Frauenbild und rousseausche Tugend in der "Geschichte des Fräulein von Sternheim" von Sophie von La Roche


Hausarbeit, 2016

31 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Forschungsstand zu Sophie von La Roche

3. Die „klassische“ Frau - Rousseaus Erziehungsroman Emile, Geschlechtscharaktertheorie, neue Ansätze und Tugendbegriff bei Rousseau

4. Sophie von La Roche – Der Beginn weiblicher Emanzipation auf dem literarischen Markt in Deutschland
4.1 Biographischer Abriss
4.2 Literarisches Schaffen

5. Der Briefroman „Die Geschichte des Fräulein von Sternheim“
5.1 Die Darstellung weiblicher Tugend im Roman „Die Geschichte des Fräulein von Sternheim“
5.2 Sophie von La Roches Frauenbild im Sternheim-Roman

6. Schlussfolgerungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Sophie von La Roches Roman Die Geschichte des Fräulein von Sternheim entstand in einer Zeit, in der Frauen aufgrund ihres Geschlechts als „gefühlvoll“ und „empfindsam“ charakterisiert und idealisiert wurden. Die Dichotomie Mann gleich Vernunft und Frau gleich Gefühl, wurde im 18. Jahrhundert von Philosophen und Literaten, wie beispielsweise Herder, Fichte und Kant thematisiert. Der Hauptzweck dieser moralisch und didaktischen Thematisierung ist die Befürwortung und Erhaltung der patriarchalisch geprägten Familie.

Ein bekanntes Erziehungswerk des 18. Jahrhunderts war Jean-Jacques Rousseaus pädagogisches Hauptwerk Emile oder über die Erziehung in dem er in vier Büchern die Erziehung eines Jungen beschreibt. Erst das fünfte Buch handelt von der Frau, die Emile heiraten soll und zeigt Rousseaus Vorstellung der Geschlechtscharaktere auf. Die Erziehung des Menschen teilt er dabei in vier Phasen: Kindheit (Alter der Natur), Knabenalter (Alter der Stärke), Vorpubertät (Alter der Vernunft) und die Pubertät (Alter der Einsicht). Für seinen Zögling Emile lässt er keinen anderen Lehrer gelten als die Natur, die im Gegensatz zum zivilisierten Großstadtmenschen den reinen, edlen Charakter hervorbringt. In pädagogischer Hinsicht ist mit Rousseaus Naturbegriff außerdem die Lehrmeinung Rousseaus verbunden, dass der Mensch seinem Reifegrad entsprechend erzogen werden soll. Die Natur des Menschen entwickelt sich in unterschiedlichen Formen, auf die entsprechend mit unterschiedlichem erzieherischen Handeln geantwortet werden müsse. Dem entsprechend nimmt Rousseau auch in der Erziehung von männlichen und weiblichen Kindern unterschiedliche erzieherische Maßnahmen und Voraussetzungen an.

Die Erfahrung ist für ihn ein besserer Lehrmeister als die Philosophie: "Haltet eurem Zögling keine weisen Reden, er muss durch Erfahrung klug werden".

Auch Moral und Tugend sind für das Kind nicht geeignet. Erst der jugendliche Emile lernt sie kennen. Moral und Tugend sind bei Rousseau angeborene Tugenden, die sich jedoch erst im Laufe des Lebens weiter ausbilden und gefördert werden müssen. Sein Erziehungsansatz geht davon aus, dass der Mensch ein in sich autarkes Wesen ist, der erst durch äußere Einflüsse Schaden nehmen kann und von der Gesellschaft zu moralischem Fehlverhalten verleitet wird. Emile soll zu einer freien, starken Person heranwachsen um in der Zivilisation keinen Schaden zu erleiden. Vorrausetzungen dafür sind die Erfahrung frei zu sein und dadurch den eigenen Willen zu stärken und kennenzulernen. Dieser starke Wille führt zu einem Tugendverständnis das für das Allgemeinwohl der Gesellschaft zuträglich ist.

Ausgehend von der Frage nach Darstellung des Tugendbegriffs im Roman und Frauenbild Rousseaus werde ich einführend seine Theorien, sowie den sozialen und kulturellen Kontext in dem der Roman entstand, skizzieren.

