Genderspezifisches Sprechverhalten. Sind weibliche Figuren in Animationsfilmen das linguistisch unterlegene und höflichere Geschlecht?


Hausarbeit, 2016

42 Seiten, Note: 1,7

Lisa Henigin (Autor)


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Was ist Gender?

3. Genderlinguistik

4. Genderlekte: Männersprache - Frauensprache

5. Genderspezifisches Sprechen in Disneyfilmen

6. Methoden und Materialien

7. Ergebnisse
7.1 Findet Nemo
7.1.1 Unterbrechungen
7.1.2 Fraganhängsel
7.1.3 Komplimente
7.1.4 Entschuldigungen
7.1.5 Bitten
7.1.6 Bedanken
7.2 Arielle, die Meerjungfrau
7.2.1 Unterbrechungen
7.2.2 Fraganhängsel
7.2.3 Komplimente
7.2.4 Entschuldigungen
7.2.5 Bitten
7.2.6 Bedanken

8. Zusammenfassung und Schlussfolgerung

9. Literaturverzeichnis

10. Filmverzeichnis

11. Anhang

1. EINLEITUNG

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit dem Forschungsgebiet der Genderlinguistik, insbe- sondere dem Sprechverhalten von Männern und Frauen beschäftigen. Dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren, wurde in den letzten Jahren immer häufiger in unse- rer Gesellschaft thematisiert und die aus der unterschiedlichen Kommunikation resultieren- den Missverständnisse zwischen Mann und Frau werden wieder und wieder als Themen- grundlagen für Bücher, Filme, Serien, oder Bühnenshows genutzt. Eines der besten moder- nen Beispiele ist wahrscheinlich der Komiker Mario Barth, dessen Bühnenprogramme aus- schließlich auf dem unterschiedlichen Verhalten von Männern und Frauen und den daraus entstehenden Konfliktsituationen aufgebaut sind. Aber nicht nur die Gesellschaft und die Unterhaltungsmedien, sondern auch die Soziolinguistik beschäftigt sich seit einigen Jahr- zehnten immer intensiver mit den Unterschieden zwischen Mann und Frau. Laut Wardhaugh weist die Literatur, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt, sogar die größte Wachs- tumsrate innerhalb der Soziolinguistik auf.1 In dieser Literatur wird von Linguisten wieder- holt festgestellt, dass es tatsächlich Unterschiede im kommunikativen Verhalten von männli- chen und weiblichen Gesprächspartnern gibt, deren mögliche Ursachen stark diskutiert wer- den und zum Großteil noch immer ungeklärt sind.2 In dieser Hausarbeit möchte ich zu- nächst kurz auf den Begriff Gender und die Disziplin Genderlinguistik eingehend. Im An- schluss daran möchte ich eine Übersicht darüber herausarbeiten, welche Ergebnisse die Genderlinguistik allgemein bezüglich geschlechtsspezifischen sprachlichen Varietäten her- vorgebracht hat. Dabei möchte ich auch auf die im Jahr 1973 im Aufsatz Language and Wo- man’s Place aufgestellten und seither stark diskutierten Behauptungen von Robin Tolmach Lakoff, einer Professorin der Sprachwissenschaft an der University of California in Berkley, eingehen.3 Anschließend werde ich einige der herausgearbeiteten Thesen zum geschlechts- spezifischen Sprechverhalten anhand zweier bekannter Animationsfilme von Disney selbst untersuchen, um herauszufinden ob sich die Ergebnisse der Genderlinguistik bezüglich na- türlicher Sprache auch in konstruierter Sprache wiederfinden lassen und inwiefern Kinder und Jugendliche damit in Kontakt kommen.

2. WAS IST GENDER?

Der Begriff Gender kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt ͣGeschlecht“. Im Ge- gensatz zu dem Wort Sex, das im Englischen ebenfalls ͣGeschlecht“ bedeutet, meint Gender nicht das biologische Geschlecht einer Person, sondern ihr soziales Geschlecht. Während das biologische Geschlecht die anatomischen Merkmale, die einen menschlichen Körper als männlich oder weiblich definieren, bezeichnet, bezieht sich das soziale Geschlecht auf ͣge- schlechtsbezogene Verhaltensweisen und Einstellungen“4 einer Person. Welche Verhaltens- weisen als männlich oder weiblich gelten, kann von Kultur zu Kultur, von Gesellschaft zu Ge- sellschaft, stark unterschiedlich sein.5

Ursprünglich bezog sich Gender im Englischen ausschließlich auf das grammatische Ge- schlecht und es war der Psychologe Robert J. Stoller, der den Begriff 1968 zum ersten Mal nutzte, um soziales und biologisches Geschlecht voneinander zu unterscheiden.6 Inzwischen wird der Begriff auch in Deutschland verwendet.

