Schwerwiegende Bindungsstörungen verursachen oft auch noch im Erwachsenenalter erhebliches Leiden und können zu Hindernissen in reifen Paarbeziehungen werden, selbst wenn frühe Bindungsstile kein „Schicksal“ darstellen müssen. Die Qualität der Bindungsorganisation einer Person kann dabei als einer von vielen möglichen „Schutz- bzw. Risikofaktoren“ gegenüber der Entwicklung von psychischen Störungen und abweichendem Verhalten betrachtet werden. Die Erfahrung der Eltern als einer sicheren Basis geht dabei oft mit späteren sozialen Kompetenzen, einem eher positiv realistischem Selbstbild sowie Selbstwirksamkeit und Impulskontrolle einher.
Im Umgang mit kleinen oder großen Hilfesuchenden sind Angehörige und professionelle Helfer daher oft genug mit dem Thema Bindung konfrontiert. Ganz besonders bei Klein- und Vorschulkindern ist hier nicht selten durch die Fachkräfte einzuschätzen, ob der Umgang mit den leiblichen Eltern im Sinne des Kindeswohls zumindest befristet unterbunden werden muss. Dieser wissenschaftliche Text geht dem Thema in folgenden Schritten nach. Zunächst soll in Kapitel II. „Bindung als menschliches Grundbedürfnis“ der allgemeine Forschungs- und Theoriestand skizziert werden. Im Anschluss daran folgt in Kapitel III. „Klinische Relevanz von Bindungserfahrungen“ eine allgemeine Annäherung an das pathologische Phänomen gestörte Bindung und der Versuch den Zusammenhang solcher Störungen zu psychiatrischen Störungsbildern anzudeuten. Zuletzt erfolgt unter Punkt IV. „Umgang mit Bindungsstörungen in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit und psychosozialer Beratung“ eine Einbeziehung des „vielgestaltigen“ Hilfekontextes von Sozialer Arbeit und psychosozialer Beratung als „Querschnittsmethoden“ psychosozialen Handelns und ihrer besonderen Anforderungen, in die zuvor dargestellten Überlegungen. Hierbei wird es ganz besonders um die praxisbezogene Anwendbarkeit der zuvor vorgestellten Ansätze im Rahmen von psychosozialer Beratung gehen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Bindung als menschliches Grundbedürfnis
III. Klinische Relevanz von Bindungserfahrungen
IV. Umgang mit Bindungsstörungen in Handlungsfeldern psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit
V. Fazit
VI. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Bedeutung von Bindung als psychisches Grundbedürfnis und analysiert die klinische sowie psychosoziale Relevanz von Bindungsstörungen. Das zentrale Ziel ist es, Ansätze für den Umgang mit diesen Störungen in der Sozialen Arbeit und der psychosozialen Beratung aufzuzeigen und dabei die Anwendbarkeit bindungsbezogener Konzepte in der Praxis zu prüfen.
- Bindung als psychisches Grundbedürfnis nach Grawe
- Klinische Einordnung und Relevanz von Bindungsstörungen
- Bindungsstile und deren Zusammenhang mit psychischen Störungen
- Praxisansätze in der Erziehungs- und Familienberatung
- Potenziale der Sozialen Arbeit bei der Förderung von Bindungsprozessen
Auszug aus dem Buch
Die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe
Klaus Grawes Konzeption der vier psychischen Grundbedürfnisse bietet durch empirische Befunde der allgemeinen Psychologie bestätigte Erklärungen, um menschliches Erleben und Verhalten zu verstehen. Zu den zentralen Grundbedürfnissen zählt Grawe das Bedürfnis nach „Lustgewinn und Unlustvermeidung“, das Bedürfnis nach „Orientierung- und Kontrolle“, das Bedürfnis nach „Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung“ sowie das Bedürfnis nach „Bindung“.
Diese Bedürfnisse teilen seiner Darstellung nach folgende Merkmale: Sie sind „Bedürfnisse, die bei allen Menschen vorhanden sind und deren Verletzung oder dauerhafte Nichtbefriedigung zu Schädigungen der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens führen.“ Grawe geht dabei davon aus, dass „die Ziele, die ein Mensch im Laufe seines Lebens herausbildet, letztlich der Befriedigung bestimmter Grundbedürfnisse dienen.“ Auf eine Zielerreichung und deren positive emotionale Relation „annähernd“ und auf Inkongruenz - mit den dazugehörigen negativen Emotionen - vermeidend reagierende „motivationale Schemata“ seien dabei konkrete Mittel, die das Individuum „im Laufe seines Lebens entwickelt, um seine Grundbedürfnisse zu befriedigen und sie vor Verletzungen zu schützen“.
