Rotperts Paradox. Darstellung von Affe und Mensch in "Brehms Thierleben" von Alfred Brehm und "Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

10 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellung von Affe und Mensch in:
2.1 Brehms Thierleben
2.2 Kafka - Bericht für eine Akademie

3 Wissenschaft in Literatur

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In Kafkas „Bericht für eine Akademie“, verfasst im Jahre 1917, wird der Affe Rotpeter von der etablierten Wissenschaft aufgefordert, einen Bericht über seine Entwicklung zum zivilisierten Menschen, die nur fünf Jahre dauerte, einzureichen. Eine Grundlage, die Kafka für die Tierfigur des Affen verwendete, war der erste Band von „Brehms Thierleben“1, in dem neben anderen Säugetierarten, die Affen und Halbaffen in ihrer äußeren Erscheinung und ihrem Verhalten beschrieben werden. Parallelen der Tierfigur Rotpeters zu den Beschreibungen Brehms lassen sich durch wörtliche Textübereinstimmungen belegen2. Kafka soll demnach in etwa 20 Merkmale aus den Gattungen Schimpanse und Orang-Utan für seinen Rotpeter verwendet haben3.

Im folgenden Essay möchte ich genauer untersuchen, wie in beiden Werken, „Brehms Thierleben“ und Kafkas „Bericht für eine Akademie“, die Affen in Abgrenzung zum Menschen dargestellt werden und wie Kafka in seinem Werk das wissenschaftliche Gut der damaligen Tierforschung verarbeitet, um eine Lehre für den modernen, zivilisierten Menschen zu ziehen. In dem Zusammenhang werde ich wissenschaftliche, sowie literarische Textelemente beider Werke aufzeigen. Abschließend möchte ich zu der Fragestellung, wie Wissensschaft in der Literatur aufgenommen und umgesetzt wird, Kafkas Kritik zur wissenschaftlichen Moderne, die in seinem „Bericht für eine Akademie“ deutlich wird, darstellen. Kafka übt hierin Kritik an der Entwicklung des Menschen im Zuge der Zivilisation bzw. Modernisierung, da sie ein Paradox aus Ursprung und Jetzt im menschlichen Dasein hervorruft4.

2 Darstellung von Affe und Mensch in:

2.1 Brehms Thierleben

„Brehms Thierleben“ trägt den zur damaligen Zeit aktuellen Forschungsstand der Biologie und Zoologie zusammen und untermalt seine Schilderungen des Tierreichs mit vielfältigen Illustrationen, die anatomische Begebenheiten verschiedener Tierarten abbilden. Alfred E. Brehm beschreibt in seinem Werk das Leben und Verhalten der Tiere in ausführlicher Art und Weise und setzt sich mit seiner „tierpsychologischen Betrachtungsweise“ von einer bloßen Wiedergabe anatomischer Merkmale und einer reinen Systematik der damaligen Zoologie ab5. Bei seinen Schilderungen stützt er sich v.a. auf eigene Beobachtungen aus Reiseerlebnissen und Forschungsexpeditionen, auf „Merkwürdigkeiten“ aus dem Zoologischen Garten und Varieteevorstellungen und auf Erzählungen von Dresseuren und Tierhändlern6. Die Tierarten seiner Sammlung sind taxonomisch sortiert; so gehören die Affen nach Brehm in die Reihe der „Handthiere“ und weitergehend in die Ordnung der „Hochthiere (Primates)“7. Sie erscheinen in zweiter Unterordnung, dem Menschen nachstehend8. Brehm verdeutlicht als erstes die nahe Verwandtschaft des Affen zum Menschen, dem sie „zu viel und zu wenig“ ähneln9. Brehm greift in dieser Passage die Erkenntnis der Evolutionstheorie von Charles Darwin aus seinem Werk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“, 1871 erschienen, auf. Oftmals traf man bei den „nicht naturwissenschaftlich Gebildeten“ auf Abscheu vor den Folgerungen seiner Lehre10. „Der Mensch, leiblich ein veredelter Affe, geistig ein Halbgott, will nur das letztere sein und versucht […] seine nächsten Verwandten von sich abzustoßen, [...]“.11 Obwohl Brehm sich mit diesem Zitat der evolutionsbiologischen Erkenntnis Darwins annimmt, wird uns sogleich auch die Stellung des Affen gegenüber dem Menschen nach Brehms Auffassung klar. Der Affe ist eben doch nur ein „[Zerrbild] des vollendeteren Wesens“12. Nach Brehm sind die Affen „sehr wohl ausgestattete Thiere“. Im Vergleich der Hände und Füße zu denen des Menschen, kann er keinen „durchgreifenden Unterschied“ verzeichnen, deren Grundbauart ist dieselbe13. Eine Verschiedenartigkeit der Glieder von Mensch und Affe seien auf deren unterschiedliche Verwendung zurückführbar14. Trotz der Ähnlichkeit im Aussehen, lassen sich laut Brehm Merkmale verzeichnen, die den Affen klar vom Menschen unterscheiden: seine hagere Statur mit dem behaarten Leib, seine langen Arme und dünnen Beine, der oftmals lange Schwanz und deren kleiner Schädel15. In ihrem Verhalten sind sie nach Oken dem Menschen insbesondere ähnlich in allen „Unsitten und Unarten“, sind in dieser Hinsicht also nur von der

