Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns in der Entwicklungshilfe


Hausarbeit, 2016

26 Seiten

Theresa Hoch (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zu Habermas‘ Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“
2.1 Zu den Sprechakten bei Habermas
2.2 Zur Bedeutung von Sprechhandlungen
2.3 Zum Begriff Lebenswelt bei Habermas

3. Über die Ethnologie als selbstreflexive Wissenschaft
3.1 Über Bedeutung und Einfluss von Habermas‘ Theorie innerhalb der ethnologischen Feldforschung
3.2 Wie lassen sich Habermas‘ Theorie und die Ethnologie zusammenbringen?
3.3 Zum Diskurs der herrschaftsfreien Kommunikation in der Ethnologie
3.4 Über Bedingungen und Möglichkeiten der herrschaftsfreien Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Habermas‘ Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“. Neben einer allgemeinen Auseinandersetzung mit der darin vorgestellten Theorie richtet sich die Fragestellung der Arbeit besonders auf die Bedeutung des Werkes für die Ethnologie und in diesem Zusammenhang auch auf Entwicklungszusammenarbeit.

Inwiefern hatte oder hat Habermas‘ Werk Einfluss auf die Ethnologie? Und lässt sich anhand Habermas‘ Theorie vielleicht die Möglichkeit ablesen, innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit herrschaftsfreie Kommunikation zu erzielen?

Zunächst wird Habermas‘ Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“ erläutert. Hier wird eine inhaltliche Übersicht zum Werk dargestellt. Habermas‘ Intention und seine Theorie werden im Einzelnen erörtert. Deutlich werden soll, was Habermas unter kommunikativem Handeln versteht. Die zugehörigen Unterpunkte gehen zudem genauer auf die Bedeutung von Sprechakten, Sprechhandlungen oder die Begriffe von Lebenswelt und System ein. Es soll außerdem der Übergang von kommunikativem Handeln zum Diskurs dargestellt werden.

Im zweiten Teil der Arbeit wird die Ethnologie als selbstreflexive Wissenschaft vorgestellt und die Bedeutung von Habermas‘ Werk für eben diese darzustellen versucht.

Der Diskurs der herrschaftsfreien Kommunikation wird thematisiert sowie die Bedingungen und Möglichkeiten von herrschaftsfreier Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit.

Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung, in welcher besonders noch einmal ein Bezug zu der Frage hergestellt wird, ob herrschaftsfreie Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit lediglich eine Utopie ist oder ob Habermas‘ Theorie vielleicht bereits eine Möglichkeit dafür bietet?

2. Zu Habermas‘ Werk „Theorie des kommunikativen Handelns“

Pinzani beschreibt Habermas‘ „Theorie des kommunikativen Handelns“ als sein wohl bedeutendstes Werk. Das Buch erschien im Jahr 1981. Habermas versucht darin, eine neue, kritische Gesellschaftstheorie darzustellen. Mit diesem Gedanken beschäftigte er sich bereits seit den 60er Jahren. Pinzani beschreibt, dass Habermas‘ in seine Argumentation sowohl die traditionelle Theorie der Gesellschaft mit einbezieht, als auch die analytische Sprachphilosophie sowie eine „hochkomplexe Rationalitäts- und Handlungstheorie […], die an die unterschiedlichsten Theorien anknüpft.“ Und weiter heißt es: „ Insgesamt kann Habermas‘ Hauptwerk als der Versuch bezeichnet werden, die gegenwärtige Gesellschaft durch eine Rekonstruktion der wichtigsten Momente, die zum Selbstverständnis der Moderne beigetragen haben, zu begreifen.“[1]

Entsprechend handelt es sich bei Habermas‘ Darstellung um den Versuch, eine Theorie speziell hinsichtlich der modernen Gesellschaft darzustellen.

