Aus der Geschichte der Hanse


Fachbuch, 2016
59 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Erster Teil:
1. Die Städtehanse ... 4
1.1 Die Vorgeschichte der Städtehanse ... 4
1.1.1 Einführung ... 4
1.1.2 Das Bündnis der wendischen Städte ... 6
1.1.3 Die Stilllegung des Handels in Brügge 1280 ... 8
1.1.4 Die Blockade gegen Norwegen 1284 ... 9
1.1.5 Die Krise in der Hanse Anfang des 14. Jahrhunderts und der schwarze Tod ... 10
1.2 Die Städtehanse konstituiert sich ... 11
1.2.1 Die Organisation des Brügger Kontors ... 11
1.2.2 Die Versammlung der Vertreter der Städte 1356 in Lübeck ... 12
1.2.3 Der Peterhof in Nowgorod und das Bergener Kontor werden der Städtehanse unterstellt ... 13
1.2.4 Das Londoner Hansekontor unterwirft sich der Oberleitung der Städte ... 14
1.2.5 Der Hansetag 1358 in Lübeck und die Blockade Flanderns ... 15
1.3 Die Städtehanse wird nordeuropäische Großmacht ... 16
1.3.1 Die Aktivitäten des Königs Waldemar IV. Atterdag und die Hanse ... 16
1.3.2 Die Kölner Konföderation von 1367 ... 17
1.3.3 Der Stralsunder Frieden von 1370 ... 19
2. Große Kaufleute zur Zeit der Städtehanse ... 23
2.1 Einführung ... 23
2.2 Johann Wittenborch ... 26
2.3 Johann Nagel ... 27
2.4. Jacob Plescow ... 28
2.5 Die Brüder Veckinchusen ... 30
2.6 Francesco di Marco Datini ... 32

Zweiter Teil:
Die Etappen der Hansischen Geschichtsschreibung ... 37

Dritter Teil:
Was war die Hanse? ... 44

Vierter Teil:
Literaturverzeichnis ... 47
1. Quellen ... 47
2. Literatur ... 47
3. Abkürzungen ... 50
4. Abbildungen ... 50

Fünfter Teil:
Anhang ... 51

Erster Teil:

