Psychoanalyse als Immoralismus. Zur Freudschen Relativierung der Moral


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

24 Seiten, Note: 1,00

Daniela Schneider (Autor)


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Freuds “Genealogie der Moral”
2.1 Die individuelle Psyche
2.2 Selbsterkenntnis als Illusion. Lacans Spiegelstadium
2.3 Anthropologie und Psychoanalyse

3.Psychoanalyse und (Im)Moralismus

4.Fazit

5.Literatur.

Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen, können wir all denen, we lche, in ih re m sittlichen Be wusstsein erschüttert, geklagt haben,

es muss doch ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiss, und dies ist das höhere Wesen, das Ich-Ideal oder Über-Ich, die Räprezentanz unserer Elternbeziehung.1

1. Einleitung

Die Aktualisierung der Frage nach der Moral bzw. nach den Prinzipien, die einem guten Leben zugrunde liegen, sowie nach einer ange messenen Beweisführung dafür, was die moralischen Werte angeht, fallen mit der Auslösung der Säkularisierung zusammen. Während die Befreiung des Individuums von der kirchlichen Autorität eine neue Freiheit mit sich brachte, ist die Tatsache nicht zu übersehen, dass man in ein anderes Extrem gefallen ist, indem der Vernunft das volle Vertrauen geschenkt wurde. Damit in Verbindung steht der Versuch, der Moral auch einen rationalen Boden aufzubauen, welcher ihre Allgemeingültigkeit sichert. Das Scheitern dieses Versuchs hängt vor allem damit zusammen, dass man die Subjektivität von der Ratio aus verstanden, und den Agenten einer Tat mit seinem rationalen Wesen identifiziert hat. Die Psychoanalyse hat das Gegenteil erwiesen und trägt in diesem Zusammenhang den Verdienst, den Mythos der menschlichen Vernünftigkeit zerbrochen zu haben.

Jeder Paradigmenwechsel bringt die Revision der gebräuchlichen Moral mit sich. Somit ist die Überwindung der modernen Vorstellung eines kartesischen Subjekts mit einer Reihe (meta)moralkritischen Überlegungen verbunden. Während die Aufklärung die moralischen Prinzipien mithilfe der Vernunft ableiten wollte, um auf apriorische, naturgesetzmäßige Regeln kommen zu können2, sprengt die Postmoderne diese Vorstellung in die Luft, indem öfters behauptet wird, dass die Verhaltensregeln, das Schuldbewusstsein, das Gewissen usw. - alle Begriffe, die der Moral eigen sind - soziologisch, kulturell oder psychisch bedingte Konstrukte darstellen, welche die Notwendigkeit der Moralvorstellunge n nur scheinbar ergründen.3

Diese Arbeit setzt sich zum Ziel eine Analyse dessen zu vollziehen, wie die Psychoanalyse die Entstehung moralischer Vorstellungen zürückverfolgt. Im ersten Teil wird ein Abriss Freudscher Kulturtheorie sowie einer dazu passenden Lacanschen Kritik dargelegt, um darauf aufbauend, eine Brücke zur metaethischen Bedeutung des psychoanalytischen Ansatzes zu schlagen.

2. Freuds „Genealogie der Moral“

Der Systembildung der Psychoanalyse nach ist die eigentliche Motivation der menschlichen Handlung meist auf unbewusste Triebe zurückzuführen, die aus den tiefgreifenden Energien von Eros und Thanatos strömen. Die rationale Motivierung ist hingegen nur ein Schein, der vielmehr hinter sich verbirgt als zutage stellt.4 Die Art und Weise, wie man die eigene Handlung motiviert, schlägt eine Brücke zu den Moralvorstellungen, im Bezug auf die diese Taten gewertet werden. Was man aber in diesem Kontext als moralisches Kriterium ansieht, ist für die Psychoanalyse Zusammenlebens von Individuen in einer Gemeinschaft dar, die ihrerseits durch die individuelle Psychologie geprägt wird.5

Totem und Tabu versteht sich als Versuch, eine sogenannte “Archäologie” der Sitte, Gesellschaft und Religion zu vollziehen. In diesem Sinne steht die Abhandlung der Nietzscheanischen Genealogie der Moral nahe. Im Unterschied zu Nietzsche aber, der die Moral als Äußerung des Willens zur Macht relativiert6, gründet Freud seine Überlegungen auf die Ergebnisse der klinischen Psychoanalyse und zieht somit eine Analogie zwischen der psychischen Entwicklung des Individuums und derjenigen der Zivilisation.

