Wendeerinnerungen. Der Weg vom langen Vorabend der Wende in die Deutsche Einheit


Essay, 2015
69 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. PROLOG

1. Aufwachsen in der DDR

2. Der lange Vorabend der Wende

3. Der Wendeherbst 1989

4. Gruppierungen/ Parteien/ Gewerkschaften 1989-90

5. Unternehmen im Umbruch

6. Der Weg in die deutsche Einheit

7. Rückblick

8. Anhang
Verzeichnis der Zitate
Verzeichnis der Anlagen
Hinweise:
Verzeichnis der verwendeten Literatur

Personenverzeichnis

Dank

0. PROLOG

Der Ruf „ Wir sind das Volk“ der in Leipzig am 9. Oktober 1989 erstmals unüberhörbar erklang, war absolut authentisch! Er spiegelte ehrlich und unverfälscht das Stoppzeichen der Leipziger an die Bankrottpolitik des SED-Staates -bis hier her und nicht weiter- wider. Dieser Ruf sollte das Marken-zeichen auch bei den Großdemonstrationen der nächsten Wochen überall in der DDR werden. Nur fünf Wochen später, mit der Maueröffnung am 9. November 1989, wurde daraus der Ruf „Wir sind ein Volk“. Erst vereinzelt und leise verdrängte er innerhalb weniger Tage den Ursprungsruf fast völlig von den Demonstrationen und Kundgebungen. Nur ein kleines Wort war verändert worden, aber das symbolisierte eine völlig andere Entwicklung, die nun in Gang kommen sollte. Während die ursprüngliche Bürgerbewegung der DDR im gleichen Atemzug die Führung am weiteren Prozess der Veränderung der DDR verlor, traten neue Kräfte auf die politische Bühne. Die Regie des weiteren Fortgangs der Ereignisse verlagerte sich insbesondere nach dem Fall der Mauer westwärts. Dabei stützte man sich auch auf Kräfte in der DDR, die ihre Chance auf Aufstieg und Bereicherung konsequent und manchmal auch skrupellos wahrnahmen. Darunter etliche, die noch vor kurzem offene oder heimliche Erfüllungsgehilfen des DDR-Systems waren.

Besser als der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange kann man das nicht wiedergeben:

„Berater und Geschäftemacher überfluteten das Land... Während wir noch um den Leipziger Ring zogen, schritten sie schon die Claims ihrer künftigen Gewinne ab.“ (1)

Den meisten Menschen in der DDR war dieser Paradigmenwechsel anfangs völlig entgangen. Viele von ihnen wachten erst wieder auf, als ihre Arbeitsplätze zu Hunderttausenden wegbrachen.

Aus der Sicht eines typischen DDR-Bürgers werden nachfolgend Vorgeschichte, Verlauf und Folgen der Herbstereignisse 1989 in der DDR beleuchtet. Die folgenden Kapitel erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, Vollständigkeit und umfassende Beurteilung der Ereignisse sowie namentlich aufgeführter Personen. Sie sollen jedoch dazu beitragen, ein authentisches Bild von Innen, aus der Sicht eines Beteiligten, zu ermöglichen. Damit soll ein Gegenpart zu den oftmals einseitigen Sichten vieler Medien und Politiker von Außen dargestellt werden. Nicht mehr und nicht weniger ist das Anliegen dieser Schrift.

Der Begriff „Wende“ wurde bewusst gewählt, da im mehrheitlichen Sprachgebrauch der Ostdeutschen ausschließlich so verwendet und jedem die Bedeutung klar ist. Von einigen Bürgerrechtlern und Wissenschaftlern wird parallel dazu der Begriff „friedliche Revolution“ benutzt, der sich aber all-gemein nicht durchgesetzt hat. Auch verweist der Zusatz friedlich meines Erachtens bereits darauf, dass es keine Revolution im klassischen Sinne war.

1. Aufwachsen in der DDR

Mein Geburtsjahr 1950, die DDR war gerade gegründet worden, macht mich zu einem typischen DDR-Bürger. Die geschichtlichen Vorgänge, welche zur Teilung Deutschlands und damit zur Gründung zweier deutscher Staaten geführt hatten, waren mir bis etwa zum 7./8. Lebensjahr weitgehend unbekannt geblieben. Ebenso betraf dies die Ereignisse in der DDR um den 17. Juni 1953 herum, an die ich mich logischerweise selbst nicht erinnern kann. Noch sichtbare Trümmerreste und große Brachflächen in der Innenstadt von Jena sind mir schon noch in Erinnerung und in diesem Zusammenhang auch die Begriffe Bomben sowie Krieg. Aber deren Bedeutung erschloss sich mir damals nur bruchstückhaft und in keiner Weise als verständliche Zusammenhänge. Zuhause wurde in meiner Erinnerung über Krieg nur selten und meist nur andeutungsweise bzw. indirekt gesprochen. Indirekt insofern, dass lustige Episoden aus der Wehrmachtszeit erzählt wurden, die bekanntlich mit der Realität nur wenig gemein hatten. Ein paar realitätsnahe Schilderungen, z.B. über die Ereignisse bei der Ardennenoffensive 1944/45, habe ich von meinem Stiefvater erst Ende der 1980-er Jahre erfahren! Ende der 1950-er Jahre begannen meine geschichtlichen Kenntnisse langsam Kontur anzu-nehmen. Diese waren aber fast ausschließlich von der Perspektive der DDR geprägt, da durch Schule und Medien in der DDR bestimmt. Der 17. Juni 1953, ebenso die Ereignisse in Ungarn 1956, waren sogar solche Tabuthemen in Familie, Verwandtschaft sowie Bekanntschaft, dass ich darüber erst Anfang der 1960-er Jahre Informationen von meist älteren Schulkameraden erhalten habe. In der offiziellen Darstellung der DDR kamen sie gar nicht vor.

