Von der Ein- zur Zweigliedrigkeit, von der Transparenz zur Opakheit. Diachrone Entwicklung der deutschen Rufnamen und deren Ergründung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Begriffsklärungen
1.1 Zwei- und Eingliedrigkeit
1.2 Opakheit und Transparenz

2. Diachrone Entwicklung der deutschen Rufnamen
2.1 Das germanische Rufnamensystem
2.2 Früh- und Hochmittelalter
2.2.1 Rufnamenkonzentration
2.2.2 Lautliche Umgestaltung der Eigennamen
2.3 Spätmittelalter
2.4 Von der Reformation zur Neuzeit
2.4.1 Reformbestrebungen und Namenneuschöpfungen
2.4.2 Neue Fremdnamen
2.5 Das 20. Jahrhundert

3. Untersuchung der Gründe für die dargestellten Entwicklungen
3.1 Funktionalistischer Ansatz
3.2 Systematischer Ansatz
3.3 Ansatz der sich differenzierenden Homonymie

4. Nachwort

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Die Kategorien der Zwei- und Eingliedrigkeit sowie besonders der Opakheit und Transparenz finden in der Namenforschung bisher nur nebensächliche Beachtung. Daher ist es das Ziel dieser Hausarbeit die Entwicklung der deutschen Rufnamen unter dem Gesichtspunkt dieser Kategorien zu beleuchten und sich mit der Frage zu beschäftigen, warum die deutschen Rufnamen und damit ihre Zwei- und Eingliedrigkeit sowie ihre Opakheit und Transparenz die uns bekannten Wandlungsprozesse vollzogen haben. Um den Rahmen der Hausarbeit dabei nicht zu sprengen, und um ihre Stringenz nicht in Mitleidenschaft zu ziehen, beschränkt sich die Hausarbeit auf die deutschen Ruf- bzw. Vornamen.

Im ersten Kapitel werden die zentralen Begriffe der beiden genannten Kategorien (Zwei- und Eingliedrigkeit, Opakheit und Transparenz) für die folgende Untersuchung kurz definiert und erläutert. Abschnitt zwei enthält eine Nachzeichnung der diachronen Entwicklung der deutschen Rufnamen vom Germanischen bis in die heutige Zeit. Hierbei wurde bei der Gliederung des Kapitels nicht auf die sprachhistorischen Epochen sondern auf die historischen Begriffe Früh-, Hoch- und Spätmittelalter zurückgegriffen. Die Epochalisierung und Gliederung der Namenentwicklung gestaltet sich äußerst schwierig, da es keine eigenen Epochengeschichte der Namenkunde gibt, und die bekannten historischen Epochalisierungen nur bedingt mit den Entwicklungsabschnitten der Rufnamengeschichte übereinstimmen. Es war daher naheliegend der zutreffendsten und übersichtlichsten historischen Einteilung den Vorzug zu geben.

Die Nachzeichnung der diachronen Entwicklung vollzieht sich anhand der genannten Untersuchungskategorien. Schließlich skizziert das dritte Kapitel Begründungsansätze, mit denen sich die aufgezeigte Entwicklung der deutschen Rufnamen erklären lässt. Der Übergang vom germ.* Rufnamensystem zum mittelalterlichen Onomastikon wird hierbei als ausschlaggebender und zu erklärender Faktor angesehen.

Wie eingangs erwähnt beschränkt sich die vorliegende Hausarbeit auf die deutschen Rufnamen. Die Entwicklung der Bei- und Familiennamen und ihre rückwirkenden Einflüsse auf die Rufnamen konnten leider nicht berücksichtigt werden. Die in Kapitel drei aufgezeigten Erklärungsmodelle erheben keinen Anspruch auf Absolutheit. Sie sollen dem/ der LeserIn jedoch zu einem besseren Verständnis für die kausalen Zusammenhänge des Sprachwandels verhelfen und mögliche Begründungen für das dargelegte Phänomen aufzeigen.

