Kunstvermittlung zu Sparkling Silence

Die künstlerische Selbstinszenierung im Kontext einer Schulprojektwoche mit der Klassenstufe 10 in einer Regelschule


Seminararbeit, 2011
17 Seiten, Note: 1,15

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Kim Smins Serie „Mind`s way“
2.1. Beschreibung und Deutung der Fotoserie
2.2. Korrespondenzen zu meiner Fotoarbeit „Rückzugsräume“

3. Das Vermittlungskonzept: Die Künstlerische Selbstinszenierung im Kontext Schulprojektwoche mit der Klassenstufe 10 in der Regelschule
3.1. Die Vermittlungsformen
3.2. Die Vermittlungsinhalte
3.3. Der Ablauf
3.4. Die Ziele
3.5. Die Begründung des Kunstvermittlungsansatzes

4. Schlussbemerkung

5. Anmerkungen

6. Bibliographie

7. Abbildungen und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Für Künstler ist die Selbstinszenierung in der Fotografie eine wichtige Darstellungsform, um ihr Leben, das Leben anderer oder Prototypen darzustellen. Sie wollen auf sich und übergeordnet auf zentrale Probleme oder Fragen verweisen.

Inwieweit lässt sich dieses Konzept der künstlerischen Selbstinszenierung im Kontext Schule vermitteln? Diese Frage soll im Folgenden erläutert werden.

Als erstes werde ich Kim Smins Serie „Mind`s way“ beschreiben und deuten, sowie die Korrespondenzen zu meiner Fotoarbeit zur Thematik „Rückzugsräume“ aufzeigen. Daran schließt die Erläuterung meines Vermittlungskonzeptes an. Hierbei werde ich auf Vermittlungsformen, - Inhalte, den Ablauf der Projektwoche und die Ziele eingehen. Abschließend werde ich mein Kunstvermittlungskonzept begründen.

2. Kim Smins Serie „Mind`s way“

Der Titel ist Programm: Sie strebt eine Veränderung von ihrer Perspektive an, indem sie sich inszeniert.1 Diese Sichtweise entsteht nicht durch andere Objekte oder Leute, sondern aus ihrer persönlichen Sichtweise und ihrem individuellen Gefühl.2

2.1. Beschreibung und Deutung der Fotoserie

Kim Smin zeigt in ihren Fotos sich selbst in relativ unbequemen, fast gezwungenen, Stellungen, wodurch sie wie eine Statue wirkt. Sie will eine Harmonisierung durch Meditation, einer Yoga-Praxis, mit ihren einzelnen Körperteilen erreichen: Eine „harmonious balance“3. Zudem zeigt sich Kim Smin als starke Persönlichkeit, wodurch sich Bezüge zu der emanzipierten Valie Export herstellen lassen. Valie Export stilisierte sich selber zum Mittel, wodurch sie eine Emanzipierung der Frau anstrebte: Z.B. bei ihrer Aktion „Tapp- und Tastkino“4 von 1968.

Emanzipation bedeutet „Selbstbefreiung“5. Kim Smin will sich somit von Leiden und Schwächen befreien. In „I was getting misty-eyed“6 hält sie die Finsternis aus. Ihre Fotos „my body is heavy and warm“7 und „my breath is free and easy“8 vermitteln die Rolle einer körperlich starken Frau. „I am round as the world it is“9 verweist auf mentale Stärke, welche als Balanceakt vermittelt wird. Mit ihren Fotos „my weight is fine“10 und „my face is soft and smiling“11 kritisiert sie das westliche Schönheitsideal, welches durch Diätwahn und Faceliftings gekennzeichnet scheint.

2.2. Korrespondenzen zu meiner Fotoarbeit „Rückzugsräume“

In Hinblick auf meine Fotoarbeit fiel mir auf, dass Kim Smin mit Hell-Dunkel-Kontrasten arbeitet und dass sie den Akteur als befreit und leidend12 zugleich vermittelt. „I was getting misty-eyed“ stellt für mich den eindeutigsten Bezugspunkt zu meiner Arbeit dar, weil hierbei ein fast theatralisches Element einbezogen wird. Zum Beispiel in meinem Bild „Rückzugsraum #5“13 zeigen sich diese Analogien. Dieses Foto zeigt einen Ausschnitt, worauf eine Hand, sowie Schulter- und Kopfpartie, einer Person zu erkennen ist. Der Fokus im Bild liegt auf der verletzten Hand.

