Wer-Identität und Alltagskonflikte von Schwulen

Theorie, Empirie und ein Vorschlag für ein Trainingskonzept für die Erwachsenenbildung von schwulen Männern


Masterarbeit, 2012

99 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Theorie schwuler Identität
1.1 Theoretische Überlegungen zur schwulen Identität
1.1.1 Queertheorie
1.1.2 Kritik
1.1.3 Identitätstheorie
1.1.4 Queer informierte Identitätstheorie
1.1.5 Grenzziehungen und der Begriff der Wer-Identität
1.2 Besonderheiten schwuler Wer-Identitäten
1.2.1 Sexualität und Männlichkeit
1.2.2 Coming-out
1.2.3 Szene
1.2.4 Beruf
1.2.5 Beziehung
1.2.6 Herkunftsfamilie
1.2.7 Eigene Familie und Kinderwunsch
1.3 Alltagskonflikte von Schwulen
1.4 Fazit

2. Empirie
2.1 Gesetzeslage zur Homosexualität in Partnerschaft, Familie, Beruf und zivilem Leben
2.1.1 Rechtsgrundlage für gleichgeschlechtliche Beziehungen
2.1.2 Gesetzeslage zum Kinderwunsch schwuler Männer und zur Regenbogenfamilie
2.1.3 Gleichbehandlung im Beruf und zivilem Leben: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG)
2.1.4 Zusammenfassung und Bewertung der gegenwärtigen Gesetzeslage
2.2 Empirische Ergebnisse: Zusammenfassung der eigenen qualitativen Forschung „Alltagskonflikte schwuler Männer“
2.2.1 Forschungsfrage und Methodik
2.2.2 Theoretische Prämissen
2.2.3 Ergebnisse
2.2.3.1 Beruf und Coming-out
2.2.3.2 Herkunftsfamilie
2.2.3.3 Familienumfeld
2.2.3.4 Eigener Kinderwunsch
2.2.3.5 Szene
2.2.3.6 Männlichkeit
2.2.3.7 Sexualität
2.2.3.8 Beziehung
2.2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
2.3 Fazit zur Empirie

3. Auswertung von Theorie und Empirie
3.1 Methodisches Vorgehen: Diskursanalyse nach Quentin Skinner
3.2 Vergleich
3.2.1 Gesetzeslage: § 175 als Ideologie kirchlicher Sexualmoral
3.2.2 Gegenideologie: Die Dekonstruktion von Männlichkeit und homophoben Vorurteilen
3.2.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Theorie und Empirie
3.2.4 Das Pendeln zwischen der Emanzipation von und der Identifikation mit dem heterosexuellen Aggressor
3.3 Fazit

4. Konzepterstellung: Vorschlag für eine wer-identitätsbildende Erwachsenenbildung von Schwulen
4.1 Thema des Trainingskonzepts
4.2 Ziele des Trainingskonzepts
4.3 Methoden: Berliner Modell, Themenzentrierte Interaktion und biografisches Arbeiten
4.4 Zielgruppe
4.5 Wer-Identität und Kommunikationsformen in der Gruppe
4.6 Ausarbeitung eines dreitägigen Trainings
4.6.1 Erster Seminartag: Anreise und Kennenlernen
4.6.2 Zweiter Seminartag: Fortsetzung
4.6.3 Dritter Seminartag: Abschluss und Abreise
4.7 Fazit zum Trainingskonzept

5. Conclusio

6. Schluss: Der Sprechakt und die Wut

7. Anhang

8. Bibliografie

„Plötzlich sah ich die Möglichkeit, all diese Themen miteinander zu verflechten: Selbst­respekt, Selbsthass, Teil einer Minderheit zu sein und sich selbst erkennen zu lernen. [...]

Ich wollte keine Bürgerrechtssaga wie Mississippi Burning schreiben. Für mich stand die Bewusstwerdung eines Individuums im Zentrum.“

Howard Cruse im Interview mit Daniel Wüllner

0. Einleitung

Ein Drittel der deutschen Bevölkerung reagiert auf Schwule offen positiv und ohne Berührungsängste oder Vorbehalte. Ungefähr ein weiteres Drittel reagiert situationsbezogen-opportunistisch, mal akzeptierend, mal ablehnend und klischeehaft. Das letzte Drittel kann als stark schwulenfeindlich eingeschätzt werden (vgl. Wiesendanger 2005; Bochow 1994). Gleichzeitig gibt eine Studie von Cabaj und Stein (1996) die Suizidrate von Schwulen als viermal höher an als die der Gesamtbevölkerung. Laut einer anderen, unter schwulen Männern in Genf durchgeführten Studie haben sechsmal mehr Schwule in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen als in der gesamten männlichen Bevölkerung (Häusermann/Wang 2003). 55 Prozent der Befragten haben nach derselben Studie lebensgeschichtlich betrachtet mindestens einmal ernsthafte Suizidgedanken gehabt, davon wiederum 22 Prozent in den letzten 12 Monaten. Auch das Suizidrisiko von Lesben und Schwulen im Alter zwischen 12 und 25 Jahren ist um vier- bis siebenmal höher als in der heterosexuellen Vergleichsgruppe (vgl. Meurer 2003).

In dieses, wie ich finde, erschreckende statistische Bild passt auch der Befund von Häusermann und Wang (ebd.), nach dem 40 Prozent der befragten Schwulen das Erleben depressiver Lebensphasen oder irrationaler Ängste angaben. Kurt Wiesendanger fasst das Ergebnis der Studie wie folgt zusammen: „Über 20 Prozent der schwulen Männer in der Studie wünschten sich, nicht schwul zu sein, während lediglich gut 30 Prozent mit ihrem Schwulsein positiv identifiziert sind“ (2005: 13). Er geht davon aus, dass „fast jeder Zweite seine Homosexualität sehr ambivalent erlebt. So steht auch bloß gut die Hälfte der befragten Schwulen zu ihrer Sexualität, hat also ihre Homosexualität innerlich akzeptiert […] Oder umgekehrt ausgedrückt: Fast jeder Zweite muss Tag für Tag mit einem nicht integrierten und nicht kommunizierten Teil von sich selbst umgehen, der aber grundlegend identitätsstiftend wäre“ (ebd.).

Diese Zahlen mögen überraschen oder auch nicht, sie drücken den derzeitigen Stand von Schwulen in einer heteronormativen und heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft aus. Sie zeigen die Ängste und Projektionen eines großen Teils heterosexueller Männer[1], deren Ursachen im Kern mit der Angst vor Verlust von Macht und Männlichkeitsnormen sowie der Angst vor dem Abweichenden schlechthin zu tun haben (vgl. Rauchfleisch 2001: 165 ff.; Wiesendanger 2005: 27). Und sie zeigen die Ängste und Projektionen eines erheblichen Teils aller Schwulen davor, einen offensiven und bewussten Umgang mit den Konflikten einer abweichenden Sexualität zu finden (Wiesendanger 2005: 52 f.). Sie zeigen die Bedeutung der sexuellen Identität im Leben von Menschen. So finden wir in homophoben und frauenfeindlichen heterosexuellen Männlichkeitsschemata nach wie vor ein tragendes Konzept gängiger gesellschaftlicher Herrschaftspraxis. Die Kehrseite davon ist die Unterdrückung schwuler sexueller Identität im gesellschaftlichen Leben, externalisierte und internalisierte Homophobie. Beide Konzepte verhindern den Weg zu einer freien Entfaltung schwuler sexueller Identität. Schwule Selbstentfaltung bleibt kompliziert.

Schwule wachsen, ebenso wie alle anderen abweichenden sexuellen Identitäten, in den allermeisten Fällen mit der „heterosexuellen Vorannahme“ (vgl. z. B. Wiesendanger 2005: 27) auf. Von Kindesbeinen an sehen sie sich unbewusst oder bewusst mit Abwertung und Verständnislosigkeit gegenüber dem eigenen sexuell-emotionalen Empfinden konfrontiert. Elternhaus, soziales Umfeld und Institutionen nehmen Schwule über mehr oder weniger lange Lebensabschnitte nicht als eine Person in ihrer Ganzheit wahr. Ausgehend von diesen Bedingungen erschwerter Identitätsbildung, also ausgehend von der gesellschaftlichen Verletzung sexueller Integrität bei einer Vielzahl von Schwulen, hat sich diese Arbeit zum Ziel gesetzt, ein Training für schwule Identitäten zu konzipieren.

Voraussetzung für diesen praktischen Output schwuler Erwachsenenbildung ist jedoch die theoretische wie empirische Bestimmung schwulen Identitätserlebens und spezifisch schwuler Alltagskonflikte. Dieser Arbeit liegt eine psychoanalytische Axiomatik zugrunde. Danach ist für die Entfaltung des Individuums die Bewusstwerdung, das Austragen und – wenn möglich – die Lösung von Konflikten existentiell (Wiesendanger 2005). Auf dieser Basis wird die Forschungsfrage gestellt, welchen besonderen Alltagskonflikten sich Schwule stellen müssen und von welchen sexuellen Ideologien diese Konflikte getragen werden? Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf gesellschaftlich bedingte Konflikte und Ideologien schwulen Identitätserlebens in den Bereichen Sexualität und Männlichkeit, Beziehung, Beruf, Szene, Herkunftsfamilie und Kinderwunsch. Durch einen Vergleich zwischen theoretisch erarbeiteten und empirisch erhobenen Alltagskonflikten von Schwulen sollen die Sexualideologien, mit denen sich Schwule konfrontiert sehen, transparent gemacht und ihre Auswirkungen auf die Lebenspraxis von Schwulen verdeutlicht werden.

