Jean Piagets Theorie der geistigen Entwicklung

Vergleich von prä-operationalem und konkret-operationalem Stadium im Hinblick auf Klassifikation, Relationen und Zahlbegriff


Hausarbeit, 2010
18 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Jean Piagets Theorie der geistigen Entwicklung von Kindern
Tests, Beobachtungen, klinische Untersuchungsmethode: Vorteile und Nachteile
Die vier Phasen der geistigen Entwicklung

3. Klassifikation
Was ist eine Klasse?
Stadium 1: „figürliche Sammlungen“
Stadium 2: Klassifizierung ohne Lösen des Klasseninklusionsproblems
Stadium 3: Dezentrierung der Aufmerksamkeit und Lösen des Klasseninklusionsproblems

4. Relationen
Stadium 1: Keine Reihenbildung
Stadium 2: Teilweise Reihenbildungen ohne systematische Vergleiche
Stadium 3: Reihenbildung durch Dezentrierung der Aufmerksamkeit

5. Zahlbegriff
Stadium 1: Globaler Vergleich ohne Stück-für-Stück-Korrespondenz und dauernde Äquivalenz
Stadium 2: Anschauliche Stück-für-Stück-Korrespondenz ohne dauernde Äquivalenz
Stadium 3: Fehlerfreie Korrespondenz mit dauernder Äquivalenz

6. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was können Kinder im Alter von zwei bis elf Jahren? Welche auftretenden Probleme können sie bereits lösen und welche bereiten ihnen noch Schwierigkeiten? Wie flexibel ist ihr Denken? Wie sehen sie die Welt? Inwiefern unterscheidet sich ihre Art zu Denken von der Denkweise erwachsener Menschen?

Auf diese und noch viele weitere Fragen zum Thema „kognitive Entwicklung von Kindern“ suchte der schweizer Biologie Jean-Piaget in den Jahren zwischen 1920 und 1980 mögliche Antworten. Einige seiner Ideen und Ergebnisse möchte ich auf den folgenden Seiten erläutern und kritisch betrachten. Ich habe mich hierbei auf Piagets Stadienmodell der kognitiven Entwicklung und insbesondere auf das zweite, prä-operationale und das dritte Stadium der konkreten Operationen beschränkt. Diese beiden Entwicklungsstadien werde ich unter den besonderer Berücksichtigung der Aspekte Klassifikation, Zahlbegriff und Relationen miteinander vergleichen.

Es ist schwierig, zwei Entwicklungsstadien zu betrachten, ohne die beiden anderen, nämlich das sensumotorische und das formal-operationale Stadium, zu kennen, da die verschiedenen Entwicklungsstadien laut Piagets Theorie aufeinander aufbauen. Aus diesem Grund werde ich auch das erste und das vierte Stadium kurz zusammenfassen, um einen besseren Überblick über Piagets Grundideen zu geben.

Bevor ich aber zum Vergleich der beiden Stadien komme, muss Piagets Forschungsmethode erläutert werden. Sie unterscheidet sich wesentlich von den sonst üblichen Methoden in der Psychologie und bedarf deshalb besonderer Aufmerksamkeit.

2. Jean Piagets Theorie der geistigen Entwicklung von Kindern

Jean Piaget wurde im Jahr 1896 in Neuchâtel, einer kleinen Stadt in der Schweiz geboren. Er interessierte sich schon früh für die Natur und beobachtete verschiedene Tiere wie zum Beispiel Albino-Spatzen und Weichtiere, auch Mollusken genannt, über die er im Alter von 15-18 mehrere Artikel verfasste. Nachdem er die Schule beendet hatte, studierte Piaget Biologie und interessierte sich unter anderem sehr für die Erkenntnistheorie, die sich mit dem Wissen beschäftigt und einen fachübergreifenden Zweig der Philosophie darstellt. 1918 promovierte er mit einer Dissertation über die Weichtiere in den Walliser Seen (Piaget, Hrsg. Fatke 2003, S.18).

