Cognitive Enhancement. Gehirndoping im Alltag und Leistungssport


Seminararbeit, 2016

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung Cognitive Enhancement
2.1 Wer nutzt Cognitive Enhancement im Alltag und was sind ihre Motive?
2.2 Was sind die Motive für den Wunsch nach Leistungssteigerung im Sport?
2.3 Das Wirkungsprofil der gängigsten Substanzen
2.4 Ihre Nebenwirkungen

3 Der Missbrauch von Methylphenidat und Modafinil
3.1 Ist der zweckwidrige Gebrauch im Alltag erfolgversprechend?
3.2 Methylphenidat und Modafinil als Dopingmittel im Sport

4 Alternativen zum pharmazeutischen Enhancement
4.1 Körperliche Aktivität zur Förderung der kognitiven Fähigkeiten
4.2 Sports Vision Training im Leistungssport

5 Nutzen und Risiken von Cognitive Enhancement – ein Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Citius, altius, fortius oder zu Deutsch: Schneller, höher, stärker. Das ist das Motto der Olympischen Spiele. Der Trend geht dazu noch mehr zu leisten, alles schneller zu erledigen, ständig erreichbar zu sein und höhere Gewinne zu erzielen, um immer besser zu sein, als die Konkurrenz. Schon lang ist das nicht mehr nur allein im Sport der Fall, sondern vor allem in der Wirtschaft, sowie dem Arbeits- bzw. akademischem Umfeld. Unsere moderne Leistungsgesellschaft hat das einst bei den Olympischen Spielen gebildete Credo für sich übernommen, um daraus einen erbitterten Wettkampf weit über den eigentlich dafür vorgesehenen Rahmen hinaus zu machen. Wenig überraschend ist die daraus resultierende Überforderung vieler Menschen. Sie ist es schlussendlich, die den Weg für den Wunsch nach Möglichkeiten zur Leistungssteigerung ebnet, wie man es eben bisher nur aus dem Sport kannte.

Konsterniert, frustriert und sprachlos. Das sind auf der anderen Seite für gewöhnlich die Reaktionen auf desillusionierende Nachrichten über Doping in immer mehr Gebieten des Leistungssports. Langsam aber sicher zeichnet sich dabei ein Gewöhnungseffekt ab. Die Gesellschaft beginnt Vorkommnisse wie diese resignierend hinzunehmen. Man wird sich darüber im Klaren, dass der körperlichen Trainierbarkeit Grenzen gesetzt sind, die man nur noch durch Doping in seinen zahlreichen Facetten, zu überschreiten in der Lage ist. Gerade jene sich breitmachende Akzeptanz ist allerdings zugleich der sprichwörtliche „Fuß in der Tür“, für die Rechtfertigung derlei Maßnahmen in Bereichen fernab sportlicher Rivalität.

Ein Bericht der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) aus 2015 mit dem Schwerpunktthema „Doping am Arbeitsplatz“ schätzte, dass rund jeder Achte (12,1%) der etwa 5.000 befragten Erwerbstätigen von 20 bis 50 Jahren, Mittel zur Erhöhung ihrer kognitiven Kapazitäten oder zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens, ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen hat (IGES Institut, 2015, S. 93). Der Bekanntheitsgrad von vermeintlichen Möglichkeiten hierfür stieg außerdem, im Vergleich zu einer Untersuchung sieben Jahre zuvor, um fast ein Viertel auf 69,3% an (IGES Institut, 2015, S. 95). Kurzum hat laut eines Artikels der University of Pennsylvania mit dem 21. Jahrhundert nicht nur das „century of neuroscience“, sondern vor allem das des „pharmacological enhancements“ begonnen. (Farah, M. J., Illes, J., Cook-Deegan, R., Gardner, H., Kandel, E., King, P., Parens, E., Sahakian, B., Wolpe, P. R., 2004, S. 421-425) Doch ist so ein Vorgehen überhaupt notwendig um sein neurologisches Potenzial zu verbessern oder gibt es alternative Wege die gewünschten Effekte sowohl im Sport, als auch in anderen relevanten Lebensbereichen zu erzielen? In meiner Arbeit werde ich der Frage auf den Grund gehen und die Chancen, sowie Risiken untersuchen, um schlussendlich in einem persönlichen Fazit dazu Stellung zu beziehen.