Weiterhin sollen folgende Unterforschungsfragen beantwortet werden: Inwieweit können schwule Identitäten anhand des herkömmlichen Identitätsbegriffs und seiner herrschaftlichen Konzeption bearbeitet werden? Inwieweit sind das schwule Identitätserleben und die damit verbundenen Konflikte gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen und Ideologien geschuldet? Wie kann eine schwule Identitätsbildung aussehen, die als Antwort auf heteronormative Unterdrückung nicht gängige Identitätspolitiken reproduziert? Wie kann eine Identitätsarbeit aussehen, die das Ich nicht in Abgrenzung zum Anderen, sondern das Ich in der fortlaufenden Auseinandersetzung zwischen Autonomie und Interdependenz versteht?

Das Ergebnis dient als theoretischer und praktischer Bezugspunkt für die Konzeptionalisierung des Identitätstrainings. Ziel der Bearbeitung der Forschungsfrage und des Trainingskonzepts ist somit die Unterstützung des schwulen Individuums bei der Bewusstwerdung seiner persönlichen wie gesellschaftlichen Bedingtheit und seines damit verbundenen Gefühlserlebens. Das erarbeitete Konzept soll eine Identitätsbildung fördern, die sich der Sonderrolle schwuler Sexualität und Männlichkeit in der jeweils gegebenen gesellschaftlichen Umwelt bewusst ist und gleichzeitig gestaltend und offensiv mit der sexuellen Lebensform umgeht.

Zur Beantwortung der Forschungsfragen werde ich im ersten Kapitel die Queertheorie, ihre Kritik und den herkömmlichen Identitätsbegriff diskutieren. Das Identitätskonzept wurde in den letzten zwei Jahrzehnten durch Gender- und Queerforschung grundsätzlich in Frage gestellt (vgl. Butler 1996; Perko 2006 und 2007). Die Ausblendung gesellschaftlicher Machtverhältnisse im Identitätsbegriff sowie dessen Heteronormativität (kritisch vgl. Jungwirt 2007) bei Erikson (1997) und Mead (1998) stellte sich für die theoretische Bestimmung schwulen Identitätserlebens als Dilemma heraus. Mit Hilfe des imaginierenden, fragenden, offenen und prozesshaften Identitätskonzepts der „Wer-Identität“ in Anlehnung an die politische Philosophie Castoriadis (1984) sowie mit verschiedenen Elementen der Queertheorie konnte ein Analyseinstrument zur Erfassung schwuler Identitäten und ihrer Problemfelder gefunden werden, das neben der Betonung der Differenz von Identität gleichzeitig deren Verbundenheit mit allen anderen abweichenden Identitäten betont.

Welchen Besonderheiten Wer-Identitäten von Schwulen unterliegen, untersucht das zweite Kapitel des theoretischen Teils in den Lebensbereichen Sexualität und Männlichkeit, Coming-out, Szene, Beruf, Familie, Beziehung sowie Herkunftsfamilie und eigener Kinderwunsch. Bei dieser Kennzeichnung schwuler Lebensformen und ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit berufe ich mich im Kern auf Robert Connell (1999), Kurt Wiesendanger (2005), Udo Rauchfleisch (1997; 2001) und Volker Woltersdorff (2005). Wesentliche Konstanten schwulen Alltagslebens verdichten sich hier von der heterosexuellen Vorannahme über hegemoniale Männlichkeit bis hin zu wiederkehrenden Alltagskonflikten schwuler Männer zwischen Rebellion und Unterwerfung, Privatismus und Politik.

Im zweiten Kapitel wird der Focus auf die Empirie schwulen Identitätserlebens gerichtet. Zur Empirie zählt einerseits der rechtliche Rahmen schwulen Lebens. Dazu werden die Gesetze zur Partnerschaft, Adoption, Kinderwunsch und Teilnahme am zivilen Leben sowie der ehemalige § 175 StGB genauer betrachtet. Anderseits werden hier die Ergebnisse meiner qualitativ-empirischen Erhebung „Alltagskonflikte schwuler Männer“ vorgestellt. Diese Arbeit wurde von mir im Rahmen des Masterstudiengangs Soziale Arbeit als Handlungsforschungsprojekt verfasst.

Im dritten Kapitel wird ein Vergleich durchgeführt: Die Ergebnisse von Theorie und Empirie werden mit der diskurstheoretischen Methode der Cambridge-School (Skinner 1988) in ein kritisches Verhältnis bezüglich ihrer ideologischen Ausrichtung zueinander gesetzt. Hier stößt die Ideologie kirchlicher Sexualmoral auf dekonstruktivistische Theoriestränge. Die herkömmliche Identitätstheorie verhält sich zur Wer-Identität wie schwule hegemoniale Männlichkeit (Connell 1999) zum Rollentausch und zu Geschlechterrollenverhandlungen schwuler Beziehungspartner.

Den Abschluss der Arbeit (Kapitel 4) bildet ein konzeptioneller Vorschlag für ein schwules Wer-Identitätstraining. Hier sollen schwule Wer-Identitäten in ihren alltäglichen individuellen und gesellschaftlichen Spannungsfeldern erfahrbar gemacht und gestärkt werden. Erwachsene und beruflich integrierte Schwule sollen in einer geleiteten Selbsterfahrungsgruppe dazu angeregt werden, Fragen an die eigene Wer-Identität und ihr eigenes Wünschen zu stellen, ihre Verflechtung mit dem gesellschaftlichen Ganzen zu erkennen und sich Konflikten bewusst zu werden. Um die Spannungsfelder zwischen individueller Autonomie und Interdependenz mit der Gruppe, zwischen dem Annehmen des Eigenen bei gleichzeitiger Anerkennung des Anderen zu vermitteln, habe ich mich für die Gruppenmethode der Themenzen­trierten Interaktion verbunden mit Methoden des Biografischen Arbeitens und des Social-Justice-Trainings entschieden.

Wichtig ist mir zu betonen, dass ich grundsätzlich davon ausgehe, dass es ein allgemeines schwules Verhalten nicht gibt! Udo Rauchfleisch hat auf die Frage, wie Schwule sind, mit zwei kurzen Sätzen geantwortet: „Sie unterscheiden sich, abgesehen von ihrer Orientierung auf Menschen des gleichen Geschlechts, in nichts von anderen Menschen.“ Und: „Sie sind nicht so, wie sie angeblich sein sollen“ (2001: 13). Das entspricht auch meinen Grundannahmen beim Verfassen dieser Arbeit und bei der Frage nach allgemeinen Alltagskonflikten von Schwulen. Ich schaue hier nicht auf Schwule und ihr wie auch immer bewertetes Verhalten. Sondern ich schaue auf das Verhältnis zwischen einer heteronormativ geprägten Gesellschaft und dem ein oder anderen Schwulen – also jedem, der sich darin wiederfindet (inklusive mir selbst). Jeder einzelne Schwule prüfe kritisch, ob er sich in meinen Betrachtungen und Erfahrungen wiedererkennt. Sollte er eigene Haltungen und Erfahrungen erkennen und sollten diese ihm seinem Selbst oder seiner Wer-Identität näher bringen, dann war der Text ein Erfolg.

1. Theorie schwuler Identität

1.1 Theoretische Überlegungen zur schwulen Identität

Nähert man sich dem Leben schwuler erwachsener Männer im Hinblick auf deren Alltagskonflikte auf theoretischer Ebene, kommt man um Identitäts- und Queertheorie nicht herum. Eine Theoretisierung von Randgruppenidentitäten erscheint notwendig, um das Minderheitendasein sowie den subjektiven und objektiven, individuellen und gesellschaftlichen Umgang damit zu begreifen. Schwulsein in seiner existentiellen Abweichung von der heterosexuellen Norm der Zweigeschlechtlichkeit ist gerade deshalb auf den Erfahrungs- und Theorieschatz der Queer Studies inklusive ihrer pluralen Variante angewiesen. Aufgrund der Gegensätzlichkeit von Identitäts- und Queertheorie – scheint das Wesen der Identität doch immerzu auf jene permanente Schließung des Mit-sich-gleich-Seins und damit auf Exklusion aus zu sein, wohingegen „Queer“ ebensolche Schließungen aufzubrechen trachtet und in ein „Mehrfaches, Vielfaches“ (vgl. Perko 2007: 8) zu verwandeln sucht – möchte ich den theoretischen Teil der Arbeit in diesem Spannungsfeld beginnen, in der Hoffnung, dass beide Konzepte fruchtbar füreinander sein können; zumindest bis zu einer bestimmten Grenze. Diese Grenze zu bestimmen, wird in den folgenden Kapiteln ein Ziel sein. Ich wähle den Einstieg über die Queertheorie. Sie ist die derzeitige Rebellin, die Gesetztes in Frage stellt. Ich werde diese kritisch zu diskutieren versuchen und ihre besondere Stärke, ihren Umgang mit Performativität und deren Bedeutung für Minderheiten/das Andere mit der Identitätstheorie zu verbinden suchen.

