Person in der Zeit. Identifikationsprozesse in Urs Widmers 'Der blaue Siphon'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

29 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

I EINLEITUNG

II HAUPTTEIL
1. Pointierte Beschreibung der Strukturen in der Erzählung „Der blaue Siphon“
1.1. Der Titel
1.2. Die filmischen Einflechtungen
1.3. Kriege: Der Zweite Weltkrieg, Hiroshima und der Golfkrieg
2. Biographische Parallelen zwischen Werk und Autor
3. Die Verwendung von und Mythen in Widmers Erzählung
4. Der Prozess des Schreibens

III ZUSAMMENFASSUNG – FAZIT

IV LITERATURNACHWEIS

V ERKLÄRUNG

I. EINLEITUNG

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem 1992 erschienenem Roman „Der blaue Siphon“[1] des schweizer Autors Urs Widmer.

Das Werk soll aus verschiedenen Blickwinkeln und Motivperspektiven näher erläutert werden. Zudem soll eine genauere pointierte Betrachtung der Struktur der Erzählung und der in ihr dargestellten Historie und Gegenwart durchgeführt werden.

Widmers Eigenarten als Schriftsteller sollen zum Ausdruck gebracht werden. Ebenso wie die immer wiederkehrenden Metaphern und Mythen deren Bedeutung die Haltung des Erzählers gegenüber der Gesellschaft und der weltpolitischen Lage verdeutlichen. So soll gezeigt werden, was der Prozess des Schreibens für die Protagonisten in Widmers Erzählungen für einen Stellenwert einnimmt. Auch eine gewisse pessimistische Weltsicht, die durch die Erwähnung von Kriegsszenarien in Widmers Erzählung eindeutig hervortritt, ist Gegenstand der Untersuchung. Die Geschichtsdarstellung, die Thema des im Wintersemesters abgehaltenen Seminars war, zu dem diese Arbeit angefertigt wird, erfolgt im blauen Siphon durch eine Zeitreise des Protagonisten in seine Kindheit zurück. Somit ist er in der einmaligen Lage, seine Kindheit aus der Perspektive des Erwachsenen und sein späteres Erwachsenenleben aus der Sichtweise des Kindes zu betrachten. Zwar gelingt letzteres nicht mit der Vorerfahrung, die dem Erwachsenen zu eigen ist, da der Junge seine Zukunft nicht erkennen kann, aufgrund der Tatsache, dass er sie noch nicht durchlebt hat, jedoch sind aus zahlreichen Verhaltensweisen und Anspielungen des Jungen auch Stellungnahmen zu seiner zukünftigen Umwelt und Situation zu erkennen, die es in den Gesamtzusammenhang der Erzählung einzuordnen gilt.

Da zu diesem widmerschen Werk wenig Sekundärliteratur verfügbar ist, wurde die Methode des „close readings“ herangezogen. Somit sollen auf dem Wege einer genauen Betrachtung des Werkes und des Autors selbst Rückschlüsse auf dessen Inhalt, die Aussage und Bedeutung gezogen werden. Wo immer möglich sollen diese Rückschlüsse und Interpretationen durch Textbelege, die wenige vorhandene Sekundärliteratur und Aussagen des Autors aus anderen Werken und aus Lebensdaten belegt werden, um die getroffenen Aussagen zu unterstützen. Eine der wichtigsten Quellen stellt hierbei das 1995 erschiene Werk „Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten und andere Überlegungen zur Literatur“[2] dar, da Widmer hier anhand seiner 1991 gehaltenen „Grazer Poetikvorlesungen“ ohne großen Pathos sein Verständnis von „Literatur schaffen“ und „Literatur konsumieren“ darstellt. Die gesammelten Ergebnisse das Selbstverständnis Widmers als Autor und Rezipient von Literatur betreffend, sollen dann Rückschlüsse auf den Inhalt und die Bedeutung des Primärtextes ermöglichen.

II HAUPTTEIL

II.1. Pointierte Beschreibung der Strukturen in der Erzählung „Der blaue Siphon“

Das inhaltlich zentrale Thema dieser 1992 erstmals erschienen Erzählung des Schweizers Urs Widmer besteht in einer doppelten Zeitreise.

Im ersten Kapitel berichtet der Ich-Erzähler aus der Erzählgegenwart des Golfkriegswinters. Räumlich befindet er sich zunächst in Zürich, wird jedoch, nach einem Kinobesuch, der als Zeitreise anzusehen ist, in das Basel zur Zeit des Zweiten Weltkrieges versetzt. (1941)

Das zweite Kapitel schildert die parallel verlaufende Zeitreise, in der der 1941 erst dreijährige Erzähler in die frühen Neunziger Jahre (also die Ausgangssituation) von Basel, der Stätte seiner Kindheit, nach Zürich versetzt wird.

