Das Recht auf Bildung und die Kritik am bundesrepublikanischen Bildungssystem

Eine Untersuchung zu Kriterien und ihrer Begründung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
33 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Problembestimmung

2. Das Recht auf Bildung in Deutschland – Bestandsaufnahme und rechtliche Grundlagen
2.1 Bildung als Menschenrecht inmitten ökonomischer Konkurrenz und Wettbewerb
2.2 Völker- und Verfassungsrechtliche Grundlagen zum Recht auf Bildung und zum Schutz vor Diskriminierung

3. Kriterien des Rechts auf Bildung auf dem Prüfstand – Gleiche Bildungschancen für alle?
3.1 Bildung aus menschenrechtlicher Perspektive – Versuch einer Begriffsbestimmung
3.2 Welche Kriterien muss das deutsche Bildungssystem gewährleisten, um das Recht auf Bildung zu verwirklichen?
3.3 Exklusionsrisiken im deutschen Bildungssystem - Kinder in relativer Armut als Herausforderung für die Umsetzung des Rechts auf Bildung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung und Problembestimmung

Eine der wichtigsten sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts istder gleichberechtigte Zugang zu Bildung. Auslöser sind nicht zuletzt die erschreckenden Befunde der seit dem Jahr 2000 durchgeführten PISA-Studien wie auch weiterer Vergleichsstudien auf OECD-Ebene. In diesem Zusammenhang wurde erstmals deutlich, dass die Bildungschancen in Deutschland wie in keinem anderen Land von der sozialen Herkunft abhängig sind. Die Ergebnisse haben eine entsprechend heftige Diskussion über die Qualität des deutschen Bildungssystems angeregt, die bis heute noch anhält. Daneben geriet das Thema Bildung in ein politisches Klima, „das sehr stark von Aspekten des internationalen Wettbewerbs, der ökonomischen Konkurrenz und des Interesses an Beschleunigung europäischer Vereinheitlichungsprozesse geprägt war und ist“ (Heimbach-Steins 2007, S. 13).Zusätzlichwurde der menschenrechtliche Anspruch auf Bildung in Anbetracht des nationalen Bildungssystems fokussiert. Die Beschäftigung mit einschlägiger Literatur zum Menschenrecht auf Bildung lässt erkennen, dass die internationalen Vergleichsstudien oftmals ohne weiteres bzw. ohne nach den Grenzen ihrer Signifikanz zu fragen auf jegliche Abhandlungen zum Thema übertragen werden.Folglich kommt es immer wieder zu einer methodisch fragwürdigen Vermischung von empirischer und normativer Ebene. Betont wird, dass eine allein aus ökonomischen Gesichtspunkten gedachte Bildung hinsichtlich des menschenrechtlichen Diskurses zu kurz gegriffenwäre (vgl. Heinz 2009, S. 39f.).

Gleichwohlkommt der Bildung eine Schlüsselfunktion zu, indem sie in der gegenwärtigen Wissensgesellschaft eine erforderliche Voraussetzung für die Teilnahme am politischen, kulturellen und sozialen Leben ausmacht. Mit dem Fokus auf lebenslanges Lernen erhält der Bildungsbegriff einen immer höheren Stellenwert und befähigt Individuen, die eigene Biografie, das Verhältnis zur Umwelt sowie das Leben in der Gesellschaft selbständig zu gestalten und zu reflektieren. Der Bildungsbegriff geht in diesem Punkt mit der Idee des autonomen Subjekts einher, derweil die Basis für eine eigenständige und freiheitlich-verantwortliche Lebensgestaltung gelegt wird. Diese grundlegende Bedeutung von Bildung artikuliert sich im menschenrechtlichen Schutz der Bildung (vgl. Neuhoff 2007, S. 50f.).

