Ist die behavioristische Lerntheorie im Fremdsprachenunterricht noch relevant?


Ausarbeitung, 2011
8 Seiten, Note: 1,0
Sarah Kluth (Autor)

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Lerntheorien

III. Konsequenzen für den Fremdsprachenunterricht

IV. Angemessenheit und Reichweite für die Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts

Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Eine angemessene Unterrichtsgestaltung steht nicht nur in Abhängigkeit von ihren Zielen und Inhalten, sondern ebenfalls von den ihr zu Grunde liegenden Lerntheorien. Der explizite Bezug zu diesen Theorien ist jedoch oftmals nicht gegeben, obwohl das Verständnis über die bei Schülern ablaufenden Lernprozesse, erläutert in den Lerntheorien, das didaktische Handeln der Lehrenden entscheidend beeinflussen kann.

Im Folgenden werden zunächst grundlegende Lerntheorien skizziert (II). Danach werden, vertiefend am Beispiel der behavioristischen Lerntheorie, die didaktischen Konsequenzen (III) sowie die Angemessenheit und Reichweite für den Fremdsprachenunterricht (IV) herausgearbeitet. In Bezug auf die behavioristische Lerntheorie ergeben sich insbesondere folgende Fragen: Ist die bereits in den siebziger Jahren in Verruf geratene Theorie überhaupt noch relevant im heutigen Fremdsprachenunterricht? Lassen sich, trotz der vielseitigen Kritik an der Theorie, noch Lernprozesse der Lernenden durch sie erklären?

II. Lerntheorien

Die behavioristische Lerntheorie erfasst nur beobachtbares Verhalten, ohne innere Lernprozesse zu erklären. Kognitive Prozesse werden gänzlich ausgeblendet (black box) (vgl. Riemer 2010, 57). Behavioristisches Lernen ist ein rein imitativer Prozess und berücksichtigt nicht den kreativen Sprachgebrauch (vgl. Riemer 2010, 57). Des Weiteren wird Lernen als Prozess der Konditionierung verstanden, d.h. eine gewünschte Reaktion (response) wird auf einen bestimmten Reiz (stimulus) hin antrainiert. Durch positives Feedback werden gewünschte Verhaltensweisen bis zu deren Automatisierung verstärkt (habit formation) (vgl. Riemer 2010, 57). Die behavioristische Denkweise kommt im Fremdsprachenunterricht in der audiolingualen Methode zur Anwendung, die auf die ständige Repetition von Mustersätzen abzielt (pattern drills), damit Automatismen gelernt werden (vgl. Riemer 2010, 57).

Der nativistischen Lerntheorie zufolge besitzt das Individuum eine angeborene, kognitive Ausstattung, die zum Spracherwerb befähigt (Universalgrammatik) (vgl. Riemer 2002, 55). Lernende können auf sogenannte Prinzipien zurückgreifen, die sprachübergreifend sind. Diese Prinzipien der Universalgrammatik werden durch Parameter ergänzt, die durch sprachspezifischen Input festgelegt werden (vgl. Riemer 2002, 55). Da Lernende eine sprachliche Kompetenz selbst bei unvollkommenem Input entwickeln, ist Lernen nicht allein, wie im Behaviorismus, durch Nachahmungsprozesse zu erklären (vgl. Surkamp 2010, 277).

Die kognitive Lerntheorie sieht Lernen als einen kreativen Informationsverarbeitungsprozess an, der in der selbständigen, individuellen sowie aktiven Auseinandersetzung des Lernenden mit der sozialen Umwelt erfolgt (vgl. Riemer 2010, 59). Der Lernprozess ist gekennzeichnet durch eine regelmäßige Restrukturierung von bereits erworbenem Wissen, welches an neu aufgenommenes Wissen angeglichen werden muss (vgl. Surkamp 2002, 278). Für den Fremdsprachenerwerb bedeutet dies, dass Lernende sprachliche Regeln konstruieren (Hypothesengenerierung), diese in der Sprachproduktion testen (Hypothesentesten) und sie schließlich ändern, wenn sich die Hypothesen als inkorrekt erweisen (vgl. Riemer 2010, 60). Hauptaugenmerk liegt nicht auf beobachtbarem Verhalten, sondern auf kognitiven Ursachen von Verhalten (vgl. Riemer 2010, 59). Die inneren Vorgänge der Blackbox werden also, im Gegensatz zur behavioristischen Sichtweise, hier berücksichtigt (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 89).