1. Die Städtehanse

1.1 Die Vorgeschichte der Städtehanse

1.1.1 Einführung

Gegen Ende des 10.Jahrhunderts begann der Prozeß der Herauslösung der Städte aus dem Landbezirk, in dem sie bis dahin lagen. Sie bildeten einen eigenen Gerichtsbezirk unter einem Stadtrichter, der vom Stadtherren eingesetzt wurde. Vertreter des Stadtherren war der Vogt oder Schultheiß. Die Mehrzahl der Bewohner der Städte war von dem Stadtherren oder von anderen adligen Grundherren personenrechtlich abhängig (Hörige, Zensuale, Ministeriale), die Freien in der Minderzahl. 1184-88 bestätigte Kaiser Barbarossa Privilegien, die für die Entwicklung des Städtewesens und der bürgerlichen Freiheiten wichtig waren. So verbriefte er das Recht der persönlichen Freiheit den Bewohnern von Lübeck und Bremen. Um die siebziger Jahre des 12. Jahrhunderts begann auch im Norden des Reiches das Zeitalter der Städtegründungen östlich der Elbe, nachdem Lübeck 1158 das zweite Mal gegründet worden war, Rostock folgte 1218. Durch Zölle, Steuern und andere Einnahmen flossen den Landesherren erhebliche Geldeinnahmen aus ihren Städten als Trägern der neuen Geldwirtschaft zu. Und die Städte stellten einen erheblichen Teil der militärischen Stärke ihres Landesherren. Bei jeder Stadtgründung wurde ein schon bewährtes Stadtrecht übernommen oder vom Stadtherren eines bestimmt. Das älteste Stadtrecht war das Soester von 1150, welches zum Teil in das Lübecker von 1227 und 1236 integriert wurde, neben welchem noch das Magdeburger von 1181 bestand, alle waren weit verbreitet.[1] Unter Willkürrecht verstand man das Recht, die inneren Angelegenheiten selbst durch Verfügungen ordnen zu dürfen, wobei das Gemeindemitglied durch seinen Eid zur Einhaltung der Willküren (Kohre) gebunden war. Die hoheitlichen Rechte betrafen die an den Stadtherren übergegangenen königlichen Regalien von Zoll und Münze, das Befestigungsrecht sowie das Militärwesen und die Verfügung über Einnahmen aller Art. Die hohe Gerichtsbarkeit behielt der Stadtherr auch meist in der Hand, ebenso das Satzungsrecht (Gebot und Verbot zu erlassen). In Lübeck befand sich die Hochgerichtsbarkeit seit 1263 in bürgerlicher Hand. Die städtischen Vorrechte mußten nach dem Tod eines Stadtherren immer wieder aufs neue seinem Nachfolger zugesichert werden. Bei Rolf Hammel wird diese Phase der Städtegründungen als die sogenannte herrschaftlich gebundene Phase von 1100 - 1250 bezeichnet, der sich nach seiner Einteilung die Phase der relativen Autonomie der Städte zwischen 1250 und dem 15. Jahrhundert anschließt die auch immer mit Phasen der Einschränkung der Autonomie dieser Städte einhergeht. Der Grad der Autonomie einer Stadt war also von ihrer Fähigkeit und Bereitschaft abhängig, die de jure vorhandenen Herrschaftsrechte des Stadtherren de facto einzuschränken und ihm die Möglichkeit zu nehmen oder doch zumindest zu beschränken, seinen Willen gegen ihr Widerstreben durchzusetzen. Das hatte zur Folge, dass es die unterschiedlichsten Grade der Abhängigkeit oder der Autonomie gab. Je kleiner und wirtschaftlich schwächer eine Stadt war, desto abhängiger blieb sie von ihrem Herrn, je größer und wirtschaftlich stärker sie war, desto unabhängiger konnte sie werden. Die Geldnot der Landesherren war der entscheidende Punkt, an dem die Städte ansetzen konnten. Der Träger der Auseinandersetzung mit dem Stadtherren um mehr Autonomie war um die Wende vom 12./13. Jahrhundert in der Regel der städtische Rat und die aus ihm hervorgehenden Bürgermeister. Die Ratsverfassung entwickelte sich zur eigentlich städtischen Verfassungsform: sie beinhaltete das Recht der Selbstverwaltung, die niedere, selten hohe Gerichtsbarkeit und die Satzungsgewalt. Manche Städte stellten dann als stolzes Zeichen erlangter Hochgerichtsbarkeit ein Standbild des schwerttragenden Roland auf.[2] Die Bürgergemeinden begannen auch früh, ihre Kräfte durch Bündnisse mehrerer Städte zu-sammenzufassen und zu verstärken. Finanzielle Gründe zwangen die Landesherren seit der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert die Städte bzw. Vertreter der führenden Gruppen zu politischen Beratungen und Entscheidungen heranzuziehen, die das ganze Land betrafen, besonders auch bei Auseinandersetzungen um die Steuern. Die Landesherren oder Territorialfürsten, die seit den Fürstenprivilegien Friedrichs II. (1220, 1231/32) quasi Kaiser in ihrem Land waren, bauten ihr landesherrliches Regiment zunehmend auf dem römisch-byzantinischen Gedankengut auf, dass des Kaisers Wille Gesetz sei, so entstand eine Macht-akkumulation und ein auf dem Amtsgedanken basierendes Verwaltungssystem. Der Kampf der Städte gegen den Landesherren war daher der Kampf der bürgerlichen Freiheit gegen fürstliche Willkür. So standen sich Fürsten und Städte seit dem 15. Jahrhundert meist als Gegner gegenüber. Seit die Stadt von einem Rat geleitet wurde, beruhte deren Gebotsgewalt auf dem Gehorsamseid der Bürger, in welchem der alte Eid, der die Schwureinung konstituiert hatte, weiterlebte. Die Tendenz des Rats zur obrigkeitlichen Herrschaftsausübung bestand überall. Die Bürger der mittelalterlichen Städte waren zwar personenrechtlich gleichgestellt und hatten auch vor Gericht dieselben Rechte, aber hinsichtlich des politischen Mitspracherechts in öffentlich rechtlichen Angelegenheiten bestanden ganz erhebliche Unterschiede. Nicht die Mehrheit der Stimmen zählte, sondern das Ansehen durch Reichtum. So sind nur selten Handwerker seit dem 13. Jahrhundert im Rat vertreten und ihre Stellung mußten sie hart erkämpfen. Bei fest ausgebildeter Ratsherrschaft lagen Jurisdiktion, Legislative und Exekutive sowie die Aufsicht über die Verwaltung beim Rat, der im wesentlichen vom Patriziat der Stadt gebildet wurde. Er trat somit in manchen Städten in die Position des Stadtherren, der de jure jedoch überall noch anerkannt und dem der Huldigungseid geleistet wurde. In den wenigen hansischen Reichsstädten regierten die Räte als Vogt des Kaisers.