3. GENDERLINGUISTIK

Die Genderlinguistik, oder feministische Linguistik, ist eine Teildisziplin der Soziolinguistik und beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Geschlecht. Themenbereiche sind neben der Art und Weise wie Frauen und Männer sprechen, auch die Art und Weise wie über sie gesprochen, also wie sprachlich auf sie Bezug genommen wird.7 Der deutsche Sprachgebrauch ist laut der feministischen Linguistik diskriminierend und sexistisch und ͣdie Aufdeckung und Bewertung der sprachlichen Benachteiligung von Frauen“8 ist ein zentrales Anliegen. Mit sexistischem und benachteiligendem Sprachgebrauch ist laut Bochenek unter anderem die Tatsache gemeint, dass ͣmaskuline und feminine usdrücke semantisch asym- metrisch“9 sind, da das Femininum weitaus seltener benutzt wird als das Maskulinum und darum einen niedrigeren Status hat.10 Die Genderlinguistik beschreibt Sprache also nicht nur, sondern übt auch in hohem Maße Sprachkritik aus.

In den 1960er Jahren stellte der amerikanische Linguist William Labov, einer der ersten, der sich mit Gender in Bezug auf Linguistik beschäftigte, eine These auf, die die Grundlage für viele darauffolgende sprachwissenschaftliche Arbeiten werden sollte: Die Sprache von Frauen sei der Standardsprache näher, als die Sprache der Männer.11 Einige Jahre später, 1973, veröffentlichte die Professorin Robin Lakoff ihren Aufsatz Language and Woman’s Place, in dem sie das Englisch von Frauen auf verschiedenen linguistischen Ebenen unter- suchte.12 Sie stellte die Hypothese auf, dass sich Frauen eines Sprachstils bedienen, der sie machtlos wirken lässt.13 Auf die Hypothese Lakoffs wird später noch einmal genauer einge- gangen, denn genau wie die These Labovs, wird sie noch heute als Ausgangsthesen für viele sprachwissenschaftliche Arbeiten genutzt und noch immer stark diskutiert. Die Genderlinguistik verbreitete sich neben den USA vor allem auch in Deutschland. Hier war Ingrid Guentherodt die erste, die 1974 ein Seminar zum Verhalten der Frau in der Sprache hielt.14 Es folgten Ende der siebziger Jahre die ersten deutschen sprachwissenschaftlichen Aufsätze zu diesem Thema, wobei die Professorinnen und Feministinnen Senta Trömel-Plötz und Luise F. Putsch als zwei der wichtigsten Autorinnen und Mitbegründerinnen der feminis- tischen Linguistik in Deutschland zu nennen sind. Beide schrieben in ihren ersten Aufsätzen über die Missachtung und Unterdrückung der Frau in der Sprache.15

Sowohl in den USA, als auch in Deutschland wurden immer mehr Studien bezüglich genderspezifischen Sprechens durchgeführt und einige Aspekte zusammengetragen, in denen sich laut der Genderlinguistik das kommunikative Verhalten von Männern zu dem von Frauen unterscheidet. Auf diese Aspekte, vor allem aber auf das Sprechverhalten von Frauen, möchte ich im nächsten Abschnitt näher eingehen.

4. GENDERLEKTE: MÄNNERSPRACHE - FRAUENSPRACHE

Robin Lakoff beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Language and Woman’s Place sowohl mit dem Sprechverhalten und Sprachgebrauch von Frauen selbst, als auch mit der Art und Weise, wie Frauen in der Sprache repräsentiert werden. Im Folgenden möchte ich mich hauptsächlich mit dem ersten Punkt beschäftigen und sowohl auf Lakoffs Hypothesen, als auch auf die darauf folgenden Reaktionen eingehen.