1.1.1 Queertheorie

Die plurale Variante der Queertheorie richtet sich „grundsätzlich gegen Gruppenidentitäten und Identitätspolitiken in einer Gesellschaft, die in ein hierarchisches Gebilde eingebunden werden“ (Perko 2007: 8). Sie richtet sich gegen „das Konzept der (eindeutigen) Identität, der Bildung abgeschlossener Gruppen und der Identitätspolitiken“ (Perko 2006: 2). Sie ist nicht der Auffassung, dass das Subjekt eine mit sich selbst identische Einheit bildet (ebd.: 12). Die Vorstellung „von einem abgeschlossenen, authentischen Ich, einem statischen Identitären wird als Illusion entlarvt“ (ebd.). Im Sinne des „Doing Gender“ ist hier Identität nicht als von vornherein gegebenes, unveränderliches Konzept begründet, sondern entsteht erst in ihren Vollzügen und wird kulturell ausgehandelt (vgl. Woltersdorff 2005: 133). Diese Variante der Queertheorie weist zu Recht darauf hin, dass im Namen von Identitätspolitiken „Gruppen oder Gesellschaften stabilisiert [...], Privilegien für bestimmte Personen gesichert [werden; D.S.]. Im Sinne einer Gesellschaft wird so eine bestehende, mehr oder minder homogene Ordnung aufrechterhalten, die den einen nützt, den anderen schadet, die einen ein-, die anderen ausschließt“ (Perko 2007: 7). Im Namen von Identitätspolitiken werde diskriminiert, eingeschüchtert, ausgebeutet und gemordet (ebd.).

Die Queertheoretiker beschreiben weiterhin auf einer diskurstheoretischen Grundlage mit Hilfe der Annahme sprachlicher Performativität, wie sich identitäre Ordnungen in Diskursen und Alltagskommunikationen tradieren, machtvoll fortschreiben und performativ soziale Wirklichkeit gestalten. „The power of discourse to produce what it names is linked with the question of performativity. The performative is thus the domain in which power acts as discourse” (Butler 1990: 274). Sie zeigen die ganz konkrete Reimplementierung bestehender Rollenverteilungen, z. B. zwischen Mann und Frau anhand von Sprechakten, die soziale Wirklichkeit erzeugen. Ihr Ziel, Zweigeschlechtlichkeit und die binäre Subjektkonstruktion völlig aufzubrechen, ist dem Wunsch geschuldet, aus dem kategorialen Denken auszusteigen, weil sie in diesem nur die Fortschreibung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse sehen (vgl. Butler 1996).

1.1.2 Kritik

So nachvollziehbar und auch notwendig der Wunsch ist, Sexualität und Geschlechtlichkeit jenseits von bestehenden Herrschaftsverhältnissen im Licht von Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Menschenwürde zu betrachten, so normativ und in der plural-queeren Variante auch ideologisch überreizt erscheint er. Dieser Eindruck verdichtet sich, wenn man den Grad der Verhaftung der plural-queeren Kritik mit dem traditionellen Identitätsbegriff fokussiert. Jedes radikales Kontra bezieht sich auf ein starkes Pro. Begreift man die traditionelle Identitätstheorie als ein Gesetz, so kann die plurale Queertheorie als die Gesetzesüberschreitung verstanden werden. Sie bleibt mit dem eigentlichen Gesetz identifiziert (vgl. Woltersdorff 2005). Judith Butler verdeutlicht das Dilemma, das im Zusammenhang zwischen Gesetz und dessen Überschreitung liegt: „Die Möglichkeit einer kritischen Sicht auf das Gesetz wird somit beschränkt durch das, was man als ursprüngliches Verlangen nach dem Gesetz bezeichnen kann, als leidenschaftliche Komplizenschaft mit ihm, ohne welche kein Subjekt existieren kann. Denn damit das ‚Ich’ seine Kritik anbringen kann, muss es zunächst einmal verstehen, dass das ‚Ich’ selbst von seinem komplizenhaften Begehren des Gesetzes abhängt, das seine Existenz erst ermöglicht (Butler 2001: 102 f.).

Das gilt auch für die grundsätzliche Kritik der pluralen Queertheorie an jeglicher Art von Identitätspolitik. Wo taucht in der queer-pluralen Variante der Queertheorie die Angstlust auf, die sie mit dem Identitätsbegriff und seinen kategorialen Normierungen verbindet? Butler selbst schreibt über ihre Angstlust an Identitätskategorien: „Identitätskategorien machen mich immer nervös; ich empfinde sie als ständige Stolpersteine und verstehe sie – und fördere dieses Verständnis sogar – als Schauplätze notwendigen Unbehagens. Würde die Kategorie bei mir kein Unbehagen auslösen, dann würde ich sogar aufhören, mich für sie zu interessieren, denn es ist gerade das durch ihre Instabilität produzierte Vergnügen, das die verschiedenen erotischen Praktiken aufrechterhält, die mich überhaupt erst als Kandidatin für die Kategorie qualifizieren“ (Butler 1996a: 16). Im Unbehagen liegt ein Hauch von Vergnügen – auch an der Identitätskategorie. So verleiht auch Butler dem Identitätsprinzip Macht.

An dieser Stelle erscheint mir die plurale Queertheorie tragisch, weil sie in ihren Grundfesten ja von der Offenheit, Uneindeutigkeit und Unabgeschlossenheit der Begriffe und ihrem permanenten Wandel überzeugt ist. Einerseits ist sie auf die Lust, zu der ihr bestehende Identitätskategorien verhelfen, angewiesen, um sich selbst zu erkennen. Andererseits tritt sie jedoch radikal ideologisch in ihrer Ablehnung alles identitären Sich-selbst-gleich-Seins auf. Dabei verleiht ihr doch die Reibung am Statischen der hegemonialen Geschlechterkultur und die darauf aufbauende Dekonstruktion mitunter ihre theoretische Kraft. Resultiert die Radikalität der Ablehnung alles Kategorialen und des begrifflich geschlossenen Identitären vielleicht aus der Furcht, dass die Gewissheit einer reflexiven und performativen Sexualität sexy ist? Das heißt, dass sie Lust spenden könnte und diese Lust ihren Widerhall in Herrschaft findet?

Wo ist die lustvolle Reflexion, lustvolle Performativität, lustvolle Dekonstruktion und damit verbunden eine lustvolle, performative Identität und deren lustvolle Bewusstwerdung im Individuum? Das lustvolle Mitdenken und Mitfühlen des Anderen? Ist es die Furcht davor, sich einzugestehen, dass Dekonstruktion und Konstruktion nur gemeinsam denkbar sind? Ich weiß darauf keine Antworten.

Jedoch ist es die Queertheorie für mich, die ein performativ-diskursives Selbstverständnis pflegt und mit dem Wandel von Diskursen, Begriffen und sozialer Realität in der Tradition Foucaults (2003) und Austins (1979) vertraut ist. In meinen Augen braucht sie sich nicht zu fürchten, weder vor der eigenen Anziehung, noch vor bestehenden, fest umrissenen Identitätstheorien. Hegemonial ist sie noch lange nicht. Die Queertheorie inklusive ihrer pluralen Variante ist es schließlich, die mit dem Begriff der Performativität und mit ihrer diskurstheoretischen Aufladung die methodischen Voraussetzungen bietet, mit denen sich Wandel und Entwicklungsprozesse von Begriffen wie Identitäten lustvoll begreifen lassen – seien sie lesbisch, trans, schwul, hetero, männlich, weiblich etc.

Elisabeth Tuider (2001: 175) greift Anfang dieses Jahrtausends den Ansatz der Queertheorie insofern auf, als dass sie den individuellen Bedeutungszuwachs bei der (Selbst-)Bestimmung der eigenen geschlechtlichen Identität akzeptiert und die Übergänge zwischen Geschlechterlabels als fließend ansieht. Gleichzeitig distanziert sie sich von der in der Queertheorie gängigen normativen Utopie der Gleichwertigkeit verschiedener sexueller Orientierungen: „Von einer verinnerlichten Überzeugung bezüglich der Gleichwertigkeit verschiedener sexueller Orientierungen und verschiedener Geschlechter (bzw. Menschen) kann keine Rede sein. Die gegenwärtige Thematisierung von Sexualität und Geschlecht kommt noch keiner Enthierarchisierung gleich. Solange für die Toleranz, Akzeptanz und Aufwertung einer Sexualform oder eines Geschlechts geworben werden muss, kann keine reale Gleichstellung erfolgen. Hoffnung auf Veränderung besteht aber dann, wenn geradliniges Denken aufgegeben und Norm, Normalität und Selbstverständlichkeiten zum Thema gemacht werden, ebenso wie die damit verbundenen Unübersichtlichkeiten und Widersprüche“ (ebd.).