Auch die bis weit in die 1950-er Jahre massive Präsenz sowjetischer Truppen in der Öffentlichkeit ist mir nicht per se negativ in Erinnerung. Wenn die langen Panzer- und Fahrzeugkolonnen aus den Kasernen in Jena-Löbstedt ausrückten und oftmals stundenlang zum Verladen auf dem Güterbahnhof anstanden, war das für uns Kinder immer ein Ereignis. Wir sind dann fast ungehindert auf und in den Panzern herumgeklettert und haben versucht Abzeichen usw. abzustauben. Die Soldaten waren in meiner Erinnerung meist freundlich zu uns und die Eltern oder andere deutsche Erwachsene haben uns in keiner Weise, auch nicht verbal, daran gehindert. Daran ändert auch ein unangenehmes Ereignis in einem Russenmagazin (Magazin= russ. Laden) Ende der 1950-er Jahre nichts. Das hatte auch Sonntags geöffnet und ich wurde manchmal dort hingeschickt um Kleinigkeiten zu holen, die uns gerade aus gegangen waren oder die man vergessen hatte zu kaufen. Bei einem dieser Besuche ereignete es sich, dass mein jüngerer Bruder und ich von einer russischen Verkäuferin mit dem Reisigbesen und mit den Worten „Faschist, Faschist“ aus dem Laden gejagt wurden. Das Verhältnis zur Sowjetunion war auch insofern positiv geprägt, da in dieser Zeit die ersten Schritte in den Weltraum gestartet wurden. Und „Sputnik 1“ und Nachfolger wurden von uns schon mit großem Interesse bestaunt.

Hunger im eigentlichen Sinne habe ich nicht in Erinnerung, auch wenn der Tisch selten reichlich und meist wenig abwechslungsreich gedeckt war. Bis 1958 gab es noch Lebensmittelkarten für fast alles und die teure HO (Volkseigene H andels o rganisation) konnten wir uns nur selten leisten, außer in den Jahren, wo mein Stiefvater bei der Wismut in Aue war. Für meine Mutter war das mit den Karten schon existentiell. Ich kann mich erinnern, wie sie einmal die Karten für den halben Monat verloren hatte. Das war ein ganz schönes Drama zuhause.

Meine ersten knapp 10 Lebensjahre habe ich als relativ ruhige und nicht unangenehme Zeit in Erinnerung. Ich war geprägt von der noch jungen DDR und stand wegen der fehlenden Gegen-darstellungen aus meinem persönlichen Umfeld in keinerlei Gegensatz zu diesem Staat. Im Gegenteil. Als ich 1959 zum 10. Jahrestag der DDR in der Schule eine Wandzeitung mit gestalten durfte, empfand ich sogar selbst ein bisschen Stolz auf die „Werke des Sozialismus“ wie den Bau der Rappbode-Talsperre im Harz oder die Entwicklung der strahlgetriebenen Verkehrsmaschine P152 in Dresden. Auch der Sport verband mich damals stark mit der DDR. Ganz besonders war das z.B. die Friedensfahrt mit Gustav Adolf „Täve“ Schur! Daran änderte auch der Mauerbau nichts. Mit 11 Jahren war ich da noch zu klein, um die ganze Bedeutung und Tragweite dieses Ereignisses zu erfassen. Und wieder war das kein größeres Diskussionsthema im Familien- und Bekanntenkreis; zumindest nicht in meiner Gegenwart.

Die ersten Konflikte mit dem Staat DDR begannen in den frühen 1960-er Jahren. Es war die Zeit des aufkommenden Beats als Musik der Jugend, insbesondere verkörpert von den Beatles und den Rolling Stones. Als Pubertierender war ich, wie viele meines Alters, dafür sehr empfänglich, auch weil man sich da scharf von der Elterngeneration und ihrer Sozialisierung im Dritten Reich und II. Weltkrieg abgrenzen konnte. Diese Sozialisierung war ja mit dem Zusammenbruch 1945 und der Gründung der DDR nicht verschwunden, sondern wirkte noch nach. Mich störte in jenen Jahren der allgegenwärtige „Militärtopfschnitt“ und so war das Outfit der Beatles auch in dieser Hinsicht genau richtig für mich. Und da meine Mutter schon immer Swing oder Jazz als „Hottentottenmusik“ empfand, war ihre Ab-lehnung der Beatmusik natürlich zwangsläufig. Also begann ich selbst nach „Westsendern“ im Radio zu suchen, die diese Musik spielten. Die „Hitparade“ und die „großen Acht“ auf RTL oder die Sendungen auf Europawelle Saar mit M. Sexauer waren Kult und man wollte möglichst keine verpassen. In der Schule und im Freundeskreis tauschte man sich darüber aus und es entwickelte sich so etwas wie ein „schwarzer Markt“ für Bilder, Texte und andere Devotionalien rund um die Beat-kultur. Texte konnte man ja versuchen selbst aufzuschreiben. Wer ein Tonband mit Aufnahmefunktion hatte war ein absoluter Star, aber das meiste davon war nur aus dem Westen erhältlich. Viele meiner Freunde und Mitschüler hatten Westkontakte, ich leider nicht. Der „sonstige Westen“, also Politik, Nachrichten, etc., war für uns eigentlich völlig uninteressant; nur die Musik zählte! Mit den er­tauschten oder auch erhaltenen Texten, Bildern und Informationen rund um unsere Idole füllten wir spezielle Hefte; fast jeder hatte so eins zu seinen Lieblingsbands. In der Schule war das natürlich nicht gern gesehen und nicht alle Lehrer sahen weg. Es gab in dieser Zeit welche, die schickten Mitschüler mitten im Unterricht nach Hause, bloß weil sie Nietenhosen (Jeans) anhatten. Einer dieser Lehrer, Herr Kühn, erwischte mich am Ende der 8. Klasse mit meinem Heft und verlangte von mir, daraus zwei Bilder von den Beatles zu entfernen. Da ich das natürlich nicht tat, gerade die Beatles waren meine Gruppe, konfiszierte er das Heft. Ich dachte mir dabei, obwohl es schon ärgerlich war, nicht viel und nahm an, dass es beim nächsten Elternabend meiner Mutter übergeben werden würde. Aber nichts dergleichen geschah. Dass die DDR das politisch und als zielgerichteten Versuch des Westens ansah, uns propagandistisch dem Staat zu entfremden, habe ich damals noch nicht so betrachtet. Und das war es anfangs von Seiten des Westens mitnichten. Selbst dort waren die alten Eliten und ihre Meinungs-macher besonders in den Anfangsjahren gegen den Beat und sein Umfeld eingestellt.

