark ausgeprägt; wo im Deutschen ohne weiteres ein PPP bzw. Partizip II als Attribut eines gleichzeitigen (und passivischen) Vorgangs verwendet werden kann, steht an entsprechender Stelle im Lateinischen eher ein Nebensatz, im vorliegenden Beispiel (5) als Ersatz für ein attributives Partizip (Rubenbauer 1995:§178 1).

(4a) sedens scribo – sitzend schreibe ich

(4b) situs scribo – gesetzt (zuvor gesetzt, jetzt sitzend) schreibe ich

(5) Urbs, quae a nobis obsidetur, copiis abundant.

Die von uns belagerte Stadt ist reich an Vorräten. (§178 1)[2]

Wichtig für die Untersuchung sind aber weniger die Zeitformen des Partizips als ihre Verwendungsweisen. Das Lateinische unterscheidet dabei drei Anwendungen, die sich in der Art ihrer Beziehung zur Handlung des finiten Verbs unterscheiden: attributiv, prädikativ und adverbial.

Ein attributiv verwendetes Partizip charakterisiert, gleich einem Adjektiv, nur sein Bezugswort und nicht das Verb, so dass auch kein Zeitverhältnis ausgedrückt wird, sondern eher der Unterschied zwischen grundlegenden Eigenschaften (beim PPA, vgl. Beispiel 6) und Zuständen (PPP, vgl. Beispiel 7) (§179 a α).

(6) Graecis Macedoniam accolentibus metus minuitur. (§179 a α) Bei den an den Grenzen Makedoniens wohnenden Griechen wird die Furcht weniger.

(7) Parvis gloriabatur tabellis exstinctus nuper in longa senecta Labeo. (§178 2) Der kürzlich in hohem Alter verstorbene Labeo hatte eine Vorliebe für Miniaturmalerei.

Beispiel (7) macht hierbei deutlich, dass es möglich ist, dass das attributive Partizip Erweiterungen zu sich nimmt, im vorliegenden Beispiel (durch Unterstreichung gekennzeichnet) eine Adverbiale der Zeit (nuper) und eine Beschreibung der Umstände des Labeo zur Zeit seines Todes (in longa senecta). Des Weiteren ist das attributive Partizip zumindest in klassischer Zeit in seiner Verwendung eingeschränkt, wenn es nicht als Beschreibung einer Eigenschaft oder eines Zustandes verwendet wird: Theoretisch kann es sich auch auf andauernde oder vollendete Handlungen beziehen, jedoch wird auch hier tendenziell die Ersatzkonstruktion mit Relativsatz bevorzugt, besonders, wenn die Handlung des Partizips keine direkte Beziehung zum finiten Verb hat, wie es oft bei Bemerkungen zur Textkohärenz der Fall ist, vgl. folgendes Beispiel (8) (§179 3). Dies wird besonders in Kapitel 3.1 interessant werden, wenn Konstruktionen mit ähnlicher pragmatischer Dimension im Deutschen angesprochen werden sollen.

(8) Ad ea castra, quae supra demonstravimus, contendit. Er zog zu dem obenerwähnten Lager. (§179 3)

Als Prädikativum ist das Partizip die notwendige Ergänzung einer Kopula und bildet mit ihr den Prädikatsausdruck des Satzes (§179 β). Wichtigstes Beispiel hier ist die Bildung des PPP mit esse zu den Tempora Perfekt und Plusquamperfekt Passiv (vgl. Beispiel 9). Daneben tritt prädikativ meistens das PPA auf: Zum Ersten einfach im Nominativ, um im Kontrast zur entsprechenden Form des Präsens Indikativ Aktiv einen andauernden Zustand zu bezeichnen (10). Diese Konstruktion hat eine Entsprechung im Mittel- und frühen Frühneuhochdeutschen, wie in Kapitel 3.2 deutlich werden wird. Zum Zweiten bildet das PPA im Akkusativ mit facere sowie Verben der Wahrnehmung den so genannten AcP (accusativus cum participio), eine seltenere Konkurrenzkonstruktion des AcI (accusativus cum infinitivo), wobei der AcP verstärkt Nachdruck auf Verlauf (facere) bzw. Wahrnehmungsvorgang der Konstruktion legt, weniger auf den eigentlichen Inhalt der Handlung, vgl. dazu Beispiele (11a) für den AcP und (11b) für den AcI:

(9) Epistula scripta est/erat. – Der Brief ist/war geschrieben worden.