Ab 1920 arbeitete Piaget für Doktor Théophile Simon im Binet-Laboratorium in Paris. Hier lernte Piagets das Versuchsverfahren mit standardisierten Tests kennen. Der Versuchsleiter darf hierbei die Fragen auf den Fragebögen nicht umformulieren oder abändern. (Ginsburg/Opper 2004, S.13ff.). Piaget merkte aber schnell, dass die falschen Antworten der Kinder weitaus interessanter waren als die richtigen Antworten. Da Kinder in bestimmten Altersstufen oft ähnliche falsche Antworten gaben, kam Piaget zu dem Schluss, dass sich das Denken der Kinder im Laufe ihrer Entwicklung verändern musste, „die Gedanken jüngerer Kinder waren einfach qualitativ verschieden von denen älterer“ (Ginsburg/Opper 2004, S.15). Diese Erkenntnis ließ Piaget nicht mehr los. Er beschäftigte sich bis zu deinem Tod 1980 mit der geistigen Struktur von Kindern, ihrem Denken und ihrer Logik. Die Liste seiner herausgegebenen Werke umfasst 400 Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zu verschiedenen Aspekten seines Spezialgebiets: Der kognitiven Entwicklung von Kindern (Piaget 2003, S.2).

Tests, Beobachtungen, klinische Untersuchungsmethode: Vorteile und Nachteile

Piaget verwendete im Verlauf seiner langjährigen Untersuchungen unterschiedliche Forschungsmethoden. Standardisierte Tests lehnte er ab, er wollte „auf jeden fixen Fragebogen verzichten“ (Piaget 1978, S.15). Vorformulierte Fragenkataloge waren ihm zu unflexibel, da zum Beispiel eine Frage nicht umformuliert werden konnte, wenn ein Kind sie nicht richtig verstand. Zudem war es denkbar, dass ein Kind im praktischen Handeln schon zu einer gewissen Leistung fähig ist, diese aber noch nicht in Worte fassen kann (Piaget, Hrsg. Fatke 2003, S.19).

Wenn Piaget mit Säuglingen arbeitete, war es selbstverständlich nicht möglich, die Kinder nach ihren Meinungen und Fähigkeiten zu befragen. Deshalb hielt der Wissenschaftler eine zweite Untersuchungsmethode für unerlässlich: Das Beobachten (Piaget 1978, S.16). Als Vater dreier Kinder hatte Piaget die Möglichkeit, seinen Sohn Laurent und seine beiden Töchter Lucienne und Jaqueline intensiv beim Spielen, Essen, Trinken und „arbeiten“ zu beobachten. Viele seiner Behauptungen und Theorien basieren auf den Beobachtungen dieser drei Kinder. Die Beobachtungen wurden ausschließlich von Piaget selbst und seiner Frau durchgeführt. Meiner Meinung nach sind seine Ergebnisse deshalb „mit Vorsicht zu genießen“, denn Eltern sind nie neutrale Beobachter. Sie sind stets emotional eingebunden und sehen ihre eigenen Kinder mit anderen Augen, als andere Menschen es tun würden. Außerdem lässt sich von den Beobachtungen von nur drei Kindern schwer auf alle Kinder im Alter von null bis zwei Jahren schließen. Natürlich ist es bei kleinen Kindern, deren Handeln noch stark von angeborenen Reflexen bestimmt wird, noch einfacher, auf das Verhalten aller Säuglinge zu schließen, als bei größeren Kindern, trotzdem halte ich es für notwendig, dass seine Behauptungen von anderen Wissenschaftlern noch einmal überprüft und verifiziert werden, bevor man sie als allgemein anerkannte Tatsachen veröffentlicht.

Allerdings sollte man die Vorteile einer solchen Längsschnittuntersuchung ebenfalls nicht unterschätzen. Piaget hatte gegenüber fremden Beobachtern den Vorteil, dass er die untersuchten Personen gut kannte und somit auch Dinge entdecken konnte, die ein anderer nicht gesehen hätte, da er sich vielleicht zu sehr auf einen Aspekt der Untersuchung konzentriert hätte. Außerdem konnte Piaget seine Kinder über einen langen Zeitraum und noch dazu in natürlicher Umgebung beobachten. Es konnten also spontane Situationen sein, in denen dem Vater und Wissenschaftler interessante Verhaltensweisen seiner Kinder aufgefallen sind; das Ergebnis konnte nicht durch einen komplizierten Versuchsaufbau oder eine ungewohnte Umgebung für die Kinder verfälscht werden.

