Das Deutsche Historische Museum. Die ständige Ausstellung


Essay, 2010
5 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Das Deutsche Historische Museum

Die ständige Ausstellung

von Daniel Macher

Im Juni 2006 öffneten sich nach dem großen Umbau des Berliner Zeughauses, die Pforten des Deutschen Historischen Museums (DHM) und somit zur dauerhaften Ausstellung. Die Ziele und Erwartungen zu dieser Ausstellung waren groß, immerhin ging es hierbei um die Konzeption einer historisch-kritischen Darstellung von 2000 Jahren deutscher Geschichte. Seitdem strömen konstant bis zu 8000 Besucher täglich in das Museum, um die rund 800.000 Exponate zu besichtigen. Im ersten Jahr nach der Eröffnung konnte man 700.000 Besucher zählen. Eine Zahl, die jegliche Hoffnungen und Erwartungen aller Beteiligten weit übertroffen hat.

Als die Bundesregierung Anfang der 80er Jahre mit der Konzeption eines Museums begann, das die komplette Geschichte der Deutschen darstellen sollte, wurde die Planung von kritischen Stimmen begleitet. Insbesondere der damalige Bundeskanzler, Helmut Kohl und die Kommission, welche aus einer Gruppe Historiker, Museumsdirektoren und Kunsthistorikern bestand, musste sich gegen den Vorwurf wehren, die Musealisierung der deutschen Vergangenheit könne dazu führen, Fehlentwicklungen und Verbrechen in der Geschichte der Deutschen zu relativieren. Im Rahmen des Historikerstreits 1986/87 kam die Frage hinzu, ob ein Museum für deutsche Geschichte, nicht als Nährboden für einen neuen Nationalismus dienen könnte. Bis heute gibt es jedoch keine Anzeichen, dass sich diese Vorwürfe bewahrheitet hätten. Ob es dem DHM jedoch gelungen ist eine Gesamtdarstellung der deutschen Geschichte zu konzipieren und umzusetzen, ist nach wie vor eine Frage an der sich die Geister scheiden.

Schon bei dem in der Gründungskonzeption formulierten Ziel einer Bereitstellung eines informativen Überblicks über die gesamte deutsche Geschichte von ihren Anfängen bis in die Gegenwart, könnte man sich als Besucher die Frage stellen, ob es sich bei der Darstellung von 2000 Jahren, nicht eher um eine europäische Geschichte handelte. Inwiefern die Germanen schon deutsch waren, hängt ganz von der historischen Betrachtungsweise ab. Das DHM versucht diese Frage jedoch mit einer großen Europakarte in der Eingangshalle des DHM zu beantworten. Die Karte zeigt die Veränderung der für die deutsche Geschichte wichtigen Gebiete, beginnend im 1.Jhdt. v. Chr., und die späteren Reichs- und Nationalgrenzen. Eine gelungene Idee, die dem Besucher gleich zu Beginn zeigt, dass es sich bei der Ausstellung nicht um die Geschichte Deutschlands handelt, sondern um deutsche Geschichte und der Problematik, die bei dem Begriff deutsch mitschwingt.

Leider lässt die Ausstellung diesen äußerst interessanten und wichtigen Ansatzpunkt gleich zu Beginn der Ausstellung wieder fallen. Es wäre wünschenswert den Besucher, durch welche Mittel auch immer, vielleicht über die Schwierigkeit und Problematik einer solchen historischen Gesamtdarstellung zu informieren. Die Ausstellung versucht dem Besucher diesbezüglich durch Leitfragen eine Art geistige Nackenstütze mit auf den Weg durch die 8000 Exponate zu geben, schafft dies jedoch nur ansatzweise. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Museums- bzw. Ausstellungsmacher einen wesentlichen Wissens- und Forschungsvorsprung haben, läuft der Besucher Gefahr diese geistigen Nackenstützen schnell zu verlieren.