2 Begriffsbestimmung Cognitive Enhancement

Angesichts der zahlreichen Literatur zu dem Thema, gibt es mittlerweile viele unterschiedlichen Bezeichnungen für diverse Versuche zur Förderung seiner geistigen Anlagen, die kaum eine einheitliche Definition zulassen.

Rein linguistisch betrachtet stammt das Wort „enhancement“ von dem englischen Verb „to enhance“, was so viel bedeutet wie „verbessern“ oder „erhöhen“. Cognitive Enhancement (im Folgenden mit CE abgekürzt) zielt also vor allem auf die Verbesserung kognitiver Fähigkeiten, wie Erinnern, Lernen, Aufmerksamkeit respektive Planen ab. Dieser Ausdruck ist annähernd so weit verbreitet, wie das „Neuro-Enhancement“. Trotz kleinerer Unterschiede in ihrer Auslegung kann man beide in dem Leitgedanken sammeln, dass sie sich mit der „Verbesserung von Hirnfunktionen durch Neurotechnologien welcher Art auch immer“ (Lieb, 2010, S. 16) beschäftigen. Alle (Fach-) Begriffe lassen sich wiederum im Allgemeinen unter dem, im deutschsprachigen Raum am populärsten: „Gehirn-Doping“, zusammenfassen. Die dafür verwendeten Substanzen erfreuen sich einer ähnlich großen Namensvielfalt. „Smart drugs“ (smart=klug, drug=Droge) oder „Nootropika“ (griechisch noos=Verstand; tropo=Wende) sind hier die geläufigsten Bezeichnungen.

Längst werden die genutzten Mittel nicht mehr nur ausschließlich für die wichtige Arzneitherapie neurokognitiver Störungen, wie Demenz, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS), Depressionen oder Narkolepsie (Schlafsucht) verwendet, für die sie ursprünglich vorgesehen waren. „Pharmakologische und nicht-pharmakologische Interventionen, die wirksam Abhilfe schaffen können, eigenen sich zumindest zum Teil zugleich auch als Enhancement-Methoden – eben bei Gesunden.“ (Schöne-Seifert, 2009, S. 9-10) Klaus Lieb definiert CE in entsprechender Forschung deshalb generell als „den Versuch gesunder Menschen, die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zu verbessern. Dabei ist die Einnahme nicht medizinisch indiziert, die Substanzen wurden nicht ärztlich verordnet und der Konsum erfolgt nicht aus Genussgründen […]“ (Lieb, 2010, S. 25).

Ich habe meinen Fokus besonders auf das pharmakologische CE mit seinen Alternativen gelegt, da es meiner Meinung nach in absehbarer Zukunft sowohl im Freizeit- als auch im Sportbereich das größte Verbreitungspotenzial besitzt.

2.1 Wer nutzt Cognitive Enhancement im Alltag und was sind ihre Motive?

Das Verlangen nach einer Möglichkeit zur Verbesserung geistiger Fähigkeiten ist keine moderne Erscheinung. Die ersten Aufzeichnungen über Versuche so etwas durch Medikamente zu erreichen, führen zurück bis in die 30er Jahre. Im zweiten Weltkrieg sollte die synthetisch hergestellte Substanz Amphetamin für ein längeres Durchhaltevermögen der Soldaten im Einsatz sorgen. Durch steigenden Missbrauch wurde es jedoch frühzeitig als illegal eingestuft und somit verboten. (Podbregar & Lohmann, 2012, S. 23) Weiterhin ist der Konsum von Koffein in unseren Gefilden nicht erst seit der Neuzeit für seine anregende Wirkung bekannt. Studien belegen längst die positiven Eigenschaften in Bezug auf „Reaktionszeit, Aufmerksamkeit, Wachheitsgrad und Arbeitsgedächtnis.“ (Suhr, 2015, S. 40) Mit Beginn der 80er Jahre gibt es dann einen ersten dokumentierten Anstieg der Einnahme nicht indizierter Medikamente zu diesem Zwecke. So haben sich etwa „Manager mit dem Wirkstoff Fenetyllin (Markennamen Captagon®) oder anderen Substanzen aufgeputscht, um leistungsfähiger zu sein“ (Suhr, 2015, S. 41). Trotz alledem wird das CE in entsprechender Fachliteratur noch immer vereinzelt als „ein kulturgeschichtlich und medizinhistorisch gänzlich neues Phänomen“ bezeichnet. (Suhr, 2015, S. 40)