Piaget wusste aber, dass das reine Beobachten einer Situation noch nicht zwangsläufig Aussagen darüber tätigen lässt, was ein Kind wirklich denkt und fühlt. Es könnte ja auch bloß einen Spaß machen und auf eine ernste Frage ganz anders antworten. Später wendete der Schweizer deshalb die klinische Untersuchungsmethode an. Diese wird auch von Psychiatern bei der Diagnosestellung verwendet (Piaget 1978, S.18). Er befragte die Kinder zu bestimmten Sachverhalten, indem er ihnen kurze Geschichten erzählte, sie diese wiederholen ließ, um sicher zu gehen, dass die Geschichten auch richtig verstanden worden waren, und fragte die Kinder anschließend nach ihrer Meinung dazu. Er stellte verschiedene Fragen, präzisierte sie und ging auf die Antworten des Kindes ein. Die Ergebnisse einer solchen Forschungsmethode sind schwer auszuwerten. Selbst wenn Piaget in seinen Büchern die Dialoge vollständig wiedergibt, ist es für den Leser nicht erkennbar, wie ein Kind eine Antwort gegeben hat. Vielleicht antwortete es spöttisch oder (bei etwas älteren Kindern) ironisch. Auch vermeidet Piaget es oft, zu erwähnen, wie oft er das vorgestellte Ergebnis denn tatsächlich auch bei den Kindern festgestellt hat.

Piaget beobachtete fünf verschiedene Reaktionstypen bei Kindern vom „Mir-ist-es-Wurstismus“ (franz.: „n’importequisme“) (Piaget 1978, S.20) bis hin zur „spontanen Überzeugung“ (Piaget 1978, S.21), auf die ich hier nicht eingehe, da sie mich zu weit vom eigentlichen Thema abbringen würden. Was aber bei diesen Antworttypen auffällt, ist, dass der Wissenschaftler eine mögliche Reaktion völlig außer Acht lässt: Die stille Reaktion, das Schweigen des Kindes. Nur ein Blick oder eine Geste könnten schließlich auch eine Antwort sein.

Ein Problem dieser Befragungsmethode erkannte Piaget selbst: Sie war sehr abstrakt. Die Kinder mussten sich immer etwas vorstellen, die Geschichte in ihrem Kopf wiederholen, „sich also ein Bild von der Szene machen“ (Ginsburg/Opper 2004, S.150). Piaget ging deshalb dazu über, die Kinder mit konkreten Gegenständen und Problemen zu konfrontieren, ihnen also mit den Händen lösbare Aufgaben zu stellen. Ginsburg und Opper nennen diese Methodik die „revidierte klinische Methode“ (2004, S.149). Piaget erkannte, dass

„…das Gespräch mit dem Kind sowohl sehr viel sicherer als auch sehr viel fruchtbarer [ist], wenn es im Zusammenhang mit praktischen Versuchen an angemessenem Material stattfindet und wenn das Kind, anstatt im Leeren zu überlegen, zunächst handelt und erst dann über seine eigenen Handlungen spricht“ (Piaget 1972a, S.9).

Auch diese Methode kann leider nicht vollständig auf Sprache verzichten, da den Kindern oft mündliche Handlungsanweisungen gegeben werden und das Kind mit Worten erklärt, was es wie und warum gerade so und nicht anders getan hat.

Über diese Tests muss deshalb gesagt werden: Wenn das Kind eine ihm gestellte Aufgabe erfolgreich lösen kann, lässt sich daraus schließen, dass es einen gewissen Entwicklungsstand erreicht hat. Kann es die Aufgabe aber nicht lösen, lässt sich der Umkehrschluss nicht ziehen: Es kann trotzdem sein, dass das Kind unter anderen Bedingungen, mit anderen Anweisungen, an einem anderen Tag, an dem es motivierter, wacher oder aufmerksamer ist, das Problem hätte lösen können.

Es ist nicht zu leugnen, dass Piagets Forschungsmethode sowohl Vorteile als auch Nachteile hat, meiner Meinung nach überwiegen jedoch die Vorteile. Da Piaget seine Kinder gut kannte und ein „überdurchschnittlich einfühlsamer Beobachter“ (Ginsburg/Opper 2004, S.45) war, ist es viel unwahrscheinlicher, dass ein Ergebnis zufällig entstanden ist und eine Reaktion von Seiten des Kindes falsch gewertet wurde. Auch bei der klinischen Methode sehe ich deutliche Vorteile gegenüber einer standardisierten Befragung: Der Versuchsleiter kann besser auf das Kind eingehen und am Ende des Tests sicherer sein, dass er das Kind und das Kind ihn richtig verstanden haben.

