Der Einfluss der Weltwirtschaftskrise auf das Wählerverhalten in der Weimarer Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
32 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Weltwirtschaftskrise und die Wahlpropaganda der Parteien
2.1 Die Weimarer Parteien
2.2 Die totalitären Parteien
2.2.1 KPD
2.2.2 NSDAP

3. Analyse des Wählerverhaltens
3.1 Zusammenhang zwischen Wahlergebnissen und Wahlbeteiligung
3.2 Soziodemographischer Hintergrund
3.2.1 Weimarer Parteien
3.2.2 KPD
3.2.3 NSDAP
3.3 Parteiwanderungen

4. Schluss

5. Bibliographie

1. Einleitung

Gegen Ende des Jahres 1929 traf die Weltwirtschaftskrise, die mit dem Schwarzen Freitag in den USA ihren Anfang genommen hatte, das Deutsche Reich mit voller Wucht. Das Land war bereits zuvor von Krisen geschüttelt worden und dementsprechend geschwächt. Zudem war es sehr von Krediten aus den USA abhängig. Die Folgen waren katastrophal und das nicht nur in materieller Hinsicht. Die Not führte auch zu psychosozialen Problemen wie Aggressivität, Depression und auch hohen Selbstmordraten. Zudem kam es zu einer politischen Radikalisierung der Gesellschaft, verbunden mit gewalttätigen Ausschreitungen und fast bürgerkriegsähnlichen Zuständen.

Gleichzeitig begann der beispiellose Aufstieg der NSDAP. „Keine andere Partei in der deutschen Geschichte hat in so kurzer Zeit einen derartigen Sprung in der Wählergunst von einer relativ erfolglosen, von den meisten Zeitgenossen nicht sonderlich ernstgenommenen Splitterpartei zur mit weitem Abstand stärksten politischen Kraft innerhalb und außerhalb des Reichstags geschafft“ (Falter 1991: 17). Auch die KPD, die Partei der extremen Linken, konnte an Stimmen gewinnen. Die Verbindung scheint klar: Die Weltwirtschaftskrise sorgte, verbunden mit der aus ihr resultierenden Massenarbeitslosigkeit, dafür, dass die Wähler in Scharen zu staatsfeindlichen Parteien strömten. Diese Ansicht hat seit jeher die Forschung zum Ende der Weimarer Republik dominiert. Doch entspricht sie wirklich der Wahrheit? Ist die Gleichung so einfach oder spielten noch andere Faktoren eine Rolle im Verhalten der Wähler? Diese Fragestellung soll in meiner Arbeit untersucht werden.

Warum ist diese Untersuchung relevant? Schließlich ist es keineswegs der Fall, dass die Wahlerfolge der NSDAP zum Dritten Reich geführt hätten. Adolf Hitler wurde nicht zum Reichskanzler gewählt, sondern ihm wurde die Macht übertragen und zwar zu einem Zeitpunkt, als es mit seiner Partei bereits wieder bergab zu gehen schien. Jedoch wäre die Machtergreifung ohne den Aufstieg der NSDAP zu einer Massenpartei wohl kaum möglich gewesen, denn erst dadurch wurde Hitler zu einer ernst genommenen Figur auf dem politischen Parkett der Weimarer Republik. Daher ist es durchaus von Bedeutung, zu wissen, welche Faktoren die Entscheidung der Wähler beeinflussten.

Um den Einfluss der Wirtschaftskrise auf die Wahlergebnisse zu analysieren, werde ich im ersten Teil die Propaganda der einzelnen Parteien daraufhin untersuchen, ob sie konkret auf die Bekämpfung der Krise ausgerichtet war. Inwiefern versuchten die Parteien, die Krise und ihre Folgen zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen? Welche Strategien setzten sie dafür ein? Hier und auch im Folgenden werden v.a. die Reichstagswahlen 1930 und 1932 näher beleuchtet werden. Da die Wahlen vom März 1933 bereits nach der Machtergreifung stattfanden, sind sie nicht mehr Gegenstand dieser Arbeit. Im zweiten Teil werde ich mehrere Faktoren untersuchen, die Einfluss auf das Wählerverhalten gehabt haben könnten. Ich konzentriere mich in meiner Analyse auf die wichtigsten Reichstagsparteien, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf der NSDAP liegt, einmal wegen ihrer Bedeutung und zum zweiten auf Grund der umfangreichen Datenlage zu dieser Partei im Gegensatz zu allen anderen.