Dieses kritische Verständnis des Bestehenden soll die theoretische Qualität und Vorgehensweise bestimmen, die ich mir für diese Arbeit wünsche – ebenso wie für das resultierende Trainingskonzept. Gefordert ist eine Kritik und Ergänzung herkömmlicher Identitätskonzepte um das Wissen von hegemonialer Unterdrückung, durch Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit, und somit um eine „Reflexion des Anderen“ (Perko 2007), die in der Praxis Schwulen den Umgang mit (der eigenen) Identität erweitert. Und um eine kritische Auseinandersetzung mit Konflikten, deren Transzendierung bezüglich ihrer individuellen oder gesellschaftlichen Bedingtheit. Und um eine Erweiterung der Fähigkeiten von Schwulen im Umgang mit Unbestimmtheit und Unsicherheit in einer Welt, die zur kategorialen Schließung neigt.

Auf diese Weise versuche ich als Angehöriger einer Minderheit einen Umgang mit Identitätspraktiken zu finden, der einer dominanz- und normierungsorientierten binär-heterosexuellen Umwelt geschuldet ist. Ich möchte dies jedoch als Teil eines schwulen Identitätsproblems verstanden wissen, dass sich immer mit einer heteronormativen Realität (im Sinne der Setzung: Homosexuelle Menschen werden von Kindesbeinen an in ihrer Sexualität von ihrem Umfeld, insbesondere der Familie, nicht mitgedacht und verstanden) auseinanderzusetzen hat und die in vielen Fällen bitter und traurig verläuft.

Im Weiteren werde ich mich der queeren Ergänzung herkömmlicher Identitätskonzepte auf dem Wege nähern, indem ich zunächst die Identitätskonzepte der Identitätstheorie in den Mittelpunkt rücke, um danach Überschneidungen und Gegensätze mit der Queertheorie sichtbar machen zu können.

1.1.3 Identitätstheorie

Für Erik Erikson drückt Identität eine wechselseitige situative Beziehung aus – einerseits zwischen dem Individuum in seiner kontinuierlichen Übereinstimmung mit sich selbst (die als „Selbst“ erlebte innere Einheit der Person, i.e. „Ich-Identität“), andererseits mit seiner Identifikation mit bestimmten Gruppen (Erikson 1997: 124 f.). Beide Instanzen der Persönlichkeit, die bei Mead (1998) als „I“ (persönliche, vorsoziale und subjektive Instanz) und „Me“ (gesellschaftlich-objektive und überpersonale Instanz) bezeichnet werden, stehen in einer gegenseitigen Wechselbeziehung. Diese Wechselbeziehung ist prinzipiell eine dynamische: Verändert sich das Me, verändert sich auch das I, und umgekehrt. Goffman benutzt für die äußere, gesellschaftliche Zuschreibung von Identität den Begriff der sozialen Identität, für die Abweichung vom Identischen den des Stigmas (2010).

Gleichzeitig geht dieses identitätstheoretische Denken von berechenbaren und linearen Entwicklungsverläufen aus, bei denen subjektive Selbstfindung in gesellschaftliche Kontinuität und Berechenbarkeit eingebunden ist (vgl. Keupp 1998: 242). Daraus resultiert nach dem Durchlaufen eines entwicklungspsychologischen Stufenmodells ein kontinuierlicher Zustand des Mit-sich-gleich-Seins. Die genannten Identitätstheorien richten ihr Denken gerade auf dieses Identische, auf das „Subjekt als eine mit sich selbst identische Einheit“ (Butler 1995: 316, zit. N. Perko 2006: 11). Das so konstruierte Identische als Wechselspiel zwischen Subjekt und Gesellschaft ist insofern ein normativer und auch machtvoller Zustand, weil es gesellschaftlich gesetzt und fortgeschrieben wird (z. B. in Bezug auf Sexualität im binären Schema männlich/weiblich und im Begierdeschema heterosexuell) und weil vorweggenommen ist, in welchen Entwicklungen und Phasen ein gelungener Identitätsbildungsprozess abläuft oder abzulaufen hat.[2]

Für schwule Männer jedoch ist, vor dem Hintergrund des hegemonial heterosexuellen Geschlechtsmodells, der von außen zugeschriebene Identitätsanteil konfliktreicher. Diskriminierungen durch Homophobie[3] und der Umgang damit gehören in einem geouteten schwulen Leben zum Alltag. Gleichzeitig betrifft das Stigmamanagement auch denjenigen, der nicht „out“ ist (Verstecken, Verschweigen). Homosexualität kann zum Ausschluss aus der gesellschaftlichen Gruppe führen oder eben zur Verleugnung einer Abweichung, d.h. Anpassung und Selbstaufgabe des Individuums durch Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen (Wiesendanger 2005). Die Abweichung von und das Bewusstsein über die Besonderheit der schwulen Randgruppenidentität kann so im ständigen Spannungsverhältnis mit dem Ziel stehen, mit sich selbst gleich zu sein. Das erscheint umso tragischer, als dass heterosexuelle Homophobie als Teil unsicherer heterosexueller Identität, als uneingestandene und abgespaltete Angst betrachtet werden kann (Gruen 2000) – eine Unsicherheit, die, gefangen in Männlichkeitsnormen, oft keinen anderen Ausdruck findet als in Homophobie.[4]

In diesem herrschaftstheoretischen Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Umgang des Identischen mit dem Nichtidentischen der Identität. Der Teil der Identitätsbildung, der sich aus der Interaktion einer Person mit ihrer Umwelt ergibt, unterliegt bei Minderheiten anderen Anforderungen als beim Mainstream. Da gleichgeschlechtlich orientierte Männer vom Mainstream abweichende Merkmale besitzen, z. B. gleichgeschlechtliche Paarbeziehungen führen, gewinnen auch ihre Identifikationen Bedeutungen, die von heterosexuellen Biografien und vom Alltagsleben abweichen. Diese anderen Bedeutungen und Identifikationen stehen in einem Verhältnis zum Hegemonial-Identischen.

Das hier beschriebene Nichtidentische der Identität steht auch mit der Identität des Nicht-Identischen in Beziehung, die bei schwulen Männern einen wichtigen Ausdruck in der schwulen Szene findet. Das Nichtidentische, Abweichende oder Andere ist immer auch Angriffsfläche für das Hegemonial-Identische, sei es etwa durch Sexismus, Ethnozentrismus, Rassismus oder Antisemitismus. „Auf eine ähnliche Art und Weise wie gleichgeschlechtlich Liebende werden Andersfarbige oder Andersgläubige stigmatisiert, diskriminiert und verbal oder teilweise tätlich angegriffen“ (Wiesendanger 2005: 26).

Die Frage nach dem schwulen Selbst bleibt in der herkömmlichen Identitätstheorie und aus der gesellschaftlichen Mitte heraus bestenfalls unbeantwortet. Im Regelfall aber wird sie mit negativen Zuschreibungen, z. B. schwul sei effeminiert, tuntig, weiblich, promisk, beziehungsunfähig, oberflächlich, HIV-positiv etc. (vgl. z. B. Rauchfleisch 2001 und 1997), beantwortet und auf Vorurteile gegründet. So ist der machtvolle Teil hegemonialen Identitätsdenkens markiert durch eine Angst im Umgang mit der eigenen (hetero-)sexuellen Identität sowie durch eine Angst um den Verlust der damit verbundenen Machtprivilegien (Wiesendanger 2005: 27).

Einen identitätstheoretischen Gegenentwurf, der Brüche, Diskontinuitäten und Abweichungen zu integrieren sucht, bieten die Poststrukturalisten Laclau und Mouffe. Sie beschreiben Identität en nicht mehr als abgeschlossene Einheiten, „die auf einem essentiellen Kern beruhen, sondern sich stets in Relation zu einem ausgeschlossenen Anderen konstituieren. Differenz und Identität stehen also nicht im Widerspruch, sondern bedingen einander“ (Heilmann 2011: 53). Gleichzeitig bleibt dabei aber das Problem ungelöst, wie mit echten Identitätsgrenzen (ebd.), die sich aufgrund von hegemonialen Schließungen konstruieren, umzugehen ist. Diese systemtheoretisch gedachten Identitätsschließungen grenzen ja tatsächlich das Andere aus. Aus einer heterosexistischen Perspektive beginnt die Anormalität des Männlichen dort, „wo Männlichkeit in Vermischung mit Weiblichkeit veruneindeutigt wird“ (ebd.). Diese Grenze richtet sich nach den Standards männlicher Hegemonie. Wie ist also umzugehen mit der Differenz, die Uneindeutigkeit zulässt ? Postmoderne Zugänge zum Identitätsbegriff stellen Begriffe wie Kontingenz, Diskontinuität, Fragmentierung, Bruch, Zerstreuung, Reflexivität oder Übergänge in den Vordergrund (Keupp 1998: 242). Identität wird als ein „Prozessgeschehen beständiger ‚all-täglicher Identitätsarbeit’“ verstanden (ebd.). Es geht bei Identität um einen „Projektentwurf des eigenen Lebens“ (ebd.).