Aufgrund des konfiszierten Heftes war dann am ersten Sonntag in den großen Ferien 1964 in meiner Abwesenheit vermutlich die Stasi bei uns zuhause. Die haben da natürlich hochnotpeinliche Fragen an meine Mutter und meinen Stiefvater gestellt. Was bei uns so für Radiosender gehört werden würden usw. Dies auch vor dem Hintergrund, dass man regelmäßig in der Schule eine schriftliche Erklärung abgeben musste, keine Westsender zu sehen oder zu hören. Da brannte natürlich die Luft, als ich nach Hause kam!

Das dann vom Stiefvater ausgesprochene Verbot des Radiohörens war schon schlimm für mich. Den Lehrer habe ich nie wieder gegrüßt oder ein Wort mit ihm gewechselt. Dies war in dieser Konsequenz natürlich nur möglich, da ich ab der 9. Klasse dann die Schule wechselte und auf die Erweiterte Oberschule (EOS), eine Art Gymnasium in der DDR, ging.

Dieses Ereignis war auch ein erster Kulminationspunkt in meinem frühen Leben. Ich war nach wie vor ein guter Schüler, etliche Fächer mit Eins oder Zwei belegen das, aber in den Kopfnoten wie Betragen ging es in Richtung Vier. Auch zuhause gab es zunehmend Spannungen mit meiner Mutter. Neben allgemeinen pubertären Erscheinungen begannen plötzlich die Mädchen wichtig zu werden. Noch bedeutsamer war die Beatmusik, sie dominierte mein tägliches Leben! All dies führte dazu, dass ich, der ich viele Jahre bei den Jungen Pionieren Gruppen- und Schulratsmitglied war, nicht in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) übernommen wurde. Ich war da durchaus nicht der Einzige, was belegt, dass es zumindest damals noch keinen allumfassenden Auto­matismus der Mitgliedschaft in den Organisationen der DDR gab. Anfangs habe ich mich darüber sogar etwas geärgert. In der 9.Klasse der EOS „J.R. Becher“ merkte ich aber schnell, dass ich als Nichtmitglied in der FDJ zur Mehrheit in der Klasse zählte. Wir wurden immer herzlich zu den FDJ-Veranstaltungen eingeladen, was wir aber selten annahmen. Das wurde an dieser Schule durchaus toleriert. Viele Lehrer dort waren schon älter und im Vergleich mit späteren Erfahrungen sehr liberal eingestellt. In meiner Erinnerung finde ich das immer noch lustig! Nicht viel später sollte sich das Klima an dieser Schule schnell ändern, wie ich Jahre danach erfahren habe.

Aufgrund weiterer Zuspitzungen im familiären Umfeld, meine Mutter hatte wieder geheiratet und ich fühlte mich nicht so recht in die neue Familie integriert, musste ich 1965 erneut die Schule wechseln. Diesmal ging es 60km weg von Jena nach Schleiz als Internatsschüler an die dortige EOS „Dr. K. Duden“. Aus heutiger Sicht eigentlich eine gute Tat der DDR, in Verantwortung des Jugendamtes und der Schulbehörde, mich meine Schulausbildung zum Abitur unabhängig von der Familie abschließen zu lassen. Die monatliche Unkostenbeteiligung betrug 50 Mark. Aber die neue Schule war in vielerlei Hinsicht ein Schockerlebnis für mich. Das Leistungsniveau war viel höher als in Jena und ich hatte von Anfang an große Probleme mitzukommen. Dies war eine neue Schulsituation für mich, der ich 9 Jahre immer zu den Besten oder zum guten Schnitt gezählt hatte. Das entspannte sich eigentlich erst wieder in der 12. Klasse. Zusätzlich eilte mir bei etlichen Lehrern, insbesondere bei der Schul­direktorin ein besonderer Ruf wegen Ungehorsams und Aufmüpfigkeit voraus. Am allerschlimmsten war jedoch, dass diese Schule eine richtige dogmatische Festung der SED/ DDR war! Ich war als einziger Schüler nicht in der FDJ, was ich aus Gründen des Selbstschutzes schnell ändern musste, da es mir zusätzliche Probleme bereitet hätte. Innerhalb von 24 Stunden war ich dann auch Mitglied der FDJ und hatte ein Problemfeld weniger.

