Die Schuldigkeit des Alten Moor in Schillers "Die Räuber"


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 1,7

Melanie Jansen (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Schuldigkeit des „Alten Moors“
2.1. Karl – „Verbrecher aus verlorener Liebe“
2.2. Franz – „Selbsthelfer als Verbrecher“

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der alte Moor, ein allzu schwacher nachgebender Vater, Verzärteler und Stifter vom Verderben und Elend seiner Kinder.“[1], schrieb der Theaterzettel zur Uraufführung der Räuber in Mannheim am 13. Januar 1782 und wagte damit eine erste, kurz umrissene Charakterisierung des Vaters im Hinblick auf dessen Schuldigkeit an dem Leid und Elend seiner Söhne. Umso verwunderlicher scheint es, dass seither der überwiegende Teil der Forschungsliteratur bei der Bearbeitung der Schuldfrage nicht den Vater ins Zentrum seines Gedankenganges rückt, sondern die Söhne des Grafen in den Mittelpunkt der Untersuchung stellt. Betrachtet man die hier vorgestellte kurze Charakterisierung aber einmal mit der Ernsthaftigkeit, die diesem Dokument als damaliges Werbeund Informationsmittel der Uraufführung zusteht, so kommt zwangsläufig die dringende Frage auf, welchen Anteil der Vater an der Katastrophe eigentlich wirklich hat und inwieweit die Katstrophe Folge seines Charakters und Verhaltens darstellt. Diese Arbeit soll daher der Versuch sein, auf diese Fragen eine Antwort zu finden.

Um die Schuldigkeit des Vaters jedoch näher untersuchen zu können, ist es zunächst notwendig, den Gegenstand einer möglichen Schuld zu definieren. Anknüpfungspunkt sollen hier die Zerstörung der Familienbande und die Todesfälle Amalias, des Vaters, Karls, der Opfer der Räuberbande, sowie der Tod von Franz sein. Die Todesfälle Amalias, des Vaters und die der Opfer der Räuberbande werden in dem Stück direkt von Karl oder auf dessen Befehl hin verübt. In der vorliegenden Arbeit soll daher im ersten Teil der Fokus darauf gelegt werden, ob die Handlungen Karls in dem Stück unmittelbar auf ein Verhalten seines Vaters ihm gegenüber zurückzuführen sind und dieser sich damit mitschuldig machte, oder ob Karl alleine die Schuld an diesen Todesfällen zugesprochen werden kann. Hierbei soll vor allem die Frage beleuchtet werden, ob Karls Verhalten auf die List seines Bruders zurückzuführen ist, und wenn ja, welchen Anteil sein Vater am Zustandekommen der List hat. Im zweiten Teil soll dann Franz und das Verhältnis des Vaters zu diesem in das Zentrum der Betrachtung gerückt werden. Wichtig wird die Frage sein, ob Franz als Urheber der List gegenüber Karl die Hauptschuld zugesprochen werden kann, oder ob sein Vater durch sein Verhalten Franz erst zu dem Verbrecher machte, den er letztendlich darstellt und damit die Kausalkette der Katastrophe angestoßen hat. Am Ende sollte diese Arbeit eine Antwort bieten auf die Frage, ob der Graf von
Moor tatsächlich, wie der Mannheimer Theaterzettel das schon 1782 formulierte, Schuld am Unglück seiner Kinder ist und falls ja, welches Maß an Schuld er auf sich geladen hat.

2. Die Schuldigkeit des „Alten Moors“

Im Folgenden soll die Schuldigkeit des Vaters erörtert werden. Wie beschrieben wird zunächst der Fokus auf Karls Verhalten und den Anteil des Vaters an diesem liegen, den zweiten Teil bildet dann die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn Franz.