Ziel dieses Beitrags ist es, Grundlegung und Kriterien des Menschenrechts auf Bildung aufzuzeigen und diese im Zusammenhang mit dem bundesrepublikanischen Bildungssystem zu diskutieren. Die Frage, die sich innerhalb dieser Thematik stellt, lautet, inwieweit die Verpflichtungen des Rechts auf Bildung im deutschen Bildungssystem umgesetzt werden. Dies soll schließlich anhand eines ausgewählten Problembereichs behandelt werden, mit dem sich die Sozialwissenschaftlerin und Interkulturelle Pädagogin Mona Motakef in ihrer Studie zum Menschenrecht auf Bildung befasst. Hierin fragt sie, inwieweit relative Armut Bildungschancen mindert.

Zu Beginn ist es unerlässlich, einige Hintergrundinformationen zur Thematik darzulegen, um ein besseres Verständnis für das Menschenrecht auf Bildung zu erhalten. Damit einbegriffen sind zunächst die Hintergründe und Begleitumstände der derzeitigen Debatte um das Menschenrecht auf Bildung. Weiterhin sind die nationalen sowie internationalen Bestimmungen, auf denen das Recht auf Bildung fußt, zu beleuchten.Aus welchen Gründen wird Bildung verstärkt als ein Menschenrechtsthema diskutiert? Wie wird das Recht auf Bildung gesetzlich geregelt?Dies sind Fragen, mit denen sich das zweite Kapitel dieser Abhandlung beschäftigen wird.

Im dritten Kapitel geht es um Kernbereiche, Struktur und Prinzipien des Rechts auf Bildung. Diesbezüglich werden jene drei Kernbereiche veranschaulicht, die charakteristisch für einen menschenrechtlichen Bildungsansatz sind. Anschließend wird sich der Frage zugewandt, wie Bildung im menschenrechtlichen Diskurs zu bestimmen ist. Dies erscheint notwendig, wenn sich mit dem gerechten Zugang zu Bildungauseinandergesetzt wird. Wann ist das Recht auf Bildung vollständig verwirklicht?Hierzu werden die vier Strukturelemente des Rechts auf Bildung, die auf allen Ebenen des deutschen Bildungssystems zu verwirklichen sind, herangezogen. Die Kriterien der allgemeinen Verfügbarkeit, des diskriminierungsfreien Zugangs sowie der Annehmbarkeit und Adaptierbarkeit von Bildung dienen in der Studie von Mona Motakef als Analyseraster, mit denen die Bildungschancen von jungen Menschen untersucht werden. Konzentriert wird sich im vorliegenden Beitrag mit Bildungsbenachteiligungen aufgrund von relativer Armut bzw. mit dem Problemfeld Armut als Herausforderung für die Umsetzung des Rechts auf Bildung in Deutschland.Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

2. Das Recht auf Bildung in Deutschland– Bestandsaufnahme und rechtliche Grundlagen

Kaum ein anderes Thema sorgt für mehr Streitpotenzial und brisantere Diskussionen in Politik und Gesellschaft – Bildung ist allgegenwärtig und hat sich zu einem Statussymbol unserer Gesellschaft wie auch zum sozialen Abgrenzungskriterium entwickelt.Über Bildung zu diskutieren ist dabei keinesfalls etwas Ungewöhnliches, zumal der Bildungsbegriff in Deutschland bereits eine lange geistesgeschichtliche Tradition mit je unterschiedlichen Ansichten über Bildung aufweist. In der Pädagogik gilt Bildung als ein wesentlicher Schlüsselbegriff, dem jedoch eineeinheitliche Definition gänzlich fehlt. So wird das Thema seit jeher aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Neu istdie verstärkte Bezugnahme auf das Menschenrecht auf Bildung, welches lange Zeit unbeachtet blieb (vgl. Kunze 2009, S. 46).Kunze macht in seinen Ausführungen deutlich, dass nur etwas zum Menschenrecht werden kann, „was dem Menschen als Zweck seiner selbst, eben aufgrund seines Menschseins, eigen ist“ (Kunze 2007, S. 181). Da Bildung zu den grundlegenden Bedürfnissen zählt und dem Menschen die Möglichkeit bietet, nach sich selbst zu fragen, sich selbst zu bestimmen und sich als freies und verantwortliches Wesen zu begreifen, gehört es zu den weltweit anerkannten Grundrechten. Bildung ist ein eigenständiges Menschenrecht und gleichzeitig Voraussetzung dafür, dass andere Menschenrechte verwirklicht werden können (vgl. ebd.). Während der vorliegenden Ausführungen wird es erforderlich sein, den hier verwendeten Bildungsbegriff zu klären. Zunächst wird sich jedoch dem Kontext der aktuellen Bildungsdebatte zugewandt, wobei auf die Frage eingegangen wird, weshalb Bildung im Blick auf das nationale Bildungssystem vermehrt als ein Menschenrechtsthema wahrgenommen wird. Weiterhin werden die rechtlichen Grundlagen zum Menschenrecht auf Bildung näher betrachtet.

