Königin Europa. Eine edle Dame

Neuzeitliche Darstellungen und Vorstellungen Europas


Studienarbeit, 2012
11 Seiten, Note: 1
Clara Omag (Autor)

Leseprobe

Königin Europa – eine edle Dame

Neuzeitliche Darstellungen und Vorstellungen Europas

Denkt man heute an den Ursprung Europas, kommen schnell Assoziationen mit dem antiken Mythos auf. Dieser besagt – wenn auch in vielen Versionen etwas anders – dass Zeus sich in Europa, die Tochter Phoinix verliebte. Er verwandelte sich in einen Stier und raubte Europa, die am Strand spielte. Europa gebar Zeus drei Söhne. Später heiratete sie den König Kretas, der ihr und ihren Kindern sein Reich vermach. Dieser Mythos wurde nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Kunst oft dargestellt. So war die Europa-Darstellung in der Antike weit verbreitet, allerdings ist es unklar, inwiefern diese Bildtradition im Mittelalter noch bekannt war. Jedoch ging der Mythos nicht verloren und erlebte im Spätmittelalter eine Renaissance, wobei er allerdings christlich interpretiert wurde. In der frühen Neuzeit wird der Mythos wieder sehr häufig abgebildet und zierte Gemälde, Graphiken und Skulpturen. Und genau in dieser Zeit setzt dieser Arbeit an.[1]

Das 16. Jahrhundert brachte viele grundlegende Veränderungen mit sich. Die Entdeckung Amerikas führte zu einer immensen Expansion Europas, das aber gleichzeitig durch die Reformation und die ständige Bedrohung der Osmanen im Osten des Reichs von Karl V. geschwächt war. Das Europathema erhielt nun wieder eine besondere Bedeutung, was unter anderem auch mit dem Wiederaufkommen der Metamorphosen Ovids zusammenhängt. Europa sollte ein neues Gesicht gegeben werden und zwar jenes einer überlegenen Königin, der sich die anderen Kontinente unterwerfen. Gemälde und Kupferstiche des Europathemas wurden angefertigt aber auch viele Landkarten, Atlanten und geographische Werke.[2] In dieser Arbeit sollen nun zwei Europa-Darstellungen der Neuzeit genauer erklärt werden: die in der Sebastian Münsters Kosmographie abgebildete weibliche Europakarte und die Erdteilallegorie der Europa, die den Frontispiz des Theatrum Europaeum von Mattheus Merian ziert. Anhand dieser soll die weibliche Darstellung Europas als geographische Karte sowie als künstlerisches Werk erklärt, gedeutet und auch schlussendlich auch miteinander verglichen werden.

Europa – eine triumphierende Königin

Die erste Repräsentation Europas als Frau bildet die Karte von Opicinus de Canistris, die Anfang des 14. Jahrhunderts entstanden ist. Da es sich dabei aber nur um eine vereinzelte Version handelt, kann ihre Überlieferung in die Neuzeit nicht nachgewiesen werden. Die erste Karte, die Europa als Jungfrau oder als Königin zeigt, erschien 1537 bei Johannes Putsch. Eine ähnliche Karte findet man dann in der Kosmographie von Münster. War in den ersten beiden Baseler Versionen von 1544 und 1548 nur andeutungsweise von Europa als Königin die Rede, erschien in der Ausgabe von 1550 erstmals eine kleine weiblich stilisierte Europakarte. Ab 1588 wurde diese dann mit einer der Karte von Putsch sehr ähnlichen Karte Europas als Königin ersetzt.[3] Die Karte, die Zeitgenossen als Europa in forma virginis bezeichneten, wurde der am Buchanfang gedruckten geographischen Europakarte nachgeordnet, wodurch ihre Wichtigkeit sichtbar gemacht wird. Sie beschrieb die Eigenschaften Europas wie das milde Klima oder den Reichtum und steht so als künstlerische Ausformung der wissenschaftlich-geographischen Karte gegenüber.[4] Ein Jahr später fand sie dann auch den Weg in Heinrichs Büntings Itinerarium sacrae scripturae.

Münsters und Büntings Karte war auch über die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches hinweg verbreitet. Die Illustration der Europa-Imago[5] birgt im Blick auf ihre weite Verbreitung und Rezeption eine beachtliche Macht. Dies könnte durchaus an der Darstellung des neuzeitlichen Europas als Körpermetapher liegen, die politisch-gesellschaftliche Einheit verkörpert. Laut den Untersuchungen von Koschorke et al. ist diese Metapher wichtig für die Selbstvergegenwärtigung von Kollektiven. Denn gesellschaftliche Ordnungen seien fiktiv, weshalb der Wunsch nach körperlicher Konkretisierung auftrete, um so die Verständigung zu erleichtern.[6]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung1: Europa in forma virginis, in: Sebastian Münster, Cosmographia Universalis, Basel 1588. auch in: Wolfgang Schmale, Geschichte und Zukunft Europas, S. 64.