So beginnt die Ausstellung, wie man es von einem historischen Museum nicht anders erwartet, chronologisch mit Exponaten und Modellen aus und zu vorchristlicher Frühgeschichte. Der Besucher wird zuvor durch einen sogenannten „Meilenstein“ informativ in die Epoche eingeführt und kann sich im Anschluss jedem einzelnen Exponat widmen. Ohne Zweifel merkt man früh, dass das DHM mit beeindruckenden Originalen glänzen kann und den Besucher regelrecht dazu zwingt kein Ausstellungsstück und die dazugehörige Beschreibung auszulassen.

Zudem kann man sich als Besucher, neben dem chronologischen Hauptweg durch die verschiedenen Epochen, in sogenannten „Vertiefungsräumen“ zu bestimmten Themen, wie beispielsweise der Entwicklung der deutschen Sprache, genauer informieren. Interessant besonders für die historisch schon bewanderten Besucher, aber auch für jeden, der genug Zeit für die Ausstellung mitgebracht hat.

Ebenfalls kann man in den „Themenräumen“ weitere Informationen zu wichtigen politischen Ereignissen oder kulturgeschichtlichen Phänomenen in den jeweiligen Zeitabschnitten finden. Diese Räume bieten auch die Möglichkeit Geschichte aus mehreren Perspektiven zu betrachten. Neben dem herrschergeschichtlichen Hauptweg der Ausstellung, kann somit auch die Geschichte der Arbeiter während der industriellen Revolution oder die Rolle der Frau im 1. Weltkrieg angerissen werden. Ohne Zweifel bietet die ständige Ausstellung des DHM eine enorme Anzahl an beeindruckenden Exponaten und weiß diese auch zu präsentieren. Aber genau in dieser Überzahl von Exponaten und behandelter Themen liegt das Problem der Ausstellung.

Trotz der oben erwähnten Leitfragen wie „Die Deutschen – Was hielt sie zusammen?“ und „Wie verstehen die Deutschen sich selbst?“, die einem im Ausstellungsheft mit auf dem Weg gegeben werden, ist der Besucher mit dem Überangebot überfordert. Spätestens im Hochmittelalter der Ausstellung hat der Besucher diese Leitfragen vergessen, bestaunt womöglich geistlos die einzelnen Exponate und muss viel zu früh erkennen, dass man die Arbeit des Ausstellungsmachers selbst tun und selbst Wichtiges von Unwichtigem trennen muss. Ein Museum sollte exemplarisch arbeiten und dem Besucher, der oft unwissend kommt und mit einem Überblickswissen das Haus verlassen möchte, bei der Auswahl von Wichtigem und Unwichtigem helfen. Ohne diese Hilfe besteht die Gefahr, dass der Besucher die zweite Hälfte der Ausstellung nur im Vorbeigehen mitnimmt. Eine gute Ausstellung, insbesondere eine historische, zeichnet sich nicht durch ein Überangebot an Exponaten aus, sondern durch die Art der Darstellung. Eine kritische Darstellung und Betrachtung der deutschen Geschichte und des Begriffes deutsch bleibt dem Besucher somit verborgen. Unter diesem Aspekt ist das Angebot der Vertiefungs- und Themenräume keine Bereicherung, sondern eher irritierend und einfach zu viel.

Die chronologische Darstellung von Geschichte ist bei dieser ansonsten undurchsichtigen Überzahl an Exponaten eine logische Konsequenz und auch verständlich, da für den Besucher am leichtesten zu durchschauen. Das formulierte Ziel der Ausstellungskonzeption, dem Besucher keine expliziten Antworten zu geben und genug Freiraum für eigene Interpretationen zu geben, wird durch diese Darstellungsform jedoch verfehlt. Zum einen basiert die Ausstellung auf der, in der Geschichtsforschung veralteten, Darstellung der Herrschergeschichte, durch die dem Besucher schon sehr viel an Interpretationsraum genommen wird.

