Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung

Ein internationaler Vergleich von US- und Bundestagswahlen in New York Times, Chicago Tribune, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung


Masterarbeit, 2009
140 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

I. Theorie
2 Wer inszeniert wen? Wechselwirkungen und symbiotische Beziehungen im medialen und politischen System
2.1 Inszenierungsleistungen der Medien und der Politik
2.2 Interdependenzen zwischen medialem und politischem System
2.3 Aus dem Blickwinkel der Medien
3 Boulevardisierung
3.1 Anfang, Ursprung, Entwicklung und Forschungsstand
3.2 Was ist Boulevardisierung?
3.2.1 Infotainment und seine Verwandten
3.2.2 Visualisierung als Stilmittel
3.2.3 Personalisierung - (k)ein Element der Boulevardisierung
3.2.4 Weitere Boulevardisierungselemente und offene Fragen
3.3 Boulevardisierung in überregionalen Qualitätszeitungen?
3.4 Warum Boulevardisierung?
3.5 Boulevardisierung aufgrund des journalistischen Rollenverständnisses?
4 Redaktionelle Linien
4.1 Was ist News Bias und wie entsteht es?
4.2 Liberal Bias? Zum Einfluss der redaktionellen Linie
4.3 Kommentare als deutlichste Offenbarung der redaktionellen Linie
4.4 Medieneinfluss auf Wahlausgänge
4.5 Exkurs: Die untersuchten Wahlen - Sonderfälle?
5 Zusammenfassung der Theorie

II. Empirie
6 Qualitätszeitungen
6.1 Chicago Tribune
6.2 New York Times
6.3 Süddeutsche Zeitung
6.4 Frankfurter Allgemeine Zeitung
7 Operationalisierung, Forschungsdesign, Datengrundlage
8 Forschungsfragen und Annahmen
8.1 Boulevardisierung
8.2 Redaktionelle Linien
9 Ergebnisse
9.1 Boulevardisierung
9.1.1 Inhaltliche Merkmale
9.1.2 Visuelle Merkmale
9.1.3 Sprachlich-stilistische Merkmale
9.1.4 Drei Ebenen unter einem Hut
9.1.5 Länderspezifischer und blattideologischer Vergleich
9.2 Redaktionelle Linien
9.2.1 Die US-Zeitungen
9.2.2 Die deutschen Zeitungen
9.2.3 Ausgewogenheit - ein Fremdwort?!
9.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
10 Zusammenfassung der Empirie
11 Schlussbemerkungen
12 Literaturverzeichnis

III. Anhang
13 Abbildungs- und Tabellenverzeichnis II
14 Codebuch
15 Berechnung von Boulevardisierungsgrad und Gesamttendenz
16 Intra-Coder-Reliabilitätsanalyse
17 Codierbogen
18 Eidesstattliche Erklärung

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis I

Abbildung A: Boulevardisierungsebenen und Zusammenhänge

Abbildung B: Themenverteilung pro Medium

Abbildung C: Verteilung der Bildanzahlen pro Zeitung

Abbildung D: Zusammengefasste Ausprägungen des Boulevardisierungsgrades je Zeitung

Tabelle A: Anteil der Themen pro Artikelart

Tabelle B: Tendenz der einzelnen Artikel für Obama/Demokraten

Tabelle C: Tendenz der einzelnen Artikel für McCain/Republikaner

Tabelle D: Aussagenhäufigkeiten in deutschen Zeitungen über SPD und den Kandidaten

Tabelle E: Aussagenhäufigkeiten in deutschen Zeitungen über die CDU und die Kandidatin

Tabelle F: Übersicht über die Boulevardisierungsleistungen der vier Zeitungen

Tabelle G: Übersicht über Aussagenhäufigkeiten und -tendenzen der einzelnen Zeitungen

- Alle Tabellen und Abbildungen sind eigene Darstellungen; weitere Tabellen im Anhang

1 Einleitung

„Angela Merkel weiter mit ‚Angie’ unterwegs“, titelte eine deutsche Zeitung und meinte damit den Song der Rolling Stones, mit dem die damalige Kanzler- kandidatin ihre Wahlkampfauftritte ausschmückte. Wenige Tage später meldete eine andere Zeitung, dass Doris Schröder-Köpf, die Ehefrau des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, „Merkelsche Kinder vermisst.“ In einem anderen Land widmete ein Printmedium Präsidentschaftsanwärter John McCains Tochter Megan einen längeren Artikel und beschrieb ihre persönlichen Gefühle im Wahlkampf. Und ein anderes Blatt in diesem Land machte auf der Titelseite drei Wochen danach mit einem seitengroßen Bild auf, die Überschrift plakativ, rund ein Viertel der Seite einnehmend: „Obama - Our next president“. Diese Beispiele greifen etwas auf, was in der heutigen Zeit mehr denn je diskutiert wird: die Boulevardisierung der Medienlandschaft.

Die oben genannten sind zwar nur einzelne Beispiele, doch Brisanz verliehen wird ihnen aufgrund der Fundorte. Sie stammen nicht aus irgendwelchen Boulevardblättern; alle vier stammen aus dem Politikteil überregionaler Quali- tätszeitungen im Rahmen der Wahlkampfberichterstattung. Die erstgenannte Meldung erschien in der Süddeutschen Zeitung am 24. August 2005, die zweite in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1. September 2005). Beispiel Nummer drei und vier stammen aus den USA, dafür verantwortlich zeichneten sich die New York Times und die Chicago Tribune am 16. Oktober beziehungsweise am 5. November 2008.

Für die USA überrascht das Auftreten boulevardesker Merkmale weniger, da dort die gesamte Medienlandschaft generell als boulevardisiert gilt und es demnach als wenig überraschend aufstößt, dass sich selbst Qualitätszeitungen im Politikressort dieser Maxime unterwerfen.

Die Vermutung, dass im Zuge der Amerikanisierung die ursprünglich in den USA beheimatete Boulevardisierung in andere Mediensysteme streut, ist nicht neu. Dass inzwischen auch in der deutschen Medienlandschaft Boulevardi- sierung um sich greift, ist ebenfalls nicht neu. Neu ist, dass auch deutsche Qualitätszeitungen sich scheinbar boulevardeske Züge aneignen. Düstere Zeiten für den Journalismus? Der Niedergang journalistischer Qualität?

Nicht unbedingt. Erst einmal muss einen Gang zurückgeschaltet werden. Die oben aufgeführten Beispiele sind etwas polemisch und einseitig formuliert. Eine Gier nach Sensationellem, das Übermitteln seichter Nachrichten oder große bunte Überschriften schildern nur Teile dessen, was unter Boulevardisierung zu verstehen ist. Der Begriff ist wesentlich vielschichtiger und muss vor allem auf die Politikberichterstattung bezogen kein Zeichen mangelnder Qualität sein.1

Es ist daher ein Anliegen der hier vorliegenden Arbeit, den Begriff komplex zu definieren, denn danach suchte man in der Literatur bislang vergeblich: nach einer Definition, die verschiedene Ebenen der Boulevardisierung vereinbart.2

Es gilt aber auch zu klären, warum Boulevardisierung existiert, welche Einflussfaktoren zum Entstehen beitragen.3 Sowohl in den USA als auch in Deutschland. Und warum boulevardeske Elemente inzwischen möglicherweise in der Politikberichterstattung4 von Qualitätszeitungen5 vermehrt zu finden sind, worüber bislang kaum empirische Kenntnisse existieren. Dies wird Gegenstand der später durchgeführten Inhaltsanalyse am Beispiel der Berichterstattung in den vier oben genannten Qualitätszeitungen über zwei Wahlkämpfe sein. Dabei wird unter anderem international vergleichend zu untersuchen sein, ob alle US- Medien, also auch Qualitätszeitungen, wirklich so boulevardesk sind wie ihr Ruf und ob deutsche überregionale Abonnementzeitungen wirklich verstärkt auf Boulevardisierung setzen und damit dem Vorreiter USA - aus welchen Gründen auch immer - nacheifern oder eventuell sogar stärker boulevardisiert sind als das Mutterland.

Transnationale Forschungen sind aus diversen Gründen relevant. Sie können zum einen helfen, die Datengrundlage zur Generalisierung und Kontextualisierung kommunikationswissenschaftlicher Themen und Theorien auszuweiten und dienen zum anderen als Gegenmittel zum naiven Universalismus, wonach eine im eigenen Land gefundene Gesetzmäßigkeit automatisch gilt beziehungsweise zum naiven Partikularismus, wonach eine im anderen Land gefundene Gesetzmäßigkeit im eigenen Land nicht gilt.6

Auf dem Nachweis von Boulevardisierung in deutschen und US-Qualitätszeitun- gen liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit, es gibt aber ein weiteres Forschungs- anliegen: redaktionelle Linien. Es besteht die Annahme, dass Zeitungen gemäß ihrer redaktionellen Linie berichten. Beide untersuchten Wahlkämpfe - die Bundestagswahl 2005 und der US-Präsidentschaftswahlkampf 2008 - waren jedoch in zweifacher Hinsicht besonders: In beiden Fällen war die mediale Elite besonders unzufrieden mit der Regierung und es waren besondere Kandidaten am Start.7 Letztgenanntes führt zwar nicht zum Abweichen, aber Erstgenanntes könnte durchaus zu einem Verlassen der eigenen politischen Vorlieben führen. Die Wahl der Wahlkämpfe schreit praktisch danach, redaktionelle Leitlinien der vier Zeitungen zu untersuchen. Diese zu prüfen wird ein nicht unerheblicher Nebenaspekt dieser Arbeit sein vor dem Hintergrund der allgemeinen Debatte des medialen Einflusses auf Wahlabsichten der Bevölkerung.

Somit beschäftigt sich die Arbeit mit insgesamt zwei unabhängigen8 zentralen Fragen:

1. Berichten amerikanische und deutsche Qualitätszeitungen über Wahlkämpfe in ihrem Land boulevardesk?
2. Berichten die vier Zeitungen in meinungsbetonten Artikeln entsprechend oder entgegen ihrer redaktionellen Linie?

Daraus ergeben sich untergeordnete Fragen und aus der Theorie begründete Annahmen, wie später zu sehen sein wird. Zunächst allerdings interessieren im ersten Teil der Arbeit theoretische Vorüberlegungen, erforschte Boulevardisierungscharakteristika sowie ein Streifzug durch redaktionelle Leitlinien. Die Forschungsfragen werden im zweiten Teil beantwortet.

I Theorie

Auf die beiden Wahlkämpfe wird in der Theorie wenig Bezug genommen, hier wird eher eine verallgemeinerte Sicht der Dinge angestrebt, die in der Empirie auf ein konkretes Beispiel anzuwenden sind. Auch die vier untersuchten Zeitungen im Speziellen spielen im ersten Teil dieser Arbeit eine unterge- ordnete Rolle.

Zuerst wird diskutiert, welchen Einfluss beziehungsweise Anteil die Politik und politische Akteure haben, so dass (inhaltliche) Boulevardisierung in den Massenmedien stattfindet. Gar keinen? Einen geringen? Oder gar einen großen? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich als theoretischen Vorlauf für die anschließenden Kapitel. Boulevardisierung wird in Kapitel 3 ausführlich in allen Facetten beleuchtet, im vierten Kapitel werden einige Merkmale zu redaktionellen Leitlinien in Zeitungen aufgezeigt, bevor im empirischen Teil zwei Wahlkämpfe in deutschen und US-amerikanischen Qualitätszeitungen inhalts- analytisch untersucht werden.

2 Wer inszeniert wen? Wechselwirkungen und symbiotische Beziehungen im medialen und politischen System

Politik verkomme immer mehr zur Inszenierung. Ein in der Literatur häufig angeführter Vorwurf. Doch wer ist verantwortlich für politische Inszenierungen? Ist es die Politik? Sind es die Medien? Oder ist es ein wechselwirksames Zusammenspiel, ein Theater, in der beide Seiten ihren Anteil leisten? Wohl eher Letzteres, wie im folgenden Kapitel sichtbar werden wird. Die nachfolgend beschriebenen Phänomene haben keine direkten Auswirkungen auf die im zweiten Teil durchgeführte empirische Untersuchung, jedoch dürfen die As- pekte der gegenseitigen Inszenierungsbestrebungen nicht außer Acht gelassen werden, da sie definitiv einen - wenn auch hier nicht messbaren - Einfluss auf die Art der Berichterstattung über Politik und das Handeln politischer Akteure haben und somit zur Boulevardisierung und der redaktionellen Ausrichtung in den Medien beitragen können. Auch oder gerade in Qualitätszeitungen.

Politisches Handeln existiert auf mehreren Ebenen. Viele Forscher machen deren drei aus: Operatives Handeln, Eigeninszenierung beziehungsweise expressive Selbstdarstellung der politischen Akteure und Fremddarstellung des politischen Handelns durch Medien.9 Interaktionsbeziehungen der verschiedenen Ebenen sehen unter anderem Schicha/Brosda.10 Sie kommen zu dem Schluss, dass die einzelnen Kategorien nicht trennscharf voneinander zu unterscheiden sind. Dazu nachfolgend Näheres.

2.1 Inszenierungsleistungen der Medien und der Politik

Zunächst ist zu klären, was unter politischen Inszenierungen zu verstehen ist. Der Begriff „Inszenierung“ wurde aus dem semantischen Feld des Theaters adaptiert.11 Aus gutem Grund. Auch Politik wird vielfach als Schauspiel und Politiker als Schauspieler bezeichnet. Leifert stimmt in diesem Zusammenhang ein kulturpessimistisches Klagelied an: Politik verkomme immer mehr zur Show, was zur Folge habe, dass der Kern der Politik hinter Inszenierungen zurück- trete.12

Unter Inszenierungen in der Politik fallen einerseits verschiedenste Arten von Bestrebungen politischer Akteure, die Medien zu instrumentalisieren. Andererseits finden Inszenierungen auch von journalistischer Seite statt, wenn zum Beispiel (inszenierte) Ereignisse bebildert oder aus dem Stoff politischer Ereignisse eigene „Aufführungen“ erstellt werden.13 Hier ist von genuinen Inszenierungsleistungen des Journalismus die Rede.