Nun kann man die Mitgliedschaft in der FDJ nicht mit der z.B. in der SED vergleichen, aber meine Geschichte zeigt doch auf, dass die Realität in der DDR vielfach anders war, als von besserwissenden Leuten aus dem Westen heute propagiert wird. Es gibt keine „Schwarz-Weiß-Logik“ in der Beurteilung von Lebensläufen!

In Schleiz wurde ich, was an dieser Schule folgerichtig war, auch erstmals in meinem Leben mit Wahlen a la DDR konfrontiert. Vorher kann ich mich an so etwas nicht erinnern. Wir wurden als FDJ-ler auf die Straße geschickt und mussten Wahlpropaganda machen. Erst spielte der Fanfarenzug, dann mussten wir solch blöde Sprüche brüllen, wie:

„Wir sagen es allen frank und frei, der beste Freund ist die Partei!“

Das fand ich so ätzend, dass ich nach dem zweiten Mal im Fanfarenzug nachgefragt habe, ob man dort mit­machen kann. Konnte ich, und zwar als Pauker. Beim nächsten Propagandaeinsatz, nach einer Stunde Einweisung an der Pauke, spielte ich schon im Fanfarenzug und brauchte keine blöden Sprüche mehr zu brüllen. Der Fanfarenzug war zwar auch eine Art Propagandainstrument, aber ich empfand das nicht so. Das war schon eine ganz gute Truppe, der ich dann bis zum Abitur, zuletzt als Trommler, treu geblieben bin. Wir sind außer zu „Höhepunkten der DDR“ meist zu FDJ-Treffen, Wettbewerben, aber auch zu Blasmusikfesten in der Region angetreten. Das war durchaus auch lustig und brachte etwas Abwechslung ins Schülerleben, zumal man im Internat ziemlich unter Kontrolle gehalten wurde. Trotz dieser ganzen „roten“ Umgebung, in der Freizeit sowie auf Klassen- und Schulfeten, wurde die vom Staat nicht gelittene „Beatmusik“ sehr wohl gehört und gespielt. Und das trotz der Ereignisse vom Oktober 1965 in Leipzig, als es im Zuge eines Verbotes der meisten diese Musik spielenden Gruppen zu einer Demonstration von über 2000 Jugendlichen kam. Mit der „Heule“ abends im Park Europa­welle Saar mit M. Sexauer hören war immer noch Kult. Gespielt wurde sie auch von offiziellen Musikgruppen und sogar von uns selbst. In unserer Klassenstufe hatten wir eine kleine Schülerband (3 selbstgebaute E-Gitarren mit Schlagzeug aus dem Bestand des Fanfarenzuges), welche eigene und fremde Klassenfeste, aber auch als Pausengruppe größere Veranstaltungen bespielte. Als Ersatzschlagzeuger war ich da in der 11./ 12. Klasse ein paar Mal mit im Einsatz. Bei all diesen Veranstaltungen waren die ganz „scharfen“ Lehrer meist nicht oder nicht mehr anwesend. Die weniger „scharfen“ tolerierten es oder hörten eben mal nicht so genau hin.

Die Zeit in Schleiz endete, wie sie begonnen hatte, mit Stress! Zu meiner ersten Wahlteilnahme, es stand die neue Verfassung der DDR zur Abstimmung, hatte ich noch am Wahltag früh keinen Wahlschein. Irgendwie war der in den bürokratischen Mühlen abhandengekommen. Ursache war, dass die Behörden irgendwelche Probleme mit Haupt- und Nebenwohnsitz hatten. Mein Hauptwohn-sitz als Internatsschüler war Schleiz. Aber dort haben sie mich nach Jena verwiesen, die aber berechtigterweise nicht zuständig waren. Insbesondere von meiner Klassenlehrerin, der früheren Direktorin (s.o.), wurde mir sogleich eine Wahlverweigerungshaltung unterstellt. Der neue Direktor hat mich dann früh mit auf das Rathaus genommen und nach 15 Minuten hatte ich einen Ersatzwahlschein. Mein Stiefvater hat dann einen bösen Brief an die Schule geschrieben und das Thema war danach keinerlei Rede mehr Wert. Einer der Gründe war sicher eine gewisse Aufgeregtheit der SED-Funktionäre wegen der bereits im Vorfeld erwarteten relativ hohen Zahl an Enthaltungen bzw. Gegenstimmen bei dieser Wahl. Dies wohl auch wegen der sich da bereits anbahnenden Ereignisse in der CSR. Diese Erwartung erfüllte sich dann ja auch; in manchen Städten und Kreisen bis zu 10%, wie in der DDR-Presse zu lesen war. So etwas kam erst 1989 wieder vor!

In jenem Frühjahr gab es auch große Diskussionen infolge der Verweigerung einiger Mädchen aus den Abiturklassen mit christlichem Hintergrund am gerade erst beginnenden Wehrunterricht. Es führte aber nicht zu Konsequenzen wie der Nichtzulassung zum Abitur. Auch hing zur Wahl an der Schule ein Transparent „85% unserer Abiturienten sind Kandidaten oder Mitglieder in der SED“. Die meisten der Betroffenen sprachen nicht so darüber, es war ihnen wohl doch peinlich. Heute werden viele sich gar nicht mehr daran erinnern wollen!