In diesem Zusammenhang werde ich auch Rousseaus Roman Julie ou La nouvelle Heloise und Samuel Richardsons Clarissa, or the History of a Young Lady die in etwa zur gleichen Zeit entstanden sind, und verschiedentlich mit La Roches Geschichte des Fräulein von Sternheim verglichen wurden, miteinander in Bezug setzen. Im folgenden Kapitel werden dann die rousseauischen Begriffe, vorwiegend sein Tugendbegriff auf den Roman und die Protagonistin angewandt.

Davor, werde ich kurz auf die Biografie der Autorin und ihren schriftstellerischen Werdegang eingehen.

Das Hauptaugenmerk meiner Arbeit liegt auf den genderthematisch beeinflussten Fragen, nach Sophie La Roches Darstellung der weiblichen Protagonistinnen und welche Parallelen dabei zu ihrem Leben zu finden sind.

Ich werde den Roman mit Rousseaus Charakter- und Erziehungstheorien und der sozialen und kulturellen Ausgangssituation des 18. Jahrhunderts vergleichen, in der der Roman handelt. Bei der Untersuchung der genannten Fragestellungen beziehe ich mich, neben Sophie von La Roches und Jean-Jacques Rousseaus Werken, maßgeblich auf Barbara Becker- Cantarino[1] und ihre Untersuchungen zu Sophie von La Roche, sowie auf die Arbeit von Gudrun Loster- Schneider[2]

2. Forschungsstand zu Sophie von La Roche

Sophie von La Roche ist in der Literaturgeschichte als die Freundin Christoph Martin Wielands[3],„Großmutter der Brentanos“[4] und als erste deutsche Frauenschriftstellerin verortet. Besonders hat sich die literaturwissenschaftliche Genderforschung mit ihr als Frau und Schriftstellerin befasst. Ihr Erstlingswerk die Geschichte des Fräulein von Sternheim erfuhr schon zu ihren Lebzeiten mehrere Neuauflagen.

Eine der ersten Arbeiten, die sich mit Sophie von La Roche beschäftigen ist die Studie von Ludmilla Assing im Jahr 1859. Wie schon der Titel der Arbeit andeutet: Sophie von La Roche, die Freundin Wielands [5] setzt sie sich primär mit Sophie von La Roche in ihrer Beziehung zu Christoph Martin Wieland auseinander und weniger mit La Roche als einer selbstständigen Autorin.

Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts untersuchten einige Arbeiten den Ansatz von Ludmilla Assing weiter. Insbesondere ist hier Werner Milchs 1935 erschienenes Buch Sophie von La Roche. Die Großmutter der Brentanos zu nennen[6], zu nennen. In allen bisherigen Arbeiten wird von Sophie von La Roche, als Bild der Verlobten Wielands, Freundin Goethes und Großmutter der Brentanos gezeichnet.

Ihre Rolle als eigenständige Schriftstellerin wird erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts näher untersucht. Obwohl hier das grundlegende Werk von Christine Touaillons Der deutsche Frauenroman des 18. Jahrhunderts [7] zu erwähnen ist, die sich bereits 1919 mit den Werken deutscher Autorinnen auseinandersetzte. Es gab bereits im Jahr 1911 erste wissenschaftliche Interpretationen zu den Werken Sophie von La Roche. Dabei untersuchen Erich Schmidt, Kuno Ridderhoff und Wilhelm Spickernagel Sophie von La Roches Leben und Werk ausschließlich in Abhängigkeit zu den Werken von Samuel Richardson, Jean-Jacques Rousseau und Johann Wolfgang von Goethe.[8]

In den 1960er Jahren gerät Sophie von La Roches Werk erneut in den Blickpunkt wissenschaftlicher Auseinandersetzung, die sich verstärkt mit der Rolle der Frau in Literatur und Gesellschaft des 18. Jahrhunderts beschäftigt. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang der sozialgeschichtliche Ansatz von Barbara Becker- Cantarino und der kulturgeschichtliche Ansatz von Silvia Bovenschen zu nennen[9]. Einige Untersuchungen neueren Datums betrachten La Roches Werk unter den Aspekten der weiblichen Autorschaft. Zu nennen sind erstens Colette Cramoisys Dissertation, die sich mit dem Leitmotiv der Reise im Werk von La Roche auseinandersetzt.[10] Auch sind einige amerikanische Dissertationen erwähnenswert, wie Sally A. Winkles Woman as Bourgeois Ideal. A Study of Sophie von La Roche´s „Geschichte des Fräulein von Sternheim“ and Goethe´s „Werther“ [11] und Christa Baguss Britts Sophie von La Roche´s Sternheim.[12]

Studien aus neuerer Zeit untersuchen das Werk von Sophie von La Roche aus einem wissenschaftlich ergiebigeren Blickwinkel und bietet damit einen neuen Erkenntnisgewinn über das Leben und Werk der Autorin. Hier vor allem Dana Kestners Zwischen Verstand und Gefühl. Romanheldinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, die in ihrer Arbeit Samuel Richardsons Clarissa, Rousseaus Julie ou La nouvelle Heloise [13] und Sophie von La Roches Sternheim- Roman unter Berücksichtigung des sozialen und literarischen Kontextes auf die Rolle der Frau, ihren Status als Verführte und/oder als tugendhafte Heldin in den jeweiligen Romanen untersucht.[14]

Für die hier untersuchte Fragestellung nach der Darstellung des rousseauistischen Tugendbegriffs in der Geschichte des Fräulein von Sternheim beziehe ich mich maßgeblich auf Jutta Osinskis Aufsatz, der sich dem Roman mit Blick auf ein vorfreudianisches Menschen- und Weltbild im Sinne Rousseaus nähert und Rousseaus Gewissenskonzeption in den Mittelpunkt rückt.[15]

3. Die „klassische“ Frau - Rousseaus Erziehungsroman Emile, Geschlechtscharaktertheorie, neue Ansätze und Tugendbegriff bei Rousseau

„Bisher habe ich die Menschen nicht nach Stand, Rang und Glücksgütern unterschieden und ich werde es auch in Zukunft nicht tun, weil der Mensch in jedem Stand Mensch ist“ schrieb Jean-Jacques Rousseau in seiner Erziehungsschrift „ Emile“. Zwar unterscheidet er den Mensch nicht nach diesen drei oben genannten Kategorien, jedoch macht er eine Unterscheidung in der Erziehung. Für Rousseau gibt es drei Erzieher: die Natur, die Menschen und die Dinge: „Die Natur entwickelt unsere Fähigkeiten und unsere Kräfte, die Menschen lehren uns den Gebrauch dieser Fähigkeiten und Kräfte. Die Dinge aber erziehen uns durch die Erfahrung, die wir mit ihnen machen, und durch die Anschauung.“[16] Idealerweise ergänzen sich alle drei in harmonischer Weise. Dabei führt Rousseau als einer der ersten eine Geschlechtertheorie aus, die entscheidend zum stereotypischen Bild der „empfindsamen“ Frau beigetragen hat. Rousseau widmet sich in seinen Ausführungen vor allem der Erziehung Emiles und die Erziehung des Mädchens Sophie wird erst im fünften Buch behandelt. Es stellt sich dir Frage ob in dieser Tatsache schon eine Ungleichheit der Geschlechter auszumachen ist.In dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Garbe und Jacobi sprechen sich für eine nicht-feministische Interpretation der Erziehung Sophies im Emile, da sie durch ihre Rolle als Ehefrau und Mutter in einer Machtposition ist. Steinbrügge kommt zum dem Schluss, dass dem Frauenbild Rousseau mehr zugetraut werden kann und folgert, dass Frauen als moralisches Geschlecht bezeichnet werden sollten. Priem, die Rousseaus Weiblichkeitsideal anhand seiner Briefe an Frauen vorwiegend positiv interpretiert, kommt zu der Schlussfolgerung eine Relativierung der Unterdrückungshypothese ist angebracht. Garbe, Schmid und Jacobi schreiben sogar von einem umgekehrten Machtverhältnis der Geschlechter, wobei die Frau die dominante Position einnimmt. Die These einer Gleichheit zwischen den Geschlechter oder widerspricht wissenschaftlichen Arbeiten und Diskussionen, die im Verlaufe der letzten Jahrzehnte aufkamen. Bovenschen betrachtet Sophies Erziehung im Emile als eine Erziehung zur Ungleichheit, was sie in ihrer Untersuchung Die imaginierte Weiblichkeit mit diversen Textstellen aus dem Emile belegt. Wie zum Beispiel, dass sich die Frau dem Mann unterzuordnen hat, sie lediglich eine Ergänzung für ihn ist und ihre Erziehung erst Thema wird, wenn Emile sie als Frau aussucht. Die ideologiekritischen Vertreterinnen de Fontenay und Schaeffer-Hegel belegen in ihren Arbeiten, dass Rousseau Frauen aus seinen Emanzipationsgedanken ausgeschlossen hat und auch Alder kritisiert, dass Rousseaus seinen Naturbegriff nicht auf die Konstruktion der Weiblichkeit angewendet hat. Bennet argumentiert in diesem Sinn, dass Rousseau in seiner Erziehungsschrift einen Weiblichkeitsentwurf konstruierte, der dazu dient den Mann zu ergänzen. Koffmann deutet Rousseaus ungleiches Geschlechtermodel aus biografisch- psychologischer Sicht als Distanzierungsversuch zu seiner eigenen Mutter. Auch Prokop argumentiert in diese Richtung. Sie vertritt die Ansicht, dass Rousseau, um sich seiner Männlichkeit bewusst zu machen, sich in ein Oppositionsverhältnis zu Frauen setzt.