Worin die Spannungs- und Konfliktfelder schwuler Identitätskonstruktion und -dekonstruktion bestehen, welche überdurchschnittlichen Kommunikationsanforderungen an schwule Männer in Bezug auf ihre Peergroup sowie das anders geartete gesellschaftliche Umfeld gestellt werden, was heterosexuelle Zuschreibungen mit schwulen Männern machen und inwieweit ihre Abweichung von den Merkmalen des Mainstreams Diskriminierungen, Aggression und selbstaggressives Verhalten mit sich bringen und ihre Teilhabe an Gesellschaft und deren Chancen verringern, darüber schweigt sich die Identitätstheorie aus. An dieser Stelle macht ein wiederholtes Anrufen der Queertheorie Sinn. Im Weiteren werde ich eine Perspektive auf Queertheorie und Identitätstheorie vorstellen, die einer schwulen Identitätsbildung und ‑dekonstruktion gerecht werden kann. Dies geschieht mit dem Ziel, die identitätsbildende Trainingsmaßnahme für Schwule von vornherein als queer informiert zu konzeptionieren. Das bedeutet auch, schwule Identitäten nicht in Konkurrenz zu herkömmlichen Identitätsmustern zu verstehen und in ihrer Besonderheit und Abweichung wahrzunehmen.

1.1.4 Queer informierte Identitätstheorie

In Anlehnung und Kritik an Freud prägte Cornelius Castoriadis den Satz: „Wo Ich bin, soll Es auftauchen (dürfen)“ (1984: 468). Im Gegensatz zur Kulturkritik, die Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“ (2010) entwirft, wird hier die Herrschaft des alles durchdringenden Ichs begrenzt. Gesellschaftlich gesetzte Ich-Größenfantasien und Ich-Hierarchien[5] sowie Begrenzungen von Identität werden in Frage gestellt. Die Queertheorie sieht im Unbewussten den „Diskurs des Anderen“ hervorgehoben, „der als imaginäres Element der Psyche, als Quelle aller Phantasmen, als Quelle von Neuschöpfungen dem Subjekt zugrunde liegt und nicht beherrscht werden kann (Perko 2007: 5).

Hier soll für die weitere Bearbeitung des queer informierten schwulen Identitätsbegriffs angesetzt werden: Bei Mead ist neben dem dominanten Bewussten das Vorsoziale und Unbewusste in der Identitätsinstanz des „I“ enthalten (1998). In Anlehnung an Castoriadis (1984: 178) ziehe ich das Es als performative Kategorie heran, um es auf Me und I anzuwenden. Auf diese Weise wird das schwule Subjekt nicht primär als „’mit sich selbst identische Einheit’, nicht als Identisches, Homogenes“ (Perko 2007:5) definiert. Durch die Aufwertung der un- und unterbewussten Instanz des Es wird der unkontrollierbare Teil des Ich/Selbst sowie gesellschaftlicher Gruppen- und Institutionenidentitäten aufgewertet. Somit entsteht ein Raum innerhalb des Identitätsbegriffs, der offen ist für Sehnsucht, Unangepasstes, Nicht-Kontrollierbares und -Normierbares, der fähig ist, durch Bewusstmachung von Imaginationen, Phantasmen und Träumen Veränderungen anzustoßen. Ein Raum, der Wandel und Veränderung innerhalb des Identitären zulässt.

Castoriadis definiert das Subjekt als „WER, das die Fähigkeit der Reflexion und Selbstreflexion hat, die Fähigkeit der Sublimierung und der Infragestellung, der Imagination und der Veränderung, und den Willen sowie die Fähigkeit zum Handeln. Es ist ein WER, das bewusst und unbewusst ist, und seine eigene Welt schöpft bzw. imaginiert, etwas setzt, was nicht ist, und in etwas etwas sehen kann, was darin nicht ist“ (Castoriadis 1984: 179, zit. n. Perko 2007: 5). Durch die Einführung des „Wer“ wird das Subjekt zum Fragenden. Das entspricht Castoriadis Annahme der „radikalen Unbestimmbarkeit des Seins und seiner Magmalogik, nach der sich unbegrenzt identitätslogische (Schnitt-)Mengen bestimmen lassen (vgl. Zulauf 2002). Das Wer stellt Fragen an sich selbst (Wer bin ich? Wer will ich sein?), an andere Individuen und Gruppen und an Gesellschaft (Wer bist Du/seid Ihr?), tut dies bewusst und im Kontakt mit dem Unbewussten und besitzt den Mut, Imaginiertes auch umzusetzen (Fähigkeit zum Handeln).

Eine Begrenztheit dieses Ansatzes, der Me und I auf die Reflexion des Anderen verpflichtet, liegt in seiner normativen Subjektsetzung: Tritt das Wer als Fragendes, Reflektierendes, Imaginierendes und Handelndes auf, bleibt es dennoch mit einer individuellen und gesellschaftlichen Umwelt konfrontiert, die Ich und Wir-Bezüge immer wieder in geschlossenen und tradierten Kategorien baut.[6] Mein Ziel ist es nun, die mehrdimensionale reflektorische Offenheit des Wer mit den sich kontinuierlich schließenden Identitätskategorien persönlicher und sozialer Identität zu verbinden. Dazu werde ich die Kernaussagen des queeren Pluralitätenmodells (vgl. Perko 2007: 8) auf ihre Vereinbarkeit mit Wer-Identitäten abklopfen.

1.1.5 Grenzziehungen und der Begriff der Wer-Identität

Im Folgenden werden die Kernaussagen des queeren Pluralitätenmodells vorgestellt und in Bezug zur Wer-Identität gesetzt. Dabei sind alle Zitate aus den queer-pluralistischen Postulaten von Perko (ebd.) kursiv gesetzt. Alle anderen Ausführungen zu den Grenzziehungen zwischen Queertheorie und Wer-Identität sind vom Verfasser:

- „ Sein-Lassen verschiedener Queer-Identitäten oder Nicht-Identitäten“ bzw. Trans- und Crossidentitäten: Der herkömmliche Identitätsbegriff zeigt kein Interesse an vielschichtigen Identitäten. Der Begriff der Wer-Identität fordert Schwule dazu auf, durch die Erkenntnis der eigenen marginalisierten Identitätengeschichte und ihres Wandels auch unterschiedliche davon abweichende Identitäten und Nicht-Identitäten anzuerkennen und auch nachspüren zu können.
- Queer als „Identität ohne Kern“, womit zuweilen eine sehr weite Interpretation von queer einher geht: Alles was der gesellschaftlichen Norm nicht entspricht, ist queer. Die Wer-Identität ist im Spektrum queeren Denkens an der feministisch-lesbisch-schwulen-trans-Variante orientiert. Die offene queer-plurale Variante ist aufgrund ihrer radikalen dekonstruktivistischen Offenheit für Wer-Identitätsbildungsprozesse direkt nicht zu gebrauchen. Sie spielt aber bei der Reflexion des Anderen eine Rolle. Die Negativdefinition, die queer als Abweichung der geltenden gesellschaftlichen Norm formuliert, ist für Bildungs- und Findungsprozesse schwuler Wer-Identitäten nur insofern relevant, als dass Norm und Heteronormativität in ihrer Abweichung zur Wer-Identität wahrgenommen werden. Die herkömmliche Identitätstheorie denkt Identität in festgelegten und normierten Entwicklungsmodellen. In einem dynamischen Wechselspiel zwischen I und Me wird der Mensch in Reifungskrisen immer wieder mit sich selbst gleich. Das Wer-Identitätenmodell erweitert dieses Wechselspiel zwischen persönlichem und sozialen Ich um die Komponente des Es und bezieht einen permanenten performativen Wandel in die Identitätsbildung mit ein. Ob ein unveränderlicher Kern der Wer-Identität besteht, ein sog. „wahres Selbst“ (Wiesendanger 2005), entscheidet der einzelne Mensch. Lebensthemen, wie z. B. die sexuelle Selbstdefinition, können Identitätskerne bilden. Sie unterliegen jedoch, wie alles andere auch, Wandel und Veränderung.
- Mehrdeutigkeit zulassen, die sich auf nichts notwendiger Weise bezieht: Wer-Identitäten lassen Mehrdeutigkeiten zu, sie sind gleichberechtigt mit Eindeutigkeiten. Die Entscheidung über den Umgang mit Mehr- und Eindeutigkeit trifft das Individuum.
- Möglichkeit der Selbstdefinition aller Subjekte, so sie sich definieren wollen: Wer-Identität besteht auf der Selbstdefinition der Subjekte. Für das konzeptionell anvisierten schwule Identitätstraining ist die Selbstdefinition als Schwuler jedoch eine Voraussetzung.
- Eröffnung vielfältiger Räume für vielfältige Ausdrucksformen von Geschlecht und Sexualität: Sie gilt als Voraussetzung für Wer-Identitätsbildungen.
- Bemühung um die Aufhebung aller eindeutigen und vermeintlich natürlichen Identitäten: Wer-Identitäten sind niemals eindeutig, weil sie Wandel und Performativität gleichzeitig bestehender Identitäten mit einbeziehen. So ist das identitätssetzende und identitätsgewirkte Subjekt zur Reflexion des Anderen in der Lage. „Natürliche“ Identitäten widersprechen dem Verständnis von Wer-Identität insofern, als dass sie die gesellschaftliche Setzung von Hierarchien und der damit verbundenen Machtverteilungen ignorieren und die Reflexion des Anderen ausblenden.
- Feld von Möglichkeiten mit dem Charakter der Unbestimmtheit sein lassen und die Strategie der Unbestimmtheit: Unbestimmtheit ist bei der Wer-Identitätenbildung keine Strategie, sondern eine Möglichkeit, die Breite und Vielfältigkeit der eigenen Identität, auch in ihrer Abweichung von der Norm, zu erkennen. Ein Feld von Möglichkeiten ist die Voraussetzung zur Bildung von Wer-Identitäten. Gleichzeitig kann die Bildung von Wer-Identitäten auch den Ausschluss von Möglichkeiten und das Nicht-Zulassen von bestimmten Feldern bedeuten. Diese Schließungen stehen jedoch unter dem normativen Impuls der Reflexivität des Anderen. Dieser Konflikt kann auch spannungsgeladen sein, muss dabei aber nicht gelöst werden (Unbestimmtheit).
- Anerkennung von Vieldeutigkeit, Ambiguität und Pluralität: Sie bilden die Voraussetzungen für die Arbeit an und mit Wer-Identitäten.

