Franz Liszts "Hunnenschlacht". Entstehung, sinfonische Dichtung und musikalische Darstellung


Hausarbeit, 2016

14 Seiten

Theresa Hoch (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Sinfonischen Dichtung
2.1 Vier Kriterien bei Liszt

3. Zu den Hintergründen der Entstehung von Liszts “Hunnenschlacht”
3.1 Betrachtung des Gemäldes
3.2 Über Liszts musikalische Darstellung der „Hunnenschlacht“

4. Abschließende Gedanken

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Sinfonischen Dichtung am Beispiel der „Hunnenschlacht“ von Franz Liszt (1811-1886). Als Vorlage für Liszts Werk diente das gleichnamige Gemälde Wilhelm von Kaulbachs (s. Titelblatt). Das Werk orientiert sich an einem Mythos, der besagt, dass die Gefallenen der „Hunnenschlacht“ nach ihrem Tod noch drei Tage und Nächte im Himmel weiter kämpften. Bezüglich der Gegner, wobei es sich um Römer einerseits und Hunnen andererseits handelt, geht es nicht nur um eine Schlacht zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen, sondern vor allem auch um eine Auseinandersetzung zwischen Christen- und Heidentum. Als Sieger werden, sowohl im Gemälde als auch in der Musik, die Christen hervorgehen - wobei sich jedoch zeigen wird, dass der Sieg christlicher Werte als ein Sieg für die gesamte Menschheit angesehen wird. Das von Licht umgebene Kreuz, welches sich im Gemälde findet, gilt dabei als wichtigstes Symbol für die Umsetzung Liszts.

Wilhelm von Kaulbach (1805-1874) gehörte Mitte des 19. Jahrhunderts zu den wichtigsten Malern in Westeuropa. Bekannt war er für große Decken- und Wandgemälde, welche oft historisch oder literarisch inspiriert waren. Die Hunnenschlacht, welche ein Auftrag des Grafen Raczynski war, fertigte er in den Jahren 1834-1837 an. Das Werk verhalf ihm zu großer Popularität.

Liszt soll in Erwägung gezogen haben, noch weitere Werke Kaulbachs zu „vertonen“, dazu kam es jedoch nicht.[1]

Die vorliegende Arbeit wird zunächst das Thema der Sinfonischen Dichtung behandeln und dabei besonders auf die Kriterien Liszts eingehen. Im Anschluss folgt die genauere Betrachtung der „Hunnenschlacht“, wobei sowohl Kaulbachs Gemälde, besonders aber das Werk Liszts untersucht werden sollen.

Die Arbeit endet mit einigen abschließenden Gedanken zur Thematik. Im Anhang findet sich zudem die schematische Darstellung der Hunnenschlacht nach Serge Gut (für Publikation entfernt).

2. Zur Sinfonischen Dichtung

Die Sinfonische Dichtung gehört zur Form der Programmmusik und hat besonders für die romantische Musik des 19. Jahrhunderts Bedeutung. Eine Sinfonische Dichtung wird bspw. auch als Symphonisches Gedicht oder Tondichtung bezeichnet. (Bei einer „Tondichtung“ muss es sich allerdings im Gegensatz zur Sinfonischen Dichtung nicht in allen Fällen zwangsläufig um ein symphonisches Werk handeln.)

Eine Sinfonische Dichtung ist ein längeres Musikstück fürdas Orchester. Ziel dieser Gattung ist es, Inhalte, die sich eigentlich außerhalb von Musik befinden, in musikalischer Form umzusetzen und zu beschreiben. Im Falle der „Hunnenschlacht“ bezieht sich dies auf ein Gemälde. Zuvor dienten allgemein auch Gestalten aus Sagen, Menschen oder Landschaften als Vorlage. Bei Franz Liszt finden sich nicht nur musikalische Umsetzungen zu Gemälden, sondern beispielsweise auch zu literarischen Texten.

Entstanden ist die Sinfonische Dichtung aus der Überzeugung heraus, dass die klassische Form der Sinfonie im Rahmen der Wiener Klassik keine Weiterentwicklung mehr leisten könne. Beide Gattungen standen einige Zeit in Konkurrenz zueinander.

