Literaturkritik im Netz. Ein Vergleich professioneller Kritik mit Laienrezensionen


Bachelorarbeit, 2016

48 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die gegenwärtige Literaturkritik
2.1 Definition Literaturkritik
2.2 Funktionen der Literaturkritik
2.3 Wann ist eine Literaturkritik professionell?
2.3.1 Die Wertung von Literatur
2.3.2 Formale Faustregeln für Rezensionen

3. Die Besonderheiten des Massenmediums Internet in Bezug auf Literaturvermittlung
3.1 Aktualität und Verfügbarkeit
3.2 Demokratisierung der Literaturkritik

4. Das universitäre Rezensionsforum literaturkritik.de
4.1 Hintergrund und Funktionsweise des Forums
4.2 Der literaturkritische Anspruch an die Rezensenten

5. Rezensionen auf der Seite des Online-Buchhändlers Amazon
5.1 Voraussetzungen und Funktionsweisen der Amazon-Rezensionen
5.2 Merkmale des kritischen Laienvokabulars

6. Vergleich der Rezensionen auf literaturkritk.de und Amazon am Beispiel von Bernhard Schlinks Roman Die Frau auf der Treppe
6.1 Aufbau, Inhalt und axiologische Werte
6.2 Stil und Subjektivität
6.3 Erfüllen die Rezensionen auf literaturkritik.de und Amazon die Funktionen einer professionellen Literaturkritik?

7. Fazit und Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

Forschungsliteratur

Elektronische Quellen: Internetseiten und Adressen

Rezensionen zu Bernhard Schlinks Die Frau auf der Treppe aus dem Internet

Anhang

1. Einführung

Die Literaturkritik als literarische Institution stellt heute eine der essentiellsten Vermittlungsinstanzen zwischen Literatur und Leser dar.1 Erst seit jüngster Zeit beschäftigt sich auch die Germanistik mit der Literaturkritik als Untersuchungsgegenstand, die sie lange unterschätzte und ihrem Nutzen wenig bis keine Bedeutung beimaß.2 Nachdem zunächst in den 1980er-Jahren die ersten empirisch-analytischen Beiträge dazu verfasst und veröffentlicht wurden, folgten im deutschsprachigen Raum erst ab 2001 umfangreiche, theoretische sowie praxisorientierte Publikationen von Wolfgang Albrecht, Stefan Neuhaus, Thomas Anz und Reiner Baasner, die in der vorliegenden Arbeit Verwendung finden.3 Der Großteil der bisherigen Forschungsarbeiten in diesem Bereich bezog sich auf die Literaturkritik in den Printmedien, wie Zeitungen und Zeitschriften, sowie im Rundfunk und Fernsehen. Indessen verbreiten sich literaturkritische Beiträge jedoch auf zügigem Wege an einem weiteren Ort - dem Massenmedium Internet, weswegen diese zum Gegenstand der vorliegenden Bachelor- Arbeit gewählt wurden.

Die Literaturkritik im Internet sah sich bereits kurz nach ihren Anfängen mit der Ablehnung vieler Literaturkritiker sowie Literaturwissenschaftler konfrontiert. Im Gegensatz zu den Beiträgen in den traditionellen Medien, die von fachkundigen Kritikern der Literaturbranche verfasst werden, wirft man den Rezensionen im Netz oft einen Mangel an Professionalität vor. Gunther Nickel, Lektor des Deutschen Literaturfonds e.V. sagte während einer Podiumsdiskussion beispielsweise:

Was einst der Traum von Brecht und Benjamin war, dass jeder seine Meinung publizieren kann, ist hier auf fatale Weise Wirklichkeit geworden. Diese Leserrezensionen oder auch die Kurztexte […] sind oft nur ein Beweis für die Krise des Bildungssystems.4

Er ist nicht der einzige, der in den Laienrezensionen im Internet eine Bedrohung für die professionelle Kritik sieht, denn viele stehen dieser Demokratisierung der Literaturkritik kritisch gegenüber. Da Gegenstimmen diesen Prozess als Chance für den Literaturbetrieb sehen und der Literaturkritik im Internet ebenfalls Professionalität zuschreiben, soll mit der vorliegenden Arbeit ein Vergleich dieser beiden Kategorien von Literaturkritik stattfinden. Als Ziel dieser Arbeit gilt es, die Anforderungen an eine professionelle Literaturkritik zu erarbeiten und daraufhin zu überprüfen, ob Laienrezensionen im Netz diesen nachkommen. Sollte dies nicht der Fall sein, so könne man Gunther Nickel und viele weitere Skeptiker darin bekräftigen, dass Literaturkritik im Internet nicht mit der professionellen Kritik zu vergleichen sei und von einem niedrigeren Niveau zeuge. Sollte sich jedoch herausstellen, dass die Laienrezensionen den herausgearbeiteten Ansprüchen der professionellen Kritik gerecht werden, so kann der zuvor genannten These widersprochen und der Verallgemeinerung der vermeintlich unprofessionellen Laienkritik entgegengewirkt werden.