Die Gegenüberstellung von Wer-Identität und pluralem Queerverständnis schärft den Begriff der Wer-Identität. Es zeigt sich, dass mit diesem Begriff Homosexualitäten, Transsexualitäten, Inter-, Hetero- und Bisexualitäten und alle weiteren von individuellen und Gruppensubjekten in Anspruch genommenen Selbstdefinitionen anerkannt und nicht grundsätzlich dekonstruiert werden. Auf die Kategorie Geschlecht wird nicht grundsätzlich verzichtet, jedoch in ihrer starren binären Codierung zwischen männlich und weiblich, homosexueller und heterosexueller Lebensform. Wer-Identität versteht den Geschlechtsbegriff subversiv. Das heißt, jedes biologische und soziale Geschlecht kann sich in allen biologischen und sozialen Geschlechtern wiederfinden – abhängig von den Empfindungen des Individuums. Wer-Identitäten unterliegen dennoch immer wiederkehrenden, jedoch nie abgeschlossenen Schließungsprozessen. Gleichzeitig sind sie in ihrer Bildung, ihrem Handeln und ihrer Veränderung auf Vieldeutigkeit, Mehrdeutigkeit und Pluralität angewiesen.[7] Dies spiegelt die praktische Wirkungsmacht des Imaginierten in Castoriadis Satz „Wo Ich bin, soll Es auftauchen (dürfen)“.

Wer-Identitäten fragen Personen nach ihren (sexuellen) Selbstdefinitionen – auch im Begierdeschema. Sie zeigen Machtverhältnisse, die auf eindeutigen Identitätskonstruktionen basieren, auf und stellen diese in Frage. Wer-Identitäten nehmen menschliche Daseinsformen in ihrer Unabgeschlossenheit unter dem Gesichtspunkt des Wandels auf und erkennen vielfältige Differenzen an. Sie bergen den Diskurs des Anderen in sich. Und sie stellen das Politische gleichberechtigt neben das Private. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Wer-Identitäten trachten danach, Gürses (2004) binäre Unterscheidung zwischen „Subjekt der Handlung“ und „Subjekt der Repräsentation“ zu dekonstruieren (vgl. Perko 2007: 10). Nach dem Wer-Identittäten-Modell Handelnde sind beide Subjektformen zugleich. Nach Gürses liegt die Urerfahrung aller Angehöriger von minoritären Gruppen darin, „dass sie einer Gruppe der ‚Anderen’ zugeschlagen wurden“ (ebd.). Diese Urerfahrung wird von Wer-Identitäten aufgenommen und betrachtet. In diesem Sinn sieht die Wer-Identität real existierende Unterschiede bei der gesellschaftlichen Bewertung von Identitäten erstmal als gegeben und existentiell für Randgruppen an. In der Offenheit ihres Konzepts liegt jedoch ein Grundstein zur prozessualen Überwindung von identitären Ungleichheiten und damit verbundenen Diskriminierungen.

1.2 Besonderheiten schwuler Wer-Identitäten

1.2.1 Sexualität und Männlichkeit

Schwulsein heißt biologisch, über männliche primäre Geschlechtsorgane zu verfügen und andere Männer sexuell zu begehren.[8] Darüber, ob sich Schwulsein nur über die sexuelle Begierde von Männern nach Männern auszeichnet oder ob dies auch weit reichende soziale Implikationen mit sich bringt, gehen die Meinungen bei den Betroffenen selbst weit auseinander.[9] Begreift man den Geschlechtsbegriff mit dem Ansatz der Gender Studies von seiner biologischen Seite her, also ausgehend vom „Sex“-Begriff (vgl. z. B. Perko 2009: 22), kommt man über die Bestimmung primärer Geschlechtsorgane (beim Schwulen der Penis) als biologische Gegebenheit nicht hinaus. Bei dieser reduzierten Bestimmung finden z. B. schwule Transgender vor der Geschlechtsumwandlung keine Beachtung. Es lohnt, den Sexualitätsbegriff gemeinsam mit dem Männlichkeitsbegriff zu denken und so die Wechselwirkungen zwischen biologischem und soziokulturell konstruiertem Geschlecht zu betrachten. Ich werde mich hierfür zuerst dem Heterosexismus zuwenden, da dieser machtvollsten geschlechtlichen Norm keine_r entgehen kann (vgl. Wiesendanger 2005: 28).

Wiesendanger versteht unter Heterosexismus „ein individuelles, gesellschaftliches und institutionalisiertes Denk- und Verhaltenssystem, welches Heterosexualität gegenüber anderen Formen sexueller Orientierung als überlegen klassifiziert. In unserer Kultur stellt Heterosexismus eine unreflektierte, omnipräsente Größe gesellschaftlicher Umgangsform dar, in der von frühester Kindheit an fast alle Menschen aufwachsen und der sich kaum jemand entziehen kann. Dieser Heterosexismus findet seinen idealen Nährboden auf einem patriarchalen Untergrund, welcher die heterosexuelle Männermacht und die damit verbundene Abwehr fördert. Unter diesem Machogebaren leiden seit Jahrhunderten vor allem Frauen, aber auch offen schwul lebende Männer, die natürlich durch ihren Lebensstil die Fundamente des Patriarchats in Frage stellen“ (2005: 25).

Homosexualität und homosexuelle Männlichkeit lässt sich nicht ohne die heteronormative und heterosexistische Grundordnung denken. Abhängig von der heterosexistischen Norm der Zweigeschlechtlichkeit[10] werden an Mädchen und Knaben in geschlechtlicher Hinsicht immer noch äußerst unterschiedliche gesellschaftliche Erwartungen gestellt. „Die Erziehungsmaximen für Knaben zentrieren sich auch heute noch um die weitgehende Unterdrückung von Gefühlen, um die Demonstration von Härte und um die Beseitigung aller ‚weichen’ (weil als weiblich empfundenen) Seiten“ (Rauchfleisch 2001: 178). Bei diesen Erziehungserwartungen wird selbstredend von heterosexuellen Standards ausgegangen, Zwangsheterosexualität ist ein fester Bestandteil des Aufwachsens. Eindrucksvoll schildert dies der interviewte Schwule Alan Andrews bei Connell (1999: 170): „So mit 16, 17 wurde der Druck auf Jungen sehr groß, wenn sie immer noch nicht mit einem Mädchen geschlafen hatten. Und ich war zu der Zeit noch jungfräulich. Und so habe ich mir immer ausgemalt, wie toll es sein würde, wenn ich dann endlich die Richtige gefunden hätte. Aber es war dann ein Junge“.

Natürlich sind nicht alle heterosexuellen Männer Machos und natürlich differenzieren[11] sich auch Männlichkeiten in pluralistischen Gesellschaften.[12] Das heterosexuelle Grundkonzept der Zuschreibung von Härte an Männer und Emotionalität an Frauen ist jedoch in der Geschlechterkonstruktion ungebrochen normgebend. Connell bezeichnet das dominante Konzept heterosexueller Männlichkeit als hegemoniale Männlichkeit und als die „derzeitig akzeptierte Strategie“ (ebd.: 98). Sie ist „jene Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt, eine Position allerdings, die jederzeit in Frage gestellt werden kann“ (ebd.: 97). Diese hegemoniale Männlichkeit[13] ist fest an das Konzept des Heterosexismus gebunden. Sie bringt eine patriarchalische Dividende mit sich, die in einem Zugewinn an Achtung, Prestige, Befehlsgewalt und materiellen Gütern besteht (ebd.: 103) – auch für die Komplizen dieser Männlichkeit. Und sie konstituiert sich im Wesentlichen in Abgrenzung zu Weiblichkeit oder vermuteter Weiblichkeit (ebd.: 99 f.).[14]

Nach Connell steht aus dem Blickwinkel der hegemonialen Männlichkeit homosexuelle Männlichkeit am „untersten Ende der männlichen Geschlechterhierarchie (ebd.: 99): „Alles, was die patriarchale Ideologie aus der hegemonialen Männlichkeit ausschließt, wird dem Schwulsein zugeordnet; das reicht von einem anspruchsvollen innenarchitektonischen Geschmack bis zu lustvoll-passiver analer Sexualität. Deshalb wird aus der Sicht der hegemonialen Männlichkeit Schwulsein leicht mit Weiblichkeit gleichgesetzt. Und mancher schwule Theoretiker sieht darin den Grund für die Heftigkeit homophober Angriffe“ (ebd.). Diese Instrumentalisierung zugeschriebener und behaupteter schwuler Weiblichkeit ist Teil der Praxis eines Hierarchiesystems von Männlichkeit, das bei Connell seinen Ausdruck auch in der komplizenhaften, untergeordneten und marginalisierten Männlichkeiten findet (ebd.).

