Die Schlacht bei Verdun in der Literatur. Zu Arnold Zweigs Antikriegsroman „Erziehung vor Verdun“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Arnold Zweig und sein Roman Erziehung vor Verdun

3. Die Schlacht bei Verdun als Erziehungsanstalt in Arnold Zweigs Antikriegsroman Erziehung vor Verdun
3.1. Die Folgen von Befehlsverweigerung und humanitärer Gesinnung im Krieg
3.2. Die Zerstörung der Natur und der Landschaft durch den Krieg
3.3. Der Fall Kroysing und die Korruptheit des militärischen Apparats
3.4. Die Entmythologisierung des Krieges
3.5. Die Intrigen der Offiziere und das Ausgeliefertsein der rangniederen Soldaten im Krieg

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur und Quellen
5.2. Sekundärliteratur

„Was heißt, einen Krieg gewinnen oder verlieren? Wie auffallend in beiden Worten der Doppelsinn. Der erste, manifeste meint gewiß den Ausgang, der zweite aber, […] meint ihn ganz, spricht aus, wie sein Ausgang für uns seinen Bestand für uns ändert. Er sagt: der Sieger behält den Krieg, den Geschlagenen kommt er abhanden […]. Einen Krieg gewinnen oder verlieren, das greift, wenn wir der Sprache folgen, so tief in das Gefüge unseres Daseins ein, daß wir damit auf Lebenszeit an Malen, Bildern, Funden reicher oder ärmer geworden sind. Und da wir einen der größten der Weltgeschichte, einen Krieg verloren, in dem die ganze stoffliche und geistige Substanz des Volks gebunden war, so mag man ermessen, was dieser Verlust bedeutet.“ (Walter Benjamin, 1930)

1. Einleitung

Literatur trägt durch ihre bewahrende und gestaltende Funktion seit jeher maßgeblich zur kollektiven Erinnerung an die Kriege der nationalen Geschichte bei.1 Die literarische Tradition, Feldzüge und große Schlachten heroisch-glorifizierend darzustellen und den Kriegsgeschehnissen im Medium der Literatur einen positiven Sinn zuzuweisen, erstreckt sich von Homers Ilias (um 700 v. Chr.) über das Rolandslied des Pfaffen Konrad (ca. 1170) und die Kriegsdichtung des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Kriegsromanen des Ersten Weltkriegs.2 Das Massensterben der Menschen in den Kriegen, ihre traumatischen Erlebnisse und die unrühmlichen Verhaltensweisen der Soldaten und Befehlshaber vor und hinter der Front sind hingegen seltener Bestandteil literarischen Erinnerns.

In der eingangs zitierten Passage aus den Schriften Walter Benjamins3 wird die These aufgestellt, dass der Krieg für den Besiegten zweimal verloren geht - einmal auf dem Schlachtfeld und anschließend in der kollektiven Erinnerung. Je sinnvoller der verlorene Krieg im Nachhinein dargestellt wird, desto leichter fällt es dem Verlierer, den Schmerz über den doppelten Verlust des Krieges zu verarbeiten, und die Angst vor dem Vergessen des Krieges und der zahlreichen Opfer zu überwinden.4 So bietet Benjamins geschichtsphilosophische These auch einen Erklärungsansatz für die Entwicklung der Kriegsliteratur des Ersten Weltkrieges in der Weimarer Republik.

Mit der militärischen Niederlage im Krieg und der Stabilisierung der Weimarer Republik war das gesellschaftliche Interesse an der berichtenden Literatur über den Ersten Weltkrieg in den frühen zwanziger Jahren aufgrund der veränderten historischen Problemsituation stark zurückgegangen.5 Erst in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren wurde der deutsche Buchmarkt, vor dem Hintergrund der instabilen Lage der Weimarer Republik und der Gefahr eines durch die Nationalsozialisten forcierten zweiten Weltkrieges, von einer Fülle an Kriegsliteratur überflutet.6 Die Autoren der Kriegsromane setzten sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Ersten Weltkrieg auseinander und ließen bei der romanhaften Darstellung der Kriegsereignisse ihre politischen und weltanschaulichen Auffassungen mit einfließen. So reichte das Spektrum der Publikationen noch bis in die dreißiger Jahre hinein von völkisch- nationalistischen über pazifistische bis hin zu kommunistischen Deutungs- und Sinngebungsversuchen.7 Die Beurteilung des vergangenen Krieges spielte folglich eine große Rolle im Diskurs um den Umgang mit den gesellschaftlichen und politischen Problemen der Gegenwart, sowie der Debatte um eine mögliche Gestaltung der Zukunft.8