Bevor nun aber diese Karte im Detail besprochen wird, soll zuerst geklärt werden, warum die weibliche Form für eine Darstellung des Kontinents Europas verwendet wurde. Schmale betont, dass sich die Festschreibung der weiblichen Form nur teilweise aus dem grammatikalischen Geschlecht von Erteilen ergibt, denen in der Antike weibliche Namen gegeben wurden. Vielmehr wurde der Kontinent von den männlichen Eroberern als „Weib“ wahrgenommen. Fremde Welt wird hier mit wilder Frau assoziiert und weckt die Lust des Eroberers. Die Europa Münsters und Büntings war sicherlich keine wilde Frau, aber sie ruft die Bedeutung von Fremdheit hervor, was wiederum auf die Lust der Erkundung und Eroberung hindeutet.[7] Darüber hinaus argumentiert auch Wenk, dass das Körperliche und die Natur auch in der abendländischen Geschlechterideologie mit dem Weiblichen verbunden werden.[8]

Werner bezeichnet diese Karte als Urtyp einer neuen Europadarstellung. Die kartographische Ansicht des Kontinents Europa verschmilzt mit einer Frauenfigur zu einer repräsentativer Königindarstellung. Das gekrönte Haupt bildet die iberische Halbinsel, den Oberkörper Frankreich, das Heilige Römische Reich mit Böhmen als Herz bildet den Oberkörper, und der lange Rock umfasst die baltischen Länder, Bulgarien, Russland und Griechenland. Asien und Afrika aber ragen undifferenziert links und unten in das Bild; Amerika als vierter Kontinent ist nicht dargestellt. Rechts ist das von Europa getrennte Skandinavien teilweise erkennbar. Durch die Machtsinsignien der karolingischen Bügelkrone, des Reichsapfels und des Zepters kann die Figur als Repräsentantin des Kaisertums verstanden werden, die das ganze christliche Europa, die res publica christiana umschließt. Die Karte reflektiert demnach das Ideal einer Interessensgemeinschaft, die in Frieden zusammenlebte und im Glauben verbunden war – denn die politische Einheit aller Christen bildete die Grundlage des Heiligen Römischen Reichs.[9]

Diese politisch-propagandistische Botschaft stellt nach Schmale eine erste Bedeutungsebene dar. Die Karte entstand im Umfeld der Habsburger, weshalb man die Frauengestalt als Gemahlin Karls V. bzw. in späteren Versionen als Verlobte Rudolfs II. gedeutet hat. So nahm Karl V. bzw. Rudolf II. die Christliche Republik zur Frau. Damals war es eine verbreitete Vorstellung, dass das Königreich die Braut des Herrschers sei und somit kann man hier eine zweite Bedeutungsebene deuten.[10] Die Darstellung als Braut wird noch dadurch verstärkt, dass das Haupt Europas nach links geneigt ist; in den damaligen Darstellungskonventionen von Ehepaarbildnissen stand die Frau üblicherweise links vom Mann und wendete sich ihm zu. Diese Deutung wird zusätzlich noch durch die Geste ihrer rechten Hand betont, die den Reichsapfel dem Mann anzubieten scheint.[11]

Eine weitere Bedeutungsebene findet sich bei Schmale in der Gleichsetzung Europas mit dem Garten Eden. In der Karte wird die Königin Europa von allen Seiten vom Wasser umspült und ihre Grenzen somit klar definiert. Diese Abgrenzung kann mit der Paradiesmauer in gängigen Vorstellungen des Gartens Eden übertragen werden. Die weibliche Form unterstützt diese Abgrenzung noch zusätzlich, da mit Weiblichkeit die Vorstellung eines umschlossenen Raumes assoziiert wurde. Die Donau, die sich durch das Bild zieht, repräsentiert den Paradiesstrom und genauso wie der biblische Mutterstrom teilt sich auch die Donau am Ende mehrmals: in einigen Versionen verzweigt sie wie der Paradiesfluss in vier Arme, in anderen in mehrere. Wie der Garten Eden war auch Europa sehr fruchtbar. Durch diese biblische Anspielung scheint Europa von Gott auserwählt zu sein.[12] Die Tatsache, dass Europa als junge Frau in dieser Karte vom Wasser umspült ist, verweist laut Werner indirekt auf den Europa-Mythos, in dem Zeus Europa über das Meer in ein anderes Land entführte, das später nach ihr benannt werden sollte.[13]