Um diesen Vergleich vornehmen zu können, beginnt die vorliegende Arbeit zunächst mit der Definition wesentlicher Begriffe und der Erläuterung der wichtigsten Funktionen einer professionellen Literaturkritik. Hierbei werden neben einer Hauptfunktion weitere sechs Unterfunktionen nach Thomas Anz erläutert. Im nächsten Teil richtet sich das Augenmerk auf die Frage, wann eine Literaturkritik als professionell bezeichnet werden kann, wobei eine Einführung in die Wertung von Literatur sowie formale Anforderungen an Rezensionen geboten werden. Bevor die zu analysierenden Rezensionsorgane im Internet vorgestellt werden, geht diese Arbeit zunächst auf die Besonderheiten des Massenmediums Internet in Bezug auf die Literaturvermittlung ein. Darauf folgt die Vorstellung des Rezensionsforums literaturkritik.de und des Online-Buchhändlers Amazon, die als Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ausgesucht wurden. Aufgrund des limitierten Umfangs dieser Arbeit kann nicht auf weitere Foren, Literaturmagazine oder Blogs eingegangen werden. Die Wahl fiel auf diese zwei Internetseiten, da literaturkritik.de allgemein als die professionellste Plattform für Literaturkritik im Netz gehandelt wird. Eine Analyse der dort erschienenen Rezensionen soll überprüfen, ob dies nachvollziehbar ist. Der Online-Buchhändler Amazon hingegen sieht sich am häufigsten dem Vorwurf der Unprofessionalität gegenüber, weshalb diese Plattform ebenfalls zur Überprüfung ausgewählt wurde. Damit die Analyse zum besten Ergebnis führt, bildet der Hauptteil dieser Arbeit der Vergleich von auf beiden Internetseiten veröffentlichten Rezensionen zu einem konkreten Werk. Hierbei fiel die Wahl auf Bernhard Schlinks Roman Die Frau auf der Treppe aus dem Jahr 2014. Beide Rezensionsorgane stellten mehr als eine Kritik zu diesem Werk online, sodass sie als Stichproben für den Vergleich optimal dienen. Eine ausführliche Analyse von Aufbau und Inhalt, Stil und Subjektivität sowie eine Untersuchung, ob diese Rezensionen die sechs Funktionen einer professionellen Kritik erfüllen, bilden den Hauptteil der vorliegenden Arbeit. Anschließend fasst das Fazit alle Ergebnisse kurz zusammen und gibt ein begründetes Urteil, ob Laienrezensionen im Internet den Kriterien der professionellen Kritik gerecht werden oder Äein Beweis für die Krise des Bildungssystems“5 darstellen könnten.

2. Die gegenwärtige Literaturkritik

2.1 Definition Literaturkritik

Als erste Aufgabe dieser Arbeit bedarf es einer Definition des Begriffs ÄLiteraturkritik“, bevor mit ihren Funktionen fortgefahren wird. Der Begriff criticus (lat. kritischer Beurteiler)6 und der damit verwandte Begriff der Kritik selbst fand im 17. Jahrhundert Einzug in die deutsche Sprache und stammen von dem Verb krinein (griech. scheiden, trennen, urteilen, entscheiden)7 ab. In der heutigen Zeit wird der Begriff der Kritik enger gefasst als früher und entgegen den angelsächsischen Ländern, die den literary criticism als eine grundlegende literaturwissenschaftliche Disziplin bezeichnen, versucht man hierzulande eine konkrete, rhetorische Auseinandersetzung mit der Literatur von der Literaturwissenschaft abzugrenzen.8 Der deutsche Begriff der Literaturkritik unterscheidet sich jedoch nicht nur vom englischen, sondern weist auch Abweichungen vom französischen Gebrauch ab. Die crittique littéraire umfasst nicht nur die Literaturkritik, sondern auch die Literaturtheorie sowie die Literaturwissenschaft.9 Die wissenschaftliche Auseinandersetzung steht hier stärker im Vordergrund als beim deutschen Verständnis der Literaturkritik. Im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft wird folgende Definition von Literaturkritik gegeben: ÄLiteraturkritik ist jede Art kommentierende, urteilende, denunzierende, werbende, auch klassifizierend- orientierende Äußerung über Literatur, d.h., was jeweils als ,Literatur’ gilt.“10 Darin spiegelt sich das Verständnis einer Vermittlerrolle der Literaturkritik wider, welcher im nächsten Teil dieser Arbeit genauer untersucht wird. Auch wenn es unter Kritikern gelegentlich zu Dissens kommt, ob und wie streng man wirklich die Literaturkritik von der Literaturwissenschaft trennen sollte, so ist man sich doch in dem Punkt einig, dass die deutsche Literaturkritik in erster Linie eine informierende, interpretierende sowie wertende Beschäftigung mit Literatur darstellt, die öffentlich in den Massenmedien stattfindet und sich vorrangig mit neu erschienenen Werken beschäftigt.11