Liszt prägte den Begriff der Sinfonischen Dichtung innerhalb der sog. Neudeutschen Schule, welche sich neben Lisztvor allem auch um Wagner bewegte. Dieser gegenüber stand eine Traditionslinie, welche sich besonders auf Schuhmann und Brahms bezog undam klassischen Sinfonieschema festhalten wollte, weshalb sie sich für programmlose Werke aussprach. In der Neudeutschen Schule stand das Verfassen programmatischer Kompositionen hingegen im Mittelpunkt.

Gleichermaßen gibt es aber auch Komponisten, wie bspw. Rachmaninow, in deren Werken sich beide Gattungen wiederfinden.[2]

2.1 Vier Kriterien bei Liszt

Bei Liszt lassen sich vier Kriterien[3] ausfindig machen, die seine Sinfonische Dichtung beschreiben. Diese seien nachfolgend aufgeführt:

1. Der erste Punkt bezieht sich auf den „Anspruch an die große Form“. Es geht hierbei um äußerliche Ausdehnung, um die in sich geschlossene Form, aber auch darum, der Sinfonik einen hohen Rang zuzuschreiben.

2. Das zweite Kriterium beinhaltet die thematische Abhandlung. Motive oder Themen sollen so verarbeitet und entwickelt werden, dass sie im gesamten sinfonischen Satz erkennbar sind, ihn gewissermaßen durchziehen. Im Gegensatz zur Klassik, in welcher Themen klar umrissen sind und es möglich ist, Motive abzuspalten und zu variieren, denkt Liszt musikalisch in eine andere Richtung. Bei ihm soll gewissermaßen eine Weiterentwicklung stattfinden, erzeugt durch verschiedene, sich abwechselnde Tempi und Rhythmen.

3. Das dritte Kriterium bezieht sich auf diese wechselnden Tempi und verschiedenen Ausdrucksgehalte, in welchen die unterschiedlichen Charaktere der jeweiligen Sinfoniesätze widergespiegelt werden. So ist es charakteristisch für die Gattung, mehrsätzige Sinfonien in eine einsätzige einzugliedern, dies muss jedoch nicht zwangsläufig geschehen. Genauso existieren auch Sinfonische Dichtungen, die mehrere Sätze beinhalten oder aber solche, in welchen nicht alle Satzcharaktere vereint sind. (Dömling beschreibt beinahe alle Sinfonischen Dichtungen Liszts als äußerlich einsätzig, jedoch nicht als einem einheitlichen Formmodell angehörend.)[4]

4. Das vierte ausschlaggebende Kriterium benennt das Bestreben „in Tönen zu dichten“, also mit Musik zu erzählen.

3. Zu den Hintergründen der Entstehung von Liszts “Hunnenschlacht”

Im Jahr 1830 hatte Liszt zunächst Pläne für eine Revolutionssymphonie, welche “revolutionäre Entschlossenheit” darstellen sollte. Aufgrund politischer Eindrücke - der gescheiterten Revolution von 1848 - veränderte sich sein Entwurf jedoch und so arbeitete er um 1850 hinsichtlich einer christlich-universalen Perspektive, welche „jede musikalische Individualisierung der Protagonisten – etwa der Ungarn und Polen […] entbehrlich“[5] machte.[6] Dieses geplante Werk wurde von Liszt nicht realisiert, jedoch dient es dem Verständnis zu Hintergründen der „Hunnenschlacht“, die Liszt 1857 komponierte. Auch bei dieser distanzierte sich der Komponist von einer „nationalen Deskription“ der Gegner „zugunsten einer universalen Interpretation des Kampfgeschehens.“[7] Schon als Liszt am 4. Januar 1840 von seinem Heimatland Ungarn der „Ehrensäbel“ verliehen wurde, der eigentlich ein Kampfsymbol darstellt, rief dieser der Nation zu: „So mögen die Gedanken unserer Werke […] der Liebe, der Humanität, dem Vaterlande, das unser Leben ist, gelten!“[8]

Beim Thema der „Hunnenschlacht“ handelt es sich um eine der größten Völkerschlachten in der Geschichte Europas, am Wendepunkt von der Antike zum Mittelalter.Es geht um „die Abwehr des Hunnenkönigs Attila im Jahr 451 auf den Katalaunischen Feldern (in der Champagne) durch die verbündeten Römer und Westgoten […]“[9] Wilhelm von Kaulbach hatte in Orientierung an diesem Ereignis 1834-1837 sein Gemälde angefertigt. Liszt empfand große Bewunderung für das gleichnamige riesige Werk,welches ihn zum Komponieren der „Hunnenschlacht“ anregte.