(10) audio – ich höre vs. audiens sum – ich höre ständig, bin also gehorsam (§179 a β)

(11a) Audio eum dicentem. – Ich höre, wie er spricht.

(11a) Audio eum dicere. – Ich höre, dass er spricht.

Bei der adverbialen Verwendung des lateinischen Partizips werden die Konstruktionen participium coniunctum (PC) und ablativus absolutus (abl. abs.) unterschieden, Verwendungsweisen, die sich nicht ohne Weiteres auf das Deutsche übertragen lassen, vgl. Kapitel 3.3 und 3.4, und die dementsprechend im Frühneuhochdeutschen eine modifizierte Unterteilung benötigen. Mehr dazu später.

Adverbial als PC beschreibt das Partizip die näheren Umstände seines Bezugswortes zur Zeit der Handlung des finiten Verbs, anders als ein Attribut bezieht es sich jedoch auf ein selbstständiges, neben der Handlung stattfindendes Geschehen, entweder ein gleichzeitiges (PPA, vgl. Beispiel 12) oder ein vorzeitiges (PPP, vgl. Beispiel 13) (§180). Diese Konstruktion ist im Deutschen kaum nachzuahmen; an die Stelle wörtlicher Übersetzung treten hier Nebensätze verschiedenster Art, aber auch beigeordnete Sätze sowie nominale Übersetzung, z. B. als Präpositionalausdruck (§181).

(12) Rura colentes Bituriges ab equitatu oppressi sunt. Die Bituriger wurden bei der Feldarbeit von der Reiterei überfallen. (§178 2)

(13) Civitates magnis affectae beneficiis Pompeium diligebant. Die Gemeinden liebten Pompeius, weil sie von ihm mit Wohltaten überhäuft worden waren. (§180 b α)

(14) Religione sublata fides quoque tollitur. Wenn religiöse Bindungen schwinden, schwindet auch die Treue. (§180 b β 2)

Aus instrumentaler Verwendung des Ablativ heraus entstanden ist der ablativus absolutus, der, wie der Name schon sagt, eine vom restlichen Satz losgelöste Konstruktion im Ablativ ist, die ähnlich wie das PC verwendet wird, nämlich zur näheren Angabe der Umstände (Beispiel 14). Daneben finden sich auch Verwendungen als Prädikatsnomen sowie, klassisch selten, die Bildung eines abl. abs. durch ein Substantiv oder ein substantiviertes Partizip allein, was im Deutschen nicht nachzuahmen ist und demnach hier nicht weiter ausgeführt werden soll (§180 3 u. 4). Übersetzungsmöglichkeiten entsprechen größtenteils denen des PC, wobei die Übersetzung in nominaler Wendung unter Umständen leichter fällt (z. B. sole occidente – ‚bei Sonnenuntergang‘).

2.2.2 Das Partizip im Frühneuhochdeutschen

In attributiver Verwendung können die Partizipien I und II zunächst als einfache Adjektive auftreten (Beispiel 15)[3] und als solche u. U. Erweiterungen zu sich nehmen (16). Die Voranstellung des adjektivischen Partizips, wie wir sie heute kennen, ist dabei eine relativ junge Entwicklung, deren regelmäßiges Auftreten im Frühneuhochdeutschen anzusiedeln ist (Nübling 2010:100); besonders das präsentische attributive Partizip findet sich im Frühneuhochdeutschen meist direkt vor seinem Bezugswort (Ebert 1993:325), wohingegen das Partizip II auch nachgestellt auftritt (ebd.:328), eine Stellungsvariante, die zunächst im 14. und 15. Jahrhundert in der Kanzleisprache zu finden ist, später auch im Bildungsdeutsch, vgl. Beispiel (17). Ähnliches gilt für Partizipien, die vor- und rückverweisenden Charakter haben, also zur Herstellung von Textkohärenz verwendet werden können (ebd.:325).