2.1 Bildung als Menschenrecht inmitten ökonomischer Konkurrenz und Wettbewerb

Wie bereits erwähnt, hat mit der Publikation der ersten PISA-Studie Ende 2001 eine Bildungsdebatte begonnen, in der die Defizite des bundesrepublikanischen Bildungssystems im Fokus standen und immer noch stehen. Im internationalen Vergleich schnitten deutsche Schülerinnen und Schüler besonders schlecht ab. Kritik fand vor allen Dingen der enge Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und sozialer Herkunft, der wegen der Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudien und der Analysen der empirischen Bildungsforschung immer wieder zur Sprache kommt. Seither stehen Slogans für mehr Bildungsgerechtigkeit an der Tagesordnung. Doch was konkret heißt Bildungsgerechtigkeit?Johannes Giesinger, der sich mit Fragestellungen im Grenzbereich von Philosophie und Erziehungswissenschaft beschäftigt, hat das Thema der Bildungsgerechtigkeit zu einem seiner Schwerpunkte gemacht. In seinem Aufsatz „Was heißt Bildungsgerechtigkeit?“ versucht er den Begriff näher zu fassen und klarzumachen, dass eine Gleichsetzung von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit nicht unüberlegt vollzogen werden sollte.Seine Kritik bezieht sich vor allem auf die herkömmliche Ansicht, wonach ungleiche Bildungsergebnisse, die aus ungleichen Bedingungen des Aufwachsens hervorgehen, moralisch illegitim sind. Giesinger schlägt eine Schwellen-Konzeption von Bildungsgerechtigkeit vor, woraufhin Gerechtigkeit in Bezug auf Bildung hergestellt ist, „wenn jedes Kind ein Bildungsniveau erreicht, das ihm ein gutes Leben in einer modernen Gesellschaft ermöglicht“ (Giesinger 2007, S. 379). Das deutsche Bildungssystem hat darum die Aufgabe, jedes Kind zu einer autonomen Lebensgestaltung unter Teilnahme am sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Leben der Gesellschaft zu befähigen. Ungleichheiten oberhalb eines solchen Bildungsniveaus sind als moralisch legitim zu betrachten. Wer jedoch „ fähig ist, ein höheres Bildungsniveau zu erreichen, soll darin ungeachtet seiner finanziellen Möglichkeiten, seines Geschlechtes, seiner Hautfarbe oder ethnischen Herkunft gefördert werden“ (ebd.; Hervorheb. im Original). Giesinger erwähnt ausdrücklich, dass der Fähigkeitsbegriffdie faktische Fähigkeit von Personen meint, Bildung aufzunehmen und hierdurch ein bestimmtes Bildungsniveau zu erwerben. Bildungsabschlüsse und -zertifikate haben dabei keinen direkten Einfluss auf die Verteilung von Ressourcen, sondern beeinflussen lediglich den Zugang zu sozialen Positionen (vgl. ebd.). An dieser Konzeption von Bildungsgerechtigkeit wird sich der vorliegende Beitrag orientieren.

