Grenzen und Chancen der hermeneutischen Auslegung nach Schleiermacher. Paradigmatische Darstellung anhand Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“


Hausarbeit, 2015

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Hermeneutik bei Schleiermacher

2. „Vor dem Gesetz“ – Kontrafaktur einer literarisch übertragenen talmudischen Legende
2.1 Grammatische Interpretation
2.1.1.Fazit aus der grammatischen Interpretation
2.2 Psychologische Interpretation
2.2.1 Fazit der psychologischen Interpretation

3. Weitere Auslegungsversuche im Romankontext „Der Proceß“

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Vor dem Gesetz“ von Franz Kafka bietet eine enorme Vielfalt an sich oftmals widersprechenden Interpretationen. Bereits bei der gattungsspezifischen Einordnung gibt es die Möglichkeit den Text als Parabel, Legende oder Gleichnis zu bezeichnen, diese Schwierigkeit zeigt bereits den Versuch den besonderen Status des Textes bzw. dessen Problemcharakter zu benennen.[1] Ebenso strittig ist der Kontext in den der Text „Vor dem Gesetz“ eingeordnet werden soll.

Die Handlung selbst lässt sich indes verkürzt wie folgt darstellen: Ein Mann vom Lande geht zum Gesetz und bittet den Türhüter um Eintritt, dieser wird ihm verwehrt, späterer Einlass wird ihm jedoch in Aussicht gestellt. Der Mann vom Lande wartet jahrelang auf die Erlaubnis zum Gesetz vorgelassen zu werden. Am Ende, kurz bevor der Mann vom Lande stirbt, erfährt dieser, dass diese eine Tür zum Gesetz nur für ihn bestimmt war. Der Mann vom Lande hat nur nie aktiv nach Einlass begehrt und deshalb auch keinen erhalten.[2]

Die Hermeneutik, an dieser Stelle insbesondere die Hermeneutik Schleiermachers gemeint, stellt nun den Versuch dar, einen Text auf Grund einer wiederholbaren und damit auch nachprüfbaren Methode auf seine Bedeutung hin zu untersuchen. Die Bedeutung der einzelnen Worte soll aus dem Kontext bestimmt werden und die des Gesamttextes durch die einzelnen Worte, aus denen er gebildet ist. Daraus konstituiert sich der Sinn, der auf Basis dieser Methode einen Eindeutigkeitsanspruch stellt.[3]

Wichtige hermeneutische Voraussetzung bei Kafka ist, dass sich seine Werke nicht auf die empirische Wirklichkeit beziehen und dass sich die geschaffenen Figuren zunächst nur innerhalb der fiktionalen Welt interpretieren lassen. Die Bedeutung muss sich zwischen dem Leser und dem Rahmen, den der Text setzt, zunächst erst konstituieren.[4]

Schleiermacher soll nun als originäre Gründerfigur auf dem Gebiet der Hermeneutik herangezogen werden, um diesen Bedeutungsrahmen zu rekonstruieren und damit den Sinn von „Vor dem Gesetz“ ausfindig zu machen. Zu Beginn soll eine kurze Einleitung zu den wichtigsten Prämissen von Schleiermachers Hermeneutik gegeben werden. Dies umfasst lediglich die Definition von grammatischer und psychologischer Interpretation, da diese beiden Komponenten zentral für die Beurteilung der Plausibilität und der Auslegungen von „Vor dem Gesetz“, sind. Weitere Argumentationslinien Schleiermachers werden innerhalb der Deutungsrekonstruktion dargestellt.

Auf Grund der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes und der Vielzahl der Interpretationen werden einzelne Interpretationsaufsätze zu „Vor dem Gesetz“, auf ihren Deutungsansatz hin untersucht. Im Anschluss wird der Deutungsansatz auf die Funktionsweise von hermeneutischen Verfahren nach Schleiermacher reflektiert und die Grenzen und Chancen dieser herausgearbeitet.