(15) Der gelert man/ hatt sich auff solche wort nit lang genumen zG bedencken | Wi 18 31[4]

(16) der liez uss seinem mund übel smekend fiurin flamen | Mai 8 24

Daneben waren vor allem in älteren Sprachstufen jedoch auch andere Stellungsvarianten der (erweiterten) Partizipialattribute möglich; eine frühneuhochdeutsche Variante, die als Beispiel lateinischer Lehnsyntax anzuführen ist, ist dabei die Stellung einer Erweiterung zwischen vorangestelltem Partizip und Substantiv, die nur bei Humanisten auftritt (Beispiel 18, vgl. dort). Die Erweiterung der attributiven Partizipien ist überhaupt erst im 16. Jahrhundert regelmäßig zu finden und fließt erst im 17. Jahrhundert in andere Sprachregister ein (Lötscher 1990:14f.). Neben dieser Variante steht (19), eine Stellung, die im 16. und 17. Jahrhundert rapide zunimmt, wohl aus stilistisch-funktionalen Gründen (ebd.:23).

(17) Einem weberknecht von Meyhsen genant ist die stat verboten (329)

(18) Eine heilige geweichte aus paumöl salben (Rössing-Hager1990:415)

(19) Die... hochgelerten und allerlei meisterschaft wol vermügenden leut (Lötscher 1990:16)

Prädikativ steht das frühneuhochdeutsche Partizip I generell in aktiver Bedeutung in periphrastischen Konstruktionen mit sein und werden (vgl. Kapitel 3.2) sowie bei Verben der gleichzeitigen Handlung und Positionsverben mit Bezug auf das Subjekt, wo es temporale, kausale oder konditionale Aspekte abbilden kann (bleiben, stehen; Beispiel 20). Bei Bezug auf ein Objekt finden sich Vollverben wie haben, finden, machen sowie Verben der Wahrnehmung (vgl. Beispiel 21). Das Partizip II findet sich erwartungsgemäß in den Perfekt-, Plusquamperfekt- und Passivperiphrasen, bei prädikativer Verwendung im engeren Sinne auch bei Positionsverben und solchen, die heute beim so genannten Rezipientenpassiv zu finden sind: halten, bekommen, kriegen sowie generell Verben, die einen Zustand charakterisieren, vgl. Beispiele (22) und (23) (Ebert 1993:414ff.).

(20) unde blibent doch by uns in der stad sitzende (414)

(21) Die Tauben macht er hörend/ vnd die Sprachlosen redend (415)

(22) darinnen es laider lange jar verborgen ist gelegen (416)

(23) der doch die wunden der lieb verholen und verporgen hielt (ebd.)

Die prädikative Konstruktion mit sein vom Typ er ist gekommen ist auch Vorläufer der heutigen Perfektperiphrase, bei der der Tempuscharakter in den Vordergrund tritt (er ist gekommen = er kam), während der perfektive Aspekt im so genannten Zustandspassiv[5] bis heute weiterhin zu finden ist. Er ist gekreuzigt lässt sich beispielsweise als ‚Er ist ein Gekreuzigter‘ paraphrasieren, nicht der Vorgang des Kreuzigens, sondern der Zustand des Subjektes steht im Vordergrund. Deutlicher war dies noch im Althochdeutschen, als die Flexion des Partizips zwar nicht häufig, aber möglich war (er ist gekreuzigter) (Fleischer 2011:124f.). Wie bereits in Kapitel 2.2.1 angesprochen, besteht die Möglichkeit der Paraphrasierung noch bei der Konstruktion mit haben, das im Gegensatz zu sein in der frühen Periphrase noch als Vollverb auftritt: ich habe ein Buch geschrieben kann also damit etwa ‚Ich habe (= besitze) ein Buch als ein geschriebenes‘ (ebd.:123) bedeuten. Hier kann sich das Partizip, anders als bei sein, auf das entsprechende Objekt beziehen, wobei auch die Lesart mit Subjektbezug möglich ist – in diesem Fall wäre der Beispielsatz wie eine heutige Perfektperiphrase zu lesen. Gleiches gilt, falls kein Objekt vorhanden ist, auf das haben als Vollverb im Sinne von besitzen zutreffen könnte (ebd.:125f.).

