Gegen Ende des 10. Jahrhunderts begann der Prozeß der Herauslösung der Städte aus dem Landbezirk, in dem sie bis dahin lagen. Sie bildeten einen eigenen Gerichtsbezirk unter einem Stadtrichter, der vom Stadtherren eingesetzt wurde. Vertreter des Stadtherren war der Vogt oder Schultheiß. Die Mehrzahl der Bewohner der Städte war von dem Stadtherren oder von anderen adligen Grundherren personenrechtlich abhängig (Hörige, Zensuale, Ministeriale), die Freien in der Minderzahl. 1184-88 bestätigte Kaiser Barbarossa Privilegien, die für die Entwicklung des Städtewesens und der bürgerlichen Freiheiten wichtig waren. So verbriefte er das Recht der persönlichen Freiheit den Bewohnern von Lübeck und Bremen. Um die siebziger Jahre des 12. Jahrhunderts begann auch im Norden des Reiches das Zeitalter der Städtegründungen östlichder Elbe, nachdem Lübeck 1158 das zweite Mal gegründet worden war, Rostock folgte 1218. Durch Zölle, Steuern und andere Einnahmen flossen den Landesherrenerhebliche Geldeinnahmen aus ihren Städten als Trägern der neuen Geldwirtschaft zu. Und die Städte stellten einen erheblichen Teil der militärischen Stärke ihres Landesherren. Bei jeder Stadtgründung wurde ein schon bewährtes Stadtrecht übernommen oder vom Stadtherren eines bestimmt. Das älteste Stadtrecht war das Soester von 1150, welches zum Teil in das Lübecker von 1227 und 1236 integriert wurde, neben welchem noch das Magdeburger von 1181 bestand, alle waren weit verbreitet. Unter Willkürrecht verstand man das Recht, die inneren Angelegenheiten selbst durch Verfügungen ordnen zu dürfen, wobei das Gemeindemitglied durch seinen Eid zur Einhaltung der Willküren (Kohre) gebunden war. Die hoheitlichen Rechte betrafen die an den Stadtherren übergegangenen königlichen Regalien von Zoll und Münze, das Befestigungsrecht sowie das Militärwesen und die Verfügung über Einnahmen aller Art. Die hohe Gerichtsbarkeit behielt der Stadtherr auch meist in der Hand, ebenso das Satzungsrecht (Gebot und Verbot zu erlassen). In Lübeck befand sich die Hochgerichtsbarkeit seit 1263 in bürgerlicher Hand. [...]
Inhaltsverzeichnis
Erster Teil:
1. Die Städtehanse
1.1 Die Vorgeschichte der Städtehanse
1.1.1 Einführung
1.1.2 Das Bündnis der wendischen Städte
1.1.3 Die Stilllegung des Handels in Brügge 1280
1.1.4 Die Blockade gegen Norwegen 1284
1.1.5 Die Krise in der Hanse Anfang des 14. Jahrhunderts und der schwarze Tod
1.2 Die Städtehanse konstituiert sich
1.2.1 Die Organisation des Brügger Kontors
1.2.2 Die Versammlung der Vertreter der Städte 1356 in Lübeck
1.2.3 Der Peterhof in Nowgorod und das Bergener Kontor werden der Städtehanse unterstellt
1.2.4 Das Londoner Hansekontor unterwirft sich der Oberleitung der Städte
1.2.5 Der Hansetag 1358 in Lübeck und die Blockade Flanderns
1.3 Die Städtehanse wird nordeuropäische Großmacht
1.3.1 Die Aktivitäten des Königs Waldemar IV. Atterdag und die Hanse
1.3.2 Die Kölner Konföderation von 1367
1.3.3 Der Stralsunder Frieden von 1370
2. Große Kaufleute zur Zeit der Städtehanse
2.1 Einführung
2.2 Johann Wittenborch
2.3 Johann Nagel
2.4 Jacob Plescow
2.5 Die Brüder Veckinchusen
2.6 Francesco di Marco Datini
Zweiter Teil:
Die Etappen der Hansischen Geschichtsschreibung
Dritter Teil:
Was war die Hanse?
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung der Städtehanse von ihren Anfängen als genossenschaftlicher Zusammenschluss von Fernkaufleuten bis zu ihrer Etablierung als nordeuropäische Großmacht. Dabei wird insbesondere analysiert, wie städtische Autonomie, wirtschaftliche Interessen und politische Bündnissysteme das Wirken der Hanse prägten, wobei auch bedeutende Biografien großer Kaufleute zur Veranschaulichung der wirtschaftlichen Praxis herangezogen werden.