Dabei wird bereits deutlich: Beide, Journalisten und Politiker, tragen ihren Teil zur Inszenierung bei. Dies wird noch deutlicher, wenn man sich bewusst macht, dass beide Seiten voneinander abhängig sind beziehungsweise gar symbio- tische Beziehungen eingehen. Politik ist auf die Medien angewiesen, um sich öffentlich artikulieren zu können, ebenso sind die Medien auf die Politik angewiesen, da sie das „Futter“ für Berichterstattung liefern.

(Inhaltliche) Boulevardisierung14 in der Berichterstattung entsteht also bisweilen erst durch Inszenierungsleistungen der Politik(er), indem Politik(er) Themen beziehungsweise Bilder bereitstellen, die seicht sind. Exemplarisch sind hier so genannte Pseudo-Ereignisse zu nennen, also Ereignisse, die ohne Massenme- dien überhaupt nicht stattfänden. Solche Vorgänge werden eigens zum Zwecke der Berichterstattung herbeigeführt.15 Beispiele hierfür sind im politischen Alltag zur Genüge vorhanden: Möllemanns Fallschirmsprünge, inszenierte Parteitage wie der als Musterbeispiel geltende Parteitag der SPD im April 199816, Auftritte von Politikern in Talkshows, ein Saxophon spielender Bill Clinton17, ein sich mit neuer Freundin im Pool räkelnder Rudolf Scharping et cetera. Aussagen über politische Leistungen beinhalten diese Art von Inszenierungen keine, dennoch werden solch inszenierte Ereignisse mehr und mehr zur Mode. Vor allem in Wahlkämpfen bedienen sich Politiker derartiger Methoden, um mediale Auf- merksamkeit zu erlangen und die Wählerschaft für sich zu gewinnen. Denn Wähler beurteilen Politiker nicht nur nach Issues, sondern auch nach Images.18

Vorreiter der Inszenierung waren die USA, doch auch hiesige Politiker verstehen es mittlerweile, sich selbst zu inszenieren. Das liegt daran, dass auch in Deutschland Wahlkämpfe zunehmend professionalisiert werden.19 Unter anderem durch „Spin Doctors“20, die entscheidenden Anteil an politischen Inszenierungen besitzen. Außerdem fällt es in den Aufgabenbereich dieser Spin Doctors, „im direkten Kontakt mit Journalisten [zu] versuchen, die Wahlkampf- berichterstattung durch die Journalisten der Nachrichtenmedien zu beeinflus- sen.“21 Dies kann Auswirkungen haben auf Effekte der Boulevardisierung und redaktionelle Leitlinien in der Berichterstattung. In welchem Maße, ist schwer zu beurteilen.22

Dass mit politischen Inszenierungen aber tatsächlich eine günstige Bericht- erstattung erreicht werden kann, wurde zumindest für das Fernsehen empirisch nachgewiesen23, für andere Mediengattungen jedoch nicht, auch wenn derartige Effekte vermutet werden.

Inszenierungen im Rahmen der politischen Berichterstattung werden häufig als informationsverhinderndes Merkmal klassifiziert.24 Diese Aussage ist kritisch zu beurteilen, denn für die mediale Berichterstattung bedeuten Inszenierungen in der Politik nicht unbedingt einen Verlust an Informationsgehalt, sondern lediglich eine Veränderung in der Art der Informationspräsentation. Auch wenn ein im Pool badender Scharping auf den ersten Blick keine politische Information liefert, so kann dieses Pseudo-Ereignis doch von den Medien dafür genutzt werden, Informationen über sein politisches Profil darin zu verpacken. Hier wären wir bei der Rubrik „Infotainment“ angelangt (siehe dazu 3.2.1).

Grundsätzlich sind Inszenierungen also schon mit Information verknüpfbar.25 Das ist einer der Gründe, warum Medien politische Inszenierungen aufgreifen. Dies darf jedoch nicht gleich gesetzt sein mit Manipulation der Massenmedien durch die Politik.26 Auch wenn Inszenierungsleistungen seitens der Politik steigen und damit Informationen vernachlässigt werden, muss dies nicht auf die Medienberichterstattung zutreffen. Die Medien laufen zwar Gefahr, Versuchen der Instrumentalisierung durch die Politik ausgesetzt zu sein, was aber noch lange nicht heißt, dass diese sich instrumentalisieren lassen. Zum Beispiel im Bundestagswahlkampf 2002: Die Wahlkampfkommunikation der Wahlkämpfer überhöhte Inszenierungseffekte und vernachlässigte politische Inhalte.27 In der medialen Berichterstattung kamen Informationen - vor allem in den Qualitäts- medien - deshalb aber nicht zu kurz.

Eventpolitik und Scheinhandlungen sind bei Inszenierungen an der Tages- ordnung.28 In engem Zusammenhang mit Inszenierungen steht symbolische Politik. „Symbolische Politik ist eine strategische Form politischer Kommuni- kation, die nicht auf Verständigung zielt, sondern durch Sinnestäuschung Gefolgschaft erzielen will.“29 Gemeint sind mit Symbolpolitik Maßnahmen, die weniger auf Lösungen von Problemen als auf die Beruhigung der Medien und ihrer Rezipienten abzielen.30 Mai geht von symbolischer Politik als Reaktion auf die Medienlogik aus: Politiker stehen aufgrund veränderter Umstände in der medialen Landschaft unter einem enormen Handlungsdruck, der nur durch symbolische Politik befriedigt werden kann.31 Dabei lässt Mai außer Acht, dass Politiker auch aus Eigeninteresse zur Symbolisierung neigen.

2.2 Interdependenzen zwischen medialem und politischem System

Medien haben kein neutrales Verhältnis zu Politik. Umgekehrt verhält es sich gleichermaßen. Journalisten kritisieren, Politiker versuchen Medien zu instru- mentalisieren für ihre Zwecke. Es ist keineswegs so, dass beide Systeme autonom agieren (können). Mediales und politisches System sind voneinander abhängig. In welchem Maße dies zu Tage tritt, wurde im letzten Abschnitt angerissen und wird im folgenden Abschnitt expliziter aufgezeigt. Es werden nun verschiedene Modelle, die in der Literatur zu finden sind, diskutiert und symbiotische Verflechtungen aufgezeigt.

Das Interdependenz-Modell beschreibt das Verhältnis zwischen Medien und Politik am plausibelsten, zumindest in modernen westlichen Ländern ohne Pressezensur. Weniger nahe an der Realität sind meiner Ansicht nach das Autonomie- und das Dependenz-Modell.32 Ersteres beschreibt die totale Unab- hängigkeit der Medien vom politischen System, zweiteres geht davon aus, dass die Medien gänzlich vom politischen System abhängen. Diese beiden Ansätze orientieren sich an Argumenten, die keineswegs überzeugen. Aus diesem Grund werden sie hier nicht näher erläutert. Das Augenmerk liegt folglich auf dem Interdependenz-Modell, welches Wechselwirkungen und eine gegenseitige Beeinflussung der beiden Systeme beinhaltet. Politik instrumentalisiert die Medien auf operativer und inhaltlicher Ebene, beispielsweise durch Medien- politik oder die oben beschriebene Polit-PR, mit dem Ziel der „Adaption politi- scher Funktionsprinzipien durch Massenmedien“.33 Andererseits fördern Mas- senmedien auch eine Anpassung des politischen Systems an die Logik der Medien.34

Das zeigt deutlich: Beide Systeme brauchen einander, sind aufeinander angewiesen, wirken in gegenseitiger Abhängigkeit. Wer aber braucht wen mehr? Massenmedien die Politik oder Politik die Massenmedien?

Hierzu gibt es unterschiedliche Sichtweisen, die aber - ebenso wie Autonomie-, Dependenz- und Interdependenztheorien - nicht über einen Modell-Charakter hinausreichen. Strohmeier formuliert in Anlehnung an Paletz/Vinson drei Ebenen politischer Kommunikation in Abhängigkeit von den Medien be- ziehungsweise mediale Berichterstattung in Abhängigkeit von politischer Kommunikation35, welche im Wahlkampf besonders deutlich zum Vorschein kommen und eine Analogie zu den eben beschriebenen Autonomie- und Dependenz-Modellen aufweisen: die vollmediatisierte Kommunikation (die Medien bestimmen den Inhalt der Berichterstattung, gleichbedeutend mit einem großen Einfluss der Journalisten und einen geringen Einfluss der politischen Akteure auf die Darstellung in den Massenmedien), die teilmediatisierte Kom- munikation (gleich starker Einfluss der Journalisten und der politischen Akteure) und nicht mediatisierte Kommunikation (großer Einfluss der politischen Akteure und geringer beziehungsweise kein Einfluss der Journalisten). Welches Stroh- meier für die realistischste Kommunikationsart hält, bleibt im Verborgenen. Es ist aber meiner Ansicht nach wiederum die zweite, die goldene Mitte, wenngleich Jansen und Ruberto mit ihrer Aussage eine Manifestation der erst- genannten Annahme liefern: „Daß [sic!] die Medien die Politik beeinflussen, ergibt sich schon aus der Tatsache, daß [sic!] sie am Prozeß [sic!] der öffentlichen Meinungsbildung beteiligt sind. Gleichgültig aber, wie groß die real erzielten Medienwirkungen tatsächlich sind, gewinnen sie Bedeutung allein aufgrund der ihnen unterstellten Wirkung von Seiten der Politik. Das öffentliche Handeln politischer Akteure basiert in der Regel auf der Annahme von weit reichenden Wirkungen der Medien; dadurch führt die Politik diese Wirkungen zum Teil selbst erst herbei.“36

In modernen Demokratien bräuchte demnach die Politik die Medien mehr als die Medien die Politik, da sie - gerade nach dem Niedergang der Parteipresse - auf die Vermittlung durch die Medien angewiesen ist.37 Das hindert sie jedoch nicht daran, zu versuchen, die Medien zu instrumentalisieren, für ihre Zwecke einzuspannen. Da Medien unter anderem Kandidaten- und Parteien-Images kreieren, ist es für die Politik umso wichtiger, massenmediale Berichterstattung nach Möglichkeit zu beeinflussen. Daher sind teilmediatisierte Kommunikation beziehungsweise Interdependenztheorien doch die zutreffendsten.

Teilweise leben beide Systeme in einer Art Symbiose. Schwer nachzuweisen sind Wechselwirkungen zwischen Medien und Politik, da weder Politiker noch Journalisten Interesse daran haben, instrumentelle Arrangements in der Be- richterstattung sichtbar werden zu lassen.38 Dass es diese zweifellos gebe, befindet unter anderem Saxer. Er spricht von symbiotischen Beziehungen von Journalisten mit Repräsentanten der Politik.39 Zum einen sind Journalisten auf Politiker angewiesen, weil sie diese als Informationsquelle benötigen. Zum anderen Politiker auf Journalisten, weil diese unverzichtbar sind für den Trans- port ihrer Ideen und Absichten.40 Somit herrscht eine gegenseitige Abhängig- keit, von der beide Seiten profitieren.

Unterschiedliche Erklärungsmodelle zum Verhältnis zwischen Politik und Medien liefern weitere Autoren, zum Beispiel Haas.41 Er verwendet hierfür den Terminus „Steuerungstheorie“ und meint damit entweder eine Instrumentali- sierung der Politik durch die Medien oder die Instrumentalisierung der Medien durch die Politik. Auch hier tritt die Annahme symbiotischer Beziehungen zu Tage. Das ist die Quintessenz dieses Kapitels: Ohne das eine kann das andere System nicht überleben.42

2.3 Aus dem Blickwinkel der Medien

Was kann man aus diesem Kapitel für die empirische Untersuchung ziehen? Inszenierungsleistungen seitens der Politik können zur boulevardesken Aus- richtung der Politikberichterstattung beitragen sowie einen Einfluss auf redaktio- nelle Berichterstattung ausüben. Es ist jedoch im Rahmen dieser Arbeit nicht feststellbar, in welchem Ausmaß dies geschieht. Dennoch sollte man bei der Interpretation der erzielten Ergebnisse stets im Hinterkopf behalten, dass die oben beschriebenen Interdependenzen sich in der Berichterstattung nieder- schlagen, da diese ohne die aufgeführten Phänomene anders aussehen würde. Sowohl im Hinblick auf die Themenwahl als auch in der medialen Aufbereitung. Inszenierungen seitens der Politik sind eine übergeordnete Möglichkeit, wie Boulevardisierung in der Berichterstattung zustande kommen kann, bei weitem aber nicht die einzige. Weitere werden in den nächsten Kapiteln, die sich mit Boulevardisierung und redaktionellen Linien in der Berichterstattung beschäf- tigen, aufgeführt. Im Folgenden wird Boulevardisierung, über die in der Öffentlichkeit viel diskutiert wird und daher für die kommunikationswis- senschaftliche Forschung interessant und relevant ist, in erster Linie aus Mediensicht dargestellt. Die empirische Untersuchung ist ausgerichtet auf Qualitäts-Printmedien, daher werden Boulevardisierung und redaktionelle Linien, die zu einer Verzerrung in der Berichterstattung führen können, meist aus dieser Perspektive betrachtet.

