Poetry Slam als geeignetes Mittel zum Erlernen und Erproben von Textbewertung im Unterricht?


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Vorgehensweise

2 Poetry Slam
2.1 Was ist Poetry Slam?
2.2 Was unterscheidet Poetry Slam von moderner Lyrik und kurzer Prosa?

3 Unterrichtsmodelle zu Poetry Slam
3.1 Modell: „Publikumspoesie“
3.2 Modell: „Auftritte beurteilen und Texte bewerten“

4 Anwendbarkeit der Unterrichtsmodelle auf andere kurze Texte
4.1 Anwendbarkeit des Modells: „Publikumspoesie“
4.2 Anwendbarkeit des Modells „Auftritte beurteilen und Texte bewerten“

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Fragestellung

Diese Arbeit soll sich mit Bewertungsverfahren beim Poetry Slam im Deutschunterricht beschäftigen. Dieses Thema wurde gewählt, weil es für den modernen Deutschunterricht eine große Bereicherung darstellt, denn viele Jugendliche genießen Poetry Slam auch ohne die Institution Schule in ihrer Freizeit. Der Unterricht sollte sich diese Eigenmotivation der Lernenden zu Nutze machen, umdurch die Behandlung solcher „Gegenwartsliteratur“ auch die Motivation im Unterricht zu steigern (vgl. Pfäfflin 2010, S. 9;Willrich 2010, S. 127). Aber warum stellt Poetry Slam eine so bedeutsame Rolle für viele Jugendliche dar, im Gegensatz zu anderer moderner Literatur? Dies mag zum einen daran liegen, dass die heutige Gegenwart mehr denn je als „mediales Konstrukt“ erscheint und Poetry Slam in das Mediengenre einzuordnen ist (vgl. Pfäfflin 2010, S. 6). Zum anderen hat Poetry Slam für viele Jugendliche eine individuelle Bedeutsamkeit, weil diese auf ihrer Suche nach einer Ich-Identität unterstützt werden, indem sie mit den jeweiligen Lebensentwürfen der Slammer/ -innen konfrontiert werden (vgl. Anders 2013, S. 76). Poetry Slam hat aufgrund der kollektiven Rezeptionssituation aber auch eine soziale Bedeutsamkeit, weil die beteiligten Personen ihren ästhetischen Genuss und ihr Missbehagen an den Texten und Performances teilen (vgl. Abraham &Kepser 2009, S. 16). Auch eine kulturelle Bedeutsamkeit geht von Poetry Slam aus.Denn wenn Poetry Slam im Unterricht behandelt wird, kann dies dazu beitragen, dass Jugendliche lernen, die Texte nicht nur auf sich selbst zu beziehen, sondern deren kollektive Bedeutsamkeit zu begreifen (vgl. Abraham &Kepser 2009, S. 18).

Das Bewerten von Texten ist in den Bildungsstandards im Fach Deutsch für den mittleren Schulabschluss unter dem Punkt „Sprache und Sprachgebrauch untersuchen“(Kultusministerkonferenz 2003, S. 15) wiederzufinden. Hier geht es unter anderem darum, Textbeschaffenheit zu analysieren und zu reflektieren (vgl. Kultusministerkonferenz 2003, S. 16). Insbesondere für den Unterpunkt, in dem es darum geht, Sprechweisen wie beispielsweise „abwertend“ oder „ironisch“ unterscheiden zu lernen, bietet sich Poetry Slam im Unterricht an. Auch in den Bildungsstandards im Fach Deutsch für die allgemeine Hochschulreife sind Kompetenzen gefordert, die sich besonders durch die Arbeit mit Poetry Slam und dessenBewertung erlangen lassen. Die Schüler/ -innen sollen sich zum Beispiel mit Texten unterschiedlicher medialer Formen beschäftigen (vgl. Kultusministerkonferenz 2012, S. 24). Die Lernenden sollen außerdem im Stande sein, Sprache und Sprachgebrauch zu reflektieren, wie zum Bespiel „verbale, paraverbale und nonverbale Gestaltungsmittel […] analysieren, ihre Funktion beschreiben und ihre Angemessenheit bewerten“ (Kultusministerkonferenz 2012, S. 25). Die Aufforderung, tatsächlich Poetry Slam zum Erwerb dieser Kompetenzen zu nutzen, kommt aber in den wenigsten Rahmenlehrplänen vor (vgl. Anders 2013, S. 71). Diese Arbeit soll daherfolgende Frage klären:Ist Poetry Slam besonders geeignet, Kompetenzen in der Bewertung von Texten zu erlangen,oder bieten sich hierzu genauso gut andere Prosa und Lyrik an?

