Barocke Weihnachtslyrik. "Vber die Geburt Jesu" von Andreas Gryphius und "Der Wind auff laeren strassen" von Friedrich Spee


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

I.

In der vorliegenden Arbeit sollen Gedichte von zwei großen deutschsprachigen Autoren des 17. Jahrhunderts miteinander verglichen werden. Andreas Gryphius‘„Vber die Geburt Jesu“ und Friedrich Spees „Der Wind auff laeren strassen“[1] haben einen ähnlichen Umfang und das gleiche Thema, nämlich die Geburt Jesu, zum Gegenstand. In Darstellungsweise, Stil und Wirkabsicht könnten die beiden Texte jedoch unterschiedlicher kaum sein.

Während der evangelische Laie Gryphius in einem feierlichen Sonett hymnenhaft die heilsgeschichtliche Bedeutung der Geburt Jesu als zentrales Ereignis der Menschheitsgeschichte hervorhebt und dogmatisch erläutert, führt der katholische Theologe und Jesuitenpater Spee dem Leser im genus humile die Krippenszene vor die Sinne, weckt beim Rezipienten Mitleid für den schutzbedürftigen Neugeborenen und lädt den Leser ein, seine Liebe zu Jesus performativ zu vollziehen.

Nach einigen knappen Anmerkungen zu den poetologischen Grundlagen barocker Gelehrtendichtung sollen zunächst Gryphius‘ Sonett, dann Spees strophisches Gedicht hinsichtlich ihrer inventio und dispositionellen Struktur untersucht und interpretiert werden. Auf eine detaillierte Beschreibung des Redeschmucks soll mit Verweis auf die umfangreiche Sekundärliteratur zu den beiden kanonischen Gedichten verzichtet werden.[2]

II.

Wenn wir in Bezug auf die deutschsprachige Dichtung des 17. Jahrhunderts vom rhetorischen Zeitalter sprechen, so verweisen wir auf die enge Abhängigkeit der Poesie von der Rhetorik. Die Rhetorik wurde als Basiswissenschaft an den Gymnasien gelehrt und die literarische Produktion sollte sich an seinen Regeln orientieren.

Die Bedeutung, die die Rhetorik für das literarische Schaffen im 17. Jahrhundert hatte, wird deutlich, wenn wir einen Blick auf Martin Opitz‘ „Buch von der Deutschen Poeterey“ werfen. In Opitz‘ Regelpoetik, die - mit Ausnahme einiger literarischer Einzelgänger, zu denen auch Spee gehörte - für Autoren des 17. Jahrhundert verbindlichen Charakter hatte, dienen die Produktionsstadien der Rede - inventio, dispositio und elocutio – als Ordnungsprinzip. Bereits die Kapitelüberschriften in Opitz‘ Werk verdeutlichen seine Orientierung an der Rhetorik. Opitz folgt im Aufbau seines Buches den Schritten, die die Rhetorik bei der Anfertigung einer Rede vorschreibt. Nach einigen einleitenden Kapiteln, die der Bedeutung der Poesie und der Stellung des Dichters in der Gesellschaft gewidmet sind, folgt ein Kapitel, das der inventio und dispositio gilt („Von der zuegehoer der Deutschen Poesie / vnd erstlich von der invention oder erfindung / vnd Disposition oder abtheilung der dinge von denen wir schreiben wollen“). Daran anschließend folgen zwei Kapitel zur elocutio („Von der zuebereitung vnd zier der worte“ sowie „von den reimen / jhren woertern vnd arten der getichte“).

Opitz‘ Ziel war es, mit seiner Regelpoetik dazu beizutragen, die deutschsprachige Dichtung auf die literarische Qualität zu bringen, die die volkssprachige Dichtung in Italien, Frankreich, den Niederlanden und weiteren Ländern bereits erreicht hatte. Gleichzeitig sollte die Dichtung ihren Anspruch, als „erste Philosophie“[3] und als eine „erzieherinn des lebens von jugend auff“[4] wahrgenommen zu werden, rechtfertigen. Dafür setzte er Regeln für dichterisches Schaffen und demonstrierte diese selbst an mustergültigen Beispielen.

Wenn weiter oben von Spee als literarischem Einzelgänger gesprochen wurde, so soll dies nicht bedeuten, dass seine Dichtung sich nicht an der Rhetorik orientierte. Es soll lediglich darauf verweisen, dass Spee von Opitz‘ Regelpoetik keine Kenntnis nahm oder sich bewusst nicht an ihr orientierte. Dies zeigt sich beispielsweise an seiner Verwendung von dialektalen Ausdrücken, die Opitz aus der Literatursprache zu verbannen suchte. Gleiches gilt für Elisionen, von denen Spee im Widerspruch zu Opitz‘ Regeln Gebrauch macht. Umso erstaunlicher ist es, dass Spee in seinen „Merckpünctlein für den Leser“, der selbstbewussten poetologischen Vorrede der Trutznachtigall, in der das zu untersuchende Gedicht erschien, hinsichtlich der Metrik zu gleichen Schlussfolgerungen wie Opitz gelangt. Opitz hatte gefordert, das Versmaß an der natürlichen Abfolge von Hebung und Senkung der Wörter zu orientieren.

Für Spee wie Gryphius galten die gleichen rhetorischen Regeln: Anhand tradierter Formen sollte der Dichter seine Kunstfertigkeit beweisen und sinnreiche Gedanken entfalten. Abhängig von Gegenstand, Anlass und Wirkungsfunktion (officia oratoris) musste der Dichter über Form und Stilhöhe entscheiden.[5]

Weiter unten soll diskutiert werden, inwiefern Spee der Forderung, eine dem Gegenstand entsprechende Sprache zu finden – in den antiken Rhetoriklehren als decorum oder (inneres) aptum bezeichnet – gerecht wird.