Lakoff schreibt in ihrem Aufsatz, dass sich Frauen einer Sprache bedienen, die sich durch Un- sicherheit, Schwäche und übermäßige Höflichkeit auszeichnet.16 Sie sprächen auf unterwür- fige Art und Weise, um sich auch bei Gesprächen in ihre untergeordnete Rolle als Frau zu fü- gen, so wie es ihnen in der Regel von der Gesellschaft beigebracht wird.17 Lakoff zeigt insge- samt sieben Hauptpunkte auf, in welchen sich der Sprachstil der Frau von dem des Mannes unterscheidet, und die die Sprache der Frau zu einer unterwürfigen Sprache machen.

1) Frauen nutzen ein bestimmtes Vokabular, das Männer nicht benutzen. Dabei geht es Lakoff vor allem um sogenannte ͣleere djektive“, wie zum Beispiel süß oder entzückend, oder die Tatsache, dass Frauen genauer zwischen Farbtönen unterscheiden.18

2) Frauen benutzen mehr Frageformen und Fraganhängsel, wie zum Beispiel nicht war?, ne?, oder gell?, auch wenn dies nicht notwendig wäre.19 Laut Lakoff tätigt man im Dialog eine Aussage, wenn man sich sicher ist über ein bestimmtes Wissen zum Thema zu verfügen. Eine Frage hingegen stellt man, wenn man eine Wissenslücke hat und der Meinung ist, der Gesprächspartner könne diese Lücke füllen. Fraganhängsel lassen sich zwischen diesen beiden Extremen einordnen, denn sie werden verwendet, wenn der Sprecher eine Aussage macht, sich aber nicht ganz sicher über deren Wahrheitsgehalt ist.20

Durch ein Fraganhängsel wird eine Aussage wage und verliert an Druck. Lakoff interpretiert die häufigere Fraganhängseln-Nutzung von Frauen als eine Art Wunsch nach Zustimmung und Befürwortung, was die Frau in eine untergeordnete Position bringt.21

3) Frauen nutzen höflichere Formen als Männer. Damit mein Lakoff vor allem, dass Frauen mehr Euphemismen und weniger Tabuwörter als Männer gebrauchen und bringt dazu folgendes Beispiel:22

(a) Oh dear, you’ve put the peanut butter in the fridge again.

(b) Shit, you’ve put the peanut butter in the fridge again.23

Lakoff behauptet, dass die meisten Leute Aussage (a) als die Aussage einer Frau und Aussage

(b) als die Aussage eines Mannes identifizieren würden.24 Der Grund dafür liegt laut Lakoff erneut in der Erziehung der Frauen durch die Gesellschaft. Von Frauen wird erwartet ‚lady- like‘ zu sein. Starken Emotionen durch Tabuwörter Ausdruck zu verleihen, sei für eine Frau in den Augen der Gesellschaft nicht angemessen.25

4) Frauen benutzen mehr Heckenausdrücke als Männer. Heckenausdrücke sind Ausdrücke wie zum Beispiel irgendwie, oder so und finde ich, die als sogenannte Unschärfemarkierer dienen. Durch Heckenausdrücke wirkt eine Aussage laut Lakoff, genau wie durch Fraganhängsel, unsicherer und verliert ihre Direktheit.26

5) Frauen bedienen sich einer korrekteren Grammatik als Männer und tun dies laut Lakoff, um mit gebildeterem Sprechen ͣihren niedrigen gesellschaftlichen Stand“27 aufzuwerten.

6) Frauen heben ihre Stimme am Ende einer Aussage oft an. Das Anheben der Stimme ist in vielen Sprachen ein wichtiger Indikator für eine Frage. Genau wie durch Fraganhängsel ver- schiebt sich durch das Anheben der Stimme eine Aussage laut Lakoff also in Richtung einer Frage, womit erneut Unsicherheit und der Wunsch nach Zustimmung deutlich wird.28

(a) When will dinner be ready? (b) Oh͙ around six o’clock?29

7) Frauen benutzen höflichere Formen als Männer. Sie sagen häufiger bitte und danke und benutzen mehr Konjunktivformen.30