3. Das Vermittlungskonzept: Die Künstlerische Selbstinszenierung im Kontext Schulprojektwoche mit der Klassenstufe 10 in der Regelschule

Die bewusste Inszenierung eines Künstlers ist spätestens seit Cindy Sherman zum Kult geworden. Viele Künstler inszenieren sich oder imitieren andere Künstler. Um diese Erfahrung für Schüler greifbar zu machen erscheint mir eine Projektwoche, aufgrund des besonderen zeitlichen Umfangs, angebracht. Die Wahl der Klassenstufe 10 ergibt sich aus dem Anspruch, welcher dieser Thematik zu Grunde liegt.

3.1. Die Vermittlungsformen

Die wichtigste Vermittlungsform stellt die Partnerarbeit dar, wobei ein Schüler ein Selbstinszenierungskonzept entwickelt, was in Rücksprache mit dem Mitschüler fotografiert wird. Andere Vermittlungsformen sind

1. das gelenkte Gespräch durch den Lehrer (bei Diskussionen),
2. der Lehrervortrag (bei der allgemeinen, theoretischen und praktischen Einführung),
3. die Gruppenarbeit (bei Übungen) und
4. die Einzelarbeit (bei der Erprobung im Umgang mit der Fotokamera).

3.2. Die Vermittlungsinhalte

Zentral von Bedeutung ist der Umgang mit dem eigenen Ich. Die Schüler sollen sich bewusst mit einer Absicht künstlerisch inszenieren. Hierbei zeigen sich zwei Elemente: 1. Das Erleben einer theatralischen inszenatorischen Rolle und 2. das Fotografieren dieser Inszenierung im Hinblick auf stilistische Mittel.

Die Theoretische Einführung: 1. Durch kunsthistorische Beispiele und 2. durch stilistische Beispiele. Im ersten Komplex werden Künstler vorgestellt, welche ihren Arbeitsschwerpunkt in der künstlerischen Selbstinszenierung haben. Cindy Sherman, die „Mutter der Selbstinszenierung“, ahmt mit ihrem „Untitled #224“14 von 1990 Caravaggios „Kranker Bacchus“ von 1592/93 nach. Viele Künstler ließen sich durch ihr Vorbild inspirieren, aber auf unterschiedliche Art und Weise:

1. Elina Brotherus zeigt sich in „Der Wanderer 5“15 von 2004 in einer autobiographischen Form, wobei sie den Blick in die Kamera vermeidet;

2. Irene Andessner offenbart mit “Barbara Strozzi #1”16 und „Barbara Strozzi #2“17 von 2003 die emanzipierte Frau, so wie es bereits Valie Export mit ihren Aktionen versuchte;

3. Yasumasa Morimura stellt sich als moderne „Olympia“18 in „Porträt (Futago)“19 von 1988 dar, womit er an die Tradition der Nachahmung alter Meister in neuer Manier anschließt.

Im zweiten Komplex werden stilistische Mittel erläutert und an schematischen Grafiken gezeigt. Wichtige Elemente stellen Hell-Dunkel-Kontrast, Farbwirkung, Komposition, Größenverhältnisse, uvm. dar.

Die praktische Einführung. Der Lehrer zeigt die Funktionen der Kamera mit einem Vorführmodell. Die Schüler können dies an ihren Kameras nachvollziehen. Dabei zeigt der Lehrer Funktionen wie Auslöser, Zoom, Belichtung, uvm.

3.3. Der Ablauf

1. Tag: Die allgemeine Einführung. Es wird zu Beginn der Wochenablauf vorgestellt. Dann folgt eine Einführung im Umgang mit der Kamera. Zum Schluss werden stilistische Mittel vorgestellt.

2. Tag: Die theoretische und praktische Einführung. Im ersten Teil werden stilistische Mittel anhand von Künstlern erläutert. Der zweite Komplex besteht aus praktischen Übungen im Umgang mit Kameratechnik und stilistischen Mitteln. Zudem werden Theaterübungen als Vorbereitung auf die zentrale Aufgabe der Selbstinszenierung durchgeführt.

3. und 4. Tag: Die Durchführung der Selbstinszenierung. Zu Beginn wird die zentrale Aufgabe formuliert, dass die Schüler sich in einem künstlerischen Kontext selbst inszenieren sollen. Hierbei sollen die Schüler auf stilistische Mittel achten. Die Durchführung erfolgt als wechselseitige Partnerarbeit: Ein Schüler inszeniert sich und der Mitschüler fotografiert dies.

Dabei sollen drei bis fünf aussagekräftige Fotos entstehen, wozu der jeweilige Schüler eine kurze Notiz mit künstlerischer Absicht und stilistischen Mitteln anfertigt.