Bernd Witte stellt mit seinem Aufsatz „Das Gericht, das Gesetz, die Schrift. Über die Grenzen der Hermeneutik am Beispiel von Kafkas Türhüter – Legende“, den Hauptuntersuchungsgegenstand dieser Arbeit dar. Die Besonderheit an diesem Aufsatz ist, dass sich Witte auf die Erstveröffentlichung von „Vor dem Gesetz“ in der jüdischen Wochenschrift „Selbstwehr“ bezieht und nicht im Kontext des Romans „Der Proceß“ interpretiert.

Zur Vollständigkeit und um im Fazit Vergleiche anstellen zu können, werden noch zwei weitere Aufsätze, die die Türhüterlegende im Romankontext betrachten, untersucht. Im Fazit soll unter Berücksichtigung einer methodenkritischen Betrachtung dargestellt werden, ob sich Schleiermachers Hermeneutik für die Türhüterlegende „Vor dem Gesetz“ eignet.

1.1. Hermeneutik bei Schleiermacher

In der Hermeneutik von Schleiermacher werden innerhalb des Verstehensprozesses zwei Momente unterschieden. Zum einen die grammatische Interpretation zum anderen die psychologische Auslegung. Diese beiden Aspekte dürfen jedoch nicht separat betrachtet werden, sondern sie stehen sich völlig gleichberechtigt gegenüber. Die grammatische Auslegung beschäftigt sich mit der Analyse der Sprache im weitesten Sinne und stellt damit eine inhaltliche Interpretation dar. Hier gilt es die Wortwahl und den Schreibstil des Autors zu untersuchen, wodurch das Schriftstück auch in einem zeitlichen Kontext eingeordnet werden kann. Die psychologische Seite behandelt die Persönlichkeit des Autors und seine Intention. Nur durch die Applikation beider Momente lässt sie sich im Sinne Schleiermachers verstehen.[5]

2. „Vor dem Gesetz“ – Kontrafaktur einer literarisch übertragenen talmudischen Legende

2.1 Grammatische Interpretation

Bernd Witte versucht die Legende „Vor dem Gesetz“ durch ihre Kontexte und einen „ersten hermeneutische Zugang“ zu präzisieren und zu ergänzen.[6] Wittes Grundlage stellen die neuzeitlichen Erfinder der Hermeneutik dar, Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher. Dadurch hat seine Interpretation einen gewissen Eindeutigkeitsanspruch, denn Schleiermachers Prämisse ist, dass mittels verschiedener Methoden der Auslegung ein Sinn erkannt werden soll. Das Ermitteln verschiedener Sinne steht nicht im Mittelpunkt.[7]

Für Witte hat Kafkas Türhüterlegende optimale Voraussetzung für eine hermeneutische Interpretation. Er geht dabei von Gadamers Kommentar aus, dass ein ganzer Text kohärent sein muss, damit der Text nachvollziehbar ist.[8]

„Wenn Geschlossenheit und Selbstständigkeit des Textes unabdingbare Voraussetzungen des Verstehens sind, so dürfte sich unter den Erzählungen Franz Kafkas vor allem die von ihm so genannte „Legende“ ‚Vor dem Gesetz‘ für eine hermeneutische Auslegung eignen.“[9]

Um sich der Legende zu nähern, interpretiert Witte die Türhüterlegende zunächst vom bloßen Inhalt ausgehend. Nach Schleiermacher bedeutet diese Vorgehensweise einen ersten objektiv geschichtlichen Zugang, den grammatischen Aspekt der Sprache betreffend, zu finden. Objektiv geschichtlich bedeutet „wie sich die Rede in der Gesamtheit der Sprache und das in ihr eingeschlossene Wissen als ein Erzeugnis der Sprache verhält.“ (HK, S. 94).

Die grammatische Interpretation von der sich Witte aus nähert, ist zunächst nichts anderes als eine buchstäbliche, wörtliche Interpretation. Das Ziel ist letztlich, den Sinn der Schrift aus dem nächst höherem Zusammenhang zu bestimmen. Für Witte hat vor allem das Ende der Legende eine hohe Signifikanz für die Bedeutung dieser.