1.2 Vorgehensweise

Um zu ermitteln, ob Poetry Slam ein geeignetes Mittel zum Erlernen und Erprobenvon Textbewertung im Unterricht darstellt, wird in dieser Arbeit wie folgt vorgegangen: Zunächst wird die Frage geklärt, was eigentlich hinter dem sogenannten Poetry Slam steckt. Es wird eine allgemeine Definition vorgenommen und der Ablauf einer solchen Veranstaltung erläutert. Im Anschluss daran wird eine Abgrenzung zu anderer kurzer Prosa und zur Lyrik vorgenommen und die Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten von Slam Poetry zu modernen Kurzgeschichten und Gedichten geklärt. Im Folgenden werden zwei verschiedene Unterrichtsmodelle, welche sich mit Poetry Slam beschäftigen, genauestens erklärt. Im Fokus dieser Arbeit steht das Bewerten von Texten.Insofern werden vor allem die bewertenden Aspekte der Modelle in den Blick genommen. Diese lassen sich aber nicht ganz vom vor- und nachgelagerten Unterricht trennen, deshalbwird genau geprüft, wie sich die einzelnen Modellteile auf das Bewerten beziehen und aus dieser Perspektive ausgewählt, was besonders ausführlich dargestellt wird. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die beiden Unterrichtsmodelle analysiert. Insbesondere die Bedeutsamkeit des Poetry Slam wird hierbei infrage gestellt.Es wird kritisch beurteilt, ob die Slam Poetry nicht auch ersetzbar wäre durch eine moderne Kurzgeschichte oder ein Gedicht. Abschließend wird im Fazit noch einmal auf die eingangs gestellte Frage, ob Poetry Slam besonders geeignet ist, Kompetenzen in der Bewertung von Texten zu erlangen,eingegangen.

2 Poetry Slam

2.1 Was ist Poetry Slam?

Schlägt man das Wort Slam in einem Wörterbuch nach, so wird es mit Begriffen wie „knallen“ oder „schmettern“ übersetzt (vgl. Linguee GmbH 2014). Slam wird von den Wörterbüchern aber auch als Wettbewerbsform notiert, wie beispielsweise beim Grand Slam Tennisturnier (vgl. Linguee GmbH 2014). Aus der Bedeutung dieses Wortes formten die Veranstalter/ -innen von Dichtungswettbewerben den Poetry Slam (vgl. Willrich 2010 S. 13). Poetry Slams haben mit herkömmlichen literarischen Lesungen wenig gemein“ (Hartges& Neumeister 1996, S. 13).Nach Hartges und Neumeister (1996, S. 13 f.) kam die Idee ursprünglich aus der amerikanischen Pop- und Underground-Szene und verbreitete sich mit zunehmendem Erfolg später auch in Großbritannien und Deutschland, dabei hattenLiteratur und Pop es im deutschsprachigen Raum die meiste Zeit eher schwer miteinander.Laut Abraham und Anders (2008, S. 6 f.) geht es beim Poetry Slam nicht um die Verschriftlichung des poetischen Wortes, sondern um dessen Inszenierung, welche entweder live oder medial stattfindet. Aber Poetry Slam ist viel mehr als nur eine neue Art der Präsentation, denn diese Slams dokumentieren ein neues Verständnis von Literatur (vgl. Hartges & Neumeister 1996, S. 14).Hartges und Neumeister (1996, S. 13) behauten: „Mit den Slams hat die Literatur endlich zurück in die Clubs und Bars, zurück ins Nachtleben gefunden.“.

