Ist H.G. Wells Utopia das kommunistische Paradies? - Eine Analyse anhand seines Werkes 'Menschen, Göttern gleich'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ist Utopia das kommunistische Paradies?
2.1. Gesellschaftsform
2.2. Wirtschaft und Arbeit
2.3. Erziehung
2.4. Wissenschaft
2.5. Ehe und Familie
2.6. Religion

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Gott hat mehr Universen erschaffen als es Buchseiten in sämtlichen Büchereien der Erde gibt; umgeben von der Vielheit seiner Welten soll der Mensch lernen und wachsen bis in alle Ewigkeit.“ (Zitat ohne Quellenangabe in „Menschen, Göttern gleich“, S. 267, entweder von H.G. Wells selbst oder eventuell von Einstein)

Herbert George Wells, geboren am 21. September 1866 in Bromley, Kent, gestorben am 13. August 1946 in London, hat in seinem – über 100 Bücher umfassenden – Lebenswerk stets Standpunkt zu einem vieldiskutierten Thema seiner Zeit bezogen. Der politisch engagierte Wells machte sich für den Völkerbund und den Weltfrieden stark, konferierte sogar mit Roosevelt und Stalin und war von 1903 bis 1908 Mitglied der Fabian Society, einer sozialistischen Organisation der englischen Intelligenzija und bis heute Think Tank der Labour Party in Großbritannien. Als überzeugter Anhänger der Evolutionstheorie und wissenschaftsgläubiger Mensch finden sich diese Ideen neben den politischen, in Romanform verarbeitet, in fast allen seiner Werke. H.G. Wells war mit seinen futurologischen Essays der Begründer des Science-Fiction-Genres und wird oft in einem Atemzug mit Jules Verne genannt.

In dieser Hausarbeit möchte ich sein Werk „Menschen, Göttern gleich“ (1923) näher betrachten. Als Vorstufe dieser Utopie verstehe ich seinen früheren Roman „A modern Utopia“ (1905) (Titel der deutschen Übersetzung: „Jenseits des Sirius“). In beiden Büchern gelangen Erdlinge durch eine Art Dimensionssprung auf die Schwesterwelt Utopia, allerdings ist die menschliche Entwicklung hier schon sehr viel weiter fortgeschritten als auf der Erde (In „Menschen, Göttern gleich“ beträgt der Abstand 3000 Jahre). Utopia in „A modern Utopia“ beschreibt eine Art Parallelwelt, in der die Charaktere auf ihr utopisches Pendant treffen, Privateigentum besteht noch, es gibt auch noch Verbrecher und Krankheiten. Utopia in „Menschen, Göttern gleich“ verstehe ich als stringente Weiterentwicklung des früheren Utopia, hier befinden sich die Erdlinge praktisch im Paradies auf Erden und treffen eben auf Menschen, Göttern gleich.

Wells verfasste seine Utopie „Menschen, Göttern gleich“ 1923 in einer Lebensphase voller Optimismus. Der Erste Weltkrieg, eine traumatische Erfahrung für Wells (entsprechend grausam und verzweifelt fällt sein „Der Krieg der Welten“ aus), war zu Ende, Inflation und der Zweite Weltkrieg standen vor der Türe. Allerdings gab es auch Zeichen von Hoffnung, beispielsweise die viel-versprechende Gründung des Völkerbundes. Erst der Zweite Weltkrieg ließ Wells sein literarisches Gedankengebäude verzweifelt einreißen: In seinem letzten Werk erklärte er, die Menschheit könne nicht überleben.

Die zentralen Ideen, mit denen sich die englische Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts auseinander setzte, will ich im folgenden Diagramm zunächst übersichtlich zeigen und im folgenden erläutern:

„Opium des Volkes“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Themen „Religion“ und „Evolutionstheorie“ sowie „Kommunismus“ und „Individualismus“ bilden jeweils zwei gegensätzliche Paare. Der Glaube der viktorianischen Engländer wurde durch die Veröffentlichung von Darwins Werken aufs tiefste erschüttert, denn Darwin widerlegte mit seiner Evolutionstheorie die biblische Schöpfungsgeschichte und stellte somit die Grundpfeiler des christlichen Glaubens in Frage. Er löste damit eine weit gefächerte Sinnsuche von Wells und seinen Zeitgenossen aus. Ich platziere die Wissenschaft und den Technik-optimismus von H.G. Wells bewusst unter der Evolutionstheorie da er diese Punkte meiner Ansicht nach kombiniert, worauf ich später noch zurückkommen werde. Auf der anderen Seite stehen sich die politischen Themen „Kommunismus“ und „Individualismus“ gegenüber. Diese zwei völlig gegensätzlichen Standpunkte repräsentieren die staatstheoretischen Diskussionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Werke von Karl Marx waren populärer denn je, Lenin trat auf die politische Weltbühne. Auf der anderen Seite war der Individualismus dabei, sich in Form des Kapitalismus, des Liberalismus und der freien Markwirtschaft über Europa zu verbreiten.