Habermas selbst nannte vier Hauptmotive bzgl. seines Werkes. Zunächst ging es ihm darum, sich an einer ‚Theorie der Rationalität‘ zu versuchen – obwohl zu dieser Zeit „der Relativismus in allen möglichen Varianten Oberwasser“[2] hatte. Dann war es natürlich von Bedeutung, sich mit der eigentlichen ‚Theorie des kommunikativen Handelns‘ zu beschäftigen. Hierbei ging es um das Diskutieren in Bezug auf Theorien die Handlung, Sprache und Bedeutung einschlossen. Diese Diskussionen fanden überwiegend im angelsächsischen Gebiet statt. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzungen sollten für die Gesellschaftstheorie nutzbar gemacht werden. Der dritte Punkt, den Habermas als Motiv angab, war die ‚Dialektik der gesellschaftlichen Rationalisierung‘. Auch bei Horkheimer und Adorno war dieser Aspekt maßgebend. So versucht Habermas zu zeigen, „dass man in kommunikationstheoretischen Begriffen eine Theorie der Moderne entwickeln kann, die die nötige analytische Trennschärfe hat für sozialpathologische Phänomene, also für das, was in der Marx’schen Tradition […] als Verdinglichung begriffen worden ist.“ [3]

Der vierte Punkt, den Habermas genannt hat, ist der Versuch, einen Gesellschaftsbegriff zu entwickeln, welcher sowohl die Systemtheorie als auch die Handlungstheorie zusammenführt; also jene beiden soziotheoretischen Paradigmen, die als dominierend gelten.

Habermas selbst sagte zu seinem Vorhaben: „Was dabei herauskommt […] könnte aussehen wie eine Rückkehr zu Positionen, die die Kritische Theorie in den dreißiger Jahren einmal anvisiert hat. <Rückkehr> natürlich mit vielen Anführungszeichen, denn ich will diese Rückkehr vollziehen, ohne den geschichtspolitischen Hintergrund der Kritischen Theorie in Kauf zu nehmen. […] Dies gilt insbesondere für die Theorie der Rationalität, die auf einem Begriff von kommunikativer Vernunft basiert […].“[4]

Der Begriff der kommunikativen Rationalität spielt bei Habermas eine wichtige Rolle. Auf der Grundlage eben dieses Begriffes unternimmt Habermas den Versuch seiner Gesellschaftstheorie. Der normative Gehalt einer Kommunikation, die sich an Verständigung orientiert, ist dabei von entscheidender Bedeutung.

Die Prozesse der Kommunikation lassen aus Sicht der Kommunizierenden drei mögliche Ebenen in Erscheinung treten. Dazu zählen: „das Verhältnis des erkennenden Subjektes zu einer Welt von Ereignissen bzw. Tatsachen, das Verhältnis des praktischen, in Interaktionen mit anderen verstrickten und handelnden Subjektes zu einer Welt der Sozialität, und schließlich das Verhältnis des […] Subjektes zu seiner eigenen Natur, zu seiner Subjektivität und zur Subjektivität anderer[…].“ [5]

Kommunizierende üben Kommunikation und damit ihre Verständigung miteinander, mit der Umwelt demnach unter Berücksichtigung dieser Ebenen aus. Auch auftauchende Kommunikationskonflikte werden innerhalb dieser Ebenen wahrgenommen und zu lösen versucht.

Habermas weist jedoch darauf hin, dass in der modernen Zeit die Gefahr besteht, dass die Lebenswelt der Menschen durch das Wirtschafts- und Verwaltungssystem ‚kolonisiert‘ wird. Solche Bereiche, deren Handlungen eigentlich kommunikativ strukturiert sind, werden dadurch entleert. Habermas beschreibt diese Entwicklung – die einhergeht mit Prozessen der Rationalisierung und dem Kapitalismus - als unausweichlich in der modernen Gesellschaft, hält aber eine Versöhnung mit diesem Phänomen für möglich. Die Individuen sind zwar entsprechend von einer ‚sozialen Dimension‘ abhängig, es ist aber dennoch möglich ihre Autonomie mit dieser Abhängigkeit zu vereinen, „ohne dass man in prämoderne Auffassungen der Beziehung von Individuum und Gemeinschaft zurückfällt.“[6]