Schwerpunktmäßig wird das Bildungswesen mit drei zentralen Herausforderungen konfrontiert. Neben der durch PISA hervorgerufenen Debatte um die Bildungsgerechtigkeit in Deutschland stellt die Globalisierung eine weitere Angelegenheit dar, mit der sich aktuell befasst wird. Zentral sind an dieser Stelle Themen um die Messbarkeit von Bildung und Ausbildung in Deutschland. Entsprechend geht es hier um internationale Vergleiche, Wettbewerbe und Konkurrenz, was für hitzige Diskussionen um Bildungsorgte und nach wie vor sorgt. Weiterhin muss sich das Bildungssystem mit dem demographischen Wandel in Deutschland auseinandersetzen. Hinsichtlich der veränderten Altersstruktur der Bevölkerung infolge sinkender Geburtenraten sieht sich die Gesellschaft in der Pflicht, Kinder und Jugendliche „umso besser zu bilden und auszubilden, einerseits, um das Land weiterhin international wettbewerbsfähig zu halten, andererseits, um auch künftige Generationen von mündigen, kritischen und selbstbewussten Bürgern zu gewährleisten“ (Heinz 2009, S. 34).Im Zuge dieser kontroversen Diskussion um Bildung wird zunehmend auf das Menschenrecht auf Bildung verwiesen. Aus welchem Grund wird Bildung im Blick auf das nationale Bildungssystem in Deutschland zunehmend als ein Menschenrechtsthema wahrgenommen?

Heimbach-Steins, Kruip und Kunze beschreiben die neue Attraktivität des Menschenrechts auf Bildung aus mehreren Blickwinkeln. Angesichts der aufkommenden Diskussion um eine vermeintlich mangelnde Bildungsgerechtigkeit wird das Menschenrecht auf Bildung hauptsächlich angeführt, „wenn die Notwendigkeit von Reformen im Bildungssystem zugunsten umfassenderer und besserer Beteiligung für alle behauptet und begründet werden soll“ (Heimbach-Steins/ Kruip/ Kunze 2009, S. 7). Das Recht auf Bildung als international anerkanntes, grundlegendes Menschenrecht signalisiert rechtliche und ethische Verbindlichkeit, weshalb sich diesem Anspruch nur schwer entzogen werden kann. Von daher betont die menschenrechtliche Argumentationsweise eine hohe Dringlichkeit, das Bildungssystem entsprechend zu gestalten. Weiterhin wird mit dem Menschenrecht auf Bildung „der Anspruch geltend gemacht, Prozesse und Maßnahmen zugunsten besserer und umfassenderer Bildungsbeteiligung am Maßstab der Freiheit der einzelnen auszurichten“ (ebd.). Die Autoren verweisen an dieser Stelle auf mögliche Spannungen, wenn zum einen gleiche Bildungschancen angestrebt und zum anderen ein an der Freiheitsverwirklichung aller Subjekte annehmbares differenziertes Bildungsangebot verwirklicht werden soll. Schließlich wird mit dem Menschenrecht auf Bildung einer rein ökonomisch oder sozialtechnisch gedachten Bildung entgegengewirkt, indem die Bedeutung von Bildung als Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit hervorgehoben wird (vgl. ebd., S. 7f.).