Bei meiner Suche nach sowohl den Ursachen, als auch Motiven für die Verwendung von smart drugs stieß ich auf Hinweise, die leider schon das frühe Schulkindalter betreffen. 1996 verglichen amerikanische Forscher die Anzahl der gestellten Diagnosen für ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) bei Kindern, mit den Verschreibungen von zur Behandlung verwendeten Medikamenten, wie Ritalin. Dabei vielen Missverhältnisse vor allem in den Wohngebieten von besser situierten Familien auf. Vornehmlich anspruchsvolle Eltern wurden dabei von den Wissenschaftlern als möglicher Grund ausgemacht. Man mutmaßte, sie würden mit der zweckentfremdeten Gabe des Medikaments an ihre Kinder versuchen, deren schulisches Potenzial zu verbessern. (Podbregar & Lohmann, 2012, S. 39)

Aus ähnlichem Antrieb wurde von der Leuphana Universität in Lüneburg das Projekt „Gemeinsam gesunde Schule entwickeln“ ins Leben gerufen. In einer Erklärung zu den Zielen der Initiative hieß es:

„Das gesellschaftliche Streben nach Erfolg führt vermehrt zu hohen Anforderungen der Eltern an ihre Kinder und auch der Kinder an sich selbst. Hohe Leistungserwartungen führen häufig dazu, dass zunehmend mehr Kinder und Jugendliche ihr Selbstwertgefühl in Abhängigkeit von ihren Leistungen definieren. Der empfundene Leistungsdruck steigt und mit ihm die Angst vor dem Versagen.“ (Leuphana Universität Lüneburg, S. 1)

Es wird also angedeutet, der Druck auf die Schüler ginge vor allem von den Eltern aus. Meines Erachtens ist das unter anderem darauf zurück zu führen, dass viele von ihnen selbst unter den an sie gestellten Erwartungen im Berufsleben leiden. Diese Ängste projizieren sie nun entweder unterbewusst auf ihre Kinder oder versuchen sie damit gezielt auf die steigenden Ansprüche vorzubereiten. Vereinzelt anscheinend sogar durch die Verwendung von Cognitive Enhancern.

Die nächste Station auf der Fahrt durchs Leben zum Zwecke meiner Analyse, ist das Studium. Jener Lebensabschnitt ist der erste, bei dem selbstbestimmt zu Hilfsmitteln gegriffen wird. Es heißt, Studenten im antiken Griechenland verflochten Rosmarinzweige in ihre Haare, in dem Glauben der Verbesserung ihres Gedächtnisses. (Le Strange, 1977) Die angeführte Bezeichnung Nootropika, ebenfalls griechischen Ursprungs, kommt also möglicherweise gar nicht von ungefähr. Ein Indiz für ihre Verbreitung unter Studenten liefert ein Projekt, das an der Universität Paderborn unter dem Motto „Gesund und erfolgreich in Paderborn studieren (GriPs)“ im Zeitraum von 2009 bis 2011 durchgeführt wurde. Der Titel erinnert hier bereits an das zuvor genannte schulische Konzept. Anhand der Ergebnisse von fast 2.000 Teilnehmern konnte mit der Aufnahme des Studiums nicht nur eine (weitere) Zunahme des Stressempfindens festgestellt werden, sondern im Zuge dessen auch erstmals der Konsum von Medikamenten, sowie illegaler Drogen. (Brandl-Bredenbeck, 2013, S. 11-12) Nimmt man nun die rein numerischen Ergebnisse genauer in Augenschein stellt sich heraus, dass grundsätzlich jedem fünften Studierenden die Bereitschaft des Gehirndopings zur Leistungssteigerung innewohnt. Differenziert wird im Rahmen der Paderborner Studie zwischen dem Konsum „koffeinhaltiger Getränke, spezieller Substanzen zur Steigerung der kognitiven Fitness (hier auch als „Gehirndoping“ bezeichnet), bzw. dem Missbrauch von Medikamenten zum Zwecke der Bewältigung von Aufgaben im Studienalltag oder in Prüfungssituationen“. Der Auswertung zufolge nahm erneut bereits jeder Fünfte der Befragten Medikamente mit diesem Ziel zu sich. Besonders augenfällig ist bei 61,2% die Einnahme von Medikamenten ohne ärztliche Verordnung, was somit wiederrum genau der Definition von Klaus Lieb entspricht. (Brandl-Bredenbeck, 2013, S. 94)