Ein Kino, in dem jedes Mal Filme laufen, die von Tod und Verlust gekennzeichnet sind, funktioniert in der Erzählung wie eine Pforte, welche den Zugang zu den verschiedenen Welten öffnet.

Der erwachsene Zeitreisende trifft im ersten Kapitel seine Zukünftige und seine, paradoxer Weise jüngeren Eltern, die gerade auf der Suche nach ihrem verschwundenen dreijährigen Sohn sind, der von einem Kinobesuch nicht zurückgekehrt ist.

Der Dreijährige führt während seiner parallel verlaufenden Zeitreise ins Zürich der Neunziger ein Gespräch mit seiner späteren Tochter über deren Familie.

Dem erwachsenen wie dem dreijährigen Zeitreisenden gelingt am Ende die Rückkehr in ihre normalen Lebensbereiche durch erneute Kinobesuche.

II.1.1. Der Titel

Nähert man sich einem Roman oder einer Erzählung, sind zunächst erste Eindrücke über den Autor, aber auch Assoziationen bezüglich des Werktitels ausschlaggebend für eine Erwartungshaltung gegenüber der Erzählung.

Im konkreten Fall lautet der Autor Urs Widmer, auf den wir an anderer Stelle dieser Arbeit noch genauer zu sprechen kommen werden. Der Titel seiner Erzählung lautet „Der blaue Siphon“.

Im Allgemeinen stellt der Titel einer Erzählung stets in besonders komprimierter Weise einen Bezugspunkt oder Gegenstand der Erzählung dar, der für den Inhalt derselben besonders bedeutungsvoll erscheint oder gar ein Auslöser für einen Konflikt oder dessen Lösung ist. Hier tituliert Widmer seine Erzählung mittels eines blauen, gläsernen Trinkwassersprudlers, der, mit Kohlensäurepatronen bestückt, aus herkömmlichem Leitungswasser kohlensäurehaltiges Tafelwasser herstellt. Diese zweigeteilte, zunächst recht rätselhafte Wortgruppierung nimmt innerhalb der Erzählung sowohl die Funktion eines Auslösers, als auch die eines direkten, immer wiederkehrenden Symbols ein.

Als Auslösendes Moment taucht der blaue Siphon gleich zu Beginn der Erzählung auf, indem der Ich-Erzähler dem Leser von seinem Traum[3] berichtet, der ihm Nachts zuvor widerfahren ist. Innerhalb dieses Traums, der abstrakt von einem „Menschengewimmel“[4], von „Schreie(n)“[5] erzählt, erscheint dem Ich-Erzähler aus einem „diffusen Nichts“[6] heraus, erhöht auf einem Altar besagte Siphonflasche, die in einem wundersamen blau leuchtet und im Innern „Regenbogenfarbblitze“[7] erzeugt. Der träumende Erzähler nimmt diese Flasche, durch seine Beschreibung bekräftigt, als ein „Wunder“[8] wahr. Auffällig an dieser Konstellation sind die Gegensätze innerhalb des knapp beschriebenen Traums. Zunächst ist von „Menschengewimmel“ und von „Schreie(n)“ die Rede, der Erzähler vermutet sich in einem „diffusen Nichts“. – Diese, alle samt negativ konnotierten Beschreibungen des Traumes, stehen im Gegensatz zu der darauf folgenden Erscheinung des Siphons. Die Flasche erscheint erhöht auf einem „unsichtbaren Altar“[9], leuchtet in einem freundlichen Blau und funkelt in den Farben des Regenbogens. Hier wird ein Gegensatz zwischen erschreckenden und wundersam – schönen Traumbildern erkennbar. Innerhalb dieses Traumes liegen also Gutes und Schlechtes eng beieinander. Diese Erkenntnis stellt dann auch einen der zentralen Aspekte der Erzählung dar. An dieser Stelle, also gleich zu Beginn der Erzählung, symbolisiert diese Traumerscheinung des Siphons bereits eine Art Auslöser für eine Sichtweise, die dem Ich – Erzähler im Folgenden zu eigen gemacht wird.

Die Technik und die Bedienung eines Siphons sind für die Symbolisierung der Erkenntnis, dass es auf der Welt immer Gutes und Böses, Erfreuliches wie Beschwerliches, Glück und Elend geben wird, durchaus geeignet, auch wenn der erste Eindruck diesbezüglich verwirrend sein mag.