Die Kriegsliteratur der späten Weimarer Republik kann in zwei Kategorien eingeteilt werden.9 Auf der einen Seite stehen die affirmativen Frontromane um Werner Beumelburgs Sperrfeuer um Deutschland (1929), Franz Schauweckers Aufbruch der Nation (1929), Josef Magnus Wehners Sieben vor Verdun (1931) und Hans Zöberleins Der Glaube an Deutschland (1931). Den Autoren der affirmativen Kriegsliteratur ist gemeinsam, dass sie den Krieg in ihren Werken verherrlichen und ästhetisieren. Sie verwenden symbolisch überhöhte Motive, wie den Opfer- und Heldenmut der deutschen Soldaten, oder den starken Kameradschafts- und Gemeinschaftssinn in der deutschen Armee, um an die soldatischen Tugenden im Ersten Weltkrieg zu erinnern und auf diese Weise einen „militaristischen Nationalismus“10 zu propagieren.11 Sie gewinnen somit der Niederlage im Ersten Weltkrieg einen Sinn ab.12 Dieser Literatur entgegengesetzt sind die kriegskritischen Romane, die dem Leser die Sinnlosigkeit und die Unmenschlichkeit des modernen Massen- und Stellungskrieges klar vor Augen führen, dadurch implizit vor einem neuen Krieg warnen und für eine friedfertige Gesellschaft plädieren.13 Zu den bekanntesten Antikriegsromanen gehören Ernst Glaesers Jahrgang 1902 (1928/29), Edlef Köppens Heeresbericht (1930), Ludwig Renns Krieg (1929), Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1929), Adam Scharrers Vaterlandslose Gesellen (1930) sowie Arnold Zweigs Der Streit um den Sergeanten Grischa (1927).

In der literaturwissenschaftlichen Forschung gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Aufsätzen, Monographien und Sammelbänden, die sich thematisch mit den Kriegsromanen der Weimarer Republik auseinandersetzen.14 Während einige Romane, wie insbesondere Remarques Im Westen nichts Neues 15, eingehend untersucht worden sind, hat die Forschung weniger populären Werken bislang nur geringe Aufmerksamkeit geschenkt. Dies gilt insbesondere für Arnold Zweigs Antikriegsroman Erziehung vor Verdun (1935), dessen Handlungsschauplatz - die Schlacht bei Verdun - bis heute symbolisch für die Sinnlosigkeit der Materialschlachten und das massenhafte Sterben im Ersten Weltkrieg steht.16

Zweig konzentriert sich in seinem Roman auf den Desillusionierungs- und Erziehungsprozess des jüdischen Schriftstellers Bertin, der durch seine Erlebnisse als Armierungssoldat bei Verdun allmählich erkennt, dass seine idealistischen Vorstellungen vom Krieg und der wilhelminischen Armee nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Eine detaillierte Analyse des Romangeschehens im Hinblick auf dessen kriegskritische Haltung und die Darstellung der Schlacht bei Verdun ist, bis auf vereinzelte Beiträge17, noch nicht vorgenommen worden.18 Diese Lücke in der Forschung soll in der vorliegenden Arbeit geschlossen werden. Bei der Interpretation des Romans werden zwei Leitfragen im Vordergrund stehen: Wie interpretiert Arnold Zweig die Ereignisse der Schlacht bei Verdun im Hinblick auf die Erziehung seiner Hauptfigur Bertin? Und inwiefern wird durch dieses Vorgehen eine kriegskritische Haltung eingenommen?