Die Abgrenzung zwischen den Begriffen Profi und Laie, die bei der Definition ebenfalls vonnöten ist, erweist sich als zunehmend problematisch, da es keinen expliziten Studiengang oder eine Ausbildung für die konkrete Berufsbezeichnung ÄLiteraturkritiker“ gibt. Zudem arbeiten nicht viele hauptberuflich als Literaturkritiker, wie Marcel Reich-Ranicki es tat, sondern als freiberuflicher Kritiker. Allgemein stellt man den Anspruch an einen professionellen Literaturkritiker, dass eine wissenschaftlich ausgewiesene Kompetenz im Umgang mit literarischen Texten vorliegt, von der anzunehmen ist, dass sie die Anwendung von theoretischem Wissen, analytische Fähigkeiten sowie das Beherrschen methodischer Handwerkszeuge umfasst.12

Die Kompetenzen können demnach durch ein Literaturstudium oder ähnlich germanistische Abschlüsse bezeugt werden. Viele Literaturkritiker sind studierte Journalisten oder sammelten Erfahrungen durch Praktika und Ausbildungen in Redaktionen. Als Laienkritiker bezeichnet man demnach nicht akademisch ausgebildete Rezensenten, die für ihre Beiträge kein Honorar erhalten.13

2.2 Funktionen der Literaturkritik

Nachdem die Definition der Literaturkritik erläutert wurde, folgt nun die Untersuchung der Funktionen der heutigen Literaturkritik. Anhand der Ergebnisse kann dann zu einem späteren Zeitpunkt untersucht werden, ob Laienrezensionen im Internet diese auch erfüllen oder ihnen nicht gerecht werden. Vorab muss betont werden, dass die Debatte über die Hauptaufgaben der Literaturkritik mit dem kulturellen Umschwung in der Gesellschaft einhergeht, welcher besonders seit dem 18. Jahrhundert Einfluss auf die Literaturkritik ausübte.14 Wie sich die Rolle des Kritikers selbst wandelte, vom historisch gebildeten Gelehrten hin zum mondänen Kritiker, so entwickelte sich auch der kulturelle Bedarf an Literaturkritik mit konkreten Funktionen.15 Auch die wachsende Zahl an Neuerscheinungen trug dazu bei, dass die Ansprüche an eine weltmännische Literaturkritik stets stiegen und ihr immer mehr Funktionen zugewiesen wurden.

Bevor auf diese speziellen Teilfunktionen der heutigen Literaturkritik eingegangen wird, bedarf es der Erläuterung einer Hauptfunktion, deren Definition ebenfalls mehr als nur einmal in den Medien diskutiert wurde. Dr. Werner Irro fasst diese in einem Zitat zusammen, auf welches sich einige Literaturwissenschaftler beziehen, um ihre eigenen Thesen hinzuzufügen. Er schrieb: ÄKritik ist kein Selbstzweck, sondern erfüllt eine Aufgabe, die zu benennen durchaus einfach ist: Kritik soll zu Lesern über Literatur sprechen.“16 Auch wenn diese sehr allgemein gehaltene Formulierung noch nicht alle Funktionen der Literaturkritik benennt, so sind sich daran anschließend viele Literaturwissenschaftler sowie Kritiker einig, dass die Literaturkritik ein Kommunikationswerkzeug darstellt, mithilfe dessen Literatur in die Öffentlichkeit getragen wird. Ebenfalls damit übereinstimmend pflichtet Wolfang Albrecht der Literaturkritik allem voran eine maßgebliche Vermittlungsfunktion bei, die zwischen den Literaturproduzenten und Rezipienten stattfindet.17 Doch auch wenn man sich mehr oder weniger auf diesen Minimalkonsens als Hauptaufgabe der Literaturkritik einigt, so stellt sich die Frage, auf welche Weise zu dem Leser gesprochen werden soll und ob nicht weitere speziellere Funktionen sich daran anschließen.18 Diese speziellen Funktionen bilden nun den Hauptteil der folgenden Abschnitte.