Rousseaus Kulturphilosophie und Geschlechterideologie, insbesondere seine psychologische Konzeption der Frau und ihrer Rolle in der Gesellschaft, lassen sich dabei besonders an seinem Erziehungswerks Emile ou de l`education und seinem Roman Julie ou La Nouvelle Heloise nachvollziehen. In vier Bänden wird die Entwicklung des Menschen „vom Naturzustand zum gesellschaftlich-sittlichen Wesen der Gesellschaft unter dem Prinzip der natürlichen Erziehung, der Entwicklung seiner Fähigkeiten (dem Weg von der Eigenliebe zur Nächstenliebe) von Rousseau thematisiert“[17]. Dabei fällt dem Mann die aktive, starke Rolle zu und der Frau die passive, schwache und dem Willen und der Führung des Mannes unterworfenen Frau zu.

Die Rolle der Frau in der Gesellschaft und in der Ehe beschränkt sich auf die der sittlich-tugendhaften Gattin und Hausfrau. Selbstvervollkommnung und individuelle Freiheiten stehen nur dem Mann zu. Ein Recht auf Bildung spricht Rousseau Frauen nur in dem Maße zu, wie es für den Mann und Gatten von Vorteil gereicht. Frauen sollen erziehen und unterhalten, weibliche erstrebenswerte Fähigkeiten sind nach Rousseaus Verständnis Sanftmut, Geschicklichkeit und Nachgiebigkeit.

Daneben finden sich bei Rousseau aber auch die Ansätze einer neuen Moralvorstellung, die kein anderes Gesetz über sich anerkennt, als das Gesetz der Natur und keiner anderen Instanz. Seinen Neigungen zu folgen gilt als neue Moral. Bei Rousseau gilt diese Selbstverwirklichung allerdings nur für den Mann. La Roche erweitert seine Vorstellungen auf ihre weibliche Protagonistin, die ihre Liebe frei wählt und ihrem Herzen bzw. ihren Tugendvorstellungen folgt, sich treu bleibt und sich das Recht auf Liebes- und Glückserfüllung nicht versagt. Dies war in der Tat eine revolutionäre und innovative Einstellung für eine Frau des 18. Jahrhundert, in dem Konvenienzehen in der bürgerlichen und adeligen Gesellschaft die Norm waren. Im Sternheim-Roman wählen sowohl die adelige Mutter der Heldin Sophie, wie auch sie selbst die Liebesheirat und stellen so die eigenen Werte über die der adeligen Gesellschaftsordnung, die vorsieht das nach Stand geheiratet werden soll.