Zum Vergleich der Ergebnisse habe ich eine weitere aussagekräftige Befragung mit selbigem Thema ausgewählt. Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) Studierende an verschiedenen nationalen Hochschulen zum zweiten Mal nicht nur bezüglich Formen der Stresskompensation, sondern auch zur Steigerung ihrer Leistungen während der Studienzeit befragt. Die erste Erhebung fand im Wintersemester 2010/11, die Wiederholung vier Jahre später mit Hilfe einer Online-Umfrage statt. Ausgewertet wurden die Angaben von ca. 6.700 Studierenden. Man unterschied im Rahmen der Studie zwischen zwei Begriffen: auf der einen Seite dem „Hirndoping“, als „die Einnahme verschreibungspflichtiger Medikamente und illegaler Drogen“, sowie auf der anderen Seite den „Soft-Enhancern“. Zu ihnen zählten sowohl Dinge, die frei zum Verkauf stehen, als auch solche die keines Rezepts verlangen, wie beispielsweise Koffein in Tablettenform, Energy Drinks oder Nahrungsergänzungsmittel. Kaffee, ebenso wie Tee wiederum nicht. Es wurden nur Hilfsmittel einbezogen, die den Befragten die Anforderungen seit Beginn des Studiums erleichtert haben. Da mehr als dreimal so viele Studenten befragt worden sind, wie bei der zuvor zitierten Studie, halte ich die daraus gewonnenen Erkenntnisse für umso eindrucksvoller. Ganze 86% haben demnach von den Möglichkeiten gehört. Fast ein Drittel gibt an jemanden zu kennen, der sie bereits genutzt hat. Versetzt man sich nun einmal die Lage der Hochschüler während so einer Befragung, kann man sich vorstellen wieso von ihnen, im Kontrast zum offensichtlich hohen Bekanntheitsgrad, „lediglich“ 6% zugaben Stoffe konsumiert zu haben, die unter die angegebene Definition des Hirndopings fallen. Weitere 8% zählten sich selbst zu den „Soft-Enhancenden“. Trotz der anonymisierten Erhebung glaube ich, dass viele bei derlei Fragen ihre Stimme eher dem „Wissen um das Thema“ respektive „dem Konsum eines Bekannten“ gaben, statt den eigenen Gebrauch preis zu geben. Wie hoch die Grauziffer ist lässt sich daher nur erahnen. Abschließend möchte ich dennoch den erfreulich geringen Anstieg des Anteils „Hirndopender“ um lediglich einen Prozentpunkt, im Vergleich zur ersten Befragung, nicht unerwähnt lassen.