Grawe betont, dass die Grundbedürfnisbefriedigung mit einem „ganz zentralen Prinzip des psychischen Funktionierens“ in engem Zusammenhang steht, welches er „Konsistenzprinzip“ nennt. Für Grawe kann ein Individuum nur dadurch zu einer „guten Befriedigung“ seiner Grundbedürfnisse kommen, dass es erfolgreiche Mechanismen einer hierzu gehörenden „Konsistenzregulation“ entwickelt. Dieses meine „die Übereinstimmung bzw. Vereinbarkeit der gleichzeitig ablaufenden neuronalen/psychischen Prozesse.“ Die, schon erwähnte und zu diesem Prinzip gehörende Konsistenzregulation hänge dabei eng mit der Bedürfnisbefriedigung als solcher zusammen, deren Bindeglied die „Kongruenz“ als „Übereinstimmung zwischen aktuellen motivationalen Zielen und realen Wahrnehmungen“ sei.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die gesellschaftliche und wissenschaftliche Relevanz von Bindungsthemen und führt in die Fragestellung nach dem Umgang mit Bindungsstörungen in der psychosozialen Praxis ein.
II. Bindung als menschliches Grundbedürfnis: Dieses Kapitel erläutert das Konsistenzprinzip nach Grawe und ordnet Bindung als essenzielles psychisches Grundbedürfnis in einen theoretischen Kontext ein.
III. Klinische Relevanz von Bindungserfahrungen: Hier wird der Zusammenhang zwischen Bindungsmustern und psychischen Störungen empirisch analysiert und die klassifikatorische Einordnung nach ICD-10 diskutiert.
IV. Umgang mit Bindungsstörungen in Handlungsfeldern psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit: Das Kapitel widmet sich der praktischen Anwendung bindungstheoretischer Ansätze in der Erziehungsberatung sowie in der Sozialen Arbeit.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die Notwendigkeit präventiver Ansätze sowie einer flexiblen, fachübergreifenden Zusammenarbeit bei der Arbeit mit Bindungsstörungen.
VI. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Fachliteratur und Quellen.
Schlüsselwörter
Bindung, Bindungsstörung, Psychische Grundbedürfnisse, Grawe, Konsistenzprinzip, Sozialarbeit, Psychosoziale Beratung, Klinische Relevanz, Bindungsstile, Fremde-Situation-Test, Erziehungsberatung, Entwicklungspsychopathologie, Emotionsregulation, Prävention, Bindungsqualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen und praktischen Bedeutung des Bindungsbedürfnisses und dem professionellen Umgang mit schwerwiegenden Bindungsstörungen in psychosozialen Arbeitsfeldern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Bindungstheorie nach Grawe, die klinische Diagnostik von Bindungsstörungen sowie Methoden der Sozialen Arbeit und Familienberatung zur Unterstützung betroffener Klienten.
Welches ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, eine Brücke zwischen der allgemeinen Bindungstheorie und der praktischen Anwendung in der Sozialen Arbeit und Beratung zu schlagen, um Handlungsstrategien bei Bindungsverletzungen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung des aktuellen Forschungs- und Theoriestandes sowie die Analyse klinischer Fallbeispiele und diagnostischer Klassifikationssysteme (ICD-10).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Konzeption der psychischen Grundbedürfnisse, die klinische Relevanz von Bindungserfahrungen bei Erwachsenen und Kindern sowie konkrete Anwendungsfelder in der Erziehungs- und Familienberatung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Bindung, Bindungsstörung, Konsistenzprinzip, psychosoziale Beratung, soziale Arbeit und Bindungsqualität.
Wie lassen sich Bindungsqualitäten nach Ainsworth einschätzen?
Die Bindungsqualität bei Kleinkindern kann durch den sogenannten ‚Fremde-Situation-Test’ (FST) beurteilt werden, der das kindliche Erkundungs- und Bindungsverhalten in standardisierten Szenen beobachtet.
Welchen Einfluss haben Bindungsstörungen im späteren Lebensverlauf?
Schwerwiegende Bindungsstörungen können nach den Ausführungen der Arbeit im späten Jugend- oder jungen Erwachsenenalter häufig zur Diagnose einer Persönlichkeitsstörung führen.
- Arbeit zitieren
- Bernhard Thielen (Autor:in), 2014, Zum Umgang mit schwerwiegenden Bindungsstörungen in Handlungsfeldern psychosozialer Beratung und Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/337973