"City of Life and Death". Wie prägt der Film die kollektive Erinnerung des Nanjing-Massakers und die nationale Identität Chinas?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kulturelle und kollektive Erinnerung - Eine Einführung
1.1 Fragestellung
1.2 Kulturelle Erinnerung durch Medien
1.3 Der Erinnerungsfilm

2. Kulturelle und kollektive Erinnerung des Massakers von Nanjing in China durch den Film „City of Life and Death“
2.1 Das Massaker von Nanjing als Teil der nationalen Identität Chinas - Eine historische Einordnung
2.2 Filmanalyse von „City of Life and Death“
2.3 Auswirkungen von „City of Life and Death“ auf das kollektive Gedächtnis und die nationale Identität Chinas

3. Fazit und weitere Fragen

Literaturverzeichnis

1. Kulturelle und kollektive Erinnerung - Eine Einführung

Der in diesem Essay folgenden Filmanalyse des Erinnerungsfilms „City of Life and Death“ möchte ich zunächst eine Einführung in die Arten der gesellschaftlichen Erinnerung voranstellen.

Der Begriff des kulturellen Gedächtnisses, welcher von Jan und Aleida Assmann geprägt wurde, ist neben dem kommunikativen Gedächtnis Teil des sog. kollektiven Gedächtnisses1: „[...] Das ist das Bild, das die Menschen von ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Gesellschaft haben“ (BEREK). Dies kann verschiedene Arten von Menschengruppen umfassen, wie zum Beispiel die Familie in die wir hineingeboren werden, der Nation, der wir angehören (= nationales Gedächtnis), aber auch der Sportverein, in dem wir uns engagieren. Hierbei wird deutlich, dass die Zugehörigkeit zu einer kollektiven Gruppe sowohl unwillkürlich (z.B. durch Wehrmachtspflicht, Geburt usw.) geschieht, als auch bewusst und frei gewählt werden kann (z.B. durch Leistungen, Interessen usw.)2. Demzufolge ist das Individuum in mehrere gesellschaftliche Gruppen zugleich integriert, aus denen es seine Identität bezieht und in Form eines individuellen Gedächtnisses speichert. Das kollektive Gedächtnis vermittelt dem Einzelnen sowie der Gruppe als Ganzem gruppenspezifische Verhaltensweisen, Normen und Werte und tradiert das gemeinsame Wissen3. Auf diese Weise wird die Identität der Gruppe stabilisiert4.

Im Gegensatz zum kommunikativen Gedächtnis, welches mündlich überlieferte Erfahrungen und Traditionen speichert, beruht das kulturelle Gedächtnis auf der Speicherung und Verbreitung sozialen Wissens durch verschiedene Medienformen (z.B. Bücher, Filme, Bilder und Statuen) und Institutionen (z.B. Bibliotheken und Museen)5. Die Inhalte des kulturellen Gedächtnisses können durch ihre archäologische, schriftliche, technische sowie institutionelle Speicherung und Verbreitung das kommunikative Gedächtnis überdauern, welches sich auf eine Überlieferung durch ca. drei Generationen hinweg beschränkt6. Somit ist das kulturelle Gedächtnis für die Konstruktion eines nationalen Gedächtnisses mitunter entscheidend7.

1.1 Fragestellung

In dem vorliegenden Essay soll eine Analyse des Spielfilms „City of Life and Death“ erfolgen, welcher das Massaker japanischer Soldaten in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanjing im Jahre 1937 aufgreift. Ich möchte untersuchen, welche Auswirkungen die Rezeption des Erinnerungsfilms „City of Life and Death“8 auf die kollektive Erinnerung des Nanjing-Massakers und daraus folgend auf die nationale Identität der chinesischen Bevölkerung hat.