„Kolonialisierung der Lebenswelt durch das System heißt also, daß sich der Sozialstaat in seinen Kompensationsleistungen des gleichen Mittels wie die Systemwelt bedienen muß: Geld. Das hat zur Folge, daß über geldwerte Kompensationsleistungen die Lebenswelt immer mehr von finanziellen Regelungen durchdrungen wird: Geld und Kompensationszahlungen ersetzen u.a. persönliche Verantwortung, normative Orientierungen und Emotionalität. Der Sozialstaat kann dies aber nur dann machen, wenn er nicht nur nicht in das Grundprinzip des Kapitalismus‘ eingreift, er ist darüber hinaus direkt von dessen Wachstum abhängig: Um für Kompensationsleistungen genügend Geldmittel zur Hand zu haben und dabei trotzdem keiner Lobby etwas wegzunehmen, darf die kapitalistische Wachstumsdynamik nicht erlahmen. Das aber hat wiederum zur Folge, daß der Kapitalismus notwendigerweise immer stärker in Bereiche der Lebenswelt eindringt und sie seiner Zweckrationalität unterwirft. Das heißt es werden Bereiche der Öffentlichkeit und der Privatsphäre durchkapitalisiert, die eigentlich über ihre verständigungsorientierte Substanz die Reproduktion der Lebenswelt aufrecht erhalten müßten. Kommunikative Vernunft bedeutet für Habermas daher, sich über diese Gefahren der Kolonialisierung der Lebenswelt zu verständigen und ihnen Einhalt zu gebieten. Das heißt, die Moderne mit Mitteln der Moderne gegen ihre eigenen Wucherungen verteidigen. Und das heißt auch, die Dialektik der Aufklärung in einem weit weniger pessimistischen Licht zu sehen als dies noch Horkheimer und Adorno taten.“[7]

‚Unversehrte Intersubjektivität‘ ist das Stichwort, das die Voraussetzung dafür beschreibt. So ist die Rede von einem Netz intersubjektiver Beziehungen, welches nach und nach dichter werden soll und ein Gleichgewicht zwischen Autonomie und Abhängigkeit darstellt. „Es sind immer Vorstellungen von geglückter Interaktion, Gegenseitigkeiten und Distanz, Entfernungen und gelingende, nicht verfehlte Nähe, Verletzbarkeiten und komplementäre Behutsamkeit – all diese Bilder von Schutz, Exponiertheit und Mitleid, von Hingabe und Widerstand steigen aus einem Erfahrungshorizont des, um es mit Brecht zu sagen, freundlichen Zusammenlebens auf.“ [8]

Pinzani weist darauf hin, dass es Habermas nicht darum geht, eine Metatheorie aufzustellen, auch wenn er sich mit verschiedenen Theorien zur eigenen Theoriegewinnung auseinandersetzt. Es geht hingegen eher darum, die einbezogenen Theorien unter der Annahme zu betrachten, welche die Moderne als einen Prozess begreift. Nicht jeden dieser Versuche beschreibt Pinzani als gelungen, jedoch bleiben verschiedene grundlegende Elemente jeweils erhalten . „Eine zentrale Stelle nehmen dabei Max Weber, Émile Durkheim, Herbert G. Mead und Talcott Parsons ein, aber es wird auch auf Marx, Lukács, Horkheimer, Adorno, Piaget und Kohlberg, auf die Phänomenologie, die analytische Sprachphilosophie und die Enthnomethodologie hingewiesen.“[9]

Neben der Beschäftigung mit diesen Positionen finden sich in Habermas‘ Werk gewissermaßen systematische Zwischenbetrachtungen. Pinzani benennt jedoch gerade diese Kapitel als zentral für den theoretischen Kern des Buches. Habermas setzt sich in diesen mit dem Aspekt der Universalpragmatik, den Diskussionen bzgl. Sprach- und Handlungstheorien sowie auch der Beziehung zwischen System und Lebenswelt auseinander.