3 Boulevardisierung

Boulevardisierung sei gleichbedeutend mit Unterhaltung, so die gängige Annah- me vieler Menschen. Falsch. Unterhaltung ist lediglich ein Teilaspekt des kom- plexen Begriffes der Boulevardisierung, hinter dem sich mehr verbirgt, als auf den ersten Blick zu vermuten ist. Dieses Kapitel beschäftigt sich intensiv mit diesem vielschichtigen Terminus. Erst wird ein kurzer Abriss über die Herkunft und eine Definition des Begriffes erstellt. Anschließend werden einige wichtige Elemente der Boulevardisierung näher beleuchtet, ehe die Gründe für das Zustandekommen von Boulevardisierung unter die Lupe genommen werden.

3.1 Anfang, Ursprung, Entwicklung und Forschungsstand

Häufig steht der Begriff „Boulevardisierung“ auf einer Ebene mit „Amerikani- sierung“43, bisweilen werden die beiden Termini sogar synonym verwendet. Das ist so nicht richtig, da hinter dem Begriff „Amerikanisierung“ weit mehr steckt.44 Boulevardisierung ist nur eine mögliche Subdimension der Amerikanisierung und kann auch nur dann so bezeichnet werden, wenn außerhalb der USA Trends stattfinden, die aus den USA stammen und von anderen Mediensys- temen übernommen werden.45

Allein die Tatsache, dass die beiden Begriffe in einem Atemzug erwähnt werden, zeigt, dass Boulevardisierung ihren Ursprung in Amerika haben muss. Und das hat sie. Das Aufkommen der Tabloid-Presse, die in Form von Kauf- zeitungen spezifische Merkmale aufweist, wird gemeinhin als Meilenstein des Boulevards betrachtet. Sie rührt aus einem Kampf um Auflagen Ende des 19. Jahrhunderts zwischen Joseph Pulitzers New York World and William Randolph Hearsts New York Journal. Daraus entsprang der Begriff des „yellow journalism“.46 Boulevardzeitungen sind demnach Vorreiter für Boulevardjour- nalismus. Die Boulevardpresse erreichte Anfang des 20. Jahrhunderts auch Deutschland, der Terminus „Boulevardisierung“ jedoch tauchte hierzulande erstmals in den Achtzigern auf und bezeichnet die Übernahme des Boulevard- zeitungsstils47 durch andere Medien.48

Besonders das Fernsehen erwies sich als perfekte Bühne für Boulevardi- sierung. Daher blieben Untersuchungen bislang meist diesem Medium vorbe- halten. Es existieren kaum Studien über Qualitätszeitungen49, weder in den USA noch in Deutschland, die belegen, dass der Boulevard auch dort Einzug gehalten hat.50 Hier ist die Forschung bislang einiges schuldig geblieben. Diese Lücke soll mit dieser Arbeit im Hinblick auf die Politikberichterstattung geschlos- sen werden. Eine Boulevardisierung im Rundfunkbereich und in der Boulevard- presse ist wohl präsenter und ausgeprägter existent als im Qualitäts-Printme- dienbereich, doch diese Arbeit will zeigen, dass selbst hochwertige Qualitäts- zeitungen nicht mehr immun gegen Boulevardisierungstrends sind. Auch international vergleichende Studien sind an einer Hand abzuzählen. Somit ist ein weiteres Anliegen der im zweiten Teil durchgeführten Inhaltsanalyse, mehr Licht in diesen Forschungszweig zu bringen. Zudem soll geklärt werden, ob die USA als „Erfinder“ und Vorreiter der Boulevardisierung ihren deutschen Qualitäts-Journalistenkollegen einen Schritt voraus sind, wenn es um die Verwendung boulevardesker Elemente geht. Des Weiteren soll geprüft werden, ob es für liberale oder konservative Zeitungen typische Elemente der Boulevardisierung gibt.51 Die US-Medienlandschaft generell wird heutzutage als boulevardisiert angesehen, aber empirische Belege sind spärlich gesät. Viele Autoren schreiben davon, ohne verlässliche Quellen für diese Behauptung anzugeben. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass im Folgenden, wenn von Boulevardisierung die Rede ist, in der Regel die Boulevardisierung im Printmedienbereich, speziell im Politik-Spektrum der Qualitätszeitungen, gemeint ist, auch wenn dies nicht jedes Mal explizit erwähnt ist. Aus forschungsökonomischen Gründen konnten Fernsehen und Printme-dien wie Boulevardzeitungen, Zeitschriften und Fachmagazine im empirischen Teil keine und in der Theorie nur am Rande Berücksichtigung finden.

Doch zurück zur Entwicklung: Während Boulevardisierung52 im englisch- sprachigen Raum schon lange ein Begriff ist, bekam er in Deutschland erst in Verbindung mit dem dualen Rundfunksystem Bedeutung zugesprochen.53 Kurz nach der Lizenzierung des privaten Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland wurde dieser Begriff erstmals im Zusammenhang mit Fernseh- nachrichten im Rahmen einer Inhaltsanalyse genannt: Untersucht wurden 1985 neben den traditionellen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen und Magazinen auch die neuen Nachrichtensendungen der Privatsender Sat.1 und RTL. Dort wurde die Berichterstattung der kommerziellen Sender als „am Boulevardzeitungsstil orientiert“ gekennzeichnet. Der Verfasser des Artikels kritisierte damit den geringen Anteil politischer Themen und das Vorherrschen so genannter Soft News54 in den Nachrichtensendungen.55 Seither wurde der Boulevardisierungsbegriff immer wieder aufgegriffen und erweitert.

Boulevardisierung wird inzwischen als weltweiter Trend in den Massenmedien angesehen, der in den USA zwar seine Ursprünge hat, die Charakteristika und Merkmale, die sich dort bildeten und Boulevardisierung prägen, gelten inzwi- schen auch in nahezu allen anderen westlichen Demokratien. Heutzutage kann Boulevardisierung, da sie in sämtlichen Medien zu existieren scheint, als Teil eines Modernisierungsprozesses in den Massenmedien ange- sehen werden. Die Gesellschaft verändert sich, und somit auch die Anfor- derungen an den Journalismus, der ebenso einen Wandel durchmacht wie viele andere Bereiche des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Systems. Eine logische Konsequenz daraus ist die Boulevardisierung, wie noch zu sehen sein wird.

3.2 Was ist Boulevardisierung?

Sie stammt wie oben erwähnt aus den USA, doch sie hat die übrige Welt längst erreicht: die Boulevardisierung. Doch was genau hat es damit auf sich? Was ist Boulevardisierung? Dieser Abschnitt soll dazu beitragen, eine Ordnung in den vielschichtigen Begriff zu bringen. Erst soll eine eigens erstellte Definition erläutern, was unter Boulevardisierung zu verstehen ist, ehe einige - speziell auf die Politikberichterstattung ausgerichtete - charakteristische Boulevardi- sierungsmerkmale kritisch betrachtet werden und gegebenenfalls durch das Raster fallen.

Boulevardisierung ist ein derartig gegenwärtiger Begriff, dass er teilweise inflationär Verwendung findet und ihm falsche Bedeutungen zugerechnet werden. Für viele Menschen ist Boulevardisierung generell ein rotes Tuch und wird oft mit unseriösem, reißerischem Journalismus gleichgesetzt.56 Das muss jedoch relativiert werden: Boulevardisierung in der Berichterstattung kann zwar ein Zeichen mangelnder Qualität sein57, muss es aber nicht. Soll heißen: Wenn in dieser Arbeit von Boulevardisierung die Rede ist, geschieht dies in einem neutralen Zusammenhang. Boulevardeske Züge in den Medien sind nicht zwingend gleichzusetzen mit schlechtem, unseriösen Journalismus. Im Gegenteil. Vielmehr kann Boulevardisierung durchaus positiv verstanden werden. Das hängt lediglich vom Blickwinkel ab, aus dem man sie betrachtet. Untermauert wird das durch einen großen Kritiker von Boulevardjournalismus und Boulevardisierung, Stefan Niggemeier: Auf die Frage hin, ob er Boulevardi- sierung generell ablehne, antwortete er, dass er dieser durchaus Gutes abge- winnen könne: „[…]Guter Boulevard schafft es, komplizierte Sachverhalte einfach zu erklären. Guter Boulevard verdreht sie nicht. […].“58

Exemplarisch sei hier ein Sachverhalt erwähnt, der im Verlaufe dieser Arbeit noch häufiger auftauchen wird59: Durch eine einfachere Aufbereitung komplexer Themen kann ein breiteres Spektrum an Rezipienten angesprochen werden, auch solche, die sich nicht so sehr für Politik interessieren. Gleiches gilt für eine unterhaltsame Aufbereitung von Informationen. Eine derartige Vorgehensweise gestaltet an sich eher „langweilige“ informierende Themen interessanter für Leser. Sie werden dadurch angenehmer zu lesen und unter Umständen mit größerer Aufmerksamkeit von mehr Rezipienten konsumiert.

Viele reden darüber, aber keiner sagt etwas. Auch Wissenschaftler machen sich bisweilen wenig Gedanken über Hintergründe sowie Existenz der Boulevardisierung, sie knallen es als Schlagwort hin, ohne zu hinterfragen, ob Boulevardisierung gegeben ist und was man unter ihr eigentlich versteht. Daher ist es wenig verwunderlich, dass in der Literatur keine einheitliche Definition vorzufinden ist, wobei es zugegebenermaßen nicht einfach ist, den Terminus in eine allgemeingültige Formulierung zu übertragen.

Wenn man nach Boulevardisierung in der Politikberichterstattung forstet, stößt man auf ein buntes Sammelsurium an Begrifflichkeiten: Entertainisierung, Info- tainment, Politainment, Entpolitisierung, Trivialisierung, Amerikanisierung, In- szenierung der Politik und so weiter. Viele Autoren, viele Bezeichnungen. Man mag es nennen wie man will. Letztendlich ist dabei immer dasselbe gemeint: Es geht um die Boulevardisierung (der Politik), wenngleich diese Bezeichnung in der Literatur seltsamerweise relativ selten Verwendung findet. Trends in Richtung Boulevardisierung sind ohne Frage vorhanden. Empirische Befunde sind, wie oben skizziert, zumindest im Hinblick auf Qualitätszeitungen praktisch Fehlanzeige.

Bei der im Folgenden formulierten, speziell auf die Boulevardisierung der printmedialen Politikberichterstattung zugeschnittenen Definition lehne ich mich an eine selbst herausgearbeitete Definition an60, welche allerdings auf Sportberichterstattung ausgerichtet war und einige umstrittene Angaben bein- haltet, da sie Boulevardisierung als ausschließlich negativ darstellt. Daher wird sie nun entsprechend modifiziert. Diese überarbeitete Definition erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie ist jedoch valide für die vorliegende Arbeit. Andere Forscher definieren den Begriff möglicherweise anders, da sie andere Zielsetzungen bei ihren Untersuchungen verfolgen. Die Definition besitzt nur eingeschränkt für Rundfunk, Boulevardpresse und Internet Gültigkeit, denn sie ist ausgerichtet auf qualitativ hochwertige Printmedien. Für andere Medien wäre der Begriff etwas anders zu definieren. Einige Elemente würden hierbei zusätzlich eine Rolle spielen, während andere keine Gültigkeit besäßen.

Boulevardisierung (vor allem in der englischsprachigen Literatur meist als Tabloidization bezeichnet) in den Printmedien ist vielschichtig und kann auf mehreren Ebenen stattfinden: auf inhaltlicher, visueller oder sprachlich-stilistischer Ebene.

Als Boulevardisierung auf der Inhaltsebene ist die mediale Aufbe- reitung von Themen zu verstehen, die in ihrer inhaltlichen Auf- machung boulevardeske Züge aufweist, also wenn genuin unspek- takuläre Themen oder Ereignisse eine übertriebene Darstellung, sprich inhaltliche Aufwertung, erfahren. Auch wenn informierende Inhalte unterhaltsam aufbereitet werden, ist dies ein Index für eine inhaltliche Boulevardisierung. Vielfach ist in diesem Zusammen- hang von Infotainment die Rede, oder spezifischer auf die Bericht- erstattung über Politik ausgerichtet, von Politainment. Darüber hinaus fallen themenbezogene Attribute wie das Übermitteln von Human-Interest-Themen61, das Publizieren von unterhaltenden Begebenheiten und Soft-News in das Raster der inhaltlichen Boulevardisierung.62

Visuelle Boulevardisierung kann erzielt werden mit der Verwendung von großen, auffällig platzierten und farbigen Bildern, mit der Darstellung von emotionalen Momenten oder der Aufmachung mit plakativen Überschriften.

Schließlich existiert Boulevardisierung auf sprachlicher und stilistischer Ebene, wenn Ereignisse durch die Wortwahl dramati- siert, übertrieben oder sensationell dargestellt werden. Des Wie- teren ist sprachliche/stilistische Boulevardisierung bei der Verwen- dung von emotionaler, einfacher und lockerer Sprache sowie umgangssprachlich gehaltenen Texten63 vorzufinden. Weitere In- dize für sprachliche/stilistische Boulevardisierung sind Zynismus64, Ironie sowie satirische und sarkastische Ausdrucksweise.

Die hier aufgeführte Definition erhebt, wie bereits erwähnt, nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, deckt aber nach eigenem Ermessen alle relevanten Aspekte für die im zweiten Teil durchgeführte empirische Analyse ab.