So kann man an dieser Diskussion erkennen, dass Europakarten immer eine Repräsentation des Kontinents und dessen Wahrnehmung sind. An der Karte der Europa‑Imago tritt der zeitgenössische Blick auf Europa klar hervor. Europa ist eine Königin, erhaben und überlegen. So unterstützen Karten ein genaueres Bewusstsein von Europa, aber letzten Endes zeigt auch die Kartographie, dass Europa eine Idee ist, eine Vorstellung, die immer neu formuliert wurde und die räumliche Dimension dem zeitlichen Wandel unterliegt. So war Europa als Erdteil in der Frühen Neuzeit durchaus aus wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Gründen wichtig, die Frage von Macht und deren Repräsentation nach außen stand aber häufig im Vordergrund.[14]

Voller Erhabenheit und Macht: Europa in der Erdteilallegorie der Frühen Neuzeit

Die Erdteilallegorie kam eigentlich erst im 17. Jahrhundert auf und war ein beliebtes Thema der barocken Kunst. Das Thema der Erdteile ist aber keineswegs ein neues, denn die Einteilung der Erde in Kontinente wurde schon in der Antike vollzogen. Bereits in der antiken Kunst waren diese Darstellungen eng an politische Verhältnisse geknüpft und erklärten die Suprematie Roms. Die Darstellung als hoheitliche weibliche Personifikationen mit Attributen fand auch ihren Weg in die neuzeitliche Kunst.[15]

[...]


[1] Wolfgang Schmale, Europa – die weibliche Form, in: L’Homme Z.F.G. 11,2 (2000), S. 215f.

[2] Christian de Bartillat/Alain Roba: Métamorphoses d’Europe. Trente siècles d’iconographie, Entrepilly 2000, S. 58 ; S. 62.

[3] Schmale, Geschichte Europas, Wien 2000, S. 68-70.

[4] Elke Anna Werner, Triumphierende Europa – Klagende Europa. Zur visuellen Konstruktion europäischer Selbstbilder in der Frühen Neuzeit, in: Ißler, Roland Alexander/Renger, Almut-Barbara (Hg.), Europa – Stier und Sternenkranz. Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund, Bonn 2009, S. 247.

[5] Dieses Bild wird oft in Publikationen Europa regina genannt. Dies ist aber nach Schmale ein unhistorischer Titel, weshalb er diese in Anlehnung an Laguna als Imago bezeichnet. Diese Bezeichnung der Europa-Imago wird zur genaueren Bestimmung und besseren Abgrenzung auch in dieser Arbeit verwendet (vgl. Schmale, Geschichte und Zukunft der Europäischen Identität, Stuttgart 2008, S. 63f.).

[6] vgl. Koschorke, Albrecht/Lüdemann, Susanne/ Frank, Thomas/Matala de Mazza, Ethel. (Hg.): Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen Körpers in der Geschichte Europas, Frankfurt am Main, 2007, S. 11f.

[7] vgl. Schmale, Die weibliche Form, S. 218; S. 227.

[8] Silke Wenk, Versteinerte Weiblichkeit: Allegorien in der Skulptur der Moderne, Köln 1996, S. 101.

[9] Werner, Triumphierende Europa, S. 243f.

[10] Schmale, Geschichte und Zukunft der Europäischen Identität, Stuttgart 2008, S. 64f.

[11] Werner, Triumphierende Europa, S. 245.

[12] Schmale, Geschichte und Zukunft, S. 65.

[13] Werner, Triumphierende Europa, S. 245.

[14] vgl. Stråth, Bo: Karten – Repräsentationen Europas aus vier Jahrhunderten, in: Hohls, Rüdiger/Schröder, Iris/Siegrist, Hannes (Hg.), Europa und die Europäer. Quellen und Essays zur modernen europäischen Geschichte, Stuttgart 2005, S. 237-240.

[15] Sabine Poeschel, Primadonna Europa: Prinzessin und Königin, in: Ißler, Roland Alexander/Renger, Almut-Barbara (Hg.), Europa – Stier und Sternenkranz. Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund, Bonn 2009, S. 266; S. 274.

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Details

Titel
Königin Europa. Eine edle Dame
Untertitel
Neuzeitliche Darstellungen und Vorstellungen Europas
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Quellen und Methoden der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Europaforschung
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V338279
ISBN (eBook)
9783668279940
ISBN (Buch)
9783668279957
Dateigröße
1243 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Europa, Europa Darstellungen
Arbeit zitieren
Clara Omag (Autor), 2012, Königin Europa. Eine edle Dame, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338279

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