2. Die Weltwirtschaftskrise und die Wahlpropaganda der Parteien

Die Weltwirtschaftskrise traf das Deutsche Reich neben den USA am stärksten. Die Auswirkungen waren dramatisch: Arbeitslosenzahlen von über 6 Millionen, Einbruch der Industrieproduktion und weit verbreitetes Elend. Im Folgenden soll nun untersucht werden, inwieweit diese Situation Widerhall in der Propaganda der einzelnen Parteien in der Zeit von 1930 bis Ende 1932 fand.

2.1 Die Weimarer Parteien

Im engsten Sinn des Wortes gehören zu den „Weimarer Parteien“ nur die Parteien der Weimarer Koa- lition: die SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), die DDP (Deutsche Demokratische Partei) und die katholische Zentrumspartei. Versteht man „Weimarer Parteien“ jedoch als Gegenpol zu den staatsfeindlichen Parteien NSDAP und KPD, so muss man zusätzlich noch die zwei bürgerlichen Par- teien DVP (Deutsche Volkspartei) und DNVP (Deutschnationale Volkspartei) dazu zählen. Der Ein- fluss der Weltwirtschaftskrise auf die Wahlpropaganda war hier je nach Partei unterschiedlich. Ange- sichts großer Missstände im Land scheint es naheliegend, im Wahlkampf mit einem Programm aufzu- warten, dass eine Besserung der Situation verspricht. Hier mussten die Parteien der Weimarer Koaliti- on einen gefährlichen Spagat aushalten: Einerseits durften sie das Elend in Deutschland nicht ignorie- ren und so den anderen Parteien das Feld überlassen, aber andererseits war es ihnen als Regierungspar- teien nicht möglich, die Regierung anzugreifen und radikale Besserung zu propagieren. Sie wurden mit dem als handlungsunfähig angesehenen parlamentarischen System identifiziert (vgl. Büttner: 626). Dies galt besonders für die SPD, die durch ihre prominente Rolle bei der Gründung der Weimarer Republik diese regelrecht verkörperte. Angesichts dieses Zwiespaltes und der Angriffe von Seiten der totalitären Parteien befanden sich die Regierungsparteien von vorn herein in einer defensiven Position und ihre Propaganda bestand zum großen Teil nicht aus Aktion, sondern aus Reaktion.

Die einzelnen Parteien entwickelten unterschiedliche Wahlkampfstrategien als Antwort auf die Krise. Inhaltlich war SPD, DDP und Zentrum gemeinsam, dass sie versuchten, das ihnen vorgeworfene Ver- sagen mit Verweis auf die schwierige globale wirtschaftliche Situation zu relativieren und mit be- scheidenen Erfolgen zu punkten (vgl. Vierhaus: 167). Eine spezifische Ausrichtung der Wahlpropa- ganda auf die durch die Wirtschaftskrise entstandenen Bedürfnisse der Bevölkerung lief jedoch nur schleppend an. Zwar wurden die Schlagworte durchaus auf das Elend der Menschen ausgerichtet - die von der NSDAP bekannte Parole „Arbeit und Brot“ von 1932 wurde bereits vorher lagerübergreifend verwendet, z.B. 1930 auf einem SPD-Plakat („Dem Vater Arbeit! Den Kindern Brot!“) oder 1932 auf einem Plakat des Zentrums („Arbeit und Brot. Das ist das Wichtigste!“) -, doch fehlten innovative Programme zur Krisenbewältigung oder sie kamen zu spät (vgl. Paul 1990: 247f.). So entwickelte die SPD erst in Reaktion auf die katastrophale Reichstagswahl 1930 die Idee eines freiwilligen Arbeits- dienstes auf dem Land, der arbeitslosen jungen Menschen wieder zu einer sinnvollen Aufgabe und einem Lebensunterhalt verhelfen sollte. Ziel war es, die Attraktivität der Partei für Jugendliche zu erhöhen, doch der Plan ging nicht auf - vielleicht auch, weil die Idee zu spät kam (vgl. Vierhaus: 169).