Andererseits war das Frühjahr 1968 auch geprägt von den Studentenunruhen in Westeuropa, welche von uns „Faststudenten“ natürlich sehr intensiv verfolgt wurden. Sie zeigten uns, dass es in beiden Systemen so eine Art Generationenkonflikt gab. Die Jugend Europas wollte sich endlich von Kriegs- und Nachkriegszeiten ihrer Eltern befreien. Das begann mit Beat- und führte später zur Hippiekultur. Soweit fand das, wenn auch bei uns abgeschwächt, zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs statt. Demonstrationen, Unruhen und Besetzungen waren natürlich in der DDR undenkbar, aber die Nach-richten zeigten uns, dass auch im Westen das System nicht immer so demokratisch war. Auch hier wurde geknüppelt und geschossen, begleitet von den hasserfüllten Tiraden der Springerpresse! Der Westen hatte nicht nur sympathische Seiten.

Trotz allem, bis zum Sommer 1968 war ich sicher kein glühender Anhänger der DDR, aber auch kein Aufbegehrender gegen sie! Der DDR-Staat war mir zwar in seiner totalen Ablehnung „meiner Jugendkultur“ völlig suspekt, auch störte mich der „Phrasensozialismus“ mit seiner manchmal sogar lachhaften Propaganda, aber so ein paar Grundideen der Marx‘schen Lehren stießen bei mir schon auf einen gewissen positiven Widerhall. Der westdeutsche Staat wiederum war zwar medial permanent präsent, aber deswegen nicht zwangsläufig beliebt. Seine Sender spielten meine Musik und brachen auch das öffentliche Meinungsmonopol der DDR, was ich später immer mehr positiv empfand. Andererseits war er mit seiner in Teilen nazibelasteten Vergangenheit (Globke, Lübke, Gehlen, Kiesinger, etc.) und mit seinem unverhohlenen Revanchismus für mich auch keine so rechte Alter­native. Die Studentenrevolte 1968 tat ein Übriges.

Auch sein Alleinvertretungsanspruch, welcher unsere Sportler mehrmals am Start in der BRD und Westeuropa hinderte (z.B. Helmut Recknagel zur Vierschanzentournee, oder den SC Motor Jena/ FC Carl Zeiss Jena im Fußball-Europa-Cup) , stieß mir sehr negativ auf. Das führte dann eine Weile zu ungewohnter Solidarisierung mit der DDR. Man freute sich, wenn in Sportduellen die westdeutschen Mannschaften besiegt werden konnten! Beginnend mit diesen Erfahrungen hat es mich auch später, eigentlich bis heute, sehr geärgert, wenn man uns als in der DDR lebende Deutsche nicht so für voll nahm. Auch deshalb hat sich bei mir so die Einstellung ausgeprägt, dass wir Ostler für den Westen so eine Art „Indianer oder Neger“ waren, denen man für eine Handvoll Glasperlen ihre manchmal doch begehrten Waren oder gar ihren Stolz abhandeln und sich dann noch als großer Gönner fühlen konnte. Nichts anderes charakterisiert dies augenscheinlicher als der nach 1990 vielfach gebrauchte Begriff von der „Buschzulage“ für im Osten arbeitende Westbeamte!

2. Der lange Vorabend der Wende

Das erste wirkliche Negativereignis für mich mit dem Staat DDR und seinem System fand im Spät-sommer 1968 statt, die sogenannte „Tschechenkrise“. Vom „Prager Frühling“ war in den Medien der DDR keine Rede, diese Bezeichnung war westdeutsch geprägt.

Schon seit dem Frühjahr 1968 verfolgte ich sehr interessiert die dortige Entwicklung. Einerseits war ich fasziniert von der beginnenden Auflösung der Systemstarre sowie der Abkehr von so manchen Erscheinungen, welche den Sozialismus als System so kommandierend und phrasenhaft machten. Andererseits fand ich nicht alles gut, was da so plötzlich entstand. Einige dieser Ideen und Gedanken forderten zum Teil auch die offene Abschaffung des Sozialismus in der CSSR, was ich bei aller Distanz zu diesem System, doch sehr argwöhnisch betrachtete!

Trotzdem war der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes und insbesondere der NVA der DDR (dass diese doch nicht beteiligt war, wurde erst nach 1990 bekannt) durch nichts zu rechtfertigen und ich schämte mich dafür. Letztlich war es für mich das Kainsmal des Systems, welches in meinen Augen endgültig seine Unschuld verlor. Die Bilder aus Prag, wo Tausende sich nur mit ihren Körpern und ihrer Wut gegen die sowjetischen Panzer stellten, werde ich nie vergessen. Ebenso wenig die endlos langen Panzer- und Fahrzeugkolonnen, welche sich von den Sowjetkasernen in Jena gen CSSR bewegten.

Nicht lange danach musste ich am 04.11.1968 meinen Dienst in der NVA (Nationale Volksarmee = Streitkräfte der DDR) antreten. Da ich nach dem Abitur mit dem Studium nicht so richtig in die Gänge gekommen war, wohl auch wegen der absehbar fehlenden Unterstützung des Elternhauses, hatte ich mich nach einigen Abwehrversuchen von den NVA-Werbern fangen lassen und mich als Zeitsoldat für 3 Jahre verpflichtet. Dies war im Januar 1968, also lange vor den kulminierenden Ereignissen in der CSSR. Den Mut, von dieser Verpflichtung zurückzutreten, fand ich aber danach auch nicht. Die Werber hatten mich wohl auch schnell durch­schaut und meinen Widerstand als gering eingeschätzt. Die schlechte Beziehung zum Elternhaus, die finanziellen Versprechen sowie die Aussicht auf ein Stipendium bei einem nachfolgenden Studium sprachen für sich. Dazu kam, dass die avisierte Lauf-bahn, erst Marine und dann Bodenpersonal bei der Luftwaffe, durchaus mein Interesse geweckt hatte. An modernster Technik zu arbeiten, die nicht für jeden zugänglich war, reizte mich schon sehr. So bin ich trotz allem relativ aufgeschlossen für das Kommende nach Kamenz zur Unteroffiziersschule eingerückt.