Personalisierung ist ein Aspekt, der in der Literatur häufig mit Boulevardisierung in Verbindung gesetzt wird.65 Dieser Gesichtspunkt wird zwar in der Theorie behandelt, in der Empirie jedoch außen vor gelassen, da vor allem im Hinblick auf die Politikberichterstattung in Qualitätszeitungen, keine eindeutigen Trends in diese Richtung erkennbar sind. Die absolute Zahl an personalisierten Berich- ten hat zwar zugenommen, die relative Zahl blieb im Verlauf der Jahrzehnte betrachtet jedoch relativ konstant.66 Dies betrifft ausschließlich die mediale Berichterstattung. Unumstritten ist, dass die Kandidaten bei Wahlkämpfen von den Parteien selbst beziehungsweise den Wahlkampagnen-Beauftragten immer mehr in den Fokus gerückt werden.

Fehlende beziehungsweise unzulängliche Hintergrundberichterstattung, Ge- rüchte und Spekulationen aufgrund ungenügender Recherche als Wahrheit zu verkaufen, die ungeprüfte Übernahme von Agenturmeldungen - all das wird bisweilen als Boulevardisierung ausgelegt, hier aber nicht. Erstens wäre dies ein eindeutiges Zeichen mangelnder Qualität, und es ist nicht Sinn und Zweck dieser Arbeit, Boulevardisierung generell zu verurteilen. Zweitens kann es hier nicht überprüft werden, ob Hintergründe sauber beziehungsweise ungenau recherchiert oder Agenturmeldungen, sofern sie in die Berichterstattung Einzug finden, ungeprüft übernommen wurden.

Einige der in der Definition beschriebenen Elemente werden im Folgenden nochmals genauer dargestellt, da sie in der Literatur besonders häufig vorzufinden und auch meines Erachtens starke Indikatoren für eine Boulevardisierung in der Politikberichterstattung, gerade in Qualitätszeitungen, wo Boulevardisierung allein durch Themenwahl vermutlich bei weitem nicht so offensichtlich ist wie in Boulevardblättern, sind. Abgesehen von der Personalisierung: Diese wird etwas ausführlicher behandelt, um aufzuzeigen, dass sie entgegen vieler Annahmen, zumindest für das Spektrum der überregionalen Qualitätszeitungen, keinen Boulevardisierungsmaßstab darstellt.

In den nachfolgenden Absätzen wird auch immer wieder die Fernsehberichterstattung am Rande Erwähnung finden, gerade beim Terminus „Infotainment“, da dieser ursprünglich ein Begriff aus der Fernsehlandschaft ist, der sich aber auf andere Bereiche ausdehnte.67

Die nachfolgende Abbildung soll Boulevardisierungselemente zusammenfas- send und übersichtlich darstellen und einen groben Überblick über alle Ausprä- gungen der Boulevardisierung verschaffen, die in den folgenden Abschnitten näher erläutert werden. Ausprägungen der Boulevardisierung tauchen bisweilen kombiniert auf, was die Querverbindungen zwischen den einzelnen Ebenen andeuten. Je mehr die Elemente verwendet werden, desto größer ist die Boulevardisierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung A: Boulevardisierungsebenen und Zusammenhänge

3.2.1 Infotainment und seine Verwandten

„Ich habe den Eindruck, dass das Interesse an ausführlicher Darstellung politisch relevanter Sachverhalte zurückgetreten ist und der Unterhaltungs- zweck der Darstellung politischer Sachverhalte immer mehr in den Vordergrund tritt“68, klagte vor einigen Jahren Politiker Kurt Biedenkopf. Mit seiner Kritik zielte er auf eine bestimmte Tendenz in der Politikberichterstattung ab: Infotainment. Eine Wortschöpfung aus den Begriffen „Information“ und „Entertainment“. Für die Politikberichterstattung hat dieser Begriff in den letzten Jahrzehnten sowohl in der US- als auch der deutschen Medienlandschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen, wobei Infotainment per se nicht im Hinblick auf die Politik kreiert wurde, inzwischen jedoch häufig in Zusammenhang mit dieser Verwendung findet. Explizit auf die Politik ausgerichtet führte Dörner 2001 den Terminus „Politainment“ ein. Sowohl das Wort „Infotainment“ als auch „Politainment“ haben eine vielschichtige Bedeutung. Infotainment kann zum einen als „Sammelbegriff für die Möglichkeiten zur unterhaltenden Aufbereitung von Infor- mationen“69 verstanden werden, ebenso aber als Merkmal für diejenigen Formate, die Unterhaltung und Information vermischen. Außerdem kann man es als spezielles Stilmittel zur Übertragung von Information ansehen.70 Warum dieses Mittel zur Präsentation von Politik immer häufiger auftritt, wird an anderer Stelle deutlich: Es wurde notwendig, um sich auf dem Medienmarkt behaupten zu können.71

Politainment kann auf mehreren Ebenen stattfinden und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, welche bisweilen eng miteinander verzahnt sind. Zum einen kann Politainment als unterhaltende Politik verstanden werden. Das ist dann der Fall, wenn Politiker auf Mittel der Unterhaltung zurückgreifen, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere Seite, welche hier vorrangig von Bedeu-tung ist, nennt Dörner „politische Unterhaltung“. Sie liegt vor, wenn Medien bei der Präsentation von Politik selbst auf unterhaltende Elemente setzen.72

Die Begriffe sind sich ähnlich, Infotainment ist die allgemeine Bezeichnung für eine Vermischung der Formen73, Politainment die spezifische. Der Begriff „Politainment“ hat sich in der Literatur nicht eindeutig durchgesetzt, auch redet die überwiegende Anzahl von Autoren in der Politikberichterstattung von Info- tainment, wenn es um die unterhaltsame Aufbereitung von politischen Informa- tionen geht. Es ist jedoch nicht entscheidend, welchen Terminus der jeweilige Forscher verwendet, da beide im Wesentlichen denselben Grundtenor beinhal- ten: eine strikte Trennung der Kategorien Unterhaltung und Information, wie sie früher einmal stattfand, ist heutzutage nicht mehr vorhanden.74

Empirisch konstatiert Schicha im Rahmen politischer Berichterstattung, dass eine Vermischung der Formen durch Infotainment-Elemente zu einem fixen Bestandteil „seriöser“ Berichterstattung avanciert, um Zuschauer zu binden.75 Schichas Sichtweise ist zwar auf das Fernsehen ausgerichtet, kann aber auf den seriösen printmedialen Bereich ausgeweitet werden, da auch hier dem Infotainment vermutlich eine bedeutende Rolle zukommt. Generell scheint zu gelten, dass Politikberichterstattung und Medienunterhaltung in demokratischen Mediengesellschaften eins geworden sind.76 „Politikvermittlung [in den Medien] bewegt sich von den Fakten zu den Storys und zum Klamauk.“77 Ein Grund für die Entwicklung hin zum Leichten und Seichten liegt wohl in der zunehmenden Komplexität politischer Entscheidungen, welche oftmals nicht ohne Weiteres zu überblicken sind.78 Daher versuchen die Medien, schwierige Themen leichter vermittelbar zu machen oder einfach andere Themen zu wählen.

Politik im Unterhaltungsformat ist quasi nicht mehr wegzudenken.79 Machnig geht sogar noch weiter: Vor allem im Fernsehbereich sei Unterhaltung Pflicht, Information Kür.80 Eine sehr drastische Position vertritt auch Vowe. Er sieht eine gewaltige Veränderung im Medienangebot, unter anderem „Entpolitisierung“ und „Entertainisierung“ der Politikberichterstattung. Politik nehme an Bedeutung im Medienangebot ab und werde, wenn überhaupt, nur noch in unterhaltsamer Form dargeboten.81

Ganz so extrem wie Vowe es darstellt, ist es sicherlich nicht. Wenngleich nicht von der Hand zu weisen ist, dass unterhaltsame Elemente den Informations- gehalt im Rahmen der Politikberichterstattung beschränken können. Politische Information gerät laut diverser Autoren im Zuge des Infotainments stärker in den Hintergrund, um den vermeintlichen oder faktischen Bedürfnissen der Rezipienten gerecht zu werden.82 Infotainment steht meist, wie auch Schicha bemerkt, im Kreuzfeuer der Kritik und wird als Gefährdung einer adäquaten politischen Berichterstattung angesehen.83 Zu Recht? Ist Infotainment als negative Tendenz in der politischen Berichterstattung zu werten? Mitnichten. Infotainment führt letztendlich zwar zur Vereinfachung in der Darstellung von Politik. Analog zur allgemeinen Boulevardisierungsdebatte ist jedoch der Faktor Infotainment weder eindeutig positiv noch eindeutig negativ zu bewerten. Wieder spielt der Blickwinkel des Betrachters eine Rolle. Infotainment kann durchaus positiv ausgelegt werden. „Infotainment ist keineswegs per se der Feind von Information, sondern kann vielmehr durch seinen Grundton […] einen Zugang zum Verständnis von Sachzusammenhängen eröffnen, der sonst für die meisten versperrt bliebe.“84

Unterhaltsame Darstellung ist somit kein Widerspruch zu Informationsver- mittlung. Das räumte bereits Westerbarkey 1995 ein: „Freilich schließen sich Unterhaltung und Information keineswegs aus, sondern bedingen einander sogar, denn Abwechslungsreichtum ist höchst informativ […].“85 Es kann sogar einen Anreiz für Rezipienten bieten, sich für politische Themen zu interes- sieren.86 „Während ,konventionell’ erstellte politische […] Nachrichten sich durch die Darstellung von Banalitäten, Alltäglichem, Selbstverständlichem sowie Belanglosem sowie den immer gleichen Politikritualen auszeichnen, wird dieser Differenzmangel der gepflegten Langeweile […] durch Unterhaltungs- elemente aufgehoben.“87

Noch detaillierter auf positives und negatives Infotainment gehen Früh und Wirth88 oder Höfner in ihrer Dissertation ein. Höfner nimmt zudem Bezug auf das so genannte Vividness-Konzept und die Filtertheorie, welche an dieser Stelle jedoch nicht näher betrachtet werden.89

Näher betrachtet wird dagegen das „Tainment“ in Info-„tainment“. Unterhaltung an sich ist ein komplexer Begriff, der schwierig zu definieren ist.90 Auch Saxer stieß hierbei an seine Grenzen. Dies veranlasste ihn zu folgender Aussage: „Unterhaltung ist nicht immer lustig. Nichts ist jedoch weniger lustig als der Versuch, sie zu definieren.“91

In dieser Arbeit ist nicht vordergründig wichtig, wie genau Unterhaltung zu definieren ist, sondern was man aus der Kombination mit Information darunter versteht. Als Abgrenzung der Information von Unterhaltung passt folgender Ansatz: Information kann als kontextorientiertes Datenmaterial bezeichnet werden, während Unterhaltungselemente als Verpackung von Informationen dienen können, um Informationen attraktiv zu vermarkten.92

Es gibt in der Forschung kein einheitliches Verständnis von Information und Unterhaltung. Schmid und Wünsch schlagen eine sinnvolle mehrschichtige Herangehensweise und Gliederung vor, nach deren Merkmalen Medienange-bote differenziert werden können: nach Eigenschaften von Inhalten und Themen, den Eigenschaften von Präsentationsweisen und Formaten sowie den Eigenschaften der Nutzung, Wirkung und Funktion.93 Die erstgenannten Attribute werden später in der Empirie gesondert betrachtet, letztere wurden aus forschungsökonomischen Gründen vernachlässigt.

Reine Unterhaltung wird eher dem Fernsehen in seiner Funktion als - wie der Name schon sagt - „Unterhaltungsmedium“ zugeschrieben denn seriösen Qualitätszeitungen. Unterhaltung im Fernsehen steht im Vorder-, Information zunehmend im Hintergrund.94 Sie verdrängt im Fernsehen zum Teil politische Information. Das heißt Informationsmeldungen werden entweder mit weniger Informationsgehalt vermittelt (Infotainment) oder Themen sind gänzlich unter- haltend (Entertainment).95 Vielfalt statt Komplexität lautet die Maxime. Das trifft in erster Linie, aber nicht ausschließlich, auf das Fernsehen zu. An dieser Stelle sind Soft News und Human-Interest-Berichte zu nennen, die auch den Einzug in andere Medien, sogar in Qualitätszeitungen96, geschafft haben. Das Privatleben von Personen des öffentlichen Lebens, darunter fallen auch Politiker, wird für Medien immer interessanter.97 Boulevardmedien sind hier natürlich Vorreiter, doch auch Qualitätszeitungen berichten über das Privatleben, wie im empiri- schen Teil zu sehen sein wird.

Abstrakt formuliert sind unterhaltende Merkmale von Nachrichten solche, die nicht zwingend zum Transport von Information notwendig sind, keinen höheren Informationswert schaffen, aber dafür zur Erhöhung des Unterhaltungswertes beitragen.