Die informierende Orientierungsfunktion ist eine der sechs Funktionen, die Thomas Anz der Literaturkritik beimisst und so eine weitaus ausführlichere Charakterisierung der Aufgaben bietet. Diese erste stellt eine grundlegende Aufgabe der Literaturkritik dar, die bereits erfüllt ist, sobald eine Kritik über ein Werk erscheint. Denn in Bezug auf diese Funktion soll die Literaturkritik dem Leser einen Überblick über die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt ermöglichen.19 Sie dient hierbei als Orientierungshelfer für die Leser, die bei ca. 90.000 allein deutschsprachigen Neuerscheinungen pro Jahr diese auch zunehmend benötigen und wünschen.20 Jeder Besucher eines Buchladens stellt einen potentiellen Käufer dar, der mithilfe von Literaturkritiken in Print, Hörfunk, Fernsehen oder Internet Informationen über das bestehende Literaturangebot erhält und so erfährt, welche Werke überhaupt lesenswert sind.

Dieser letzte Aspekt der Frage, welche Bücher für die Konsumenten lesenswert sind, knüpft sich nun nahtlos an die nächste wichtige Funktion der Literaturkritik an.

Die Selektionsfunktion der Literaturkritik ist eng verbunden mit der informierenden Orientierungsfunktion. Allein durch die Entscheidung eines Kritikers, ein bestimmtes Werk zu rezensieren und ein anderes dagegen nicht, nimmt ein Werturteil vor und treibt so den Selektionsprozess voran. Thomas Anz sagt in seinem Aufsatz hierzu:

In ihrer Selektionsfunktion gibt sie, erstens, durch die Auswahl rezensionswürdiger Literatur und, zweitens, durch deren explizierte Bewertung potentiellen Lesern eine Entscheidungshilfe zum Kauf und zur Lektüre.21

Diese Selektionsfunktion ist nicht zu unterschätzen, denn Bücher, die in den Medien rezensiert werden, besitzen eine deutlich höhere Verkaufschance als solche, die von Kritikern außer Acht gelassen werden. Dank dieser Vorgänge wurden den Kritikern sowie der Literaturkritik selbst die kommunikationssoziologische Bezeichnung Gatekeeper zugeschrieben.22 Diese Gatekeeper-Funktion erfüllend arbeiten Kritiker bzw. die Kritik selbst als ‚Schleusenwärter’ der Literatur, der darüber entscheidet, ob er eine Nachricht, in diesem Falle ein Buch, durch den Nachrichtenkanal zu den Empfängern, also zu den Lesern durchlässt oder nicht.23 So gelangt durch die Kritik nur ein kleiner Teil der Neuerscheinungen in das Interessenfeld der Leser. Dies bedeutet also, dass das Werturteil bereits bei der Auswahl der zu rezensierenden Büchern beginnt.24

Die didaktisch-vermittelnde Funktion für das Publikum versucht den Verständnisschwierigkeiten des Lesers entgegenzuwirken, die bei anspruchsvollen literarischen Werken auftauchen können.25 Nicht jeder Leser verfügt über ein weitreichendes literarisches und kulturhistorisches Wissen wie der professionelle Literaturkritiker, die jedoch bisweilen notwendig sind bei der Lektüre.26 Diese Verständnisprobleme können durch Verschiedenes ausgelöst werden - durch einen literarisch ausgefallenen Schreibstil, im Buch beschriebene Sachbestände, die dem Leser fremd sind, Motive, Metaphern usw. Alles, was den bisherigen Leseerwartungen des Konsumenten widerspricht und damit neu sowie befremdlich wirkt, kann Verständnisschwierigkeiten hervorrufen, die der Kritiker zu beseitigen versucht. Oft recherchiert ein Kritiker dafür vor dem Schreiben seiner Rezension bestimmte Aspekte, die er als problematisch oder zumindest diskussionswürdig einstuft. Albrecht behauptet, man könnte hierbei auch von einer ästhetisch-didaktischen Verständnishilfe sprechen, da diese Schwierigkeiten zumeist auftauchen würden, wenn es um die Probleme der Interpretierbarkeit fiktionaler Texte ginge.27 Dies würde die Tatsache bekräftigen, dass die Literaturkritik lange Äals der Ort ästhetischer Debatte“28 verstanden wurde. Welcher Begriff letztendlich auch benutzt wird: Diese Funktion der Literaturkritik umfasst in beiden Fällen den Versuch des Kritikers, den Lesern das Wissen näher zu bringen, welches sie benötigen, um ein Werk ohne größere Probleme verstehen zu können.