Aufschluss zu zahlreichen Motiven der Studienteilnehmer gibt die Analyse des DZHW auch. Demzufolge wurde das „Hirndoping“ laut ca. der Hälfte (51%) der Anwender eingesetzt, „um (ein-)schlafen zu können“. Fast genauso häufig mit 42% um „Nervosität/Lampenfieber zu bekämpfen“ oder aber einfach nur „um wach zu bleiben“ (34%). Insbesondere für erwähnenswert halte ich den Verwendungsweck der “geistigen Leistungssteigerung“, da diesen nur fast ein Viertel (24%) wählten. Entscheidend deshalb, weil speziell darauf hingewiesen wurde, dass dem „Hirndoping“ nicht nur „verschreibungspflichtige Medikamente“, sondern eben auch „illegale Drogen“ zugeordnet wurden. In der Auswertung der Resultate sind also die 29% der Cannabis-Konsumenten unter den Hirndopern zu vernachlässigen, da sie nicht meiner ursprünglich gewählten Definition des CE entsprechen. Nichts desto trotz kann damit unterm Strich festgehalten werden, dass das Gros unter der Betitelung „Hirndoping“ gar nicht unbedingt nur eine Erweiterung ihrer Fertigkeiten zur Prüfungsvorbereitung versteht, wie man wohl vermuten würde, sondern vor allem den Leistungserhalt oder einen eher beruhigenden Effekt. (Middendorff, Poskowsky & Isserstedt, 2012, S. 5-8)

Den letzten Halt auf unserem, zur Veranschaulichung, betrachteten Zeitstrahl stellt der Berufsalltag dar. Hier habe ich mich erneut auf die Suche nach gehaltvollen Studien begeben. Dabei bin ich abermals auf viele interessante Informationen gestoßen. Ich möchte zu diesem Zweck zunächst auf die Untersuchung der DAK eingehen, da sie noch weitere vielversprechende Hinweise enthält. Wie gesagt gab dort fast jeder Achte an, Mittel zur Steigerung kognitiver Fähigkeiten oder zur Verbesserung des psychischen Wohlbefindens ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen zu haben. Zu dem Ergebnis kam man allerdings erst durch eine spezielle Befragungsmethode, die genau das zu verhindern versuchte, was ich in Verbindung mit der vorrangegangenen Erhebung zu bedenken gab. Durch das Stellen einer Vielzahl von Fragen unterschiedlichster Themengebiete wurde versucht zu verschleiern, worum es den Wissenschaftlern bei der Untersuchung tatsächlich ging. Denn wie man vielleicht aus eigener Erfahrung weiß, neigt man bei sensiblen Fragen oft dazu nicht ganz der Wahrheit entsprechend zu antworten. Befragte geben nachweislich eher Antworten, „von denen sie annehmen, dass sie von ihnen erwartet werden. Demnach sind sie nur eingeschränkt bereit, ein Handeln „zuzugeben“, das sozial missbilligt wird.“ (Schnell, Hill & Esser, 2011, S. 363) Zum Vergleich bekannten sich zuvor bei einer direkten Befragung der DAK nur annähernd halb so viele (6,7%) zum pharmakologischen Neuroenhancement (pNE) (IGES Institut, 2015, S. 59). Beim Blick auf die Beweggründe lassen sich beim Ergebnis der DAK Parallelen zu denen der Schüler, sowie Studenten erkennen. Das Hauptmotiv ist dort gleichermaßen für fast 41% eine besondere Situation, wie bevorstehende Präsentationen und der damit einhergehende Stress. Waren es hingegen bei den Studenten noch ca. ein Drittel die sich mit den Substanzen wachzuhalten versuchten, kann man in einer Gegenüberstellung nun feststellen, dass es nur noch für 8,9% der befragten Arbeitnehmer ein Argument darstellt. Neu ist indessen die Angabe zum Gebrauch von pNE als Unterstützung, um „ihre Work-Life-Balance aufrecht zu erhalten“. Womit zwar ganz simpel, aber im Grunde dennoch trauriger Weise gemeint ist, nach der Arbeit lediglich genügend Reserven für das Privatleben haben zu wollen. Diese Auswahl trafen immerhin noch 26,6 Prozent (IGES Institut, 2015, S. 79).