Was dieses Dominanzverhältnis unter Männern und die kulturelle zweigeschlechtliche Prägung für Schwule bedeutet, pointiert Udo Rauchfleisch. Es lasse sich dazu „kaum eine extremere Gegenposition finden als die Lebensweise des schwulen Mannes, der sich gerade nicht in einem Rivalitätsverhältnis mit anderen Männer befindet, sondern einem Mann emotional und intim eng verbunden ist“ (Rauchfleisch 2001: 178). Weder eine Rivalität um Frauen treibt schwule Männer an, den heteronormativen Männlichkeitsidealen zu folgen, noch sind sie auf Beziehungsebene der geschlechtlichen Polarität ausgesetzt.[15] Von Schwulen geht so für heterosexuelle Männer die Gefahr aus, „zu einer kritischen Reflexion des traditionellen Männlichkeitsbildes und damit zum Erleben von Gefühlen ‚verführt’ zu werden“ (ebd.: 178 f.). Dies ist, nach Rauchfleisch, „wohl die tiefste Angst vieler Männer“ (ebd.: 179). Und die Befürchtung, „es könnten eigene schwule Seiten angesprochen werden, dürfte nur die Oberfläche sein“, hinter der sich die Angst vor dem emotionalen Berührtwerden verberge (ebd.).[16]

Die hegemoniale Männlichkeit sorgt auch dafür, dass Schwule kollektiv aufgrund einer vermeintlich „falschen Objektwahl in der Sexualität völlig entwertet“ werden (Connell 1999: 178). Das übliche Schwulenstereotyp sei immer noch die Tunte mit der Fallhand. „Diese Verkehrung ist ein strukturelles Merkmal von Homosexualität in einer patriarchalen Gesellschaft, und zwar völlig unabhängig von Persönlichkeit oder Identität von Schwulen […]“ (ebd.: 178 f.). Der größte Teil der Schwulen nämlich schätzt die eigene Männlichkeit als „normal“ oder durchschnittlich ein (vgl. z. B. Krell 2008: 272).

So bewegt sich der Schwule in einem Umfeld sozial sanktionierter Zweigeschlechtlichkeit, das seinen sexuellen und sozialen Bedürfnissen entgegensteht. Die zentrale Frage an die schwule Wer-Identität bezieht sich in diesem Kontext auf den Umgang mit den individuellen männlichen und weiblichen Anteilen in einer Person, und zwar beim Sex, in der Gestaltung von Beziehungen und Freundschaften, z. B. im Rollenverhalten, und bei eher funktionalen Beziehungen wie im Beruf. Teil des binären heterosexuellen Geschlechtlichkeitskonzepts ist eben auch – selbstverständlich innerhalb individueller Grenzen und nicht pauschal – die Auslagerung eher weiblich sozialisierter Fähigkeiten und Empfindungen des Mannes bei der Frau und die Auslagerung eher männlich sozialisierter Fähigkeiten und Empfindungen der Frau beim Mann.[17] So wurde und wird auch ein Großteil junger Schwuler sozialisiert. Die schwule Wer-Identität bezieht sich somit auf die Reflexion und Bewusstmachung damit verbundener Vorprägungen, Wünsche und Machtverhältnisse im Sinne der kritischen wie mythopoetischen Männerforschung und -arbeit.[18] Es geht um einen Austausch und bewussten Umgang mit Geschlechterrollen, Frauen- und Männerbildern, die jedem Menschen ansozialisiert werden. Wo ist der Junge im schwulen Mann, dem während seiner Geschlechtersozialisation oft Selbstständigkeit und Durchsetzungsvermögen anerzogen wurde? Und wo ist eine kulturell weibliche Sozialisation mit annehmendem und ausgleichendem Verhalten? Wo, wann und wie werden Gefühle artikuliert? Wo finden sich diese Verhaltensweisen in der Verwandtschaft? Wie verhalten sich diese Anteile im Beziehungsleben mit anderen homo- und heterosexuellen Männern? Und welche Implikationen bringen diese Geschlechtersozialisationen für das Sexualverhalten und das eigene Männerbild mit sich? Nach Krell (2008: 276) ist „eine Integration ‚weiblicher’ Persönlichkeitsanteile, gerade bei jüngeren Schwulen, festzustellen, die positiv gewendet auch als größere Freiheit von geschlechtsspezifischen Normen angesehen wird“.

Interessanterweise besteht bei Schwulen einerseits der Wunsch, sich von traditionellen Männerbildern abzugrenzen.[19] Andererseits gibt es eine starke Sehnsucht, in der traditionellen Männerwelt akzeptiert zu werden. „Als schwules Ideal wird eine Männlichkeit konstruiert, die in weiteren Teilen der hegemonialen Männlichkeit entspricht. Effeminierte schwule Männlichkeit kann als untergeordnete schwule Männlichkeit bezeichnet werden“ (Krell 2008: 276). Connell beurteilt eine hegemonial auftretende schwule Männlichkeit wegen ihres abweichenden Begierdeschemas als „nicht stabil“ (1999: 179). Hegemoniale Männlichkeit ist kulturell durch die entgegengesetzte Objektwahl beim Geschlechtsverkehr konstruiert. Das schwule Begierdeschema ist somit a priori konflikthaft und unsicher. Dieses Dilemma des Pendelns zwischen dem Wunsch nach Anerkennung durch hegemoniale Männlichkeit und dem Wunsch, sich von ihr abzugrenzen, spiegelt auch die grundsätzlichen Möglichkeiten des Schwulen im Umgang mit dem eigenen Anderen. Schwule sehen sich so, oft unbewusst, mit der Assoziation oder Dissoziation weiblicher oder männlicher Persönlichkeitsanteile konfrontiert – je nach dem ob sie sich in Unterwerfung oder Rebellion zu hegemonialer Männlichkeit positionieren (müssen).

Mit dem assoziativen Charakter der Wer-Identität verfolgen wir hier den Pfad der Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile. Da Schwule in ihrem Begierdeschema sowieso aus der binären heteronormativen Geschlechterprogrammierung von männlich und weiblich herausfallen, stehen ihnen Möglichkeiten, jenseits traditioneller Geschlechteraufteilungen offen. Sie können mit ihren weiblichen und männlichen Anteilen spielen, experimentieren, um diese zu reflektieren und zu erfahren. Nimmt man die kulturelle binäre Programmierung dieser Eigenschaften hinzu und damit ihre herrschaftliche Bedingtheit, besitzen Schwule die Möglichkeit, ein integratives und individuell zugeschnittenes Geschlechtlichkeitsmuster zu entwickeln. Im Bereich des Undoing Gender (vgl. Perko 2009: 22 f.), also in der Dekonstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit als kategoriale Gesamtpakete, liegt ein kreatives Potential, das sich der Einzelne zunutze machen kann. Dazu gehört auch die Gegenbewegung: Konstruktion (Doing Gender) von Geschlechtlichkeit im täglichen miteinander. Zur Wer-Identität werden diese Konstruktionen und Dekonstruktionen, wenn sie bewusst werden, wahrgenommen werden, gelebt werden und auch bearbeitet werden, reflektiert auch in Bezug auf das ausgeschlossene Andere.[20] Dazu gehört vor allem auch die Wahrnehmung von schwulen Männlichkeit en unter den Schwulen selbst. Und dazu gehört auch die Bewusstmachung der Herrschaft von „normaler“ schwuler Männlichkeit über effeminierte schwule Männlichkeit.[21] Das Vorurteil des effeminierten Schwulen kommt schließlich aus dem heterosexistischen Konzept hegemonialer Männlichkeit.

[...]


[1] Die stärkeren homophoben Einstellungen bei heterosexuellen Männern im Vergleich zu heterosexuellen Frauen sind vielfach nachgewiesen (vgl. Rauchfleisch 2001: 177).

[2] Zur Normativität der identitätstheoretischen Entwicklungsmodelle von Erikson vgl. Keupp 1998: 241.

[3] Eine psychologisch-ursächliche Definition von Homophobie liefert Wiesendanger (2005: 25): „Homophobie bezeichnet […] eine gegen Schwule und Lesben gerichtete individuelle und soziale Aversion, welche Vordergründig mit Abscheu und Ärger, tiefgründig und meist unbewusst hingegen mit Angst in Bezug auf Unsicherheiten in der eigenen (sexuellen) Identität einhergeht.“. Er liest sie als die „unbewusste Verachtung des Weiblichen im Manne“ (ebd.).

[4] Wiesendanger begreift vier gängige Diskriminierungsformen – Homophobie, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus – als vier Abwehrformen der existentiellsten Identitätsformen sexueller Identität, Geschlechterrollenidentität, kulturelle Identität und religiöse Identität. „Werden diese in Frage gestellt, wenden sie sich – meist unbewusst – in Form von aggressiven Projektionen gegen die vermeintlichen Verursacher im Umfeld. […] Aus tiefenpsychologischer Sicht handelt es sich bei Homophobie – wie bei Sexismus, Rassismus, Antisemitismus – um eine meist unbewusste Angst vor der Infragestellung der eigenen Identität. Diese Angst hat hintergründig mit den angegriffenen Individuen und Gruppen nichts zu tun, sondern verweist auf die Unsicherheit der Aggressoren selbst“ (Wiesendanger 2005: 26 f.).