Außerdem schätzten die Sozialdemokraten die Stimmung im Land falsch ein. Sie waren davon über zeugt, dass das Elend der Krise eine starke antikapitalistische Bewegung wachgerufen hatte, die sie für sich nutzen könnten. So präsentierten sie sich als einzig wahre sozialistische Kraft und warnten vor dem „falschen Sozialismus“ der NSDAP (vgl. Childers 1983: 252). Dies war aus zwei Gründen nicht sehr erfolgreich: Einerseits hatte die SPD einen schweren Stand, sich gegen die radikalere KPD als wahre sozialistische Alternative zu profilieren, und andererseits zeigte diese Strategie eine Fehleinschätzung der durch die Krise hervorgerufenen Proteststimmung. Es kam in der Krise natürlich zu einer antikapitalistischen Haltung im Land, doch führte diese nicht zu der theoretisch logischen Neigung zum traditionellen Sozialismus, sondern äußerte sich in dem lauten Schrei nach radikalem Wandel, auf den die SPD nicht antworten konnte. Außerdem unterschätzte die Partei die Anziehungskraft der NSDAP, die sich ebenfalls als sozialistische Macht darstellte.

In der Art und Weise, wie der Wahlkampf geführt wurde, wird noch eine weitere Auswirkung der Weltwirtschaftskrise deutlich: Über sämtliche Parteigrenzen hinweg lässt sich eine Bewegung weg von rationalen politischen Argumenten und hin zu einem stark visuellen Wahlkampf mit Symbolen und Bildern beobachten (vgl. Paul 1992: 27). Ziel war nicht mehr, die Vernunft der Wähler anzuspre- chen, sondern vielmehr Emotionen zu mobilisieren. Im Fall der SPD lässt sich zwischen 1930 und 1932 eine deutliche Veränderung beobachten. Vor der Reichstagswahl 1930 bemühte sich die Partei, wie auch das Zentrum, den Wahlkampf zu versachlichen, um den großflächigen Einsatz von Bild- und Symbolpropaganda zu verhindern. So konzentrierte sich das Zentrum auf zentrale Wahlkundgebungen und die SPD verlegte sich auf traditionelle Formen des Wahlkampfes wie Schriften, Kundgebungen und Plakate mit Slogans (vgl. ebd.: 29). Dieser Widerstand gegen einen bild- und symbolbasierten Wahlkampf hatte einen ganz einfachen Hintergrund: Nur in einer rationalen Auseinandersetzung hat- ten die Regierungsparteien eine realistische Chance. Bilder und Symbole appellieren nicht an die Ver- nunft, sondern die Emotionen der Wähler. Dies spielte den totalitären Parteien in die Karten, denen es nicht um rationale Entscheidungen, sondern vielmehr um die Mobilisierung von Protestwählern durch das Versprechen eines radikalen Wandels ging. In einer solchen Reduzierung des Wahlkampfes auf die Ebene der Emotionen konnten die Weimarer Parteien nur verlieren. Daher bemühten sie sich, die politische Auseinandersetzung auf einer sachlichen Ebene zu halten. Angesichts der starken Emotio- nen, die durch das Elend in Deutschland hervorgerufen wurden, war dieses Unternehmen jedoch zum Scheitern verurteilt. Daher führten die Weimarer Parteien 1932 einen wesentlich aggressiveren Wahl- kampf als vorher, um sich gegen die radikalen Parteien zu behaupten (vgl. Broszat: 100). Doch kamen sie gegen die bereits etablierte Bild- und Symbolpropaganda von KPD und NSDAP nicht an. Vor al- lem auf junge Menschen wirkten die traditionellen Parteien der Republik durch ihre Symbolarmut nüchtern und langweilig; sie vermochten keine Begeisterung auszulösen (vgl. Bracher: 142). Ein wei- teres Problem wird deutlich, wenn man sich die Wahlplakate der SPD in den unterschiedlichen Wah- len 1932 betrachtet. Sie haben insgesamt eine sehr negative Ausstrahlung (vgl. Paul 1992: 38f.). Dies veranschaulicht den oben erwähnten Punkt, dass der Wahlkampf der Weimarer Parteien zu einem

großen Teil nicht aus Aktion, sondern aus Reaktion bestand. Sie waren zu oft darin gefangen, sich gegen die Angriffe der totalitären Parteien zu verteidigen oder vor den Gefahren der extremen Linken und Rechten zu warnen. Die Folge dessen war, dass sie einen Großteil ihrer Zeit auf das Zeichnen negativer Drohszenarien verschwendeten und kaum eigene positive Gedanken und Programme vorbrachten (vgl. Milatz: 126).

