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Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung

Ein internationaler Vergleich von US- und Bundestagswahlen in New York Times, Chicago Tribune, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung

Title: Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung

Master's Thesis , 2009 , 140 Pages , Grade: 2,3

Autor:in: Christian Koziara (Author)

Communications - Media and Politics, Politic Communications
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Summary Excerpt Details

„Angela Merkel weiter mit ‚Angie’ unterwegs“, titelte eine deutsche Zeitung und meinte damit den Song der Rolling Stones, mit dem die damalige Kanzlerkandidatin ihre Wahlkampfauftritte ausschmückte. Wenige Tage später meldete eine andere Zeitung, dass Doris Schröder-Köpf, die Ehefrau des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, „Merkelsche Kinder vermisst.“ In einem anderen Land widmete ein Printmedium Präsidentschaftsanwärter John McCains Tochter Megan einen längeren Artikel und beschrieb ihre persönlichen Gefühle im Wahlkampf. Und ein anderes Blatt in diesem Land machte auf der Titelseite drei Wochen danach mit einem seitengroßen Bild auf, die Überschrift plakativ, rund ein Viertel der Seite einnehmend: „Obama – Our next president“.
Diese Beispiele greifen etwas auf, was in der heutigen Zeit mehr denn je diskutiert wird: die Boulevardisierung der Medienlandschaft. Die oben genannten sind zwar nur einzelne Beispiele, doch Brisanz verliehen wird ihnen aufgrund der Fundorte. Sie stammen nicht aus irgendwelchen Boulevardblättern; alle vier stammen aus dem Politikteil überregionaler Qualitätszeitungen im Rahmen der Wahlkampfberichterstattung. Die erstgenannte Meldung erschien in der Süddeutschen Zeitung am 24. August 2005, die zweite in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1. September 2005). Beispiel Nummer drei und vier stammen aus den USA, dafür verantwortlich zeichneten sich die New York Times und die Chicago Tribune am 16. Oktober beziehungsweise am 5. November 2008.
Für die USA überrascht das Auftreten boulevardesker Merkmale weniger, da dort die gesamte Medienlandschaft generell als boulevardisiert gilt und es demnach als wenig überraschend aufstößt, dass sich selbst Qualitätszeitungen im Politikressort dieser Maxime unterwerfen.
Die Vermutung, dass im Zuge der Amerikanisierung die ursprünglich in den USA beheimatete Boulevardisierung in andere Mediensysteme streut, ist nicht neu. Dass inzwischen auch in der deutschen Medienlandschaft Boulevardisierung um sich greift, ist ebenfalls nicht neu. Neu ist, dass auch deutsche Qualitätszeitungen diesem Trend folgen und sich scheinbar boulevardeske Züge aneignen. Düstere Zeiten für den Journalismus? Der Niedergang journalistischer Qualität?
Diesen und weiteren Fragen geht diese Arbeit nach.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