Es ist indes nicht davon auszugehen, dass in den zu untersuchenden Qualitäts- zeitungen ein hoher Anteil an reinen Entertainment-Artikeln zu finden sein wird - zumindest wenn sie ihrem eigenen Anspruch als qualitativ hochwertige Blätter gerecht werden wollen. Um auf Infotainment im Politikressort zu stoßen, muss neben der Themenwahl die Aufbereitung der jeweiligen Themen betrachtet werden.98

Infotainment existiert länderübergreifend in allen Medien. Ob Infotainment- elemente in den USA stärker zu Tage treten als in Deutschland, wird später überprüft. Jedenfalls stellen verschiedene US-Forscher dort einen besonders auffälligen Trend gen Infotainment fest. McChesney beispielsweise sieht einen „decline of hard news“ und nennt im gleichen Atemzug „trends towards infotainment“99. Und Graber befindet in Bezug auf US-amerikanische Massen- medien: „Entertainment is interspersed with a smattering of serious informa- tion.”100 Noch weiter geht Bob Herbert, Kolumnist der hier analysierten New York Times, der Infotainment-Züge in seiner und anderen Zeitungen sieht und diesem Trend sehr kritisch gegenüber steht. Er fordert mehr Hintergründe in der Wahlberichterstattung der US-Zeitungen und gleichzeitig weniger Horse Race101 sowie inhaltsleere Berichte und schließt mit den Worten: „Neil Postman warned us years ago about amusing ourselves to death. The end is near.“102 Auch deutsche Qualitäts-Journalisten dürften zu Infotainment aufgrund diverser Gründe wie Wettbewerb oder Anpassung an Rezipientenbedürfnisse greifen. Jedenfalls sehen die Journalisten laut eigenen Angaben in Weischenbergs Studie den Anspruch, neutral zu informieren und unterhaltend aufzubereiten, als keinen Widerspruch an.103 Dazu passend formuliert Teichert für den gesam- ten europäischen Medienmarkt: „[…] ,Infotainment’-Elemente durchdringen die journalistischen Angebote.“104 Inwieweit dies auf die überregionalen Qualitätszeitungen in der Politikberichterstattung zutrifft, wird am Beispiel zweier Wahlkämpfe zu sehen sein.105

Eine spezielle Form der boulevardesken Berichterstattung, die im weiteren Sinne dem Infotainment zugerechnet werden kann und vor allem in Qualitäts- zeitungen zu Zeiten von Wahlkampfberichterstattung recht häufig auftritt, ist der Horse-Race-Charakter. Wiederum sind hier die USA als Prototyp zu nennen, doch andere Mediensysteme haben sich diese Art der Berichterstattung ebenfalls zu Eigen gemacht, wenn auch nicht in gleichem Maße wie in den Vereinigten Staaten.106 Sofern Horse-Race-Journalismus in anderen Ländern außerhalb der USA praktiziert wird, spricht man von Amerikanisierung.107 Wahlkämpfe im „game schema“108 darzustellen und Sportmetaphern zu ver- wenden, die in eine sportive Dramatisierung münden, das ist per se eine Form von Infotainment, auch wenn die Begriffe selten in der Literatur in Kombination Verwendung finden. Denn eine Horse-Race-Präsentation ist sicher unterhalt- sam, darin werden aber auch stets relevante Informationen verpackt.

Es soll hier nicht außen vor gelassen werden, dass es Wissenschaftler gibt, welche Infotainment, vor allem in Bezug auf Wahlkämpfe, in Frage stellen. Zum Beispiel Frank Brettschneider: Diese Annahme stehe zwar entgegen der gängigen Meinung und sei weniger spektakulär, besitze dafür aber einen größeren Realitätsgehalt.109 Da Brettschneider der einzige mir bekannte Autor ist, der einen Infotainment-Trend in der Wahlkampfberichterstattung derart deutlich anzweifelte und seine Aussage sich auch nur auf die deutsche Medienlandschaft bezog, hat dies keine Auswirkungen auf die Untersuchung. Infotainment ist höchstwahrscheinlich ein wichtiges Faktum der Politikbericht- erstattung.

3.2.2 Visualisierung als Stilmittel

Visualisierung. Ein probates Mittel, um Boulevardisierungseffekte zu erzeugen. Fernsehen und mittlerweile auch das Internet sind hierfür optimale Plattformen durch ihre vielfältigen Möglichkeiten optischer Aufbereitung.110 Zeitungen haben es in dieser Hinsicht etwas schwerer. Sie können nur mithilfe von Bildern, Grafiken und Überschriften visualisieren und so das Auge auf bestimmte Inhalte lenken.111 Qualitätszeitungen schienen von vielen Boulevardisierungstrends lange Zeit weitgehend verschont, inzwischen setzen sie aber, zum Beispiel in der Wahlkampfberichterstattung, auf ein Mehr an boulevardesken Elementen wie zum Beispiel Visualisierung.112

In erster Linie zielen Visualisierungen im printmedialen Sektor darauf ab, den dazugehörigen Text aufzuwerten. Sind Artikel mit großen, bunten Bildern oder plakativen Überschriften umrahmt, deutet dies auf eine Boulevardisierung hin. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, eine der vier untersuchten Qualitäts- zeitungen, hat früher fast gänzlich auf Bebilderungen verzichtet, inzwischen aber die Zeichen der Zeit erkannt, das Layout modernisiert und setzt wesentlich mehr auf bildliche Darstellungen als noch vor zwei Jahrzehnten.113 Dies schließt das Ressort „Politik“ mit ein und bedeutet gleichzeitig: Der Platz für Texte fällt geringer aus. Bilder verdrängen Inhalte. „[…] Der bewußtere [sic!] Einsatz von Fotos, Infographiken [sic!], Illustrationen und Farbe verändern bislang textlas- tige Printmedien.“114

Mit Visualisierungen aller Art wollen Printmedien, auch Qualitätszeitungen, das Produkt für eine breitere Rezipientenschar, vor allem für junge Leser, interes- santer gestalten.115 In erster Linie sind es Boulevard- und andere Kaufzei- tungen, die auf extrem drastische Visualisierungen aller Art (eye-catcher: auffäl- lige Überschriften, viele große und farbige Bilder) setzen, unter anderem wegen dem täglichen Kampf, eine möglichst hohe Auflage erzielen zu müssen. Im Gegensatz zu überregionalen Abonnementzeitungen, die sich dem Trend zur Visualisierung allerdings nicht komplett verschließen. Als Vorbild könnte man die USA Today ansehen, die sich von der Aufmachung her am Boulevard- zeitungsstil anlehnt, inhaltlich aber eher dem Spektrum der Qualitätszeitungen zuzuordnen ist. „Als zukunftsweisender Zeitungstyp gilt […] USA Today [kursiv i.O.] […] mit ihren knappen Artikeln, dem farbigen Layout und dem gezielten Einsatz von Graphiken [sic!] und Fotos […].“116 Redelfs bezieht sich mit dieser Auffassung auf den US-Zeitungsmarkt, ähnliche Tendenzen sind jedoch in Deutschland ebenso sichtbar. Für die deutsche Wahlkampfberichterstattung in Qualitätszeitungen ist zu konstatieren: Die Illustration durch die Verwendung von Fotos nimmt in jüngerer Zeit zu.117 Für den gezielten Einsatz von farbigen Fotos gilt selbiges. Farbige Aufmachung hat inzwischen bei fast allen überregio- nalen Tageszeitungen Einzug erhalten. Während aber die Boulevardpresse schon früh Farbe gezielt zur Attraktivitätssteigerung einsetzte, empfand die Qualitätspresse die Farbe als unseriös und als Effekthascherei.118 Von dieser Ansicht nehmen sie mittlerweile Abstand. Oder wie es Annette Milz, Chefredak- teurin des Medium Magazins, formuliert: „Ohne optische Leckerbissen, ohne eine Unverwechselbarkeit des Auftritts, ohne eine Anpassung an moderne Sehgewohnheiten kommt heute keine moderne Zeitung mehr aus.“119

Was nicht vergessen werden darf, auch wenn es hier nicht näher betrachtet wird, ist, dass mit Bildern beim Rezipienten Emotionen erzeugt werden können, die der textuelle Beitrag allein nicht zu vermitteln in der Lage ist. Das wissen Journalisten, aber auch Politiker, die sich dies zu Nutzen machen, beispielsweise durch inszenierte Ereignisse.120

Welche Möglichkeiten der Visualisierung ausgeschöpft werden, und ob die USA auch im Hinblick auf optische Darstellungsmerkmale ihrer angenommenen führenden Boulevardisierungsrolle gerecht werden, wird anhand der empirischen Daten überprüft.

3.2.3 Personalisierung - (k)ein Element der Boulevardisierung

Personalisierung. Ein Musterbeispiel für eine Form der Boulevardisierung. Oder etwa nicht? Die meisten Forscher, sowohl in Deutschland als auch den USA, gehen davon aus, dass Personalisierung ein Faktor der Veränderung in der Berichterstattung ist. Viele Autoren schnappen den Begriff Personalisierung auf und sehen ihn als gegeben an, werten ihn als Boulevardisierungselement, ohne dies empirisch zu belegen.

Richtig ist: Die Frage nach Personalisierung ist keine. Sie ist vorhanden, ohne Zweifel. Es mag sogar zutreffen, dass eine zunehmende Personalisierung in den Massenmedien zu erkennen ist. Im Fernsehen121, im Internet, auch im Radio und vielleicht in einigen Printmedien. Es mag auch gelten für die Politik- berichterstattung, aber definitiv nicht für die Politikberichterstattung in Qualitäts- zeitungen. Während viele Forscher auch für diesen Bereich eine vermehrte Personalisierung annehmen, kann dies eindeutig widerlegt werden. Wilke und Reinemann122 untersuchten die Politikberichterstattung in Qualitätszeitungen über einen langen Zeitraum und stellten fest, dass eine Personalisierung zwar stattfindet, jedoch nicht in höherem Maße als es schon vor Jahrzehnten bisweilen der Fall war. Die absolute Anzahl an personalisierten Artikeln sei gestiegen, da der Umfang der Politikberichterstattung in Qualitätszeitungen im Laufe der Jahre expandierte. Die relative Anzahl blieb hingegen weitgehend unverändert.

Boulevardisierung zeugt von einem Prozess der Veränderung in der Berichterstattung. Das ist hier nicht gegeben. Denn da Personalisierung in der Politikberichterstattung in der Qualitätszeitungslandschaft schon immer ein erkennbares Merkmal war und sich nicht signifikant erhöhte, kann sie hier nicht als Faktor der Boulevardisierung angesehen werden. Und auch im Fernsehen ist eine zunehmende Personalisierung nicht immer erkennbar. Zum Beispiel im deutschen Bundestagswahlkampf 1990, als Kandidaten weniger in den Fokus gestellt wurden als in diversen Wahlkämpfen zuvor.123

Es gibt zudem Forscher wie Günther Lengauer (und andere124 ), die eine zunehmende Personalisierung der Berichterstattung - egal in welchem Medium - generell in Frage stellen und auch begründen.125 Lengauer bezieht sich dabei unter anderem sowohl auf Deutschland als auch auf die USA. Daher kann festgehalten werden: Personalisierung gibt es unbestrittenerweise, hat aber in den letzten Dekaden nicht zugenommen und wird daher nicht als Boulevardisierungsvariable aufgefasst.

Wenn man von Personalisierung spricht, ist nicht allein eine personalisierte Berichterstattung gemeint. Personalisierung bezieht sich außerdem auf die Politik selbst. Zum Beispiel auf den Trend, dass Wahlkämpfe immer kandida- tenzentrierter ausgerichtet sind. Nur weil Kandidaten in den Qualitätszeitungen nicht mehr als früher im Fokus stehen, bedeutet dies nicht, dass Parteien ihre Strategie nicht auf Einzelpersonen auslegen. „Der Kandidat ist wichtiger als die Partei“, wie Radunski festhält.126 Nennt man Personalisierung in Verbindung mit Politik, steht dies stets in engem Zusammenhang mit „Inszenierungen“. Perso- nalisierung im Politikbereich ist somit mehrdimensional, und schließt auch das Publikum mit ein, wie aus einer plausiblen Definition von Holtz-Bacha et alia hervorgeht:

„Personalisierung bedeutet, dass die Person (des Politikers/der Politikerin) zum Deutungsmuster komplexer politischer Tatbestände wird, und zwar in der Selbstdarstellung der Politik, in der Darstellung von Politikern in den Medien oder auf Seiten der Wählerschaft […].“127

Weiter stellt sie fest, dass unter Bezugnahme auf Personen politische Realität konstruiert wird. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass durch personali- sierte Bezüge, zum Beispiel auf das Image der Person, Issues ausgeschlossen werden, wenngleich dieser Vorwurf häufig in der Literatur genannt wird. Sie können sich nämlich, wie auch beim Infotainment gehört, gegenseitig bedingen.

3.2.4 Weitere Boulevardisierungselemente und offene Fragen

Wie bereits öfter der Fall, ist auch bei weiteren Boulevardisierungsfaktoren festzuhalten: Es gilt als unbestritten, dass es sie gibt128: die Verwendung von einfacher und Umgangssprache129, um komplexe Sachverhalte leichter zugäng- lich zu machen, emotionale Sprache, um die Emotionen der Leser zu wecken und sie an den Text zu binden, inhaltliche Aufbauschung, Dramatisierung von journalistischen Beiträgen oder der Trend, Meldungen ohne großen Nachrich- tenwert, also Soft-News130 und Human-Interest-Themen, zu publizieren. „Die Boulevardisierung sorgt im gesamten Medienfeld dafür, dass der Pressekodex weiter ausgehöhlt wird.“131 Beispielsweise sei das Privatleben von Politikern selbst für traditionelle Qualitätsmedien kein Tabu mehr, wenn es durch das aggressive Vorgehen der Boulevardpresse auf die Agenda gehoben wird und so zwangsläufig politische Relevanz erhält. In welchem Maße das geschieht, bleibt jedoch im Verborgenen, da empirische Untersuchungen gerade für Qualitätszeitungen kaum zu finden sind.

Daher stellt sich hier die Frage: Werden die eben und in den vorherigen Ab- schnitten genannten Effekte in überregionalen Qualitätszeitungen deutlich? Wenn ja, in welchen Ausprägungen? Und wer ist der Meister der Boulevar- disierung? Die USA als Erfinder oder werden sie überholt von deutschen Jour- nalisten, die als Nachahmer - wenn auch kaum vorstellbar - das Original über- treffen?