1.1.2 Das Bündnis der wendischen Städte

Die bewaffnete reisende Kaufmannsschar war im 12. und 13. Jahrhundert ein alltäglicher Anblick. Das Recht, eine Körperschaft dieser Art zu bilden, "Hanse zu halten" wurde vom Landesherren erteilt. Eine so organisierte Genossenschaft mit gewählten Vorstehern war am besten imstande, sich Anerkennung und Rechtsschutz durch Privilegien in ihrem Handelsraum zu verschaffen. Eine solche Hanse strebte natürlich danach, viele Kaufleute ihrer Heimat, die auswärts Handel treiben wollten, zu umfassen. Lübeck war in erster Linie im Hinblick auf den Ostseehandel gegründet worden und dort im Lübecker Hafen begann man in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts mit dem Bau von Koggen, die für die Hanseflotte des 13. und 14. Jahrhunderts typisch werden sollten. Doch wer in der Ostsee Handel treiben wollte, mußte sich mit den Gotländern verständigen. So söhnte Heinrich der Löwe die Deutschen und die Gotländer, die im Konflikt miteinander lebten, aus, ließ Frieden schwören (1161) und bestätigte den Gotländern die ihnen von Lothar III. in Sachsen verliehenen Privilegien. Die deutschen Kaufleute etablierten sich in Wisby auf Gotland schnell, verdrängten jedoch nicht den gotländischen Kaufmann aus dem Nord- und Ostseehandel, sondern gingen mit ihm eine fruchtbare Handelspartnerschaft ein, die bis an das Ende des 13. Jahrhunderts währte.[3] Die deutschen Kaufleute bildeten eine Schwurgemeinschaft: die Genossenschaft der Gotland besuchenden Deutschen (universi mercatores Imperii Romani Gotlandiam frequentantes), die als Geburtsstunde der Hanse bezeichnet wird. Der Genossenschaft gehörten sowohl lübische als auch westfälische und sächsische Kaufleute an. War Gotland zu Beginn ihrer Tätigkeit der eigentliche Mittelpunkt, so folgten ihre Mitglieder bald den Skandinaviern in die Küstenländer der Ost- und dann der Nordsee, wo sie Handel trieben, Niederlassungen und Kontore gründeten, von den Fürsten Privilegien erlangten, mit ihnen Handelsverträge schlossen, die das Siegel der Genossenschaft trugen.[4] Wisby, welches sich zur Appellationsinstanz entwikkelt hatte, kollidierte aber bald mit den Bestrebungen Lübecks, das seit dem Ende des 13. Jahrhunderts seine Vormachtstellung gegenüber fast allen deutschen Städten zur Geltung gebracht hatte. Und schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts zeigte sich, dass die genossenschaftliche Vereinigung allein auf Dauer die Kaufmannsinteressen weder im In- noch im Ausland wirksam vertreten konnte. Da sich die Reichsgewalt zunehmend aus Norddeutschland zurückzog, mußten sich die Kaufleute mehr auf die Städte stützen. Die entscheidenden Impulse für das Entstehen der Städtehanse gingen von den Seestädten der südwestlichen Ostseeküste aus.[5] Diese sogenannten wendischen Städte (mit Kern Lübeck, Wismar, Rostock, Hamburg und Lüneburg) haben durch viele Hindernisse hinweg zu einem gemeinsamen Vorgehen gefunden. Schon im Rahmen der Städtebünde zwischen Hamburg und Lübeck (Verträge von 1230 bzw.1241)[6], wurde gemeinsamer Schutz der sie verbindenden Handelsstraßen und gemeinschaftliche Bekämpfung von Straßenräubern vereinbart, die später über die Ausprägung der Münzen vervollkommnet wurde. War die Landesverbindung Hamburg/ Lübeck damals doch von größter Bedeutung für den Umschlag der Waren von Ost nach West und umgekehrt, da sich die