I. Theorie

2 Wer inszeniert wen? Wechselwirkungen und symbiotische Beziehungen im medialen und politischen System

2.1 Inszenierungsleistungen der Medien und der Politik

2.2 Interdependenzen zwischen medialem und politischem System

2.3 Aus dem Blickwinkel der Medien

3 Boulevardisierung

3.1 Anfang, Ursprung, Entwicklung und Forschungsstand

3.2 Was ist Boulevardisierung?

3.2.1 Infotainment und seine Verwandten

3.2.2 Visualisierung als Stilmittel

3.2.3 Personalisierung – (k)ein Element der Boulevardisierung

3.2.4 Weitere Boulevardisierungselemente und offene Fragen

3.3 Boulevardisierung in überregionalen Qualitätszeitungen?

3.4 Warum Boulevardisierung?

3.5 Boulevardisierung aufgrund des journalistischen Rollenverständnisses?

4 Redaktionelle Linien

4.1 Was ist News Bias und wie entsteht es?

4.2 Liberal Bias? Zum Einfluss der redaktionellen Linie

4.3 Kommentare als deutlichste Offenbarung der redaktionellen Linie

4.4 Medieneinfluss auf Wahlausgänge

4.5 Exkurs: Die untersuchten Wahlen – Sonderfälle?

5 Zusammenfassung der Theorie

II. Empirie

6 Qualitätszeitungen

6.1 Chicago Tribune

6.2 New York Times

6.3 Süddeutsche Zeitung

6.4 Frankfurter Allgemeine Zeitung

7 Operationalisierung, Forschungsdesign, Datengrundlage

8 Forschungsfragen und Annahmen

8.1 Boulevardisierung

8.2 Redaktionelle Linien

9 Ergebnisse

9.1 Boulevardisierung

9.1.1 Inhaltliche Merkmale

9.1.2 Visuelle Merkmale

9.1.3 Sprachlich-stilistische Merkmale

9.1.4 Drei Ebenen unter einem Hut

9.1.5 Länderspezifischer und blattideologischer Vergleich

9.2 Redaktionelle Linien

9.2.1 Die US-Zeitungen

9.2.2 Die deutschen Zeitungen

9.2.3 Ausgewogenheit – ein Fremdwort?!

9.3 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse

10 Zusammenfassung der Empirie

11 Schlussbemerkungen

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Boulevardisierung in der politischen Berichterstattung von überregionalen Qualitätszeitungen in den USA und Deutschland am Beispiel der US-Wahl 2008 und der Bundestagswahl 2005. Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern diese Zeitungen boulevardeske Elemente übernehmen und ob sie in meinungsbetonten Artikeln von ihren redaktionellen Leitlinien abweichen.

  • Boulevardisierung im Printjournalismus
  • Wechselwirkungen zwischen politischem System und Medien
  • Einfluss redaktioneller Linien auf die Berichterstattung
  • Internationaler Vergleich zwischen deutschen und US-Qualitätsmedien
  • Quantitative Inhaltsanalyse von Wahlkampfberichterstattung

Auszug aus dem Buch

3.2.1 Infotainment und seine Verwandten

„Ich habe den Eindruck, dass das Interesse an ausführlicher Darstellung politisch relevanter Sachverhalte zurückgetreten ist und der Unterhaltungszweck der Darstellung politischer Sachverhalte immer mehr in den Vordergrund tritt“, klagte vor einigen Jahren Politiker Kurt Biedenkopf. Mit seiner Kritik zielte er auf eine bestimmte Tendenz in der Politikberichterstattung ab: Infotainment. Eine Wortschöpfung aus den Begriffen „Information“ und „Entertainment“. Für die Politikberichterstattung hat dieser Begriff in den letzten Jahrzehnten sowohl in der US- als auch der deutschen Medienlandschaft zunehmend an Bedeutung gewonnen, wobei Infotainment per se nicht im Hinblick auf die Politik kreiert wurde, inzwischen jedoch häufig in Zusammenhang mit dieser Verwendung findet. Explizit auf die Politik ausgerichtet führte Dörner 2001 den Terminus „Politainment“ ein. Sowohl das Wort „Infotainment“ als auch „Politainment“ haben eine vielschichtige Bedeutung. Infotainment kann zum einen als „Sammelbegriff für die Möglichkeiten zur unterhaltenden Aufbereitung von Informationen“ verstanden werden, ebenso aber als Merkmal für diejenigen Formate, die Unterhaltung und Information vermischen. Außerdem kann man es als spezielles Stilmittel zur Übertragung von Information ansehen. Warum dieses Mittel zur Präsentation von Politik immer häufiger auftritt, wird an anderer Stelle deutlich: Es wurde notwendig, um sich auf dem Medienmarkt behaupten zu können.

Politainment kann auf mehreren Ebenen stattfinden und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden, welche bisweilen eng miteinander verzahnt sind. Zum einen kann Politainment als unterhaltende Politik verstanden werden. Das ist dann der Fall, wenn Politiker auf Mittel der Unterhaltung zurückgreifen, um ihre Ziele zu erreichen. Die andere Seite, welche hier vorrangig von Bedeutung ist, nennt Dörner „politische Unterhaltung“. Sie liegt vor, wenn Medien bei der Präsentation von Politik selbst auf unterhaltende Elemente setzen.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Problem der Boulevardisierung in der Politikberichterstattung von Qualitätszeitungen und stellt die zentralen Forschungsfragen sowie das Ziel der Arbeit vor.

2 Wer inszeniert wen? Wechselwirkungen und symbiotische Beziehungen im medialen und politischen System: Dieses Kapitel erörtert die gegenseitige Abhängigkeit von Medien und Politik und die Rolle der Inszenierung.

3 Boulevardisierung: Hier wird der komplexe Begriff der Boulevardisierung definiert, in seinen verschiedenen Facetten (Inhalt, Optik, Stil) beleuchtet und die Ursachen für diesen Trend diskutiert.

4 Redaktionelle Linien: Dieses Kapitel untersucht, was News Bias ist, wie er durch redaktionelle Linien entsteht und welchen Einfluss diese auf die Berichterstattung und Wahlausgänge haben können.

5 Zusammenfassung der Theorie: Eine Synthese der theoretischen Vorüberlegungen, die als Basis für den empirischen Teil der Untersuchung dient.