Ein Großteil der Boulevardzeitungen auf dem internationalen Medienmarkt hat eine konservative Ausrichtung inne. Daraus könnte man schließen, dass rechtslastige Qualitätszeitungen mehr Mittel zur boulevardesken Bericht- erstattung einsetzen. Andererseits bedeutet konservativ eine innovations- feindliche Haltung und traditionelle Ansichten, was gegen einen verstärkten Gebrauch von Boulevardisierungselementen sprechen würde. Aufgrund dessen ist es schwierig vorherzusagen, ob Zeitungen, deren redaktionelle Linie eher rechts ist, mehr oder anders boulevardisieren. Die Empirie wird es ans Tages- licht bringen.

Wilke macht außerdem neun Trends in der Wahlkampfberichterstattung der USA aus, welche aber keine innovativen Erkenntnisse für weitere Boulevardi- sierungsmerkmale bieten. Allenfalls das dort beschriebene game schema (sie- he Infotainment) ist von Interesse sowie zwei, drei weitere Punkte für die News Bias-Forschung.132

3.3 Boulevardisierung in überregionalen Qualitätszeitungen?

Dieses Unterkapitel wird kürzer als gewünscht. Der Grund: höhere Gewalt. Denn wie im Verlaufe dieser Arbeit einige Male bemängelt, sind Untersu- chungen zu Boulevardisierung in Qualitätszeitungen praktisch nicht existent. Untersuchungen sind generell spärlich gesät und beschränken sich entweder auf das Fernsehen oder Boulevardmedien und behandeln dann auch lediglich Teilaspekte der Boulevardisierung wie Bebilderung (Visualisierung), oder sie sind rein auf die Zunahme an Human-Interest-Themen und ähnlichem ausge- richtet.

Schwammige Vermutungen beziehungsweise Annahmen ohne jegliches empirisches Fundament waren alles, was in der Literatur im Hinblick auf die Qualitätspresse zu finden war und an dieser Stelle präsentiert werden könnten. Diese Arbeit will an diesem größtenteils weißen Fleck der empirischen Landkarte ansetzen, einen Rundumschlag tätigen, alle relevanten Aspekte der Boulevardisierung (siehe Definition) untersuchen, die in Qualitätszeitungen auftreten könnten und dies dann international vergleichen.

Was für die Empirie wichtig sein wird: Man darf Boulevardisierungsstandards in Qualitätszeitungen nicht mit denen von Boulevardmedien gleichsetzen. Boulevardisierung drückt sich in überregionalen Qualitätszeitungen aufgrund ihres seriösen Selbstverständnisses anders aus als in Boulevardzeitungen - weniger reißerisch, weniger plakativ als in Kaufzeitungen. Das versteht sich eo ipso. Allein die Tatsache, dass sie überhaupt plakativ aufmachen oder InfotainmentElemente verwenden, wenngleich in geringerem Maße als Boulevardzeitungen, ist, sofern gegeben, ein Indiz für Boulevardisierung.

Die Frage nach Elementen, die mediale Boulevardisierung ausmachen können, ist hiermit umfassend geklärt. Ungeklärt ist jedoch weitgehend, warum in den Medien Boulevardisierung stattfindet. Abgesehen von den in Kapitel 2 angerissenen Inszenierungen sind weitere Faktoren von Bedeutung. Diese werden nachfolgend dargestellt.

3.4 Warum Boulevardisierung?

Boulevardisierung ist wie angedeutet kein Phänomen, welches ausschließlich Boulevardzeitungen und dem Fernsehen vorbehalten ist. Auch Qualitäts- zeitungen scheinen mittlerweile davon betroffen, wie anhand der inhaltsanaly- tischen Daten zu zeigen sein wird, zumal die Grenzen immer fließender zu werden scheinen und es daher problematisch wird, eine klare Einordnung zu schaffen. „Die Trennung zwischen Boulevardjournalimus und seriösem Journa- lismus, die es früher viel deutlicher gab, ist heute in der Form nicht mehr vorhanden.“133 Ein Zitat, das auf den Sportjournalismus bezogen formuliert wurde, aber problemlos auf andere journalistische Ressorts ausgeweitet wer- den kann.

Doch warum springen Qualitätszeitungen auf den Zug der Boulevardisierung auf? Dafür gibt es mehrere Gründe, die aus unterschiedlichen Fakten abgeleitet werden können. Zunächst ist anzuführen, dass Qualitätszeitungen und die dahinter stehenden Verlage wie jedes andere Medienunternehmen (abgesehen von öffentlich-rechtlichen) privatwirtschaftlich organisiert und daher bestrebt sind, profitabel zu arbeiten134, sprich Gewinne zu erwirtschaften. Und wenn Zeitungen in der Krise stecken, rote Zahlen schreiben, wie in den letzten Jahren mehr und mehr der Fall, suchen sie nach Möglichkeiten, Verluste zu reduzieren. Das geschieht durch Budgetkürzungen (weniger Angestellte, weniger Journalisten, weniger Korrespondenten), was zu einer verminderten Rechercheleistung führt.135 Weniger Hintergründe werden behandelt, dafür seichtere Themen, die leichter zu beschaffen sind und keine gründliche und zeitaufwändige Recherchetätigkeit erfordern.

Eine andere gewinnbringende Möglichkeit ist (entweder zusätzlich zu oder als Alternative von Kostensenkungen), eine Auflagensteigerung zu erzielen. Das heißt, eine Zeitung muss mehr potenzielle Leser ansprechen und neue Ziel- gruppen erschließen.136 Qualitätszeitungen haben den Ruf, zu großen Teilen von Eliten137 rezipiert zu werden. Soll eine breitere Masse angesprochen werden, ist es nötig, sich der breiten Masse anzupassen.138 Aus der Publikums- forschung ist bekannt, dass neben anderen Trends auch einer zur Unterhaltung besteht. Viele Menschen wollen Unterhaltendes dargeboten bekommen. Idea- lerweise aus Mediensicht stehen die Relevanz des Themas und das Interesse des Publikums im Mittelpunkt.139

Medien buhlen stets um die Aufmerksamkeit dieses Publikums140, was mit einer boulevardeskeren Ausrichtung leichter zu erreichen ist.141 Daher versuchen mitunter selbst Qualitätszeitungen, sich den veränderten Rezeptionsgewohn- heiten der Leserschaft anzupassen142 und eine Popularisierung der Angebote über Komponenten wie Boulevardisierung zu erreichen.143 Mit reiner, trockener Information ist oftmals kein Blumentopf zu gewinnen. Infotainment heißt das Zauberwort. Gleichzeitig informieren und unterhalten, lautet eine Erfolg verspre- chende Formel für journalistische Darstellungsformen.144 Man kann somit seriöse Berichterstattung mit Entertainment unter einen Hut bringen, dem Leser einen leichteren Zugang schaffen zu komplexen politischen Zusammenhängen und so beim durchschnittlichen Leser im Optimalfall wachsendes Interesse für Politik wecken.145

An dieser Stelle kann festgehalten werden: Boulevardisierung entstammt aus ökonomischen Überlegungen heraus. Seichtere, locker aufbereitete, plakativ aufgemachte Information verkauft sich besser als trockene, nüchtern-sachliche. Das kann durchaus positiv zu verstehen sein: Die Zeitungen versuchen, nah am Leser dran zu sein, die Anforderungen seiner Leser zu erfüllen. Eine Zeitung muss reagieren, wenn ein Leserschwund vorhanden ist. Boulevardisierung ist im Prinzip nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Lesergewinnungsstra- tegie.

Zudem leben Zeitungen im stetigen Konkurrenzdruck.146 Nicht nur untereinan- der, sondern auch das Internet mit seiner Vielfalt an (wichtigen und glaubhaften, aber auch vielen unwichtigen und unseriösen) Informationen ist eine zuneh- mende Bedrohung für den Zeitungsmarkt.147 Und wenn sich Qualitätszeitungen nur dann am Markt behaupten können, wenn sie die Art und Weise ihrer Berichterstattung etwas modifizieren, ist das ein legitimes Mittel, was nicht zwingend zum Verlust des Prädikats „Qualität“ führt. Boulevardisierung ist ein- fach ein Trend, dem sich kein Medium beziehungsweise kein Verleger komplett entziehen kann.

Gleichzeitig kann der Hang zum Boulevardesken auch negativ ausgelegt werden. „Was die einen als Publikumsorientierung begrüßen, ist bei den anderen als Marketingjournalismus verpönt“, stellt Siegfried Weischenberg fest.148 Die Eliten-Stammleser mögen von einer veränderten Form der medialen Aufbereitung nicht begeistert sein. Das „Tainment“ in Infotainment sowie die Orientierung am Publikum von Qualitätsjournalisten sollte daher nicht überhand nehmen149, um einen Mittelweg zu finden. Ob sachliche Information in ausge- wählten Qualitätszeitungen in Deutschland und den USA trotz Boulevardi- sierungsneigungen überwiegt, soll im empirischen Teil geklärt werden.

Zusammenfassend kann gesagt werden: Verluste kompensieren beziehungs- weise Gewinne maximieren („maximum profit over quality“150 ) um fast jeden Preis, das ist die Devise - in erster Linie der Verleger - vor allem in den USA, wo die Medien extrem kommerzialisiert sind151, aber auch in allen anderen freien westlichen Medienunternehmen, die im Wesentlichen abhängig sind vom Anzeigengeschäft, das sich wiederum nach den Auflagen richtet. Kosten einsparen ist die eine Möglichkeit, Gewinne zu verbuchen. Auflagen steigern, also das Publikum für sich zu gewinnen, die andere. Und wenn das Publikum „Boulevard“ will, bekommt es ihn. „Die Kommerzialisierung der Medien bringt es mit sich, dass auch seriöse Publikationen zunehmend boulevardesk gestaltet werden.“152 Ein Problem ist die mehrfach wahrzunehmende Unterstellung, dass Unterhaltungsformate die Berichterstattung über Politik gänzlich in den Hinter- grund drängt.153 Das kann durchaus zutreffen. Dies zu untersuchen, ist aber nicht Anliegen dieser Arbeit.

Es lässt sich hier jedoch festhalten, dass in den Medien weltweit generell ein Strukturwandel154 beziehungsweise Modernisierungsprozess155 stattfindet, der Boulevardisierung begünstigt. Es sind die veränderten Anforderungen an den Journalismus, die einen Wandel in der (Politik)Berichterstattung herbeifüh- ren.156

Die veränderten Bedingungen wurden erläutert, nun ist zudem zu klären, ob Einstellungen und Rollenverständnis von Journalisten ebenso Auswirkungen auf das Zustandekommen von Boulevardisierung haben.

3.5 Boulevardisierung aufgrund des journalistischen Rollenverständnisses?

„Journalisten spielen eine aktive Rolle im Prozeß [sic!] der politischen Informationsvermittlung.“157 Das ist unumstritten. Doch welche Auswirkungen hat diese Feststellung von Schicha für diese Forschungsarbeit? Zunächst keine direkten auf mögliche Boulevardisierungseffekte, dafür aber auf das Publikum, und zwar dann, wenn durch die journalistische Vermittlung politischer Informa- tionen News Bias existiert. Dazu später mehr. Dieses Kapitel dient quasi als fließende Überleitung zu den in Kapitel vier behandelten redaktionellen Linien.

Zuerst beschäftige ich mich mit Auszügen aus dem Rollenverständnis und mit der Klärung der Frage, ob Einstellungen und Selbstverständnis von Journalisten neben ökonomischen Gründen eine weitere Ursache der Boulevardisierung sind. Das Rollenverständnis spielt in der anschließenden empirischen Unter- suchung nur indirekt eine Rolle, aber es könnte Erklärungen für die Existenz der Boulevardisierung liefern und wird daher nachfolgend kurz skizziert.

Die hier aufgeführten Erkenntnisse stützen sich hauptsächlich auf Ergebnissen von „Rundumschlag-Untersuchungen“ über deutsche Journalisten von Weischenberg 2006 („Die Souffleure der Mediengesellschaft“) und Weavers Parallelstudie aus den USA im Jahre 2003 („The American Journalist Survey. The Face and the mind of the American Journalist.”; „The American Journalist in the 21st Century“, 2007). Darin enthalten sind ausführliche Daten über Journalisten in Deutschland und den USA. Die Palette reicht von allgemeinen Angaben zu Alter, Geschlecht und Abschluss bis zu spezifischen Daten hin- sichtlich politischer Ausrichtung, ethischen Normen et cetera.

Ein erstes Argument für Boulevardisierung, auch in seriösen Qualitätszei- tungen, liefert die Orientierung am Publikum158, welche nicht nur aus ökono- mischen Gründen erfolgt. Immerhin 60 Prozent der deutschen Journalisten wollen sich auf „Nachrichten konzentrieren, die für ein möglichst breites Publikum interessant sind“.159 Und da das Publikum Unterhaltung beziehungs- weise unterhaltende Aufbereitung von Informationen durchaus schätzt, ist es für die Journalisten quasi Pflicht, diese zu liefern. Es ist jedoch ein schmaler Grat: den Leser einerseits informieren, andererseits begeistern und mit unterhalten- dem Material versorgen zu wollen. Früher standen vor allem elitäre Journalisten in der Kritik, weit weg von ihrem Publikum zu sein. Diese Kluft möchten sie augenscheinlich zunehmend verringern. Für die USA gilt diese Vermutung im Übrigen nicht. Dort wollen sich lediglich 15 Prozent an den Wünschen ihrer Rezipienten orientieren.160

Im Widerspruch zur Publikumsorientierung und damit auch zu einem Teilaspekt der Boulevardisierung steht die generelle Einstellung der Journalisten hinsichtlich ihrer Unterhaltungsfunktion. Die befragten Journalisten sehen sich, entgegen vieler in der Literatur vorzufindenden Annahmen und Angaben, nicht in der Rolle des Entertainers. In den USA sogar noch weit weniger als deren deutsche Kollegen.161 Diese Nicht-Unterhaltungs-Haltung dürfte erst recht für Politikjournalisten im printmedialen Bereich gelten.