schlechten Seite des Menschen, „sowohl in leiblicher wie in sittlicher Hinsicht“ geprägt16. Sie seien demnach „boshaft“, „falsch“, „tückisch“, „diebisch“, „unanständig“ und „ungehorsam“. Brehm erweitert dies, indem er sie als „zornig oder wüthend“, „zänkisch“ und „reizbar“, ja sogar „herrsch- und raufsüchtig“, kurz gesagt als „leidenschaftlich“ bezeichnet. Doch Brehm erkennt darüber hinaus auch gute Eigenschaften der Tiere, wie deren „Klugheit und Munterkeit“, „Sanftheit und Milde“, „Freundlichkeit und Zutraulichkeit gegen den Menschen“ und ihre „Unterhaltungsgaben“. Darüber hinaus könne der Affe in seiner „sittlichen Liebe manchem Menschen ein Vorbild“ sein, da er für das Wohl der Gesamtheit einsteht und die Gesellschaft in der er lebt stark gegen Feinde verteidigt17. Rein intellektuell ist der Affe dem Menschen zwar unterlegen, dagegen anderen Säugetierarten aber überlegen18. Der Affe besitzt nach Brehms Schilderung einen großen Nachahmungstrieb, der ihn schnell lernen lässt und zu einem gelehrigen Wesen macht. Jedoch lernt er niemals mit „Freude und Bewußtsein“, sondern immer mit einem „gewissen Widerstreben“19. Aufgrund dessen zählt man ihn zu den klügsten Tieren, da sie ein „vortreffliches Gedächtnis“ besitzen und ihre Erfahrung zu nutzen wissen und weil sie mit Klugheit sich Vorteile verschaffen und Gefahren bewältigen können20. Der Affe ist weiter auch zu Liebe und Zuneigung fähig und zeigt auch Dankbarkeit denen gegenüber die ihnen Gutes taten.

Nach dieser detaillierten Schilderung des Wesens und Aussehens des Affen, möchte ich abschließend die Stellung des Menschen in Brehms Abhandlung zum Affen herausarbeiten. An dem zuvor gegeben Zitat Brehms lässt sich erkennen, dass der Mensch zu damaliger Zeit noch sehr abgeneigt war sich auch nur in annähernder Verwandtschaft mit einem Affen zu begreifen. Der Ausschnitt “geistig ein Halbgott“ zeigt, dass sich der Mensch als Krönung der Schöpfung sieht und „in seiner Eigenart [als] unangetastet“ betrachtet21. Brehm begründet den Widerwillen gegen eine Abstammung vom Affen mit dessen leiblicher und geistiger Ähnlichkeit. Es scheint, als wolle sich der Mensch von (s)einer hässlichen und unsittlichen Seite, die im Affen allzu stark vertreten ist, trennen.

[...]


1 Die 1.Auflage des 1.Bandes erschien 1864. In den Jahren von 1864-1869 erschien die gesamte 1. Auflage in 6 Bänden, welche sich noch „Illustriertes Thierleben“ nannte. Die 2. überarbeitete und vermehrte Auflage mit dem jetzigen Namen „Brehms Thierleben“ erschien zw. 1876-1879 in insgesamt 10 Bänden. Quelle: Wikipedia

2 Vgl. Heller 1989

3 Ebd.

4 Vgl. Wöllner 1971 3

5 Vgl. Heller 1989

6 Ebd.

7 Vgl. Brehm 1883

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd. S.1, Z. 14-17

12 Ebd. S.1

13 Ebd. S. 2

14 Ebd.

15 Ebd. 4

16 Ebd. S. 3

17 Ebd.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Vgl. Heller 1989 5

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Rotperts Paradox. Darstellung von Affe und Mensch in "Brehms Thierleben" von Alfred Brehm und "Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Fakultät 1 – Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Einführung in die Kultur und Technik
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V337299
ISBN (eBook)
9783656987697
ISBN (Buch)
9783656987703
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brehms Tierleben, Bericht für eine Akadamie, Wissenschaft, Literatur
Arbeit zitieren
B.A. Henriette Frädrich (Autor), 2011, Rotperts Paradox. Darstellung von Affe und Mensch in "Brehms Thierleben" von Alfred Brehm und "Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337299

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