Eine weitere Aufgabe der Literaturkritik beinhaltet die didaktisch-sanktionierende Funktion für Literaturproduzenten, bei der der Kritiker die Autoren und Verlage auf qualitative Schwächen sowie Stärken innerhalb eines Werkes hinweist.29 Ein Literaturkritiker liest gründlicher als der Rezipient und betont nicht nur die positiven Aspekte eines Werkes. Er achtet auch auf Druck-, Rechtschreib- sowie grammatikalische Fehler und teilt diese mit. Bei der Rezension von Sachbüchern untersucht der Literaturkritiker, ob die Argumentationen nachvollziehbar sind oder Wissenslücken, Konzeptionsschwächen oder inhaltliche Irrtümer aufweisen.30 Infolge dessen können diese Mängel dann in den nächsten Auflagen vom Verlag behoben werden. So profitieren die Literaturproduzenten ein weiteres Mal vom Literaturkritiker.

Als weitere Aufgabe der Literaturkritik sieht Thomas Anz die essentielle reflexions-und kommunikationsstimulierende Funktion, denn sie Äfördert das öffentliche Räsonnement über Literatur und die selbstreflexiven Prozesse innerhalb eines Literatursystems“.31 Die Kommunikation zu den Lesern ist ein fundamentaler Faktor, um den Literaturbetrieb voranzutreiben. Der Literaturkritiker ist sich hierbei im Klaren darüber, dass nicht jeder Leser mit seiner Meinung übereinstimmt und gar nicht selten seiner Rezension vehement widerspricht. Doch Zuspruch ist nicht das Ziel des Kritikers, sondern er will mithilfe seiner Rezensionen eine Diskussion über Literatur zu bewirken. Das Nachdenken über Literatur erzeugt und stimuliert oft Kontroversen, die das öffentliche Gespräch über Literatur fördern und somit die Literaturproduktion stärkt.32 Wenn Leser Aspekte aus einer Rezension aufgreifen und diese mit anderen Lesern diskutieren, ob nun Lob oder Kritik vorherrscht, und so im besten Fall eine Debatte über weitere Blickwinkel auf das Werk entsteht, so hat der Literaturkritiker diese Funktion erfüllt.

Außerdem nicht zu unterschätzen ist zuletzt die Unterhaltungsfunktion der Literaturkritik. Dieser noch recht neue Anspruch an die Literaturkritik, entspricht Äder allgemeinen Funktionen des Journalismus und speziell des Feuilletons.“33 Die Diskussion über Literatur soll den Rezipienten Freude bereiten und daher hat die Literaturkritik auch die Aufgabe, ein breites Publikum anzusprechen. Ein Beispiel dafür, wie hoch dieser Unterhaltungswert von Literaturkritik sein kann, bewies das ZDF mit seiner Literatursendung Das literarische Quartett. Von 1988 an bis 2001 wurde in jeder Folge ein Werk von namhaften Literaturkritikern besprochen und diskutiert. Die Stammbesetzung bestand aus Sigrid Löffler, Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki. Das vierte Mitglied des Quartetts wechselte zu jeder Folge. Die Sendung konnte hohe Einschaltquoten verbuchen, da die oft hitzigen Diskussionen eben nicht nur die zuvor erläuterten Funktionen erfüllten, sondern zudem Unterhaltungscharakter besaßen. Die literaturkritischen Debatten zu verfolgen bereitete vielen Zuschauern Vergnügen, was das ZDF nicht nur den professionellen Argumentationen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den oft provokanten Reden Marcel Reich-Ranickis zu verdanken hatte.

Es wird festgehalten, dass sich im Laufe der Jahre neben der allgemeinen Vermittlungsfunktion der Literaturkritik auch weitere, speziellere Funktionen herausgefiltert haben, die sich zum Teil ergänzen und abhängig von Medium sowie dem Wandel der Gesellschaft unterschiedlich stark gewichtet werden.34 Neben der Orientierungshilfe über den Buchmarkt, die eng verknüpft ist mit der Selektionsfunktion sollte die Literaturkritik das literarische Wissen der Leser schulen. Auch die didaktisch-sanktionierende Funktion spielt eine Rolle für die Literaturproduzenten, um in kommenden Auflagen Fehler zu vermeiden. Literaturkritik soll zudem genauso wie die Literatur selbst zum Nachdenken anregen und das Interesse an literarischen Diskussionen wecken, denen es nicht an Unterhaltungswert fehlt. Zu einem späteren Zeitpunkt wird in dieser Arbeit überprüft, ob die Literaturkritik im Internet diesen Funktionen nachkommt. Zunächst wird jedoch untersucht, wann man von einer professionellen Literaturkritik sprechen kann, um diesen Begriff von dem der Laienrezension deutlicher unterscheiden zu können, um den späteren Vergleich von Internetrezensionen zu erleichtern.