Nach der Publikation von Lakoffs Language and Woman’s Place, gab es hauptsächlich zwei Arten von Reaktionen. Auf der einen Seite standen diejenigen, die das Thema nur als neue lächerliche Erscheinungsform der feministischen Paranoia abtaten. Diese Haltung zur Genderlinguistik und zur Debatte um Sprache und Geschlecht gibt es auch heute noch. Im- mer wieder wird das Thema als trivial bezeichnet, belächelt oder einfach ignoriert, was für den amerikanischen Raum noch stärker gilt als für den deutschsprachigen. Auch der Versuch die Geschlechter auf sprachlicher Ebene gleich zu behandeln, sogenannte political co- rectness, wird noch immer gerne als eine Art Modeerscheinung und unnötiges Verändern- wollens des Sprachgebrauchs angesehen.31

Während also das Thema Sprache und Geschlecht, sowie Lakoffs Artikel schon damals von einigen als überflüssig degradiert wurden, gab es trotzdem einige, die begannen sich intensiv mit Lakoffs Thesen auseinanderzusetzen, sie zu untersuchen und zu diskutierten. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Frauen.32 Dies lag vor allem am historischen Kontext des Publikationszeitraums des Artikels, da es sich um die Zeit der sogenannten zweiten feministischen Welle in den USA, die sich auch nach Europa ausbreitete, handelte. Einer der Höhepunkte der feministischen Bewegung.33

Obwohl Lakoffs Artikel weniger auf systematischen Untersuchungen von Sprache, sondern mehr auf ihre persönlichen Eindrücke aufgebaut war, wurden ihre Hypothesen von einigen Wissenschaftlern als in Stein gemeißelt angesehen. Vielleicht aus dem einfachen Grund, da sie das stereotypische Bild von femininer Sprache untermauerten. 1976 legten Siegler und Siegler einigen Studenten sechzehn Sätze vor, von welchen manche Fraganhängsel enthiel- ten und manche nicht. Die Studenten wurden aufgefordert zuzuordnen, ob es sich bei den jeweiligen Produzenten der Sätze um Männer oder Frauen handelte. Tatsächlich wurden die Sätze mit Fraganhängseln meist Frauen zugeschrieben, die ohne Fraganhängsel Männern. Das zeigt deutlich die Vorurteile der Gesellschaft gegenüber femininen Sprechverhaltens auf, jedoch unterstützt es nicht die Annahme, dass Frauen tatsächlich mehr Fraganhängsel be- nutzen.34

Erst nach und nach sprießten in den drauffolgenden Jahren einige empirische Untersuchungen aus dem Boden, die versuchten den Wahrheitsgehalt von Lakoffs Hypothesen zu untersuchen. Gegenstand der Untersuchungen sind dabei einerseits die Frage, ob Frauen die von Lakoff aufgelisteten sprachlichen Elemente wirklich häufiger benutzen als Männer, andererseits die Frage, ob die im Aufsatz genannten sprachlichen Mittel wirklich die Funktionen haben, die Lakoff ihnen zuschreibt.35

Hat zum Beispiel ein Fraganhängsel wirklich nur die Funktion des Ausdrucks von Unschlüssig- keit und Unsicherheit, oder steckt vielleicht noch mehr dahinter? Janet Holmes, eine Linguis- tin aus New Zealand, macht deutlich, wie wichtig es ist zwischen Fraganhängseln zu unter- scheiden. Laut ihr gibt es auf der einen Seite die referentiellen, auf der andere Seite die af- fektiven Anhängsel. Referentielle Fraganhängsel signalisieren, wie auch von Lakoff behaup- tet, Unsicherheit über die gerade getätigte Aussage und deren Informations- und Wahrheits- gehalt.36

Bei affektiven Fraganhängseln dagegen unterscheidet Holmes noch einmal zwischen zwei Ar- ten: Den facilitative (erleichternden) und den softening (abschwächenden) Anhängseln. Die erleichternden Fraganhängsel drücken Solidarität aus und werden meist verwendet, um den Gegenüber dazu zu ermutigen etwas zum Gespräch beizutragen. Die abschwächenden Fraganhängsel dagegen werden laut Holmes benutzt, um Kritik oder Befehlen ihre Bedroh- lichkeit zu nehmen.37