Unter 1.2 werden wir uns ansehen, welche Rolle Medien, insbesondere der Film, für die kulturelle Erinnerung eines historischen Ereignisses spielen. Hierfür wollen wir festhalten, welche Kriterien einen Film zu einem sog. Erinnerungsfilm9 machen (s. 1.3). Im zweiten Abschnitt dieses Essays soll neben einer historischen Einordnung des Nanjing-Massakers in die Geschichte Chinas (s. 2.1), eine kinematografische Analyse des Spielfilms CoLaD erfolgen (s. 2.2), um daran anschließend anhand seiner Rezeption herausarbeiten zu können, welchen Einfluss dieser auf die nationale Identität Chinas hat (s. 2.3). Das Ergebnis möchte ich in einem Fazit zusammenfassen (s. 3.); auch sollen hier über dieses Essay hinaus gehende Aspekte angesprochen werden.

1.2 Kulturelle Erinnerung durch Medien

Wie zuvor erläutert, wird das kulturelle Wissen medial, sowie institutionell vermittelt. Dies schließt verschiedene Medienformen ein, die sowohl als Speicher-, als auch als Verbreitungsmedien fungieren können. Als Speichermedien seien z.B. religiöse Werke wie die Bibel genannt, aber auch historische Monumente wie die Chinesische Mauer oder künstlerische Werke wie die Mona Lisa. Diese überbringen kulturelles Wissen aus verschiedenen, vergangenen Epochen und übermitteln einer gesellschaftlichen Gruppe bestimmte Werte, Normen und Traditionen. Verbreitungsmedien (z.B. Historienromane, Zeitungsartikel, sowie Spiel- und Dokumentarfilme10 ) eignen sich darüber hinaus, das kulturelle Wissen in größerem Ausmaß innerhalb einer kollektiven Gruppe zu verbreiten, wie es zum Beispiel Massenmedien wie der Spielfilm bewerkstelligen.

An dieser Stelle will ich mich der Frage widmen, durch welche Mechanismen ein bestimmtes Medium Teil des kulturellen und somit kollektiven (und auch nationalen) Gedächtnisses wird. ERLL/ WODIANKA (2008: 5) betont, dass: „[k]ulturelle Erinnerung nicht 'an sich' [besteht], sondern Ergebnis von kommunikativen, sozialen, kulturellen und geschichtspolitischen Prozessen [ist]“. Damit wir ein Medium als „Erinnerungsmedium“ in das kollektive Gedächtnis einbetten, muss es demnach plurimedial11 vermittelt werden: Es

muss in mehreren Medien zugleich öffentlich diskutiert werden; ob mündlich im Radio, schriftlich in Zeitung oder Internet oder auch filmisch, z.B. in Form eines Video-Beitrags. So kann beispielsweise ein bestimmter Spielfilm, der historische Ereignisse thematisiert und aufarbeitet, durch seine plurimediale Rezeption zu einem Erinnerungsfilm werden, der folglich Bestand im kollektiven Gedächtnis hat. Kollektive Erinnerungen werden zudem meist von Bildern geschaffen, da man dem Bild zumisst, sich am stärksten im Gedächtnis zu verankern12. Bilder, die dem Einzelnen Vorstellungen über die Vergangenheit liefern, erhält dieser vor allem aus dem Fernsehen, aus Filmen und von Fotos. Bilder haben den Vorteil, dass sie zum einen sehr authentisch wirken und zusätzlich Emotionen hervorrufen, die noch stärker als das Ereignis an sich erinnert werden13. Demzufolge ist es dem Film, der aus einer belebten Aneinanderreihung zahlreicher Bilder besteht, möglich, die kollektive Denkweise einer Gesellschaft zu beeinflussen.