III.

Vber die Geburt Jesu

NAcht / mehr denn lichte Nacht! Nacht / lichter als der Tag /

Nacht / heller als die Sonn' / in der das Licht geboren /

Das Gott / der Licht / in Licht wohnhafftig / ihm erkohren:

O Nacht / die alle Nächt' und Tage trotzen mag!

O freudenreiche Nacht / in welcher Ach und Klag /

Vnd Finsternüß / und was sich auff die Welt verschworen

Vnd Furcht und Höllen-Angst und Schrecken war verlohren.

Der Himmel bricht! doch fällt numehr kein Donnerschlag.

Der Zeit und Nächte schuff / ist dise Nacht ankommen!

Vnd hat das Recht der Zeit / und Fleisch an sich genommen!

Vnd unser Fleisch und Zeit der Ewikeit vermacht.

Der Jammer trübe Nacht / die schwartze Nacht der Sünden

Des Grabes Dunckelheit muß durch die Nacht verschwinden.

Nacht lichter als der Tag! Nacht mehr denn lichte Nacht!

Die Geburtsnacht Jesu ist Gegenstand von Gryphius‘ Sonett „Vber die Geburt Jesu“. Der Begriff Nacht begegnet uns im ersten Quartett sechsmal. Die herausragende Bedeutung des Begriffs wird nicht nur durch die Wortwiederholung unterstrichen. Weiterhin hervorgehoben wird der Begriff durch Wiederholungs- und Wortstellungsfiguren, Parallelität der Formulierung und metrische Unregelmäßigkeit – man beachte die doppelte Hebung zu Beginn des ersten und zweiten Verses.

Die zentrale inventorische Leistung Gryphius‘ liegt dabei in der parallelen Verwendung des Begriffs Nacht in wörtlichem wie allegorischen Sinn. Im Literalsinn meint Nacht den Zeitpunkt der Geburt Jesu. Im allegorischen Sinn steht die Nacht für den Zustand der Menschheit vor der Geburt Jesu, d.h. den Zustand der Sünde und der Gottesferne.

Gryphius steht mit dieser Auslegung in einer langen Tradition der christlichen Naturallegorese. Voraussetzung für die heilsgeschichtliche Deutung der Natur ist die Zwei-Bücher-Lehre, die davon ausgeht, dass den Menschen zur Erkenntnis der göttlichen Wahrheit zwei Bücher zur Verfügung stehen: das „Buch der Bücher“, das heißt die Bibel sowie das „Buch der Welt“ - die Natur. Die Natur ist das Ergebnis der göttlichen Schöpfung. Wie alle anderen von Gott geschaffenen Dinge, bezeichnen die Dinge der Natur stets auch etwas anderes. Sie haben einen verborgenen Sinn, der auf den Schöpfer selbst hinweist. Dieser Sinn ist durch die göttliche Schöpfung in ihnen angelegt und gibt Hinweise auf die Intentionen Gottes. In den Römerbriefen findet sich folgender Hinweis auf die Möglichkeit der Gotteserkenntnis durch Beobachtung der Schöpfung:

[...]


[1] Spee gibt dem Gedicht in der „Trutznachtigall“ den Titel „Ein kurtzes Poetisch Christgesang, vom Ochs, vnd Eselein bey der Krippen“. Hier soll im Folgenden der Kurztitel, unter dem das Gedicht ebenfalls bekannt ist, verwendet werden.

[2] Für die meisterhafte elokutionäre Gestaltung von Gryphius‘ Sonett vergleiche insbesondere Trunz, Erich, Andreas Gryphius. Über die Geburt Jesu, in: Benno von Wiese (Hg.), Die deutsche Lyrik. Form und Geschichte. Interpretationen, Band 1: Vom Mittelalter bis zur Frühromantik, Bagel, Düsseldorf 1957, S. 133-138. Weiterhin Schindler, Marvin S., The Sonnets of Andreas Gryphius. Use of the Poetic Word in the Seventeenth Century, Gainesville 1971. Für Spees Gedicht sei insbesondere verwiesen auf Fritz, Stephan Chr., Süßer Rosenwind als Hauch der Liebe. Annäherung an Friedrich Spees Lied „Der Wind auf leeren Straßen“ (TN 35) und Notizen zur Rezeption, in: Spee-Jahrbuch 12 (2005), S. 29-50.

[3] Vgl. Opitz, S. 15.

[4] Ebd.

[5] Vgl. Kemper, S. 51-52.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Barocke Weihnachtslyrik. "Vber die Geburt Jesu" von Andreas Gryphius und "Der Wind auff laeren strassen" von Friedrich Spee
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Lyrik des Barockzeitalters: Friedrich Spee SJ: „Trutz-Nachtigall“
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V337566
ISBN (eBook)
9783668268036
ISBN (Buch)
9783668268043
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
barock, weihnachtslyrik, weihnachten, gryphius, friedrich-spee, trutznachtigall, trutz-nachtigall, lyrik, barocklyrik, rhetorik, martin-opitz
Arbeit zitieren
Stefan Lippert (Autor), 2014, Barocke Weihnachtslyrik. "Vber die Geburt Jesu" von Andreas Gryphius und "Der Wind auff laeren strassen" von Friedrich Spee, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337566

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