In der vorliegenden Arbeit wird das Partizip bei sein, das so genannte Zustandspassiv, der rein prädikativen Struktur zugerechnet, obgleich es auch als Periphrase angesehen werden kann (ebd.:123). Für die Korpusuntersuchung ist jedoch eine scharfe Abgrenzung zwischen Tempus und Aspekt notwendig, eine Abgrenzung, die beim Zustandspassiv nicht ohne weiteres möglich ist: Eine Konstruktion wie er ist gekreuzigt kann sowohl temporal (er ist gekreuzigt (worden), zu einem vergangenen Zeitpunkt) als auch perfektiv im Sinne des Aspektes aufgefasst werden (er ist gekreuzigt, also jetzt gerade ein Gekreuzigter). Im Sinne der Untersuchung wird das Zustandspassiv als prädikative Konstruktion gewertet, da – im Gegensatz zum Vorgangspassiv – in der Regel beide Auslegungen problemlos möglich sind, wobei der Vorzug des Zustandspassiv über das Vorgangspassiv aspektual begründet ist. Das Problem wird später am Beispiel jedoch noch einmal verdeutlicht. Unumstritten periphrastisch dagegen sind jedoch Perfektperiphrasen von Bewegungsverben mit sein wie er ist gelaufen (ebd.).

In adverbialer Verwendungsweise muss nun sehr deutlich zwischen (frühneuhoch-) deutscher und lateinischer Grammatik unterschieden werden. Die typische adverbiale Verwendung des lateinischen Partizip, das PC, ist im Deutschen so gut wie unmöglich wörtlich nachzumachen und findet sich höchstens in verschiedenen adverbialen Nebensätzen wieder; die Konstruktion hat keine deutsche Entsprechung. Andererseits gibt es im Frühneuhochdeutschen eine Verwendungsmöglichkeit des Partizips, die das Lateinische nicht kennt, nämlich den direkten Bezug des Partizips auf das Verb (und nicht nur auf ein Bezugswort zur Zeit der Verbalhandlung). Dies findet sich z. B. als Partizip II von Bewegungsverben oft bei kommen (z. B. er kommt geritten, gelaufen, gegangen), aber auch andere Kombinationen sind möglich. Während manche Grammatiken diese Konstruktion als prädikativ verstehen, würde diese Einteilung hier zu Abgrenzungsschwierigkeiten innerhalb der Gruppe der prädikativen Partizipien führen, die distinktive Terminologie erfordern würde zur Unterscheidung von prädikativen Partizipien, die vom Verb gefordert sind, damit ein Satz (syntaktisch oder inhaltlich) grammatisch wird (vgl. Beispiele 24a und 24b). Um diesem Problem von vorneherein aus dem Weg zu gehen, werden Partizipien in der Verwendung wie geritten kommen von Anfang an in eine eigene Kategorie sortiert, die auch ‚adverbial‘ genannt werden muss, obgleich sie mit dem lateinischen adverbialen Partizip nichts zu tun hat – eine andere Bezeichnung bietet sich aber kaum an, denn ad verbum ist das einzige, was diese Partizipien charakterisiert: Zum Verb, wie in geritten kommen, das paraphrasiert hieße ‚auf gerittene Art und Weise kommen‘. In diesem Sinne ist die hier eingeführte deutsche Verwendung ad-verbialer als die Lateinische.

(24a) Er kommt geritten.

(24b) Er kommt.

(25a) Der Satz steht geschrieben.

(25b) ?* Der Satz steht.

Die Paraphrase adverbialer Partizipien ist im Übrigen auch dienlich, um selbige von Prädikativen bei Vollverben abzugrenzen: Jemand kann zwar geritten kommen (‚auf gerittene Art und Weise kommen‘), aber nicht (adverbial) geschrieben stehen (‚auf geschriebene Art und Weise stehen‘) – in letzterem Fall bezieht sich das Partizip auf ein Bezugswort (z. B. einen Satz) und ist zur inhaltlichen (wenn auch nicht grammatischen) Vollständigkeit notwendig (vgl. Beispiel 25a und 25b). Wie bereits erwähnt, wird die Diskussion von Belegen dieser Art meist aus lateinischer Perspektive erfolgen, eben um Einflüsse auf deutsche Konstruktionen illustrieren zu können (oder ein Mangel derselben).