Für die meisten Slams gelten dieselben Regeln. Der vorgetragene Text muss stets selbst verfasst sein und es dürfen keine Requisiten benutzt werden (vgl. Willrich 2010, S. 14). Außerdem dürfen höchstens kurze Passagen gesungen werden, da es sich nicht um einen Gesangswettbewerb handelt und die vorgegebene Zeit von in der Regel fünf bis sieben Minuten muss eingehalten werden (vgl. Willrich 2010, S. 14).Anders (2013, S. 21) bezeichnet als Slam Poetry all diejenigen Texte, die für einen Poetry Slam geschrieben worden sind.

Eine wichtige Rolle bei den Veranstaltungen spielt laut Hager (2006, S. 16) der/ die Slammaster/ -in oder auch „Master ofCeremony“, der/ die die Rolle der Moderation übernimmt. Die Teilnehmer/ -innen des Wettbewerbes werden als Slammer/ -innen bezeichnet (vgl. Abraham & Anders 2008, S. 6).Das Publikum übernimmt die Aufgaben einer Jury. Es gibt mindestens fünf verschiedene Bewertungsverfahren. Eine Möglichkeit der Bewertung ist die anhand von Stimmtafeln, wobei ausgewählte Zuschauer/ -innen Tafeln mit Punktenauf einer Skala von eins bis zehn hochhalten. Der höchste und der niedrigste Wert werden gestrichen, um ein faires Ergebnis zu gewährleisten (vgl. Görlitzer 2008, S. 37). Eine andere Form der Bewertung stellt beispielsweise das„Applausometer“ dar.Hier zählt der/ die Master ofCeremony langsam von eins bis zehn und die Zuschauer/ -innen klatschen so lange, bis die Punktzahl erreicht ist, die sie dem/ der Slammer/ -in geben möchten (vgl. Görlitzer 2008, S. 37). Der/ die Sieger/ -in des Abends erhält keine großen Preise von Wert, sondern meist eine symbolische Wertschätzung seiner/ ihrer Arbeit, zum Beispiel in Form einer Flasche Whisky (vgl. Schwarz 2009).

2.2 Was unterscheidet Poetry Slam von moderner Lyrik und kurzer Prosa?

An dieser Stelle soll nun geklärt werden, was Poetry Slam so besonders macht und inwiefern sich die Slam Poetry von moderner kurzer Prosa oder Lyrik unterscheidet. Kurze literarische Prosatexte kommen im Deutschunterricht häufig zum Einsatz, dabei ist der Begriff der kurzen Prosa in der Fachdiskussion nicht eindeutig definiert (vgl. Spinner 2012, S. 8). Spinner (2012, S. 8 ff.) begrenzt kurze Prosa auf einen Umfang von maximal 15 Seiten und zählt hierzu Genres wie die Kurzgeschichte, Anekdote, Volkssage, Fabel und viele weitere mit Ausnahme von Sachtexten. Für ältere Schülerinnen und Schüler bestimmt häufig die Kurzgeschichte den Erzählgestus in der kurzen Prosa (vgl. Rosebrock 2007, S. 10). Durch das unvermittelte Einsetzen realistischer sowie alltagssprachlicher Erzählungen und das „Herausgreifen“ eines Stück Lebens hat die Kurzgeschichte viel mit Poetry Slam gemein (vgl. Rosebrock 2007, S. 10). Bei einer für den Poetry Slam geschriebenen Kurzgeschichte spricht man von einer Slam-Story (vgl. Willrich 2010, S. 32 f.).