2.3 Wann ist eine Literaturkritik professionell?

2.3.1 Die Wertung von Literatur

Das folgende Kapitel soll eine Einführung in das komplexe Thema der Wertung geben. Dies dient dazu, fachliche Grundbegriffe zu erläutern, die eng in Zusammenhang mit der Literaturkritik stehen und später durchaus hilfreich sein werden, um konkrete Rezensionen miteinander zu vergleichen. Des Weiteren wird sich so einer Definition von professioneller Kritik angenähert. Für dieses Kapitel werden hauptsächlich die Beiträge von Renate von Heidebrand und Simone Winko verwendet, die der Wertung von Literatur ein eigenes Buch widmeten. Ergänzend dazu werden noch weitere Literaturwissenschaftler zu Rate gezogen.

Zunächst müssen einige grundlegende Begriffe erläutert werden, bevor auf die verschiedenen Arten des Wertens eingegangen wird. Einführend in dieses Thema betonen Heidebrand und Winko, dass Literatur als Sozialsystem verstanden werden müsse, in dem an verschiedenen Orten und in verschiedenen Formen gewertet würde.35 Der Begriff der Literatur bezeichne hier keine Ansammlung von Texten, sondern ein seit etwa 1800 ausdifferenziertes gesellschaftliches Handlungssystem.36 Innerhalb dieses Systems existieren verschiedene Handlungsbereiche, in denen mit diversen Möglichkeiten Wertung vorgenommen wird. Diese Handlungsbereiche werden unterteilt in Produktion, Distribution und Rezeption von Literatur.37

Aufgrund des begrenzten Umfangs dieser Arbeit kann anstelle einer ausführlichen Erklärung und Beispielen lediglich eine kurze Definition dieser drei Bereiche vorgenommen werden. Unter dem Aspekt der Produktion versteht man die ÄHerstellung des materiellen Text durch den Autor“38, in dem sich Wertungen finden lassen, die sich auf die Figuren oder Erzählinstanz beziehen oder sich auch in der Machart des Textes zeigen.39 Die Distribution ist gleichzusetzen mit dem Begriff Vermittlung und bezeichnet Handlungen, die Texte in die breite Öffentlichkeit tragen - mithilfe von Lektoren, Verlegern, Hörfunk, Fernsehen und jeder Art von Medium.40 Die Rezeption umfasst zwei Handlungen, nämlich das reine Lesen eines Textes durch den Leser und des Weiteren die Weiterverarbeitung eines Textes beispielsweise im Sinne einer Interpretation, Umdichtung, Kritik oder Übersetzung.41 Zusammenfassend kann man also zusammenfassen, dass Wertungen überall im Sozialsystem Literatur vorkommen und von Äindividuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen“42 bestimmt werden.

Es wurde nun festgehalten, dass Wertung als Handlung verstanden wird, jedoch bedarf es einer genaueren Definition sowie Erläuterung der Komponenten, die bei dieser Handlung eine Rolle spielen. Heidebrand und Winko bieten eine umfassende Definition und geben so die Grundlage für weitere Ausführungen:

Der Begriff ‚Wertung‘ bezeichnet eine Handlung, in der ein Subjekt in einer konkreten Situation aufgrund von Wertmaßstäben (axiologischen Werten) und bestimmten Zuordnungsvoraussetzungen einem Objekt Werteigenschaften (attributive Werte) zuschreibt. Diese Zuschreibung kann in Form nicht-sprachlicher Handlungen (motivationaler Wertung) oder in verbalisierter Form als sprachliche Wertung vollzogen werden.43

Nach dieser Definition erweist sich eine Wertung demzufolge als eine komplexe Handlung, die in ihre Einzelbestandteile aufgespalten und diese genauer erklärt werden müssen. Die Handlung des Wertens geht wie oben genannt von einem Subjekt aus. Dies können sowohl ein Individuum, als auch eine ganze Gruppe sowie verschiedene öffentliche Institutionen sein. In Bezug auf die Literaturkritik liegt es nahe, hier zu allererst an die Kritiker selbst, Literaturwissenschaftler, Lektoren oder Verleger zu denken. Jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass nicht nur Akteure aus der Literaturbranche Wertungen vornehmen. Ein Schüler aus der Mittelstufe, der seinem Schulkameraden ein bestimmtes Buch empfiehlt oder davon abrät, vollzieht genauso eine Wertung wie ein Lektor - nur auf eine andere und vermutlich weniger wissenschaftliche Weise. In der Wertungstheorie spielt es also keine Rolle, wer oder was das Subjekt ist, welches wertet.

