Textbeschreibungen kurzer Erzählungen. Prüfungsvorbereitung im Fach Deutsch an Realschulen, Abendrealschulen, Gymnasien


Prüfungsvorbereitung, 2016
58 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Artur Troppmann, Der Wirtshaus-kriminaler

Brüder Grimm, Der Froschkönig

Franz Kafka, Wunsch Indianer zu werden

Irmela Brender, Ich wollt’, ich wäre du

Franz Kafka, Die Brücke

Heinrich v. Kleist, Fabel ohne Moral

Carl Max Wilhelm Petermann. Der Ochs und die Mücke

Franz Kafka, Kleine Fabel

Franz Kafka, Der Nachbar

Nadja Einzmann, An manchen Tagen

Pea Fröhlich, Der Busfahrer

Lew Nikolajewitsch Tolstoi, Die drei Söhne

Franz Kafka, Die Bäume

Brüder Grimm, Rotkäppchen

Wolfgang Gabel, Klassenfahrt

Rainer Wochele, Freiberger Nachmittag

Ernest Hemingway, Indianerlager

Nachweise

Artur Troppmann, Der Wirtshaus-kriminaler

Diese Erzählung[1] aus dem Jahr 1974 wurde als Kurzkrimi in Kurzkrimi, literarische Hefte Nr 48, Raithverlag, Starnberg veröffentlicht. Worin besteht ihre Textsortenzugehörigkeit? Der Autor spielt mit dem Genre Detektivgeschichte. Der Text kann zum großen Teil als Persiflage[2] aufgefasst werden. Dem Feigerl Heini, der Hauptperson der Geschichte, werden Eigenschaften zugeschrieben, über die normalerweise auch ein Detektiv im klassischen Sinne verfügt. Er hat einen Verdacht auf Grund eines Indizes, „Der Wirtshaus Kriminaler Feigerl vermutet darum...”[3], heißt es im Text, er „kombiniert”, er kann verschlüsselte Zeichen lesen, „die braunen und grünen Spritzer auf der Schürze der Resi”[4], er „filzt”[5], er „beschattet”[6], der Autor nennt ihn Wirtshaus-Detektiv und „scharfsinnig”[7]. Die Verballhornung der Kriminalgeschichte, respektive Detektivgeschichte besteht darin: Der hier vorgestellte Detektivklärt keinen Mord oder ein anderes schweres Verbrechen auf. Er findet heraus, dass, der Prosterl Sepp zwar noch viel Bier trinkt aber weniger als vor der letzten Bierpreiserhöhung. Dies entnimmt er der Strichliste auf den Bierdeckeln. Außerdem findet der Feigerl, dass man mit Bierbrauen in großem Stil und mit Rüstung viel Geld verdienen kann. Er drückt das so aus: „...das größte Gschäft im ganzen Gäu – ist d’Rüstung und ein großer Bräu.”[8] Und an dieser Stelle im Text kippt Persiflage. Denn hier wird ein tatsächliches Verbrechen erzählt. Es gibt Menschen wie der Feigerl, die sich kein Bier, keine Zigaretten, nichts zu essen kaufen können. Andere aber, wie z.B. der Mann von der Resi, können soviel Alkohol trinken, dass es ein Ausnahmezustand ist, wenn sie mal nüchtern sind. Das von Troppmann beschriebene Verbrechen besteht also im grassen Gegensatz von Besitzenden und nichts Besitzenden. Die Hauptfigur der Erzählung gehört zu den Armen. Er kann nur Gschnekte (bayr. = geschenkte Zigaretten)rauchen. Er kann sich kein richtiges Glas Bier kaufen, er muss mit dem Tröpferlbier Vorlieb nehmen, er hat Hunger, aber kein Geld. Er ist darauf angewiesen, dass man ihm etwas schenkt. Die Armut Feigerls resultiert aus seiner früheren Tätigkeit. Er hat bei einem Schausteller gearbeitet, Schiffschaukeln