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"Eigentlich hätte es ganz anders kommen müssen." Die schöpferische Kraft des Erzählens in Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend"

Title: "Eigentlich hätte es ganz anders kommen müssen." Die schöpferische Kraft des Erzählens in Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend"

Scientific Essay , 2016 , 16 Pages , Grade: "-"

Autor:in: Hans-Georg Wendland (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

In „Aller Tage Abend“ werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als ineinandergreifende, sich überlappende und gegenseitig beeinflussende zeitliche Dimensionen aufgefasst. Dieser Sichtweise liegt ein Denkmodell zugrunde, in dem die Vergangenheit nicht als abgeschlossener, sondern als offener Raum verstanden wird, der in die Gegenwart hineinwirkt und auch zukünftiges Geschehen entscheidend mitbestimmt. Mit ihrem Roman unternimmt Jenny Erpenbeck ein erzählerisches Experiment, dessen Versuchsanordnung es ihr ermöglicht, sich auf einer gedanklichen Zeitleiste hin- und her- bzw. vor- und zurückzubewegen. Auf diese Weise erprobt sie verschiedene Möglichkeiten, bereits erzähltes Geschehen wieder aufzurufen, es aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, neue Seiten daran zu entdecken, es neu zu ordnen und zu strukturieren, abzuwandeln, zu erweitern und zu ergänzen.

Dieses Verfahren unterscheidet sich grundlegend von einer Erzählmethode, mit der das Geschehen an den Gesetzen der Logik, der Kausalität und der zeitlichen Abfolge ausgerichtet wird. Erpenbeck betont demgegenüber die schöpferische Kraft des Schreibens, mit der die Regulierung durch solche Vorgaben aufgebrochen und neue erzählerische Wege beschritten werden können. Folgt der Leser der ungenannten Erzählerfigur in „Aller Tage Abend“ auf diesen Wegen, so macht er die verblüffende Erfahrung, dass auch der Tod eines Menschen nicht das Ende seiner Geschichte bildet, sondern dass es Möglichkeiten gibt, an diesem Scheidepunkt die Zeit gleichsam rückwärts laufen zu lassen, das Geschehen neu aufzurollen und zu untersuchen, wie es sich (unter vielleicht nur geringfügig geänderten Voraussetzungen) auch hätte entwickeln können. Auf eine leicht fassliche Formel gebracht, folgt das erzählerische Verfahren von „Aller Tage Abend“ der Erkenntnis: „Am Ende eines Tages, an dem gestorben wurde, ist längst noch nicht aller Tage Abend.“

Der auf diese Weise entstandene Roman bildet somit eine vielschichtige, komplexe Erzählung vom Schicksal „einer einzelnen Figur, deren Lebensgeschichten fast das gesamte 20. Jahrhundert umfassen.“ Explizit wird dieses Erzählverfahren in den als Scharnier- oder Gelenkstücke zwischen die fünf „Bücher“ des Romans eingefügten „Intermezzi“ durchgespielt. Um konkret zu überprüfen, wie ein solches Verfahren funktioniert, werden hier die symmetrisch angeordneten Bausteine des Romangeschehens genauer untersucht und kommentiert.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Erläuternde Einführung in den Text

2. Kommentierender Überblick über die Bausteine des Romangeschehens

- Buch I (A 9 – 68)

- Intermezzo (A 71 – 76)

- Buch II (A 79 – 132)

- Intermezzo (A 135 – 138)

- Buch III (A 141 – 193)

- Intermezzo (A 197 – 207)

- Buch IV (A 211 – 238)

- Intermezzo (A 241 – 245)

- Buch V (A 249 – 283)

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das erzählerische Experiment von Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“, in dem die traditionelle Kausalität durch ein Modell offener zeitlicher Möglichkeiten ersetzt wird. Ziel der Analyse ist es, die narrative Struktur sowie das Zusammenspiel von Schicksal, Zufall und der schöpferischen Kraft des Schreibens anhand der symmetrisch angeordneten Bausteine des Romans zu beleuchten.

  • Erzähltheoretische Analyse des Zeitmodells und des Konjunktivs
  • Die Rolle von Familie, Genealogie und dem „Problem der abwesenden Väter“
  • Untersuchung der Funktion des Schreibens als Mittel zur Lebensbewältigung
  • Kritik an stalinistischen Bürokratie-Methoden und deren Parodie
  • Metaphorik des Fallens und der „Grube“ als wiederkehrendes Motiv

Auszug aus dem Buch

1. Erläuternde Einführung in den Text

In „Aller Tage Abend“ werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als ineinandergreifende, sich überlappende und gegenseitig beeinflussende zeitliche Dimensionen aufgefasst. Dieser Sichtweise liegt ein Denkmodell zugrunde, in dem die Vergangenheit nicht als abgeschlossener, sondern als offener Raum verstanden wird, der in die Gegenwart hineinwirkt und auch zukünftiges Geschehen entscheidend mitbestimmt. Mit ihrem Roman unternimmt Jenny Erpenbeck ein erzählerisches Experiment, dessen Versuchsanordnung es ihr ermöglicht, sich auf einer gedanklichen Zeitleiste hin- und her bzw. vor- und zurückzubewegen. Auf diese Weise erprobt sie verschiedene Möglichkeiten, bereits erzähltes Geschehen wieder aufzurufen, es aus anderen Blickwinkeln zu betrachten, neue Seiten daran zu entdecken, es neu zu ordnen und zu strukturieren, abzuwandeln, zu erweitern und zu ergänzen.