Zum Aufschwung der menschenrechtlichen Sichtweise auf Bildung innerhalb der deutschen Bildungspolitik haben mit Sicherheit auch der Deutschlandbesuch 2006 des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung, VernorMuñozVillalobos, und die Veröffentlichung seines Berichts ein Jahr später beigetragen.VernorMuñoz wurde im Jahr 2004 zum Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung berufen und bereiste im Frühjahr 2006 zehn Tage lang die Bundesrepublik Deutschland, um das deutsche Bildungssystem hinsichtlich der Umsetzung des Rechts auf Bildung einer Prüfung zu unterziehen.An einem Besuch in Deutschland war er sehr interessiert, da Deutschland sein Bildungswesen nach PISA umfassend und auf alle Bildungsbereiche bezogen reformierte. Nachdem Daten, Studien und weitere Unterlagen zum deutschen Bildungswesen eingehend durchforscht wurden, führte Muñozzahlreiche Gespräche mit Personen in Politik, Verwaltung und Verbänden wie auch mit Schülern, Eltern und Lehrern.Mittels eigener Beobachtungen machte er sich einen persönlichen Eindruck vom deutschen Bildungssystem und verschaffte sich weitere aufschlussreiche Informationen (vgl. Krappmann 2007, S. 9-12.). Der Deutschlandbericht schließlich erhielt eine breite öffentliche Aufmerksamkeit in Medien und Politik. Entscheidend ist an dieser Stelle die menschenrechtliche Argumentationslinie, mit der VernorMuñoz die Defizite des bundesrepublikanischen Bildungssystems aus normativer Sicht betrachtet (vgl. Heinz 2009, S. 39). Vor allen Dingen befasste sich der Sonderberichterstatter mit Aspekten und Zonen des Bildungswesens, in denen die Verwirklichung des Rechts auf Bildung nicht ausreichend gewährleistet bzw. bedroht werden.Dabei ging es ihm vornehmlich um die Begutachtung von Beteiligungsproblemen mit Blick auf das Menschenrecht auf Bildung. Zu beachten ist, dass der Bericht keine detaillierte Analyse des deutschen Bildungssystems darstellt, sondern lediglich eine exemplarische Sichtweise auf die unzureichende Realisierung des Menschenrechts auf Bildung gibt. Im Fokus stehen speziell Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wie auch mit einer Behinderung, um die nötige Verbesserung der Beteiligungsrechte dieser beiden Gruppen zur Sprache zu bringen (vgl. Heimbach-Steins 2007, S. 17f.). Auf eine differenzierte Darlegung des Berichts über den Deutschlandbesuch des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung wird hier verzichtet, da es den Rahmender vorliegenden Arbeit überschreiten würde. Diesbezüglich seien nachfolgend lediglich einige Aspekte genannt, die während des Deutschlandbesuchs wie auch innerhalb des Berichts angesprochen wurden.

Muñoz kritisiert besonders den Föderalismus in der Bildungspolitik. Die Einheit des Bundes gehe durch die erheblichen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern verloren. Zudem untersucht er die nach PISA eingeleiteten Reformen des Bildungswesens kritisch. Beanstandet werden hier vorzugsweise die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern und die stark bürokratisierte und zentralisierte Bildungsverantwortung der Länder, welche der Schulautonomie entgegenstehen. Vor dem Hintergrund einer kritischen Analyse von Struktur und Organisation des bundesrepublikanischen Bildungssystems, äußert sich der UN-Sonderberichterstatter zur Mehrgliedrigkeit des selektionsorientierten Schulwesens. Als Gründe für die soziale Selektion im deutschen Bildungswesen nennt erdie mangelnde frühkindliche Förderung, der schleppende Ausbau von Ganztagsschulen sowie die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems.Priorität erfahren vor allen Dingen Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund wie auch mit einer Behinderung, da das Recht auf Bildung für diese beiden Gruppen in einigen Bundesländern nicht ausreichend sichergestellt ist. Im Hinblick darauf manifestiert sich die normative Perspektive des Berichts, da mit dem Menschenrecht auf Bildung argumentiert und Bildung als ein grundlegendes Medium für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verstanden wird. Negativ bewertet wird vollends die Tatsache, dass sich in Deutschland soziale Ungleichheiten in den Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen wiederspiegeln (vgl. Heimbach-Steins 2007, S. 18f.).

Aus dem bisher Gesagten sollte deutlich geworden sein, dass hinsichtlich PISA und dem UN-Bildungsbericht für Deutschland die menschenrechtliche Sichtweise auf Bildung an neuer Attraktivität gewonnen hat.Belangvoll erscheint im nächsten Schritt, den menschenrechtlichen Kontext des Rechts auf Bildung zu veranschaulichen. Was bedeutet das Recht auf Bildung? Wie wird dieses Recht gesetzlich geregelt?