Wer nun denkt, der Wunsch nach geistiger Leistungssteigerung sei vor allem dem „einfachen“, stets gestressten Büromitarbeiter vorbehalten, der irrt. Im April 2008 beispielsweise erschien die regelmäßige Auflage der angesehenen Fachzeitschrift „Nature“ in Großbritannien, mit einer ausführlichen Leserumfrage zum Thema „Gehirn-Doping“. Von den 1.400 Teilnehmern der Befragung gestand ein Fünftel die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zur Steigerung ihrer kognitiven Fähigkeiten ein. Besonders interessant wird das Ergebnis jedoch erst beim Betrachten der Teilnehmerstruktur. Das waren nämlich überwiegend Wissenschaftler allen Alters, aus 60 verschiedenen Ländern rund um den Globus. Auf der Suche nach den Motiven der Akademiker lieferte das Magazin die Antwort in Form des Zitats eines Neurowissenschaftlers, welches zum Nachdenken anregen sollte. Er gab zu Protokoll: ihm sei bewusst nicht die Merkmale einer ADHS-Diagnose zu erfüllen, „aber ich habe manchmal Probleme mich zu konzentrieren und es würde mir sehr helfen, dann Ritalin griffbereit zu haben, wenn ich bei der Arbeit (mit den Kindern etc.) trotzdem funktionieren muss.“ (Podbregar & Lohmann, 2012, S. 24-25) Umso erschreckender ist noch dazu, dass gar ein Drittel der Befragten angab, sogar bei ihren eigenen Kindern durch „smart drugs“ nachzuhelfen, wenn sie von selbigem Vorgehen anderer Eltern wüssten. (Podbregar & Lohmann, 2012, S. 39)

Genau hier liegt allerdings die Crux. Vielerorts ist trotz der relativ dünnen Studienlage immer wieder davon zu lesen, wie weit verbreitet der Einsatz derartiger Mittel sei, was damit zu einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung beiträgt. Unter diesem Gesichtspunkt erschien in der internationalen Online-Fachzeitschrift der Public Library of Science (PLOS), ein Forschungsergebnis der University of Queensland in Australien. Dort untersuchen Wissenschaftler 142 Zeitungsartikel in englischer Sprache, die im Zeitraum von 2008 bis 2010, den „nicht indizierten Gebrauch verschreibungspflichtiger Medikamente zum Zwecke des Neuroenhancements“ zum Thema hatten. Das Ergebnis unterstreicht meine These: ganze 94 Prozent der Medien berichteten von einem entweder üblichen oder ansteigenden Gebrauch. Noch gravierender empfinde ich, dass zwar 95% mindestens einen Vorteil anführten, aber nur lediglich 58% überhaupt auf die Risiken, wie auch Nebenwirkungen eingingen. (Partridge, Bell, Lucke, Yeates, Hall & Ross, 2011, S. 4-7) Das Lesen solcher einseitigen Berichte könnte nun in einem selbst den Eindruck erwecken, meine Kommilitonen respektive Arbeitskollegen würden sich auf derartige Weise bereits einen Vorteil verschaffen, ohne sich dazu zu bekennen. Jene Annahme könnte dann wiederum zum eigenen Konsum führen, obgleich man von allein möglicherweise nie darauf gekommen wäre oder sogar zum Einsatz bei seinen Kindern verleiten, wie es anscheinend längst der Fall ist. Schlussendlich ist damit wohl leider eindrücklich bewiesen, wie hier der Kreislauf des (selbstgemachten) Leistungsdrucks mit seinen Auswirkungen auf unser Handeln, vom Schulkind bis zum Erwachsenen von Neuem beginnt.

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Cognitive Enhancement. Gehirndoping im Alltag und Leistungssport
Hochschule
Universität Bayreuth  (Institut für Sportwissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Sportbiologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V336349
ISBN (eBook)
9783668258853
ISBN (Buch)
9783668258860
Dateigröße
958 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cognitive Enhancement, Neuro-Enhancement, Gehirndoping, Nootropika, Sportbiologie, Leistungssport
Arbeit zitieren
Ricardo Wenzel (Autor), 2016, Cognitive Enhancement. Gehirndoping im Alltag und Leistungssport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336349

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