Rousseaus sieben pädagogischen Zielsetzungen aus dem Emile werden im Sternheim-Roman durch die Heldin umgesetzt. Diese pädagogischen Zielsetzungen sind richten sich danach den Eigenwert des Kindes anerkennen und ihm seine Kindheit zugestehen: „Man muss den Erwachsenen als Erwachsenen und das Kind als Kind betrachten. Das Kind ist mehr „Natur“ als der Erwachsene, da es noch im Wachstum ist. Ab dem zwölften Lebensjahr ist das Kind in der Lage seinen Verstand für die Natur zu öffnen und erst ab da sollen Moralvorstellungen an es herangetragen werde: „Man darf das Kind nicht in der Tugend und in der Wahrheit unterweisen, sondern sie muss das Herz vor Lastern und den Verstand vor Irrtümern bewahren“. La Roche lässt ihre Sophie von Sternheim auf dem Land aufwachsen. Erziehungsfunktion haben, wie im Emile, vor allem der männliche Erzieher und die Natur, die Sophie durch die Notwendigkeit der Dinge an Moral und Tugend heranführen und sie zu einem freien und tugendhaften Menschen werden lassen. Ganz im Sinne Rousseau spart La Roche im ganzen Roman das Thema Sexualität fast vollständig aus. Es ist zwar viel von Empfindungen und Leidenschaften die Rede, doch gibt es keine einzige Schilderung körperlicher Leidenschaft.

Sophie von La Roches pädagogische und didaktische Zielsetzung, Frauen und jungen Mädchen ein Bildungsangebot machen zu können, das nicht auf den Erwerb von Lese- und Schreibfertigkeiten beschränkt ist, findet sich in mehreren Stellen des Roman ausführlich erläutert. So lässt sie in einem Brief des als Madam Leidens auftretenden Fräulein von Sternheim an ihre Freundin Emilie die Schilderung einer Unterredung mit Frau von C. Revue passieren, die Madam Leidens um einen Plan oder ein Buch bittet, wie sie ihrer Wohltätigkeit am besten Ausdruck verleihen könne. Madam Leidens gibt ihr den Rat nicht starr nach der Ordnung eines Buches vorzugehen und sich der Erziehung junger Mädchen zu widmen:

„Nach der Ordnung eines Buchs zu verfahren, würde Sie und Ihre junge Freundinnen bald müde machen. Diese sind nach verschiedener Art erzogen; die Umstände der meisten Eltern leiden keine methodische Erziehung, und funfzehnjährige Mädchen […] gewöhnen sich nicht mehr daran. Sie sollen auch keine Schule halten; nur einen zufälligen abwechselnden Unterricht in dem Umgange mit dem jungen Frauenzimmer ausstreuen. Zum Beispiel :es klagte eine über den Schnee, der während der Zeit fiel, da sie bei Ihnen zum Besuch wäre, [...]so würden Sie fragen: ob sie nicht wissen möchte, woher der Schnee kömmt?- es kurz und deutlich erzählen, die Nutzbarkeit davon nach der weisen Absicht des Schöpfers anführen, sanft von der Unbilligkeit ihrer Klagen reden, und ihr mit einem muntern liebreichen Ton in dem heut unangenehmen Schnee nach etlichen Tagen das Vergnügen einer Schlittenfahrt zeigen. […] gestehen Sie Ihren jungen Leuten das Recht ein, diese Freude zu genießen, und setzen Sie mit einem zärtlichen rührenden Ton dazu: daß Sie aber Sorge haben würden den Schauplatz dieser Ergötzlichkeiten durch die Fackeln der Tugend, und des feinen Wohlstandes zu beleuchten“.[18]

Hier werden gleich mehrere von Rousseau übernommene Lehrmeinungen deutlich, die er im Emile aufzeigt: Es soll nicht durch Bücher, oder Reden gelehrt werden, sondern immer durch eigene Erfahrung. Der Erzieher soll weder zu streng , noch zu nachsichtig sein und durch eigenes Vorbild lehren und Kinder sollen ihrem Alter entsprechend erzogen werden was nach Rousseau unter anderem bedeutet, dass sie nicht zu früh lernen sollen was Vernunft bedeutet. Sie sollen selbst ihre Grenzen erfahren. Freiheit ist dabei das Erziehungsmittel. Rousseau sagt im Emile:„ Befehlt ihm nie und nichts, was es auch sein mag. (…) Er braucht nur zu wissen, dass er schwach ist und ihr stark seid, dass er also notwendigerweise von euch abhängig ist“.[19]

[...]