1.3 Der Erinnerungsfilm

Um zu klären, warum ein bestimmter Film, ganz gleich ob Spiel- oder Dokumentarfilm, zu einem Erinnerungsfilm wird, muss dieser neben der filmimmanenten, auch einer filmtranszendenten Analyse unterzogen werden14. Eine werkimmanente Analyse untersucht unter anderem die kinematografische Seite der Produktion eines Filmes, wie die Kameraeinstellungen, Ton bzw. Musik, Licht und die Montage des Bildmaterials. Bei der filmtranszendenten Analyse treten Fragen der medienkulturellen und politischen Dimension auf, die einen Film im Hinblick auf dessen kulturellen Erinnerungswert tiefer gehender zu untersuchen vermögen. So z.B.: Wie wird Geschichte im jeweiligen Spielfilm dargestellt und mit welchem Ziel wurde er produziert? Bzw. welche politischen, kulturellen Interessen vertritt dieser Film? Welchen Weg nahm der Film durch die Zensurbehörde und wie wurde er vermarktet? Mit welchen Preisen wurde ein Film ausgezeichnet und welche Kritiken erhielt dieser? Wie GRÄF (2011: 62) verdeutlicht, ist „[der] Film [nicht nur] Dokument dessen, was er darstellt, sondern in sich als Äußerungsakt selbst Dokument seiner Zeit, ist historisches Phänomen […], [...]“. Ein Erinnerungsfilm bildet neben der geschichtlichen Aufarbeitung zugleich auch immer den gegenwärtigen Standpunkt bzw. Diskurs einer Kultur zum thematisierten historischen Ereignis ab. Folglich lässt sich „ein Film […] nur vor dem Hintergrund jener Kultur [verstehen], in der er verankert ist, [und auch] diese Kultur [hinterlässt] ihre Spuren im Film, […]“ (GRÄF 2011: 61). Dabei ist zu beachten, dass Filme keine bloßen Spiegel einer Kultur sind, da die kinematografische Aufarbeitung historischer Ereignisse diese immer (ver-)formt. So provozieren Kameraeinstellungen und Toneffekte spezifische Reaktionen beim Rezipienten; die Intentionen des Wirkspektrums eines Films werden durch Drehbuch (z.B. durch Wahl des inhaltlichen Fokus) und Regie festgelegt. GRÄF (2011: 401) hält fest, dass „Filme demnach als Dokument ihrer Produktionskultur aufzufassen [sind]“. Filmtranszendente Analysen ermöglichen uns Rückschlüsse auf die rezipientenorientierte Intention eines Films.

Dieser Aspekt gibt Aufschluss über die Frage, wie ein Film zum Erinnerungsfilm wird. Wie bereits erörtert, geschieht dies durch „plurimedial vermittelte Aushandlungsprozesse“15 innerhalb einer Gesellschaft. Bei dem Erinnerungsfilm handelt es sich demnach in erster Linie nicht um ein spezifisches Filmgenre; die verstärkte plurimediale Rezeption eines Films kann Filme verschiedener Gattungen betreffen16. Wie die Aussage eines Films innerhalb einer Kultur aufgenommen wird, ist entscheidend um einen Film als Erinnerungsfilm auszuzeichnen. Je stärker ein Film im öffentlichen Diskurs zutage tritt, desto eher kann er zu einem Erinnerungsfilm werden17. Der Erinnerungsfilm hat nicht nur die Funktion Informationen über historische Ereignisse zu transportieren, sondern er ermöglicht es, das Geschichtsbild einer Gesellschaft zu prägen18. Verbreitungsmedien wie der Erinnerungsfilm, fungieren hier als sog. „cues“ (mediale Hinweisreize), die den öffentlichen Diskurs über ein historisches Ereignis anstoßen können19. So entfalten historische Filme selbst eine historische Wirkung:

„[Sie] wirken [...] 'geschichtschaffend' […], indem sie [...] nicht nur auf ihr zeitgenössisches Umfeld [einwirken], sondern auch zukünftige Vorstellungen sowohl der historischen Bezugsrealität als auch der historischen Kontextrealität des Films [modulieren]“ (GRONAU 2009).

Es ist ihnen möglich, das individuelle und auch das kollektive Gedächtnis zu formen, da es bereits abgespeicherte Erinnerungen nicht einzementiert, sondern ihnen eine neue Bewertungsmöglichkeit eröffnet20.

Im zweiten Abschnitt des Essays soll nun eine werkimmanente sowie -transzendente Filmanalyse des Erinnerungsfilms CoLaD erfolgen, anhand derer die Fragestellung bearbeitet wird.

2. Kulturelle und kollektive Erinnerung des Massakers von Nanjing in China durch den Film „City of Life and Death“

2.1 Das Massaker von Nanjing als Teil der nationalen Identität Chinas - Eine historische Einordnung

Vorab möchte ich eine historische Einordnung des Nanjing-Massakers in der chinesischjapanischen Geschichte vornehmen.

