Rezension von "Wunderwirtschaft. DDR" (1996)


Rezension / Literaturbericht, 2015
4 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Wunderwirtschaft. DDR – Konsumkultur in den 60er Jahren / hrsg. von der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst e. V. – Köln; Weimar; Wien: Böhlau, 1996. – 240 S. (3-412-08396-8)

„Rückwirkend erscheinen die 60-er Jahre in einem selbstsamen Glanz. Für viele waren es die besten Jahre, für manche die fetten Jahre, und für wieder andere Jahre des Schlangenstehens, Herumrennens und Wartens auf den versprochenen Wohlstand. Ein Wunder war es allemal, wie sich die DDR nach Jahren der Entbehrung und harten Arbeitens aufgerappelt hatte.“ (S.6) Diese Idee zieht sich wie ein roter Faden durch das in Zusammenarbeit mit dem Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin und der Sammlung Industrielle Gestaltung des Stadtmuseums Berlin entstandene Buch „Wunderwirtschaft. DDR-Konsumkultur in den 60er Jahren“. Dabei handelt es sich um einen Sammelband mit 27 Kapiteln mit jeweiligen Untertiteln, die solche Themen wie Kultur-, Alltags- und Gesellschaftsgeschichte der DDR in den 60er Jahren mit dem Schwerpunkt Konsum behandeln.

Die Autoren sind Nachwuchs-Ethnologen vom Institut für Europäische Ethnologie, die Konsumgüter der DDR-Bürger im Vergleich zum Wirtschaftswunder im Westen untersuchen. Wonach haben sich die Ost-Deutschen gesehnt und welche Bedeutung hatte der Westen für ihren Alltag? – Das sind die Forschungsfragen, denen sie nachgehen. Ihr Ziel ist dabei, das Leben der Menschen in der DDR wertschätzend nachzuzeichnen und ihren Alltag in der 60er Jahren zu schildern. Einerseits werden die Strategien der DDR-Regierung, mit denen der Mangel an Konsumgütern behoben werden sollte, andererseits aber auch die Erfahrungen der DDR-Bürger im Umgang mit diesem Mangel analysiert. „In der damaligen Lösung „Handeln statt Verteilen“ wurde der Unterschied von Rationierungswirtschaft und Konsumgesellschaft sinnfällig auf den Punkt gebracht“ (S.8).

Als eine Entwicklungsetappe stellt Merkel am Anfang des Buches die Bedarfsgesellschaft vor, die von Not- und Mangelzuständen in der Grundversorgung und einem Rationierungssystem geprägt war. Laut Merkel wird Konsumkultur als das Verhältnis verstanden, das die Individuen einer Gesellschaft zu historisch und regional spezifischen Ansammlungen von Gegenständen eingehen, die als Waren bzw. Konsumgüter auf dem Markt erscheinen (S.7). Konsumkultur in der DDR war von der Vorstellung geprägt, dass das Verhältnis von Produktion und Konsum nicht über den Preis, der durch das Prinzip von Angebot und Nachfrage reguliert wird, sondern über den Plan geregelt werden könne.

Für die Konsumpolitik der DDR in den 60er Jahren sind drei wichtige Punkte zu nennen. (S.10) Am Anfang der 60er Jahre (1958) gab es auf allmählich wachsenden Wohlstand gerichteten Lohn- und Preispolitik, in deren Folge Lohn-Gehalts und Rentenerhöhungen stets schneller vollzogen wurden, als es die Steigerung der Arbeitsproduktivität zuließ. Außerdem versuchte man, die Bedürfnisse der Bevölkerung immer besser zu befriedigen. Zum dritten bemühte man sich die Konsumkultur und die Formen des Einkaufs, des Verhältnisses von Kunden und Verkäufern sowie Verbrauch und Genuss zu modernisieren. Dies zeigte sich besonders deutlich in der schnell wachsenden Ausstattung der Haushalte mit technischen Konsumgütern.

Mit Honeckers[1] Machtübernahme begann der Abschied von den utopischen Momenten des Bedürfniskonzeptes zugunsten einer Orientierung an westlichen Mustern des Konsums. Die Phase war von utopischen Konsumzielen bzw. Programmen und der widersprüchlichen Realität geprägt, nämlich den Erfahrungen der Individuen beim Erwerb, Gebrauch und Verbrauch von Konsumgütern. Im Jahr 1959 wurde eine umfassende Modernisierung des Einkaufs beschlossen. Dadurch wurden Großraumverkaufsstellen auf dem Lande errichtet und die Einführung der Selbstbedienung forciert. „Verbraucherideologie“ wurde in jenen Jahren als ein beliebtes Schlagwort präzisiert. (S.11) Dazu hat sich die Autorin mit zwei Fragen beschäftigt und diskutiert, welche Bedürfnisse legitim und welche übertrieben seien. Darunter sind die neuen Begriffe „Uniformierung/Standardisierung“ und „Sortimentsbereinigung“ in der damaligen DDR als Schüsselbegriffe zu nennen.