(26) Die h=chste last/ vnd schwerest bürd ist die sünde/ de] niemand kann sie tragen/Außgenommen des eynigen Son Gottes (358)

Eine adverbiale Verwendung im weiteren (und nun wieder lateinischen) Sinne ist die absolute Konstruktion, die zwar ebenfalls eine nähere Charakterisierung der Verbalhandlung des finiten Verbs darstellt, jedoch komplett vom restlichen Satz losgelöst ist, eben absolutus, von lat. absolvere, ‚ablösen, losmachen‘. Diese ursprünglich wohl genuin lateinische Konstruktion ist im Deutschen nur schwer nachzumachen, findet sich jedoch im Frühneuhochdeutschen gelegentlich dennoch, besonders in der Kanzleisprache: Meist mit dem negativen Präfix un - und einer Genitiv- oder Akkusativergänzung stehen sie ohne Bezug auf Subjekt oder Objekt des Satzes (26) (Ebert 1993:358f.). Während eigentlich nur bei einem inhaltlichen Bezug auf den gesamten Satz von einer absoluten Konstruktion gesprochen werden kann (ebd.:372), sollen für die Arbeit alle Konstruktionen, die das Kriterium der Loslösung erfüllen, als absolute Konstruktionen gelten – nicht, dass es viele wären. Für die Diskussion gilt hier das gleiche wie für die adverbialen Konstruktionen.

Wie aus dieser Darstellung bereits ersichtlich, ist besonders die Unterscheidung in adverbial absolut in Bezug zur lateinischen Grammatik problematisch; so viel sei jetzt schon gesagt, dass bei den adverbialen Partizipien sehr schnell auch Verwendungstypen nach Vorbild des lateinischen PC zu finden sein werden, die dann als ‚adverbiale Konstruktionen im weiteren Sinne‘ oder ‚nach lateinischem Vorbild‘ genannt werden, was ihre Abgrenzung zur absoluten Konstruktion zusätzlich erschwert, da deren hauptsächliches Abgrenzungskriterium im Lateinischen, nämlich der Kasus des Ablativ, im Deutschen natürlich nicht zur Verfügung steht. Es wird Aufgabe des vierten Kapitels ‚Vergleichende Überlegungen‘ sein, diese kleinteilig aufgefächerte Unterscheidung der letzten beiden Kategorien zu sortieren, zu bewerten und in angemessenen Kontext zu stellen. Wenn nötig, wird dann auch ein neuer Vorschlag für eine Klassifikation der Partizipialkonstruktionen im Frühneuhochdeutschen mit Blick auf ihren Bezug zur klassischen lateinischen Grammatik gegeben.

2.3 Korpus

Das aus den Beständen des BFK zusammengestellte Korpus dieser Arbeit umfasst zehn Texte, von denen die jeweils zweihundert ersten Partizipien untersucht wurden. Die Texte sind, je nach Bildungshintergrund ihres Autors, in zwei Gruppen von jeweils fünf Texten unterteilt worden. Diese fünf Texte decken die vier im BFK angesetzten Jahrhunderthälften ab (1350-1400, 1450-1500, 1550-1600 und 1650-1700), wobei bei den Nicht-Humanisten die Zeit von 1450-1500, bei den Humanisten die von 1550-1600 doppelt belegt ist. Diese Zuordnung ergab sich schlicht aus Notwendigkeit: Der Bildungsgrad der Autoren im BFK ist teilweise nur unzureichend zu rekonstruieren, so dass die Auswahl aus den dreißig verfügbaren Texten bereits stark eingeschränkt war. Auch ist die Unterteilung in humanistisch vs. nicht-humanistisch nicht trennscharf, da einerseits auf humanistischer Seite kaum ‚richtige‘ Humanisten zu finden sind, eher Autoren mit einem tendenziell humanistischen Bildungshintergrund, andererseits die Verfasser auf nicht-humanistischer Seite teilweise durchaus des Lateinischen mächtig waren.

Für die nicht-humanistische Gruppe wurden folgende fünf Texte ausgewählt: Als frühester Vertreter Rulman Merswins Mannen (Straßburg 1352), ein erbaulicher Text eines Kaufmanns; dann zwei für die folgende Jahrhunderthälfte, nämlich die Denkwürdigkeiten (Wien 1445-1552), der Berichtstext der Hofdame Helene Kottanerin, sowie die Chirurgie des Straßburger Arztes Hieronymus Brunschwig von 1497, die der Fachprosa zuzurechnen ist; als vierten Text Nachbarn von Jörg Wickram (Straßburg 1556), einem Stadtschreiber, und schließlich die Chronik Memmingen des Ulmer Arztes Christoph Schorer von 1660.