Im Jahr 1856 verbrachte Liszt die erste Dezemberhälfte in München, wo er Wilhelm von Kaulbach des Öfteren besuchte. Liszt zählte Kaulbach sowie einige andere Künstler zu seinem Freundeskreis.

„Liszt always enjoined painting and sculpture; among his many friends and acquaintances were a number of noted visual artists, including Delacroix, Ingres, and Kaulbach.” [10]

Die ersten Skizzen der wesentlichen Punkte des Werkes unternahm Liszt etwa von Januar bis Mitte Februar, nachdem er wieder in Weimar war. Die erste Probe des Stückes fand im Oktober 1856 statt.

Wie auch bei anderen seiner Sinfonischen Dichtungen wurde das Programm nachträglich hinzugefügt. Vermutlich stammt es von der Fürstin Wittgenstein.[11]

3.1 Betrachtung des Gemäldes

Wilhelm von Kaulbachs „Hunnenschlacht“ befindet sich als eines der sechs großen Wandgemälde mit welthistorischem Inhalt im Treppenhaus des Neuen Museums zu Berlin. Das Gemälde zeigt die furchtbare Schlacht zwischen Christen und Hunnen. In der Darstellung finden sich auch Soldaten, die in der Luft streiten. Entsprechend der Sage ging der Kampf der Toten noch drei Tage und Nächte weiter, bevor sie Ruhe fanden. In der oberen Mitte des Bildes befindet sich Theoderich schwebend, nachdem er ehrenvoll als Soldat gestorben ist. Bei ihm findet sich das Kreuz als Symbol des Christentums. Er hält es derart in der Hand, dass es den Eindruck macht, er wolle die auf der Erde Zurückgebliebenen segnen.

Pohl schreibt:

„Von der leichenbedeckten Walstatt erheben sich die Gespenster in gewaltig bewegten Gruppen zu den Wolken und setzen dort ihre Vernichtungsschlacht fort. Die Geißel Gottes, der blutige Attila, stürmt mit seinen wilden Horden noch einmal gegen die Römerscharen an, welche unter dem Zeichen des Kreuzes kämpfen und siegen. – Das Licht des Christentums zerstört die Finsternis des Heidentums.“[12]

Serge Gut beschreibt das Licht, welches das Kreuz umhüllt, als ein meteorisches – eine Formulierung, die Liszt selbst verwendete. Das Licht des Kreuzes vereinnahmt das Zentrum des Bildes und sein Strahlen geht in alle Richtungen. Dieses Licht gilt als der Auslöser, für Liszts Komposition, es ist sogar von einer darauf bezogenen Eingebung Liszts die Rede.[13]

Grundsätzlich, ob bei literarischen oder bildlichen Vorlagen, nahm Liszt sich immer gewisse künstlerische Freiheiten heraus. Er selbst äußerte sich darüber in einem Brief an von Kaulbachs Frau vom 1. Mai 1857 folgendermaßen:

„Vielleicht trifft sich später eine Gelegenheit in München oder Weymar, wo ich Ihnen das Werk mit vollem Orchester vorführen kann und das meteorische und solarische Licht, welches ich dem Gemälde entnommen und zum Schluss durch die allmähliche Steigerung des katholischen Chorals Crux fidelis und den damit sich verschmelzenden meteorischen Funken einheitlich gestaltet habe, austönen lasse. Wie ich es Kaulbach schon in München andeutete, war ich durch die musikalischen Erfordernisse des Stoffes dahin geführt, dem solarischen Licht des Christentums, personificiert durch den katholischen Choral Crux fidelis, verhältnismäßig mehr Platz einzuräumen, als es in dem herrlichen Gemälde der Fall sein dürfte, und somit den Abschluss des Kreuzes-Siegs, den ich dabei sowohl als Katholik wie als Musiker nicht entbehren mochte, zu gewinnen und prägnant darzustellen. Entschuldigen Sie freundlich diesen etwas dunkelnden Commentar der beiden gegensätzlichen Lichtströmungen, in welchen sich die Hunnen und das Kreuz bewegen; die Aufführung soll die Sache hell und klar machen, und wenn Kaulbach einigen Spaß an dieser etwas gewagten Widerspiegelung seiner Phantasie findet, wird es mich königlich freuen.“[14]