1. Begriffsklärungen

1.1 Zwei- und Eingliedrigkeit

Man kann davon ausgehen, dass alle Personennamen ursprünglich aus Appellativen entstanden sind. Je nach dem ob ein Name aus einem einzelnen Appellativ entstanden ist, oder ob zwei Appellative zu einem Namen zusammen gefügt wurden, kann man zwischen ein- oder zweigliedrigen Namen unterscheiden. Zweigliedrige Rufnamen werden auch als dithematisch, Eingliedrige als monothematisch bezeichnet. Als Beispiele dithematischer Namen seien hier Balduin = germ*. Baldo (kühn)+ germ*. Wini (Freund) und Dietlinde = germ. Diot (Volk) + germ. Lind (sanft), für monothematische Namen Karl, Wigant und Hesso genannt. Die heutigen Personennamen lassen sich meist nur durch etymologische und sprachhistorische Rekonstruktion auf alte Appellative zurückführen. In vielen Fällen gelingt es aufgrund der spärlichen Quellenlage nicht die Ursprungsappellative zu rekonstruieren.

1.2 Opakheit und Transparenz

Die Begriffe Opakheit und Transparenz können durchaus als gegensätzliche Pole im Bereich der Eigennamen verstanden werden, d.h. ein Name kann nicht gleichzeitig opak und transparent sein. Zwischen den beiden Extrema Opakheit und Transparenz lassen sich noch verschiedene Abstufungen der Semitransparenz unterscheiden. Diese detaillierten Abstufungen finden aufgrund des begrenzten Rahmens der vorliegenden Hausarbeit jedoch keine Beachtung. Wie bereits angesprochen sind alle Eigennamen letztlich aus Appellativen entstanden und enthalten daher in unterschiedlichem Maße erkennbare Strukturen ihrer appellativischen Grundform.

Unter transparenten Namen versteht man solche, deren Bezug zu ihrer appellativischen Ursprungsform noch klar und deutlich zu erkennen ist, wie z.B. bei dem Familienname Mönch. Allerdings bergen diese Namen durch die Homophonie mit den entsprechenden Appellativen die Gefahr der Verwechslung und kommen daher v.a. im Bereich der Rufnamen äußerst selten vor. Opake Namen zeichnen sich dadurch aus, dass ihr appelativischer Ursprung (ohne etymologische und sprachhistorische Rekonstruktion) nicht mehr erkennbar ist, wie etwa bei dem Familienname Greule.

2. Diachrone Entwicklung der deutschen Rufnamen

2.1 Das germanische Rufnamensystem

Dem Onomastikon lagen in germanischer Zeit die Prinzipien der Einnamigkeit und der Transparenz zugrunde, d.h. jeder Mensch besaß nur einen Namen, der außer die Benennung des Referenzobjektes noch eine weitere, höhere Bedeutung trug. Die germanischen Rufnamen werden nach der Anzahl ihrer Namenglieder klassifiziert. So ergeben sich zwei Hauptklassen: die einstämmigen bzw. monothematischen und die zweistämmigen bzw. dithematischen Rufnamen. Auf diachroner Ebene wird zwischen den älteren Primär- und den jüngeren Sekundärbildungen, die erst im Mittelalter zum Tragen kamen, unterschieden.

Die Epoche der Primärbildungen begann bereits in indogermanischer Zeit und dauerte bis ins 4. Jahrhundert. Es ist die älteste Schicht des germanischen Onomastikons. Primärbildungen zeichnen sich durch mehrere wesenbestimmende Merkmale aus: „1.Es handelt sich um Männernamen, 2. sie sind zweigliedrig, 3. sie beruhen auf zusammengesetzten Appellativen [...], 4. sie sind morphologisch-semantisch motiviert“ (Greule 1995: 1187). Die zweigliedrigen Primärbildungen bestanden aus zwei Appellativen. Die morphologisch-semantische Motivation der Rufnamen ergab sich aus der Komposition dieser beiden Namenglieder bzw. aus der Verschmelzung ihrer ursprünglichen Bedeutungen.

Eingliedrige Primärbildungen findet man kaum, obwohl die monothematischen schon früh neben den dithematischen Rufnamen existiert haben müssen. „Die meisten eingliedrigen Namen gohören jedoch relativ späten Jahrhunderten an und müssen [...] als sekundäre Bildungen aufgefaßt werden“ (Gottschald 1982: 32). Allerdings gibt es dazu unterschiedliche Meinungen, denn es sind auch einstämmige Rufnamen aus germ*. Zeit überliefert. Hierbei handelt es sich v.a. um Ableitungen aus Völkernamen wie Hesso und um Partizipialbildungen wie Wigant. Wilfried Seibicke gibt zu bedenken, „ob nicht in dieser Form ein älterer RNNtyp weiterlebt; denn es ist nicht gerechtfertigt den dithematischen RN zum Prototyp des idg. RNs zu erklären“ (Seibicke 1985: 2153). Die Kombination der Namenglieder im dithematischen Onomastikon der germ.* Primärbildungen unterlag folgenden Regeln:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wörter mit gleichem Anlaut wurden nicht zu einem zweigliedrigen Namen kombiniert. Ebenso wurden sich reimende Kombinationen sowie Zweitglieder mit vokalischem Anlaut vermieden. Der Sexus der Referenzobjekte, d.h. der zu benennenden Menschen, wurde durch das Genus des Zweitglieds ausgedrückt. Daher treten Substantive neutralen Genus nur als Erstglied auf (vgl. Kunze 2000: 19). Aus diesem System relativ freier Kombinationsmöglichkeiten, ergab sich ein imens umfangreicher Korpus des germ.* Onomastikons.