Die vier Phasen der geistigen Entwicklung

Jean Piaget hat in keinem anderen Bereich die Entwicklung des Kindes so präzise in unterschiedliche Stadien unterteilt wie im Bereich der „geistigen Operationen“ (Piaget 1976, S.46). Diese Stadien unterliegen laut Piaget gewissen Kriterien (Piaget 1976, S.47f). Zwei davon seien hier kurz dargestellt: Zum einen durchläuft jedes Kind die verschiedenen Entwicklungsstadien oder –stufen in der gleichen Reihenfolge. Natürlich entwickeln sich nicht alle Kinder gleich schnell, jedoch bleibt die „Reihenfolge der erworbenen Verhaltensweisen“ (Piaget 1976, S.47) beständig. Zum anderen ist das Erreichen einer Entwicklungsstufe notwendige Voraussetzung für das Erreichen der nächsten Stufe. Alles in einer Stufe Gelernte wird in die nächste Stufe „integriert“ (Piaget 1976, S.47). In einer von ihm selbst zusammengestellten Zusammenfassung seiner Theorien beschreibt Piaget diese beiden Voraussetzungen mit dem Satz:

„Wenn wir uns auf die Hauptstrukturen beschränken, ist es ohne weiteres offenkundig, dass kognitive Stadien eine sequenzielle Eigenschaft besitzen; d.h., dass sie in festliegender Abfolge auftreten, weil jede von ihnen notwendig für die Bildung der folgenden ist“ (Piaget 2003, S.65).

Die erste Stufe der geistigen Entwicklung nennt Piaget die „Phase der sensomotorischen Intelligenz“ (Piaget 1976, S.50). Sie dauert von der Geburt bis etwa zur Vollendung des zweiten Lebensjahrs. Sie umfasst sechs Stadien: Während des ersten Monats übt das Kind angeborene Reflexe. In den folgenden Monaten und Stadien entwickelt das Kind erste Gewohnheiten, Koordiniert das Sehen und das Greifen, und wendet vorhandene Verhaltensschemata auf unbekannte Situationen an (Piaget 1976, S.50f). Laut Ginsburg und Opper ist in Piagets Theorie ein Schema ein „strukturiertes Verhaltensmuster“ (2004, S.36). Das Kind lernt, zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden. Es entwickelt einen Objektbegriff, versteht, dass Objekte auch unabhängig von seiner Wahrnehmung existieren (Ginsburg/Opper 2004, S.90).

Die zweite Stufe in Piagets Stadienmodell ist das prä-operationale oder prä-operative Stadium und dauert von zwei bis etwa sieben Jahre. Kennzeichnend für dieses Alter ist das Einsetzen der „Symbolfunktion“ (Piaget 1976, S.52). Das Kind benutzt Wörter Gegenstände symbolisch, handelt also „als-ob“. Es ist außerdem in der Lage sich Situationen zu merken und später nachzuahmen. Es macht sich in seinem Kopf ein Bild von dem Erlebten und kann es später „verschoben“ nachahmen (Piaget 1976, S.52). Weitere Merkmale dieses Stadiums werde ich später erläutern.

Die Stufe der konkreten Operationen (auch konkret-operationales oder konkret-operatives Stadium) erreichen Kinder etwa mit sieben Jahren; sie dauert etwa bis zum Alter von elf bis zwölf Jahren an. Kinder in diesem Alter können Probleme mit konkreten Gegenständen gut lösen, ihr Denken ist flexibler als im vorhergehenden Stadium, die lassen sich nicht mehr so leicht von der Meinung und den Rückfragen eines Erwachsenen beeinflussen.

Das letzte Stadium ist das Stadium der formalen Operationen (auch formal-operationales oder formal-operatives Stadium). Es setzt im Alter von elf bis zwölf Jahren ein. Die Jugendlichen sind nun in der Lage, abstrakt zu denken, Hypothesen aufzustellen und systematisch zu testen (vgl. Piaget 1976, S.54).