Einerseits bringt der Psychoanalytiker die These hervor, dass die Libidoentwicklung des Einzelnen durch drei grobe Stationen zu charakterisieren sei: die anfängliche Phase des Narzissmus, die Verschiebung der Libido auf ein Objekt und schließlich die Anpassung zur Realität; diese Entwicklungsphasen seien in der Kulturgeschichte dur ch drei andere große Stadien wiedergespiegelt: den Animismus, die religiöse und die wissenschaftliche Phase.7 Eine damit zusammenhängende These ist, dass die Gesellschaft, Sitte und Religion auf einen ursprünglichen Vatermord gründen. Auch hier schlägt Fre ud eine Brücke zwischen den Mechanismen einer individuellen Psyche (mit Akzent auf den Ödipuskomplex) und den Folgen für die Massenpsychologie, sowie der Kristallisierung einer Moralität, die die Gesellscha ft zusammenhält vor.

Bevor die stillschweigenden Annahmen dieser Thesen hinterfragt werden, ist zunächst eine Erläuterung psychologischer Mechanismen des Einzelnen, sowie der Art und Weise wie sich diese in der Psychologie der Massen möglicherweise verlegen konnten erforderlich. Der folgende Abschnitt beschäftigt sich demnach mit den Mechanismen und Strukturen, die der psychischen Entwicklung des Einzelnen zugrunde liegen, bis hin zur Ausbildung des Über-Ichs und seiner moralischen Funktion.

2.1 Die individuelle Psyche

In seinem ursprünglichen Zustand verspürt das Kind keinen Unterschied zwischen sich und der Umwelt bzw. es besteht kein Subjekt-Objekt Zwiespalt. Dementsprechend äußert sich seinSelbsterhaltungsinstinkt in der bewusstlosen Aufnahme der Nahrung und Sorge, die sich ihm vonselbst anzubieten scheinen. Freud identifiziert in diesem Zustand die Stadie des Autoerotismus,welche nur durch Ichtriebe charakterisiert wird. Ohne dass das Kind die äußeren Instanzen alsvon sich unterscheidbare Wesen wahrnimmt, werden seine Wünsche bedingungslos undunmittelbar erfüllt. Dieser Zustand führt zur sogenannten „Allmacht der Gedanken“: das Kindnimmt die ganze Konstellation so wahr, als ob seine Gedanken/Wünschen die Realität unmittelbar beeinflussen könnten. Daraus entwickelt sich ferner der primäre Narzis smus, in demdie libidinösen Regungen auf das Ich selber gerichtet werden.8 Dieser wird aus logischenGründen vorausgesetzt und nicht therapeutisch belegt. Seine Existenz schließt sich daraus, dasssich die Libido ökonomisch indirekt proportional zwischen dem Subjekt und seinen Objektenverteilt, und im Falle einer gescheiterten Objektbindung in das Ich zurückgezogen wird, was zurAusdehnung der Ichgröße (bzw. zur Entstehung des sekundären Narzissmus) beiträgt.9

Wie zuvor angedeutet, wird die Stadie des primären Narzissmus durch die Verschiebung derLibido auf ein Objekt abgelöst. Dies geschieht als Folge einer anfänglichen Erschütterung der„Allmacht der Gedanken“: dem Kind wird bewusst, dass die Erfüllung seiner Wünsche vonäußeren Instanzen abhängt, die sich zeitweise entziehen. Gerade durch den Entzug steigt d ieBegierde und Schätzung diesen Instanzen gegenüber, was ihre Idealisierung zur Folge hat.Zunächst wird das Ich selber idealisiert (was in Verbindung mit der Allmacht der Gedankensteht), solange das Kind nicht versteht, dass die Befriedigung von Außen kommt. Wenn diespassiert, verschiebt das Kind sein Ideal auf die äußeren Instanzen. (Wenn man in diesemZusammenhang vom Kind spricht, so hat man das männliche Wesen im Hinterkopf - eineTatsache, die sich aus dem androzentrischen Kontext in dem Freud schreibt, ergibt und die alseine der Schwächen seiner Theorie kritisiert wurde.10 ) Folglich verschiebt sich die Libido desmännlichen Kindes in diesem Fall auf die Mutter, denn diese erfüllt primär die nährende undpflegende Rolle, bzw. die Erfüllung seines Selbsterhaltungsintinkts und den damit verbundenenWünschen wird von ihr gesichert. Allerdings kann diese Funktion auch von anderen Personenerfüllt werden, und die können ihrerseits als Libidoobjekte in diesem Sinne gelten.

Mit dieser ursprünglichen Libidobesetzung der Mutter/nährenden Person tritt das Kind in diePhase des Ödipuskomplexes ein. Der Vater, welcher ebenso die Fürsorge und Liebe der Mutterbekommt und als Ursache des Entzugs vom Kind gesehen wird, gilt in diesem Zusammenhangals Konkurrent. Gleichzeitig aber wird er auch idealisiert, weil er Eigeschaften besitzt, die ihn inden Augen der Mutter liebenswert machen und folglich notwendig zu sein scheinen, um von ihrauch geliebt zu werden. Somit bildet sich die Ambivalenz der Gefühle für den Vater heraus.