Der nächste Begriff, der es genauere Untersuchung bedarf, ist der der sogenannten axiologischen Werte. Der Begriff Axiologie stammt aus der griechischen Philosophie und bedeutet Wertlehre, wobei das Wort axios selbst mit wert oder würdig übersetzt wird.44 Ein axiologischer Wert stellt den Maßstab dar, der ein Objekt (in diesem Fall einen Text) als wertvoll bezeichnet.45 Einige Beispiele für einen Wertmaßstab können sein: Spannung, Realitätsnähe, Stimmigkeit, Komplexität, Komik und viele weitere Eigenschaften, die ein Text aufweisen kann. Die Funktion eines axiologischen Wertes wird am folgenden Beispiel verständlicher: Der axiologischer Wert eines Thrillers ist gattungsgemäß die Spannung. Eine spannende Handlung mit einer unerwarteten Schlusswendung bildet das vorherrschende Merkmal eines zu bewertenden Thrillers. Doch erst durch den festgelegten axiologischen Wert Spannung wird dieses Merkmal als eine positive Eigenschaft des Textes benannt. Daraus folgt, dass nicht in jedem Genre das Element der Spannung wertvoll ist, wie beispielsweise in einer Ballade, einer Autobiografie oder einer Satire. Die Liste der verschiedenen axiologischen Werte erweist sich als zu lang, um sie hier detailliert aufzuführen, doch teilte Oliver Pfohlmann sie in fünf verschiedene Kategorien ein: in formale, inhaltliche, relationale, wirkungsbezogene und gesellschaftliche Wertmaßstäbe.46 Einige dieser Maßstäbe sind verwandt oder bedingen sich gegenseitig oder aber bilden ein Gegensatzpaar, wie beispielsweise Offenheit und Geschlossenheit.47

Mithilfe dieser axiologischen Werte werden einem Objekt - dies kann einen gesamten Text, aber auch Textausschnitte oder den Autor selbst betreffen - dementsprechend attributive Werte zugeschrieben. Diese Bezeichnung bezieht sich immer auf ein bestimmtes Objekt, dem Äauf der Grundlage eines axiologischen Werts die Qualität zugeschrieben wird, werthaltig zu sein.“48 Es ist hierbei zu beachten, dass der attributive im Gegensatz zum axiologischen Wert singulär, das bedeutet immer nur auf eine konkrete Wertungssituation beschränkt ist und zudem Texte nie schon an sich als wertvoll bezeichnet werden, sondern nur in Bezug auf die Wertmaßstäbe die Subjekte repräsentieren.49 Man spricht bei einem attributiven Wert auch von einer Werteigenschaft.50 Zuletzt wird auf den Ausdruck Zuordnungsvoraussetzungen eingegangen, welche unabkömmlich für die Handlung einer Wertung sind und Heydebrand und Winko wie folgt definieren:

Der Begriff ‚Zuordnungsvoraussetzung‘ bezeichnet die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit ein Wertender (1) einen axiologischen Wert auf ein Objekt bzw. auf Objekteigenschaften und/oder (2) konkretere axiologische Werte auf einen höhergeordneten axiologischen Wert beziehen kann.

[...]


1 Vgl. Thomas Anz/Reiner Baasner (Hrsg.): Literaturkritik. Geschichte, Theorie, Praxis. München: Verlag C.H.Beck, 2004, S. 7.

2 Vgl. Ebd. S. 7.

3 Vgl. Evelin Alexandra Urban: Literaturkritik für das Internet, Marburg: Verlag Literaturwissenschaft.de, 2007, S. 4.

4 Gunther Nickel: Kaufen! Statt Lesen! Literaturkritik in der Krise? Göttingen: Wallstein-Verlag, 2005, S. 46. 1

5 Nickel: Kaufen! Statt Lesen! S. 46.

6 Vgl. Oliver Pfohlmann: Kleines Lexikon der Literaturkritik, Marburg: Verlag LiteraturWissenschaft.de , 2005, S.11.

7 Thomas Anz: ÄTheorien zur Literaturkritik und zur Wertung“, in: Thomas Anz/Rainer Baasner (Hrsg.): Literaturkritik. Geschichte, Theorie, Praxis, München: Verlag C.H.Beck, 2004, S.194.

