Dieser Text bietet eine Literaturrezension von Jenny Erpenbecks „Wörterbuch“ und befasst sich mit der Handlung, den Figuren, Sprache und Symbolismus der Textvorlage.
Der Roman ist als Experiment der Textproduktion konzipiert worden und gleicht einer Collage mit Leerstellen, die vom Leser aufgefüllt werden müssen. Im weiteren Verlauf des Romans bildet sich ein Grundmuster ab, in dem das Bedrohliche zugespitzt und zu einem Klimax gesteigert wird, indem die Grausamkeiten des Militärregimes vom Vater als notwendig und unvermeidbar dargestellt und legitimiert werden. Die Tochter erweist sich als Ja-Sagerin, die diese Darstellungen ungefragt vom Vater übernimmt.
Jenny Erpenbecks Figurenkonzeption beruht auf der Überzeugung von der grundsätzlichen Widersprüchlichkeit der Menschen. Ihre Figuren weisen eine ausgeprägte Dynamik auf, aber sie entwickeln sich nicht weiter, sondern fallen in alte Gewohnheiten zurück. Das gilt auch für die Ich-Erzählerin, die man mit ihrem zerrissenen Innenleben als Muster einer unzuverlässigen Erzählerfigur auffassen kann. Es gilt vor allem für die Adoptivmutter und den Adoptivvater sowie für den gesamten familiären Anhang. Sie oszillieren zwischen den Polen treusorgender Beschützerfiguren und unbarmherzigen Ordnungsfetischisten bzw. Zynikern, die die von ihnen mitverantworteten Grausamkeiten zu Wohltaten bzw. unvermeidlichen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung umstilisieren.
Den episodenhaft aufgebauten Roman durchzieht ein Netzwerk wiederkehrender, äußerst ambivalenter Motive und Symbole. Sie gliedern das komplexe Geschehen, indem sie Alltägliches und Vertrautes mit Ungewöhnlichem und Bedrohlichem verbinden. Zu den wichtigsten Beispielen zählen die Motive der Versteinerung, des Messers, der Milch sowie eine Reihe von dialektischen Gegensatzpaaren wie Licht – Dunkelheit und Ordnung – Unordnung. Diese und andere Motive und Symbole werden im Prisma der kindlichen Wahrnehmungen gebrochen. Daher wirken sie verzerrt bzw. überdimensioniert wie groteske Wesen in Zwergen- oder Riesengestalt.
Inhaltsverzeichnis
1. Zum Inhalt des Romans
1.1 Die Ich-Erzählerin stellt sich vor.
1.2 Mit den Begriffen „Mutter“, „Vater“ und „Haus“ wird ein familiärer Bezugsrahmen skizziert.
1.3 Der bisher skizzierte räumliche Bezugsrahmen wird ausgeweitet.
1.4 Als Kind wurde die Erzählerin von einer Amme ernährt und setzte sich gegen den Widerstand der Mutter durch.
1.5 Die Amme und ihre Tochter Marie verkörpern einen Begriff von Reinheit und Unbeflecktheit, den die Erzählerin bei ihren Eltern und auch bei sich selbst nicht vorfindet.
1.6. Das Bedrohliche, das vom Vater ausgeht, wird zunächst nur angedeutet oder verbirgt sich im scheinbar Harmlosen.
1.7 Das Bedrohliche des Vaters konkretisiert und verstärkt sich, wobei es im Sprachduktus des Kindes in bildhafte Vergleiche und Metaphern gekleidet wird.
1.8 Nicht nur Alltägliches und Banales, sondern auch Religiöses wird mit den dahinter lauernden Auswüchsen einer grausamen Realität vermischt.
1.9 Die scheinbare Normalität des Familienlebens erweist sich als trügerisches Spiegelbild, durch das Nicht-Normales und Beängstigendes hindurchscheint.
1.10 Am nächsten Morgen, bei Tageslicht, scheint die nächtliche Bedrohlichkeit verschwunden zu sein und die alltägliche Routine beginnt, aber dieser Eindruck ist nur vorübergehend.
1.11 Der weitere Verlauf
2. Figurenkonstellation
2.1 Die Ich-Erzählerin
2.2 Vater und Mutter
2.3 Die Amme und ihre Tochter Marie
2.4 Weitere Figuren im Roman
2.4.1 Die Aufwartefrau: symbolische Todesfigur
2.4.2 Freundin Anna:
2.4.3 Weitere Familienangehörige
3. Motive und Symbole
3.1 Versteinerung
3.2 Messer
3.3 Milch
3.4 Licht/Wärme – Dunkelheit/Kälte
3.5 Ordnung – Unordnung
4. Die Sprache der Gewalt: ein Vergleich mit Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit analysiert Jenny Erpenbecks Roman „Wörterbuch“ als ein experimentelles Werk, das die Zerstörung kindlicher Identität in einem totalitären System durch eine unzuverlässige Erzählperspektive und eine mit Gewalt durchsetzte Sprache verdeutlicht. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie sprachliche Verharmlosungen und eine spezifische Symbolik dazu dienen, Grausamkeit zu legitimieren und das zerrissene Innenleben der Erzählerin abzubilden.
- Analyse der unzuverlässigen Erzählfigur und ihrer subjektiven Realitätswahrnehmung.
- Untersuchung der Figurenkonstellation im Spannungsfeld zwischen totalitärem System und privater Sphäre.
- Deutung wiederkehrender Motive und Symbole wie Versteinerung, Messer und Milch.