Eine weitere Auswirkung der Weltwirtschaftskrise war ein Rechtsruck in den bürgerlichen Parteien. Dies geschah auch in Reaktion auf die zunehmende Anziehungskraft der NSDAP. In DDP, DVP und DNVP äußerte sich diese Bewegung nach rechts unterschiedlich stark. Der Rechtsruck der DDP war eher moderat und zeigte sich vor allem in einem verstärkten antisozialistischen Auftreten und zuneh- menden Bemühungen um das Erhalten einer gewissen traditionellen Ständeordnung. So entwickelte die Partei beispielsweise ein neues Wirtschaftsprogramm, das spezifisch darauf zugeschnitten war, den von der Krise gebeutelten Mittelstand vor einem Abrutschen in die Schicht des Proletariats zu schüt- zen (vgl. Childers 1983: 135). Damit hatte die DDP eine wichtige Komponente der Wirtschaftskrise in Deutschland erkannt: die Angst des Mittelstandes vor Arbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Proletarisierung. DVP und DNVP dagegen hatten als Oppositionsparteien im Gegensatz zu SPD, DDP und Zentrum die Möglichkeit, sich von der Regierung und sogar vom parlamentarischen System an sich zu distanzieren. Dementsprechend fiel der Rechtsruck in diesen Parteien auch deutlich stärker aus als in der DDP. Die DVP ging über antisozialistische Tendenzen hinaus und wandte sich nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen den Parteienstaat selbst (vgl. Broszat: 109). Noch offen- sichtlicher wird die Veränderung in der DNVP. Diese Partei, die zuvor die Regierung in manchen Themen unterstützt hatte, vollzog eine klare „Kursänderung hin zur radikal nationalistischen Obstruk- tionspolitik“ (Marcowitz: 34). Gleichzeitig distanzierte sie sich 1932 von der NSDAP und versuchte, deren sozialistischen Tendenzen hervorzuheben, um so den Mittelstand von ihr abzuschrecken und für sich zu gewinnen (vgl. Childers 1983: 221). Wieder wird hier die wichtige Rolle deutlich, die der von der Krise hart getroffene Mittelstand in den Berechnungen unterschiedlicher Parteien spielte. Auch in Bezug auf die Landbevölkerung und die Beamten versuchte die DNVP, NSDAP-Wähler für sich zu gewinnen, sodass die Parolen beider Parteien oftmals austauschbar waren (vgl. ebd.: 147ff.). Ein Prob- lem hatte die DNVP jedoch mit den anderen Parteien gemeinsam: Sie war im Wahlkampf der Bilder und Symbole der NSDAP hoffnungslos unterlegen (vgl. Paul 1992: 39).

Insgesamt lassen sich also unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise mehrere Strategien der Weima- rer Parteien feststellen. In den bürgerlichen Parteien kam es zu einem Rechtsruck, während die SPD versuchte, die vorherrschende antikapitalistische Stimmung für sich zu nutzen. Es wurde häufig ver- sucht, die Jugend gezielt anzusprechen, da diese Zielgruppe besonders hart von der Krise betroffen war und vor allem die Jungwähler eine nicht zu unterschätzende Kraft darstellten. Außerdem zeigt sich eine Bewegung weg von einer rationalen, vernunftbasierten Auseinandersetzung hin zu einem Wahl- kampf der Bilder und Symbole, der darauf abzielte, Emotionen zu mobilisieren. Der vielleicht wich- tigste Punkt ist jedoch, dass die Weimarer Parteien im Wahlkampf zum großen Teil den extremen Parteien unterlegen waren und ihre Propaganda daher geprägt war von Reaktion, nicht Aktion. Im Folgenden soll nun die Propaganda von KPD und NSDAP näher betrachtet werden.