In Habermas‘ Werk lassen sich verschiedene Handlungstypen unterscheiden. Zunächst lässt sich sagen, dass Habermas von der grundsätzlichen soziologischen Frage ausgeht, „wie soziales Zusammenleben von Menschen möglich ist.“[10]

Wie auch im dialektischen Materialismus findet sich bei Habermas‘ Theorie des Handelns der Aspekt, dass der Mensch, der handelt, gleichermaßen einerseits das Produkt seines sozialen Umfeldes und andererseits aber auch dessen Schöpfer ist. Bei Habermas findet sich diesbezüglich zudem die Unterscheidung zwischen gegenstandsbezogenem bzw. instrumentellem Handeln auf der einen und sozialem Handeln auf der anderen Seite.

In Bezug auf das soziale Handeln wird dann nochmal unterschieden zwischen strategischem und verständigungsorientiertem Handeln. Bei offenem strategischen Handeln wird versucht, seine Ziele durch Belohnung oder Zwang zu erreichen, das Handlungsvorhaben ist dabei offensichtlich. Zudem kommt es auch zu verdeckt strategischem Handeln, hier verheimlicht der Handelnde bewusst seine Absicht und erweckt stattdessen den Anschein verständnisorientiert zu handeln. Wahrhaft verständnisorientiertes Handeln heißt dagegen, dem Gegenüber offen und ehrlich entgegenzutreten und ihm seine Entscheidung frei zu überlassen, es wird also kein Manipulationsversuch vorgenommen.

Eine solche Manipulation kann jedoch auch versehentlich, ohne es zu merken eintreten, wenn man jemanden unbewusst und in eigentlich guter Absicht manipuliert. Hier handelt es sich entsprechend Habermas um verzerrte Kommunikation. „Das verständigungsorientierte oder kommunikative Handeln dient demgegenüber der einvernehmlichen Abstimmung der Kommunikationsteilnehmer („Überzeugen“). Die Unterscheidung zwischen verständigungsorientiertem Handeln, bewußter und unbewußter Täuschung ergibt auch eine erste Orientierung für die Interpretation und Validierung diagnostischer Kommunikationsakte.“[11]

2.1 Zu den Sprechakten bei Habermas

Habermas übernimmt von Searle die kontativen und expressiven Sprechakte[12] und fügt diesen sog. regulative Sprechhandlungen hinzu.

Schon in seinem früheren Werk „Zur Entwicklung der Interaktionskompetenz“ aus dem Jahr 1975 finden sich vier verschiedene Regionen der Erfahrung. Dazu zählen die äußere Natur, die Gesellschaft, die Intersubjektivität der Sprache und die innere Natur des Menschen.[13]

So werden verschiedene Klassen unterschieden, auf welche sich ein Sprecher jeweils bezieht. Bei konstativen Sprechhandlungen bezieht sich ein Sprecher auf etwas innerhalb der objektiven Welt, was den Bereich äußerer Erfahrung einschließt. Regulative Sprechhandlungen beziehen sich auf etwas in der gemeinschaftlichen sozialen Welt, also auf die Gesellschaft und expressive Sprechhandlungen haben einen Bezug zur subjektiven Welt. Dieser Bereich bezieht sich entsprechend auf die innere Natur des Menschen und hinsichtlich kommunikativer Sprechhandlungen auf die reflexive Erfahrung der Intersubjektivität von Sprache. Letzteres wird als vierter Bereich betrachtet, der sich reflexiv auf die drei vorhergehenden Bereiche gemeinsam bezieht, dies bezeichnet kommunikative Handlungen.[14]

Habermas definiert die verschiedenen Sprechhandlungstypen durch die Art der Sätze, die für sie eingesetzt werden. Konstative Sprechhandlungen beinhalten entsprechend Sprechakte, „in denen elementare Aussagesätze verwendet werden“; expressive Sprechhandlungen erkennt man an Aussagen, „in denen elementare Erlebnissätze (der 1.Person Präsens) auftreten“; und innerhalb regulativer Sprechhandlungen tauchen „entweder (wie in Befehlen) elementare Aufforderungssätze oder (wie in Versprechen) elementare Abssichtssätze“ auf.[15]

Habermas Begriff von Kommunikation umfasst sowohl verbale als auch nonverbale Äußerungen.[16]

