Der gerechte Handel als Ort natürlich guter Handlungen. Zur Idee des fairen Handels


Projektarbeit, 2015
15 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Gute
1.1. Das Telos des Gedeihens
1.2 Die natürliche Güte des Menschen

2. Der Handel
2.1. Handel als Praxisform und Ort spezifischer Handlungen
2.2. Der faire bzw. gerechte Handel
2.3. Der faire bzw. gerechte Handel als Ort natürlich guter Handlungen
2.4 Selbstbewusstsein des Fairen Handels und Kritik

Zusammenfassung und Schluss

Literaturliste

Einleitung

In dieser Arbeit soll die Idee des Fairen Handels vorgestellt und als ein handlungsleitendes Prinzip vorgestellt werden, welches natürlich gute Handlungen des Menschen im wirtschaftlichen Kontext befördert. Dabei wird auf die Konzepte des Aristoteles zur Gerechtigkeit zurückgegriffen. Außerdem werden einige Überlegungen, die Thomas Hoffmann in seinem Buch „Das Gute“ entwickelt hat, auf den Fall der fairen bzw. gerechten Handlung angewandt. Die faire Handlung im Fairen Handel soll als gerechte und tugendhafte Handlung dargestellt werden, welche natürlich gut ist für Menschen als Exemplare der menschlichen Lebensform.

Der Handel soll als Ort und Praxisform von Handlungen ausgewiesen werden, die ebenfalls natürlich gut oder natürlich schlecht für Menschen sein können. Der Faire Handel wird als spezieller Ort und als spezielle Praxisform innerhalb dieses Handels begriffen und seine Spezifika werden dargestellt. Es soll gezeigt werden, dass nur eine gerechte Handlung als vollends rational gelten kann. Es soll versucht werden, zu zeigen, dass nur eine gerechte Handlung (in symmetrischen Handelsbeziehungen) innerhalb dieses wirtschaftlichen Kontextes ihre handlungsleitenden Prinzipien und auch die Einzelhandlungen als rational ausweisen kann. Hier wird das wechselseitige Gedeihen der Handelspartner zum wichtigsten Kriterium für die natürliche Güte solcher Handlungen, was im Detail zu zeigen sein wird. Beschränkte Formen der Zweckrationalität werden zugunsten einer umfassenden Rationalität (die man auch Vernunft nennen könnte) überwunden, wobei sowohl ein zu abstrakter und universaler Formalismus als auch ein zu konkreter Empirismus vermieden werden soll, darum die Orientierung an Aristoteles und Hoffmann, welche einen Brückenschlag auf mittlerer Abstraktionsstufe bedeutet.

Es werden an geeigneter Stelle Anmerkungen zur Rolle der philosophischen Reflexion gemacht, die als eine Voraussetzung für ein autonomes Selbstbewusstsein gelten kann, welches wiederum die Voraussetzung dafür ist, eine voll entfaltete Rationalität als Teilnehmer an Praxisformen des vergesellschafteten und wirtschaftenden Menschen beanspruchen zu können. Diese Überlegungen sind inspiriert von Pirmin Stekeler-Weithofers erstem Kapitel über die Macht der Reflexion, aus dem Werk „Philosophie des Selbstbewusstseins“. Diese Gedanken, welche wiederum von G.W.F. Hegel inspiriert sind, der in Sachen symmetrischer und asymmetrischer Beziehungen (z.B. der von Herr und Knecht) auch eine gewisse Rolle in den hier angestellten Betrachtungen spielen wird, werden diese Reflexionen abrunden. Das Vorhandensein der Orientierung stiftenden philosophischen Reflexion als gelebte und geübte Praxisform des Menschen, soll als die Bedingung einer gerechten Praxis des Handels aufgezeigt werden, welche als rational gelten und sich auch entsprechend ausweisen kann, wenn sie in kritischer Absicht befragt wird. Die zentrale These dieser Arbeit ist die, dass es natürlich gute Ideale auch im wirtschaftlichen Kontext gibt und dass diese handlungsleitenden Ideale Ausbeutung und Ungerechtigkeit verhindern können, weil sie nicht nur die beschränkten Kalküle des zweckrationalen Wirtschaftens, sondern auch das Gedeihen des Menschen als Menschen in sich enthalten. Nur diese für Menschen natürlich guten Idealekönnen sich schlussendlich als rationale handlungsleitende Prinzipien ausweisen.