(a) Referentiell: Männer benutzt auch Fraganhängsel, nicht wahr?38
(b) Affektiv-erleichternd: Es geht um deinen Rücken, oder?39
(c) Affektiv-abschwächend: Das war dumm, nicht wahr?40

Holmes fand durch Sprachproben heraus, dass Frauen tatsächlich mehr Fraganhängsel be- nutzen als Männer, was Lakoffs Hypothese zunächst unterstützen würde, allerdings benutz- ten die Frauen in Holmes Studie hauptsächlich affektiv-erleichternde Fraganhängsel, welche keine Unsicherheit, sondern Solidarität ausdrücken und den Gesprächspartner zur Teil- nahme am Gespräch motivieren sollen. Im Gegensatz dazu waren die von Männern genutz- ten Fraganhängsel meist referentieller, also unsicherer Art.41 Nicht nur von Holmes, sondern auch von anderen Sprachwissenschaftlern wird in den letzten Jahren immer wieder behaup- tet, dass die Sprache von Frauen generell einfühlsamer sei und Frauen mehr auf ihre Ge- sprächspartner eingingen als Männer. Während Lakoff das weibliche Sprechverhalten haupt- sächlich als negativ und schwach bezeichnete, sahen und sehen es andere also in einem et- was positiveren Licht. So gesellte sich zu dem Bild von einer sprachlich untergeordneten Frau und eines sprachlich übergeordneten Mannes, langsam das Bild einer kooperativen rück- sichtsvollen Frau und eines Wettbewerb orientierten Mannes.42

Während es bezüglich Fraganhängsel einige Studien gibt, gibt es laut Coates erstaunlich we- nige Studien zu Heckenausdrücken, die von Lakoff ebenfalls als ein Zeichen der Unsicher ge- sehen werden. In einer Studie von Bent Preisler im Jahr 1986, wurden verschiedene Klein- gruppen, manche von ihnen gleichgeschlechtlich, andere gemischtgeschlechtlich, beim Diskutieren über kontroverse Themen, wie zum Beispiel Gewalt im Fernsehen, beobachtet. Man kam zum Schluss, dass die Frauen beim Hervorbringen ihrer Argumente tatsächlich weitaus mehr Heckenausdrücke verwendeten, als die Männer.43

Wie bei Fraganhängseln war es erneut Holmes, die begann einzelne Arten von Heckenaus- drücken zu unterscheiden. Sie bezieht sich dabei unter anderem auf den im Englischen häu- fig benutzten Heckenausdruck you know (weißt du) und unterscheidet zwei Arten der Benut- zung, vor allem anhand der Intonation. Die eine Art drückt Sicherheit und Bestimmtheit aus, die andere Art Unsicherheit. Bei der letzteren Art, wird die Stimme bei der Aussprache des Heckenausdrucks angehoben. Auch hier kommt Holmes zu dem Schluss, dass Frauen diesen Heckenausdruck eher benutzen, um Sicherheit ausdrücken. Männer dagegen benutzen ihn eher, wenn sie unsicher sind.44

Dies widerlegt also erneut eine der Hypothesen Lakoffs, wenn auch nur in diesem bestimm- ten Fall. Zumindest zeigt es auf, dass man auch bei Heckenausdrücken verschiedene Arten unterscheiden kann und sollte, bevor man ihnen eine bestimmte Funktion zuschreibt. Ein weiterer erwähnenswerter Punkt in Holmes Studie ist, dass die Frauen hier, im Gegen- satz zu der Studie von Preisler, Heckenausdrücke nicht häufiger verwendeten als Männer. In ihrer Studien verwendeten Männer und Frauen den Heckenausdruck you know gleicherma- ßen oft.45

Dagegen stehen allerdings die Behauptungen einiger anderer Forscher auf dem Gebiet, de- ren Studien belegen, dass bestimmte Heckenausdrücke tatsächlich öfter von vor allem jun- gen Frauen verwendet werden. Laut Coates könnte der Grund hierfür bei der Themenwahl für Gesprächen liegen. Ihrer Meinung nach vermeiden Männer, anders als Frauen, oftmals sensible Themen und bevorzugen es über unpersönliche Dinge zu reden. Wenn sensible und persönliche Themen diskutiert werden, sind Heckenausdrücke essentiell, um den Druck eige- ner Aussagen zu mildern, und so niemandem zu nahe zu treten und niemandem zu verlet- zen.46