2.1. Karl – „Verbrecher aus verlorener Liebe“

Betrachtet man die Schuldigkeit des Vaters an den Todesfällen näher, so wird man zunächst feststellen, dass der Vater selber keinen einzigen Mord an einer Person verübt. ‚Tatnächster‘ ist (ausgenommen der Tod von Franz) stets Karl. Karl tötet den Grafen von Regensburg („der Dolch stak in seinem Bauch […]“ (II, 3, S.65))[2], Karl selber gibt den Befehl, die Stadt, in der Roller getötet werden soll, in Brand zu setzen, („Itzt, sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an!“ (II, 3, S. 68)), Karl selber führt die Räuberbande an im Kampf gegen Husaren, Dragoner und Jäger („Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit! “ (III, 2, S.80)). Karl ist es auch, der durch die Offenbarung, Hauptmann zu sein, den endgültigen Tod seines Vaters veranlasst („Der alte Moor gibt seinen Geist auf.“ (V, 2, S.144)) und er selber ersticht Amalia („Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben!“ (V, 2, S.147)). All diese Todesfälle sind dabei auf Karls Entschluss, Räuberhauptmann zu werden, zurückzuführen. Es stellt sich daher die Frage, wieso Karl Hauptmann wurde und welchen Anteil sein Vater an diesem Entschluss hat, um herauszufinden, welche Schuld den Vater an den von Karl begangenen Todesfällen trifft.

Obwohl Karl zu Anfang des Stückes mit rebellischen Äußerungen auffällt („Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden […].“ (I, 2, S.23)), hegt er zu diesem Zeitpunkt durchaus den Wunsch, in den Schoß seines Vaters zurückzukehren, sobald dieser seinen reumütigen Brief mit Vergebung beantwortet hat. („Schon die vorige Woche hab ich meinem Vater um Vergebung geschrieben […]. Lass uns Abschied nehmen, Moritz.“ (I, 2, S.27 f.)) Anhand mehrerer Zitate Karls wird deutlich, dass dieser tatsächlich erst den Entschluss zur Anführung einer Räuberbande fasst, als er die Nachricht bekommt, der Vater wende die Hand von ihm. Schon in der zweiten Szene des ersten Aktes nach Erhalt des von Franz geschriebenen Briefes macht Karl deutlich, woher sein plötzlicher Hass und sein Wille, mit einer Räuberbande auszuziehen, kommen. Er spricht von „Blutliebe“, die „zur Verräterin“ wird und jede „Faser“ dazu brächte sich zu „Grimm und Verderben“ zu strecken, verknüpft den Ausruf „Ist das Vatertreue“ mit dem Ausruf „Oh, ich möchte den Ozean vergiften […]!“ (alles: I, 2, S.35) und lässt den Entschluss „[…], ich bin euer Hauptmann!“ (I, 2, S.36) auf Todesfantasien gegenüber dem Vater folgen („Ha! Wer mit itzt ein Schwert in die Hand gäb […]!“ (I, 2, S.35)). Seinen Entschluss besiegelt Karl mit den Worten „Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, dass mir jemals etwas teuer war!“ (I, 2, S.36). Dieter Borchmeyer bezeichnet in seinem Aufsatz „Die Tragödie vom verlorenen Vater“ Karl daher auch als „Verbrecher aus verlorener Liebe“[3]und Gert Sautermeister schreibt in seinem Beitrag zu Matthias Luserke-Jaquis Schiller-Handbuch, die nahezu gesamte Forschung sehe den Ursprung in Karls Entschluss Hauptmann zu werden, darin, dass Karl durch die List seines Bruders den Eindruck gewinnt, der Vater habe ihm die Vergebung verwehrt.[4]Auch Schiller selbst äußert sich in seiner Selbstrezension zu dem Stück dahingehend, dass Karls Anführung der Räuber und sein Menschenhass nur auf seiner „Privaterbitterung gegen den unzärtlichen Vater“[5]beruhe. Es ist also offensichtlich, dass erst die vermeintliche Entziehung der Vaterliebe den Sohn in blinden Hass gegen die Menschheit stößt und erst in dem Moment, in dem der Vater sich von dem Sohn lossagt, für diesen die natürliche Weltordnung zerbricht, in der Gott, Vater und Sohn eine miteinander verbundene Ordnung bilden. Karl wird zum Hauptmann durch die List seines Bruders.