in Schwung gebracht. Das Vorstadtmilieu, das Milieu der kleinen Leute irgendwo in Bayern wird durch zahlreiche Worte bayrischen Dialekts charakterisiert. Beispiele: Tröpferlbier, Schmalzler, Franzl, Resi, Waggi, Schuhbandl, Vorhangringerl, Bierfilzl, Bräu, d’Rüstung. Auf den Kopf stellt Troppmann das Genre Kriminal/Detektivgeschichte auch damit: Hier geschieht fast gar nichts. Es gibt so gut wie keine ‚ action ’. Spannung entsteht also nicht dadurch, dass wir wissen wollen, wer hat wen umgebracht, oder, kann der Kriminelle überführt werden. Spannung ist auf die Seite des Feigerl, also der Hauptperson, verlagert. Der wartet darauf, dass endlich der Krug mit dem Tröpferlbier voll wird. Mit dieser Metapher beschreibt der Dichter auch, dass das Leben seines ‚ Antiprotagonisten ’ ziemlich ereignislos verläuft. Vor allem auch, dass man, wenn man arm ist nicht auf schnelle Unterstützung hoffen darf. Die Milieuschilderung Troppmanns bedient sich des sprachlichen Mittels der Überzeichnung. So heißt der Ort der Handlung, das Vorstadtwirtshaus, in dem Feigerl sitzt „Zum Schön garten”[9]. Gar nicht schön sind aber z.B. die Vorhänge an den Fenstern der Gaststube. Sie werden mit dem Taschentuch eines Mannes verglichen, der im Übermaß Schnupftabak rauchte. Der jetzt zahnlose Waggi verwechselte einst sein Herrchen mit einem Einbrecher, weil sein Herrchen ausnahmsweise einmal nicht betrunken war. Waggibiss in die Wade des Stocknüchternen. Ironischerweise wird das Tröpferlbier, das Feigerl gerne trinken würde, „ echtes Tröpferlbier”[10] genannt. Tatsächlich ist es ja abgestanden, kann eigentlich keinem zahlenden Gast angeboten werden. Überzeichnet klingen auch folgende Formulierungen: „Unauffällig filzt Feigerl die Bierfilz von gestern.”[11] und „...Feigerl ... beschattet... die Tröpferlhalbe unterm Zapfhahn.”[12] Die Einsamkeit und Hilflosigkeit des Protagonisten rührt im beschriebenen Vorstadtmilieu niemanden. Das spricht aus der Personifikation ganz zu Beginn der Erzählung: „ Nur an der Schenke weinen die Zapfhähne ab und zu zwei plimpsende Tränen in einen henkellosen Krug.”[13] Auch der Schlusssatz macht deutlich, Feigerl wird noch lange durstig sein. Denn, „Der stille Nachmittag ist halt ein recht langsamer Schenkkellner.”[14] Diese kurze Geschichte ist so erzählt, dass an vielen Stellen Schmunzeln oder Heiterkeit provoziert wird. Gleichzeitig macht uns ihr Inhalt nachdenklich oder traurig.

Brüder Grimm, Der Froschkönig

Textsorte

Der vorliegende Text[15] ist ein Märchen. Typische Elemente dieser Textsorte lassen sich nachweisen. Es geschieht so manches, was in der Realität nicht vorkommt. So zum Beispiel verzaubert eine Hexe einen Königssohn in einen Frosch. Und der hässliche Frosch verwandelt sich wieder zurück in einen schönen Königssohn. Und, der Frosch kann sprechen. Weiterhin märchenspezifisch sind die vielen Diminutiva. (Hauptworte , die auf ,chen’ und ‚lein’ enden) Tischlein, Becherlein, Bettlein, Tellerlein, Kämmerlein. Ähnliche Formulierungen kommen z.B. auch in ‚Schneewittchen’ vor.