Lakoffs These dass Frauen weniger Tabuwörter benutzen als Männer, wurde von mehreren Studien bestätigt. In einer Untersuchung von Isabel Gomm im Jahr 1981, in der Gespräche von Männern und Frauen aufgenommen wurden, stellte sich heraus, dass Männer nicht nur öfter fluchen und Tabuwörter benutzen, sondern dies auch um einiges häufiger tun, wenn die Unterhaltung in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe stattfindet, also keine Frauen anwesend sind. Genauso benutzten in Gomms Studie auch Frauen häufiger Tabuwörter, wenn die Unterhaltungen in gleichgeschlechtlichen Gruppen stattfanden.47

Auch Lakoffs These, dass Frauen genauer zwischen Farbtönen unterscheiden als Männer, wurde von einer Studie belegt.48

Auf diese Weise wurde und wird Lakoffs Werk noch immer häufig diskutiert und kritisiert. Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass Lakoff impliziert die Sprache der Frau sei eine fehler- hafte Variante der effektiveren männlichen Sprechweise. Sie impliziert also, dass mit der ‚Frauensprache‘ etwas nicht stimmt und es die Aufgabe der Frau sei dies zu ändern. Weiter wird kritisiert, dass Lakoff, wie oben erwähnt, ihre Aussagen nicht auf empirische Studien stützt, sondern weitestgehend ihre eigenen alltäglichen Erfahrungen als Grundlage für ihre Arbeit nahm.49

Talbot weist daraufhin, dass Lakoffs Spekulationen trotz allem sehr wertvoll sind, da sie damit den Ball der Diskussion um das Sprechverhalten von Mann und Frau ins Rollen gebracht hat.50 Sie regte zum Nachdenken an und bereitete die Grundlage für unzählige weitere Arbeiten in diesem Bereich. Noch heute hat sie großen Einfluss auf diesem Gebiet und veröffentlicht Arbeiten, in welchen sie ihre Ideen verfeinert und weiterentwickelt.51

Nach Lakoffs Aufsatz, begannen viele weitere Wissenschaftler auf diesem Gebiet zu forschen und arbeiteten weitere Merkmale weiblichen Sprechverhaltens heraus. Die deutsche Linguistin Suanne Günther schreibt zum Beispiel, dass Frauen sich öfter entschuldigen als Männer.52 Dies unterstützt die Hypothese einer sprachlich höflicheren Frau. Jennifer Coates diskutiert in ihrem Buch Women, Men and Language, neben den schon von Lakoff erwähnten Elementen Fraganhängsel, Heckenausdrücke und Tabuwörter, zusätzlich die drei folgenden Elemente in Bezug auf weibliches Sprechverhalten:

1) Ausdrücke, die sie ‚minimal responses‘, also ‚minimale Antworten‘ nennt. Gemeint sind Ausdrücke wie hmhm, oder ja, die der Zuhörer im Gespräch von sich gibt, um seine Aufmerksamkeit oder Befürwortung gegenüber des Sprechers zu signalisieren. Laut Coates benutzen Frauen minimale Antworten häufiger als Männer.53
2) Neben Fraganhängseln benutzen Frauen laut Coates auch Ja- oder Nein-Fragen öfter als Männer, was ihre untergeordnete Position im Gespräch unterstreiche, da sie von Unsicherheit zeugen. Sie weist allerdings auch darauf hin, dass manche Arten von Fragen durchaus mit dominantem Sprechverhalten in Verbindung gebracht werden können, da ein Gepsräch durch Fragen gelenkt werden kann.54
3) Befehle und Anweisungen: Hier wird nicht explizit erwähnt, dass Männern mehr Befehle oder Anweisungen geben als Frauen, allerdings unterscheidet sich die Art und Weise des Ausdrückens der Befehle laut Coates. Sie führt hier eine Studie von Goodwin an, in welcher Jungs in gleichgeschlechtlichen Spielgruppen hauptsächlich direkte Befehle geben, Mädchen ihre Befehle dagegen häufig in indirekten und abgeschwächten Formen verpacken.55 Sie führt folgende Beispiele an:

Jungs: Gimme the pliers!56 (Gib mir die Zange!)