Verbale Äußerungen bilden jedoch das Zentrum seiner Auseinandersetzung. Als Paradebeispiel für kommunikatives Handeln findet sich bei Habermas das ‚Gespräch über den Gartenzaun‘, welches mindestens zwei Aktoren beteiligt.[17]

So lässt sich kommunikatives Handeln vor allem daran erkennen, dass verbale Äußerungen, „wie ein Gespräch über den Gartenzaun […] in den Kontext außersprachlicher Äußerungen eingelassen sind.“[18]

An dieser Stelle nun lässt sich der Übergang vom kommunikativen Handeln zum Diskurs erläutern. Solange beide Nachbarn sich bei ihrem Gespräch über den Gartenzaun einig sind, solange sie davon ausgehen, dass ihr Gesprächspartner jeweils die Wahrheit sagt und solange friedliche Umgangsnormen gewahrt werden, besteht kein Anlass die Ebene des kommunikativen Handelns zu verlassen. Wenn sich jedoch Schwierigkeiten ergeben, in gegenseitigem Einverständnis zu kommunizieren, wen der eine davon ausgeht, dass der andere nicht mehr die Wahrheit sagt, dann kann der Bereich kommunikativen Handelns ersetzt werden durch den praktischen Diskurs. In diesem kann nun jeder der Beteiligten versuchen, seine jeweiligen Geltungsansprüche zu thematisieren.

So heißt es bei Habermas:

„Wir können mithin zwei Formen der Kommunikation (oder der ‚Rede‘) unterscheiden: kommunikatives Handeln (Interaktion) auf der einen Seite, Diskurs auf der anderen Seite. Dort wird die Geltung von Sinnzusammenhängen naiv vorausgesetzt, um Informationen (handlungsbezogene Erfahrungen) auszutauschen; hier werden problematisierte Geltungsansprüche zum Thema gemacht, aber keine Informationen ausgetauscht. In Diskursen suchen wir ein problematisiertes Einverständnis, das im kommunikativen Handeln bestanden hat, durch Begründung wiederherzustellen: in diesem Sinne spreche ich fortan von (diskursiver) Verständigung. Verständigung hat das Ziel, eine Situation zu überwinden, die durch Problematisierung der in kommunikativem Handeln naiv vorausgesetzten Geltungsansprüche entsteht: Verständigung führt zu einem diskursiv herbeigeführten, begründeten Einverständnis (das sich wiederum zu einem traditionell vorgegebenen Einverständnis verfestigen kann.)“[19]

Befinden wir uns noch auf der Ebene kommunikativen Handelns, so bleibt noch ein gemeinsamer Hintergrundkonsens erhalten. Auf dieser Ebene besteht noch implizit Einigkeit darüber, dass Geltungsansprüche erhoben werden und zurecht erhoben werden dürfen.[20]

Während Geltungsansprüche also beim kommunikativen Handeln in gewisser Weise naiv vorausgesetzt und akzeptiert werden, bekommen sie innerhalb des Diskurses eine hypothetische Ebene und werden gesondert thematisiert.[21]

2.2Zur Bedeutung von Sprechhandlungen

Habermas betrachtet Sprache nicht in erster Linie als Kommunikationsmedium, sondern vor allem auch als Werkzeug zur Koordination menschlicher Handlungen. Aus diesem Zusammenhang ergibt sich die Bezeichnung Sprechhandlung. Sprachliche Äußerungen formieren sich so betrachtet gewissermaßen zu Handlungen. Und diese Sprechhandlungen, egal welcher Art, heißen bei Habermas kommunikatives Handeln. Für Habermas ergibt sich innerhalb sozialer Kontexte eine Einheit von Sprechen und Handeln hinsichtlich kommunikativer Handlungen. Kommunikatives Handeln kann so betrachtet als eine Form sozialen Handelns verstanden werden. Die enge Verbundenheit von Sprechen und Handeln führt so zu einer Handlungskoordinierung. Habermas selbst definiert kommunikatives Handeln als „Interaktion von mindestens zwei sprach- und handlungsfähigen Subjekten, die (sei es mit verbalen oder extraverbalen Mitteln) eine interpersonale Beziehung eingehen. Die Aktoren suchen eine Verständigung über die Handlungssituation, um ihre Handlungspläne und damit ihre Handlungen einvernehmlich zu koordinieren.“[22]