1. Das Gute

1.1. Das Telos des Gedeihens

Alles Lebendige, so es einen Willen hat, so es also wollen kann, will gedeihen. Ein solches Lebewesen will nicht nur seinen eigenen Körper bewahren und unversehrt halten, es will sich auch entsprechend seiner Art entfalten. Der Mensch ist ein spezielles Lebewesen, welches als biologisches Lebewesen einen Körper und als geistiges Lebewesen geistige Bedürfnisse hat. In dieser Arbeit soll es um das Gedeihen des Menschen gehen, um körperliches und geistiges Gedeihen, wobei die strikte Trennung von Körper und Geist nur der Einfachheit halber gemacht wird, obwohl sie durchaus auch problematisch ist. Aristoteles meint, dass ein beherrschter Mensch sogar über die Begehrlichkeiten und Strebungen des Körpers hinweg die eigene Vernunft als den Beweggrund seines Tuns aufweisen kann.[1] Das heißt, dass der Mensch sich mithilfe seiner geistigen Fähigkeiten über die direkten und unmittelbaren Bedürfnisse des Körpers hinwegsetzen kann, oder zumindest, dass es dem Menschen möglich ist, eine gewisse Distanz zu solchen Regungen und Strebungen zu wahren. Auch wenn es richtig ist, dass am Ende der Körper die Entscheidungen des Geistes in die Tat umsetzen muss, bzw., dass mit seiner Hilfe die Ideen des Geistes realisiert werden, wie Stekeler-Weithofer das traditionskritisch anmerkt.[2] Mit der möglichen Dominanz des Geistes (oder der Vernunft) gegenüber dem Körper (oder eben den Lüsten) und der Abhängigkeit des Geistes vom Körperlichen, als dem ausführenden und die geistigen Beschlüsse verwirklichenden Organ, ist vielleicht schon eine erste abstrakte Bestimmung des Menschen gelungen. Es soll in dieser Arbeit, bei aller Anlehnung an die Tradition (konkret an Aristoteles), dieser relativierende Gedankengang nicht vergessen werden.

Das „Telos des Gedeihens“, also jenes finale Ziel, welches das Gedeihen einer Lebensform ist, soll ausschließlich für den Fall des Menschen erörtert werden. Das menschliche Gedeihen ist, wie bereits gesagt, ein doppeltes. Man kann also zunächst ganz formal oder abstrakt über Menschen sagen, dass sie, da sie einen Körper und einen Geist haben, sich erhalten und entfalten wollen.

1.2 Die natürliche Güte des Menschen

Es werden bei den folgenden Überlegungen eine ganze Reihe an Voraussetzungen gemacht, die Thomas Hoffmann in seinem Werk „Das Gute“[3] erarbeitet hat. Dessen theoretischer Standpunkt, wie er bis zum siebten Kapitel über die „Menschliche Güte“ entwickelt ist, wird hier geteilt und vorausgesetzt. Speziell dessen Begriff einer voll entfalteten praktischen Rationalität[4] soll später auf den Bereich des Handels Anwendung finden, da er dem Menschen wesentlich ist und weil er sowohl für das gute Leben des Menschen im Allgemeinen eine wichtige Rolle spielt, als auch für die speziellen Zwecke dieser Arbeit. Hoffmann fasst diesen Begriff wie folgt:

„Hingegen ist ein Mensch, der seine Ziele als gut vor- und darstellen sowie mit guten Mitteln instrumentell geschickt realisieren kann, und dessen Ziele auch gut sind, im vollen Sinne praktisch rational. Denn er manifestiert in seinem Beabsichtigen und Handeln die Form der praktischen Rationalität des Menschen makellos, und das ist natürlich gut für Exemplare der Menschlichen Lebensform.“[5]

Der Begriff der praktischen Rationalität wird hier, bzw. im Abschnitt davor, abgegrenzt von einem Begriff der bloß instrumentellen Geschicklichkeit, welche im Sinne einer voll entfalteten praktischen Rationalität als defizitär gilt. Natürlich gut ist eine Absicht oder eine Handlung nach dieser Definition dann, wenn sie das Gedeihen der von ihr betroffenen Menschen befördert, was sie zugleich als praktisch rationales Tun ausweist. Da Menschen wesentlich nicht nur körperliche, sondern auch geistige Lebewesen sind, welche sich sowohl in der Welt als biologische Lebewesen, als auch im Raum der Gründe „bewegen“ können, ist eine Explikation dieses Tuns (Handeln und Wollen) stets möglich, wenn dieser Mensch als praktisch rational und gebildet gelten will. Auch die Ziele einer Handlung sind auf diese Weise explizierbar und eine jeweilige Handlung ist als gutes Mittel zur Realisierung des guten Zieles innerhalb der Verwirklichungspläne von komplexen Zielen angebbar, jedenfalls wenn der Akteur seine Handlung intersubjektiv als rational anerkennen lassen will. Dass diese strengen Ansprüche an die Explizierbarkeit der guten Ziele und Handlungen auf verschiedene Weisen problematisch sind, wird sich bei der Anwendung auf den Handel und speziell auf den Fairen Handel noch zeigen. Man könnte z.B. einwenden, dass, will man diesen Ansprüchen zu einhundert Prozent gerecht werden, gar keine Handlung mehr möglich wäre, weil ein endliches Vernunftwesen, wie der Mensch es ist, niemals die volle Erkenntnis über seine eigenen Handlungen und Ziele und vor allem nicht über deren Auswirkungen haben kann. Eine reale Handlungskonzeption, die sich selbst als vollkommen rational im idealen Sinne ausweist, wäre dann theoretisch unmöglich und muss in der Praxis notwendig pragmatistisch humanisiert werden, ohne dabei in einen Werte nivellierenden Relativismus auszugleiten.