2.2 Die totalitären Parteien

Anders als bei den Weimarer Parteien war die Propaganda von KPD und NSDAP bereits vor Aus- bruch der Weltwirtschaftskrise nicht vernunft-, sondern emotionsbasiert, mit starker Verwendung von Bildern und Symbolen. Anstatt zu versuchen, mit rationalen Argumenten die Vernunft der Wähler anzusprechen und mögliche Lösungsansätze zu erläutern, „ersetzten [bei ihnen] die knappe Parole, das eindringliche Bild und das provozierende Zeichen das politische Argument“ (Paul 1992: 33). Dass sie diese Strategien anwenden konnten, lag an ihrer Situation: Als klare Oppositionsparteien konnten sie jegliche Schuld für unpopuläre Maßnahmen der Regierung wie zum Beispiel die Kürzung der Arbeits- losenunterstützung von sich weisen (vgl. Burleigh: 151) und einen radikalen Wandel versprechen, ohne Erfolge vorweisen zu müssen. Ihr Ziel war nicht die logische Überzeugung der Wähler, sondern die Mobilisierung von Proteststimmen. In den kurzen Parolen zeigt sich eine weitere Strategie der radikalen Parteien: Sie lieferten klare Feindbilder und einfache Erklärungen für die Missstände im Land. Die Regierung wurde als „von Finanz- und Industriekreisen, von Freimaurern und ausländi- schen Machtgruppen abhängig“ dargestellt (Vierhaus: 167) - eine deutlich in Schwarz-Weiß unterteil- te Welt, die von vielen Wählern dankbar angenommen wurde, denen in der Wirtschaftskrise der Bo- den unter den Füßen weggezogen worden war. Die simplen Parolen der extremen Parteien boten den klaren Halt, nach dem sich viele Menschen sehnten. Kombiniert mit vagen Formulierungen wie „Volksgemeinschaft“ oder „Brechung der Zinsknechtschaft“ (Bauer: 157), unter denen sich jeder et- was anderes vorstellen konnte, gelangten KPD und NSDAP so zu großem Einfluss.

Inhaltlich gab es zwischen dem linken und dem rechten Extrem durchaus Gemeinsamkeiten. So ver- suchten beide, „über eine Skala geschickt zubereiteter, jahrelang erprobter und durchdachter Interes- sen- und Gefühlsappelle die durch parlamentarisch-politische Krisenerscheinungen und wirtschaftli- ches Elend radikalisierten Massen psychologisch zu erfassen, ideologisch zu mobilisieren, organisato- risch in Marsch zu setzen“ (Bracher: 94). Ein Beispiel dafür ist die Agitation gegen den Young-Plan 1930. KPD und NSDAP verwendeten sogar die gleichen Parolen im Kampf gegen den „Ausbeutungs- und Unterdrückungsplan“ (Thoß: 131) und schwangen sich beide zum Helfer der von der Wirtschafts- krise ins Elend Gestürzten auf, die von den anderen Parteien im Stich gelassen worden seien. Diese Propaganda wurde mit einer Hetze gegen das parlamentarische System insgesamt verbunden und die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise spielten darin eine wichtige Rolle. Sowohl KPD als auch NSDAP unterstrichen den starken Gegensatz zwischen Arm und Reich, um so zu beweisen, dass die Regierung, aber auch das ganze System der Republik unfähig war, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen (vgl. Vierhaus: 160). Verbunden mit dieser Forderung nach sozialer Gerechtigkeit war das Feindbild des Unternehmers, das interessanterweise sowohl bei KPD und SPD als auch bei der NSDAP als Bildmetapher auftrat (vgl. Mallmann: 237). So sollten Arbeiter und Arbeitslose mobilisiert werden.

Außerdem führten KPD und NSDAP eine heftige Kampagne gegen die Sozialdemokraten, die sie als 6 abgehobene „Bonzenfreunde“ beschimpften (Striefler: 177), die nichts von der Not des kleinen Man- nes wüssten. Neben diesen Gemeinsamkeiten gab es aber auch große Unterschiede zwischen KPD und NSDAP, auf die im Folgenden näher eingegangen werden soll.