8 Vgl. Horst S. Daemmrich: Literaturkritik in Theorie und Praxis, München: Francke Verlag, 1974, S. 8.

9 Vgl. Pfohlmann: Kleines Lexikon der Literaturkritik, S.12.

10 Herbert Jaumann: ÄLiteraturkritik“, in: Harald Fricke u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Band 2, Berlin und New York: H-O, 2000, S. 463.

11 Vgl. Oliver Pfohlmann: Literaturkritik und literarische Wertung. 11.-13. Schuljahr, Hollfeld: Bange (Königs Lernhilfen), 2008, S. 55.

12 Brigitte Schwens-Harrant: ÄEs könnte wahrscheinlich auch anders sein. Fragen und Anmerkungen zur Vermittlung der Literaturkritik“, in: Stefan Neuhaus/Oliver Ruf (Hrsg.): Perspektiven der Literaturvermittlung, Innsbruck: StudienVerlag, 2011, S. 16.

13 Vgl. Pfohlmann: Kleines Lexikon der Literaturkritik, S. 36.

14 Vgl. Anz: Theorien zur Literaturkritik und zur Wertung, S. 195.

15 Vgl. Ebd. S. 194 -195.

16 Werner Irro: Kritik und Literatur. Zur Praxis gegenwärtiger Literaturkritik, Würzburg: Königshausen + Neumann, 1986, S. 274.

17 Wolfgang Albrecht: Literaturkritik, Stuttgart: J.B. Metzler, 2001, S. 28.

18 Vgl. Ebd.

19 Vgl. Anz/Baasner: Literaturkritik, S. 195.

20 Vgl. Evelin Alexandra Urban: Literaturkritik für das Internet, Marburg: Verlag Literaturwissenschaft.de, 2007, S. 87.

21 Anz/Baasner: Literaturkritik, S. 195.

22 Vgl. Albrecht: Literaturkritik, S. 11.

23 Vgl. Ebd.

24 Vgl. Stefan Neuhaus: Literaturkritik. Eine Einführung, Stuttgart: UTB für Wissenschaft Uni-Taschenbücher GMbH, 2004, S. 21.

25 Vgl. Anz/Baasner: Literaturkritik, S. 195.

26 Vgl. Urban: Literaturkritik für das Internet, S.89.

27 Vgl. Albrecht: Literaturkritik, S. 38.

28 Ulrich Greiner: Mitten im Leben. Literatur und Kritik, Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch, 2000 S. 239.

29 Vgl. Anz/Baasner: Literaturkritik, S. 195.

30 Vgl. Urban: Literaturkritik für das Internet, S. 91.

31 Anz/Baasner: Literaturkritik, S. 196.

32 Vgl. Urban: Literaturkritik für das Internet, S. 92.

33 Anz/Baasner: Literaturkritik, S.196.

34 Vgl. Anz/Baasner: Literaturkritik, S. 195.

35 Vgl. Renate von Heidebrand, Simone Winko: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik- Geschichte-Legitimation, Paderborn: Schöningh (UTB für Wissenschaft Uni-Taschenbücher), 1996, S. 33.

36 Vgl. Ebd. S. 25.

37 Vgl. Ebd. S. 33.

38 Ebd. S. 34.

39 Vgl. Ebd. S. 34.

40 Vgl. Ebd. S. 34.

41 Vgl. Ebd. S.34-35.

42 Ebd. S. 37.

43 Heidebrand/Winko: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 39.

44 Vgl. Wahrig: Herkunftswörterbuch-Wissen.de: http://www.wissen.de/wortherkunft/axiologie (Stand: 07.01.2016, 13:33) .

45 Vgl. Heidebrand/Winko: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 40. 10

46 Vgl. Pfohlmann: Literaturkritik und literarische Wertung, S. 26.

47 Vgl. Ebd. S. 25.

48 Heidebrand/Winko: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 42.

49 Vgl. Ebd. S. 43.

50 Vgl. Oliver Pfohlann: Literaturkritik und literarische Wertung. 11.-13. Schuljahr, Hollfeld: Bange (Königs Lernhilfen),2008, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Literaturkritik im Netz. Ein Vergleich professioneller Kritik mit Laienrezensionen
Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
48
Katalognummer
V337782
ISBN (eBook)
9783668271401
ISBN (Buch)
9783668271418
Dateigröße
917 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturkritik, Laienrezensionen, Internetrezensionen, Rezension, Laienkritik, Literaturkritik im Internet
Arbeit zitieren
Michelle Hegmann (Autor), 2016, Literaturkritik im Netz. Ein Vergleich professioneller Kritik mit Laienrezensionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337782

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