Lyrik gehört zur Hauptgattung der Poesie. Sie bedient sich solcher Stilmittel wie Rhythmus, Metrik, Vers, Reim, Takt und Strophe (vgl. Krampe 2013). Ist Poetry Slam also so etwas wie eine Form von Alltagslyrik ? Laut Spinner (1992, S. 16) charakterisiert sich Alltagslyrik dadurch, dass sie bewusst in lapidarer Sprache gehalten wird. Oft sind es reimlose Gedichte, die voller assoziationsgeladener Wörter stecken und eine „distanzierte Schnoddrigkeit“ aufweisen (vgl. Spinner 1992, S. 16).Die Alltagslyrik erfordert von den Leser(inne)n eine gewisse Unvoreingenommenheit. Sie erscheint diesen oftmals zu einfach und nicht mehr interpretationsbedürftig, dabei können auch leicht verständliche und scheinbar einfache Texte durchaus kunstvoll sein (vgl. Spinner 1992, S. 17). Bei genauer Betrachtung unterscheidet sich Poetry Slam also gar nicht großartig von einem modernen Gedicht, welches der Alltagslyrik zuzuordnen ist, denn sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene bewegt sich die Slam Poetry in der Regel nah an der Lebenswelt der Jugendlichen (vgl. Poir 2008, S. 43).

Es lässt sich festhalten, dass Slam Poetry durchaus an verschiedenen literarischen Gattungen wie beispielsweise kurzer Prosa und Lyrik orientiert ist und dass sich die unterschiedlichsten literarischen Produkte hinter Poetry Slam verstecken (Poir 2008, S. 43). Das, was Poetry Slam so besonders macht, ist die Vortragsweiseund damit bietet Poetry Slam großes Potential für den Deutschunterricht, weil nicht nur der Text, sondern eben auch die Performance analysiert und bewertet werden kann. Denn bei der Behandlung von moderner Lyrik und kurzer Prosa ist der Literaturunterricht oftmals stark auf das geschriebene Wort fixiert (Anders 2005, S. 46). Die Lernenden erfahren durch Poetry Slam viel eher, dass Literatur lebt und in welcher Weise sie wirkt (vgl. Anders 2005, S. 46).Für die Autoren und das Publikum ist gerade die Öffentlichkeit und die Interaktion untereinander ein wichtiger Bestandteil der poetischen Praxis (vgl. Görlitzer 2008, S. 39).

3 Unterrichtsmodelle zu Poetry Slam

3.1 Modell: „Publikumspoesie“

Die großen Chancen, die Poetry Slam im Deutschunterricht bietet, stellt auch Susanne Görlitzer (2008, S. 36 ff.) dar. In ihren Augen ist das wichtigste Element des Poetry Slam die Interaktion zwischen Publikum und Poet(inn)en. Auf Basis dieser Annahme hat sie ein Unterrichtsmodell entwickelt, welches das Ineinanderfließen von Rezeption und Produktion aufnimmt, „indem Schüler über Regeln und Abstimmungsverfahren diskutieren, Texte in Slam-Kritiken noch detaillierter als in der Abstimmung beurteilen und in poetischen „Reaktionstexten“ auf rezipierte Texte eingehen.“ (Görlitzer 2008, S. 39). Da sich diese Arbeit auf das Bewerten von Texten konzentriert, wird an dieser Stelle ausschließlich näher auf die Teile des Unterrichtsmodells eingegangen, die den bewertenden Aspekt beim Poetry Slam thematisieren. Görlitzer (2008, S. 39) spricht davon, dass Poetry Slam nicht dazu gedacht ist, im „stillen Kämmerchen“ rezipiert zu werden, sondern dass die Rezeption des Textes und des Vortrags eng miteinander verknüpft sind. Es geht hier also nicht allein um den poetischen Text, welcher in dem dargestellten Unterrichtsmodell bewertet werden soll, sondern zu gleichen Teilen um den/ die Autor/ -in und seine/ ihre „Performance-Qualität“(vgl. Poir 2008, S. 42).

[...]

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Details

Titel
Poetry Slam als geeignetes Mittel zum Erlernen und Erproben von Textbewertung im Unterricht?
Hochschule
Universität Hamburg  (Fakultät EPB)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V337659
ISBN (eBook)
9783668269378
ISBN (Buch)
9783668269385
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
poetry, slam, mittel, erlernen, erproben, textbewertung, unterricht
Arbeit zitieren
Ronja Schmidt-Prestin (Autor), 2014, Poetry Slam als geeignetes Mittel zum Erlernen und Erproben von Textbewertung im Unterricht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337659

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