Das Ende wird eingeleitet durch das Wort „Jetzt“ und markiert für Witte einen Umschwung der Handlung, „“Jetzt“ – “jetzt“, das dem “jetzt“ des verweigerten Eintritts vom Beginn des Legende sein Echo gibt, - jetzt also der Tod naht und es ihm dunkler wird, […]“[10]

Vor allem die Lichtmetaphorik des Satzes, „wohl erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus den Türen des Gesetzes bricht.“[11], ist für Witte zentral zur Auflösung des Paradoxons, ausgehend davon, dass der Mann vom Lande für sein geduldiges Ausharren eine unerwartete Verheißung zuteilwird.

Die Tatsache, dass der Eingang des Gesetzes nur für den Mann vom Lande bestimmt ist, ist nach Witte der Fluchtpunkt der ganzen Erzählung und markiert damit, das Ergebnis der sprachlichen Interpretation.[12] Damit geht Witte auf die Forderung Schleiermachers ein, innerhalb der grammatischen Interpretation, das Verhältnis der Sätze zur Einheit der Rede zu bestimmen, denn „Zerlegt man eine Rede in ihre einzelnen Teile, so ist jeder etwas Unbestimmtes. Also jeder Satz, aus allem Zusammenhang gerissen, muß ein Unbestimmtes sein.“(HK, S.101).

Der Mann ist also selbstverantwortlich dafür, dass er den Zugang zum Gesetz nicht erhalten hat, denn er hat sich auf Grund seiner individuellen Entscheidung vom Türhüter in die Irre führen lassen. Zu dieser Schlussfolgerung kommen ausgehend von der sprachlichen Interpretation viele Auslegungen: „Das Gesetz, von dem hier die Rede ist, ist das je eigene Gesetz [...].“[13]

2.1.1.Fazit aus der grammatischen Interpretation

Wittes Interpretation kann im Kontext des zweiten Kanons zu Schleiermachers grammatischer Interpretation gelesen werden. Witte bestimmt den Sinn der Worte in Wechselwirkungen mit den umgebenden Sätzen und im Textzusammenhang. Er schildert sowohl Wirkung und Funktion von Aussehen des Türhüters zur Machtperson, als auch die Wahl zentral gewählte Begrifflichkeiten wie das „Studium des Türhüter“.

Außer Acht gelassen wird jedoch der Kontext. Für Schleiermacher kann die Sinnbestimmung der grammatischen Interpretation nur zielführend sein, wenn die sprachlichen Gegebenheiten der Zeit des Verfassers berücksichtigt und in die Interpretation mit eingebunden werden. Für Schleiermacher kann dies nur erfolgen, wenn man sich einen allgemeinen Überblick über die ganze Schrift verschafft (Vgl. HK, S. 102) und die Betonung des historischen Momentes der Sprachentwicklung berücksichtigt:

„es [kommt] vor allem darauf an […] zu wissen, welcher Sprachgehalt dem gegenwärtig gewesen ist, der das Wort gebraucht, ob ein neuer oder alter Gebrauch. Beides ist verschieden. Denn ein Ausdruck, dessen ich mir als eines neuen bewusst bin, der hat […] einen Farbton ganz anderer Art, als dessen ich mich als eines abgegriffenen Zeichens bediene.“ (HK, S. 109)

Der Überblick über die gesamte Schrift ist bei „Vor dem Gesetz“ schnell erfasst, wenn davon auszugehen ist, dass die Erstveröffentlichung in der jüdischen Wochenschrift „Selbstwehr“ gemeint ist. Den Gesamtkontext des Romans „Der Prozeß“ lässt Witte an dieser Stelle aus.

Die größere Problematik bei einem hermeneutischen Zugang nach Schleiermacher stellt jedoch das außer Acht lassen der zeithistorischen Eigentümlichkeiten der Sprache Kafkas dar. Interessant sind diese sprachlichen Eigenheiten bei Kafka vor allem auf Grund seiner Zweisprachigkeit und sein Aufwachsen in der Vielvölkerstadt Prag.[14]

Auch der objektiv divinatorische Aspekt der grammatischen Interpretation bleibt unberücksichtigt. Einhergehend mit den zeitgeschichtlichen Eigentümlichkeiten von Kafkas Sprache beachtet Witte auch die Innovationskraft des Textes nicht. Um die grammatische Interpretation nach Schleiermacher zu vervollständigen, gilt es zu untersuchen, ob der Text, „auch in der Zukunft selbst das Sprachsystem mitprägen könnte, weil er eine völlig neue, aus dem überkommenen System nicht ableitbare Realisation der Sprache ist.“[15]

[...]