2.2.1 KPD

Arbeiter waren besonders schwer von der durch die Weltwirtschaftskrise ausgelösten Massenarbeitslosigkeit betroffen. Daher ist es naheliegend, dass dieses Thema in der Propaganda der traditionellen Arbeiterpartei KPD eine große Rolle spielte. Dies zeigt folgender Auszug aus dem Artikel „Der Hunger schreitet durch die Städte Schleicher-Deutschlands“ aus der Zeitschrift „Der Kämpfer“, dem Organ der KPD für das Ruhrgebiet:

„Er [von Schleicher] hat nicht gesagt, wie die Millionen Erwerbslosen von den kümmerlichen Unterstützun- gen die Öfen in ihren kalten Stuben heizen und wie sie ihren Kindern die notwendigste Nahrung geben kön- nen. […] Wir erheben erneut die Forderung des Reichserwerbslosenausschusses auf Öffnung der Kohlenhal- den und Getreidespeicher für die Hungernden, auf zusätzliche Unterstützung durch Kohlen und Brot für alle Unterstützungsempfänger. Nur durch den Kampf aller Erwerbslosen in der Einheitsfront können sie sich vor Hunger und Frost retten! Ohne Kampf gibt es kein Stück Brot und kein Gramm Kohle mehr!“ (Treue: 345)

In diesem Artikel werden einige der Hauptthemen der KPD-Propaganda deutlich: die Idee des Kamp- fes/der Revolution, die Forderung nach staatlicher Unterstützung für die Erwerbslosen und das Ideal einer „Einheitsfront“ aller Arbeiter, ob erwerblos oder nicht. Das durch die Weltwirtschaftskrise her- vorgerufene Elend war hierbei ein zentraler Punkt. Ziel war, glaubhaft einen radikalen Wandel zu versprechen und tatkräftige Solidarität mit der Not des kleinen Mannes zu zeigen. Wichtige Mittel dazu waren einerseits Handlungen des in dem eben zitierten Artikel erwähnten kommunistischen Reichserwerblosenausschusses, der zum Beispiel Ende 1932 eine „Winterhilfskampagne zur Rettung vor Hunger und Frost“ einleitete (Striefler: 240), und andererseits symbolträchtige Aktionen wie Stra- ßendemonstrationen und Streiks, die das Zusammengehörigkeitsgefühl der Arbeiter stärken und ihre Bindung zur KPD vertiefen sollten. Angesichts der Folgen der Weltwirtschaftskrise forderte die KPD im Wahlkampf höhere Löhne, den 7-Stunden-Tag, Arbeit und Brot für Arbeitslose, höhere Erwerbslo- senfürsorge, kostengünstige Wohnungen für Arbeiter und allgemein einen höheren Lebensstandard für das Proletariat (vgl. Childers 1983: 183).

Die Propaganda der KPD war deutlich auf die Arbeiter ausgerichtet. Dies brachte die Partei in direkte Konkurrenz mit der historischen Arbeiterpartei SPD, aber auch mit der NSDAP, die sich v.a. 1932 in zunehmendem Maße auf die Arbeiter als potentielle Wähler konzentrierte. Infolgedessen zeigt sich im Wahlkampf der KPD neben viel Aktion auch, wie bei den Weimarer Parteien, Reaktion auf Verspre- chen der SPD oder NSDAP. Dabei verfolgten sie unterschiedliche Strategien: Entlarvung der „fal- schen Versprechen“ der Gegenseite, Kontern mit eigenen positiven Ansätzen und Abwerben der Wäh- ler der Gegenseite. So bezeichneten die Kommunisten die SPD und auch die NSDAP als Sklaven des Kapitals und Feinde der Arbeiter (vgl. Childers 1983: 181), um so vor allem die Erwerbslosen von diesen Parteien abzuschrecken. Außerdem reagierte die KPD auf Versprechen der NSDAP direkt mit eigenen Vorschlägen und Programmen. So entwickelte die Partei angesichts des Rückhalts der NSDAP unter den Bauern und ihrer Vorschläge zur Soforthilfe gegen das durch die Agrarkrise hervorgerufenen und durch Wirtschaftskrise verschärften Elends der Landbevölkerung mit einem „Bauernhilfsprogramm“ im Mai 1931, das zur „Mobilisierung der Landarbeiter und armen Bauernmassen“ dienen sollte (Striefler: 135). Angesichts der Proteststimmung im Land, die die Wähler dazu bewegte, sich für Parteien zu entscheiden, die einen radikalen Wandel propagierten, versuchte die KPD zudem, die NSDAP nicht als neuartiges Phänomen erscheinen zu lassen, sondern als eine Partei unter vielen (vgl. ebd.: 75). Dies war der Versuch, die Dynamik der NSDAP zu bremsen, die vor allem aus ihrer Ausstrahlung als radikale Neuheit resultierte. Zur Stärkung der „Einheitsfront“ aller Arbeiter sollte auch der globale „Kampftag gegen die Erwerbslosigkeit“ dienen, den die Kommunistische Internatio- nale für den 6. März ausgerufen hatte (Schumann: 302). Hierin zeigt sich die internationale Ausrich- tung der KPD-Propaganda. Unter der Parole „Die Arbeiter haben kein Vaterland!“ proklamierten die Kommunisten die landesübergreifende Solidarität der Arbeiter als einzige Möglichkeit, Wandel zu bringen und der Krise Herr zu werden. Sie beschworen die „ausgehungerten Arbeitermassen“ und ein Deutschland ohne Ausbeutung, Hunger und Elend, doch schätzten sie damit den Zeitgeist falsch ein, der von einem zunehmenden Nationalismus geprägt war (vgl. Striefler: 94f.). Zugleich zogen sie mit einer Verschärfung ihrer antikapitalistischen Rhetorik zwar Arbeitslose an, trieben dafür jedoch andere Bevölkerungsgruppen in die Arme der NSDAP (vgl. Burleigh: 157f.).