Aufbau

Das Märchen ‚Der Froschkönig’ ist ähnlich komponiert wie ein klassisches Drama. Nur der auch fürs Märchen typische versöhnliche Schluss weicht vom Kompositionsprinzip des klassischen Dramas ab. Über fünf Abschnitte hin wird ein Konflikt in sich zuspitzender Dramatik entfaltet. Nur die eigentliche Katastrophe, die Ermordung des Frosches, kippt in ein versöhnliches Ende. Im Drama heißt dieser Vorgang Peripetie. Der zentrale Konflikt, von dem das Ganze handelt, sieht so aus: Eine sehr schöne Königstochter verliert ihr Lieblingsspielzeug, eine goldene Kugel, am tiefen Brunnen im dunklen Wald. Ein hässlicher Frosch dealt mit der Königstochter. Er verspricht die goldene Kugel wiederzubeschaffen unter der Bedingung, dass er zukünftig der Geselle der Königstocher sein dürfe, was impliziert, vom goldenen Teller der Königin essen und in ihrem Bett schlafen zu dürfen. Nach Erhalt der goldenen Kugel verschwindet die Königstochter so schnell wie möglich vom Ort der Handlung. Zurück bleibt der getäuschte Frosch.

Die Ausweitung des Konflikts, seine Schürzung, (dramaturgische Fachsprache) erfolgt an anderem Ort zu anderer Zeit. In Kapitel vier rückt der Frosch dem Fräulein auf die Pelle. Ort der Handlung: Das Schloss. Unser Fräulein will ihrem nasskalten Freund und Helfer kein Asyl gewähren.

Dramaturgisch gesehen, ist dies das retardierende (hinauszögernde) Moment in dem sich zuspitzenden Geschehen.

In Abschnitt 5 dann befiehlt der Vater, der seine Tochter normalerweise standesgemäß verheiraten will, dass Frosch und Fräulein von einem Teller zu essen und zusammen ins Bett zu gehen haben.

Daraufhin kommt es zu einem Zornesausbruch der Tochter.

Die versucht den Frosch zu töten.

Soweit das Drama.

Es folgen Verwandlung, Vermählung, Abreise des Paares ins Reich des schönen Königssohns.

Nach der Vermählung – auch hier geschieht des Vaters Wille – erfährt die Königstochter, retrospektivisch erzählt - von der Verhexung ihres Gemahls.

Ähnlich im Rückblick erzählt die Königstochter ihrem lieben Vater in Abschnitt 4, was draußen im dunklen Wald am tiefen Brunnen geschah.

Im sechsten Abschnitt erfahren wir, worum es tatsächlich geht. Um Gefühle.

Thematik

Das Symbol der eisernen Bande, die in Abschnitt sechs zerspringen, ist hyperbolischer Ausdruck von starken Gefühlen. Der Diener seines königlichen Herrn, der eiserne Heinrich, hat sich, nachdem sein Arbeitgeber zum Frosch geworden war, eiserne Bande um sein Herz schmieden lassen, damit seine Trauer um den Verlust nicht seine Brust sprengen würde.

Man beachte den Parallelismus – die schöne Königstochter verliert ihre goldene Kugel.

Der Eiserne Heinrich verliert den Königssohn als Herrn.

Beide, Königstochter und Eiserner Heinrich’, sind zunächst über die Maßen traurig.

Von hier aus liegt der Schluss nahe, dass die Figur des Eisernen Heinrich, die, psychologisch gesprochen, abgespaltene Hälfte der schönen Königstochter ist. Anders ausgedrückt: Die schöne Königstochter hat keine Spielkameraden. Sie spielt alleine, sie hat zwar Geschwister, die aber kommen in der dargestellten dramatischen Handlung nicht vor.

Eine Mutter wird nicht erwähnt. Die schöne Königstochter kreist, nazistisch auf sich selbst und ihre Interessen fixiert, um sich selbst. Darüber hinaus hat dieses Mädchen, diese junge Frau einen Vater, der ihre Gefühle übergeht. Er bestimmt, dass der Frosch mit in die Kemenate darf, er bestimmt, dass die schöne Königstochter den schönen Königssohn heiratet. Woher also, soll die junge Dame eine karitative Einstellung bekommen haben, Mitleid mit dem nasskalten Frosch?