direkte Fahrt vom Sund in die Nordsee durch das Kattegatt nautisch als zu schwierig erwies und erst seit der Mitte des 13. Jahrhunderts für besondere Fracht üblich wurde. Um der landesherrlichen Willkür zu begegnen, den Landfrieden bewahren zu helfen und der Unsicherheit auf den Land - und Seewegen entgegenzutreten, gründeten einzelne Städte Städtebünde in dieser Zeit. Die bedeutendsten unter ihnen waren der rheinische, der westfälische und der sächsische Städtebund. Der rheinische Städtebund wurde 1254 gegründet, löste sich aber 1257 im Streit um das Königsamt wieder auf. 1246 entstanden zwei regionale Städtebünde, einer in Westfalen und einer in Niedersachsen, in denen Dortmund und Braunschweig die Führung inne hatten. Zum ersteren gehörten die Städte Münster, Osnabrück, Minden, Herford, Coesfeld und andere naheliegende Städte. Zum zweiten traten die Städte Braunschweig, Hannover, Helmstedt, Quedlinburg, Halberstadt, Hildesheim, Goslar, Wernigerode und Magdeburg zusammen.[7] Längere Zeit dauerte es, bis eine Annäherung zwischen Lübeck und seinen östlichen Nachbarstädten zustande kam (Wismar, Rostock, Stralsund), die erst 1256 durch Vermittlung Wismars herbeigeführt wurde. 1259 schlossen Lübeck, Wismar und Rostock das erste feste Übereinkommen ab, in dem sie die Sicherheit der Schifffahrt gemeinsam gegen die Piraten wahren wollten.[8] Lübeck konnte sich auch im Vertrag von 1264 auf die wendischen Städte für ein Jahr stützen, in dem es auch um Seeräuberei ging, aber wesentlicher war der gegenseitige Beistand im Falle eines Krieges gegen einen Landesherren und Bestimmungen des Privatrechts.[9] Diese Bestimmungen waren auch auf die Städte lübischen Rechts an der Ostsee anwendbar, deren es schon mehrere gab. 1265 wurde dieser Bund erneuert, jetzt jedoch ohne zeitliche Begrenzung, mit dem Versprechen, die gemeinsamen Angelegenheiten jährlich zu beraten. Dieser wendische Städtebund galt von da ab als dauerhaft und wurde durch die pommerschen Städte Stralsund, Greifswald, Stettin und Anklam 1283 verstärkt. In dieser wendischen Städtegruppe, die bald auch in Kontakt zu den genannten Städtebünden in Nordwestdeutschland sowie zu der seit Ende des 13. Jahrhunderts entstehenden Gruppe der peußischen Städte mit Elbing, Thorn, Königsberg, Braunsberg, Kulm und der im 14. Jahrhundert aufsteigenden Stadt Danzig trat, nahm Lübeck von Anfang an die führende Stellung ein. Wisby war im 13. Jahrhundert immer noch als Sitz der schon über ein Jahrhundert existierenden Kaufmannsgenossenschaft gewichtig, obwohl seine Bedeutung als notwendige Zwischenstation im Ostseehandel durch die verbesserte Schiffahrt deutlich zurückgegangen war. Doch der Sitz der Appellationsinstanz für alle unter den deutschen Kaufleuten in der Nowgoroder Niederlassung anfallenden Streitfragen war ihm geblieben. Diese Sonderstellung konnte ihm sein großer Konkurrent Lübeck durch Beschluß einer Versammlung der wendischen Städte 1293 nehmen, in der beschlossen wurde, den Oberhof für die Nowgoroder Niederlassung von Wisby nach Lübeck zu verlegen.[10] Dieser Beschluß fand die Billigung der überwiegenden Mehrheit der Städte vom Niederrhein bis nach Preußen und besiegelte zugleich das Ende der Gotländischen Genossenschaft. Und 1299 wurde ebenfalls durch die wendischen Städte beschlossen, daß das Siegel des "gemeinen Kaufmanns" auf Gotland abgeschafft wird.[11]