Die konstruktivistische Lerntheorie wird als Weiterentwicklung der kognitiven Theorie gesehen. Sie versteht Lernen als einen autonomen, aktiven Konstruktionsprozess, „bei dem Lernende allein auf der Grundlage ihres individuellen Wissens und ihrer Erfahrungen operieren“ (Riemer 2010, 60). Dies bedeutet, dass der Lernprozess bei jedem Individuum anders abläuft, d.h. selbst wenn Lernende im Fremdsprachenunterricht gleichem Input ausgesetzt sind, kann nicht davon ausgegangen werden, dass sie gleiches fremdsprachliches Wissen erwerben (vgl. Riemer 2010, 60). Konstruktivistisches Fremdsprachenlernen ist auf Kooperation angewiesen, wobei sich Lernende über individuelles Wissen und Erfahrungen austauschen können. Gruppenarbeit, Interaktion und kooperatives Lernen ist somit lernförderlich (vgl. Surkamp 2002, 279).

III. Konsequenzen für den Fremdsprachenunterricht

Ein an behavioristischen Sichtweisen orientierter Fremdsprachenunterricht ist durch Instruktion gekennzeichnet. Der Lehrende gibt Inhalte vor, während der Schüler eine passive Rolle einnimmt. Instruktion im Sprachunterricht zeigt sich beispielsweise in dem Vorgeben und Abfragen von Vokabellisten (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 64).

Elemente des klassischen Konditionierens, bei dem Lernprozesse durch Reiz-Reaktions-Muster erklärt werden (vgl. Bodenmann 2011, 46), spiegeln sich im fremdsprachlichen Unterricht wider. So lassen sich emotionale Reaktionen der Schüler, wie beispielsweise die Abneigung oder Vorliebe für die Sprache, durch Konditionierung erklären (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 69). Die Fremdsprache stellt zu Beginn einen neutralen Reiz dar. Zu hoher Leistungsdruck oder uninteressante Themen können beispielsweise als unkonditionierte Stimuli wirken (vgl. ebd.), d.h. als Reize, deren Bedeutung für den Organismus angeboren sind (vgl. Bodenmann 2011, 48). Diese Stimuli können die automatische Ablehnung gegenüber dem Fremdsprachenfach als unkonditionierte Reaktion hervorrufen. Wird dieser Vorgang mehrmals wiederholt, so kann das Fach selbst als unbedingter Reiz wirken und negative Emotionen hervorrufen (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 69). Funsch und Jungkunz verweisen daher darauf, dass Bedingungen wie ein freundlicher Umgangston oder eine angenehme Arbeitsatmosphäre erfüllt sein müssen, damit eine positive bzw. neutrale Assoziation zum Fach entstehen kann. Durch positive Emotionen kann die Motivation zum Fremdsprachenlernen gefördert werden (vgl. 2007, 69).

Im Behaviorismus kann die Auftretenswahrscheinlichkeit eines gewünschten Verhaltens durch Einsatz von Verstärkern erhöht werden. Diese Verstärker stellen einen wesentlichen Bestandteil im Unterricht dar. Zeugnisse, Lob und Tadel können beispielsweise im Fremdsprachenunterricht als solche Verstärker fungieren (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 79). Funsch und Jungkunz weisen darauf hin, dass Lehrende sich der möglichen Effekte der Verstärkung bewusst sein müssen (vgl. 2007, 80). Dazu führt Bodenmann an, dass Verstärkung situationsbedingt, personenspezifisch sowie abhängig von individuellen Lernerfahrungen ist und es daher nicht mit Sicherheit vorhergesehen werden kann, ob Bestrafungen und Belohnungen als solche aufgefasst werden (vgl. Bodenmann 2011, 121) Lob wird beispielsweise auf den ersten Blick als eindeutig positiver Verstärker angesehen. Es kann z.B. schüchterne oder leistungsschwache Schüler dazu anregen, im Fremdsprachenunterricht mitzuarbeiten. Somit kann die Auftretenswahrscheinlichkeit des gewünschten Verhaltens durch Lob erhöht werden. Allerdings besteht auch die Möglichkeit eines gegenteiligen Effekts. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sich die Schüler durch positive Reaktionen seitens des Lehrers auf den erbrachten Leistungen ausruhen (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 80). Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, ist das Lob situationsgerecht und personenspezifisch einzusetzen. Funsch und Jungkunz verweisen darauf, dass Lob stets auf spezifisches Verhalten anzuwenden ist (vgl. ebd.). In einer Grammatikübung ist die Aussage „Du hast die Aufgabe sehr gut gelöst“ zu unpräzise, denn der Lernende gewinnt den Eindruck, dass er in allen Bereichen, wie z.B. auch bezüglich der Aussprache, die Sprache korrekt gebraucht hat. Eventuelle Aussprachefehler können sich somit verfestigen (vgl. ebd.). Ratsamer ist es die Grammatikarbeit direkt zu loben (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 81).