Es gibt über alle Ressorts verteilt lediglich zwei Gruppen von Journalisten, die Unterhaltung zu einem wichtigen Bereich ihrer Aufgaben zählen. Sportjourna- listen sehen sich als Entertainer162, auch Unterhaltungsjournalisten (je rund zwei Drittel), jedoch empfinden es auch diese beiden journalistischen Metiers, sowohl in Deutschland als auch in den USA, nicht als ihre oberste Pflicht, zu unterhalten. Ganz oben auf der Rollenverständnis-Agenda steht die Informa- tion. Allenfalls als Sekundärfunktion tritt die Unterhaltung in Erscheinung. Unterhaltung ist also nicht Grundmelodie, jedenfalls nicht im Rollenselbst- verständnis.163 Politikjournalisten in Deutschland sehen sich demnach nicht als Entertainer. Der Drang zu unterhalten hat generell zur Vergleichsstudie 1993 prozentual gesehen signifikant abgenommen. Waren es zwölf Jahre zuvor 47 Prozent, die den Rezipienten Unterhaltung und Entspannung bieten wollten, so kam 2005 nur noch ein Wert von 37 Prozent heraus.164 In den USA war dieser Wert wiederum deutlich geringer. Er lag 2002 bei elf Prozent (gegenüber 25 zehn Jahre zuvor).165

Eine Mischung aus Info und Unterhaltung ist hingegen für die meisten in Ordnung. Hier muss abermals darauf verwiesen werden, dass Journalisten selbst den Anspruch, neutral zu informieren und unterhaltend aufzubereiten, als keinen Widerspruch ansehen. Grund dafür sei laut Weischenberg ein „mehrdimensionales Berufsverständnis.“166

Was bleibt also festzuhalten für den Journalisten? Das Selbstverständnis liefert im Großen und Ganzen keine Argumente für Boulevardisierung. Am allge- meinen Rollenverständnis ist die Boulevardisierung demnach nicht festzu- machen, auch nur mit Abstrichen an der Publikumsorientierung.Die Hauptursachen der Boulevardisierung sind kein Produkt der Einstellungen, sondern der ökonomischen Anforderungen und Redaktionszwänge (Vorgaben der Chefredaktion oder Verleger167 ), wie in 3.4 erläutert. Boulevardisierung – sofern sie in Qualitätszeitungen in der Politikberichtserstattung in der Analyse ersichtlich

[...]


1 Genaueres dazu vgl. 3.1.

2 Abgesehen von einem eigenen Ansatz ausgerichtet auf Sportberichterstattung.

3 Warum die Medienlandschaft so stark boulevardisiert ist, kann mehrere Ursachen haben: Journalistisches Selbstverständnis, Anpassung an Leserbedürfnisse, ökonomische Zwänge, Politik als Motor der Boulevardi- sierung, wie im Verlaufe dieser Arbeit noch zu sehen wird. Aus den USA ist bekannt, dass Politik in den Medien oftmals als Spektakel präsentiert wird und Medieninhalte von Spitzenpolitikern handeln, die die Kunst der Selbstinszenierung beherrschen (vgl. Kapitel 2). Und beherrschen sie diese nicht selbst, haben sie dafür oftmals ein ganzes Arsenal an professionellen Image-Beratern. Politik ist also durchaus eine Bühne für Boulevardi- sierung. Der Grad des Einflusses der verschiedenen Faktoren für das Zustandekommen der Boulevardisierung ist hier nicht empirisch messbar, nur theoretisch diskutierbar. Da aber auch in Deutschland ähnliche Begebenheiten herrschen (Kommerzialisierung schreitet voran, Politik immer mehr professionalisiert, Anpassung an Leserbedürfnisse) sind Ursachen für die USA auch gleichzeitig mögliche Ursachen für Deutschland und umgekehrt. Es wäre daher nur logisch, dass, wenn US-Qualitätszeitungen Boulevardisierung anwenden, dies auch deutsche tun. Im Theorieteil werden stets allgemeine Sichtweisen dargestellt und zudem immer wieder Vergleiche zwischen deutschem und US-Journalismus getätigt.

4 Eine Definition von Politikberichterstattung ist zu finden bei Maurer/Reinemann 2006. S. 108.

5 Auch wenn (Qualitäts-)Zeitungen zunehmend Konkurrenz durch Fernsehen und Internet bekommen, sind sie noch immer ein wichtiges Medium der Politikvermittlung und daher als Untersuchungsgegenstand geeignet.

6 Vgl. Engesser 2007, S. 13-23.

7 Erstmals wollte mit Angela Merkel eine Frau Kanzlerin werden, erstmals überstand ein farbiger Kandidat (Barack Obama) die Primaries und hatte die Chance, Präsident zu werden.

8 Die Forschungsfragen werden getrennt voneinander begutachtet, da kein direkter Zusammenhang besteht. Für das Entstehen von Boulevardisierung sind andere Ursachen verantwortlich (zum Beispiel ökonomische Zwänge), redaktionelle Linien drücken sich hingegen vor allem aufgrund ideologischer Positionen der jeweiligen Mediums aus.

9 Vgl. Meyer 2000, S. 117-121.

10 Vgl. Brosda/Schicha 2002, S. 42-50.

11 Vgl. Schicha 1999, S.139.

12 Vgl. Leifert 2007, S. 281.

13 Vgl. Schicha 1999, S. 133-137.

14 Siehe Definition unter 3.1

15 Vgl. Tenscher 2003, S.62; dazu auch Kepplinger 1992, S. 51-55 oder Müller 2001, S. 100-102.

16 Beschreibung des Parteitages in Leifert, S. 290-291; über die Inszenierung von US-Parteitagen siehe Müller 2002, S. 65-79; in Deutschland werden Parteitage mehr und mehr nach dem Muster der „party conventions“ in den USA mit viel Show-Effekten als Medienereignisse inszeniert (vgl. Schulz 2008, S. 257).

17 Vgl. diese und diverse Selbstinszenierungen von Politikern in Meyn 2004, S. 251-253.

18 Publikum bewertet Politiker mitunter nach politikfernen Attributen (Inhalte vs. Imageaspekte); Auftritt in Öffentlichkeit ist teilweise wichtiger als politisches Profil (vgl. Leifert 2007, S. 294); auch der Amtsinhaber wird nicht mehr allein an Amtsführung (von Journalisten und Publikum) gemessen (vgl. Isaacs 1996, S. 340); das Publikum reagiert allgemein bei inszenierten Auftritten positiver auf Politiker als bei nicht-inszenierten (vgl. Kepplinger/Maurer 1999, S. 30-31). Das Publikum, auf die Inszenierungen, sowohl der Politiker als auch der Medien, meist abzielen, wird in der Folge weitgehend Außen vor gelassen.

19 Professionalisierung, Inszenierung, Selbstdarstellung in Deutschland nach dem Vorbild USA siehe unter anderem Altendorfer 2003, S. 7-11 und S. 19-24.

20 Als Spin Doctors werden Kampagnenmitarbeiter oder Kommunikations- und Imageberater der Politiker bezeichnet (vgl. Tenscher 2003, S. 64).

21 Esser/Reinemann 1999, S. 44; vgl. dazu auch Esser/Reinemann/Fan 2000, S. 209-239. Hierzu ebenfalls interessant ist die Frage nach dem Einfluss auf die Themenwahl: Setzen Medien selbst die Rangordnung der Themen fest? Oder bilden Medien Wahlkampf-Agenda ab, die letztlich die Parteien bestimmen? These der Amerikanisierung behauptet, dass Parteien durch Maßnahmen des Ereignis- und Themenmanagements einen Einfluss auf die redaktionelle Linie der Massenmedien anstreben (vgl. Schulz 1997, S. 199), wie das in USA schon lange der Fall ist.

22 Auch andere Autoren stoßen bei der Beantwortung dieser Frage an ihre Grenzen: Inhaltliche Beeinflussung der Medienberichterstattung durch Polit-PR schwer zu beurteilen (vgl. Brosda/Schicha 2002, S. 58). Mehr zum Einfluss von politischer PR auf Politikberichterstattung siehe beispielsweise Schulz 1997, S. 225-234.

23 Vgl. Kepplinger/Maurer 1999, S. 24-39.

24 Vgl. Schicha 1999, S. 138.

25 Vgl. Leifert 2007, S. 286.

26 Vgl. ebd., S. 294-295.

27 Vgl. Meckel 2003, S. 73-74.

28 Vgl. Meyer 2001, S. 111.

29 Meyer/Kampmann 1998, S. 85.

30 Vgl. Kepplinger 1998, S. 158.

31 Vgl. Mai 2005, S. 118.

32 eine nähere Beschreibung dieser Modelle zu finden in Schicha 2007, 73-75 und Jarren/Donges/Weßler 1996,S. 9-37.

33 Westerbarkey 1995, S. 155.

34 Vgl. Schicha 2007, S. 75.

35 Vgl. Strohmeier 2004, S. 170-172 und Paletz/Vinson 1994, S. 362-368.

36 Jansen/Ruberto 1997, S. 40.

37 Vgl. Kepplinger 1998, S. 162.

38 Vgl. ebd., S. 164.

39 Vgl. Saxer 2000, S. 39.

40 Vgl. dazu Meyn 2004, S. 250.

41 Vgl. Haas 2006, S. 69-70.

42 Auch Hoffmann (2003, S. 29-47) diskutiert das Verhältnis von Politik und Medien. Er kommt zu ähnlichen Schlüssen wie in diesem Kapitel beschrieben: Im Endeffekt läuft es immer auf Interdependenz (gegenseitige Abhängigkeit) und gegenseitige Beeinflussung hinaus.

43 Auf Amerikanisierung in all ihren Facetten kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden, Zu Ame- rikanisierung als Wandel der politischen Kommunikation siehe unter anderem Weiß 2007, S. 5-11; Strohmeier 2004, S. 173-174; verschiedene Definitionen von Amerikanisierung in Plasser 2000, S. 49-63; Begriffs- erläuterung, positive und negative Elemente in Müller 2001, S. 99-100. Amerikanisierung wird unterschiedlich definiert, kein einheitliches Verständnis in der Literatur; weiteres zur Amerikanisierung in: Schulz 2008, S. 243- 246, Tenscher/Viehrig 2007, S. 7-10; Tenscher 2003, S. 55-64; Jansen/Ruberto 1997, S. 129-130; Sarcinelli/ Geisler 2002, S. 155-157.

44 Amerikanisierung ist auch im außermedialen Bereich gegeben. Zum Beispiel kulturell, wirtschaftlich oder soziologisch (vgl. Lüdtke/Marßolek/von Saldern 1996, S. 7-33).

45 In dieser Arbeit wird auf die Verwendung des Wortes „Amerikanisierung“ weitgehend verzichtet, wenn es aber doch auftaucht, ist es als Anpassung der (Politik)-Berichterstattung an amerikanische Verhältnisse zu verstehen.

46 Vgl. hierzu den Auflagenkampf und Definition von „Tabloids“ in Flocke 1998, S. 629-630. „Tabloidization“ kann einerseits als Übernahme des Formats von Tabloids angesehen werden, andererseits als inhaltliche, visuelle und stilistische Anpassung. Zweiteres ist in dieser Arbeit von Bedeutung.

47 Zum Boulevardzeitungsstil zählen beispielsweise boulevardeske Elemente wie plakative, sensationelle Aufmachung oder die Vermischung von Information und Unterhaltung. Eine nähere Erläuterung dieser Elemente folgt später. Auch mögliche Ursachen für diese Trends werden im Verlauf dieser Arbeit diskutiert.

48 Vgl. Kruger 1985, S. 480.

49 Schon gar nicht über die Boulevardisierung der printmedialen Politikberichterstattung. Über Politik und Medien allgemein gibt es unzählige Bücher, aber nahezu keine behandeln explizit das Thema „Boulevardisierung“ in Zusammenhang mit Politikberichterstattung.

50 Für das Fernsehen wurde dies bereits untersucht, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Manch Forscher bejaht die Frage nach Boulevardisierung, andere hegen Zweifel. Unbestritten ist von allen Autoren, dass sie in deutschen Privatsendern gegeben ist, öffentlich-rechtliche aber ausgewogen sind; In den USA weist das Fernsehen generell viel Boulevardisierung auf; Untersuchung zur Boulevardisierung im Fernsehen zum Beispiel in Müller (2001); Leifert 2007, S. 280-288 oder Donsbach/Büttner 2005, S. 21-38. Siehe auch einen Artikel der netzeitung vom 11.5.2007, URL: http://www.netzeitung.de/medien/645194.html"

51 Näheres dazu im empirischen Teil.

52 Im Englischen ist der Begriff „Tabloidization“ gebräuchlich; fortan wird der Einfachheit halber ausschließlich der Begriff “Boulevardisierung” verwendet, da mit beiden Begriffe weitgehend dasselbe gemeint ist.

53 Vgl. Esser 1999, S. 292.

54 Soft News sind Neuigkeiten mit unterhaltsamem Wert.

55 Vgl. Kruger 1985, S. 480.

56 Zum Beispiel der Verfall journalistischer Standards, eine Trivialisierung der Berichterstattung et cetera. Ein Beispiel von vielen für eine negative Auslegung der Boulevardisierung ist die Aussage von Tom Rosentiel, damaliger Direktor des Project for Excellence in Journalism, der Tabloidization in einem negativen Licht sieht. Er nennt sie „a crisis on conviction, a philosophical collapse in the belief in the purpose of journalism and the meaning of news.“ (Zitiert nach Kurtz et al. 1998, S. 45).