Wenn Karl aber, wie oben festgestellt, die Todesfälle auf Grund seines Lebens als Räuberhauptmann zu verantworten hat und die List des Bruders ihn zu dem Räuberhauptmann machte, so muss, um die Schuldigkeit des „Alten Moors“ bewerten zu können, die Frage gestellt werden, ob der Vater die List des Bruders hätte verhindern können. Hierbei erscheint es für eine mögliche Antwort sinnvoll, den am Anfang des Stücks stehenden Dialog zwischen Vater und Franz näher zu beleuchten. Franz versucht dort alles, um den Vater von Karl zu trennen. Mit vielen Andeutungen liest er vor, Karl habe „vierzigtausend Dukaten Schulden“, eine „Tochter […] entjungfert“ und „einen braven Jungen […] auf den Tod verwundet“ (alles I, 1, S.1) und führt dem Vater die Möglichkeit vor Augen, sich von dem Sohn zu trennen („Nun also – wenn Ihr dieses Sohnes Euch entäußertet?“ (I, 1, S.16). Insbesondere versucht Franz hierbei dem Vater immer wieder einzureden, die Sorge um Karl würde sein Leben allzu schnell beenden („Dieser Kummer wird Euer Leben untergraben.“ (I, 1, S.16)) und verstärkt diese Sorge, indem er seinen Vater gleich zu Anfang an mehrfach um sein Wohlergehen befragt („Aber ist Euch auch wohl, Vater? (I, 1, S. 11)), ihn mit „alter Mann“ betitelt (I, 1, S.11) und seine Gesichtsfarbe als „totenbleich“ bezeichnet (I, 1, S.12). In Folge dessen beschließt der Vater schließlich, seine Hand von Karl zu wenden, obwohl er ihn gleich darauf wieder „meinen Sohne“ (I, 1, S.18) nennt. Der Vater wird mehr und mehr als schwach und krank charakterisiert, je weiter die Unterhaltung fortschreitet. Fühlt er sich selber zunächst noch wie ein „Fisch im Wasser“ (I, 1, S.11), muss er sich kurz darauf setzten (I, 1, S. 12), verbirgt dann sein Gesicht (I, 1, S.12), „weint […] bitterlich“ (I, 1, S.13) und spricht am Ende der Unterhaltung von sich als „achtzigjährige[m] Mann“ (I, 1, S.16). Darüber hinaus gibt er nur kurze, wenige Redebeiträge ab und ist nicht in der Lage, seine Bedürfnisse („Es ist genug – Lass ab!“ (I, 1, S. 13), „Stille! O stille!“ (I,1, S.15)) durchzusetzen. Neben dem Bild eines schwachen, alten Mannes vermittelt die Eingangsszene jedoch auch das Bild eines zärtlichen (Nebentext: „zärtlich“ (I, 1, S.17)), liebenden Vaters („Schreib ihm das die väterliche Brust – ich sage dir, bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.“ (I,1, S.18)) gegenüber Karl. Das Bild des schwachen, alten, liebevollen Mannes bleibt dann auch das ganze Stück über weiterhin bestehen. Der „Alte Moor“ wird von unterschiedlichen Figuren als „Alter“ (Franz, I, 1, S.18), „Kraftlose Knochen“(II, 2, S.55), „Weißlockigtes Haupt“ (Amalia, II, 2, S.48) und „Greis“ (Amalia, II, 2, S.49 und Karl, V, 2, S.142) bezeichnet, gleichzeitig wird er als „liebevolle[r], barmherzige[r] “ (Amalia, I, 3, S.37), „göttlicher“ Vater (Karl, V, 2, S.142) charakterisiert, der „sein Gebiet zu einem Familienzirkel“ machte und „liebreizend, lächelnd am Tor […] Brüder und Kinder“ willkommen hieß (Franz, II, 2, S.58). Somit entsteht das Bild eines schwachen, zärtlichen Vaters und guten, idealen Herrschers im Sinne der Aufklärung.[6]Gerade dass der Vater aber die Rolle des zärtlichen Landesherren innehat und gegenüber seinen vor Kraft strotzenden Söhnen als liebender, aber schwacher Vater keine Autoritätsgewalt besitzt, führt in der Eingansgsszene dazu, dass Franz ein leichtes Spiel mit seinem Vater hat und dieser Franz gestattet, Karl in dem Brief zu schreiben, er habe die Hand von ihm gewendet. Geradezu naiv glaubt der Vater in dieser Szene all die Lügen, die ihm Franz auftischt, zeigt keine Zweifel, keine Ungläubigkeit, fragt nicht nach, leistet keine Gegenwehr[7]und verliert sich in Selbstmitleid und Passivität, indem er Franz das überlässt, was er als Vater und Herrscher eigentlich selbst zu tun verpflichtet wäre: Die Bestrafung des vermeintlichen Vergehens einer seiner Söhne. Der Vater wirkt in der vorliegenden Szene derart schwach und naiv, dass Franz sich nicht einmal anstrengt, seinen wahren Charakter zu verschleiern („[…]; aber mein Witz ist Skorpionstich. (I, 1, S.15)). Anhand des Dialogs wird deutlich, dass der Vater als liebender, aber schwacher, passiver Vater all das nicht tut, was Franz an der Ausführung der List gehindert hätte: Er fragt nicht nach, prüft nicht nach und forscht nicht nach, er verfehlt es, seinen Sohn in die Schranken zu weisen und drückt sich vor der ihm obliegenden Pflicht, den vermeintlich ‚verlorenen Sohn‘ selbst zur Rede zu stellen. Gemindert wird die Schuldigkeit des Vaters hier allenfalls dadurch, dass Franz ihn von Anfang an förmlich in die Form des schwachen, kranken Vaters hineinpresst und mit geschliffener, versierter Redekunst praktisch ‚an die Wand redet‘.[8]Letztendlich ist die Schwäche des Vaters jedoch Folie für die Kraft und Intrigen seines Sohnes Franz.[9]Somit hat sich der Vater an dieser Stelle verantwortlich dafür gemacht, dass Karl in Folge des Dialogs den von Franz geschriebenen Brief erhält, auf Grund der vermeintlich verlorenen Liebe seines Vaters Hauptmann wird und in dieser Funktion die Morde begeht. An dieser Stelle ist eine Schuldigkeit des „Alten Moor“ durchaus zu erkennen.