Nach der auf dem Behaviorismus basierenden Kontrastivhypothese treten Lernprobleme und Fehler umso eher auf, je größer die Unterschiede zwischen der Muttersprache und der Fremdsprache sind. Diese Unterschiede erschweren folglich auch den Fremdsprachenerwerb (vgl. Riemer 2002, 62). Obwohl diese These in ihrer starken Version mit der Begründung, dass auch Kontrastmängel zu Fehlern führen (z.B. „false friends“), widerlegt worden ist (vgl. ebd.), wird sie heute noch oft zur Fehleranalyse bzw. Fehlervermeidung angewandt. Im Grammatikunterricht können kontrastive Erklärungen, durch die Unterschiede zur Muttersprache aufgezeigt werden, Interferenzfehlern entgegenwirken. So können kontrastive Erklärungen beispielsweise dazu beitragen, dass der Fehler „serais“ in Bedingungssätzen wie „Si j’étais à Paris“ vermieden wird(vgl. Burwitz-Melzer und Quetz 2002, 167).

Vertreter der behavioristischen Lerntheorie haben eine negative Einstellung zu Fehlern. Diese müssen im Fremdsprachenunterricht umgehend korrigiert werden oder bestenfalls im Voraus vermieden werden (vgl. Surkamp 2010, 277). Die heutige Fremdsprachdidaktik sieht Fehler jedoch als Lernchance, da sie notwendige Zwischenschritte im Sprachlernprozess darstellen (vgl. Nieweler 2006, 280).

Im kommunikativen Fremdsprachenunterricht bedeutet die Orientierung am Behaviorismus, dass Sprachmittel isoliert eingeübt werden, bevor man sich mit dem Inhalt befasst. Burwitz-Melzer und Quetz begründen dies mit der Tatsache, dass man sich selbst in der Muttersprache vor einem Gespräch, zur erfolgreichen Kommunikation, manchmal Phrasen und Sätze zurechtlegt. Es ist daher von Vorteil, klassische Einübungstechniken wie Nachsprechen, Sätze bilden und Redewendungen üben, in den Unterricht zu integrieren (vgl. 2003, 122).

IV. Angemessenheit und Reichweite für die Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts

Die behavioristische Lerntheorie erfährt seit langer Zeit vielseitige Kritik. Ihre Aussagekraft ist begrenzt, da die Blackbox unberücksichtigt bleibt und Verhalten nur durch dessen beobachtbaren Teile erklärt wird (vgl. Funsch und Jungkunz 2007, 71). Dem Behaviorismus liegt ein mechanistisches Lernverständnis zugrunde und er berücksichtigt nicht den kreativen Sprachgebrauch. Lernende produzieren jedoch auch sprachliche Äußerungen, die nicht durch Imitationslernen erklärt werden können (vgl. Riemer 2002, 49).

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Ist die behavioristische Lerntheorie im Fremdsprachenunterricht noch relevant?
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
8
Katalognummer
V338855
ISBN (eBook)
9783668286269
ISBN (Buch)
9783668286276
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lerntheorie, fremdsprachenunterricht
Arbeit zitieren
Sarah Kluth (Autor), 2011, Ist die behavioristische Lerntheorie im Fremdsprachenunterricht noch relevant?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338855

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