6 Qualitätszeitungen: Die Auswahl und Charakterisierung der vier analysierten Qualitätszeitungen (Chicago Tribune, New York Times, Süddeutsche Zeitung, FAZ) wird hier vorgenommen.

7 Operationalisierung, Forschungsdesign, Datengrundlage: Darstellung der methodischen Vorgehensweise, der Untersuchungszeiträume und der quantitativen Inhaltsanalyse.

8 Forschungsfragen und Annahmen: Formulierung der konkreten Annahmen und Fragestellungen für die empirische Analyse im Hinblick auf Boulevardisierung und redaktionelle Linien.

9 Ergebnisse: Präsentation und Interpretation der empirischen Daten hinsichtlich der Boulevardisierungseffekte und der redaktionellen Ausrichtung der Zeitungen.

10 Zusammenfassung der Empirie: Zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der Inhaltsanalyse.

11 Schlussbemerkungen: Fazit der Arbeit mit einem Ausblick auf den Einfluss medialer Berichterstattung auf Wahlergebnisse und weiteren Forschungsbedarf.

Schlüsselwörter

Boulevardisierung, Politikberichterstattung, Qualitätszeitungen, Infotainment, News Bias, redaktionelle Linie, Amerikanisierung, Inhaltsanalyse, Medienlogik, Wahlkampf, Inszenierung, Politainment, Medienvergleich, Meinungsbildung, Printmedien

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert, inwieweit überregionale Qualitätszeitungen in den USA und Deutschland bei der Politikberichterstattung boulevardeske Merkmale aufweisen und ob sie bei meinungsbetonten Artikeln von ihrer redaktionellen Linie abweichen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themenfelder sind die Boulevardisierung der Medien, das Verhältnis von Politik und Medien, die Rolle redaktioneller Leitlinien und der Vergleich zwischen deutschen und amerikanischen Medienstrukturen.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das primäre Ziel ist es, den Boulevardisierungsbegriff für den Printmedienbereich zu definieren und empirisch zu prüfen, ob Qualitätszeitungen in beiden Ländern tatsächlich stärker boulevardisieren und ihre redaktionellen Linien in Wahlkämpfen verlassen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt eine quantitative Inhaltsanalyse von Artikeln aus dem Politikteil der vier untersuchten Zeitungen während der „heißen Phasen“ der Wahlkämpfe 2005 und 2008.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil behandelt im Theorieteil die Definitionen von Boulevardisierung und News Bias, stellt die analysierten Zeitungen vor und präsentiert im empirischen Teil die erhobenen Daten zu Boulevardisierungsgraden und redaktionellen Tendenzen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Schlüsselbegriffe sind Boulevardisierung, Qualitätszeitungen, Infotainment, News Bias, redaktionelle Linie, Politainment und Medienlogik.

Wie unterscheidet sich die Boulevardisierung in Deutschland von der in den USA?

Die Untersuchung zeigt, dass US-Qualitätszeitungen boulevardesker auftreten als deutsche, wobei die deutschen Zeitungen zwar ebenfalls boulevardeske Züge zeigen, jedoch eine stärkere Orientierung am Informationsgehalt beibehalten.

Welche Rolle spielen redaktionelle Linien bei der Berichterstattung?

Redaktionelle Linien dienen als Leitlinien für die Berichterstattung. Die Analyse zeigt jedoch, dass Zeitungen in den untersuchten Fällen (Wahl 2005/2008) teilweise von ihrer ideologischen Ausrichtung abweichen, um auf politische Unzufriedenheiten zu reagieren.

Können Medien Wahlausgänge beeinflussen?

Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Medien durch News Bias oder einseitige Kommentierung einen Einfluss auf Wähler haben können, was besonders bei knappen Wahlentscheidungen eine Rolle spielen kann.

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Details

Title
Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung
Subtitle
Ein internationaler Vergleich von US- und Bundestagswahlen in New York Times, Chicago Tribune, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung
College
University of Augsburg  (Institut für Medien und Kommunikation)
Grade
2,3
Author
Christian Koziara (Author)
Publication Year
2009
Pages
140
Catalog Number
V337101
ISBN (eBook)
9783656986140
ISBN (Book)
9783656986157
Language
German
Tags
abkehr verständnis boulevardisierungstrends linien politikberichterstattung vergleich bundestagswahlen york times chicago tribune süddeutsche zeitung frankfurter allgemeine
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Christian Koziara (Author), 2009, Der Niedergang journalistischer Qualität? Boulevardisierungstrends und redaktionelle Linien in der Politikberichterstattung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337101
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