In starkem Kontrast zu ihrem Verhalten steht das des Eisernen Heinrich. Der fühlt mit seinem Herrn, leidet, darunter, dass der verhext wurde. Am Ende sitzen alle glücklich in einer Kutsche. Was so viel heißt, wie, die junge Braut hat etwas gelernt. Fühlen, auch dann, wenn das Gefühl nicht nur die eigene Person betrifft.

Der hässliche Frosch steht antithetisch zum schönen Königssohn. Das Unten und das Oben vereinen sich im Akt der Verwandlung. Wahrscheinlich drückt sich darin die volkstümliche Sehnsucht aus, dass die Schranken zwischen den Ständen, Adel/Bürgertum, Adel/Handwerker und Bauern fallen mögen. 1812, zurzeit, als die Brüder Grimm ihre Märchensammlung erstmals veröffentlichten, wäre es auch allmählich an Zeit gewesen, die Ständeordnung abzuschaffen.

Die Kutsche, die das Paar ins Reich des Königsohns fährt, wird von 8 Pferden an goldenen Ketten gezogen. Gold kommt also doch wieder zu Gold.

Transfer

Es war und bleibt Realität: Einer der von unten kommt, hat bei einer die da oben ist, kaum eine Chance.

Aber das Märchen ‚Der Froschkönig’ fordert auf jeden Fall dazu auf: Dem, der von da unten kommt, muss Gerechtigkeit widerfahren. (Die Straußenfedern sind seit dem alten Ägypten Symbol für Gerechtigkeit.) Außerdem lehrt uns das Märchen: Die Entwicklung eines Mädchens zur heiratsfähigen Frau verläuft bisweilen ein wenig dramatisch.[16] Insbesondere, wenn der Vater alleinerziehend ist, also die Mutter als das Weibliche, das kommunikative Gegenüber – man muss auch mal von Frau zu Frau miteinander reden können – der Familie abhanden gekommen ist. An all dem ist natürlich unsere Heldin unschuldig. Die weißen Straußfedern und die weißen Pferde symbolisieren die Unschuld der Dreiercrew in der Kutsche. Wir werden aus dem Märchen im Wissen darum entlassen: Nicht alles ist Gold, was glänzt.Oder: Das Äußere sollten wir nicht überbewerten. Anderes, wie z.B. Hilfsbereitschaft, hat auch seinen Wert. Aber auch inhaltlich: Die Zeit im gläsernen Sarg, ist die Zeit der Reifung. Schneewittchen erlebt bei den sieben Zwergen erstmals, dass jemand ihm gegenüber Gefühle der Liebe zeigt.

Es muss selbst erst zu lieben lernen.

Franz Kafka, Wunsch Indianer zu werden

Dieser Text[17] weist einige Besonderheiten auf.

Er besteht aus einem einzigen Satz. Der erste Teil steht in der Zeitform Gegenwart (Möglichkeitsform = Irrealis), der zweite Teil in der Vergangenheit (im Indikativ, der normalerweise Aussagen bietet, die Realitätsgehalt haben). Verbunden sind die beiden Teile durch die Konjunktion ‚bis’. Dieses Wort kündigt im normalen Sprachgebrauch Zukünftiges an, hier inhaltlich Vergangenes.

Nicht nur die zeitliche Verknüpfung des Geschehens scheint paradox zu sein. Auch Verknüpfung von „bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen” und „bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel” (parallele Konstruktionen) scheint paradox. Man kann nicht etwas wegwerfen, das es nicht gibt.

Eine Klimax an Paradoxie scheint zu folgen. Der Anfang der Geschichte spricht vom Wunsch auf dem Pferde zu reiten. Das Ende der Erzählung bietet ein Pferd ohne Pferdehals und Pferdekopf. Wie soll man darauf reiten, sei´s auch nur als Wunschtraum, der nicht in Erfüllung gehen kann?

Man kann behaupten, Kafka deformiere realistisches Erzählen, um die Leserschaft darin einzuüben, Widersprüche zu akzeptieren, da unsere Lebenswirklichkeit an vielen Stellen unauflöslich widersprüchlich sei.

Im vorliegenden Fall lassen sich viele scheinbar paradoxe Textstellen rational aber erklären.

Das Bild vom Reiten ohne Pferdehals und Pferdekopf erklärt sich einfach so: Reiter und Pferd sind zur Einheit geworden. Mensch und Natur, verallgemeinert ausgedrückt, sind eine Einheit geworden, nicht mehr zueinander in Opposition. Reiten so, so wie es die Indianer konnten, gleicht dem Fliegen. Deshalb heißt es im Text auch‚ immer wieder kurz erzitterte’, das Pferd berührt nur kurz den Boden, es fliegt sozusagen dahin. Das ‚schief in der Luft’ in Zeile 2 unterstützt noch die Vorstellung von einer Art der mühelosen Fortbewegung. Wenn das Pferd seinen Reiter nicht als Last empfindet, wenn beide zur Einheit verschmelzen, dann bewegen sie sich, weil in Freiheit, „pfeilschnell“ vorwärts. Die Schnelligkeit der Mobilität erklärt auch den Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit. Wer sich so fortbewegt, hat Schwierigkeiten Gegenwart und Vergangenheit deutlich voneinander zu unterscheiden.

Wer sich so fortbewegt, hat nie Zügel und Sporen benutzt. Zügel und Sporen sind selbstverständlich in dieser Erzählung Symbole für Unterdrückung, für ungerechtfertigte Machtausübung. Die zweifache Negation „es gab keine Sporen“[18] und „es gab keine Zügel“[19] bezieht sich auf eben jenes Verhältnis das Indianer zur Natur hatten. Sie beuteten sie nicht aus bis zum Geht-nicht-mehr. Sondern ihre Eingriffe, Jagd etc. machten immer Halt, ehe Regenerationsfähigkeit von Natur in Frage gestellt wurde.

Es gab keine Zügel, es gab keine Sporen bedeutet negativ auf den Nicht-Indianer bezogen: Es fehlt am Bewusstsein. Ihr wisst gar nicht, dass ihr Machtmenschen seid. Und ihr wisst gar nicht, wie unfrei ihr als solche geworden seid.

Die Ortsbeschreibung „glatt gemähte Heide“[20] wirft uns zurück in unsere Wirklichkeit. Glatt gemäht ist bei uns ein Vorgartenrasen oder ein Fußballplatz im Stadion. Dort können keine Indianer leben. Dicht besiedeltes Terrain verbietet nomadische Lebensweise. Und weil das so ist, ist der Wunsch Indianer zu werden, Illusion hoch drei. Er ist 1. anachronistisch (vergl. Zeitsprung in der vorliegenden Geschichte). Nur in der Dichtung kann man die Vergangenheit zur Gegenwart und umgekehrt machen. Er ist 2. vielfach irreal. Unsere Kultur, die Kultur der Weißen, der aus Europa kommenden Kolonisatoren hat die Kultur der Indianer zerstört, ihren Lebensraum, ihre Lebensgrundlage vernichtet, Wildnis eingeebnet, „kultiviert“ („ohne Pferdehals und Pferdekopf“[21] ). Und er ist 3. so sehr unlogisch, so wenig am Kausalitätsprinzip sich orientierend, wie die Geschichte gegen alltägliche Logik komponiert ist.

Kafkas Erzähltechnik kombiniert im vorliegenden kurzen Prosastück Disparates. Gegenwarts-und Vergangenheitsebene werden eine gleiche Zeit. In einem Symbol vereint, scheinen ‚Ausrottung eines Volkes, Tod, Untergang’ und zugleich ‚Einheit des Menschen mit der Natur, vorbildliches zukunftweisendes Verhalten’ auf. Die syntaktische Struktur der Erzählung zwingt einander fremde Elemente zusammen.

Sie ist Spiegel der geschichtlichen Ereignisse im Hintergrund: Ein Volk wird zu einer ihm fremden Lebensweise gezwungen.

Auch im zentralen Symbol – einmal ganz abgesehen von seiner inhaltlichen Ambivalenz – erkennen wir das gleiche Schema wieder, das der Satzbau zu erkennen gibt. Vom „rennenden Pferd“[22] spricht der Dichter. Diese Personifikation vereint, eigentlich nicht Zusammengehörendes. Ein Pferd galoppiert, wenn es schnell ist. Ein Mensch rennt. Man kann diese Textstelle auch positiv, als Vorausdeutung auf ‚Reiter und Pferd werden eins’, den Schluss der Erzählung, lesen.

Irmela Brender, Ich wollt’, ich wäre du

Der Text ‚Ich wollt’, ich wäre du’ von Irmela Brender[23] ist eine Erzählung aus dem Band ‚Menschengeschichten’, der 1975 im Verlag H.-J. Gelberg in Weinheim erstmals veröffentlicht wurde.

Irmela Brender wurde 1935 in Mannheim geboren. Sie arbeitet als Übersetzerin und Jugendbuchautorin.

Inhalt

Vier verschiedene Personen stellen sich vor, wie es wäre, wenn sie jemand anderes wären.

Form

Die vorliegende Geschichte ist in 4 fast gleichlange Abschnitte unterteilt.

In jedem Abschnitt spricht eine andere Person den Wunsch aus ‚Ich wollt’, ich wäre du’.

In Abschnitt 1 spricht eine Schülerin, sie adressiert eine Marktfrau.

In Abschnitt 2 redet eine Marktfrau. Ihre Aussage gilt einer Kundin.

In Abschnitt 3 äußert sich wahrscheinlich eine Kundin, die Hausfrau ist. Ihre Gedanken zielen in Richtung eines Autofahrers.

In Abschnitt 4 erfahren wir die Überlegungen dieses Autofahrers, der geschäftlich unterwegs ist.

Alle 4 Abschnitte sind als innere Monologe verfasst.

Die Erzählperspektive ist jeweils rein personal.

Man kann von einer polyperspektivischen Erzählweise reden. Die Aussagen in dem jeweils folgenden Abschnitt relativieren den Standpunkt, die Ansicht der jeweiligen Sprecherin, des jeweiligen Sprechers im vorangegangenen Abschnitt.

Die subjektiven Standpunkte der 4 Hauptpersonen stellen sich gegenseitig in Frage, werden von der Struktur (eine Art Reigen) des Textes her objektiviert.

Deutung, Analyse

Für die vier Protagonisten allerdings objektiviert sich gar nichts. Denn sie äußern sich rein introspektiv. Ein tatsächlicher Wortwechselereignet sich in keinem Fall. Ihr Verharren im Spekulativen passt sehr in unsere Zeit. Vorurteile bezüglich dem vermeintlich Besserge-stellten ändern ja nichts an der eigenen Situation. Besser wäre da schon ein Reden mitein-ander, ein Austausch. Eine der Hauptaussagen dieser Erzählung lautet: Viele verstehen die Situation des Gegenübers nicht richtig, stecken voller halber Wahrheiten, weil sie mit diesem sich nicht tatsächlich austauschen, weil man nicht wirklich miteinander redet. Gestörte Kommunikation führt zu einem falschen Bild sozialer Wirklichkeit. Ursache: Angst vorm Versagen. Darin gleichen sich die hier beschriebenen Arbeits- und Lernbedingungen.

Formal signalisieren die vielen Parallelismen diesen inhaltlichen Aspekt.

Parallelismen:

8 x „Ich wollt’, ich wäre du“[24]

Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben[25]

Du brauchst keine Angst zu haben[26]

ohne Aufgabe[27]

ohne Abwechslung[28]

ohne Abenteuer[29]

Du musst nicht zur Schule gehen[30]

Du musst nicht hetzen[31]

Du musst nicht zittern[32]

Du kennst nicht diese Langeweile[33]

Du kennst nicht die Angst

Der Schüler, die Schülerin in Abschnitt 1 befürchtet, nicht versetzt zu werden, hat Angst vor Eltern und Lehrern. Die Marktfrau ängstigt sich um ihren Arbeitsplatz, den Marktstand. Der ökonomische Druck, sie muss viel verkaufen, um die Gebühr für den Stand entrichten zu können, lastet schwer auf ihr. Außerdem könnte der Arzt ihr verbieten, weiterzuarbeiten, da das am Stand Stehen, ihre Beine geschädigt hat.

Die Kundin, eine Hausfrau, befürchtet seelisch und geistig zu verkümmern, da ihr Alltag sie zunehmend langweilt.

Der Autofahrer, beruflich erfolgreich, sorgt sich um seine Gesundheit. Sein ständiges von hier nach dort Hetzen-müssen, seine berufliche Tätigkeit ist nicht näher genannt, erfordert jedenfalls hohe Mobilität, könnte zum Kollaps führen.

Gegen die genannten Defizite hilft aber kein imaginatives Reden. Hier sollte kommunikativ gehandelt werden.

Man kann auch sagen, die Protagonisten dieser Story bleiben im Unpolitischen verhaftet. Was allenfalls aufkommt, ist Neid auf die vermeintlich bessere Position des jeweils anderen.

Insgesamt werden die Lebens- und Arbeitsbedingungen, welche hier vorgestellt werden, von Irmela Brender aber schon als verbesserungsbedürftig dargestellt.

Keine Schülerin, kein Schüler sollte, für den Fall der Nichtversetzung in die nächsthöhere Klasse, davor Angst haben, mit den Eltern darüber zu reden. So viel müssen Schule und Elternhaus zumindest leisten.

Der Erlös für Waren, die auf dem Markt verkauft werden, muss über dem Existenzminimum für die Verkäufer/innen liegen.

Die Hausfrau, die Kinder großzieht, muss dafür einen Lohn erhalten, damit sie gelegentliche Auszeiten finanzieren kann, die Fortbildung, Weiterentwicklung ermöglichen.

Wem geschäftlich ein hohes Maß an Mobilität abverlangt wird, soll Zeiten zum Abbau beruflichen Stresses bekommen, und Zeit zum Leben. Denn wir arbeiten, um zu leben, wir leben nicht, um zu arbeiten.

Sprache

Für alle vier Abschnitte gilt, sie beginnen mit leicht überschaubaren Sätzen (parataktische Syntax). Gegen Ende wird der Satzbau komplexer (hypotaktische Syntax).

Beispiel:

„Dein Wagen ist elegant und schnell, ein Wagen, wie Erfolgreiche ihn haben.“[34] (einfacher Anfang)

„Du weißt nicht, wie es ist, ohne Aufgabe zu sein, ohne Abwechslung, ohne Abenteuer, nur mit der Aussicht, dass es immer so bleibt, wie es jetzt ist.“[35] (verschachtelter Satzbau am Schluss)

Dieser Wechsel der Aussageform entspricht den beiden inhaltliche so konträren Komponenten, den Licht- und Schattenseiten der beschriebenen Existenzformen.

Wenn im inneren Monolog Probleme thematisiert werden, so wird auch der Satzbau schwer überschaubar. Wenn die positiven Aspekte im Dasein des jeweils anderen imaginiert werden, so benutzt die Autorin dafür einfache Satzmuster.

So etwa spiegelt sich die problematische Situation der Schülerin /des Schülers in Abschnitt 1 in einer Satzkonstruktion, bei der von einem Hauptsatz, drei Nebensätze (Dass-Sätze) abhängen.

Auch die Stilfigur der Kumulation (ohne Aufgabe, ohne Abwechslung, ohne Abenteuer) signalisiert formal schon, dass der Hausfrau der Haushalt und das Kindergroßziehen zu viel werden.

Ähnliches liegt vor, wenn der erfolgreiche Geschäftsmann fürchtet „...es nicht zu schaffen, überholt zu werden, verbraucht zurück zu bleiben.“[36] Auch hier sind die aneinandergereihten Infinitive als Stilfigur eine Kumulation.

Und Spiegelbild, formales Abbild von einem Zuviel, in diesem Fall einem Zuviel an Terminen, die eingehalten werden sollen. Außerdem sind die genannten Grundformen steigernd angeordnet.

Der Einsatz der rhetorischen Figur ‚Klimax’ an dieser Stelle im Text entspricht der Entwicklung des Inhalts. Der erfolgreiche Geschäftsmann hat nämlich den Höhepunkt seiner Belastbarkeit erreicht.

Transfer

Die Dichterin Irmela Brender fordert uns dazu auf, die gesellschaftliche Wirklichkeit in unserer nächsten Umgebung multiperspektivisch zu betrachten. Denn ein solches Abrücken vom Egozentrischen erhöht die Objektivität unserer Wahrnehmungen. Außerdem sollen wir unsere Träume von einer besseren Arbeits- und Lebenswelt nicht für uns behalten, sondern diese veröffentlichen. Wir werden dazu aufgefordert mehr zu kommunizieren. Sonst bleibt alles beim Alten. So wie sich für die Figuren dieser Geschichte ja auch nichts zum Besseren wendet.

[...]


[1] Artur Troppmann,Der Wirtshauskriminaler,Literarische Hefte,Nr. 48, Raithverlag, Starnberg,1974, S.50.

[2] Eine Persiflage (von frz.persifler = verspotten, lächerlich machen) ist die Verspottung eines Genres, einer Textsorte oder einer bestimmten Geisteshaltung allgemein, oft mit den Stilmitteln der Übertreibung und Überzeichnung. (Zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Persiflage)

[3] "Schmalzler Franzl, eine bekannte Wirtshauserscheinung seiner Zeit. Zu seinem Namen verhalf ihm Schnupftabak, den er in ungeheurer Menge konsumierte." (Zitiert nach: http://www.gravenreuther.de/index.php?nav=5)

[4] Troppmann, Wirtshauskriminaler, S. 51

[5] Ibidem

[6] Ibidem

[7] Ibidem

[8] Ibidem

[9] Ibidem

[10] Ibidem

[11] Ibidem

[12] Ibidem

[13] Ibidem

[14] Ibidem

[15] Brüder Grimm, Kinder –und Hausmärchen, Realschulbuchhandlung, Berlin 1812-1815

[16] Vergl. ‚Schneewittchen’. Tellerchen, Bettchen etc. (zitiert nach: Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen, L. Schwannverlag, Düsseldorf, 1949, S.235).

[17] Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, Fischerverlag, Frankfurt am Main,1973, S.22

[18] ibidem

[19] ibidem

[20] ibidem

[21] ibidem

[22] ibidem

[23] Irmela Brender: JA-Buch für Kinder. Weinheim und Basel: Beltz 1974, S. 20

[24] ibidem

[25] ibidem

[26] ibidem

[27] ibidem

[28] ibidem

[29] ibidem

[30] ibidem

[31] ibidem

[32] ibidem

[33] ibidem

[34] ibidem

[35] ibidem

[36] ibidem

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Textbeschreibungen kurzer Erzählungen. Prüfungsvorbereitung im Fach Deutsch an Realschulen, Abendrealschulen, Gymnasien
Autor
Jahr
2016
Seiten
58
Katalognummer
V338929
ISBN (eBook)
9783668327252
ISBN (Buch)
9783668327269
Dateigröße
1164 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prüfungsvorbereitung, Deutsch, Realschulen, Textbeschreibung, Erzählung
Arbeit zitieren
OStR Gert Singer (Autor), 2016, Textbeschreibungen kurzer Erzählungen. Prüfungsvorbereitung im Fach Deutsch an Realschulen, Abendrealschulen, Gymnasien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338929

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