[1] Neumann, Gerhard: Franz Kafka. Experte der Macht. München 2012, S. 119

[2] Vgl. Kafka, Franz: Der Proceß. Frankfurt 2009,226 - 227

[3] Witte, Bernd: Das Gericht, das Gesetz, die Schrift. Über die Grenzen der Hermeneutik am Beispiel von Kafkas Türhüter – Legende. In: Bogdal, Klaus – Michael (Hrsg.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Opladen 1993, S. 94

[4] Richard, Jayne: Erkenntnis und Transzendenz. Zur Hermeneutik literarischer Texte am Beispiel von Kafkas „Forschungen eines Hundes“. München, 1983

[5] Vgl. Schleiermacher, F.D.E.: Hermeneutik und Kritik. Frankfurt 1977, im Folgenden im Haupttext zitiert als HK

[6] Vgl. Witte, Bernd: Das Gericht, das Gesetz, die Schrift. Über die Grenzen der Hermeneutik am Beispiel von Kafkas Türhüter - Legende. In: Bogdal, Klaus – Michael (Hrsg.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen von Kafkas ‚Vor dem Gesetz‘. Opladen 1993, S. 97

[7] Rössler, Beate: Die Theorie des Verstehens in Sprachanalyse und Hermeneutik. Untersuchungen am Beispiel M. Dummetts und F.D.E. Schleiermachers. Berlin 1990, S. 188

[8] Gadamer, Hans – Geog: Wer bin Ich und wer bist Du? Kommentar zu Celans Atemkristall. Frankfurt 1973, S. 131

[9] Witte, Bernd: Das Gericht, das Gesetz, die Schrift. Über die Grenzen der Hermeneutik am Beispiel von Kafkas Türhüter - Legende. In: Bogdal, Klaus – Michael (Hrsg.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen von Kafkas ‚Vor dem Gesetz‘. Opladen 1993, S. 95

[10] Witte, Bernd: Das Gericht, das Gesetz, die Schrift. Über die Grenzen der Hermeneutik am Beispiel von Kafkas Türhüter - Legende. In: Bogdal, Klaus – Michael (Hrsg.): Neue Literaturtheorien in der Praxis. Textanalysen von Kafkas ‚Vor dem Gesetz‘. Opladen 1993, S. 96

[11] Kafka, Franz: Der Proceß. Frankfurt 2009, S. 227

[12] Vgl. ebd. S.98

[13] Henel, Ingeborg: Die Türhüterlegende und ihre Bedeutung für Kafkas Prozeß. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 37, 1963, S. 50

[14] Siehe hierzu beispielsweise: Stör, Ingrid: Franz Kafkas deutsch – tschechische Zweisprachigkeit im Prager schulischen Kontext. In: Becher, Peter (Hrsg.): Kafka und Prag. Literatur-,kultur-,sozial- und sprachhistorischer Kontexte. Wien, 2012

[15] Rieger, Reinhold: Interpretation und Wissen: Zur philosophischen Begründung der Hermeneutik bei Friedrich Schleiermacher und ihrem geschichtlichen Hintergrund. Berlin 1988, S. 331

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Details

Titel
Grenzen und Chancen der hermeneutischen Auslegung nach Schleiermacher. Paradigmatische Darstellung anhand Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
20
Katalognummer
V336561
ISBN (eBook)
9783668263451
ISBN (Buch)
9783668263468
Dateigröße
1101 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hermeneutik, Kafka, Schleiermacher, Vor dem Gesetz, Deutung, Literatur, Interpretation
Arbeit zitieren
Tanja Kühnle (Autor), 2015, Grenzen und Chancen der hermeneutischen Auslegung nach Schleiermacher. Paradigmatische Darstellung anhand Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336561

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