Als Folge der Objektbindung und der damit verbundenen Idealisierung entsteht das Ich-Ideal. Inder oralen Phase der Libidoentwicklung sind Objektbesetzung und Identifizierung nicht zuunterschieden: wenn das Libidoobjekt aufgegeben werden muss (und in dieser Phase wird esnotwendigerweise aufgegeben), werden seine Eigenschaften introjiziert. Somit wird der Verzichtauf das Objekt psychisch erleichtert, indem das Ich sich selbst als dessen Ersatz anbietet und zurnarzisstischen Phase zurückkehrt.11 Auch wenn die ersten Objektbindungen die Oberhand in derGestaltung der Persönlichkeit haben, sind auch spätere Besetzungen für die Ausbildungpersönlicher Eigenschaften relevant. Das Ich-Ideal bzw. Über-Ich ist somit die Summe der imLaufe des Lebens vollzogenen Identifizierungen und gilt als Maßstab für die Selbstschätzung desIchs.12 Aufgrund dieser privilegierten Position spielt das Über-Ich also die Rolle des Gewissensund nimmt somit die Stellung der individuellen Moralvorstellungen ein.

Die beiden Bezeichnungen, Ideal-Ich und Über-Ich scheinen von Freud synonym verwendet zuwerden. Church schreibt, dass dieser Zwiespalt aus der den Eltern geltenden Ambivalenzherauswächst, denn das Kind bewundert und fürchtet sie gleichzeitig.13 Es ist ersichtlich, dass dasIdeal selber einen strengen Charakter hat, indem man sich selbst die Aufforderung stellt, aufseine Höhe zu steigen, und sich selbst automatisch bestraft (durch Gewissensbisse), wenn dies nicht gelingt:

[...]


1 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Internationaler Psychoanalyticher Verlag. Wien 1923. S.42

2 Beispielweise Kant mit der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

3 vgl. dazu Nietzsches Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral oder Freuds Totem und Tabu

4 vgl. Freud, Sigmund: Totem und Tabu. Nikol Verlag. Hamburg 2014. S.117

5 Paul A. Robert schreibt: „It a lso must be stressed at the outset that Freud's individual psychology itself was never the isolated, hermetically sealed internal system. Introduction to Group Psychology: In the individual's mental life someone else is invariably involved, as a model, as an object, as a helper, as an opponent; and so from the very first individual psychology, in this extended but entirely jus tifiable sense of the words, is at the same time a social psychology as well.“ vgl. Paul, A. Robert: Freud’s anthropology. In: Neu, Jerome (Hrsg.): The Ca mb ridge Co mpanion to Freud. Ca mbridge Un iversity Press. Ca mbridge 2006. SS.267 -286. Hier: S.268

6 vgl. Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral.

7 Robert Paul merkt, dass die erste Formulierung einer möglichen Parallele zwischen Neurose und den kulturellen Phänomenen schon in Zwangsvorstellung und Religionsübungen (1907) vorko mmt. vgl. Paul, A. Robert: Freud’s anthropology. In: Neu, Jerome (Hrsg.): The Cambridge Companion to Freud. Ca mbridge Un iversity Press. Ca mbridge 2006. SS.267 -286. Hier: S.269

8 Somit wird die Absonderung libidinöser Triebe von den Ichtrieben vollzogen. vgl. Zur Einführung in den Narzissmus. Internationaler psychoanalytischer Verlag, Wien 1924. S.6

9 Ebd.

10 Beispielweise von der Feministischen Theorie gesehen: Rohde-Dachser, Christa: Expedition in den dunklen Kontinent. Weiblichke it im Diskurs des Psychoanalyse. Horney, Ka ren: Zu r Genese des weiblichen Kastrationskomple xes. Gast, Lilli: Libido und Narzissmus. Vo m Verlust des sexuellen im psychoanalytischen Diskurs - eine Spurensicherung.

11 Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. Internationaler Psychoanalyticher Verlag. Wien 1923. S.32

12 Ebd. S.33

13 vgl. Church, Jennifer: Morality and the internalized other. In: Neu, Jerome (Hrsg.): The Cambridge Companion to Freud. In : Neu, Jero me (Hrsg.): The Ca mbridge Co mpanion to Freud. Ca mbridge University Press. Ca mbridge 2006. SS. 209-223. Hie r: S.218

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Psychoanalyse als Immoralismus. Zur Freudschen Relativierung der Moral
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,00
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V338388
ISBN (eBook)
9783668281776
ISBN (Buch)
9783668281783
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychoanalyse, lacan, freud, spiegelstadium, libido, moral, realitätsprinzip
Arbeit zitieren
Daniela Schneider (Autor), 2016, Psychoanalyse als Immoralismus. Zur Freudschen Relativierung der Moral, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338388

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