Die Taktik einer emotionsgeladenen Bild- und Symbolpropaganda zur Mobilisierung von Protestwäh- lern ist bei der KPD offensichtlich. Tatsächlich lieferte sie sich gegen Ende der Republik einen regel- rechten Symbolkampf mit den Weimarer Parteien und rechtsextremen Kräften (vgl. Mallmann: 237). Ihre Plakate waren voll proletarischer Symbole der Bewegung, Dynamik und Stärke wie erhobene Fäuste (vgl. Paul 1992: 40). Im Gegensatz zu beispielsweise dem Wahlkampf der SPD hatte die KPD erkannt, dass negative Drohszenarien nicht ausreichten, sondern man den Menschen in ihrer ausweg- losen Lage ein Licht am Ende des Tunnels bieten musste. Daher griff sie zwar auf der einen Seite Re- gierung und republikanisches System scharf an, bot aber dann auch positive Impulse, „eine starke Erwartungs- und Zukunftssymbolik“ (ebd.: 39).

2.2.2 NSDAP

In der äußeren Form glichen viele Strategien der NSDAP denen der KPD. Auch sie verlegte sich auf den systematischen Symbolkrieg (vgl. Paul 1992: 33). Sie erkannte, dass die desaströse Situation in der Weltwirtschaftskrise kein ausgeklügeltes Sachprogramm forderte, sondern vielmehr ein emotiona- les Ansprechen der Wähler durch radikale Parolen, Aufmärsche und lautstarken Protest (vgl. Tyrell: 113). Diese knappen Parolen wie „Schluß jetzt!“ im Reichspräsidentschaftswahlkampf 1932 oder „Deutschland erwache!“ vor der Reichstagswahl im Juli 1932 (Paul 1990: 96ff.) waren bewusst vage gehalten, um möglichst viele Protestwähler anzuziehen. Durch Symbole wurde das Unterbewusstsein angesprochen, während die einprägsamen Schlagworte durch ständige Wiederholung im Gedächtnis blieben (vgl. Bracher: 111).

Ein wichtiger Unterschied zwischen der Propaganda der KPD und der NSDAP lag in dem Führerkult um Adolf Hitler, der erst 1932 richtig ausgeprägt war. Hitler wurde als Retter aus dem Elend präsen- 8 tiert, als personifizierte Hoffnung. So stand im November 1932 auf Bildplakaten, auf denen die Arbeitslosen als dunkle, elende Masse dargestellt waren, als einziges Wort „Hitler“. Sein Name allein genügte als Parole gegen Hunger und Elend und als Ausweg aus der Krise (vgl. Paul 1990: 249f.). Auch hier ging es nicht darum, Menschen von der Ideologie der NSDAP zu überzeugen, sondern sie emotional anzusprechen, indem ihre Sehnsucht nach einem starken Mann, der sie aus der Krise führen konnte, ausgenutzt wurde. So stand in einem Wahlaufruf der NSDAP vom 3. März 1932: „Hitler ist die letzte Hoffnung derer, denen man alles nahm […]. Hitler ist für Millionen das erlösende Wort […]“ (Völkischer Beobachter, 1932, 63. Ausgabe, zit. n. Hohlfeld: 455).