Meine Bilanz nach dem zuletzt sehr herbeigesehnten Ende der 3 Jahre war jedoch absolut nieder­schmetternd. Diese Armee hatte aus meinem Erleben heraus nichts, aber auch gar nichts an sich, was den Namen „Volksarmee“ irgendwie gerechtfertigt hätte. So drastisch schätze ich das auch noch heute ein! Zumal ich jetzt durch Kontakte zu Leuten im Westen, welche etwa zeitgleich in der Bundeswehr gedient hatten, weiß, was für einen Quatsch man uns in der NVA erzählt hatte. Besonders gestört hat mich in dieser Armee das preußische Kommissystem mit roter Verbrämung, was es aber nicht besser machte. Der Willkür der Vorgesetzten war Tür und Tor geöffnet. Privatsphäre gab es 3 Jahre lang überhaupt nicht. Am allerschlimmsten war die permanente Mobilisierungshysterie mit einem sehr hohen Grad an Kasernierung und Bereitschaftsdienst. Mein Jagdfliegergeschwader 9 in Peenemünde gehörte dem sogenannten Diensthabenden System des Warschauer Paktes an, welches als erstes die permanenten Versuche der Bundeswehr/ NATO, uns zu überfallen, abwehren sollte. Das Gegenteil war der Fall! Am Wochenende waren die Kasernen im Westen weitestgehend leer, während wir in ständiger Gefechtsbereitschaft gehalten worden sind. Wer wollte da wohl wen bei passender Gelegenheit, zur Not selbst organisiert, überfallen?

Letztlich waren das 3 Jahre, welche nur aus Lug und Trug sowie aus versuchter Persönlichkeitsde­formierung bestanden. Man wollte uns fit und skrupellos für eine militärische Auseinandersetzung machen!

Ich glaube, dass mich diese Erfahrung entscheidend in meiner persönlichen Entwicklung geprägt hat. Nach dieser Zeit habe ich nie wieder eine- zumindest offene- Beziehung zum Staat DDR und seinem System entwickelt, auch wenn es noch etliche Jahre bis zum endgültigen innerlichen Bruch dauern sollte.

Noch aber war es nicht soweit. Mittlerweile lebte ich in Dresden im sogenannten „Tal der Ahnungs-losen“. Unabhängige Information war hier schwierig bis gar nicht zu erhalten, weil westliche Fernsehsender nicht empfangbar waren. Nur im Radio war eingeschränkter Empfang (z.T. nur auf Kurzwelle in schlechter Qualität) möglich. So herrschte in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck vor, mit der DDR und dem sozialistischen System geht es trotz meiner persönlich teils anderen Sicht weiter bergauf. Das Angebot in den Geschäften war halbwegs akzeptabel, so gut würde es im weiteren Verlauf der DDR nie wieder werden, und einige Systemerscheinungen unter Ulbricht waren von Honecker über Bord geworfen worden. International erreichte die DDR nach Herstellung eines ge­wissen „Modus vivendi“ mit der BRD den Durchbruch in der völkerrechtlichen Anerkennung mit Aufnahme in die UNO und eigenen Mannschaften bei allen Sportveranstaltungen. Höhepunkte waren die Olympiade 1972 in München und die Fußball-WM 1974 in der BRD mit dem 1:0-Sieg der DDR-Auswahl gegen die Mannschaft des Gastgebers. Die endgültige Niederlage und der Abzug der USA aus Vietnam vergrößerte das sozialistische Lager und war auch für mich eine gewisse Genug­tuung, da die USA nach meinem Verständnis dort nichts zu suchen und sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten. 1974 kam der Sturz des faschistoiden Systems in Portugal durch die „Nelken­revolution“ und der Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialsystems. Selbst der blutige Putsch in Chile 1973 gegen Allende trübte dieses Bild nicht, da er zu beweisen schien, wie menschen­rechts­verachtend auch die andere Seite im Bedarfsfalle war.

Nichts schien das System letztlich aufhalten zu können und eine Alternative wie mit Pinochet in Chile war natürlich ebenso völlig inakzeptabel. Also hieß es, Vorbehalte hin oder her, sich weiter an zu-passen, soweit es nicht verhinderbar war und man sich dabei nicht völlig verbiegen musste. Schließlich war man noch immer jung, wollte eine Familie gründen, wofür man eine Wohnung brauchte, und beruflich weiter kommen. M. Stürmer hat das in seinem Buch „Die Grenzen der Macht“ treffend beschrieben.

„Den Deutschen in Ost und West erschien es bald klüger, sich mit der Mauer einzurichten, als gegen sie anzurennen. Fortan mußten die Deutschen in der DDR sich mit dem über sie verhängten Regime abfinden, und eine ganze Generation hat das auch wohl getan, bis in die Mitte der achtziger Jahre.“ (2)

So vergingen die nächsten Jahre.

Belebung kam erst wieder in die Entwicklung durch die Ereignisse mit dem Liedermacher Wolf Biermann im Herbst 1976 und der anschließenden Parteinahme vieler bekannter und beliebter DDR-Künstler für ihn. Dies zeigte unverhohlen, wie weit das DDR-System wirklich offen war. Dazu kamen ab 1976/77 die ersten Auswirkungen der Konferenz von Helsinki 1975 mit ihren Beschlüssen.

