Die Arbeit beschäftigt sich mit einem kleinen Ausschnitt des Einflusses, den das Lateinische auf die Syntax des Frühneuhochdeutschen gehabt hat. Bislang wurde kaum untersucht, wie es sich mit den Partizipialkonstruktionen der Zeit verhält – Konstruktionen, deren lateinische Entsprechungen teilweise im Deutschen eben nicht ohne Weiteres nachzuahmen sind.
Untersuchungen gab es bereits zum Einfluss auf erweiterte Partizipialattribute, doch wurde bislang wenig zu prädikativen oder adverbialen Partizipien im Frühneuhochdeutschen gesagt. Da der Einfluss des Lateinischen andererseits lange Zeit überschätzt wurde, soll eine Korpusuntersuchung zeigen, ob dieser sich bei den Partizipien konkret an Textbeispielen (qualitativ wie quantitativ) festmachen lässt.
Falls es einen Einfluss gibt, so ist auch zu überlegen, ob dieser nachhaltig ist oder sich zunehmend wieder abbaut, denn Syntax ist ein Teilsystem der Sprache, das gegen äußere Einflüsse in der Regel außerordentlich stabil ist.
Die zentralen Fragen dieser Arbeit sind demnach: Hat das Lateinische die Partizipialkonstruktionen des Humanismus beeinflusst? Wenn ja, nur die Konstruktionen an sich, oder aber eher auch Stilistik und Verwendungsweisen? Hat sich der Einfluss langfristig durchgesetzt? Mit Hilfe dieser Fragen wird die zentrale These („Die lateinische Sprache hat, über humanistisch gebildete Autoren, einen Einfluss auf Verwendungsweisen und Stilistik frühneuhochdeutscher Partizipialkonstruktionen gehabt“) auf ihre Anwendbarkeit überprüft.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen
2.1 Sprachgeschichte
2.1.1 Frühneuhochdeutsch
2.1.2 Der Humanismus
2.2 Grammatik
2.2.1 Das Partizip im Lateinischen
2.2.2 Das Partizip im Frühneuhochdeutschen
2.3 Korpus
3. Korpusuntersuchung
3.1 Attributive Verwendung
3.1.1 Bestand
3.1.2 Diskussion
3.1.3 Exkurs I: Nachfeldbesetzung
3.2 Prädikative Verwendung
3.2.1 Periphrastische Verwendung
3.2.1.1 Bestand
3.2.1.2 Diskussion
3.2.1.3 Exkurs II: Der frühneuhochdeutsche Auxiliary Drop
3.2.2 Prädikative Verwendung im engeren Sinn
3.2.2.1 Bestand
3.2.2.2 Diskussion
3.3 Adverbiale Verwendung
3.3.1 Bestand
3.3.2 Diskussion
3.4 Absolute Verwendung
3.4.1 Bestand
3.4.2 Diskussion
4. Vergleichende Überlegungen
5. Fazit
5.1 Schlussfolgerungen
5.2 Reflexion
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob das Lateinische über humanistisch gebildete Autoren einen Einfluss auf die Verwendungsweisen und die Stilistik frühneuhochdeutscher Partizipialkonstruktionen ausgeübt hat. Die zentrale Forschungsfrage prüft, ob sich dieser lateinische Einfluss bei den untersuchten Partizipien qualitativ und quantitativ an konkreten Textbeispielen festmachen lässt.
- Syntax und Stilistik frühneuhochdeutscher Partizipialkonstruktionen
- Einfluss des Humanismus auf die deutsche Sprachentwicklung
- Vergleichende Korpusanalyse von Autoren mit und ohne humanistischen Bildungshintergrund
- Grammatische Kategorisierung und Abgrenzung von Partizipialtypen (attributiv, prädikativ, adverbial, absolut)
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Justus Georg SCHOTTEL, ein wichtiger Sprachforscher des 17. Jahrhunderts, widmet in seinem einflussreichen Hauptwerk dem bei ihm so genannten ‚Mittelwort‘, dem Partizip, eine ausführliche Betrachtung in zehn Unterkapiteln, die freilich im Angesicht des gewaltigen Umfangs der Arbeit immer noch recht kurz erscheinen. Prinzipiell wird in diesem Kapitel jedoch alles angesprochen, was über das Partizip zu wissen ist: Entstehung, Bildung aktivischer und passivischer Formen, Paradigmen, indeklinable Formen, Wortbildung (besonders un-Präfigierung), Beobachtungen zur Verwendung. Abgesehen von seiner Bedeutung für die Grammatikographie des Deutschen scheint dieses Kapitel jedoch nicht außergewöhnlich zu sein, wenn auch die Ausführlichkeit der Darstellung und der normativ-präskriptive Charakter zu überraschen vermag – das Werk richtet sich nicht an ein hochgebildetes Publikum – und die deutschen Fachtermini heute, nach Etablierung lateinischer Fachbegriffe, etwas unbeholfen wirken. Stutzig mag man als Leser dieses Werkes erst werden, wenn SCHOTTEL im neunten Abschnitt plötzlich auf ein Partizip der zukünftigen Zeit zu sprechen kommt – falls einem nicht schon vorher in den Paradigmen die Aufzählung von sechs Kasus aufgefallen ist.
