Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Schuld der "Alte Moor" an der Katastrophe in Schillers Erstlingswerk "Die Räuber" trägt. Es wird untersucht, inwiefern er in seiner Rolle als Landesvater und Familienvater versagt hat.
„Der alte Moor, ein allzu schwacher nachgebender Vater, Verzärteler und Stifter vom Verderben und Elend seiner Kinder“ schrieb der Theaterzettel zur Uraufführung der Räuber in Mannheim im Januar 1782 und wagte damit eine erste, kurz umrissene Charakterisierung des Vaters im Hinblick auf dessen Schuldigkeit an dem Leid und Elend seiner Söhne. Umso verwunderlicher scheint es, dass seither der überwiegende Teil der Forschungsliteratur bei der Bearbeitung der Schuldfrage nicht den Vater ins Zentrum seines Gedankenganges rückt, sondern die Söhne des Grafen in den Mittelpunkt der Untersuchung stellt.
Betrachtet man die hier vorgestellte kurze Charakterisierung aber einmal mit der Ernsthaftigkeit, die diesem Dokument als damaliges Werbe- und Informationsmittel der Uraufführung zusteht, so kommt zwangsläufig die dringende Frage auf, welchen Anteil der Vater an der Katastrophe eigentlich wirklich hat und inwieweit die Katstrophe Folge seines Charakters und Verhaltens darstellt. Diese Arbeit soll daher der Versuch sein, auf diese Fragen eine Antwort zu finden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Schuldigkeit des „Alten Moors“
2.1. Karl – „Verbrecher aus verlorener Liebe“
2.2. Franz – „Selbsthelfer als Verbrecher“
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, inwieweit der Graf von Moor eine moralische Mitschuld an der Katastrophe und dem Unglück seiner Söhne in Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ trägt.
- Analyse des Vaters als schwache, aber zärtliche Figur im aufklärerischen Sinne
- Untersuchung der Kausalkette zwischen der List von Franz und Karls Entschluss zur Räuberei
- Betrachtung von Franz als „Verbrecher aus Selbsthilfe“ aufgrund einer lieblosen Kindheit
- Evaluierung der Erziehungsfehler und des Verlusts an autoritärer Führung durch den Vater
Auszug aus dem Buch
2.1. Karl – „Verbrecher aus verlorener Liebe“
Betrachtet man die Schuldigkeit des Vaters an den Todesfällen näher, so wird man zunächst feststellen, dass der Vater selber keinen einzigen Mord an einer Person verübt. ‚Tatnächster‘ ist (ausgenommen der Tod von Franz) stets Karl. Karl tötet den Grafen von Regensburg („der Dolch stak in seinem Bauch […]“ (II, 3, S.65))2, Karl selber gibt den Befehl, die Stadt, in der Roller getötet werden soll, in Brand zu setzen, („Itzt, sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an!“ (II, 3, S. 68)), Karl selber führt die Räuberbande an im Kampf gegen Husaren, Dragoner und Jäger („Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit! “ (III, 2, S.80)). Karl ist es auch, der durch die Offenbarung, Hauptmann zu sein, den endgültigen Tod seines Vaters veranlasst („Der alte Moor gibt seinen Geist auf.“ (V, 2, S.144)) und er selber ersticht Amalia („Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben!“ (V, 2, S.147)). All diese Todesfälle sind dabei auf Karls Entschluss, Räuberhauptmann zu werden, zurückzuführen. Es stellt sich daher die Frage, wieso Karl Hauptmann wurde und welchen Anteil sein Vater an diesem Entschluss hat, um herauszufinden, welche Schuld den Vater an den von Karl begangenen Todesfällen trifft.