Wie in diesem umfassenden illustrierten Werk beschrieben wird, waren seit der Aufhebung der Rationierung 1958 auch die DDR-Läder voller Waren, die Einkaufsnetze waren gefüllt, die Menschen modern angezogen, die Wohnungen gemütlich eingerichtet und auf den Familienfeiern bogen sich die Tische. Fast alle Arbeiter freuten sich über die Erhöhung des Mindesturlaubs auf 15 Tage und die angehobenen Mindestlöhne auf 300 DM. Nicht nur die Geschichte des ersten Montagemöbels MDW (S.80), des Goldbroilers, sondern auch die Neuentwicklung eines Stoffes mit dem Namen Präsent 20, der zum 20. Jahrestag der DDR eingeführt wurde, sind als moderne Trends der Mode-Konsumgesellschaft in jenen Jahren zu erkennen. „Am Versandhandel in der DDR zeigte sich die ganze Widersprüchlichkeit des sozialen und wirtschaftlichen Lebens in der DDR“ (S.136). An den Veränderungen der Konsum- und Freizeitkultur, wie einer besseren Ausstattung der Haushalte mit langlebigen Wohlstandsgütern und mehr Freizeit und Mobilität, partizipierten nahezu alle Schichten, wenn auch in zeitliche verzögerten Phasen.

Die Idee bei der Entstehung von Institutionen wie GENEX Geschenkdienst GmbH (S.223ff), Intershop (S.214ff) sowie Exquisit- und Delikatläden, in denen Westwaren zu horrenden Preisen verkauft wurden, war es, das Vorhandensein der Produkte zu garantieren und im Vorfeld ausreichende Informationen darüber zu sammeln. Dazu leistete der Autor die Pionierarbeit und konnte durch Zeitungsinserate den stellvertretenden Generalsekretär für die Intershops, Shop-Leiter und –Verkäufer als Interviewpartner gewinnen. So entsteht aus Mosaiksteinchen ein Bild der DDR-Alltagskultur.

Besonders gefällt mir das 17. Kapitel am besten, da es in interessanter Weise widerspiegelt wurde, was die Menschen gemacht haben, um eigene Wünsche zu erfüllen, Geschenke auszuwählen und Päckchen zu packen, obwohl die Geschenke schwierig zu erwerben waren. „Versorgungszufriedenheit der Bevölkerung nicht nur mit gut verpackten Waren zu erreichen, sondern vor allem damit, dass sie in ausreichender Menge zur Verfügung standen.“ (S.111)

Die DDR- Geschichte bietet einen kurzweiligen Schnelldurchlauf durch die systemkonformen und nonkonformen Erwerbsstrategien wie Schlange stehen, Herumrennen und Suchen, Selbermachen, Vordrängeln, Tauschgeschäfte machen, Stehlen, Schmuggeln, Westgeschenke besorgen, Horten und Hamstern, Beziehungen nutzen und Bestechung, die von der hohen Beschaffungskreativität gelernter DDR-Bürger zeugen.[2]

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass das zu rezensierende Buch ein wundersames Bild des DDR-Lebensstandards in den 60er Jahren vorstellt und durch zahlreiche Visualisierungen wie damalige Fotos, Werbeplakate, Karikaturen u.ä. bunt veranschaulicht und vergegenwärtigt wird. Die einseitige Bibliographie des Autorenteams, ein kleines Glossar und eine kleine Zusammen­fassung mit dem Titel „was sonst noch passierte…“ helfen dem Leser, sich in der Atmosphäre der beschriebenen Epoche zurechtzufinden und sie besser zu verstehen. Leider fehlen manchmal Quellenangaben zu einigen Abbildungen und Statistiken, worauf es der Lesbarkeit halber bewusst verzichtet wurde.

Insbesondere für Kulturwissenschaftler, aber auch für viele andere Interessenten in den Bereichen Konsum, Politik und Geschichte wäre dieses Buch sehr empfehlenswert, da es ein detailliertes historisches Bild mit einer anschaulichen Beschreibung der DDR-Konsumkultur der 60er Jahren darstellt. Wenig lässt sich kritisieren. Für die gute Lesbarkeit des Buches wird von ausländischen Lesern das Oberstufen-Sprachniveau erwartet.

[...]


[1] ERICH HONECKER übernahm auch den Vorsitz des Nationalen Verteidigungsrates von Ulbricht. Am 3. Mai 1971 wählte das Politbüro Honecker zum neuen Ersten Sekretär des ZK. Er verkündete als neue Leitlinie die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik".

[2] Ina, Merkel (1999): Utopie und Bedürfnis. Die Geschichte der Konsumkultur in der DDR. Köln, Weimar, Wien: Böhlau S. 277ff

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Rezension von "Wunderwirtschaft. DDR" (1996)
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Auslandsgermanistik)
Veranstaltung
Konsumkultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
4
Katalognummer
V338950
ISBN (eBook)
9783668286016
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rezension, DDR, Wunderwirtschaft DDR
Arbeit zitieren
Yoganjana S. M. Hewarathna J.M. (Autor), 2015, Rezension von "Wunderwirtschaft. DDR" (1996), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/338950

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