Dieses Verfahren unterscheidet sich grundlegend von einer Erzählmethode, mit der das Geschehen an den Gesetzen der Logik, der Kausalität und der zeitlichen Abfolge ausgerichtet wird. Erpenbeck betont demgegenüber die schöpferische Kraft des Schreibens, mit der die Regulierung durch solche Vorgaben aufgebrochen und neue erzählerische Wege beschritten werden können. Folgt der Leser der ungenannten Erzählerfigur in „Aller Tage Abend“ auf diesen Wegen, so macht er die verblüffende Erfahrung, dass auch der Tod eines Menschen nicht das Ende seiner Geschichte bildet, sondern dass es Möglichkeiten gibt, an diesem Scheidepunkt die Zeit gleichsam rückwärts laufen zu lassen, das Geschehen neu aufzurollen und zu untersuchen, wie es sich (unter vielleicht nur geringfügig geänderten Voraussetzungen) auch hätte entwickeln können.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Erläuternde Einführung in den Text: Diese Einführung erläutert das zentrale Erzählmodell des Romans, das Zeit als offenen, gestaltbaren Raum begreift und die schöpferische Kraft des Schreibens über lineare Kausalität stellt.

2. Kommentierender Überblick über die Bausteine des Romangeschehens: Dieses Hauptkapitel analysiert detailliert die fünf Bücher und die dazwischen geschalteten Intermezzi, um die Struktur von Zufall, Schicksal und den erzählerischen „Stellschrauben“ des Lebenslaufs zu verdeutlichen.

Schlüsselwörter

Jenny Erpenbeck, Aller Tage Abend, Zeitstruktur, Erzählweise, Konjunktiv, Schicksal, Zufall, Familiengeschichte, 20. Jahrhundert, Schreibprozess, Erinnerung, Fall-Metaphorik, stalinistische Bürokratie, Identität, Literaturwissenschaft

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert Jenny Erpenbecks Roman „Aller Tage Abend“ hinsichtlich seiner komplexen zeitlichen Erzählstruktur und der darin verhandelten existenziellen Möglichkeiten einer Lebensgeschichte.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Zentrum stehen die Konzepte von Vergangenheit und Zukunft, die familiäre Genealogie, das „Problem der abwesenden Väter“ sowie die Macht des Schreibens.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, die spezifische erzählerische Versuchsanordnung zu entschlüsseln, die es der Protagonistin erlaubt, verschiedene Lebenswege innerhalb eines eigentlich abgeschlossenen Schicksals zu erproben.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die den Roman in seine strukturellen Bausteine (Bücher und Intermezzi) gliedert und diese unter Rückgriff auf literarische Motive und erzähltheoretische Ansätze untersucht.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der fünf „Bücher“ und der „Intermezzi“, wobei Themen wie die Metaphorik des Fallens, die Kritik an totalitären Systemen und die Funktion des inneren Monologs analysiert werden.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wesentliche Begriffe sind Zeitmodell, erzählerisches Experiment, familiäre Diskrepanzen, Konjunktiv Potentialis, Identität und die schöpferische Kraft des Schreibens.

Wie korrigiert der Roman das Ende der Protagonistin?

Durch den Einsatz des Konjunktivs Potentialis und erzählerische Kunstgriffe wird der Tod an verschiedenen Stellen „zurückgenommen“, um alternative Lebenspfade der Figur aufzuzeigen.

Welche Rolle spielen die Intermezzi im Aufbau?

Sie dienen als Scharnierstücke, die den Modus des Geschehens von einem unerfüllbaren Wunsch (Irrealis) in ein reales Potential (Potentialis) wandeln und neue Perspektiven eröffnen.

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Details

Title
"Eigentlich hätte es ganz anders kommen müssen." Die schöpferische Kraft des Erzählens in Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend"
College
University of Hannover  (Deutsches Seminar)
Course
-------------------------------------------
Grade
"-"
Author
Hans-Georg Wendland (Author)
Publication Year
2016
Pages
16
Catalog Number
V338846
ISBN (eBook)
9783668283947
ISBN (Book)
9783668283954
Language
German
Tags
eigentlich kraft erzählens jenny erpenbecks roman aller tage abend
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Hans-Georg Wendland (Author), 2016, "Eigentlich hätte es ganz anders kommen müssen." Die schöpferische Kraft des Erzählens in Jenny Erpenbecks Roman "Aller Tage Abend", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338846
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