In meinem damaligen Betrieb, dem VEB Kühlanlagenbau Dresden, gab es den ersten Antragsteller auf Ausreise aus der DDR. Man erlebte dessen berufliche Diskriminierung und die beabsichtigte persön­liche Isolierung. Trotz der Information, es sei für jeden besser den Kontakt zum Antragsteller abzubrechen, funktionierte das aber nicht umfassend. Auch ich beteiligte mich nicht an diesem Kontakt­verbot und erhielt dadurch auch Zugang zu Informationen. Mindestens fünf oder sechs Bücher bzw. Schriften, insbesondere aus SPD-nahen Organisationen, habe ich damals gelesen und darüber stunden­lang mit dieser Person diskutiert.

Parallel dazu begann sich in den Geschäften der wirtschaftliche Niedergang der DDR bemerkbar zu machen. Bestimmte Artikel wurden knapp oder waren überhaupt nicht mehr erhältlich. Spürbar war das auch in den Betrieben, wo immer mehr Materialengpässe auftraten.

Weitere Knackpunkte in dieser Abwärtsspirale waren der Einmarsch der Sowjetarmee in Afghanistan 1979 und die Einführung des Zwangsumtausches von Westgeld in Schecks im gleichen Jahr. Letzteres führte auch unpolitischen Menschen vor Augen, dass dieser Staat massive wirtschaftliche Probleme haben musste.

Für mich persönlich kam hinzu, dass mich die ungeliebte NVA nicht aus ihren Fängen lassen wollte. Seit 1979 gehörte ich zur sogenannten Mobilmachungsreserve und hatte mich im Alarmfalle in X+1 Stunde am festgelegten Sammelort einzufinden.

Der wahrscheinliche Anfang vom Ende des Ostblocks und damit der DDR kam aber im Spätsommer 1980, als die Danziger Leninwerft unter Führung von Lech Walesa den Streik begann. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf Usedom im Urlaub, wo ich auch einen Abstecher nach Swinemünde machte. Ich weiß nicht, ob es die Stadt an sich war oder die Ereignisse in Danzig. Jedenfalls lag dort in Swinemünde eine ganz komische, schwer beschreibbare Stimmung in der Luft. Dort oben war auch der Radioempfang im Vergleich zu Dresden gut, so dass man die sich entwickelnden Ereignisse im Nach­barland gut mitverfolgen konnte. Rückblickend war das fast eine der letzten Möglichkeiten den visa­freien Grenzverkehr nach Polen zu nutzen. Endgültig eingestellt wurde er dann zum Jahresende 1980. In der DDR-Öffentlichkeit wurden die Ereignisse wie gewohnt erst völlig ignoriert, dann nur als Kurz-meldung gebracht. Natürlich im Stile, dass dort konterrevolutionäre Gruppen an der Vernichtung des Sozialismus arbeiteten. Weiterhin ließ man Unverständnis durchblicken, wie die polnische Führung darauf reagierte. Unterschwellig wurden auch antipolnische Ressentiments bedient, wie sie eigentlich dem Sozialismus nicht innewohnen sollten. Die Menschen in der DDR aber beschäftigten die Ereig­nisse in Polen doch sehr intensiv, wie mir aus vielen Gesprächen in Erinnerung geblieben ist. Es war jedenfalls ein förmliches Aufatmen seitens der DDR-Führung spürbar, als am 1. Dezember des Folge­jahres General Jaruzselski den Kriegszustand in Polen ausrief und endlich gegen diese „Elemente“ durchgegriffen wurde.

Im Land ging es mit der Wirtschaft weiter bergab, wie die Versorgungskrise Ende 1982 aufzeigte. Dabei ging es nicht um Lieferengpässe bei bestimmten Produkten, daran war man schon seit Jahren gewöhnt, sondern Grundnahrungsmittel wie Butter, Speck und Fleisch wurden plötzlich wieder zugeteilt. In einer Stadt wie Dresden war das noch nicht so extrem spürbar. Aber auf dem Lande, wo man z.B. nur besuchsweise weilte und in den Läden nicht so bekannt war, wurden Butter u.ä. über einem Stück an der Kasse wieder aus dem Einkaufskorb genommen. Dies entschärfte sich erst zeitnah mit einem Besuch Honeckers in Kuweit, verbunden mit einem Milliardenkredit Ende 1982 sowie dem Besuch von Strauß in der DDR 1983, der ebenfalls einen Milliardenkredit mitbrachte. Parallel dazu schwoll die Ausreiseantragswelle massiv an. Es wurde klar, dass es nicht mehr um einzelne Personen, wie bisher in den Betrieben oder im Wohnumfeld ging, sondern um ganze Personengruppen. Ab diesem Zeitpunkt, so schätze ich ein, betrug der Umfang an Ausreiseantrag-stellern in meinem Umfeld (Betrieb, Fußballverein, Wohngebiet) kontinuierlich zwischen 2-4%! Anfang 1984 durften allein in Dresden innerhalb kurzer Zeit ca. 4.000 Antragsteller in den Westen ausreisen. Das wirkte sich natürlich auch auf die Stimmung unter den Zurückbleibenden massiv aus! Bei diesem Umfang ließ sich auch die Abschottung von den Ausreiseantragstellern nicht mehr so aufrechterhalten, wie noch in den 1970-iger Jahren, was die Diskussionen natürlich weiter anfachte.