[5] Identitätshierarchien meinen hier die Hierarchisierung von Verfügungsrechten: Je mehr das Individuum mit dem Mainstream identisch ist, desto mehr gesellschaftliche Verfügungsrechte stehen ihm zur Verfügung, und umgekehrt.

[6] Woltersdorff weist am Beispiel des schwulen Coming-outs auf die ständige Prozesshaftigkeit von Identitätsfindungsprozessen hin: „Coming-out-Prozesse machen also deutlich, dass Identitätsfindung und -Behauptung kein einmaliger Akt ist, sondern ein dauerhafter Prozess aus einer Kette von unterschiedlichen Coming-outs, mit deren Entwicklung sich die Bedeutung schwuler Identität beständig verschiebt“ (2005: 132).

[7] Vgl. dazu auch den Freiheitsbegriff von Odo Marquard (1986), nach dem das Individuum dadurch frei wird, dass es viele, zum Teil widersprüchliche Einflüsse gibt – nicht dadurch, dass es keine Widersprüche gibt. Marquard spricht von einem „Determinantengedrängel“.

[8] Das schließt nicht aus, dass sich auch männlich empfindende Transsexuelle vor der Geschlechtsumwandlung als schwul bezeichnen. Ausschlaggebend ist aus der Sicht der Wer-Identität die Selbstdefinition des eigenen Geschlechts sowie das eigene Begehren.

[9] Vgl. zum Beispiel die Position von Stephen Fry (1998) in seiner Autobiografie „Columbus war ein Engländer. Geschichte einer Jugend“ sowie die von Rosa von Praunheim (1993) in „50 Jahre pervers. Die sentimentalen Memoiren des Rosa von Praunheim“.

[10] Bis in die 1990er Jahre wurde über Lesben und Schwule unter Lesben und Schwulen häufig vom „dritten Geschlecht“ gesprochen. Die Konstruktion getrennter Identitäten für homosexuell liebende Frauen und Männer ist nach Woltersdorff das Resultat eines Wunsches nach „Siegeridentitäten“, der um die letzte Jahrtausendwende entstand (2005: 180 f.).

[11] Diese Differenzierung lässt sich zum Beispiel an der Männerbewegung und ihren Differenzierungen oder an der Männerforschung ablesen (vgl. Perko 2009: 26 ff.).

[12] „Unter Schwulen ist nach Ansicht von Connell der Gedanke weit verbreitet, dass sich Geschlechterunterschiede verringert haben und sich Männer und Frauen immer weiter annähern. Die befragten schwulen Männer sehen zum Teil Veränderungen heterosexueller Männlichkeit, die unter der Bezeichnung Metrosexualität als ‚Homosexualisierung’ beschrieben werden können. Aber auch eine gleichberechtigtere Rollenverteilung in heterosexuellen Partnerschaften wird von den Befragten […]“ konstatiert (Krell 2008: 275).

[13] Connell definiert hegemoniale Männlichkeit als „jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis […], welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll)“ (1999: 98). Bei seinen Kategorien von Männlichkeit (hegemonialer, marginalisierter usw.) handelt es sich nicht um Charaktertypen, sondern um „Handlungsmuster, die in bestimmten Situationen innerhalb eines veränderlichen Beziehungsgefüges entstehen (ebd.: 102).

[14] Die symbolisch konstruierte Nähe zur Weiblichkeit durch hegemoniale Männlichkeit wird in einer Reihe von von Connell (1999: 100) zusammengetragenen Schimpfworten, die dem Ausschluss von homo- und heterosexuellen Männern aus dem Kreis der tatsächlich legitimierten Hegemonialen dienen, deutlich: „Schwächling, Schlappschwanz, Muttersöhnchen, Waschlappen, Feigling, Hosenscheißer, Saftarsch, Windbeutel, halbe Portion, Brillenschlange, Milchbrötchen, Memme, Streber“. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Schimpfwort unseres Tennislehrers: laare Hosen, laare (leere Hose) hat er uns Kindern immer gerufen, wenn einer den Ball nicht getroffen hat.

[15] Nach Connell liegt homoerotische Anziehung gerade auch in der Konfrontation mit dem Ebenbild des gleichen Geschlechts. Die ähnliche Gestalt des Körpers verwirre und beruhige zugleich. Die Ähnlichkeit mache die Erkundung des anderen Körpers gleichzeitig zur Erkundung des eigenen (1999: 173). In den Worten des schwulen, von Connell interviewten Dean hört sich das so an: „Einem Mann kann ich mich viel näher fühlen, weil er den gleichen Körper wie ich hat … Wenn ich mit einem Mann Sex habe, kann ich herausfinden, wie ich mich wohler fühle… Ich kann dabei wirklich mehr über meinen Körper erfahren […]“ (ebd.: 172).

[16] Während meiner Berufsausbildung forderte mich mein Ausbilder vor dem gemeinsamen Treffen mit einem schwulen Kunden halb im Scherz auf, dass ich mich, wenn er kommt, mit dem Hintern zur Wand stellen soll. In Rauchfleischs Worten steht die Angst vor analer Sexualität zunächst für die Angst, emotional berührt zu werden, oder, pauschaler, als Angst vor den eigenen Gefühlen.

[17] Bzgl. Rollenverhalten und dessen Dekonstruktion bei lesbischen Müttern vgl. Dunne 1998; bzgl. archetypischer Weiblich- und Männlichkeit vgl. Obrist 1990 und Jung 2008; bzgl. Männlichkeit, Weiblichkeit und An­drogynität in der chinesischen Alchemie vgl. Colegrave 1980).

[18] Beide Ansätze der Männerbewegung in Gegenüberstellung vgl. Perko 2009: 30.

[19] Schwule sind lt. Connell (1999: 177 f.) und Krell (2008: 274 f.) mit dem Dilemma konfrontiert, dass sie einerseits die Anerkennung durch hegemoniale Männlichkeit suchen, andererseits aber ein Abgrenzungsbedürfnis gegenüber heterosexuellen Männern haben, die als Zurückweisung des in der Sozialisation vermittelten Männerbild gelesen werden kann. Schwule befinden sich so auf der einen Seite in der Identifikation mit einem herrschaftlich-bürgerlichen Männerbild, andererseits bedeutet für sie der Umgang mit Heterosexualität oftmals „eine kulturelle und auch physische Distanz herzustellen“ (Connell 1999: 178)

[20] Hier wird nicht einer Beliebigkeit oder unendlichen Gestaltbarkeit von individuellen schwulen Wer-Identitäten das Wort geredet. Die Wer-Identität bedient sich nicht aus einem Supermarkt identitärer Möglichkeiten, die man sich nach Lust und Laune an- und ausziehen kann (vgl. Meuser/Behnke 1998: 8). Sie sieht ihre Chance vielmehr in der Selbsterfahrung, in der Bewusstmachung individuellem geschlechtlichem Gewachsensein, seiner gesellschaftlichen Bedingtheit sowie in der Erarbeitung unbewusster/versteckter Wünsche und Phantasien. Im Sinne der kritischen Männerforschung in Ahnlehnung an Bourdieu besteht die Aufgabe der Arbeit mit der Wer-Identität auch darin, die gesellschaftlich gesetzten und gewaltsam sanktionierten Grenzen von Männlichkeitskonstruktionen in Richtung Homosexualität, Transsexualität, Weiblichkeit etc. aufzuzeigen (vgl. Perko 2009: 29) und deren Bedeutung für das eigene Leben zu erfassen.

[21] Die Macht hegemonial-männlicher Außenzuschreibungen, die Schwule pauschal als effeminierte Tunten darstellt, zeigt sich u.U. auch bei hegemonial-männlich auftretenden Schwulen. Unter ihnen besteht nach Krell die Befürchtung, dass effeminierte Schwule für die Verstärkung des Vorurteils der effeminierten Tunte verantwortlich seien. Ein Beispiel dafür gibt der von Krell interviewte Lothar: „(…) diese Vorurteile, die auch in diesen Köpfen doch noch sind, die werden natürlich durch solche Paraden zum CSD wieder, kriegen die Feuer, ja. Wenn da diese Huschen rumrennen, ja, also die sollen ruhig sich ausleben, hab’ ich nichts dagegen, aber nicht in der Öffentlichkeit dieses Bild machen. Ja. ‚Alle Schwulen sind Tunten’, verstehen’s? Das ist fürchterlich“ (Krell 2008: 274).

Ende der Leseprobe aus 99 Seiten

Details

Titel
Wer-Identität und Alltagskonflikte von Schwulen
Untertitel
Theorie, Empirie und ein Vorschlag für ein Trainingskonzept für die Erwachsenenbildung von schwulen Männern
Hochschule
Fachhochschule Potsdam  (Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Master-Thesis
Note
1,2
Autor
Jahr
2012
Seiten
99
Katalognummer
V336839
ISBN (eBook)
9783656984931
ISBN (Buch)
9783656984948
Dateigröße
912 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identität, Homosexualität, Alltagskonflikte, Heteronormativität, Sexismus, schwul, Gruppe
Arbeit zitieren
Dominik Sommer (Autor), 2012, Wer-Identität und Alltagskonflikte von Schwulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/336839

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