Zum anderen läuft der Besucher bei einer chronologischen Darstellung Gefahr, den dargestellten Geschichtsverlauf auf den ersten Blick als wahr und eindeutig anzusehen. Diesbezüglich nützt das im Konzept der Ausstellung formulierte Anliegen nicht, in dem es heißt „ die Geschichtsvermittlung erfolgt also absichtsvoll nicht in belehrender Form und mit dem Anspruch auf absolute Wahrheiten, sondern als Anleitung zur eigenen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Hinblick auf die Fragestellungen unserer Zeit“.

Der Besucher wird das Museum zweifelsfrei mit dem altbekannten Konstrukt der chronologischen Herrschergeschichte verlassen.

Vergessen wird die Tatsache, dass Geschichte bzw. die Forschung nicht nur von der gewohnten Darstellung „zuerst war das, und dann kam das...“ lebt, sondern beispielsweise auch durch das Mittel des Vergleichs. Wenn schon eine Ausstellung auf der Geschichte von Macht und Eroberung konzipieren, warum dann nicht beispielsweise eine Gegenüberstellung der Kriegsführung im 19. und 20. Jahrhundert. Für viele Besucher wäre dies bestimmt ein neuer Ansatz Geschichte zu erfahren und zu betrachten und könnte vielleicht zudem zu neuen Erkenntnissen beim Interessierten führen. Man muss natürlich dazusagen, dass von jedem Laienbesucher nicht erwartet werden kann, dass er das Haus weise und mit großen Erkenntnissen verlässt. Aber genau da sollte die Ausstellung dem Besucher unter die Arme greifen. Wobei wir bei einem weiteren Problem der Ausstellung wären.

Wie schon erwähnt will die Ausstellung nicht belehren und keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit vermitteln, wobei sich jedoch die Frage stellt, ob dann komplett darauf verzichtet werden muss, den Besucher mit Kontroversen aus der Geschichtsforschung zu konfrontieren. Wenn eine „neutrale“ Darstellung von Geschichte, wie es die Ausstellung des DHM beabsichtigt, reicht, um Besucher zu informieren und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser zu bewegen, muss man sich fragen für wen und für was in der Geschichtswissenschaft geforscht wird. Warum erfährt der Besucher nichts von den großen Kontroversen in der Forschung? Wieso wird beispielsweise die Schuldfrage am Ausbruch des 1. Weltkriegs behandelt? Hinter dieser Frage steht eine große Kontroverse in der Geschichtsforschung, die dem Besucher vorenthalten wird. Nicht nur, dass diese Kontroverse dem Besucher besser zeigen könnte, dass es verschiedene Sichtweisen in der Geschichte und keine absolute Wahrheit gibt, sondern auch, dass Geschichte mehr sein kann, als Scherbensplitter, verstaubte Gemälde großer Herrscher und Waffen vergangener Kriege.

Obwohl die ständige Ausstellung des DHM den formulierten Anspruch einer kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit haben möchte, versagt sie jedoch genau in dieser Hinsicht. Die eigene Geschichte auf eine „neutrale“ Art und Weise darzustellen ist bestimmt die einfachste und unproblematischste Möglichkeit. Vielleicht wäre es jedoch für den Besucher gar nicht so schlecht, wenn er mit mehr Meinungen, Kontroversen und Problematiken konfrontiert werden würde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Das Deutsche Historische Museum. Die ständige Ausstellung
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Das Deutsche Historische Museum
Note
1,2
Autor
Jahr
2010
Seiten
5
Katalognummer
V338022
ISBN (eBook)
9783668274686
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutsche, historische, museum, ausstellung
Arbeit zitieren
Magister Daniel Macher (Autor), 2010, Das Deutsche Historische Museum. Die ständige Ausstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338022

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Deutsche Historische Museum. Die ständige Ausstellung


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden