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Zwangsverheiratung in Deutschland. Ein Einblick in die Problematik bei türkischstämmigen Mädchen

Titel: Zwangsverheiratung in Deutschland. Ein Einblick in die Problematik bei türkischstämmigen Mädchen

Diplomarbeit , 2009 , 93 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Ola El-Khatib (Autor:in)

Soziale Arbeit / Sozialarbeit
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Schwere Schicksalsschläge werden von Mädchen aus aller Welt berichtet. Dieser Ausschnitt einer Lebensgeschichte soll exemplarisch die Problemsituation von Zwangsverheirateten oder davon bedrohten Mädchen und jungen Frauen näher bringen.

Zunächst möchte ich meine Beweggründe für die Auswahl des Themas „Zwangsverheiratung in Deutschland“ nennen. Im Rahmen meines Praktikums im siebten Semester bin ich mit dem Thema der Zwangsverheiratung konfrontiert worden. Eine 11-jährige Besucherin der Mädcheneinrichtung MaDonna Mädchenkult.Ur e.V., in der ich als Praktikantin arbeitete, erzählte mir die Geschichte ihrer Mutter. Diese wurde mit 13 Jahren mit einem ihr unbekannten und viel älteren Mann, den ihre Familie für sie auswählte, verheiratet. Diese Frau ist heute so alt wie ich, sie hat fünf Kinder und das sechste Kind ist unterwegs. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich persönlich mit dem Problem der Zwangsverheiratung konfrontiert worden bin.

Aus den Medien und von Bekannten hatte ich schon über Verheiratungen von Mädchen und jungen Frauen gehört, jedoch kannte ich keine dieser Frauen persönlich. Durch den persönlichen Kontakt zu der Mutter fühlte ich mich emotional betroffen. Mich verwunderte die Selbstverständlichkeit, mit der dieses junge Mädchen über die Geschichte ihrer Mutter sprach.

Mir gingen viele Fragen durch den Kopf: Wie kann es möglich sein, dass Frauen noch gegen ihren Willen verheiratet werden und somit eine lebenswichtige Entscheidung für ihr Leben von Dritten getroffen wird? Was bewegt die Eltern zu solch einem Schritt? Und wie kann unsere Gesellschaft diese Ungerechtigkeit zulassen? Wie kann die Situation geändert werden?

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Einführung in das Thema der Zwangsverheiratung

2.1 Datenlage zur Zwangsverheiratung

2.2 Zwangsverheiratung: ein Verstoß gegen Menschenrechte

2.3 Abgrenzung von Zwangsverheiratungen und arrangierten Ehen

2.4 Folgen von Zwangsverheiratung

3. Die Motivation der Eltern

3.1 Die Bedeutung der Partnerwahl

3.2 Zwangsverheiratung als Disziplinierung oder zum Schutz

3.3 Verwandtschaftliche und gesellschaftspolitische Hintergründe

3.4 Zwangsverheiratung als Einwanderungsmöglichkeit für Familienmitglieder

3.5 Zwischenergebnis

4. Auslösende Faktoren für eine Zwangsverheiratung

4.1 Der Einfluss der ökonomischen Situation in der Familie

4.2 Gestörte Eltern-Kind-Beziehung

4.3 Zwischenergebnis

5. Die Bedeutung des Ehrbegriffs in der türkischen Gesellschaft

5.1 Der Wert Ehre (namus)

5.1.1 Die Ehre des Mannes

5.1.2 Die Ehre der Frau

5.2 Der Wert Achtung (saygi)

5.3 Der Wert Ansehen, Würde (seref)

5.4 Die Bedeutung der Familie und Ehe

5.5 Die islamische Eheschließung

5.6 Zwischenergebnis

6. Lebenssituation türkischer Mädchen

6.1 Die Sozialisation der in Deutschland lebenden türkischen Mädchen

6.2 Fehlende Jugendphase

6.3 Zerissenheitsgefühl der Mädchen

6.4 Die Chance auf eine positive Persönlichkeitsentwicklung

6.5 Die Bedeutung und die Erziehung der Kinder

6.6 Zwischenergebnis

7. Die rechtliche Situation zum Opferschutz

7.1 Zwangsverheiratung im Zivilrecht

7.2 Zwangsverheiratung im Strafrecht

7.3 Problematik und Reformbedarf im Zivil- und Strafrecht

7.3.1 Zwangsheirat-Bekämpfungsgesetz

7.3.2 Beweislast

7.3.3 Antragsberechtigung

7.3.4 Antragsfrist

7.3.5 Unterhaltsrecht

7.4 Aufenthaltsrechtlicher Aspekt der Zwangsheirat und die Problematik

7.4.1 Aufenthaltsrecht bei einer Heiratsverschleppung

7.4.2 Aufenthaltssituation der Importbräute

7.4.3 Aufenthaltssituation bei einer Zwangsverheiratung zum Zwecke eines „Einwanderungstickets“

7.5 Schutzmaßnahmen der Jugendhilfe bei einer Zwangsverheiratung

7.5.1 Beteiligung von Kindern und Jugendlichen

7.5.2 Hilfe zur Erziehung

7.5.3 Inobhutnahme

7.6 Notwendige Änderungen in der Jugendhilfe

7.7 Zwischenergebnis

8. Präventionsmaßnahmen und Interventionsarbeit

8.1 Fortbildungsmaßnahmen

8.2 Die Notwendigkeit der interinstitutionellen Kooperation

8.3 Der Bedarf an niedrigschwelligen Angeboten

8.4 Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit

8.5 Aufklärung und Thematisierung in und durch muslimische Organisationen

8.6 Pädagogische Aufklärungsarbeit an Schulen und in Jugendeinrichtungen

8.6.1 Die Bedeutung der pädagogischen Aufklärungsarbeit

8.6.2 Die Sensibilisierung der Pädagogen

8.7 Deutsch- und Integrationskurse

8.8 Zwischenergebnis

9. Sozialpädagogische Unterstützung bei geplanter und erfolgter Zwangsverheiratung

9.1 Projektvorstellung Papatya

9.2 Einblick in die Problemlage der Mädchen

9.3 Voraussetzung: Interkulturelle Sensibilität

9.4 Interventionsmöglichkeiten und Betreuungsverlauf

9.5 Die Suche nach einer innerfamiliären Lösung

9.6 Ambivalenz der Mädchen

9.7 Wo bleiben die Mädchen?

9.8 Das Leben in der Anonymität

9.9 Zwischenergebnis

10. Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht das Phänomen der Zwangsverheiratung türkischstämmiger Mädchen und junger Frauen in Deutschland, analysiert die familiären und gesellschaftlichen Ursachen hinter dem Konzept der Ehre und beleuchtet die sozialpädagogischen sowie rechtlichen Handlungsmöglichkeiten im Opferschutz.

  • Einfluss traditioneller Ehrvorstellungen auf die Partnerwahl
  • Sozialisation türkischer Mädchen im Spannungsfeld zweier Kulturen
  • Rechtliche Situation im Zivil- und Strafrecht zum Schutz Betroffener
  • Präventionsmaßnahmen und interinstitutionelle Interventionsansätze
  • Rolle spezialisierter Schutzeinrichtungen wie "Papatya"

Auszug aus dem Buch

2.3 Abgrenzung von Zwangsverheiratungen und arrangierten Ehen

Von einer Zwangsverheiratung ist die Rede, wenn die betroffene Person sich „zur Ehe gezwungen fühlt und entweder mit ihrer Weigerung kein Gehör findet oder es nicht wagt, sich zu widersetzen...“ (Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung, S. 5 und Straßburger, G. 2008, S. 72) und körperliche und psychische Gewalt angewendet werden, um die Person gegen ihren Willen zur Ehe zu zwingen (vgl. Straßburger, S. 72). Mit dieser Definition lässt sich eine Zwangsverheiratung klar erkennen.

Bei einer arrangierten Ehe wird durch die Familie ein geeigneter Ehepartner ausgewählt. Die Tochter oder der Sohn hat die Möglichkeit zur Zustimmung oder Ablehnung des Heiratskandidaten. Zu einer arrangierten Ehe gehört die freiwillige Zustimmung beider Heiratswilligen. Demnach werden beide Heiratskandidaten als eigenständige Personen anerkannt, die die Partnerwahl beeinflussen können, indem ihnen ein Recht auf Ablehnung zuerkannt wird.

Straßburger bezeichnet eine arrangierte Ehe als eine bestimmte Form der Partnerwahl, die nichts mit Unterdrückung oder mit häuslicher Gewalt zu tun hat und die wie die selbstorganisierte Ehe auf einer freien Entscheidung beruht. Bei einer arrangierten Ehe kommt der Entschluss zum Heiraten erst, nachdem der Heiratskandidat gemeinsam mit den Eltern die Kriterien zu einer glücklichen und soliden Ehe gut durchdacht und geprüft hat (vgl. ebd., S. 73ff.).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das sensible Thema ein und begründet die Fokussierung auf türkischstämmige Mädchen in Deutschland durch die persönliche Konfrontation der Autorin im Rahmen ihres Praktikums.

2. Einführung in das Thema der Zwangsverheiratung: Das Kapitel definiert den Begriff, ordnet ihn in einen menschenrechtlichen Kontext ein und grenzt Zwangsehen klar von arrangierten Ehen ab.

3. Die Motivation der Eltern: Hier werden die Beweggründe der Eltern beleuchtet, insbesondere die Bedeutung der Partnerwahl sowie gesellschaftspolitische und verwandtschaftliche Hintergründe.

4. Auslösende Faktoren für eine Zwangsverheiratung: Der Fokus liegt auf externen Einflussfaktoren wie der ökonomischen Situation der Familie und emotionalen Kälte in Eltern-Kind-Beziehungen.

5. Die Bedeutung des Ehrbegriffs in der türkischen Gesellschaft: Dieses zentrale Kapitel analysiert die Konzepte namus (Ehre), saygi (Achtung) und seref (Würde) und deren Auswirkungen auf das Rollenbild von Mann und Frau.

6. Lebenssituation türkischer Mädchen: Es wird das Spannungsfeld zwischen der Sozialisation in Deutschland und den Erwartungen des Herkunftskulturkreises sowie das daraus resultierende Zerrissenheitsgefühl beschrieben.

7. Die rechtliche Situation zum Opferschutz: Ein ausführlicher Überblick über Zivil- und Strafrecht sowie die Problematik des Aufenthaltsrechts für betroffene Mädchen und junge Frauen.

8. Präventionsmaßnahmen und Interventionsarbeit: Dieses Kapitel diskutiert Strategien wie Fortbildungen, interinstitutionelle Kooperation und pädagogische Aufklärungsarbeit als präventive Mittel.

9. Sozialpädagogische Unterstützung bei geplanter und erfolgter Zwangsverheiratung: Anhand der Kriseneinrichtung Papatya wird aufgezeigt, wie sozialpädagogische Hilfe in der Praxis gestaltet werden kann.

10. Schlussbetrachtung: Die Autorin resümiert ihre Hypothesen, bestätigt die Relevanz des Ehrbegriffs und unterstreicht den dringenden gesetzlichen Handlungsbedarf.

Schlüsselwörter

Zwangsverheiratung, Zwangsheirat, Ehre, Namus, Sozialisation, Opferschutz, Migrantinnen, Papatya, Interventionsarbeit, Menschenrechte, Familienrecht, Aufenthaltsrecht, Jugendhilfe, arrangierte Ehe, Prävention.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit der Problematik von Zwangsverheiratungen bei türkischstämmigen Mädchen und jungen Frauen in Deutschland, wobei besonderer Wert auf die soziokulturellen Ursachen und notwendige Unterstützungsangebote gelegt wird.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Schwerpunkte sind das traditionelle Verständnis von Ehre (namus), die Lebensrealität betroffener Mädchen zwischen zwei Kulturen sowie die rechtliche und sozialpädagogische Situation im Kontext des Opferschutzes.

Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?

Das primäre Ziel ist es, die strukturellen und familiären Ursachen für Zwangsverheiratungen zu analysieren und aufzuzeigen, wie staatliche, rechtliche und sozialpädagogische Akteure besser zum Schutz der betroffenen Mädchen beitragen können.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Literaturanalyse und greift auf empirische Studien sowie praktische Erfahrungen aus der Krisenarbeit (beispielsweise der Einrichtung Papatya) zurück.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden Ehrbegriffe, die Motivation der Eltern, die Sozialisation türkischer Mädchen, die rechtliche Lage bezüglich Aufenthalts- und Familienrecht sowie Interventionsmöglichkeiten intensiv diskutiert.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Zwangsverheiratung, Ehrverständnis, Sozialisation, Opferschutz, interkulturelle Arbeit und rechtliche Rahmenbedingungen charakterisieren.

Wie spielt das Konzept der „Ehre“ bei einer Zwangsverheiratung eine Rolle?

Das Konzept der Ehre fungiert als zentraler sozialer Regulierungsmechanismus, der Mädchen oft dazu zwingt, sich den familiären Normen unterzuordnen, um das Ansehen der Familie zu wahren, was oft den Ausschluss eigener Lebensentwürfe bedeutet.

Welche Rolle spielt die Kriseneinrichtung Papatya in der Praxis?

Papatya fungiert als anonyme stationäre Schutzeinrichtung, die Mädchen einen sicheren Raum bietet, um über eigene Bedürfnisse und Zukunftsperspektiven fernab von familiärem Druck zu entscheiden.

Warum ist das Aufenthaltsrecht für die Betroffenen so kritisch?

Viele betroffene Frauen befinden sich in einer rechtlichen Abhängigkeit; bei einer Flucht oder einem Aufenthalt im Ausland von mehr als sechs Monaten droht ihnen der Verlust des Aufenthaltsrechts in Deutschland, was sie in einer Zwangslage gefangen hält.

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Zwangsverheiratung in Deutschland. Ein Einblick in die Problematik bei türkischstämmigen Mädchen
Hochschule
Evangelische Fachhochschule Berlin
Note
1,0
Autor
Ola El-Khatib (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2009
Seiten
93
Katalognummer
V338862
ISBN (eBook)
9783668283961
ISBN (Buch)
9783668283978
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zwangsverheiratung Zwangsehe Soziale Arbeit Sozial
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Ola El-Khatib (Autor:in), 2009, Zwangsverheiratung in Deutschland. Ein Einblick in die Problematik bei türkischstämmigen Mädchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338862
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Leseprobe aus  93  Seiten
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