2.3 Zum Begriff Lebenswelt bei Habermas

Habermas Begriff der Lebenswelt entstammt der Philosophie Husserls und seinen Systembegriff übernimmt Habermas von Luhmann. Beide Begriffe entwickelt er für seine Theorie weiter. Habermas entwirft dabei ein zweistufiges Gesellschaftskonzept, welches die Begriffe Lebenswelt und System so miteinander verbindet, dass man weder die Lebenswelt auf das System, noch das System auf die Lebenswelt reduzieren kann. Es bedarf laut Habermas beider Begriffe, um die Komplexität der Rationalisierung der Gesellschaft zu erfassen. Systemtheorie und lebensweltliche Handlungstheorie sollen also derart zusammenkommen, dass sich ein Begriff ergibt, der die Komplexität der modernen Gesellschaft in vollem Umfang umfasst. Die Lebenswelt beschreibt für die handelnden Subjekte gewissermaßen den Ort, an welchem das soziale menschliche Miteinander und somit Handlungen stattfinden.

„Habermas konzipiert die Gesellschaft gleichzeitig als System und Lebenswelt und stellt dieses Verhältnis in Anlehnung an Emile Durkheim, Max Weber und Herbert Mead im 2. Band der Theorie des kommunikativen Handelns dar. Das Konzept wurde von Nancy Fraser (1994), Axel Honneth (1985) und Thomas McCarthy (1989) kritisiert.“[23]

[...]


[1] Pinzani, Allessandro: Jürgen Habermas. München: Beck, 2007, S. 107

[2] Vgl. Pinzani, S. 107

[3] Pinzani, S. 108

[4] Pinzani, S. 108

[5] Pinzani, S. 108

[6] Pinzani, S. 109

[7] Pinzani, S. 109

[8] Pinzani, S. 109

[9] Pinzani, S. 109

[10] Legewie, Heiner: Hermeneutische Diagnostik. Vorlesung fünf zur Theorie des kommunikativen Handelns. Vorlesung im Wintersemester 1998/1999 am Zentrum für Technik und Gesellschaft der TU Berlin. 1998. www.ztg.tu-berlin.de/download/legewie/Dokumente/Vorlesung_5.pdf,S. 2

[11] Legewie, S. 2

[12] Vgl. Searle, J.L.: A Taxonomy of illocutionary Acts. In: Searle, J.L.: Expression and Meaning. Cambridge, 1979, S. 1ff.

[13] Vgl. Habermas, Jürgen: Zur Entwicklung der Interaktionskompetenz. Frankfurt am Main: Suhrkamp: 1975, S. 8

[14] Vgl. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns. Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Bd. 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995, S. 435.

[15] Habermas Bd. 1, S. 414

[16] Vgl. Habermas Bd.1, S. 376

[17] Vgl. Habermas, Jürgen: Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz. In: Habermas, Jürgen / Luhmann, Niklas: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971, S. 115.

[18] Habermas: Vorbereitende Bemerkungen, S. 115

[19] Habermas: Vorbereitende Bemerkungen, S. 114

[20] Vgl. Habermas, Jürgen: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984, S. 356

[21] Vgl. Mc Carthy, Thomas: Kritik der Verständigungsverhältnisse. Zur Theorie von Jürgen Habermas. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1980, S. 331

[22] Habermas, Bd. 1, S. 128.

[23] Koller, Franziska: Entwicklungszusammenarbeit und Ethik – eine Evaluation: das Beispiel eines Dezentralisierungsprogramms in Burkina Faso. Bern: Haupt Verlag AG, 2007, S. 94

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns in der Entwicklungshilfe
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V338838
ISBN (eBook)
9783668284340
ISBN (Buch)
9783668284357
Dateigröße
880 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
habermas‘, theorie, handelns, entwicklungshilfe
Arbeit zitieren
Theresa Hoch (Autor), 2016, Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns in der Entwicklungshilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338838

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