Bei dem Nanjing-Massaker handelt es sich um Kriegsverbrechen seitens der japanischen Soldaten in der damaligen chinesischen Hauptstadt im Laufe des Zweiten Japanisch- Chinesischen Krieges, bei denen in etwa 200.000 Zivilisten und Kriegsgefangene umkamen und ca. 20.000 Frauen vergewaltigt wurden21,22. Zum Ausbruch des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges kam es aufgrund eines Handelsboykotts, den China über Japan im Rahmen japanischer kolonialer Bestrebungen innerhalb Chinas verhängte. Im Januar 1932 wurde die Stadt Shanghai von japanischen Truppen erobert, wodurch China seinen Handelsboykott zurückzog und im Jahre 1933 vorerst Waffenstillstand geschlossen wurde. Am 7.7.1937 kam es jedoch zu erneutem Feuergefecht an der Marco-Polo-Brücke, womit der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg begann und in einer zweiten, langen Schlacht Shanghai erneut erobert wurde. Die japanische Armee rückte daraufhin nach Nanjing vor und forderte am 8.12.1937 die chinesischen Verteidiger auf, die Stadt zu übergeben. Als keine Reaktion folgte, befahl der chinesische Stadtkommandant am 12.12.1937, nach mehrfacher Bombardierung Nanjings, den Rückzug chinesischer Soldaten. Nanjing wurde am 13.12.1937 von den japanischen Truppen besetzt; dies dauerte sechs Wochen an23.

Die Ereignisse um das Massaker von Nanjing sind fester Bestandteil der kollektiven Erinnerung Chinas und somit Teil der chinesischen Identität: „[F]rom the time that they're young, everyone in China is educated to hate the Japanese. [...]. It's textbook, […]. [...]“ (Lu Chuan)24. Im Zuge der geschichtlichen Aufarbeitung des Nanjing-Massakers entstanden auf Grundlage authentischer Bild- und Schriftmaterialien zahlreiche Bücher, Dokumentationen und Spielfilme; und das nicht nur innerhalb Chinas. Initiator der historischen Aufarbeitung war die Chinesin Iris Chang, deren Großeltern noch vor der Besatzung Nanjings fliehen konnten25.

[...]


1 Nach dem französischen Philosophen und Soziologen Maurice Halbwachs; auch „Erinnerungsort/ Gedächtnisort“ nach dem Historiker Pierre Nora.

2 Vgl. Assmann, Vortrag 2006.

3 Vgl. Wikipedia, Kollektives Gedächtnis.

4 Vgl. Assmann, Votrag 2006.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Vgl. Wikipedia, Kulturelles Gedächtnis.

8 Im folgenden mit CoLaD abgekürzt.

9 Vgl. Erll/Wodianka 2008: 4.

10 Ebd.

11 Ebd.: 2.

12 Vgl. Berek

13 Ebd.

14 Vgl. Gronau, 2009.

15 Erll/Wodianka 2008: 2.

16 Ebd.: 7.

17 Ebd.: 6.

18 Ebd.: 4.

19 Ebd: 5.

20 Vgl. Kilbourn 2010: 184.

21 Vgl. Wikipedia, Das Massaker von Nanking.

22 Kinney (2012: 11) spricht von ca. 300.000 Ermordeten.

23 Vgl. Wikipedia, Das Massaker von Nanking.

24 Brandão

25 Vgl. Kinney 2012: 11.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"City of Life and Death". Wie prägt der Film die kollektive Erinnerung des Nanjing-Massakers und die nationale Identität Chinas?
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Fak.1- Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Interkulturelle Filmanalyse: Das Massaker von Nanjing
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V337305
ISBN (eBook)
9783656987673
ISBN (Buch)
9783656987680
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nanjing-Massaker, Filmanalyse, City of Life and Death, Erinnerungsfilm, Kollektives Gedächtnis
Arbeit zitieren
Henriette Frädrich (Autor), 2013, "City of Life and Death". Wie prägt der Film die kollektive Erinnerung des Nanjing-Massakers und die nationale Identität Chinas?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337305

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