Die Transparenz dieses frühen onomastischen Systems der Germanen war dadurch gewährleistet, dass die Appellative, aus denen sich die zweigliedrigen Namen zusammensetzten, aus dem allgemeinen Sprachgebrauch stammten und ihre Bedeutung daher allgemein bekannt war.

2.2 Früh- und Hochmittelalter

Die onymische Entwicklung im Früh- und Hochmittelalter lässt sich in zwei Haupttendenzen zusammenfassen: Einerseits erfährt das überlieferte Onomastikon starke lautliche Veränderungen, andererseits ist eine sich zuspitzende Rufnamenkonzentration zu beobachten. Diese beiden Entwicklungslinien bestehen aus mehreren Aspekten und Phänomenen, die im Folgenden einzeln dargestellt werden.

2.2.1 Rufnamenkonzentration

Im Mittealter kam es zu einer, bis dahin noch nicht gekannten, Rufnamenkonzentration. Dies hat verschiedene Gründe. Grundlegender Auslöser war die schwindende Kenntnis der Bedeutung bzw. Motivation der überlieferten germanischen Namenglieder. Dadurch, dass das Onomastikon die semantischen und phonologischen Wandlungen der Appellativa nicht mit vollzog, entstanden große Diskrepanzen zwischen den Rufnamen und den Appellativen, aus denen sie entstanden waren. Durch diese stetig zunehmende Diskrepanz, geriet die ursprüngliche Motivation der Namenglieder so sehr in Vergessenheit, dass sie nicht mehr nachvollzogen werden konnte. Die ehemals transparenten Namen wurden opak. Diese neue Opakheit der überlieferten Namen (-glieder) löste die starken lautlichen Veränderungen der Rufnamen (s.u.) aus, da sie nicht mehr als bedeutungstragende Kompositionen sondern als beliebiges, opakes Lautmaterial verstanden wurden.

Im Frühmittelalter wurde das System der Kombinatorik zweier Namenglieder beibehalten. Dass die Namenglieder aber schon damals opak geworden waren, zeigt das frühmittelalterliche Phänomen der sog. Nonsenskomposita. Anstelle der regelgebundenen Kombinatorik der germanischen Primärbildungen trat nämlich ein mechanisches Kombinieren der Namenglieder. Ungeachtet ihrer ehemaligen Bedeutung wurden Namenglieder zusammengefügt um so neue zweigliedrige Namen zu bilden. Diese mechanische Kombinatorik wurde v.a. dazu genutzt, Verwandtschaftsverhältnisse zu markieren. Zu diesem Zweck konnten entweder die Namenglieder der Mutter und des Vaters zu neuen Rufnamen (sog. Nonsenskomposita) kombiniert werden, oder statt dessen ein einziges Namenglied generationsübergreifend weiter gegeben werden, wie etwa bei den Burgunderkönigen. Diese Tendenz der familiären Nachbenennung verschwand jedoch nach der frühmittelalterlichen Epoche.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Von der Ein- zur Zweigliedrigkeit, von der Transparenz zur Opakheit. Diachrone Entwicklung der deutschen Rufnamen und deren Ergründung
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar: Personennamen Diachron
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V33748
ISBN (eBook)
9783638341486
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ein-, Zweigliedrigkeit, Transparenz, Opakheit, Diachrone, Entwicklung, Rufnamen, Ergründung, Hauptseminar, Personennamen, Diachron
Arbeit zitieren
Jesse Nies (Autor), 2003, Von der Ein- zur Zweigliedrigkeit, von der Transparenz zur Opakheit. Diachrone Entwicklung der deutschen Rufnamen und deren Ergründung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/33748

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