Die fünf Texte der humanistischen Gruppe sind ähnlich bunt über Sprachlandschaft und Textgattungen verteilt: Der früheste Text hier ist Hans Mairs Troja (Nördlingen 1392), ein Unterhaltungstext, gefolgt von Hans Neidharts Eunuchus des Terenz (Ulm 1486). Beide Texte beruhen auf lateinischen Vorlagen, wurden jedoch zum einen aufgenommen, weil ihren Verfassern dadurch ein klarer Bildungshintergrund zuzusprechen ist, zum anderen, weil Troja nicht nah genug an einen Originaltext angelehnt ist, um als Übersetzungstext zu gelten, und der Eunuchus mit langen Kommentaren Neidharts gespickt ist, so dass die Übersetzungsteile hier einfach ausgelassen werden konnten. Die Texte drei und vier stammen aus den Jahren 1578 bzw. 1587: Veit Dietrichs Summaria (Nürnberg) ist ein erbaulicher Text, Johannes Mathesius‘ Passionale (Leipzig) ein theologischer Fachtext. Christian Weises Jugendlust (Leipzig 1684) schließlich gehört der unterhaltsamen Literatur an.

Der Befund der Untersuchung wird in absoluten Zahlen wiedergegeben. Zitiert wird aus diesen Texten unter Angabe einer Sigle (vgl. dazu folgendes Kapitel 3) und der jeweiligen Stelle im Text, wobei einige der Texte Seiten-, andere Blattzählung aufweisen: Bei letzterer, die im BFK durch jeweils doppelte Nennung der Zahl im Fließtext nicht ganz eindeutig ist, wurde hier r für recto (erste Nennung) und v für verso (zweite Nennung) eingefügt. Gefolgt wird diese Angabe von der jeweiligen Zeile oder, in einem Fall, von einer Spalten- und Zeilenangabe, bei Schorer zusätzlich von einem Hinweis, ob das betreffende Beispiel aus der Vorrede oder dem Bericht der Chronik Memmingen stammt. Die Angabe der Textstellen bezieht sich im Übrigen nur auf die Position des Partizips, nicht des gesamten Zitats. Diese Zitate sind nur so lang, wie es für das Verständnis notwendig ist, d. h. es sind meistens keine vollständigen Sätze zitiert worden, sondern nur der Kontext des Partizips, der eine Zuordnung zu den verschiedenen Verwendungsweisen erlaubt. Werden einzelne Wörter oder Ausdrücke im Fließtext zitiert, stehen diese in der Originalschreibweise, wenn die Kongruenz es zulässt, ansonsten in neuhochdeutscher Transkription.

[...]


[1] Nec verbum verbo curabis reddere fidus interpres, vgl. Drücke 2001:149.

[2] Lateinische Beispiele, ihre deutschen Übersetzungen sowie Angaben zur lateinischen Grammatik, die aus Rubenbauer (1995) entnommen wurden, werden mit den entsprechenden Paragraphen und Absätzen zitiert; sonstige Beispiele und Übersetzungen sind eigenständig erstellt.

[3] Alle frühneuhochdeutschen Beispiele sind, soweit nicht anders gekennzeichnet, unter Angabe der Seitenzahl aus Ebert (1993) entnommen.

[4] Jörg Wickram: Nachbarn; zu Siglen und Zitierweise von Belegstellen aus dem Korpus vgl. Kapitel 2.3.

[5] Die Bezeichnung des Zustandspassiv als Passiv ist im Übrigen strittig (vgl. Fleischer 2011:133), soll hier aber aus praktischen Gründen unreflektiert belassen werden.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten

Details

Titel
Frühneuhochdeutsche Partizipialkonstruktionen. Untersuchungen zu Verwendungsweisen, Stilistik und humanistischem Einfluss
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Deutsche Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
82
Katalognummer
V335993
ISBN (eBook)
9783668258877
ISBN (Buch)
9783668258884
Dateigröße
1665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historische Linguistik, Sprachwandel, Humanismus, Partizip, Lehnwort, Latein, Stilistik, Partizipialkonstruktionen, Frühneuhochdeutsch
Arbeit zitieren
Nathalie Exo (Autor), 2012, Frühneuhochdeutsche Partizipialkonstruktionen. Untersuchungen zu Verwendungsweisen, Stilistik und humanistischem Einfluss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335993

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