Betrachtet man die Funktionsweise eines Siphons genauer, so stellt man fest, dass ein Siphon in der Lage ist, aus einem ruhigen Element, nämlich dem Wasser, ein belebtes Element zu machen. Das zunächst ruhige Wasser verbindet sich unter Druck mit dem belebenden Element der Kohlensäure, welches aus dem stillen Wasser ein sprudelndes Getränk herstellt. Wasser und Kohlensäure, die sich im Siphon ineinander auflösen, eine Verbindung eingehen, stehen für Flaute und Orkan, für Ruhe und Aufregung, schaffen aber durch ihre Symbiose etwas Neues, etwas Belebtes.

Hieraus lassen sich Rückschlüsse auf die Erzählung ziehen. Wasser und Kohlensäure können Elemente sein, die für die „Eigenschaften von zwei unterschiedlichen Menschen von unterschiedlichem Temperament und Charakter stehen.“[10] Auf die Erzählung bezogen ist dieser ambivalente Zusammenhang dann recht eindeutig an dem erwachsenen Ich-Erzähler und dem Ich- Erzähler als Kind festzumachen, die ja im Grunde genommen eine Person, also im übertragenen Sinne die Symbiose von zwei unterschiedlichen menschlichen Lebensverhältnissen bzw. Zuständen darstellen – ebenso wie Wasser und Kohlensäure.

Im Titel kommt neben dem Begriff des Siphons auch die Farbe Blau vor. Blau ist die Farbe des Himmels, ebenso aber auch die Farbe des Meeres, welches das Blau des Himmels widerspiegelt. Demzufolge assoziiert der Leser mit der Farbe Blau ein Gefühl von Weite – die Weite des Ozeans, die unendliche Weite des Himmels. So weckt eine als blau beschriebene Trinkwasserflasche wiederum die Assoziation eines Gegensatzes von der durch die Farbe Blau symbolisierten Weite einerseits und der Einengung des Wassers durch das Gefäß und den Druck der Kohlensäure andererseits.

Der Titel des Buches beinhaltet demzufolge eine Vorausdeutung auf eine mögliche Interpretation des Inhalts in Form eines symbolischen Traums. An dieser Stelle wird in Bezug auf die Farbe Blau und den Traum eine Parallele zur „blauen Blume“ deutlich. Auch im „Heinrich von Ofterdingen“ (Novalis) erfährt der Dichter, vorausgedeutet durch den Traum von einer blauen Blume, die Erweckung zum Dichtersänger. Seit dieser Zeit steht die blaue Blume als ein Symbol für die romantische Poesie.[11]

Der blaue Siphon steht demnach einerseits symbolisch für die Symbiose zweier Gegensätze, die nebeneinander existieren können, wie z.B. das Gute und das Böse, das Glück und das Unglück oder auch Krieg und Alltag. Andererseits steht das Auftreten dieser Symbolik an diversen Stellen des Buches –gleich der Funktion der blauen Blume- als Zeichen für die Zeitreise des Erzählers in seine Vergangenheit.

[...]


[1] Widmer, Urs „Der blaue Siphon“, Zürich 1994.

[2] Widmer, Urs „ Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten - und andere Überlegungen zur Literatur. Grazer Poetikvorlesungen“, Zürich 1995.

[3] Widmer, Urs - „Der blaue Siphon“. Zürich 1994. (S.1).

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] Widmer, Urs, 1994. (S.1).

[7] ebd.

[8] ebd.

[9] ebd.

[10] Widmer, Urs – „Eine Spur im Sand hinterlassen“. In: Hotz, K. (Hrsg.) „Der blaue Siphon – Text und Kommentar“. Reihe: Buchners Schulbibliothek, erarbeitet von Benner, A. L. 1. Auflage, Bamberg 2002. (S.57).

[11] Rothmann, Kurt - „Kleine Geschichte der deutschen Literatur“. 17. Auflage, Stuttgart 2001. (S.30 A, 31, 141).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Person in der Zeit. Identifikationsprozesse in Urs Widmers 'Der blaue Siphon'
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Erzählte Geschichte in Literatur und Film
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
29
Katalognummer
V33660
ISBN (eBook)
9783638340830
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hauptseminararbeit - bestanden. Die Arbeit befasst sich mit dem Werk "Der Blaue Siphon" des schweizer Autors Urs Widmer zu dem es bislang recht wenig Sekundärliteratur gibt. Die Behandlungen der Themen bezieht erfolgte in der Methode des close readings und beruft sich auf zahlreiche andere Werke Widmers.
Schlagworte
Person, Zeit, Identifikationsprozesse, Widmers, Siphon, Erzählte, Geschichte, Literatur, Film
Arbeit zitieren
Tobias Südkamp (Autor), 2004, Person in der Zeit. Identifikationsprozesse in Urs Widmers 'Der blaue Siphon', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33660

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