Die DDR-Führung versuchte dem natürlich irgendwie entgegenzuwirken. In zwei Wellen wurden je 10.000 VW Golf bzw. Mazda importiert, um für bestimmte Personen den Engpass bei Neufahrzeugen ein bisschen zu entspannen. Zum anderen konnten plötzlich westliche Rock- und Popidole verstärkt in der DDR auftreten, z.B. Udo Jürgens 1987 sowie Bruce Springsteen oder Joe Cocker 1988 u.a.

Ich arbeitete zu diesem Zeitpunkt im Investitionsbereich für die Mikroelektronikindustrie der DDR und erlebte da zwiespältige Eindrücke. Einerseits der Versuch, auf diesem Zukunftsmarkt konkurrenz-fähig bleiben zu können, andererseits der immer massivere Verfall von ganzen, als weniger wichtig eingestuften Industriebranchen. Im Rückblick ist es schon deprimierend zu erkennen, wie viele Milliarden an Investitionen in die Mikroelektronik in den Sand gesetzt worden sind. Von den großen Neubauten für die Schaltkreisfertigung in Frankfurt/ Oder, Stahnsdorf b. Berlin, Erfurt und Dresden, an denen ich mitgewirkt habe, ist ja fast nichts übrig geblieben. Erinnerlich ist mir in diesem Zusam-menhang aber auch, wie schwierig sich einerseits das Embargo des Westens für Hochtechnologie-erzeugnisse auf diese Investitionen auswirkten, es andererseits jedoch letztlich immer irgendwie gelang, diese Spezialausrüstungen aus dem Westen zu beschaffen. Im Westen gab es demnach auch genug Geschäftemacher, welche für Extraprofit die Bestimmungen umgingen. Dies als Fingerzeig auch auf die Zeit nach 1990, wo sich im Westen alle mit Vorwürfen übertrafen, warum wir uns so lange diesem System angepasst haben. An der Stabilisierung dieses Systems haben auch im Westen viele gut verdient, auch weil wir als Billiglohnland bessere Qualität in den Westen lieferten als Fernost.

Ein für mich erstmal positives, andererseits als DDR-Bürger auch deprimierendes Erlebnis im Ungarn­urlaub 1987 war eine Umtauschaktion in Budapest. Man bekam ja nur max. 30 Ostmark pro Tag für max. 14 Tage als Umtausch in Forint sowie noch mal max. 1x den Umtausch von 100 Ostmark vor Ort. Damit konnte man als „freier Urlauber“ (ohne Platzbindung in der DDR über Reisebüro oder Betrieb) natürlich nicht viel anfangen. Das reichte nicht mal für Schlafen, Essen und Trinken! Und man wollte ja auch einiges mitbringen, was es in der DDR nicht oder nur selten gab, wie Schallplatten, Klamotten, Konserven, etc. Da fuhr vor der Budaer Burg ein ungarischer Bankwagen vor. Dort konnte man unbegrenzt DDR-Mark in Forint tauschen. Im Nu war die Schlange in der größten Mittagshitze auf mehrere 100 Menschen angewachsen, die viele 50 und 100 Markscheine umtauschten. Das und die großen Säcke mit sicher mehreren 10.000 Ost-Mark sind mir als Synonym für den Wert der eigenen Währung in Erinnerung geblieben.

Ein anderes Ereignis im Zusammenhang mit diesem Ungarnurlaub hat sich mir noch eingeprägt. Wegen Scheidung und damit verbundener Probleme 1986 war ich einmal für 14 Tage in meinem Eltern­haus in Jena. In dieser Zeit fanden gerade wieder Wahlen statt. Da ich nicht an meinem gemeldeten Wohnort weilte, konnte ich mich in Jena natürlich auch nicht an der Wahl beteiligen. Im Vorfeld hatte ich mich auch nicht um die Formalitäten bemüht, die mir eine Wahlteilnahme in Jena ermöglicht hätten. Einmal hatte ich, wie schon gesagt, andere Probleme und der Aufenthalt dort ergab sich von heute auf morgen. Zum anderen war es die Gelegenheit, der ungeliebten Wahlfarce einfach mal fernbleiben zu können.

Nun hieß es ja immer, dass man dann Probleme im Betrieb oder anderweitig bekommen würde. Im Betrieb hat nie jemand nachgefragt und meine spätere Befürchtung auf Nichterteilung eines Ungarn-Visums für den Urlaub 1987 bestätigte sich auch nicht.

Für mich bedeutete dies die Erkenntnis, dass das Funktionieren des allmächtigen DDR-Überwachungs-staates an seine Grenzen stieß. Man hatte es offensichtlich mit ganz anderen Problemfällen zu tun. Zum anderen funktionierte das System auch nur so lange, weil die Abschreckung eine innerliche Selbst­zensur zur Folge hatte. Man machte etwas nicht, weil man negative Konsequenzen für sich befürchtete. Hier war nun keine Konsequenz eingetreten, was sich in meinem Verhalten in der nächsten Zeit noch auswirken sollte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Wendeerinnerungen. Der Weg vom langen Vorabend der Wende in die Deutsche Einheit
Autor
Jahr
2015
Seiten
69
Katalognummer
V336544
ISBN (eBook)
9783656984832
ISBN (Buch)
9783656984849
Dateigröße
2262 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DDR, BRD, Wende 1989, Einheit Deutschlands, Umbrüche Ostdeutschland, Jena/Thüringen, Parteien, Gewerkschaften, Unternehmen
Arbeit zitieren
Jürgen Schnerr (Autor), 2015, Wendeerinnerungen. Der Weg vom langen Vorabend der Wende in die Deutsche Einheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336544

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