[1] Vgl. Barbara Becker - Cantarino : Meine Liebe zu Büchern. Sophie von La Roche als professionelle Schriftstellerin. Heidelberg: Winter 2008 u. Barbara Becker - Cantarino (Hg.): Die Frau von der Reformation zur Romantik. Die Situation der Frau vor dem Hintergrund der Literatur- und Sozialgeschichte. Bonn: Bouvier Verlag 1980.

[2] Vgl. Gudrun Loster- Schneider: Sophie von La Roche. Paradoxien weiblichen Schreibens im 18. Jahrhundert. Tübingen 1995.

[3] Vgl. Ludmilla Assing: Sophie von La Roche, die Freundin Wieland´s. Berlin 1859.

[4] Werner Milch: Sophie von La Roche. Die Großmutter der Brentanos. Frankfurt a. M. 1935.

[5] Ludmill Assing ebd..

[6] Werner Milch: Sophie von La Roche. Die Großmutter der Brentanos. Frankfurt a. M. 1935.

[7] Christine Touaillon: „ Der deutsche Frauenroman des 18. Jahrhunderts .Wien, Leipzig: 1919.

[8] Erich Schmidt: Richardson, Rousseau und Goethe. Jena:1924/ Kuno Ridderhoff: Sophie von La Roche, die Schülerin Richardsons und Rousseaus. Einbeck:1895/ Wilhelm Spickernagel: Die „ Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von Sophie von La Roche und Goethes „ Werther“. Greifwald: 1911.

[9] Barbar Becker- Cantarino: Der lange Weg zur Unmündigkeit: Frau und Literatur 1500-1800. Stuttgart: 1987 / Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. Frankfurt a.M.: 1979.

[10] Colette Cramoisy: Le theme du voyage dans l´oeuvre de Sophie von La Roche (1771.1807). Diss. Paris: 1975.

[11] Sally A. Winkle: Woman as Bourgeois Ideal. A Study of Sophie von La Roche´s „ Geschichte des Fräulein von Sternheim“ and Goethe´s „ Werther“. New York u.a. 1988.

[12] Christa Baguss Britt: Sophie von La Roche´s „ Sternheim“. A Translation and Comparative Study. Diss.Texas 1985.

[13] Jean-Jacques Rousseau: Julie ou La Nouvelle Heloise. Lettres de deux habitants dúne petite ville au pied des Alpes, hg. v. Michel Launy, Paris: Garnier-Flammarion 1967. Samuel Richardson: Clarissa, or the History of a Young Lady, hg. v. Angus Ross, Londonu. a. : Penguin 1985.

[14] Vgl. Dana Kestner: Zwischen Verstand und Gefühl. Romanheldinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Berlin/Boston: De Gruyter 2013.

[15] Jutta Osinski: Zum rousseauistischen Tugendbegriff in Sophie von La Roches Sternheim-Roman. In: „ Ach, wie wünschte ich mir Geld genug, um eine Professur zu stiften.“Sophie von La Roche im literarischen und kulturpolitischen Feld von Aufklärung und Empfindsamkeit. S.55-67. Hrsg. v. Gudrun Loster-Schneider. Tübingen: Francke 2010.

[16] Jean-Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. Paderborn 1978, S.10

[17] Vgl. Barbara Becker- Cantarino: Meine Liebe zu Büchern, S.100 f.

[18] Sophie von La Roche: Geschichte des Fräulein von Sternheim, S. 269.

[19] Jean-Jacques Rousseau: Emile ebd., S.70

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Frauenbild und rousseausche Tugend in der "Geschichte des Fräulein von Sternheim" von Sophie von La Roche
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V336679
ISBN (eBook)
9783668263772
ISBN (Buch)
9783668263789
Dateigröße
1374 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
L2, Rousseau, Sophie von La Roche, Literatur und Medien, Geschichte des Fräulein von Sternheim
Arbeit zitieren
Martina Lohe (Autor), 2016, Frauenbild und rousseausche Tugend in der "Geschichte des Fräulein von Sternheim" von Sophie von La Roche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336679

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