- Historische Entstehung und Entwicklung der Städtehanse
- Die Rolle der wendischen Städte und bedeutende Bündnisse wie die Kölner Konföderation
- Wirtschaftliche Praktiken und Handelsstrukturen im spätmittelalterlichen Hanseraum
- Biografische Porträts großer Kaufleute als Repräsentanten ihrer Zeit
- Die hansische Geschichtsschreibung und ihr Wandel über die Jahrhunderte
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Die Organisation des Brügger Kontors
Das Brügger Kontor wurde 1307 wiederum von Brügge nach Aardenburg verlegt, da sich die deutschen Kaufleute übervorteilt sahen. Nun beurkundeten Bürgermeister, Schöffen und Gemeinde der Stadt Aardenburg den deutschen Kaufleuten zum ersten Mal in Flandern neben Handels- und Verkehrsfreiheiten und persönlichen Sicherheitsgarantien das Versammlungsrecht sowie sich eigene Statuten zu geben und deren Einhaltung zu überwachen. Als die deutschen Kaufleute 1309 wieder nach Brügge zurückgingen, wurden diese Bestimmungen von der Stadt Brügge und dem Grafen Robert III. vollständig übernommen. Das waren wichtige Schritte auf dem Weg zur Kontorbildung. Die verfaßte Gemeinschaft der Kaufleute ist jedoch erst im Oktober 1347 nachweisbar. Im Oktober dieses Jahres gaben sich die Kaufleute eine Ordnung, die erstmals einen Einblick in die innere Organisation der Gemeinschaft und die Regeln des Zusammenlebens gestattete (Quelle 1 im Anhang).
Unter starker Berücksichtigung regionaler Bindungen und Herkunft wurden die Kaufleute in drei Dritteln zusammengefaßt, einem lübisch/wendisch/sächsischen, einem westfälisch/preußischen und einem livländisch/gotländisch/schwedischen Drittel. Jedes Drittel wählte jährlich zwei Ältermänner. Die Wahlen sollten jeweils am Sonntag nach Pfingsten stattfinden. Mußten die Gewählten aus geschäftlichen Gründen abreisen, so wurde aus dem Drittel des Ausgeschiedenen ein Nachfolger von den Ältermännern gewählt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Städtehanse: Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung der Hanse von ihren Anfängen in den wendischen Städten bis hin zum Aufstieg zur nordeuropäischen Großmacht durch wichtige Bündnisse und Friedensschlüsse.
2. Große Kaufleute zur Zeit der Städtehanse: Anhand ausgewählter Biografien illustriert dieses Kapitel die Arbeitsweise, Vermögensbildung und Handelsstrategien der führenden Kaufleute des Spätmittelalters.
Die Etappen der Hansischen Geschichtsschreibung: Dieser Teil beleuchtet die historiografische Auseinandersetzung mit der Hanse und die Entwicklung ihrer Erforschung seit dem 19. Jahrhundert.
Was war die Hanse?: Das abschließende Kapitel reflektiert das Wesen der Hanse und ordnet sie als Interessengemeinschaft und komplexe Wirtschaftsform jenseits starrer staatsrechtlicher Definitionen ein.
Schlüsselwörter
Hanse, Städtehanse, Mittelalter, Hansetag, Handelspolitik, Handelsgesellschaft, Wirtschaftsgeschichte, Kaufleute, Brügger Kontor, Kölner Konföderation, Stralsunder Frieden, Stadtgeschichte, Fernhandel, Hanserezesse, Geschichtsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Genese, die Organisationsstruktur und die politische sowie wirtschaftliche Machtentfaltung der Hanse als städtischer Zusammenschluss im nordeuropäischen Raum des Mittelalters.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum stehen die Entwicklung des Städtebundes, die rechtliche Etablierung durch Privilegien, der Einfluss bedeutender Kaufleute auf das Handelsgeschehen sowie die historiografische Aufarbeitung der Hansegeschichte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das komplexe Wirken der Hanse als Wirtschafts- und Interessengemeinschaft zu analysieren und aufzuzeigen, wie sie sich durch Diplomatie und wirtschaftlichen Druck als Machtfaktor behauptete.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine quellenkritische historische Analyse, wobei primäre Dokumente wie Urkunden, Handlungsbücher und Statuten herangezogen werden, um die Organisation der Hanse und ihrer Kontore nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Chronologie der Hanse, die Analyse der Lebens- und Arbeitsbedingungen bedeutender Kaufleute sowie die Untersuchung des Wandels der hansischen Geschichtsforschung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Hanse, Städtehanse, Handelsgesellschaft, Hansetag, Wirtschaftsgeschichte, Fernhandel und mittelalterliche Stadtverfassung.
Welche Rolle spielten die "Drittel" in der Organisation des Brügger Kontors?
Die Einteilung in drei Drittel (lübisch/wendisch/sächsisch, westfälisch/preußisch, livländisch/gotländisch/schwedisch) diente dazu, regionale Herkunft und Bindungen der Kaufleute strukturiert abzubilden und eine organisierte Selbstverwaltung durch gewählte Ältermänner zu ermöglichen.
Warum war der Stralsunder Frieden von 1370 ein Meilenstein für die Hanse?
Der Friedensschluss festigte die hanseatische Vormachtstellung im Norden, sicherte Handelsmonopole und bewies, dass die Städte in der Lage waren, ihre Interessen erfolgreich gegen territoriale Fürsten wie den dänischen König durchzusetzen.
Wie unterscheidet sich das Geschäftssystem von Francesco di Marco Datini von dem der klassischen Hansekaufleute?
Datini repräsentiert einen individuelleren, unternehmerischen Ansatz der Renaissance mit komplexer Buchführung und breiter Diversifizierung seiner Handelsaktivitäten, während das hansische Modell stärker auf genossenschaftlichen Strukturen und der "Widerlegung" basierte.
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- Dr. med. Lore Bürgstein (Author), 2016, Aus der Geschichte der Hanse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336191