5. Tag: Die Präsentation der Ergebnisse. Alle Arbeiten werden über einen Projektor präsentiert. Hierbei sollen sich die Schüler zu ihrer jeweiligen Arbeit und den Arbeiten der Mitschüler positionieren. Nach der jeweiligen Stellungnahme soll diskutiert werden, wobei der Lehrer das Gespräch lenkt.

3.4. Die Ziele

Drei Zielbereiche sollen hierbei abgedeckt werden: 1. Erlernen von Schlüsselqualifikationen, 2. Verhaltenstraining und 3. Methodentraining.

1. Erlernen von Schlüsselqualifikationen. Durch die Partnerarbeit sollen die Schüler zuverlässiger, selbstständiger, einfühlsamer und kommunikativer werden. Sie verbessern zudem ihre Teamfähigkeit. Durch die selbstständige Arbeit stärken die Schüler auch ihre Verantwortungsbereitschaft, Kreativität und Konzentration.
2. Verhaltenstraining. Die Schüler haben sich an Regeln zu halten, welche durch den Lehrer und durch die Schule vorgegeben sind. Sie lernen durch Diskussionen und Reflexionen ihrer eigenen Arbeit den Umgang mit Kritik. Des Weiteren lernen sie durch den Gebrauch von Fotokameras einen sorgfältigen Umgang mit Medien.
3. Methodentraining. Durch die formulierte Aufgabe des Lehrers und der anschließenden Durchführung lernen die Schüler ein zielorientiertes Arbeiten und die Umsetzung von Arbeitsanweisungen. Zudem müssen die Schüler in einer Partnerarbeit immer sich selber, sowie den Partner, kontrollieren.

3.5. Die Begründung des Kunstvermittlungsansatzes

Gert Selle schreibt von der „Kunsterfahrung“ als „eine Privatangelegenheit“20. Weiter meint er, dass diese eine „doppelte Vereinzelung“21 voraussetzt, wodurch „Kunst und ihre Pädagogik […] in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis [stehen]: Je ausgeprägter das didaktische Effektivitätsdenken, je betriebsamer die Animation, je ausgeklügelter die Lernmethoden, um so rascher verflüchtigt sich die Kunst.“22 Der Lehrer als Vermittler von Kunst kann aus diesem Dilemma entkommen indem er die Projektwoche zwar durch Regeln, Aufgaben und Ziele strukturiert, aber nicht so sehr organisiert, dass das Individuum sich eingezwängt fühlt. Der Schüler erhält sich die Möglichkeit des Zurückziehens und individuellen Suchens nach künstlerischer Wahrheit. Das heißt es findet noch der von Gert

Selle geforderte „Akt der Selbstvermittlung“23 statt. Es findet eine „Konfrontation zwischen Ich und Werk, Werk und Ich“24 statt, weil der Schüler die Thematik der künstlerischen Selbstinszenierung durch die Erfahrung der Selbstinszenierung erfährt. Das heißt Ich und Werk werden zu zwei Seiten derselben Medaille.

Es findet ein vergleichbares Konzept wie bei Eva Sturms Projekt „Von Kunst aus“ statt, wobei Kunstvermittlung eine „experimentelle Aktivierung und Hinterfragung von Rezeptionsprozessen als real-diskursive Handlung“25 darstellt. Der Schüler erhält die Möglichkeit sich mit den vom Lehrer vorgestellten Bildern intensiver auseinanderzusetzen, sowie es die Studenten bei Eva Sturm vollzogen. Nur in der Wahl der Umsetzungsmöglichkeiten steht fest, dass eine Fotoserie entstehen soll und dass die Wahl nicht zwingend an Fotokünstlern oder Künstlern überhaupt orientiert werden muss. Das heißt der Schüler ist in seiner Wahl des Mediums beschränkt, aber frei in der inhaltlichen Intention. Die Phase 3, welche Eva Sturm als „Forschungsprozess“26 bezeichnet, soll nur die Selbsterforschung umfassen, weil im Umfang des Projektes keine Zeit für eine umfangreiche Recherche besteht. Die „Antwort“27 materialisiert sich bei den Schülern als Fotoserie und kurzen Statement. Eva Sturms Phase 5 ist in meinem Kunstvermittlungskonzept ähnlich: 1. Die Schüler haben die Möglichkeit den Lehrer zu konsultieren und ihm die Zwischenschritte zu präsentieren; 2. abschließend werden die Ergebnisse präsentiert, reflektiert und diskutiert. Der Lehrer versteht sich in seiner Rolle als Kunstvermittler als „ein unwilliger Vermittler, ein konsequenter Sinnverweigerer“28. Die Begründung darin liegt, dass der Pädagoge sowohl nah an der Kunst als auch nah am Subjekt ist.29 Das heißt er muss den Sinn einer kunsthistorischen Aussage insoweit verweigern, dass der Schüler die individuelle Chance erhält sich selbst eine Meinung zu bilden. Der Lehrer ist somit Anbieter von Möglichkeiten.30

4. Schlussbemerkung

Zum Schluss komme ich auf meine Ausgangsfrage zurück: Inwieweit lässt sich das Konzept der künstlerischen Selbstinszenierung im Kontext Schule vermitteln?