Obwohl Karl zu Anfang des Stückes mit rebellischen Äußerungen auffällt („Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden […].“ (I, 2, S.23)), hegt er zu diesem Zeitpunkt durchaus den Wunsch, in den Schoß seines Vaters zurückzukehren, sobald dieser seinen reumütigen Brief mit Vergebung beantwortet hat. („Schon die vorige Woche hab ich meinem Vater um Vergebung geschrieben […]. Lass uns Abschied nehmen, Moritz.“ (I, 2, S.27 f.)) Anhand mehrerer Zitate Karls wird deutlich, dass dieser tatsächlich erst den Entschluss zur Anführung einer Räuberbande fasst, als er die Nachricht bekommt, der Vater wende die Hand von ihm.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung der Schuldfrage des Vaters bei Schiller ein und definiert den methodischen Fokus auf das Verhalten des Grafen im Kontext der Handlungen seiner Söhne.
2. Die Schuldigkeit des „Alten Moors“: Dieses Kapitel analysiert das Verhalten des Vaters und zeigt auf, wie seine Schwäche und ein fehlerhafter Erziehungsstil die Entwicklung der Söhne hin zu Verbrechen und Verrat maßgeblich mitbeeinflussen.
2.1. Karl – „Verbrecher aus verlorener Liebe“: Hier wird untersucht, wie der vermeintliche Liebesentzug durch den Vater Karl in eine existenzielle Krise stürzt und ihn – angestoßen durch die List des Bruders – zum Anführer der Räuber werden lässt.
2.2. Franz – „Selbsthelfer als Verbrecher“: Dieser Abschnitt beleuchtet Franz als gedemütigten Außenseiter, dessen boshaftes Verhalten als Reaktion auf eine lieblose Kindheit und eine als ungerecht empfundene familiäre Stellung gedeutet wird.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass der Graf von Moor trotz seiner Ideale als gütiger Vater durch passive Führung und gravierende Erziehungsfehler eine zentrale Mitschuld an der familiären Katastrophe trägt.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Räuber, Alte Moor, Schuldfrage, Erziehungsfehler, Karl Moor, Franz Moor, Familiendrama, Aufklärung, Vater-Sohn-Verhältnis, Räuberhauptmann, Liebesentzug, Intrige, Charakteranalyse, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die moralische und inhaltliche Mitschuld des „Alten Moors“ an dem tragischen Schicksal seiner beiden Söhne und der daraus resultierenden Eskalation der Ereignisse in Schillers Drama.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Väterlichkeit, die Auswirkungen von Erziehungsstilen, die Entstehung von Kriminalität durch familiäre Prägung und die moralische Verantwortung eines Vaters innerhalb eines ständischen und aufklärerischen Kontextes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Charakterisierung des Vaters zu hinterfragen und zu prüfen, ob die in der Forschung oft vernachlässigte Rolle des Grafen von Moor als Mitverursacher der Katastrophe zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die durch die Einbeziehung und kritische Reflexion zeitgenössischer Forschungsliteratur sowie der Selbstrezension Schillers gestützt wird.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Karls Motivation durch den Liebesentzug des Vaters und die Analyse von Franz’ Handeln als Reaktion auf seine frühe soziale und emotionale Ausgrenzung durch den Vater.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind hierbei die „Schuldigkeit“, die „Räuberhauptmannschaft“, der „Liebesentzug“, die „familiäre Zerrüttung“ sowie die aufklärerische Rollenproblematik des Landesherren.
Inwiefern beeinflusst der Erziehungsstil des Vaters die Entwicklung von Franz?
Die Arbeit legt dar, dass der Vater Franz durch die ständige Bevorzugung Karls und die negative Etikettierung des jüngeren Sohnes („trockner Alltagsmensch“) den Boden für dessen Verbitterung und spätere verbrecherische Handlungen bereitet hat.
Warum wird Karl im Kontext der Vaterliebe als „Verbrecher aus verlorener Liebe“ bezeichnet?
Karl wird so bezeichnet, da sein gesamtes Selbstbild und seine Weltordnung auf der festen Annahme basieren, von seinem Vater bedingungslos geliebt zu werden; das Brechen dieses Vertrauens durch die fingierte Nachricht führt direkt zu seinem radikalen Umschwung.
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- Melanie Jansen (Author), 2016, Die Schuldigkeit des Alten Moor in Schillers "Die Räuber", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336178