57 Vgl. exemplarisch Reinemann 2008, S. 219-233.

58 Interview der netzeitung mit Stefan Niggemeier vom 29.11.2006, URL: http://www.netzeitung.de/feuilleton/39fragen/455824.html

59 Siehe dazu 3.2.1 und 3.4.

60 Vgl. Koziara 2006, S. 5-16.

61 Human-Interest-Themen sind Themen in der Berichterstattung, die sich vordergründig an dem zu erwartenden Zuschauerinteresse orientieren. Speziell für die Politikberichterstattung fallen Themen in das Human-Interest- Spektrum wie politikferne/außerpolitische Aktivitäten, oder Schwänke aus dem Privatleben der Politiker.

62 Boulevardisierte Themen können auch von der Politik selbst ausgehen, siehe Kapitel 2.

63 In der englischsprachigen Literatur stößt man des Öfteren auf die gewiefte Bezeichnung „Slanguage“ (vgl. Lasky 2000, S. 267-273).

64 Näheres zu Zynismus in Zeitungen vgl. Cappella/Jamieson 1997, S. 17-37.

65 In diesen Werken wird der Trend als gegeben angesehen, obwohl nicht belegt durch empirische Befunde.

66 Vgl. 3.2.3.

67 Zum Auftreten von „Infotainment“ im Fernsehen gibt es eine ganze Reihe von Studien und Essays. Vgl. unter anderem Schicha 2007, S. 86; Leifert 2007, S. 82-85; Wittwen 1995. Im printmedialen Bereich sind empirische Belege eher spärlich gesät, wie auch Höfner (2003, S. 38) und andere bestätigen.

68 Zitiert nach Meyn 2004, S. 248. In die gleiche Kerbe schlägt auch Thierse: „Auf dem Mainzer Mediendisput hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die fortschreitende Boulevardisierung der Politik-Berichterstattung kritisiert. Der SPD-Vertreter warf den Medien vor, Politik vor allem als Unterhaltung zu präsentieren.“ (vgl. Artikel der netzeitung am 4.11.2003, URL: http://www.netzeitung.de/medien/260479.html).

69 Wittwen 1995, S. 22.

70 Vgl. Horx 1995.

71 Vgl. Schicha 2007, S. 90 und 3.4.

72 Vgl. Dörner/Vogt 2002, S. 12-13.

73 Vgl. dazu auch: Ruß-Mohl 1998, S. 141-143.

74 Vgl. Schicha 2007, S. 88; Höfner 2003, S. 33 und Wittwen 1995.

75 Vgl. Schicha 1999, S. 147.

76 Vgl. Saxer 2000, S. 37-38.

77 Nieland 2002, S. 500.

78 Vgl. Leif 2000, S. 7.

79 Vgl. Dörner/Vogt 2002, S. 12-13.

80 Vgl. Machnig 2002, Seite 148.

81 Vgl. Vowe 2008, S. 256-259.

82 Vgl. Schicha 2007, S. 87; außerdem: Kepplinger 98, Weiß/Trebbe 2000.

83 Vgl. Schicha 1999, S. 147.

84 Meyer 2001, S. 195.

85 Westerbarkey 1995, Seite 152.

86 Vgl. dazu auch 3.4.

87 Schicha 1999, S. 148.

88 Vgl. Früh/Wirth 1997, S. 369-381.

89 Vgl. dazu Höfner 2003, S. 36-38.

90 Mehr zum Unterhaltungsbegriff, Differenzierung der Begriffe „Unterhaltung“ und „Information“, Definitionen, Unterhaltung in Bezug auf Rezipientenbedürfnisse siehe Schicha 2007, S. 91-101 und Höfner 2003, S. 40-56.

91 Saxer 1974, S. 86.

92 Vgl. Schicha 2007, S. 97.

93 Vgl. Schmid/Wünsch 2001, S. 31-48.

94 Vgl. Herbert 2008, S. 91.

95 Vgl. Schicha 2007, S. 105.

96 Soft News und Human-Interest-Themen kommen auch in Qualitätszeitungen vor, allerdings weniger im Politik-, sondern in eher unterhaltungsorientierten Ressorts wie dem Panoramateil; in der vorliegenden Untersuchung wurde jedoch ausschließlich das Ressort Politik betrachtet. Betrachtete man die Gesamtausgabe, würde der Anteil an Soft News vermutlich weitaus höher liegen.

97 Vgl. Liebovich 1998, S. 152-155.

98 Auch ernste Themen können unterhaltend aufbereitet sein. Näheres dazu siehe Codebuch im Anhang.

99 McChesney 2008, S. 68.

100 Graber 1997, S. 129.

101 Wahlkämpfe werden medial wie ein Wettrennen dargestellt, zum Beispiel durch häufiges Präsentieren von Umfrageergebnissen, welcher Kandidat gerade in der Gunst der Wählerschaft vorne liegt.

102 Herbert 2008, S. 29. Leitartikel in der New York Times vom 14.10.2008: „Amusing, but Not Funny”.

103 Einer der Gründe dafür liegt im mehrdimensionalen Berufsverständnis (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006, S. 100). Mehr zum Rollenverständnis von Journalisten in Deutschland und den USA siehe 3.5.

104 Teichert 1996, S. 132.

105 Zunehmendes Infotainment wurde in deutschen Regionalzeitungen im Längsschnittvergleich bereits nachgewiesen (vgl. Bernhard/Scharf 2008, S. 231-250).

106 Vgl. Plasser 2000, S. 53-55.

107 Vgl. Schulz 2008, S. 253-255.

108 Vgl. Patterson 1993, S. 53

109 Vgl. Brettschneider 2001, S. V-VI.

110 Diese beiden Medien werden hier aber Außen vor gelassen, da sie nicht Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sind.

111 Mit bildlicher Darstellung kann im Übrigen News Bias erzeugt werden (siehe 4.1).

112 Vgl. Wilke/Reinemann 2006, S. 328-330.

113 Vgl. Maurer/Reinemann 2006, S.109-110.

114 Teichert 1996, S. 132.

115 Vgl. Gärtner/Holicki/Mathes 1994, S. 199-200.

116 Redelfs 1996, S. 127.

117 Vgl. Wilke 2004, S. 210-230.

118 Vgl. Garcia 1989, S. 6.

119 Zitiert nach Küchler 2001, S. 6.

120 Vgl. Kapitel 2.

121 Fernsehen ist in der Regel das Medium, das mit dem Schlagwort Personalisierung am engsten verknüpft ist (vgl. Müller 2001, S. 104; Holtz-Bacha 1996, S. 21 und Dover 1994, S. 6).

122 Vgl. Wilke/Reinemann 2006, S. 319: Die Autoren stellen fest, dass für Personalisierung in der Wahlkampfberichterstattung in deutschen Qualitätszeitungen keine lineare Steigerung erkennbar ist.

123 Vgl. Kindelmann 1994, S. 164-167 und Pfetsch/Schmitt-Beck/Schrott 1992.

124 Vgl. Sigelman/Bullock 1991, S. 5-32 und Wilke/Reinemann 2000.

125 Vgl. Lengauer 2007, S. 137-173.

126 Radunski 1996, S. 35

127 Holtz-Bacha/Lessinger/Hettesheimer 1998, S. 241. Weitere ähnliche Definitionen und/oder Personalisierungskonzepte, Probleme durch Personalisierung siehe Schicha 1999, S. 158; Wirth/Voigt 1999, S. 136-139; Sarcinelli 1992, S. 53-54; Schulz 2008, S. 250-255.

128 Vgl. beispielsweise Schicha 2007, S. 130-135 oder Feststellungen zu emotionalem und nüchternem Schreiben in Kepplinger 1998 S. 129-133.

129 Überregionale Qualitätszeitungen sind jedoch eher dafür bekannt - zumindest wird es ihnen aufgrund ihres Selbstverständnisses nachgesagt - dass sie eher auf einen komplizierten Sprachgebrauch (Verwendung von Fremdwörtern, komplexer Satzbau, kunstvolle und gewiefte Formulierungen) aus sind.

130 Privatleben und persönliche Eigenschaften der Politiker werden immer mehr zum Gegenstand der Bericht- erstattung (vgl. Jansen/Ruberto 1997, S. 170-172).; zu Politik im Unterhaltungsformat, Relevanz von Neben- sächlichkeiten siehe Renger 2002, S. 223-231; ein Beispiel von vielen in der Politikberichterstattung, wo Neben- sächlichkeiten aufgebauscht wurden, ist die Medienberichterstattung über George Bush in der 2000er-Wahl (vgl. Alterman 2003, S. 173). Soft News und Human-Interest-Themen sind oftmals ähnlich, fallen in dieselbe journa- listische Kategorie.

131 Homepage von news aktuell, Meldung vom 12.6.2008, URL: http://www.presseportal.de/meldung/1209743/

132 Vgl. Wilke 2000, S. 80-83.

133 Zitat von Erich Laaser, Präsident des Verbandes deutscher Sportjournalisten (VDS), zitiert nach der digitalen Dissertation von Wipper 2003, S. 349.

134 Näheres zur deutschen Pressewirtschaft in Schütz 2003, S. 493-517. Wirtschaftliche Eigeninteressen in der Medienpolitik vgl. Puppis 2007, S. 43-44; vgl. dazu auch diverse Texte zur Kommerzialisierung der Massenme- dien beziehungsweise des Journalismus, zum Beispiel in Herbert, Eva-Maria 2008, S. 69-71; Weischen- berg/Malik/Scholl (2006), S. 141-167 oder detailliert für den US-Medienmarkt: McChesney 2008, S. 38-56 und 83-96.

135 Vgl. McChesney, S. 40-42. Der Fokus liegt hier allerdings auf investigativem Journalismus. Es wird kritisiert, dass der „investigative journalism“, dem vor allem in den USA eine hohe Bedeutung zukommt, unter den „cost cuts“ leide und somit eine seichtere Berichterstattung in Kauf genommen werden müsse; ein Thema, das in dieser Arbeit nicht näher untersucht werden kann.

136 Mehr Leser, mehr Anzeigenkunden, mehr Gewinn, vgl. dazu Anzeigen-Auflagenspirale in Schütz 2003, S. 502-509.

137 Als Elite versteht man gemeinhin gebildete Menschen mit relativ hohem sozio-ökonomischen Status.

138 So ist im Übrigen auch eine mögliche Verwendung einfacherer Sprache zu erklären.

139 Vgl. Leifert 2007, S. 286.

140 Vgl. Mai 2005, S. 115.

141 Vgl. Ruß-Mohl 1998, S. 144-145.

142 Hier muss jedoch festgestellt werden: Viele Leser von Qualitätszeitungen lesen nicht in erster Linie, um unterhalten, sondern um informiert zu werden.

143 Vgl. Teichert 1996, S. 129-132.

144 Vgl. 3.2.1.

145 Vgl. Leifert 2007, S. 292.

146 Vgl. Schicha 2007, S. 82-83; Harngarth 1996, S. 13-14; intra- und intermediärer Wettbewerb und zu Pressekooperationen und Konzentrationsprozessen vgl. Schütz 2003, S. 509-516.

147 Vgl. Höfner 2003, S. 38 oder einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen vom 23.9.2008, URL: http://www.haz.de/newsroom/medien/art663 ,692002

148 Weischenberg/Malik/Scholl 2006, S. 143.

149 Gerade Boulevardmedien wird unterstellt, besonders gewinnorientiert und daher besonders publikumsorientiert zu sein (vgl. Reinemann 2008, S. 205-207). Publikumsnähe steht hierbei über allem, auch über der Relevanz von Themen. So sehr am Boulevardmedienstil dürften sich Qualitätsmedien nicht orientieren, wenn sie qualitativ hochwertige Produkte bleiben wollen.

150 Konner 1996, S. 42.

151 Vgl. Kindelmann 1994, S. 21-22.

152 Herbert, Eva Maria 2008, S. 89.

153 Vgl. Leifert 2007, S. 283-284 und Brosda/Schicha 2002a, S. 9.

154 Vgl. Mai 2005, S. 103-123.

155 Davon ist auch Wahlkampfberichterstattung betroffen, vgl. dazu Modernisierungs- und Medialisierungsthese in Schulz 2008, S. 244-246.

156 Vgl. Riddell 2006, S. 73-74.

157 Schicha 1999, S. 131.

158 Vgl. Pöttker 1998, S. 229-249.

159 Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006, S. 102-105.

160 Daten entnommen aus einer Untersuchung des Poynter Institutes, URL: http://www.poynter.org/content/content_view.asp?id=28832

161 Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006, S. 100-116.

162 Vgl. Koziara 2006, S. 16-18.

163 Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006, S. 114.

164 Vgl. ebd., S. 111.

165 Homepage des Poynter Institutes, URL: http://www.poynter.org/content/content_view.asp?id=28832

166 Vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006, S. 100.

167 Siehe Donsbach 2003, S. 109: Einflussfaktoren hier auf journalistische Inhaltsentscheidungen; kann auch auf Boulevardisierungselemente wie Design, (seichte) Themenwahl und Co. übertragen werden.

Ende der Leseprobe aus 140 Seiten

Details

Titel
Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung
Untertitel
Ein internationaler Vergleich von US- und Bundestagswahlen in New York Times, Chicago Tribune, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung
Hochschule
Universität Augsburg  (Institut für Medien und Kommunikation)
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
140
Katalognummer
V337101
ISBN (eBook)
9783656986140
ISBN (Buch)
9783656986157
Dateigröße
1263 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
inkl. 48 Seiten Anhang!
Schlagworte
abkehr, verständnis, boulevardisierungstrends, linien, politikberichterstattung, vergleich, bundestagswahlen, york, times, chicago, tribune, süddeutsche, zeitung, frankfurter, allgemeine
Arbeit zitieren
Christian Koziara (Autor), 2009, Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337101

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Titel: Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung


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