Ich habe bereits zu Anfang betont, dass die Selbstinszenierung immer eine Reflexion der eigenen Persönlichkeit darstellt. Diese lässt sich daher gut auf die Schüler anwenden, indem dieser sich selbst reflektiert. Das heißt der Schüler stellt sich selbst in den Mittelpunkt seiner Arbeit. Er hat es selbst in der Hand was er wie zeigen will. Damit wird der Schüler selbst zugleich Mittel und Zweck seines künstlerischen Schaffens. Kunstvermittlung bedeutet in diesem Zusammenhang das Individuum und den eigenen individuellen Schaffensprozess zu vermitteln.

[...]


1 vgl. Bergmoser, Walter und Schierz, Kai Uwe: sparkling silence - Young Photography Chung-Ang University, Seoul, Kunsthalle Erfurt 2011, S. 26.

2 vgl. Bergmoser und Schierz 2011, S. 26.

3 Bergmoser und Schierz 2011, S. 26.

4 Abb. 1 im Abbildungsverzeichnis.

5 „(lat.) E. bezeichnet einen Prozess der Befreiung aus Abhängigkeit und Unmündigkeit sowie der Verwirklichung der Selbstbestimmung, einem zentralen Ziel demokratischer Gesellschaften. Der Begriff wird oft im Zusammenhang mit der Unterprivilegierung gesellschaftlicher Gruppen (z.B. Frauen-E.) oder politischer Gemeinwesen (z.B. E. der Dritten Welt) verwendet.“ URL: http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=UY4ZTN (10. Februar 2012)

6 Abb. 2 auf dem Deckblatt.

7 Abb. 3 im Abbildungsverzeichnis.

8 Abb. 4 im Abbildungsverzeichnis.

9 Abb. 5 im Abbildungsverzeichnis.

10 Abb. 6 im Abbildungsverzeichnis.

11 Abb. 7 im Abbildungsverzeichnis.

12 Dieser Sachverhalt wird durch die körperliche Anstrengung, welche Kim Smin vollzieht, sichtbar.

13 Abb. 8 im Abbildungsverzeichnis.

14 Abb. 9 im Abbildungsverzeichnis.

15 Abb. 10 im Abbildungsverzeichnis.

16 Abb. 11 im Abbildungsverzeichnis.

17 Abb. 12 im Abbildungsverzeichnis.

18 Abb. 13 im Abbildungsverzeichnis.

19 Abb. 14 im Abbildungsverzeichnis.

20 Selle, Gert: Betrifft Beuys - Annäherung an Gegenwartskunst, LKD-Verlag, Unna 1994, S. 19.

21 Selle 1994, S. 19.

22 Selle 1994, S. 22.

23 Selle 1994, S. 22.

24 Selle 1994, S. 25.

25 Sturm, Eva (Hg.): Wo kommen wir da hin? - What are we getting at?, Mensch & Buch Verlag, Berlin 2004, S. 4.

26 Sturm2004, S. 7.

27 Sturm2004, S. 7.

28 Selle, Gert: Kunstpädagogik und ihr Subjekt - Entwurf einer Praxistheorie, Isensee Verlag, Oldenburg 2003, S. 141.

29 vgl. Selle 2003, S. 141.

30 vgl. Selle 2003, S. 144.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kunstvermittlung zu Sparkling Silence
Untertitel
Die künstlerische Selbstinszenierung im Kontext einer Schulprojektwoche mit der Klassenstufe 10 in einer Regelschule
Hochschule
Universität Erfurt  (Professur für Fachdidaktik Kunst)
Note
1,15
Autor
Jahr
2011
Seiten
17
Katalognummer
V336190
ISBN (eBook)
9783668259256
Dateigröße
1769 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstvermittlung, Selbstinszenierung, Sparkling Silence, Schulprojekt, Regelschule, Kunsterziehung, Cindy Sherman, Fotografie, Kunsthalle Erfurt, Kunsthalle
Arbeit zitieren
Carsten Lincke (Autor), 2011, Kunstvermittlung zu Sparkling Silence, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336190

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