Mädchen: Let’s ask her‚ do you have any bottles?‘57 (Lasst uns sie fragen ‚Hast du noch Fla- schen?‘)

Die Form let’s, also lasst uns, bezieht die Sprecherin in die Handlung mit ein und macht eine Forderung eher zu einem Vorschlag. Genauso verhält es sich mit den modalen Hilfsverben can (kann) und could (könnte), die die weibliche Testpersonen in der Studie ebenfalls häufig gebrauchten: We could go around looking for more bottles.58 (Wir könnten umhergehen und nach mehr Flaschen suchen.) Männliche Testpersonen nutzten solche Formen kaum. Dies deutet laut Goodwin darauf hin, dass Jungs gerne Kontrolle und Herrschaft demonstrieren, indem sie direkte Befehle benutzten, während Mädchen sich darum bemühen ein gleichbe- rechtigtes Miteinander aufzubauen.59

[...]


1 Vgl. Wardhaugh 2006, S. 315

2 Ebd.

3 Vgl. Lakoff/ Bucholtz 2004, S. xiii

4 Zimbardo/ Gerrig 2008, S. 34

5 Vgl. ebd.

6 Bösefeldt 2010, S. 33

7 Vgl. Bochenek 2010, S. 8

8 Ebd., S. 8

9 Ebd.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. Mironovschi 2009, S. 29

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. Günthner/ Kotthoff 1991, S. 17

14 Vgl. Bochenek 2010, S. 7

15 Ebd.

16 Vgl. Talbot 2010, S. 36

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Lakoff/ Bucholtz 2004, S. 43ff

19 Vgl. Günthner/ Kotthoff 1991, S. 18

20 Vgl. Lakoff/ Bucholtz 2004, S. 48

21 Vgl. Talbot 2010, S. 37

22 Ebd.

23 Lakoff/ Bucholtz 2004, S. 44

24 Vgl.ebd.

25 Vgl. ebd.

26 Vgl. Günthner/ Kotthoff 1991, S. 18

27 Ebd.

28 Vgl. Talbot 2010, S. 37

29 Lakoff/ Bucholtz 2004, S. 50

30 Vgl. Lakoff/ Bucholtz 2004, S. 50f

31 Vgl. Eigler 2002, S.45f

32 Vgl. Eckert/ McConnell-Ginet 2013, S. 37

33 Vgl. ebd.

34 Vgl. Coates 2004, S. 90

35 Vgl. Eckert/ McConnell-Ginet 2013, S. 38

36 Vgl. Eckert/ McConnel-Ginet 2013, S.38f

37 Vgl. Eckert/ McConnel-Ginet 2013, S. 39

38 P. Eckert/S. McConnell-Ginet

39 Ebd.

40 Ebd.

41 Ebd.

42 Vgl. Eckert/ McConnel-Ginet 2013, S.38

43 Vgl. Coates 2004, S.88

44 Vgl. Coates 2004, S.89

45 Vgl. ebd.

46 Vgl. Coates 2004, S.90

47 Vgl. Coates 2004, S.97

48 Vgl. Speer 2005, S.36f

49 Vgl. ebd.

50 Vgl. Talbot 2010, S.41

51 Vgl. Speer 2005, S.37

52 Vgl. Günthner/ Kotthoff 1991, S.18

53 Vgl. Coates 2004, S.87

54 Vgl. Coates 2004, S.93

55 Vgl. Coates 2004, S.94f

56 Coates 2004, S.95

57 Coates 2004, S.95

58 Ebd.

59 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Genderspezifisches Sprechverhalten. Sind weibliche Figuren in Animationsfilmen das linguistisch unterlegene und höflichere Geschlecht?
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Germanistik)
Veranstaltung
Sprache in Interaktion
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
42
Katalognummer
V338082
ISBN (eBook)
9783668274891
ISBN (Buch)
9783668274907
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Geschlecht, Sprechverhalten, Kommunikation, weiblich, disney, findet, nemo, arielle, die, meerjungfrau, genderlinguistik, soziolinguistik, sprache
Arbeit zitieren
Lisa Henigin (Autor), 2016, Genderspezifisches Sprechverhalten. Sind weibliche Figuren in Animationsfilmen das linguistisch unterlegene und höflichere Geschlecht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338082

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