Selbstverständlich können Piagets Altersangaben nur Schätzungen bzw. Annäherungen sein. Es ist von vielen Faktoren abhängig, wie schnell sich ein Kind entwickelt. Auch ist es denkbar, dass ein Kind in Bezug auf das Klassifikationsverhalten bereits im dritten Stadium der konkreten Operationen angelangt ist, während es sich in Hinblick auf das Zahlenverständnis noch im prä-operationalen Stadium befindet.

Da Piaget es also nicht nur an einem Versuch und einer gefundenen Lösung eines Kindes festgemacht hat, in welchem Stadium sich derjenige befindet, ist es einfacher, statt einem ganzen Stadium einzelne Aspekte zu beleuchten, die Piaget studiert hat, und den Umgang der Kinder verschiedenen Alters mit diesen Begriffen und den dahinter stehenden Versuchen zu vergleichen. In diesem Fall sind das die Klassifikation, der Zahlbegriff und die Relationen.

3. Klassifikation

Was ist eine Klasse?

Bevor ich erkläre, wie Piaget das Klassifikationsverhalten von Kindern untersucht hat, möchte ich erst knapp erklären, was für ihn die wichtigsten Eigenschaften einer Klasse waren.

1. Kein Element kann gleichzeitig zwei Klassen zugeordnet werden. Es gehört entweder zu Klasse A oder B oder C usw., aber nie zu A und C, A und B usw.
2. „Alle Elemente einer Klasse haben etwas gemeinsam“ (Ginsburg/Opper 2004, S.153). Sie sind zum Beispiel groß oder klein, rot oder grün.
3. Um eine Klasse zu bestimmen, kann man, statt die Gemeinsamkeit der Elemente einer Klasse zu benennen, auch alle Elemente der Klasse aufzählen.
4. Die gemeinsame Eigenschaft aller Elemente in einer Klasse gibt an, welche Elemente in die Klasse gehören und welche nicht.

Piaget untersuchte nun, ob Kinder zwischen zwei und elf Jahren solche Klassen bilden – von sich aus oder wenn sie dazu aufgefordert werden. Er unterteilte die Entwicklung des Klassifikationsverhaltens in drei Stadien: Die ersten beiden Stadien beschreiben das prä-operationale Denken, in Stadium drei befindet sich das Kind auf der Stufe der konkreten Operationen. (Ginsburg/Opper 2004, S.154)

Stadium 1: „figürliche Sammlungen“

In diesem Stadium befinden sich die Kinder meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. In seinem Buch „Die Entwicklung der elementaren logischen Strukturen“ (Piaget 1973, S.46, zit. nach Ginsburg/Opper 2004, S.154), beschreibt Piaget folgenden Versuch:

Die Versuchsteilnehmer bekamen flache Holz- und Plastikscheiben unterschiedlicher Farbe und Form vorgelegt: Quadrate, Ringe, Halbringe und Dreiecke. Kinder im ersten Stadium ordneten die Gegenstände offensichtliche willkürlich, „ohne übergreifenden Plan“ (Ginsburg/Opper 2004, S.154) den Klassen zu. Sie verwendeten oft nicht alle zur Verfügung stehenden Gegenstände. Manchmal suchten die Kinder ähnliche Gegenstände zusammen, manchmal bildeten sie aber auch eine Gruppe mit Elementen, die keinerlei Gemeinsamkeiten aufwiesen (z.B. ein blaues Dreieck und ein roter Kreis).

Einige Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren bauten auch interessante Muster aus den verschiedenen geometrischen Formen: „Ein Kind legte mehrere Kreise und Quadrate … zusammen und erklärte dann, es sei der Eiffelturm“ (Ginsburg/Opper 2004, S.155). Piaget nennt diese Anordnungen „figürliche Sammlungen“ (Piaget 1972b, S.107).

Stadium 2: Klassifizierung ohne Lösen des Klasseninklusionsproblems

Fünf bis sieben Jahre alte Kinder sind laut Piagets Untersuchungen in der Lage, die oben genannten Gegenstände in Klassen einzuteilen. Das Kind im zweiten Stadium bildet zwei Klassen, nämlich die der „Vielecke“ und die der „kurvenförmigen Objekte“ (Ginsburg/Opper 2004, S.156f.). Aus diesen Klassen bildet das Kind noch einmal je zwei Unterklassen: Es macht auf der einen Seite einen Haufen mit Dreiecken und einen mit Quadraten und auf der anderen Seite einen Haufen aus Halbkreisen und einen aus Kreisen. Es bildet also eine Hierarchie aus zwei Klassen und je zwei Unterklassen. Zudem behält es ein Kriterium des Zuordnens bei: Es ordnet die Gegenstände den Klassen in jeder Stufe der Hierarchie nach der Form zu, nicht etwa einmal nach der Form und einmal nach der Farbe.

Was das Kind im prä-operationalen Stadium nach der Meinung Piagets noch nicht versteht, ist die „Beziehung zwischen den verschiedenen Ebenen der Hierarchie“ (Ginsburg/Opper 2004, S.157). Nehmen wir an, das Kind hätte die Quadrate unterteilt in blaue und rote Quadrate. Sagen wir die Quadrate sind B, die roten Quadrate sind A und die blauen Quadrate sind A’. Was können wir also über die Inklusionsbeziehungen zwischen den Ebenen der Hierarchie sagen? Unter anderem folgendes: A + A’ = B und B – A = A’ ebenso wie B – A’ = A ist. Wir können außerdem sagen: B > A ebenso wie B > A’. Das heißt, wenn wir wissen wollen, ob es mehr Quadrate (B) oder mehr rote Quadrate (A) gibt, ist die Antwort eindeutig: Es gibt mehr Quadrate. Also B > A, da A ja in B enthalten ist. A ist Element von B.

Dem Kind im prä-operationalen Stadium gelingt es nicht, diese Einschachtelung zu erkennen. Es würde also auf die Frage „Gibt es mehr Quadrate oder mehr rote Quadrate?“ antworten: „Mehr rote Quadrate!“, wenn es mehr rote als blaue Quadrate gibt. Denn:

„Wenn das Kind an den Teil A denkt, bleibt B nicht mehr als Einheit erhalten, und der Teil A ist dann nur noch vergleichbar mit dem komplementären Teil A’ (es antwortet folglich „von beiden gleich viel“ oder, falls [mehr rote Quadrate] vorhanden sind, „mehr [rote Quadrate]“ (Piaget 1972b, S.108).

Sobald das Kind also zwei Untergruppen gebildet hat, ist es nicht mehr in der Lage, zwei Ebenen der Hierarchie gleichzeitig in Betracht zu ziehen. Diese Inklusionsbeziehungen versteht das Kind erst ab einem Alter von etwa sieben oder acht Jahren.

Stadium 3: Dezentrierung der Aufmerksamkeit und Lösen des Klasseninklusionsproblems

Das Kind im Alter zwischen sieben oder acht und elf Jahren kann das eben beschriebene Klasseninklusionsproblem lösen. Es kann erkennen, dass die roten Quadrate in der Klasse der Quadrate enthalten sind und deshalb mehr Quadrate als rote Quadrate (oder blaue Quadrate) vorhanden sein müssen. Es hat seine Aufmerksamkeit „dezentriert“ (Ginsburg/Opper 2004, S.160). Es zieht ebenso das Ganze wie einen Teil des Ganzen in Betracht.

Das Kind befindet sich nun im Alter der konkreten Operationen. Es muss allerdings erwähnt werden, dass das Kind hauptsächlich richtige Antworten gibt, wenn es nach konkreten Gegenständen gefragt wird, die es sehen und anfassen kann. Muss es sich eine Klasse von Gegenständen nur vorstellen, kann es durchaus noch falsche Antworten geben. Diese „Kluft zwischen sprachlichen und konkreten Schlußfolgerungen [sic!]“ (Ginsburg/Opper 2004, S.160) ist typisch für das konkret-operationale Stadium.

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Details

Titel
Jean Piagets Theorie der geistigen Entwicklung
Untertitel
Vergleich von prä-operationalem und konkret-operationalem Stadium im Hinblick auf Klassifikation, Relationen und Zahlbegriff
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V337019
ISBN (eBook)
9783668266346
ISBN (Buch)
9783668266353
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jean, piagets, theorie, entwicklung, vergleich, stadium, hinblick, klassifikation, relationen, zahlbegriff
Arbeit zitieren
Annika Fleischmann (Autor), 2010, Jean Piagets Theorie der geistigen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337019

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