Aber zurück zu den Begriffen und Begriffsverhältnissen: Eine natürlich gute Handlung ist eine Handlung, die das Gedeihen der betroffenen[6] Menschen befördert. Solche Handlungen entsprechen den aristotelischen Tugenden in einer Weise, dass sie die Aktualisierung von Tugenden sind.Wobei Tugenden gerade die Charakterdispositionen sind, die solche natürlich guten Handlungen hervorbringen, und ein tugendhafter Mensch kann als ein natürlich gutes Exemplar der menschlichen Lebensform gelten.

Im Fokus dieser Arbeit ist die (komplexe) Tugend der Gerechtigkeit[7] die wichtigste Tugend, weil ihre Realisierungen und Manifestation im Leben eines Menschen einen naheliegenden Bezug zum Handel und also zu wirtschaftsethischen Überlegungen haben. Die gerechte Handlung ist eine natürlich gute Handlung, weil sie alle anderen Tugenden voraussetzt und in sich aufhebt[8] und weil sie dadurch das Gedeihen des Menschen befördert, sogar mit einer speziellen Gewichtung (mit Blick auf die praktische Rationalität), welche dem Menschen als einem „zoon politikon“ (Gemeinschaftswesen) gerecht wird.

2. Der Handel

2.1. Handel als Praxisform und Ort spezifischer Handlungen

Der Handel als Praxisform ist eine kooperative Praxis des Menschen, welche den Austausch von Waren und Dienstleistungen aller Art zwischen den Menschen zum Ziel hat. Geld und Gold als Wertmaßstab werden zunächst den Waren gleichgesetzt, weil sie in der Regel in Waren zurückübersetzt (getauscht) werden können[9]. Auch die Arbeitskraft des Menschen wird zunächst vollkommen unkritisch als eine mögliche Ware bzw. Dienstleistung auf dem allgemeinen Markt betrachtet. Letztendlich sollen die ausgetauschten Waren und Dienstleistungen die Bedürfnisse der Menschen decken und so zu einem gelingenden Leben beitragen. Als praktisch rationaler Akteur innerhalb der Praxis des Handelns und Warentausches, wird der Handel stets so ausgeführt, dass er das eigene Gedeihen befördert.

[...]


[1] Vgl. dazu: Aristoteles, de Anima, Reclam, S. 169.

[2] Stekeler-Weithofer, Philosophie des Selbstbewusstseins, Suhrkamp, S. 416 f.

[3] Thomas Hoffmann, Das Gute, de Gruyter, 2014, S. 13 -143.

[4] Ebenda, S. 164 ff.

[5] Ebenda, S. 166.

[6] Auch wenn sich praktisch die Wirksamkeit und die Reichweite einer Handlung nicht exakt bestimmen lässt, was es schwierig (wenn nicht in einigen Fällen unmöglich) macht, die tatsächlich von einer Handlung ausgelösten Effekte und die betroffenen Menschen zu erfassen. In solchen Fällen kann man den Anspruch auf die praktische Rationalität einer Handlung nicht oder nur teilweise einlösen. Aber in solchen Situationen kann dem Menschen dennoch eine Entscheidung abverlangt werden, weil das Leben sie eben bereithält, weil sie vorkommen. Man kann dann angesichts dieser "Rest-Ungewissheit" nur glauben und hoffen, wobei diese beiden Aspekte wohl in jeder Handlung mitschwingen. Das soll aber nur eine Randbemerung bleiben.

[7] Aristoteles, Nikomachische Ethik, rowolts enzyklopädie, 2011, S. 159 – 192.

[8] Aristoteles, Nikomachische Ethik, rowolts enzyklopädie, 2011, S. 162 f.

[9] Vgl. dazu auch: Aristoteles, Nikomachische Ethik, rowolts enzyklopädie, 2011, S. 175.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der gerechte Handel als Ort natürlich guter Handlungen. Zur Idee des fairen Handels
Hochschule
Universität Leipzig  (Sozialwissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Praktische Philosophie
Autor
Jahr
2015
Seiten
15
Katalognummer
V337355
ISBN (eBook)
9783656988045
ISBN (Buch)
9783656988052
Dateigröße
599 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Handel, Ethik, Moral, Gerechtigkeit, Gedeihen, Aristoteles, Fair, Wirtschaft, Fairtrade
Arbeit zitieren
Daniel R. Kupfer (Autor), 2015, Der gerechte Handel als Ort natürlich guter Handlungen. Zur Idee des fairen Handels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337355

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