In einem ersten Schritt soll ein kurzer Überblick über die Biographie Arnold Zweigs unter Berücksichtigung seiner weltanschaulichen und literarischen Entwicklung gegeben werden. Um die Kriegskritik, die Zweig in seinem Roman zum Ausdruck bringt, zeitgeschichtlich einordnen und bewerten zu können, wird es ferner wichtig sein, die Entstehungshintergründe des Romans, seinen Entstehungsprozess und seine zeitgenössische Rezeption in Kürze darzustellen.

Anschließend soll untersucht werden, welche Kriegserfahrungen maßgeblich zu Bertins Erziehung zum Frieden beitragen und inwiefern dadurch eine Kriegskritik zum Ausdruck gebracht wird. Neben der Schilderung der desillusionierenden Kriegswirklichkeit, wird hier auch insbesondere die Darstellung des korrupten militärischen Apparates und des intriganten Verhaltens der Offiziere in der wilhelminischen Armee analysiert werden. Bei der Interpretation des Romangeschehens wird en passant darauf zu achten sein, inwieweit die Darstellung der Schlacht bei Verdun historischen Wahrheitsansprüchen gerecht wird.19

Die Schlussbetrachtung soll die erarbeiteten Ergebnisse zusammenfassen, mögliche Lücken in der Untersuchung thematisieren, und klären, ob die gestellten Fragen beantwortet werden konnten.

2. Arnold Zweig und sein Roman Erziehung vor Verdun

Arnold Zweig, der am 10. November 1887 im niederschlesischen20 Glogau als Sohn eines Sattlermeisters geboren wurde, stammt aus einer kleinbürgerlichen jüdischen Familie.21 Schon als Student wurde Zweig schriftstellerisch tätig und setzte sich in seinen Erstlingswerken intensiv mit seiner jüdischen Herkunft auseinander.22 Der große Erfolg seiner 1912 veröffentlichten Erzählung Novellen um Claudia bestärkte Zweig schließlich in seinem Entschluss, freier Schriftsteller zu werden. Zweigs literarisches

[...]


1 Zur Funktion der Literatur als Medium nationaler Erinnerungskultur und dem Zusammenhang von Literatur und kollektivem Gedächtnis siehe ausführlicher Erll, Gedächtnisromane, S. 55-64; 93-180; 353- 364.

2 Zur Argumentation vgl. Lindner-Wirsching, Französische Schriftsteller und ihre Nation im Ersten Weltkrieg, S. 257.

3 Siehe Benjamin, Theorien des Deutschen Faschismus, S. 242.

4 Zur Argumentation vgl. Stickelberger-Eder, Aufbruch 1914, S. 29.

5 Sowohl während des Weltkriegs als auch in der Nachkriegsphase war eine große Menge an Kriegstagebüchern, Kriegsberichten und Offiziersmemoiren über den Weltkrieg publiziert worden, die den Anspruch erhoben, das Kriegserlebnis authentisch zu schildern und den Krieg „wahr“ zu dokumentieren. Vgl. Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 35.

6 Allein zwischen den Jahren 1928 und 1933 erschienen auf dem deutschen Buchmarkt mehr als zweihundert Romane über den Ersten Weltkrieg. Vgl. ebenda, S. 2.

7 Vgl. Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 2.

8 Vgl. Bartz, ‚Allgegenwärtige Fronten‘, S. 14-15.

9 Aufgrund der Vielfalt der literarischen Formen und Stile ist es schwer, eine exakte Typologisierung vorzunehmen. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die hier verwendete simplifizierende Einteilung in affirmative und kriegskritische Romane in der Literaturwissenschaft höchst umstritten ist. So weisen die Romane beider Kategorien, trotz auffälliger Differenzen, auch einige motivische und terminologische Gemeinsamkeiten auf. Vgl. hierzu Bartz, ‚Allgegenwärtige Fronten‘, S. 16-17, 24-25; sowie Schöning, Versprengte Gemeinschaft, S. 278.