2.2 Völker- und Verfassungsrechtliche Grundlagen zum Recht auf Bildung und zum Schutz vor Diskriminierung

Das Konzept der Menschenrechte sieht vor, dass allen Menschen allein aufgrund ihres Menschseins die gleichen Rechte zukommen. Dabei haben sich die Menschenrechte im Zuge von Gewalt- und Unrechtserfahrungen etabliert, um den zahlreichen Verbrechen und Qualen ein Ende zu setzen. Mit Gründung der Vereinten Nationen (UN) im Jahre 1945 wurde die Verantwortung für die Realisierung der Menschenrechte in die Hände der Völkergemeinschaft gelegt. Diese wurde aufgefordert, im Rahmen eines internationalen Menschenrechtsschutzsystems zu kooperieren. Am 10. Dezember 1948 wurde schließlich die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR 1948) von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet, in der Bildung erstmals als eigenständiges Menschenrecht zum Ausdruck gebracht wird (vgl. Motakef 2006, S. 10). Dieses internationale Menschenrechtsdokument verfolgt den Anspruch auf freien und gleichberechtigten Zugang zuBildung, und zwar jenseits jeglicher Diskriminierung. Die besondere Stellung von Bildung wird bereits in der Präambel dadurch deutlich, dass hier von Unterricht und Erziehung die Rede ist. Darin heißt es:

„damit jeder einzelne und alle Organe der Gesellschaft sich diese Erklärung stets gegenwärtig halten und sich bemühen, durch Unterricht und Erziehung die Achtung vor diesen Rechten und Freiheiten zu fördern und durch fortschreitende nationale und internationale Maßnahmen ihre allgemeine und tatsächliche Anerkennung und Einhaltung durch die Bevölkerung der Mitgliedsstaaten selbst wie auch durch die Bevölkerung der ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Gebiete zu gewährleisten“ (Präambel AEMR 1948).

Bildung gilt somit als zentrale Voraussetzung für den Zugang zu weiteren Menschenrechten. In Artikel 26 der AEMR wird das Recht auf Bildung folgendermaßen formuliert:

„1. Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. Fach- und Berufsschulunterricht müssen allgemein verfügbar gemacht werden, und der Hochschulunterricht muß allen gleichermaßen entsprechend ihren Fähigkeiten offenstehen.
2. Die Bildung muß auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muß zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen und der Tätigkeit der Vereinten Nationen für die Wahrung des Friedens förderlich sein.
3. Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll“ (Art. 26 AEMR 1948).

Bei genauerem Hinsehen lassen sich daraus drei Kernbereiche ableiten, die das Verhältnis von Recht und Bildung verdeutlichen. Im ersten Absatz wird das individuelle Recht auf Bildung beschrieben. Dieses beinhaltet das Recht auf unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht wie auch unentgeltliche Grundbildung, auf allgemein verfügbaren Fach- und Berufsschulunterricht sowie auf Hochschulunterricht, der allen Menschen in demselben Maße entsprechend den subjektiven Fähigkeiten offenstehen sollte. Der zweite Absatz skizziert die Rechte durch Bildung. An dieser Stelle geht es um die inhaltliche Ausgestaltung von Bildung als Menschenrecht. Bildung ist in erster Linie subjektgebunden und zielt auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Die Menschenrechtsbildung gilt als wesentlicher Bestandteil. Als weitere Zielsetzungen von Bildung werden Verständnis, Toleranz, Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen wie auch die Wahrung des Friedens aufgeführt. Der dritte Absatz bezieht sich schließlich auf die Rechte in der Bildung. In dem Fall handelt es sich um das Wahlrecht der Eltern, über den Bildungsweg ihrer Kinder zu bestimmen (vgl. Kunze 2012, S. 72f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das Recht auf Bildung und die Kritik am bundesrepublikanischen Bildungssystem
Untertitel
Eine Untersuchung zu Kriterien und ihrer Begründung
Hochschule
Universität Trier
Note
2,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
33
Katalognummer
V337734
ISBN (eBook)
9783668270183
ISBN (Buch)
9783668270190
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenrecht, Recht auf Bildung, bundesrepublikanisches Bildungssystem, Kritik, Kriterien
Arbeit zitieren
Tatjana Müller (Autor), 2016, Das Recht auf Bildung und die Kritik am bundesrepublikanischen Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337734

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