All diese Ideen finden sich in der Utopie „Menschen, Göttern gleich“, verarbeitet. Es finden sich immer wieder Hinweise auf die Religion, stellenweise erinnert der Text an Bibelstellen, Utopia an das biblische Paradies. Utopia lässt er von seinem Protagonisten sogar als christlicher als die Erde beschreiben, obwohl es dort keine explizite Religion gibt. Sogar die Utopen sprechen trotz ihrer weiten menschlichen Entwicklung noch von den Mysterien Gottes, haben ihren Glauben an ein übermenschliches Wesen also trotz ihres enormen Wissens nicht verloren. Eine überaus bedeutende Rolle kommt der Evolutionstheorie zu. Die Menschheit hat sich durch Eugenik so weit entwickelt, eine neue Rasse ist entstanden: der Utope, der Übermensch, der göttergleiche Mensch. Auch die Flora und Fauna Utopias wurde durch Zucht und Selektion nach dem Willen der Menschen gestaltet, Unerwünschtes ausgerottet und Erwünschtes perfektioniert. Die Wissenschaft hat eine solche Entwicklung erst ermöglicht, die Technik wurde zur Bequemlichkeit und zum Wohl der Menschen entwickelt. In bezug auf die Staatsform Utopias kommt die Frage nach Kommunismus oder Individualismus auf. Auf den ersten Blick würde man Utopia wohl als einen stark individualisierten Kommunismus bezeichnen.

Alle diese Aspekte aufzugreifen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. In dieser Hausarbeit möchte ich mich auf den Aspekt Kommunismus beschränken. Die Lektüre verschiedener Sekundärliteratur ergab einen Grundtenor: H.G. Wells würde in seiner Utopie ein Gleichgewicht, einen Mittelweg zwischen Kommunismus und Individualismus wählen und sozusagen einen Kompromiss der zeitgenössischen Diskussionen finden. Meiner Ansicht nach trifft das für „A modern Utopia“ zu, aber in „Menschen, Göttern gleich“ trifft der Leser auf das perfekte kommunistische Paradies. Diese Hypothese soll in der vorliegenden Arbeit geprüft werden.

Zu erwähnen ist an dieser Stelle noch, dass ich mit Begriffen umgehe, die auch zeitlicher Veränderung unterworfen sind. H.G. Wells veröffentlichte „Menschen, Göttern gleich“ im Jahr 1923. Wenn ich also von Kommunismus, Sozialismus, Individualismus, Liberalismus und Kapitalismus schreibe, muss ich mich H.G. Wells Verständnis davon anschließen und Jahrzehnte Entwicklung der Begrifflichkeiten und Geschichtskenntnis außer acht lassen.

2. Ist Utopia das kommunistische Paradies?

Um diese Frage zu klären ist es notwendig, zunächst den Kommunismus und seine Ziele zu beschreiben. Kommunismus ist eine politische Theorie, deren zentrale Werte Gerechtigkeit und die Befreiung des Individuums in der Gemeinschaft sind. Freiheit wird als Möglichkeit zur Emanzipation verstanden, die sich nur durch eine soziale Integration aller Menschen in die Gesellschaft erreichen lässt. Bezeichnend ist also die Berücksichtigung des Kollektivs vor dem Individuum. Die kommunistische Idee existierte schon sehr früh (in der Literatur wird auf Rousseau als Begründer verwiesen), eine neuere Aktualität erlangte die Theorie aber durch Karl Marx, als er seine berühmten Werke „Das kommunistische Manifest“ (1848) und „Das Kapital“ (1867) veröffentlichte. Er bezieht sich besonders auf den Frühkapitalismus und prangert die gesellschaftliche Ungerechtigkeit an, die seiner Ansicht nach die ungleiche Verteilung von Produktionsmitteln verursacht hatte. Besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte der Kommunismus durch Pauperismus und Arbeiter-bewegungen einige politische Brisanz. Nach Marx ist der Sozialismus die Vorstufe des Kommunismus, im Sozialismus sind noch Merkmale der bürgerlichen Gesellschaft vorhanden aber das Privateigentum an Produktionsmitteln und die Ausbeutung der Menschen sind bereits abgeschafft. In der, so Marx, unaufhaltsamen Weiterentwicklung zum Kommunismus stirbt der Staat von selber ab und die Menschen sorgen für sich selbst in Freiheit, Gerechtigkeit und Eigen-verantwortung, jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Die realsozialistischen Spielarten sollen hier ganz außer acht gelassen werden, da sie zeitlich erst später in Erscheinung treten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Ist H.G. Wells Utopia das kommunistische Paradies? - Eine Analyse anhand seines Werkes 'Menschen, Göttern gleich'
Hochschule
Universität Konstanz
Veranstaltung
Staats- und Gesellschaftsutopien
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V33728
ISBN (eBook)
9783638341318
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wells, Utopia, Paradies, Eine, Analyse, Werkes, Menschen, Göttern, Staats-, Gesellschaftsutopien
Arbeit zitieren
Katrin Kornmann (Autor), 2004, Ist H.G. Wells Utopia das kommunistische Paradies? - Eine Analyse anhand seines Werkes 'Menschen, Göttern gleich', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33728

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