1.1.3 Die Stilllegung des Handels in Brügge 1280

Nur im zähen Ringen um die Durchsetzung der gemeinschaftlichen Interessen konnte sich bei der großen Zahl der niederdeutschen Städte ein ihre Sonderinteressen überdeckendes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, dass für wirksame Aktionen und Festlegungen nötig war. Gelegenheiten zur Erprobung gemeinschaftlichen Handelns gab es für die werdende Städtehanse schon Ende des 13. Jahrhunderts. Die erste bedeutende Bewährungsprobe war in Flanderns Handelsmetropole Brügge zu bestehen. Nach Brügge kamen Handelsleute aus vielen Ländern Europas und sie erhielten von den Landesherren immer günstigere Privilegien, doch das Handeln untereinander war noch erschwert, sie sollten nur von Brügger Kaufleuten kaufen dürfen. Verstärkt betroffen war die Niederlassung deutscher Kaufleute. Als sich der Konflikt bis zu Gewalttätigkeiten steigerte, wurde ein Eingreifen der niederdeutschen Städte unumgänglich. Lübeck als Vertreter der wendischen Städtegruppe sandte einen Beauftragten des Rates nach Brügge, um dort ein gemeinsames Vorgehen mit den anderen Ausländern zu ermöglichen. Gleichzeitig wurden direkte Verbindungen zu den wichtigsten westfälischen, niedersächsischen und preußischen Städten sowie mit Wisby aufgenommen. Man beschloß so 1280 die Blockade, die Stilllegung des Hansehandels in Brügge, und verlegte das deutsche Handelskontor nach Aardenburg, wo sich auch die Ausländer einrichteten. Da die Stadt Brügge unter dem Verlust der Hansekaufleute in ihrer Existenz bedroht war, lenkte sie bald ein, so dass die deutschen Kaufleute und auch die Ausländer 1282 wieder nach Brügge zurückkehrten. Als Preis für ihre Rückkehr wurden den hansischen Kaufleuten nicht nur alle alten Privilegien zugestanden, sondern auch das Recht, von nun an ungehindert mit ausländischen Händlern direkt Geschäfte abzuschließen.[12] Diese erfolgreiche Taktik vergaßen die Hansekaufleute nicht, sie wurde in den folgenden eineinhalb Jahrhunderten viermal mit unterschiedlichem Erfolg gehandhabt.

1.1.4 Die Blockade gegen Norwegen 1284

Durch diese Blockade wurde Lübeck ermutigt, auch in anderen Bereichen des hansischen Handelsgebietes entschiedener aufzutreten. Die nächste Kraftprobe ergab sich 1284 gegenüber Norwegen. Auch in diesem Land hielt man die Privilegien der Hanse für übertrieben und der König versuchte, sie zu beschneiden. Die deutschen Kaufleute hingegen beklagten sich über Ungerechtigkeiten. Als die Norweger jedoch ein deutsches Schiff angegriffen hatten, beschloß die in Wismar zusammengetretene wendische Städteversammlung die Blockade. Die Verschiffung von Getreide, Mehl, Gemüse und Bier wurde unter Androhung einer Geldstafe und der Beschlagnahme der Ladung untersagt.[13] Die wendischen Städte erlangten die Beteiligung der pommerschen Städte, Rigas, Wisbys und einiger Nordseestädte. Bremen verweigerte jedoch seine Mitwirkung und wurde deshalb von den Hanseprivilegien ausgeschlossen. Zur Erreichung des Zieles wurden die Ostseeausgänge mit Kriegskoggen überwacht. Die Blockade wurde ein voller Erfolg. Durch schwedische Vermittlung wurde Frieden geschlossen. Norwegen leistete nicht nur Ersatz für die verursachten Schäden, sondern mußte den Hansen auch umfangreiche Privilegien zugestehen, die im Vertrag von 1294 niedergelegt wurden. Darin erhielten die Hansen das Recht unbehindert in allen norwegischen Häfen bis nach Bergen Handel zu treiben, auch im Inneren des Landes Geschäfte abzuwickeln und Niederlassungen einzurichten und wurden von allen Zöllen befreit. Die einzige auferlegte Einschränkung war das Verbot, nördlich von Bergen Handel zu treiben, was auch immer beachtet wurde. Die mangelnde Festigkeit des Königtums in Norwegen, die Schwäche des einheimischen Bürgertums, die Neigung des Adels, sich mit den Ausländern gut zu stellen, vor allem aber der dringende Bedarf an deutschem Getreide sicherten den Hansekaufleuten in Norwegen einen größeren Einfluß als in allen übrigen Ländern.[14]