Die NSDAP erkannte früh den Sprengstoff, den das Elend der Krise bot und versuchte, ihn für sich zu nutzen. Seit 1929/30 knüpfte die Partei in ihrer Massenpropaganda an Nöte und Ängste der Menschen in der Zeit der Massenarbeitslosigkeit an (vgl. Giersch: 149). Dabei nutzte sie nicht nur das tatsächli- che Elend, sondern auch die Furcht vor weiterer Verelendung. Sie hatte genau das erkannt, was von den Weimarer Parteien lange ignoriert wurde: dass die Not der Massen ein enormes Potential für Pro- testbewegungen barg und es nicht darum ging, rationale Argumente vorzubringen, sondern dass mit dem Versprechen eines wirtschaftlichen Aufschwungs die Wähler mobilisiert werden konnten. So sprach die NSDAP sich früh für unkonventionelle Maßnahmen in der Krise aus (vgl. Hartwich: 91). Beispielsweise propagierte sie unter dem Slogan „Arbeit und Brot“ einen Arbeitsdienst für Arbeitslo- se, da das Recht auf Arbeit ein moralischer Imperativ und damit wichtiger als wirtschaftliche Überle- gungen sei - ein Vorstoß, der von den anderen Parteien als unverantwortlich und inflationär angegrif- fen wurde (vgl. Childers 1983: 246). Zudem forderten die Nationalsozialisten in ihrem „Wirt- schaftlichen Sofortprogramm“ staatliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie z.B. den Bau von Stra- ßen, wie sie nach der Machtergreifung durchgeführt wurden, um so gegen die Arbeitslosigkeit vorzu- gehen (vgl. Burleigh: 167). Der Vorschlag ging mit einer massiven Propagandawelle einher und hatte zur Folge, dass es der NSDAP gelang, sich als einzige „Arbeitsbeschaffungspartei“ zu profilieren (Marcowitz: 17). Der Erfolg dieser Inszenierung zeigt sich auch darin, dass die Parole „Arbeit und Brot“, die, wie oben erläutert, parteiübergreifend Anwendung fand, im Nachhinein nur noch mit der NSDAP verbunden wird. Diese Parole dominierte vor allem den Wahlkampf im November 1932 und ging mit der Forderung nach einem Ende der Arbeitslosigkeit und vollem Lohn für alle einher (vgl. Paul 1990: 106). Gleichzeitig unterstrich die NSDAP ihre wirtschaftlichen Versprechen durch tatkräf- tige Hilfe. So bot die SA ihren arbeitslosen Mitgliedern und später auch Arbeitslosen außerhalb der Partei Wohnheime mit Unterkunft und Essen, die zum wirksamen Aushängeschild für den sozialisti- schen Anspruch der Partei wurden (vgl. Burleigh: 157).

Ein weiterer Vorteil der Nationalsozialisten war ihre Flexibilität. Im Gegensatz zur KPD, die mehr als jede andere Partei von ideologischen Richtlinien bestimmt und daher sehr unflexibel war (vgl. Strief- ler: 24), war die NSDAP inhaltlich kaum festgelegt und äußerst anpassungsfähig.

[...]


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Details

Titel
Der Einfluss der Weltwirtschaftskrise auf das Wählerverhalten in der Weimarer Republik
Hochschule
Universität Augsburg  (Philologisch-Historische Fakultät)
Veranstaltung
Hauptseminar: Die Weltwirtschaftskrise seit 1929 in transatlantischer Perspektive
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
32
Katalognummer
V337628
ISBN (eBook)
9783668268685
ISBN (Buch)
9783668268692
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weltwirtschaftskrise, NSDAP, Adolf Hitler, KPD, Inflation, Wähler, Krise, Kredite, Massenarbeitslosigkeit
Arbeit zitieren
Damaris Englert (Autor), 2014, Der Einfluss der Weltwirtschaftskrise auf das Wählerverhalten in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337628

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