10 Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 297.

11 Vgl. Gollbach, Die Wiederkehr des Weltkrieges, S. 238-246.

12 Vgl. Bartz, ‚Allgegenwärtige Fronten‘, S. 291.

13 Vgl. Gollbach, Die Wiederkehr des Weltkrieges, S. 232-238.

14 Die Hauptphase der wissenschaftlichen Forschung um die Kriegsromane der Weimarer Republik setzte mit Beginn der achtziger Jahre ein. Aufgrund der Fülle der bis heute erschienenen Sekundärliteratur sei an dieser Stelle nur darauf hingewiesen, dass sich in dem vom Osnabrücker Erich-Maria-Remarque- Archiv seit 1989 jährlich herausgegebenen Journal Krieg und Literatur in der Regel eine umfassende Bibliographie der neu erschienenen wissenschaftlichen Publikationen zu dem Themenkomplex „Krieg und Medien“ finden lässt.

15 Bis heute gilt Remarques Roman Im Westen nichts Neues als der wohl bekannteste und auflagenstärkste deutsche Antikriegsroman. Vgl. Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 2.

16 Ausführlicher hierzu siehe Krumeich, Der Mensch als Material, S. 295-305.

17 Siehe Kaufmann, Entstehung und Wirkung, S. 529-550; Midgley, Arnold Zweig, S. 92-122; sowie Wolf, Größe und Tragik, S. 264-277.

18 So stammen nahezu sämtliche Untersuchungen, die sich mit dem Werk Zweigs auseinandersetzen, aus der DDR-Rezeption. In der westlichen Forschung wurden Zweigs Romane höchstens im Rahmen vergleichender Forschungsarbeiten analysiert. Die überwiegende Mehrheit der Publikationen beschäftigt sich zudem mit Zweigs Grischa-Roman. Zur Rezeptionstradition siehe Becker, Literarischer Protest, S. 92. Es gibt meines Wissens nach keine wissenschaftliche Publikation, die sich mit Zweigs Roman Erziehung vor Verdun in jüngster Zeit intensiv auseinandersetzt hat.

19 Kriegsliteratur steht stets im Spannungsverhältnis zwischen Geschichte und der fiktiven Welt der Literatur. So wird die literarische Darstellung der Kriegsgeschehnisse häufig an den Wahrheitsstandards der Geschichtsschreibung gemessen und bewertet. Die vorliegende Arbeit muss folglich den schwierigen Spagat zwischen literaturwissenschaftlicher Analyse und geschichtswissenschaftlicher Interpretation und Deutung des Romans leisten. Zum problematischen Verhältnis von Fiktion und Wahrheit in der Kriegsliteratur siehe Hüppauf, Kriegsliteratur, S. 177; sowie Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 3- 10.

20 Eine detaillierte Darstellung von Arnold Zweigs biographischem Hintergrund und seiner weltanschaulichen und literarischen Entwicklung sind bei Hans-Harald Müller und Manuel Wiznitzer zu finden. Siehe Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 104-161; sowie Wiznitzer, Arnold Zweig, S. 13- 188.

21 Vgl. Müller, Der Krieg und die Schriftsteller, S. 106.

22 Zu den bekannteren literarischen Frühwerken Zweigs gehört seine Erzählung Aufzeichnungenüber eine Familie Klopfer (1909), in der er das Bild eines dekadenten jüdischen Schriftstellers zeichnet. Vgl. hierzu ebenda, S. 107-113.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Schlacht bei Verdun in der Literatur. Zu Arnold Zweigs Antikriegsroman „Erziehung vor Verdun“
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die Schlacht bei Verdun 1916
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V337485
ISBN (eBook)
9783668267060
ISBN (Buch)
9783668267077
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schlacht, verdun, literatur, arnold, zweigs, antikriegsroman, erziehung
Arbeit zitieren
Sabrina Rutner (Autor), 2016, Die Schlacht bei Verdun in der Literatur. Zu Arnold Zweigs Antikriegsroman „Erziehung vor Verdun“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337485

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