1.1.5 Die Krise in der Hanse Anfang des 14. Jahrhunderts u nd der schwarze Tod

Trotz der bis dahin errungenen Erfolge brach zu Beginn des 14. Jahrhunderts für die wachsende Hanse eine ernste Krise aus, die die Solidarität der wendischen Städte auf eine harte Probe stellte[15]. Ursache war der sich stetig zuspitzende Gegensatz zwischen den unabhängiger werdenden Städten und den Landesherren. So wollten die holsteinischen Grafen Lübeck und die mecklenburger Fürsten Rostock und Wismar zurückgewinnen. Der dänische König Erik VI. Menved stellte sich hinter die Fürstenkoalition, um seine Ausdehnungspolitik in Norddeutschland zu sichern. Es kam zu einer Reihe von Fehden, in denen sich die wendischen Städte häufig in verschiedenen feindlichen Lagern befanden, so überließ der mecklenburgische Fürst im Jahre 1300 Rostock den Dänen. Auch Lübeck mußte sich 1307 - 1319 unter dänische Schutzherrschaft begeben, da es sich der harten Kämpfe der vereinigten Fürstenkoalition nicht anders erwehren konnte. Einem 1308 abgeschlossenen Verteidigungsbündnis gegen diese Fürstenkoalition zwischen Stralsund, Greifswald, Rostock und Wismar konnte es sich daher zunächst nicht anschließen. Die Lage war ernst und die Zukunft der Hanse schien gefährdet. Die Krise wurde jedoch nach dem Tode Erik Menveds 1319 rasch gemildert. Dänemark war durch militärische und finanzielle Anstrengungen erschöpft und versank in Anarchie, die Expansionspolitik war erloschen. Diese Situation nutzten die norddeutschen Fürsten aus, und versuchten ihr Glück mit Unternehmungen in Dänemark, wozu sie wiederum der Unterstützung der deutschen Städte bedurften. Nun konnten sich die wendischen Städte wieder solidarisch zeigen, da die Ursachen der Uneinigkeit ausgeräumt waren und sie gewannen ihre alte Autorität im Sinne der Hanse wieder zurück. Als der junge König Waldemar IV. Atterdag 1340 den dänischen Thron bestieg, hat ihn Lübeck unterstützt, da er Lübeck Privilegien einräumte und den wendischen Städten seine Unterstützung versprach. In dem Augenblick, in dem sich die Hansestädte wieder in vollem Aufschwung befanden, wurden sie wie ganz Europa von der Katastrophe des schwarzen Todes getroffen. Aus England und Süddeutschland kommend erreichte die Pestepidemie 1349 die Hansestädte und breitete sich in den folgenden zwei Jahren über ganz Norddeutschland aus. In Lübeck gab es 1349/50 in 16 Monaten 6000 - 7000 Todesfälle, jeder dritte Bewohner war betroffen.[16] Die Anzahl der überlieferten Testamente stieg in dieser Zeit um das einundzwanzigfache. Am gefährlichsten war die Lungenpest, die unweigerlich zum Tode führte, während es bei der Beulenpest (Bubonenpest) noch eine Chance gab. Diese gewaltigen Bevölkerungsverluste wurden jedoch in ungefähr zehn bis fünfzehn Jahren wieder ausgeglichen vor allem durch verstärkte Zuwanderung vom Lande.[17] Überall führte die Pest zu einer beträchtlichen Umschichtung des Grundbesitzes und des Reichtums, die jetzt in wenigen Händen konzentriert waren. Auch die erhebliche Zunahme der Hospitalgründungen in diesem und im nächsten Jahrhundert ist wohl auf die Pestepidemie zurückzuführen, deren jedoch noch mehrere schwächere in den nächsten Jahrhunderten folgten.[18]