Unter diesen Gesichtspunkten wird plötzlich auch wichtig, was zuvor vielleicht unter Vorannahme der Wissenschaftskonventionen der frühen Neuzeit ignoriert wurde, nämlich die (verkürzte) lateinische Übersetzung der deutschen Erläuterungen, angefangen beim lateinischen Titel De Participio. Sechs Kasus und ein Futurpartizip jedoch lassen durchscheinen, dass der Einfluss des Lateinischen sich womöglich nicht nur auf die Sprache der Abfassung bzw. der wissenschaftlichen Diskussion beschränkt: Aufgeführt wird in den Paradigmen der Vokativ, vor allem aber auch ein ‚nehmender Fall‘, der an einen lateinischen (separativen) Ablativ angelehnt zu sein scheint: „Von dem/ von der/ von dem Liebenden“ (ebd.:607) findet sich dort beim Paradigma Participii Activi, dem ‚wirkenden Mittelwort‘, und ganz ähnliches auch beim passivischen Partizip.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein und formuliert die zentrale These hinsichtlich des lateinischen Einflusses auf die frühneuhochdeutsche Syntax.
2. Grundlagen: Hier werden die sprachgeschichtlichen Rahmenbedingungen (Frühneuhochdeutsch, Humanismus) sowie die grammatischen Voraussetzungen der Partizipialkonstruktionen dargelegt.
3. Korpusuntersuchung: In diesem Hauptteil erfolgt die Analyse des Korpus, unterteilt in die verschiedenen Verwendungsweisen des Partizips sowie ergänzende Exkurse.
4. Vergleichende Überlegungen: Die Befunde der verschiedenen Autoren und Gruppen werden hier gegenübergestellt und hinsichtlich der zentralen Fragestellung interpretiert.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen, reflektiert die Methodik und bietet einen Ausblick auf offene Fragen.
Schlüsselwörter
Frühneuhochdeutsch, Partizipialkonstruktionen, Humanismus, Lateinischer Einfluss, Korpusuntersuchung, Syntax, Sprachgeschichte, Attributive Verwendung, Prädikative Verwendung, Adverbiale Verwendung, Absolute Konstruktion, Grammatikalisierung, Stilistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den möglichen Einfluss der lateinischen Sprache auf die Struktur und Verwendung von Partizipialkonstruktionen im Frühneuhochdeutschen, vermittelt durch humanistische Autoren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Untersuchung deckt die syntaktische Entwicklung von Partizipien, den Einfluss humanistischer Bildung sowie die methodische Herausforderung einer Korpusanalyse in einer Übergangsphase der Sprache ab.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, ob sich die These bestätigen lässt, dass die lateinische Sprache über humanistisch gebildete Autoren die Stilistik und Verwendung frühneuhochdeutscher Partizipialkonstruktionen nachhaltig beeinflusst hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Korpusuntersuchung auf Basis des Bonner Frühneuhochdeutschkorpus (BFK) durchgeführt, bei der zehn Texte unterschiedlicher Autoren qualitativ und quantitativ analysiert wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Korpusuntersuchung, die nach der Verwendung der Partizipien (attributiv, prädikativ, adverbial, absolut) unterteilt ist und Exkurse zur Satzklammer und zum Auxiliary Drop enthält.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Frühneuhochdeutsch, Partizipialkonstruktionen, Humanismus, Sprachwandel und Korpuslinguistik aus.
Welche Rolle spielt Justus Georg Schottel für diese Untersuchung?
Schottel dient als Beispiel für einen Sprachforscher, dessen Arbeit die theoretischen und normativen Vorstellungen seiner Zeit verdeutlicht und Hinweise auf den lateinischen Einfluss bei der Beschreibung deutscher Partizipien liefert.
Warum wurde die Kottanerin für die Analyse ausgewählt?
Die Kottanerin repräsentiert eine der nicht-humanistischen Quellen und weist, anders als erwartet, sehr spezifische und hohe Werte bei periphrastischen Konstruktionen auf, was für den Vergleich mit humanistischen Autoren entscheidend ist.
- Citar trabajo
- Nathalie Exo (Autor), 2012, Frühneuhochdeutsche Partizipialkonstruktionen. Untersuchungen zu Verwendungsweisen, Stilistik und humanistischem Einfluss, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/335993