Deutlich wird, dass Liszt mit seiner Musik zum Gemälde eine Konfrontation zweier gegensätzlicher Lichtströmungen erzeugen wollte, die sich innerhalb der zwei unterschiedlichen Themen finden.

Serge Gut hebt zudem den Aspekt der „katholischen Intonation“ hervor, womit das Kreuz als tonisches Symbol gemeint ist. Diese gewinnt zum Ende hin immer mehr an Stärke und führt schließlich zu einer Aufhebung der gegensätzlichen Strömungen, damit die Aspekte von Wahrheit und Liebe im Christentum für alle Menschen offenbar werden.

Dem Gemälde Kaulbachs wird so eine weitere Komponente auf einer geistigen Ebene zugedacht. Ein wichtiger Aspekt in Liszt‘s „Hunnenschlacht“ ist der des Religiösen, genauer gesagt der Triumph des Christentums im Sieg über das Böse.

[...]


[1] Vgl. Zirk, Otto, "Kaulbach, Wilhelm Ritter von" in: Neue Deutsche Biographie 11 (1977), S. 356-357 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/ppn118560751.html (abgerufen am 10.04.1015)

[2] Vgl. Wikipedia: Sinfonische Dichtung, unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Sinfonische_Dichtung (abgerufen am 10.04.1015)

[3] Vgl. Liszts Sinfonische Dichtungen, unter: http://m.schuelerlexikon.de/mobile_musik/Liszts_sinfonische_Dichtungen.htm (abgerufen am 10.04.2015)

[4] Dömling, Wolfgang: Franz Liszt und seine Zeit. Laaber: Laaber-Verlag, 1985, S. 101

[5] Günther, Linda-Marie und Wolfgang: Mars und Musica zwischen „Chanson de Geste“ und Symphonie. In: Krumreich, Gerd; Brandt, Susanne (Hg.): Schlachtenmythen: Ereignis – Erzählung – Erinnerung. Köln/Weimar: Böhlau, S. 224

[6] Dennoch finden sich in der „Hunnenschlacht“ so wie in vielen anderen Werken Liszts Bezüge zu Liszts Vaterland Ungarn. Hamburger beschreibt „ungarische harmonisch-melodische Elemente“, die Liszt vor allem zur Darstellung von Schmerz und Leid anwandte, auch wenn das Stück inhaltlich mit Ungarn gar nichts zu tun hatte. (Vgl. Hamburger, Klara: Franz List. Leben und Werk. Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag, 2010, S. 116.) Gut beschreibt diesbezüglich die sog. „Zigeunerskala“, die ursprünglich einen ungarischen Bezug bedeutet. In der Hunnenschlacht findet sie sich bspw. in Takt 3-5.(Vgl. Gut, Serge: Franz Liszt. Sinzig: Studiopunkt-Verlag, 2009, S. 524)

[7] Günther, S. 224

[8] Göllerich, August: Franz Liszt. Berlin: Marquardt & Co., 1908, S. 82

[9] Günther, S. 224

[10] Saffle, Michael: Franz Liszt. A guide to research. Second edition. New York/London: Routledge, 2004, S. 261

[11] Gut, S. 522

[12] Ebd., S. 674

[13] Ebd., S. 522

[14] Ebd., S. 522f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Franz Liszts "Hunnenschlacht". Entstehung, sinfonische Dichtung und musikalische Darstellung
Autor
Jahr
2016
Seiten
14
Katalognummer
V338840
ISBN (eBook)
9783668284463
ISBN (Buch)
9783668284470
Dateigröße
828 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
franz, liszts, hunnenschlacht, entstehung, dichtung, darstellung
Arbeit zitieren
Theresa Hoch (Autor), 2016, Franz Liszts "Hunnenschlacht". Entstehung, sinfonische Dichtung und musikalische Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338840

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