1.2 Die Städtehanse konstituiert sich

1.2.1 Die Organisation des Brügger Kontors

Das Brügger Kontor wurde 1307 wiederum von Brügge nach Aardenburg verlegt, da sich die deutschen Kaufleute übervorteilt sahen. Nun beurkundeten Bürgermeister, Schöffen und Ge meinde der Stadt Aardenburg den deutschen Kaufleuten zum ersten Mal in Flandern neben Handels- und Verkehrsfreiheiten und persönlichen Sicherheitsgarantien das Versammlungsrecht sowie sich eigene Statuten zu geben und deren Einhaltung zu überwachen.[19] Als die deutschen Kaufleute 1309 wieder nach Brügge zurückgingen, wurden diese Bestimmungen von der Stadt Brügge und dem Grafen Robert III. vollständig übernommen. Das waren wichtige Schritte auf dem Weg zur Kontorbildung. Die verfaßte Gemeinschaft der Kaufleute ist jedoch erst im Oktober 1347 nachweisbar. Im Oktober dieses Jahres gaben sich die Kaufleute eine Ordnung, die erstmals einen Einblick in die innere Organisation der Gemeinschaft und die Regeln des Zusammenlebens gestattete (Quelle 1 im Anhang). Unter starker Berücksichtigung regionaler Bindungen und Herkunft wurden die Kaufleute in drei Dritteln zusammengefaßt, einem lübisch/wendisch/sächsischen, einem westfälisch/preußischen und einem livländisch/gotländisch/schwedischen Drittel. Jedes Drittel wählte jährlich zwei Ältermänner. Die Wahlen sollten jeweils am Sonntag nach Pfingsten stattfinden. Mußten die Gewählten aus geschäftlichen Gründen abreisen, so wurde aus dem Drittel des Ausgeschiedenen ein Nachfolger von den Ältermännern gewählt. Falls die Älterleute zu keiner Einigung kamen, sollte sich die Minderheit der Mehrheit anschließen. Falls drei Drittel zu keiner Einigung kamen galt, dass wo zwei Drittel übereinkamen, sich das dritte Drittel anzuschließen hatte. Neben den Ältermännern wählte jedes Drittel weitere sechs Personen als Beisitzer. Zusammen hatten sie den "gemeinen Kaufmann" auch gegenüber den fremden Obrigkeiten zu vertreten und darauf zu achten, dass die Kaufleute selbst nicht gegen das Privilegienrecht verstießen, was bis zum Ausschluß eines Kaufmanns aus der Gemeinschaft führen konnte. Sollte ein Kaufmann einen Prozeß führen, so sollte das auf eigene Kosten geschehen, und, wenn er seine Sache nicht persönlich vertreten wollte, so konnte er einen anderen darum bitten. Die Deutschen würden ihn dabei nach Können unterstützen. Die Ältermänner waren auch befugt, den Handel betreffende Ordnungen zu erlassen, Urkunden auszustellen, sie konnten Vollmachten für die Entgegennahme von Geld oder Renten ausstellen, Testamente aufsetzen und über erbenloses Gut verfügen. Auch die Finanzverwaltung lag in den Händen der Ältermänner, wobei jedes Drittel über eine eigene Kasse verfügte, in die der Schoß, etwa 1/720 des in Flandern umgesetzten Warenwertes gezahlt werden mußte.[20] Die Ordnung von 1347 wurde, wie noch berichtet wird von den Vertretern der Städte gebilligt. Da die Kaufleute in Brügge bis 1442 kein eigenes Haus besaßen, hielten sie ihre Versammlungen im Refektorium des Karmeliterklosters ab, welches um 1265 mit ihrer Unterstützung gegründet worden war. Im Karmeliterkloster und in der Kirche der Augustiner besaßen sie auch Grabstellen zur Bestattung ihrer Toten