- Vergleich der verharmlosenden Sprache des Regimes mit Franz Kafkas „In der Strafkolonie“.
Auszug aus dem Buch
Experiment der Textproduktion
In meinem Aufsatz „’Wörterbuch’“ von Jenny Erpenbeck: Die Diktatur der Erziehung“ wurde darauf verwiesen, dass der Roman „Wörterbuch“ keine leicht nachzuvollziehende Handlungsstruktur aufweist, kein in sich geschlossenes Ganzes ergibt, sondern eher einem Puzzle mit Einzelteilen aus verschiedenen Materialien gleicht, die zu einer Collage zusammengefügt werden müssen, wobei es aber Leerstellen gibt, für die sich womöglich keine passenden Teile finden lassen. Um diese Leerstellen füllen zu können, muss der Leser bereit sein, Umwege, Irrwege oder sogar Abwege in Kauf zu nehmen, für Nicht-Gesagtes und Nicht-Sagbares eigene Hypothesen zu entwickeln und das Geschehen gleichsam selbst mitzukonstruieren. Er wird damit zum Mitwirkenden in einem von der Autorin inszenierten Experiment der Textproduktion.
Nach Julia Schöll handelt es sich beim Werk Jenny Erpenbecks um Texte, in denen nach herkömmlichem Verständnis der „Vertrag zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem aufgekündigt wird“. („Wörter und Dinge ...“ in: Marx/Schöll, 47) Bei Jenny Erpenbeck emanzipieren sich die Wörter „von ihren Urhebern und von ihrem angestammten Kontext“ und entwickeln „ein widerspenstiges Eigenleben“. (Ebd.) Diese Feststellung gilt in besonderem Maße für den Roman „Wörterbuch“. Mit ihm erleben wir die „Anfälligkeit der Sprache für Täuschungen“. (Ebd., 48) Er liest sich wie eine Versuchsanordnung, mit der der enge Zusammenhang zwischen dem Verlust der eigenen Identität einer namenlosen Erzählerin und ihrem „Verlust der Sprachgewissheit“ aufgedeckt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zum Inhalt des Romans: Dieses Kapitel erläutert den Roman als experimentelle Collage mit Leerstellen und gibt einen Überblick über die chronologischen und thematischen Aspekte der Erzählung.
2. Figurenkonstellation: Hier wird analysiert, wie die Figuren trotz ihrer Widersprüchlichkeit keine echte Dynamik entwickeln und in ein Netz aus totalitärer Kontrolle und Täuschung eingebunden sind.
3. Motive und Symbole: Dieses Kapitel untersucht die zentrale Rolle von wiederkehrenden, ambivalenten Motiven wie Versteinerung und Messer, die das Geschehen aus der kindlichen Perspektive strukturieren.
4. Die Sprache der Gewalt: ein Vergleich mit Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“: Der abschließende Teil vergleicht die verharmlosende Sprache der Unterdrückung bei Erpenbeck mit Kafkas Darstellung von technokratischer Gewalt.
Schlüsselwörter
Jenny Erpenbeck, Wörterbuch, unzuverlässiges Erzählen, totalitäres Regime, Identitätsverlust, Sprachgewalt, Motivik, Symbole, Versteinerung, Messer, Zwangsadoption, Kafka, In der Strafkolonie, Doppelbödigkeit, Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dem analysierten Werk grundsätzlich?
Es geht um die Darstellung eines Romans, der als experimentelle Versuchsanordnung die Mechanismen der Identitätszerstörung und der Sprachmanipulation in einem diktatorischen System aufzeigt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themenfelder umfassen die Psychologie des Kindes unter Druck, die missbräuchliche Nutzung von Sprache, die Rolle von Symbolen in der Realitätswahrnehmung und die Kritik an autoritären Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Funktionsweise von Jenny Erpenbecks komplexer Figurenkonzeption und der symbolischen Sprache zu entschlüsseln, um zu verstehen, wie das Individuum von einem totalitären System vereinnahmt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Analyse stützt sich auf eine detaillierte literaturwissenschaftliche Untersuchung, die Textstellen aus dem Roman mit literaturtheoretischen Ansätzen und Vergleichen zu anderen Werken, wie denen von Franz Kafka, kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden detailliert die Figuren, die wiederkehrenden Motive (wie Messer, Milch und Versteinerung) und die sprachlichen Strategien des „Doublethink“ und „Doublespeak“ analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Identitätsverlust, Sprachgewalt, unzuverlässige Erzählerfigur, totalitäres System und die Analyse ambivalenter Motive geprägt.
Welche Bedeutung hat das Messer als Motiv in der Arbeit?
Das Messer wird als hochgradig ambivalentes Symbol analysiert, das einerseits ein harmloses Bastelwerkzeug, andererseits ein zerstörerisches Instrument von Gewalt und Folter darstellt, was die Unmöglichkeit einer klaren Trennung widerspiegelt.
Inwiefern spielt der Vergleich mit Kafka eine Rolle?
Der Vergleich dient dazu, die Gemeinsamkeit der sprachlichen Verharmlosung bei der Verschleierung von Grausamkeit in totalitären Strukturen durch eine Analyse der Hinrichtungsmaschine in „In der Strafkolonie“ herauszuarbeiten.
- Arbeit zitieren
- Hans-Georg Wendland (Autor:in), 2016, 'Wörterbuch' von Jenny Erpenbeck. Eine Rezension. Inhalt, Figurenkonstellation, Motive und Symbole, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336284