[...]


[1]Zeller, Bernhard/Scheffler, Walter: Die Bilder. In: Bernhard Zelle (Hg.): Schillers Leben und Werk in Daten und Bildern. Frankfurt a. M. 1966, S. 205 – 449, hier S.265, Abbildung Nr. 108.

[2]Zitate Friedrich Schillers „Die Räuber“ werden nachfolgend (unter Angabe von Akt, Szene und Seitenangabe) im Text nachgewiesen, wobei folgende Ausgabe zugrunde liegt: Friedrich Schiller: Die Räuber. Ein Schauspiel. Stuttgart 2001.

[3]Borchmeyer, Dieter: Die Tragödie vom verlorenen Vater. Der Dramatiker Schiller und die Aufklärung Das Beispiel der "Räuber". In: Helmut Brandt (Hg.): Friedrich Schiller Angebot und Diskurs. Zugänge, Dichtung, Zeitgenossenschaft. Berlin/Weimar 1987, S. 160 -184, hier S. 169.

[4]Vgl. Sautermeister, Gert: Schiller: Die Räuber. Ein Schauspiel (1781). In: Matthias Luserke – Jaqui (Hg.): Schiller-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2005, S. 1-45, hier S. 35.

[5]Schiller, Friedrich: Die Räuber. Ein Schauspiel, von Friedrich Schiller 1782. In: Friedrich Schiller: Schillers Werke. Nationalausgabe. Bd.22. Hg. von Herbert Meyer. Weimar 1958, S.115-131, hier S. 120.

[6]Vgl. Michelsens, Peter: Der Bruch mit der Vater-Welt. Studien zu Schillers „Räubern“. Heidelberg 1979 (=Beihefte zum Euphorion 16).

[7]Vgl. Sautermeister: Schiller: Die Räuber, S.29.

[8]Vgl. Michelsens: Der Bruch mit der Vater-Welt, S.94.

[9]Vgl. Ebd. S.94.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Schuldigkeit des Alten Moor in Schillers "Die Räuber"
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V336178
ISBN (eBook)
9783668290006
ISBN (Buch)
9783668290013
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schuldigkeit, alten, moor, schillers, räuber, Die Räuber, Schiller, Alter Moor, Karl, Franz, Karl Moor, Franz Moor, Der alte Moor, Schuld Die Räuber, Schiller Die Räuber, Abitur, Germanistik
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Melanie Jansen (Autor), 2016, Die Schuldigkeit des Alten Moor in Schillers "Die Räuber", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336178

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