1.2.2 Die Versammlung der Vertreter der Städte 1356 in Lübeck

Die Beziehungen zwischen der Hanse und Brügge hatten sich in dieser Zeit erneut verschlechtert. Der Hauptgrund dafür war der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich (1339-1453). Die Gefährdung der Schiffahrt vor Flanderns Küsten nahm ständig zu und auch die Übergriffe auf die hansischen Kaufleute; die Entschädigungen für geraubtes Gut blieben aus. Außerdem verlangte die Finanzwirtschaft Brügges erhöhte Zölle. Als sich Graf Ludwig I. von Flandern hinter Frankreich stellte, und den Handelsverkehr mit England verbot, wurde die Situation noch komplizierter. König Eduard III. von England verbot daraufhin die Wollausfuhr nach Flandern und die Tucheinfuhr nach England, und stürzte dadurch Flandern in eine furchtbare wirtschaftliche Krise.[21] Schwankend und unsicher wurde die Stellung des hansischen Kaufmanns. Im hansischen Kontor selbst herrschte Zwietracht und man begann der Stadt Brügge immer neue Forderungen auf Entschädigung und Vergünstigung zu stellen. So entschlossen sich die Städte unter Lübecks Initiative, die Angelegenheit des Flandernhandels selbst in die Hand zu nehmen. Für fast alle niederdeutschen Städte waren die Beziehungen zu Brügge lebenswichtig. Lübeck berief deshalb die Vertreter der Städte 1356 zu einer Versammlung in Lübeck zusammen, die man auch als den ersten allgemeinen Hansetag bezeichnet. Leider ist seine Zusammensetzung nicht bekannt. Es wurde beschlossen, eine Gesandtschaft unter Leitung des Lübecker Ratsherren Heinrich Plescow II. nach Brügge zu schicken. Die drei hansischen Drittel ordneten Vertreter zu ihr ab. In Brügge bestätigten sie die Beschlüsse des Kontors von 1347, ergänzten und erweiterten sie durch eine schärfere Abgrenzung der Befugnisse der Älterleute, durch Ausstattung dieser mit obrigkeitlichem Charakter, durch schärfere Hervorkehrung der Autorität der Städte und ihrer Sendboten, d.h. die Städte, deren Kaufleute die Genossenschaft zu Brügge bildeten, vereinigten sich und ordneten diese für künftig ihrer Oberleitung unter. Das bisher unabhängige Kontor kam unter die Gewalt der vereinigten Städte, unter ihren Hansetag. Von nun an wachten die Städte genau darüber, dass jeder Versuch des Kontors, selbständige Entscheidungen zu treffen sogleich unterbunden wurde.[22] Dadurch, dass die Vertretungen der Handelsinteressen aus den einzelnen Pflanzstätten des deutschen Handels im Auslande in die Ratskollegien der Städte verlegt wurden, war eine planvoll arbeitende, nachdrückliche Handelspolitik überhaupt erst möglich.[23]


[1] Hammel, R.: Stadtherrschaft u. Herrschaft in der Stadt. In: Bracker, J.: Die Hanse. Hamburg 1989. S. 333.

[2] Zippelius, R.: Kleine dt. Verfassungsgeschichte. München 1994. S. 72

[3] Kattinger, D.: Die Gotländische Genossenschaft. In: Wernicke, H.; Werlich, R.-G.; Kattinger, D. (Hg.): Communitas et dominium. Großbarkau 1994. S. 20.

[4] Dollinger, Ph.: Die Hanse. Stuttgart 1998. S. 42.

[5] Fritze, K.; Schildhauer, J.; Stark, W.: Die Hanse. Berlin 1985. S. 67.

[6] Wriedt, K.: Die ältesten Vereinb. zw. Hamburg u. Lübeck. In: Civitatum communitas. Köln/Wien 1984. S. 764.

[7] Fritze, K.; Schildhauer, J.; Stark, W.: Die Hanse. Berlin 1985. S. 67.

[8] Ebenda, S. 69.

[9] Dollinger, Ph.: Die Hanse. Stuttgart 1998. S. 69.

[10] Fritze, K.; Schildhauer, J.; Stark, W.: Die Hanse. Berlin 1985. S. 70.

[11] Schäfer, D.: Die deutsche Hanse. Bielefeld 1914. S. 28.

[12] Fritze, K.; Schildhauer, J.; Stark, W.: Die Hanse. S. 72.

[13] Dollinger, Ph.: Die Hanse. Stuttgart 1998. S. 72.

[14] Ebenda, S. 74.

[15] Ebenda, S. 76.

[16] Wolf, J. H.: Menschliche Daseinsbedrohung durch Krankheit. In: Bracker, J.: Die Hanse. Hamburg 1989. S. 416.

[17] Fritze, K.; Schilhauer, J.; Stark, W.: Die Hanse. S. 90.

[18] Wolf, J. H.: Menschliche Daseinsbedrohung durch Krankheit. S. 424.

[19] Henn, V.: Die Organisation des Brügger Kontors. In: Bracker, J.: Die Hanse. Hamburg 1989. S. 16o.

[20] Ebenda, S. 162.

[21] Daenell, E.: Die Blütezeit der deutschen Hanse. Bd. I. Berlin/New York 2001. S. 18.

[22] Fritze, K.; Schilhhauer, J.; Stark, W.: Die Hanse. S. 93.

[23] Daenell, E.: Die Blütezeit der deutschen Hanse. Bd. I. S. 38.

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Details

Titel
Aus der Geschichte der Hanse
Autor
Jahr
2016
Seiten
59
Katalognummer
V336191
ISBN (eBook)
9783668279674
ISBN (Buch)
9783668279681
Dateigröße
3998 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschichte, hanse
Arbeit zitieren
Dr. med. Lore Bürgstein (Autor), 2016, Aus der Geschichte der Hanse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336191

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